Bundestagswahl 2013: endgültig zugelassene Metzger-Parteien

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Bundestagswahl 2013: endgültig zugelassene Metzger-Parteien
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Bundestagswahl 2013

zugelassene Metzger-Parteien - des Michels Wahl der Qual


BRDigung 2013: In wenigen Wochen ist es wieder soweit. Dann macht man den deutschen Schäfchen erneut glauben, dass von ihnen die allmächtige Staatsgewalt ausgehe und sie abermals das Schicksal der Nation in Händen halten würden. Am Tag danach halten dann selbstverständlich andere die Macht in Händen. Eine feine Illusion, nicht wahr? Unsere (Ver)Führerin liegt mit Abstand deutlich in Führung und alle Meinungsmachanstalten stützen diese These. Persönlich kennt man zwar niemanden der sie wählt, macht aber nichts, sie ist beliebt wie selten zuvor. Die Staatspropaganda funktioniert! Sie wird sicherlich das Rennen machen, daran dürfen natürlich Zweifel geäußert werden, ändert aber nichts an der Alternativlosigkeit ihrer erneuten Machtergreifung. Und selbst wenn sie nicht wieder zur Kanzlerin gekürt würde, wäre das System nicht einen Moment lang gefährdet.

 


Dabei ist es auch völlig egal was die Schäfchen wählen, das haben uns doch schon die letzten Legislaturperioden nur zu gut verdeutlicht. Wir fassen deshalb die Ergebnisse der Wahlen der letzten Legislaturen kurz zusammen. Das hat der Deutsche völlig demokratisch gewählt und dafür steht er auch ein, sonst hätte er die besagten Vertreter ja nicht mit solch sensiblen Aufgaben betraut:

  • Der Michel will und wählt immer den unbedingten Sozialabbau, dies einhergehend mit steter Senkung des realen Lohnniveaus!
  • Er verlangt explizit nach vermehrter Kriegsführung unter Beteiligung deutscher Truppen in aller Herren Länder!
  • Er will ums Verrecken eine einheitliche Währung namens Euro, weil die angeblich Frieden in Europa schafft und für Wohlstand sorgt!
  • Dazu will er die uneingeschränkte Abgabe der Souveränität nach Brüssel, an völlig undefinierte Instanzen, weil er (ein)sieht, dass ein gemeinsames Europa unter dem Eindruck seiner eigenen, maßlosen Schnarcherei einfach nicht gelingen will.
  • Die Abschaffung Deutschlands erscheint ihm dabei als der beste Weg, denn dann hätte er nichts mehr an seiner Regierung auszusetzen und müsste auch nicht fortwährend die Ergebnisse seiner Wahl am Stammtisch bemeckern.
  • Weiter votiert er für die nachhaltige Rettung aller europäischen Banken und ist geneigt, dafür viele Billionen Euro springen zu lassen, denn nur der Reichtum einiger Weniger macht wirklich Sinn. Die Verteilung des Geldes an die Masse der Menschen zum Erhalt eines sozialen Gemeinwesens ist ihm generell ein Graus, widerspricht dies doch zutiefst seiner geliebten kapitalistischen Grundhaltung und seinen Idealen von der Leistungsgesellschaft.
  • Für sein unbedingtes Verlangen nach Sicherheit wählt er zu diesen denkwürdigen Terminen sogleich noch die Freiheit ab, weil er einsieht, dass die gefährlich ist, wenn andere die auch nutzen wollten. Fordert darob sogleich noch die absolute Überwachung, denn sonst kann es mit seiner Sicherheit nichts werden. Er weist seine Volksvertreter direkt an, ihm fortgesetzt in die Unterwäsche zu sehen und ihm danach zu bescheinigen, dass er harmlos und staatskonform ist und sich an der Stelle auch wirklich nichts mehr rührt. Dafür dürfen Michels Vertreter auch gerne noch die Freunde von der NSA anheuern, weil die irgendwie gründlicher und effizient auswertbarer in seiner Unterwäsche wühlen.

 

 

Gut, die Liste ließe sich mit Sicherheit noch um dutzende Punkte seines unstillbaren Verlangens ergänzen. Damit kann man sagen, dass der Wille des Volkes in den letzten Jahren ziemlich radikal umgesetzt wurde, auch wenn wir dessen Willen für diesen Bericht nur rekursiv aus den Ergebnissen seiner Wahl analysiert haben. Sei es drum, das Volk hat es so gewollt und stets so entschieden. Interessanterweise haben die im Bundestag vertretenen Blockparteien hier ziemlich einhellig an einer Strippe gezogen, dickes Lob dafür. Eine spezielle Zuordnung der gelisteten Erfolge ist damit kaum machbar.

Nun sind jüngst alle Metzgermeister-Parteien benannt worden, die sich zur großen "Misswahl 2013" formieren und sich real oder in Scheingefechten darum reißen, Volkes-Willen künftig exekutieren zu dürfen. Aus diesem Anlass haben wir nachgesehen, was sich da an der Front verändert hat. Generell unterscheiden sich diese Gesellen nur in Details. Die Einen sagen, es müsse kurz und schmerzlos gehen, andere wieder präferieren sanftere Methoden. Die Nächsten drängen nur auf wirtschaftliche Erfolge bei der Umsetzung und die Letzten wollen dass dabei Musik gespielt wird, weil es dann viel schöner ist. Aber das Ergebnis steht fest und am Ende muss die Wurst aus dem Fleischwolf quellen. Hier nun die Liste der seligen Parteien, die sich erfolgreich positionieren konnten, um von den Schäfchen am 22. September 2013 endgültig „erwählt“ zu werden. Aber jetzt zum versprochenen Betriebsausflug in den Bundeswahl-Ausschuss:

 



Bundestagswahl 2013

Eingereichte und zugelassene Landeslisten der Parteien


Übersicht über die zur Bundestagswahl 2013 von den Landeswahlausschüssen der Länder in den Sitzungen am 26. Juli 2013 zugelassenen Landeslisten in Reihenfolge der Zahl der zugelassenen Landeslisten (außer CDU/CSU). Aus den Entscheidungen des Bundeswahlausschusses vom 1. August 2013 über Beschwerden gegen Entscheidungen der Landeswahlausschüsse ergaben sich keine Änderungen.

 

Kurzname der Partei (* ohne Kurzname) Bundesland Zahl der Landes- listen
SH MV HH NI HB BB ST BE NW SN HE TH RP BW BY SL
Bundesland SH MV HH NI HB BB ST BE NW SN HE TH RP BW BY SL  
Eingereichte Landeslisten von politischen Vereinigungen, deren Parteieigenschaft vom Bundeswahlausschuss in der Sitzung am 4. und 5. Juli 2013 nicht anerkannt wurden, bzw. die Beteiligung an der Bundestagswahl nicht angezeigt haben (Zentrum).
Bundesland SH MV HH NI HB BB ST BE NW SN HE TH RP BW BY SL  
Z = Landesliste zugelassen N = Landesliste nicht zugelassen R = Landesliste nach Einreichungsschluss (am 15. Juli 2013 um 18 Uhr) zurückgenommen – = keine Landesliste eingereicht Quellen: Mitteilungen der Landeswahlausschüsse (Zusammenstellung ohne Gewähr)
CDU Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 15
CSU Z 1
SPD Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
FDP Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
DIE LINKE Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
GRÜNE Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
PIRATEN Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
NPD Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
FREIE WÄHLER Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
AfD Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
MLPD Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z Z 16
pro Deutschland N Z N Z Z Z Z Z Z Z Z N Z Z Z Z 13
REP N Z N Z Z Z Z Z Z Z Z Z 10
ÖDP Z N Z Z Z R Z Z Z Z 8
BüSo Z Z Z Z Z Z 6
Die PARTEI Z N Z Z Z Z N N 5
Tierschutzpartei Z   Z Z N Z Z 5
PARTEI DER VERNUNFT N N N N N N Z N Z Z Z N 4
BIG N Z Z Z 3
Bündnis 21/RRP Z Z Z 3
PSG Z Z Z 3
RENTNER Z Z N Z 3
PBC Z N Z 2
Volksabstimmung Z Z 2
BP Z 1
DIE FRAUEN Z 1
DIE RECHTE* Z 1
DIE VIOLETTEN N Z 1
FAMILIE Z 1
Partei der Nichtwähler* Z 1
CM N 0
GMD R 0
KPD N 0
NEIN! N 0
NM R N N N 0
Gesamt: Zugelassen 12 12 13 14 14 12 12 17 22 12 15 12 14 20 20 12  
Aufbruch C N 0
DIE ALTERNATIVEN N N 0
DUW N 0
FWD N 0
ZENTRUM N 0
Gesamt: Eingereicht 15 12 16 19 17 15 13 19 25 15 16 15 14 21 23 15  

 

Insgesamt sind endgültig 30 Parteien mit der Zweitstimme wählbar, wobei je nach Bundesland 12 bis 22 Landeslisten auf dem Stimmzettel stehen werden. Die neun Parteien, die im Deutschen Bundestag oder in einem Landtag seit deren letzter Wahl aufgrund eigener Wahlvorschläge ununterbrochen mit mindestens fünf Abgeordneten vertreten waren (CDU, CSU, SPD, FDP, DIE LINKE, GRÜNE, PIRATEN, NPD und FREIE WÄHLER), mussten für ihre Landeslistenvorschläge keine Unterstützungsunterschriften sammeln.

Bei weiteren insgesamt 30 Parteien stellten der Bundeswahlausschuss bzw. das Bundesverfassungsgericht die Parteieigenschaft für die Bundestagswahl fest. Diese Parteien benötigten für ihre Landeslistenvorschläge die Unterschriften von mindestens einem Tausendstel der Wahlberechtigten des jeweiligen Landes bei der letzten Bundestagswahl, aber höchstens von 2.000 Wahlberechtigten. Die folgenden 4 dieser 30 Parteien habe keine Landesliste eingereicht (bzw. beim BGD in Sachsen diese vor dem Ende der Einreichungsfrist wieder zurückgezogen):

  • Bergpartei die „ÜberPartei“ (B)
  • Bund für Gesamtdeutschland (BGD)
  • Deutsche Kommunistische Partei (DKP)
  • Deutsche Nationalversammlung (DNV)

 


 

Wie geht es weiter mit der Wahl der Qual?

Was bringt der Urnengang?


Kehren wir zurück von unserem Betriebsausflug und schielen ein wenig auf den bedrohlich nahenden Wahltermin am 22. September. Kein Zweifel darf daran aufkommen, dass die völkischen Parteien-Metzger sehr gut organisiert sind. Darüber hinaus in „Fraktionsdisziplin“ überaus geübt, man weiß was Kommandoton ist. Und wenn richtig Not am Mann (....oder der Frau) ist, schreckt man zum Wohle der Schäfchen auch vor großen Koalitionen nicht zurück. Da legen sich dann alle Meister in ein Bett. Es bleibt kuschelig warm und das Wahlvieh fühlt sich dann geborgener und noch viel besser vertreten. Nichts ist schöner als zelebrierte Eintracht im Bundestag. Und ja, sie sind jetzt gemäß der obigen Liste allesamt vom Ausschuss zertifiziert und genehmigt. Da kann der Wähler getrost zur Urne schreiten, um seine Staatsgewalt abermals voll zu entfesseln und der Verwirklichung seines Willens in der darauf folgenden Legislaturperiode harren.

Kurz um: alle Bündnisse die in Parteien organisiert sind, müssen nach diesen Vorgaben spielen, ansonsten bekommen sie gar nicht die Chance, sich am Volkswillen vergreifen zu dürfen. Da hat wer vorgesorgt. Alles zum Wohle des Stimmviehs und zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Und wenn sie dann dergestalt genehmigungsfähig organisiert sind, sind sie auch schon - qua der herrschenden Ordnung - bis aufs Letzte korrumpiert. So funktioniert halt das System!

Nur mal kurz am Rande erwähnt: Wie das sogenannte Bundesverfassungsgericht nun schon mehrfach festgestellt hat (zuletzt im Jahre 2012), haben wir bislang nie ein gültiges Wahlgesetz gehabt. Das macht aber nix, denn es reicht ja zu glauben, dass alles in Ordnung sei. Dann verhalten sich die Menschen auch wunschgemäß naiv, unkritisch, lenkbar und damit kontrollierbar. Da die Regierung allerdings Hausaufgaben dazu bekam, hat sie im Februar 2013 einfach mal wieder ein neues Wahlgesetz gemacht. Nun sieht alles schön ordentlich aus und auch das Ping-Pong-Spielchen mit dem BVerfG kann in die nächste Runde gehen, welches sicherlich auch den letzten Verschnitt kassieren wird. Das neuerliche Wahlgesetz berücksichtigt aber die Wahlmüdigkeit der Menschen viel besser als je zuvor. Es lässt noch mehr Überhangmandate zu, damit die Demokratie noch stärker aussieht, selbst wenn immer weniger Schäfchen überhaupt an die Urne treten. Aber genau das schnallen die meisten Nichtwähler erst gar nicht.


Nicht zur Wahl gehen ist das größte Versagen

Jetzt gibt es da genügend Schlafschafe in der Republik, die meinen, wenn sie nicht an der Wahl teilnehmen, hätten sie es den Metzgern mal so richtig gezeigt. Die Parole taugt nicht einmal mehr für den Stammtisch, obgleich bis 40 Prozent Nichtwähler bei den Bundestagswahlen keine Seltenheit mehr sind. Grund dafür ist, dass diese Nichtwähler quotal gemäß der erzielten Ergebnisse den gewählten Parteien mit größeren Stimmanteilen in den Schoß fallen. Wer das allerdings beabsichtigt, der kann natürlich auch daheim bleiben und seine Gleichgültigkeit am Abend des Wahltages gemeinsam mit den Wahlsiegern feiern und kräftig begießen, sich dabei abermals auf die Vollstreckung seines so geäußerten Willens freuen. Am Ende werden die Metzger es auch solchen Helden wieder richtig besorgen.

 


Andere unterlassen den Urnengang aus tiefempfundener Verstimmtheit oder depressiven Erkenntnis heraus, ohnehin nichts ändern zu können. Die Tatsache, sich selbst mit dieser Haltung schon restlos abgefunden zu haben, beflügelt sie sogleich noch, sich selbst die Flügel in dieser Angelegenheit endgültig zu stutzen. Natürlich auch ganz im Sinne der Parteien, denn anteilig ist ihnen auch der depressive oder zutiefst verärgerte Nichtwähler gewiss und sie werden gesichert dafür sorgen, dass sich dessen Verstimmtheit oder Depression weiter vertiefen kann. Versprochen!


Vielleicht doch das kleinere Übel wählen

Da schließt sich zunächst die Frage an, was denn in diesem Zusammenhang das kleinere Übel sein kann? Wenn man weiß, dass das große Übel die organisieren Parteien sind, dann sind parteilose Direktkandidaten immer noch die etwas bessere Option, weil man geneigt wäre zu vermuten, dass diese doch tatsächlich noch im Wählerauftrag und nicht im Auftrag der Konzerne unterwegs sind. Dies gilt solange, bis sie dann am Regierungssitz in Berlin angekommen sind und dort – wie so häufig - von 1.000 Lobbyisten überfallen, manipuliert oder eingekauft werden. Der Sumpf zieht seine willfährigen Opfer in den Grund.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind die unabhängigen Direktkandidaten immerhin schon mal eine bessere Wahl, wenn man sich selbst und den Parteien die Zweitstimme für die Parteien erspart. Aber der Durchschnittswähler, der nur alle 4 Jahre einmal zwei Kreuze auf einen Wahlzettel machen darf, hält eben dieses für ein Sonderangebot. Er kann kaum widerstehen, ein zweites Kreuz zu pinseln, weil er doch damit doppelt seinen ganzen Willen und all seine dezidierten Wünsche gegenüber der Politik Ausdruck verliehen hat. Die Politiker seiner Wahl wissen dann auch sehr genau, wofür das Kreuzchen stand, allerdings vergessen sie es bereits wieder am Tag nach der Wahl.


Jetzt aber mal richtig die Meinung geigen …

Jetzt gibt es aber auch einige Unverdrossene, die sehr wohl dieses verlogene System durchblickt haben. Die wissen auch, dass man dem Grunde nach nichts ändern kann, weil die Massen(wahl)psychose über die Propagandamedien sehr gut funktioniert und auch dieses System sich nicht einfach von den Bürgern abschalten ließe. Um also diesem Apparat die Legitimation stückweise zu nehmen, hilft da nur eines. Sich auf ein einziges Kreuz am Wahltag zu beschränken. Sprich, die Symbiose zwischen den Sonderangebotsfreaks mit den 2 Kreuzen und den vorsichtigen „Einkreuzern“ zu wagen. Es reicht, ein einziges richtig großes Kreuz quer über den gesamten Stimmzettel zu machen. So wie hier mal exemplarisch dargestellt:

 

 

Und wenn erst einmal eine Mehrzahl der Wahlberechtigten eine ungültige Stimme abgegeben haben, dann sollte diese Form des Systemprotestes eine ernsthafte Diskussion wert sein. Unsere 620 Bundestagsabgeordneten hätten sicherlich kein Problem damit sich jeweils selbst zu wählen und sich ansonsten dank des kaputten Systems rein von Überhangmandaten an den Futtertrog katapultieren zu lassen. Aber genau das versauert man diesen Metzgersknechten mit einem richtig dicken, fetten Kreuz auf dem Wahlzettel.

In diesem Falle hat man unbedingt einiges mehr für die Fortentwicklung der Demokratie geleistet, als wenn man seinen Hintern nur daheim lässt oder eben jene Seilschaften tatsächlich noch mit seinen Kreuzchen versorgt und belohnt. All das setzt natürlich voraus, dieses politische System tatsächlich zu durchblicken und ernsthaft den politischen Willen der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes im Parlament respektvoll vertreten zu lassen.

Auch sollte das Wahlschaf endlich kapieren, warum es keine direkte Demokratie bekommt und warum es trotz modernster Kommunikationstechnik analphabetisch wie in der Steinzeit agiert. Eine derart direkte Demokratie wäre bestens geeignet wäre, dass bestehende Herrschaftssystem völlig zu verwüsten. Deshalb bleibt das Schaf aufs prähistorische „Kreuz” genagelt und nur eines, ein richtig, dickes fettes Kreuz kann auf lange Sicht etwas ändern, Erlösung bringen … oder aber es muss Blut fließen. Eine Option die jedes Schaf naturgemäß nicht will. Den Metzgern allerdings ist auch das egal, sie sind auf Machterhalt programmiert und Schwund in der Herde hat es schon immer gegeben.

Jeder wahlberechtigte Bürger hat seine freie Entscheidung und trägt damit auch eine gewisse Mitverantwortung, wie es in diesem Lande, seiner Zukunft und die nachfolgender Generationen weitergehen soll. Er kann das nachweislich kaputte System aktiv unterstützen indem er es wählt, wobei es dann auch völlig egal ist, welche Partei er wählt. Er kann zur Stützung des Systems am Wahltag seinen Hintern auch gern zuhause lassen - kommt aufs Gleiche raus. Dazu muss er sich nicht einmal bewegen. Oder man kann langfristig etwas verändern, indem man aus der Vergangenheit lernt, alte verkrustete Denkmuster ablegt, sich informiert und bereits ist, Steine in Form ungültiger Stimme mittels einem großen Kreuz ins Rollen zu bringen. Das mag im Moment noch nicht den ersehnten und dringend notwendigen Systemwandel bringen, aber man kann für sich selbst und seinen Lieben beruhigt feststellen, dass man bereit ist, dieses System abzuwählen ohne es durch Nicht- oder Falschwahl noch weiter zu stützen.

Meckern allein hilft Euch nicht.  Wacht endlich auf.  Wählt UNGÜLTIG!

 

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Wahlvolk in geistiger Verwirrung und Agonie

 

Wahlvolk in geistiger Verwirrung und Agonie.

Sind wir (fast) alle reif für die Klapsmühle?


Was ist mit den Deutschen los? Haben sie ihren Gehör- und Sehsinn verloren? Können sie nicht mehr lesen? Können sie den Zusammenhang der Geschehnisse nicht begreifen und das, was diese auslösen oder was ihnen angetan wird? Oder tangieren sie eventuell die Einwirkungen auf ihr Leben nicht? Fragen über Fragen, die man eigentlich nur mit psychologischer Fachkenntnis und unter der Annahme eines schwereren Falles von Geistesgestörtheit beantworten kann.

 


Meine Diagnose: Ein (fast) ganzes Volk ist offensichtlich pathologisch geschädigt und überfällig für die Abholung durch die Weißkittel. Doch da stellt sich die unlösbare Aufgabe, woher man die vielen Weißkittel und vor allem die Abermillionen von Anstaltsplätzen nehmen soll, um den Großteil der Bevölkerung unterzubringen. Wir haben quasi das Endstadium der Pathologie der Normalität erreicht, in dem die Kranken gesünder sind als die „Normalen“! Damit auch niemand an meiner Diagnose zweifeln sollte, hier die Definition von Schizophrenie nach Wikipedia:

„Schizophrenie (von griechisch σχίζειν s’chizein „abspalten“ und φρήν phrēn „Seele, Zwerchfell“) ist eine schwere psychische Erkrankung. Sie ist durch Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität gekennzeichnet.“ Ich füge hinzu: Es bilden sich mehrere Persönlichkeiten in einer, wobei diese sich gegenseitig und unvereinbar widersprechen.

Ihr müßt Euch unbedingt einmal den Video-Wahlaufruf (46 lange und peinliche Sekunden!) des Deutschen Bundestags mit dem vielsagenden Titel „Du hast/bist die Wahl“ ansehen. Es ist schon große Kunst, soviel Schwachsinn in 46 Sekunden zu komprimieren! Eben demokratische Philosophie auch höchster Ebene. Wir haben nicht nur die ultimative Wahl, sondern wir sind auch selber Wahl. Prolls erklären uns den Sinn der Bundestagswahl. Ring frei zum prolligen Wahlevent. Quieck! Selten so gelacht!!!

Der Beitrag von Wilfried Kahrs zur Bundestagswahl 2013 ist an beißender Ironie unter Beachtung der Realitäten kaum zu überbieten. Deshalb brauche ich mich auch gar nicht zu bemühen, ihn zu wiederholen oder zu verbessern, sondern ich versuche nur, noch ein paar weitere Facetten und Ideen in das Thema hinein zu bringen. Mit seiner Schlußfolgerung zum Ungültigwählen stößt Wilfried bei mir ohnehin nur offene Türen ein:

[quote=WiKa]

Meckern allein hilft Euch nicht. Wacht endlich auf. Wählt UNGÜLTIG!

Das mag im Moment noch nicht den ersehnten und dringend notwendigen Systemwandel bringen, aber man kann für sich selbst und seinen Lieben beruhigt feststellen, dass man bereit ist, dieses System abzuwählen ohne es durch Nicht- oder Falschwahl noch weiter zu stützen.

[/quote]

Nichts fürchtet das Wahlvolk mehr als die sprichwörtliche Anarchie, die ja bekanntlich droht, wenn man die gewohnte Ordnung verläßt und sich gegen den Niedergang entscheiden würde, der langsamen aber sicher in den Untergang führt. Alleine der Gedanke wäre doch unerträglich, sich in ein ungewisses Chaos zu stürzen, in dem man den Gang in die Zukunft selbst gestaltend beeinflussen könnte. Welch ein Greuel! Wie beruhigend ist es doch hingegen und läßt einen ruhig schlafen, wenn man das drohende Ungemach klar vor Augen hat und sich demütig in einer Geste der Selbstaufopferung dem Kommenden ergibt. Sehenden Auges ins Unglück zu schreiten, das ist ein wirklicher Heldenakt, der jeden Mythos verklärt! In der TAZ vom 4.8.2013 gab es einen sehr schönen Artikel mit der Überschrift „Schlagloch Wahl-Verwirrung - Election Blues“, der ideal in unseren Tenor paßt. Das hört sich dann so an:

„Die Regierung gibt sich unwissend, will jetzt aber alles in ihrer Macht stehende tun, von wegen deutscher Rechtsstaat und so. Die Mehrzahl der Menschen, traut man den Umfragen, glaubt der Regierung im Allgemeinen und der Kanzlerin im Besonderen davon kein Wort. Zur gleichen Zeit sagen die gleichen Umfragen, dass eine fast ebenso große Mehrheit fest entschlossen ist, dieser Regierung und ihrer Kanzlerin per Wahlzettel „das Vertrauen auszusprechen“.

Dafür gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder wählt man jemanden zum Regenten, weil man es für politisch zweckmäßig und damit für einen Befähigungsnachweis hält, dass ein Politiker oder eine Politikerin die Bevölkerung belügt. Oder aber, wir, das Wahlvolk und wir, das Nachrichtenvolk, haben eine neue Variante der politischen Schizophrenie entwickelt.“


Der beklagenswerte und behandlungsbedürftige Zustand des deutschen Volkes läßt mich nicht rasten und ruhen. Selbst auf die Gefahr hin, daß ich mich oder andere Schreiber wiederhole, starte ich nochmals einen Anlauf, den Status quo in kurzer Form zu resümieren:

 

  • Der Bürger als Wähler

Kurz und knapp ausgedrückt ist der deutsche Bürger als Wähler ein falsch programmierter Automat, der meist das genaue Gegenteil von dem wünscht, was für ihn und seine Genossen sinnvoll wäre und was sein Wohl- und Überleben gewährleisten würde. Folglich wählt er die Parteien und Gruppierungen, die ihm am Zeug flicken und die sich auf seine Kosten mästen wollen. Dies vollzieht er ungeniert und ungeachtet aller Widersprüchlichkeiten, so als sei er schon hirntot.

 

  • Der Bürger als Lügenfetischist

Der Deutsche hat ein neues Hobby entdeckt – man könnte auch sagen, eines aus der Mottenkiste geholt: Die Leidenschaft, sich an Lügenmärchen nicht nur zu ergötzen sondern sie auch noch zu glauben! Es erscheint mir, als ob insgeheim ein Gesellschaftswettbewerb vereinbart worden wäre, die Partei mit dem massivsten Lügenpotenzial zu wählen und ihr das persönliche und gemeinschaftliche Wohl zu übertragen. Das nenne ich das totalitäre Konzept, den Bock zum Gärtner zu krönen!

 

  • Der Bürger als Selbstverleugner und Masochist

Die Liste der auf uns zusteuernden Ungeheuerlichkeiten ist lang und eindeutig: Erhöhte finanzielle Belastungen, Abbau von bürgerlichen Rechten, forcierte Umverteilung von unten nach oben, weiterer Abbau von Arbeitnehmerrechten, verstärkte Schleifung des Sozialstaates, Todsparen bis zum Umfallen etc. pp. … Ein Blick in die Medien auf den dort ausgebreiteten täglichen Irrsinn, der als Normalität verkauft wird, genügt.

Wie bezeichnet man jemanden, der denjenigen sein Vertrauen ausspricht und sein Schicksal überläßt, die die größten Versager sind? Oder den, der Leute unterstützt, die ihn und seine Mitmenschen gnadenlos ausnutzen und alles daran setzen, die gesellschaftliche und ökologische Zukunft zu sabotieren und zu zerstören? Selbstverleugner oder Masochist ist dafür noch ein harmloser Ausdruck.

Wir sind anscheinend immer noch betrunken vom Erfolg der im Nachkriegsdeutschland geschaffenen Vorzeigedemokratie, daß wir nicht merken, daß diese sich in der geordneten Auflösung und Insolvenz befindet. Am besten ist dies ersichtlich am jämmerlichen Zustand der Gewaltenteilung, die de facto nur noch stellenweise funktioniert. Regierung und Bürokratie machen, was sie wollen, das Parlament macht, was die Regierung will und die Justiz löst sich immer mehr von den Prinzipien des Grundgesetzes, indem sie Urteile nach Gutsherrenart produziert.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft und der solidarische Geist, die nur auf der Basis von Vertrauen gedeihen können, zerbröseln gerade vor unseren Augen. Wir lassen es tatenlos zu, daß die mühsam erarbeiteten gesellschaftlichen Errungenschaften demontiert werden und unsere Zukunftserwartungen verhöhnt werden. Wie degeneriert sind wir eigentlich?

 

  • Die neue deutsche Einheitspartei

Wir schlucken das Trugbild von unser demokratischen und Meinungsvielfalt ohne aufzumucken. Geht uns denn nicht das Licht auf, daß die dominierenden Parteien mittlerweile zu einer Einheitspartei mutiert sind, die sich höchstens noch durch unwesentliche Einzelheiten unterscheidet? Alle haben sich mehr oder minder dem unseligen Geist der radikalen Marktwirtschaft verschrieben. Außer ein paar zögerlichen Vorschlägen zur Retusche ist von ihnen nichts zu hören – das böse Wort Systemwandel wagt niemand in den Mund zu nehmen.

Die Schmähung von sozialistischen Einheitsparteien aus der Vergangenheit sowie das Aufkommen jeglichen sozialistischen Gedankengutes wird dagegen ständig vollzogen. Besonders tun sich dabei ehemalige Insassen der DDR hervor – an der Spitze unsere große Staatsratsvorsitzende Merkel sowie unser Freiheitsgigant im Kleid des Bundespräsidenten. Alle Parteien und dort Verantwortlichen sind bestrebt, keine grundlegenden Zweifel an der Funktion unserer „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ oder der „freien Marktwirtschaft“ aufkommen zu lassen. Niemand besitzt die Courage, sich gegen ein Weiter-so und die Fortsetzung eines sich selbst zerstörenden und verschlingenden Systems auszusprechen. Wortklaubereien sind vorherrschend, die man sich gegenseitig kopiert und sie bis zur Unkenntlichkeit verdreht, so daß grundlegende Begriffselemente wie Freiheit, Demokratie, Verantwortung etc. zu einem derartig gesichtslosen Brei geformt werden, daß man die Bedeutung um 180 Grad drehen kann, ohne die Formulierung zu wechseln. Die Sprache wird vergewaltigt – und konstruktive politische Aktivität erstickt in diesem toten Klima vollends.

 

  • Beispiele aus der Praxis unseres nicht zur Regulierung fähigen Systems

Die von der Politik vorangetriebene Entwicklung in praktisch allen Bereichen  ist destabilisierend und erschöpft über kurz oder lang sowohl die menschlichen, die wirtschaftlichen und die ökologischen Reserven dieses Planeten. Ob in der Energie-, der Wirtschafts-, der Verkehrs-, der Bildungs-, Finanz-, Sozial-, Arbeits- oder Gesundheitspolitik, überall sind Stümper am Werk. Wir sind uns alle im klaren darüber, daß es die absolut gerechte Gesellschaft, in der völlige Gleichheit oder Gerechtigkeit realisiert ist, niemals geben wird und diese auch nicht – zumindest, was die Gleichheit angeht, gar nicht idealisiert werden sollte. Aber wenn das Prinzip Gerechtigkeit allzu sehr auf die Verliererstraße gerät und mit Füßen getreten wird, dann beginnt die Gesellschaft zu wanken und aus den Fugen zu geraten.

Dies wird besonders deutlich in der Einkommens- und Vermögensentwicklung, der sozialen Durchlässigkeit, der Gerechtigkeitspraxis sowie im Verhalten des Rechtsstaates. Wenn einer Justiz wie z. B. im Falle Gustl Mollath ihre Selbsterhöhung und Nähe zur politischen Instanz wichtiger ist eine dem Menschen dienende Rechtsprechung, dann ist dies ein Anzeichen dafür, daß im Staate etwas faul ist. Oder wenn in Sachen Wirtschafts- und Steuervergehen die Wohlhabenden und Prominenten geschont und mit anderen Maßstäben wie der Normalbürger gemessen werden, dann befinden wir uns in einer Schieflage.

Nehmen wir als Beispiel den Fall Dieter Hoeneß, bei dem die zuständige Justiz den Angeklagten vorsorglich einmal aus dem Schußfeld einer Gefängnisstrafe hinausbugsiert hat, indem die Bemessungsgrundlage des Vergehens unter 1 Mio € herunter manipuliert wurde. Durch die Öffentlichkeitspräsenz von Hoeneß in Verbindung mit dem populären Fußballklub und den auffälligen Solidaritätsbekundungen seiner prominenten Kumpel artet dieser Fall langsam aber sicher zu einer einseitigen Begünstigung von Hoeneß aus. Die Medien spielen dieses unsägliche Spiel ebenfalls mit, sodaß der Bürger letztendlich den Eindruck gewinnen muß, daß doch die einen gleicher sind als andere. Solche Tendenzen sind für das Gedeihen eines Staatswesens Gift und fördern die Spaltung.

 

  • Ein neues Feindbild

Noch leben wir – zumindest in Deutschland – in einem Land, in dem relative Rede- und Meinungsfreiheit dominiert. Viele Anzeichen, wie z. B. die zur Zeit diskutierte Überwachungspraxis zeigt, deuten aber darauf hin, daß unsere Freiheiten zunehmend bedroht sind. Das Stadium unserer Demokratie bezeichnet man oft als „Postdemokratie“, was heißen soll, daß wir uns in einer fortgeschrittenen Phase befinden, in der die klassische Demokratie überholt ist. Das vorherrschende Wirtschaftssystem erfordert flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege. Am besten gedeiht der Kapitalismus bzw. die Profitmaximierung unter autoritären Bedingungen. Deshalb wird immer öfter aus Wirtschaftskreisen unverhohlen der Wunsch nach Schleifung des demokratischen Prinzips geäußert. Direkte Demokratie ist für die Herrschaft der Konzerne eher eine Horrorvorstellung, weshalb auch der geballte Einfluß der Lobbyisten darauf zielt, wirtschaftsfeudalistische Zustände zu erreichen.

Die Feinde einer derartigen Entwicklung sind die Wahrer einer volksnahen Demokratie, die Systemkritiker und Aktivisten. Obwohl es noch nicht offen zugegeben wird, wird am Aufbau eines neuen Feindbildes gebastelt. Der neue Feind ist der aufgeklärte Bürger, der die Zusammenhänge begreift und den Mut besitzt, die Fehlentwicklungen in aller Öffentlichkeit ungeschminkt anzuprangern. Diese Typ von Bürger ist ein Störenfried, der das hemmungslose Treiben der Profiteure dieser Republik  und darüber hinaus behindert und die Pestwucherung des neoliberalen Irrsinns bekämpft. Es gilt, ihn mit allen machtpolitischen und ausgefeilten psychologischen Mitteln mundtot zu machen.

Dabei ist es erklärte Taktik, dies möglichst unauffällig über die Bühne zu bringen, indem man die schweigende Mehrheit betäubt und ihr Entertainment und Events wie angeblich demokratische Wahlen zum Fraße vorwirft. Auf diese Weise sollen sie sich in der Sicherheit wiegen, am politischen Entscheidungsprozeß beteiligt zu sein (siehe den obigen Wahlpropaganda-Clip).


MfG Peter A. Weber

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Marie-Luise Volk
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Beigetreten: 28.10.2010 - 13:29
Wirtschaftsflüchtlinge

[quote=Peter Weber]

Die Schmähung von sozialistischen Einheitsparteien aus der Vergangenheit sowie das Aufkommen jeglichen sozialistischen Gedankengutes wird dagegen ständig vollzogen.[/quote] 

Die Schmähung der sozialistischen Einheitsparteien aus der Vergangenheit und das Abklopfen auf die Praxistauglichkeit des sozialistischen Gedankengutes halte ich für legitim.

Mein Vater hätte unter sozialistischen Bedingungen seine wirtschaftliche Existenz nicht aufrecht erhalten können, was ihn veranlasst hat, am 17. Juni 1953 sich am Protest in Berlin zu beteiligen und mit der gesamten Familie in den Westen zu flüchten, mit all den unangenehmen Folgen für die Familie. Weg von der Heimat, weg von den Eltern, weg von Freunden und Verwandten, hinein ins Ungewisse, hinein ins Lagerleben und das drei lange Jahre lang. Es gab damals nur die Wahl: Entweder für immer die Klappe zu halten und dem sozialistischen Schafscheiß zu frönen oder eine neue Existenz im Westen unter kapitalistischen Bedingungen aufzubauen.

Ich fand es über Jahrzehnte hinweg sehr ungerecht, dass gewisse linke Kreise uns abfällig als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichneten. Viele Jahre lang verschwieg ich meinen Geburtsort und erst nach der Wende, nachdem mein Vater mir die Heimat meiner Vorfahren zeigte, fing ich an, mit dem oftmals im Westen positiv dargestellten Sozialismus abzurechnen.  

In dem Buch von Margrit Kennedy „Geld ohne Zinsen und Inflation“ wird Paul C. Martin zitiert, der gesagt hat: „Die Kapitalisten können nicht rechnen. Das ist die ganze Wahrheit des Kapitalismus.“ Das trifft in vollem Umfang auch bei den Kommunisten zu. Beide können nicht rechnen.

Da inzwischen klar ist, dass exponentielles Geldwachstum durch den Zinseszinsmechanismus bedingt, mit all den fürchterlichen Folgen der Umweltzerstörung wie Atom- und Gentechnik, Vergiftung der Böden und Gewässer, Verlust von Freiheit und Souveränität, einhergeht, halte ich die Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht mehr für zeitgemäß. Sie bindet zu viele Kräfte, die wir brauchen, um klarzustellen, dass wir nur zwei Dinge brauchen:


1. Fließendes Geld, was sich nicht horten lässt und

2. Eine Bodenreform, um Landgrabbing zu verhindern.


Am 13./14. Juli 2013 fand in Wuppertal die Sommertagung der Humanen Wirtschaft statt. Der 90-jährige Helmut Creutz („Das Geldsyndrom“ und „Die 29 Irrtümer rund ums Geld“) stellte anhand von Zahlen, Fakten und Grafiken akribisch unter Beweis, dass exponentielles Wirtschaftswachstum durch den Zinseszins zur heutigen Verschuldung geführt hat. Er verdeutlichte, dass es in einer begrenzten Welt kein ständiges Wachstum geben kann.

„Exponentielles Wachstum“ findet im Mutterleib statt, danach ein natürliches Wachstum, so seine Erläuterung. Dieses natürliche Wachstum ist ab einem bestimmten Zeitpunkt beendet, der Mensch wächst nicht mehr weiter.

Mit seinen unglaublich anschaulich aufbereiteten Grafiken stellte er dar, dass derjenige, der nur von Arbeit lebt, immer ärmer wird. Es war sein mathematisches Verständnis, das ihn erkennen ließ, dass im Geldbereich unsere Wirtschaftsprobleme liegen. Er sagte: „Ich habe immer an meine Zahlen geglaubt“. Und „Mathematisch gesehen ist der Kollaps unseres Geldsystems unvermeidlich. Wenn ein Staat mehr Zinsen zahlt als er Kredite aufnehmen kann, bricht er zusammen.“

Seine Botschaft lautete auch: „Der Zusammenbruch des Geldsystems ist jetzt nicht mehr aufzuhalten. Was wir tun können, ist, dass wir unser Wissen verbreiten, damit beim Neuanfang nicht wieder der gleiche Fehler gemacht wird.“ Tauschringe und Regiogeld können nach seiner Meinung sinnvoll sein, um bei der Bevölkerung das Bewusstsein zum Geld zu wecken.

Es ist jetzt dieses Thema, was mich umtreibt.

Marie-Luise Volk, Gesundheitsberaterin (GGB) www.agrogen-rlp.de

 

 

 

 

 

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Deutschland braucht eine Opposition

Deutschland braucht eine Opposition

Wer nicht wählt, bekommt garantiert nicht, was er will


Das klingt immer so freigeistig: "Ich gehe nicht zur Wahl, ich bin doch kein Kalb, das seinen Metzger selber wählt"! Oder: "Ich wähle ungültig. Dann werden die schon sehen". Toll! Gar nichts sieht man. Nicht einmal in der Statistik. Versehentlich ungültig abgegebene Stimmen unterscheiden sich in nichts von absichtlich ungültig gemachten Stimmen. Und nicht abgegebene Stimmen eines Anarchisten in keinster Weise vom nicht abgegebenen Votum eines Nazis. Wollt Ihr mit denen in einem Topf der "Unzufriedenen" schmoren, gemein mit resignierten "Politikverdrossenen" diverser Couleur, mit elitären Fatzkes, die das alles eh nichts angeht, mit Hakenkreuzschmierern, faulen Dumpfsäcken oder einfach ganz besonders schlichten Leuten, die "vergessen" haben, wann der Wahltag war, und dann am Wahlabend an der Glotze vor lauter warmem Bier schäumen, was da wieder für ein unsägliches Ergebnis herausgekommen ist?!

Ich denke, dass auch die Wahl von "Spaßparteien" aller Sorten keinen Ausweg zeigt. Protest ist was anderes. Allein die Frage zählt, ob Du der real existierenden "Großen Koalition" der Bankenrettungspaket-Abnicker und Kriegsmandatierer für die nächste Legislatur etwas entgegensetzen willst oder nicht. Wer das nicht will, soll sich sein Gegreine und Gemoser ersparen, und sich und seiner Umwelt nicht vorgaukeln, er denke politisch. Er denkt nämlich absolut persönlich-moralisch, wenn überhaupt. Er ist bedacht auf seine Unbeflecktheit, will sich nicht die Hände schmutzig machen, dem dürftigen parlamentarischen Mäntelchen um die Diktatur des Kapitals herum "seine" Legitimation verweigern, das System nicht stützen. Aber stürzen tut er es dadurch auch nicht.
 
Zugegeben: Politisch gedacht bleibt nicht viel Auswahl, sondern eigentlich nur eine Möglichkeit: Diejenige Kraft im Parlament zu stärken, die konsequent gegen Krieg und Sozialkahlschlag, gegen Umverteilung von Unten nach Oben das Maul aufmacht und mit gezielten Anträgen und parlamentarischen Anfragen die Regierenden zumindest zwingt die Hosen herunterzulassen und peinlichste Auskünfte zu erteilen, die ansonsten für immer unter Geheim-Verschluss geblieben wären, zum Beispiel zuletzt die Fakten über die zahlreichen Drohnenabstürze. Ohne die parlamentarischen Whistleblowers wüssten wir nichts davon.
 
Allein die Existenz der Partei DIE LINKE hat dazu geführt, dass jetzt plötzlich alle Parteien schon immer Mindestlöhne gefordert haben wollen. Dass das am System etwas ändert, hat auch niemand behauptet. Nur mal angenommen, wir hätten eine wirkliche Demokratie, sei es in Form einer Volksfront-Regierung oder auf Basis einer Rätedemokratie, in sozialistischer oder auch in mehr anarchistischer Ausformung: Welche dümmliche Ausrede hätten da noch die Wahlverweigerer, sich einer eigenen Stellungnahme zum politischen Willensbild der Wahlberechtigten zu verweigern?! Nichts anderes sind die Wahlen unter den heutigen Verhältnissen: Gradmesser der politischen Reife der Wählerschaft, Abbild der Meinungs-Verfasstheit der Gesellschaft, ein Barometer ihrer Befindlichkeit. Nicht mehr und nicht weniger. Und zusätzlich eine Tribüne für die Kundgebung der Forderungen, die es zu erheben gilt. Und wo befinden sich da im Meinungsbild die angeblich so "bewussten" Nicht- und Ungültigwähler? Nirgends. Absolut nirgends. Sie kommen gar nicht vor. Fast so wie die Wähler von aussichtslosen "Splitter-"Parteien, die als "Sonstige" abgehakt werden, nur noch weniger. Wahlenthalter und Nichtwähler tragen nichts zum prozentualen Ergebnis bei, sie verändern nichts. Selbst wenn sich jemand ernsthaft fragen wollte, was die denn wirklich wollten, er könnte es niemals ergründen, selbst mit bestem Willen nicht.
 
Im Ergebnis haben sie nichts anderes "gewählt" als die Mehrheit. Ihre Nichtstimmen kommen den jeweils stärksten Parteien zugute, rein rechnerisch. Das ist plattestes Mainstream-Pushing, hilfloses Mitschwimmen im privatpolitischen Nirwana, elendes Erdulden der (Be-)Stimmungshoheit der Mehrheit. Mit Revoltieren hat das weniger gemein als Auswandern. Da stünde man nicht einmal im Wählerverzeichnis. Da könnte man dann wenigstens noch grummeln über die eigene Rechtlosigkeit. Auch das würde niemanden kratzen. Also, Leute: Arsch hoch und wählen gehen! Es fällt niemand ein Zacken aus der Krone, wenn er links wählt. Aber die Herrschenden ärgert es sehr. Und für den politischen Diskurs bringt es viel. Es setzt gesellschaftliche Debatten in Gang, die sonst nie geführt würden, Diskussionen, Umdenkungsprozesse. Manchmal befördern und beflügeln Wahlergebnisse gar soziale Bewegungen. Und umgekehrt werden Protestbewegungen parteipolitisch gezähmt und vereinnahmt. Das hat aber mit der nachlassenden Stärke der Bewegungen zu tun, was ihr ureigenstes Wesensmerkmal ist: Sie wachsen, gewinnen an Einfluss und werden relevant, sie konstituieren sich als politische Kraft, sodann ebben sie ab, oft noch längst bevor ihre Anliegen erfüllt sind. In jedem Fall befördern sie aber gesellschaftliche Prozesse, die nachhaltige Wirkungen zeitigen. Nicht die große Umwälzung, aber doch eine Prise Salz in die schale Suppe. Auslöffeln müssen wir die sowieso.
 
Übrigens: Das Argument, dass nicht gegebene Stimmen zumindest niemandem eine Wahlkampfkosten-Erstattung brächten, hat etwas fatales: Du verzichtest doch auch nicht generell aufs Essen und Trinken, um den Lebensmittelkonzernen und den Brauereien eins reinzuwürgen, sondern "wählst" halt deine Sorten nach Geschmack und Verträglichkeit, vielleicht auch nach anderen Kriterien oder aus dem eigenen Garten, aber auf jeden Fall mit Bedacht und ohne die trügerische Hoffnung, damit die Welt aus den Angeln zu heben. Du willst schließlich leben, dich ernähren, ein Dach überm Kopf haben, du willst lesen, lieben, mobil sein. Verzichtest du aufs Tanken, um die Mineralölkonzerne zu schädigen? Dann musst du eben die Omnibus-Gesellschaft unterstützen oder Bahn fahren, dir ein Fahrrad kaufen oder zu Fuß gehen. Es lässt sich nicht vermeiden, Strukturen oder Einrichtungen zu unterstützen, die man eigentlich zum Teufel wünscht, solange es keine allgemein zugänglichen Alternativen gibt. Private oder illegale Schlupflöcher sind selten welche. Irgendwann schnappt die Falle zu.
 
Der Nichtwähler ist wie der Fußgänger auf der Autobahn, der sich bestenfalls über den Stau freut, in dem die Autofahrer eine Weile stehen. Nur dass die dann doch irgendwann weiterfahren. Wenns blöd läuft, fragt ihn dann die Polizei, zu welchem Auto er gehört. Dass er gar keins hatte, sollte er lieber verschweigen, wenn er ein saftiges Knöllchen vermeiden will. Ich möchte nach erfolgter Revolution auch von keinem hören, dass er seit Jahrzehnten nicht gewählt hat, und das auch noch als emanzipatorischen Akt ausgibt. Solcherart "Partizipation" führt in keiner denkbaren Gesellschaftsordnung zu irgend etwas, in dieser schon gar nicht. Weder den Staat noch das Kapital kratzt es, wenn sich jemand absichtlich stumm macht und seinen politischen Willensausdruck für sich behält.
 
Wer gar nichts isst und trinkt – aus Verärgerung oder Verzweiflung über was auch immer – wen kümmert's? Wer nicht leben will, darf gern verhungern. Ein Unzufriedener, der sich raushält und selbst entsorgt, stört die Herrschaften gar nicht. Selbst Massenselbstmorde von Motzern, unangepassten Querulanten und Aufmüpfigen wären ihnen gerade recht. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wer nicht wählt, hat hinterher schon zweimal keine Wahl. Er muss nehmen, was andere beschlossen und wieder andere ausgehandelt haben. Bei aller Kritik am Parlamentsbetrieb und seinen undemokratischen Mauscheleien sollte ein politisch wacher Mensch die Rechte, die er (noch) hat, eiskalt nutzen: Taktisch, mehr nach dem Programm und den eigenen Interessen, weniger nach Personalsympathien, ohne Herzblut, aber mit Verstand.

Was dieses Land so dringend braucht, ist Opposition, parlamentarisch wie außerparlamentarisch. Damit diese hörbar und spürbar wird, muss sie auch ausgeübt werden, auf der Straße und im Wahllokal. Aktiv werden in jeder Hinsicht ist angesagt, nicht heimliches Stimmzettel-Bemalen mit irgendwelchen Frustparolen, die eh nicht zählen!

Wolfgang Blaschka

 

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WiKa
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Beigetreten: 16.10.2010 - 23:42
Systemparteien verändern kein krankes System


Wer Systemparteien wählt, bekommt garantiert, was er NICHT will!


Deshalb noch einmal zur Klarstellung … ungültig wählen ist eindeutig nicht „nicht wählen”. Ungültig wählen ist die Abwahl aller Klüngelparteien mit Ansage. Und eine der Systemparteien wählen, dazu gehört inzwischen auch die Linke, bedeutet eben doch wieder seinen Metzger selbst zu inthronisieren.

Aller Redeschwall und Gleichsetzung mit Neonazi-Nichtwählern-wollen, Passiv-Erduldungswählern, Leck-mich-, alles-egal, wähl-nur-was-Wählern etc. ist da überhaupt nicht zielführend. Die nächste Stufe nach der bewussten und konsequenten „Nichtwahl” aller etablierten ist halt die Anarchie. Es ist sozusagen das letzte Mittel vor dem Sturm auf die Bastille.

Da mag man gerne unterschiedlicher Ansicht sein. Man kann es auch gänzlich zerreden, aber die tägliche Politpraxis belehrt uns doch immer wieder eines besseren. Sehen wir einmal in die Landtage wo die Linken bereits gegenwärtig sind, dann ruckt es dort auch nicht, im Gegenteil es kuschelt sich nett, weich und warm in Regierungskoalitionen … Hauptsache mitklüngeln, Ämter begleiten und mitverdienen.

Aus besagten Gründen sehe ich zur Zeit noch keine bessere Lösung, diesem System effektvoll die Zustimmung zu versagen. Die andere Alternative, wenn auch begrenzt, hatte ich ja beschrieben. Nur die Erststimme einem Parteilosen zu geben (bis der dann auch in irgendeinem Filzhaufen landet). Gut, vielleicht noch die Zweitstimme an irgendeinen Kaninchenzüchterverband, aber auch da bin ich mir nicht so sicher, dass die Stimme dann nicht wieder im Wege der Überhangmandate an die großen Player geht.

Ergo bleibt meine Meinung: ein fettes Kreuz quer über den gesamten Wahlzettel. Nach der Wahl sollten alle mal fein in Ihren Wahlkreisen nachfragen, wie viele ungültige Stimmen es gegeben hat. Und wenn die tatsächlich verschwinden in der Statistik, dann müsste man die Wahl anfechten, weil doch manipuliert, denn auch die ungültigen Stimmen müssten verlautbart werden. Auch Widerstand will ein wenig koordiniert werden, solange wir noch der trügerischen Hoffnung erliegen, in diesem System etwas verändern zu können.

Irgendwas zu wählen, auch die Linken, ist und bleibt nach meiner Überzeugung inzwischen völliger Quatsch. Erinnern wir uns doch noch mal eben an die jüngsten Avancen der Linken in Richtung der SPD … Hauptsache auch mal an den Trog kommen … vgl. wie vor: Linke in den Landesparlamenten.

Wilfried Kahrs

 

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Rehabilitierung der Ungültigwähler


Rehabilitierung der Ungültigwähler


Ich habe ja Verständnis dafür, wenn jemand ein Freund der Linken ist und für deren Wahl propagiert. Aber auf absolutes Unverständnis stoßen bei mir Diffamierungen von Leuten, die der Linken skeptisch gegenüber stehen und es vorziehen, andere Wege zu gehen. Es gibt nämlich andere Möglichkeiten, mit denen sich jeder einzelne ins gesellschaftliche und politische Geschehen einbringen kann, die mehr ins Gewicht fallen wie die Teilnahme an einer Wahl.

Die von Wolfgang Blaschka vorgebrachten Argumente sind zum großen Teil an den Haaren herbeigezogen. Was jedoch das schlimmste daran ist, er wirft engagierte Demokraten mit Fatalisten und sogar Antidemokraten in einen Topf. Das kann ich so nicht stehenlassen, weshalb ich die mir besonders gegen den Strich gehenden Aussagen Blaschkas gegenkommentieren werde:


[quote=Wolfgang Blaschka]„Versehentlich ungültig abgegebene Stimmen unterscheiden sich in nichts von absichtlich ungültig gemachten Stimmen. Und nicht abgegebene Stimmen eines Anarchisten in keinster Weise vom nicht abgegebenen Votum eines Nazis.“ [/quote]


Ob Stimmabgaben versehentlich oder bewußt ungültig sind, ist tatsächlich im Ergebnis nicht zu unterscheiden. Allerdings tragen beide dazu bei, einen Kontrapunkt gegenüber dem herrschenden Parteiensystem zu setzen.  Es sollte sich mittlerweile bei jedem aus langjähriger Erfahrung die Einsicht eingestellt haben, daß eine gültige Wahlstimme in unserem System der repräsentativen Demokratie an der Wahlurne tatsächlich „abgegeben“ und verloren ist.  Die mit der Stimmabgabe verbundene Absichtserklärung löst sich in der Mauschelprozedur der auf die Wahl folgenden Koalitionsverhandlungen und den undemokratischen parlamentarischen Gepflogenheiten in Nichts auf, bzw. die betriebenen politischen Konstellationen und Entscheidungen beinhalten sogar genau das Gegenteil der ursprünglichen Wahlintention.

Allerdings finde ich eine Formulierung, die Nazis und Gutmeinende über einen Kamm schert, gelinde gesagt unglücklich. Abgesehen mal davon, daß die Rechten ihre eigenen Parteien haben, die sie wählen werden und niemals auf die Idee kämen, eine ungültige Stimme abzugeben, ist für mich das entscheidende die Gesinnung  und Absicht der einzelnen Ungültigwähler, die m. E. durchaus als eine eindeutige Botschaft zu verstehen ist. Diese lautet: „Kein Weiter-so wie bisher , ohne mich. Die zur Wahl angetretenen Parteien und Politiker sind für mich inkompetent und unwählbar.“


[quote=Wolfgang Blaschka]

„Allein die Frage zählt, ob Du der real existierenden "Großen Koalition" der Bankenrettungspaket-Abnicker und Kriegsmandatierer für die nächste Legislatur etwas entgegensetzen willst oder nicht. Wer das nicht will, soll sich sein Gegreine und Gemoser ersparen, und sich und seiner Umwelt nicht vorgaukeln, er denke politisch. „

„Zugegeben: Politisch gedacht bleibt nicht viel Auswahl, sondern eigentlich nur eine Möglichkeit: Diejenige Kraft im Parlament zu stärken, die konsequent gegen Krieg und Sozialkahlschlag, gegen Umverteilung von Unten nach Oben das Maul aufmacht und mit gezielten Anträgen und parlamentarischen Anfragen die Regierenden zumindest zwingt die Hosen herunterzulassen …“
[/quote]


Ich kann nicht abstreiten, daß die Linke sich noch in einigen Punkten ihres Wahlprogramms und auch in ihren bisherigen Strategien von den übrigen Parteien unterscheidet. Aber man sollte auch nicht übersehen, daß auch die Linke sich immer mehr zu einer Anpasserpartei  entwickelt, die ebenfalls in Richtung Mitte drängt, wo die fetten Tröge zu finden sind. Die vielen aus den Gewerkschaften oder der SPD stammenden Funktionäre und Emporkömmlinge, die oftmals aus der ehemaligen WASG kommen, streben vorwiegend – wie in den anderen Parteien auch - nach Posten und Macht. Wenn es um persönliche Vorteile geht, dann werden Prinzipien allzu leicht über Bord geworfen. Wenn ich mir die Intrigen anschaue, mit denen die WASG im Zuge des Zusammenschlusses mit der PDS zur Linken Partei gearbeitet hat und die unschönen innerparteilichen Kontroversen der letzten Jahre, so fehlt mir das nötige Vertrauen in die Linke.

Die Linke als politische Alternative, das war für mich vor einigen Jahren tatsächlich noch eine Hoffnung, die sich aber zusehends selbst zerbröselt hat. Die Alternativlosigkeiten in der deutschen Parteienlandschaft, die die Menschen vor die Wahl von Pest oder Cholera stellen, haben bei vielen zu Resignation und politischer Apathie geführt. Andere – wie ich z. B. – haben sich nicht entmutigen lassen und suchen nach anderen Wegen, um eine Änderung des herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems herbei zu führen. Jedenfalls halte ich es für arrogant, mir oder anderen vorzuwerfen, die nicht die Linke wählen wollen und sich für das Ungültigwählen entschieden haben, wir seien unpolitische Greiner und Moserer.


[quote=Wolfgang Blaschka]

„Allein die Existenz der Partei DIE LINKE hat dazu geführt, dass jetzt plötzlich alle Parteien schon immer Mindestlöhne gefordert haben wollen.“[/quote]


An diesem einen Beispiel läßt sich die Position der Linken im Vergleich zu den anderen Parteien einordnen. Während andere Parteien wie die SPD sich bei einem Mindestlohn von 8,50 € bewegen, hat sich die Linke immerhin dazu aufgerafft, satte 10 € zu fordern. Dies ist aber ein Satz, der vom Netto her nicht viel über dem Hartz IV angesiedelt ist und zu einer Altersrente führt, die höchstwahrscheinlich staatliche Transferleistungen nötig macht. Wenn ich einmal auf der Basis der Lohnsteuerklasse 1 und von einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 170 Std./Monat ausgehe und den Nettolohn umrechne, dann ergibt sich folgendes Bild:


10 € Mindestlohn:    1170 €

12 € Mindestlohn:    1370 €

15 € Mindestlohn:    1640 €


Selbst 12 € Mindestlohn reicht bei einer hohen Miete, bei Unterhaltung eines Autos und den übrigen anfallenden Lebenskosten nicht für eine auskömmliche Lebensführung. Bei der Produktivität unserer Wirtschaft ist es eine Schande, daß nicht mindestens 15 € als Mindestlohn ernsthaft zur Diskussion stehen. Wo bleibt denn hier die Linke, um dies kompromißlos einzufordern?

[quote=Wolfgang Blaschka]

„Wahlenthalter und Nichtwähler tragen nichts zum prozentualen Ergebnis bei, sie verändern nichts. Selbst wenn sich jemand ernsthaft fragen wollte, was die denn wirklich wollten, er könnte es niemals ergründen, selbst mit bestem Willen nicht. Im Ergebnis haben sie nichts anderes "gewählt" als die Mehrheit. Ihre Nichtstimmen kommen den jeweils stärksten Parteien zugute, rein rechnerisch.“[/quote]


Die Behauptung, daß Wahlenthaltungen nichts zum prozentualen Ergebnis beitragen, nichts ändern und die Stimmen auf die anderen Parteien aufgeteilt werden, ist schlicht und einfach falsch! Ich weiß nicht, wovon Wolfgang Blaschka spricht, wenn er den Wahlenthaltern einen eigenen Willen oder gezielte politische Absichten abspricht. Ich jedenfalls habe im KN an den verschiedensten Stellen meine Absichten und die Hintergründe für mein Verhalten klar dargelegt. Und ich erwarte, daß meine Meinung mindestens genauso respektiert wird, wie diejenige von Andersdenkenden.  


[quote=Wolfgang Blaschka]

„Solcherart ‚Partizipation‘ führt in keiner denkbaren Gesellschaftsordnung zu irgend etwas, in dieser schon gar nicht. Weder den Staat noch das Kapital kratzt es, wenn sich jemand absichtlich stumm macht und seinen politischen Willensausdruck für sich behält.“ „Wer gar nichts isst und trinkt – aus Verärgerung oder Verzweiflung über was auch immer – wen kümmert's? Wer nicht leben will, darf gern verhungern. Ein Unzufriedener, der sich raushält und selbst entsorgt, stört die Herrschaften gar nicht.“[/quote]


Zunächst einmal glaube ich nicht, daß das System achtlos ungültige Stimmen ignorieren könnte, die Anteile von 50 % oder mehr ausmachen. Der dadurch ausgeübte gesellschaftliche Druck wäre so gewaltig, daß selbst die hartgesottensten Politiker und auch das um den Konsumenten besorgte Kapital nicht an Zugeständnissen vorbei käme. Darüber hinaus hinkt der Vergleich des Ungültigwählers mit einem, der nichts ißt oder trinkt, gewaltig! Kritische Bürger, die sich nach reiflicher Überlegung zum Ungültigwählen entscheiden, sind das genaue Gegenteil von Menschen, die sich aus allem heraushalten und sich als willenloses Wahlvieh abschlachten lassen: Sie sind in der Regel Menschen, die sich in der Gesellschaft engagieren und Veränderungen ins Rollen bringen wollen.


[quote=Wolfgang Blaschka]

„Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wer nicht wählt, hat hinterher schon zweimal keine Wahl. Er muss nehmen, was andere beschlossen und wieder andere ausgehandelt haben.“  „Was dieses Land so dringend braucht, ist Opposition, parlamentarisch wie außerparlamentarisch. Damit diese hörbar und spürbar wird, muss sie auch ausgeübt werden, auf der Straße und im Wahllokal. Aktiv werden in jeder Hinsicht ist angesagt, nicht heimliches Stimmzettel-Bemalen mit irgendwelchen Frustparolen, die eh nicht zählen!“[/quote]


An diesen Kommentierungen gefallen mir die beiden Sätze am besten: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ und „Aktiv werden in jeder Hinsicht ist angesagt …“ Diesen Aufruf kann ich nur unterstützen. Aber ich muß mich wiederholen – ungültig wählen bedeutet keinesfalls, nicht zu wählen. Hier unterliegt Wolfgang Blaschka einem Denkfehler. Und es verhält sich nach meiner Ansicht so, daß gerade die Gültigwähler das hinnehmen müssen, was andere beschlossen und ausgehandelt haben – und nicht umgekehrt! Braves und vorschriftsmäßiges Ankreuzen auf dem Wahlzettel,  genau das ist es, was ich mir unter heimlichem und unwirksamem Stimmzettel-Bemalen vorstelle!

Ebenfalls kann ich der Aufforderung nach Schaffung einer effektiven Opposition voll zustimmen. Allerdings sollte man die außerparlamentarische Opposition nicht vergessen, die in diesem Lande erst einmal gestärkt, gebündelt und organisiert  werden müßte. Für mich steht eines fest: Der Bürger hat auf der Straße, in Bürgerinitiativen, als Arbeitnehmer in der Firma, in Vereinen, in Religionsgemeinschaften, in Freundes- und Bekanntenkreis, als Lehrer in den Schulen, als Dozent und Professor an den Hochschulen, als Journalist und Autor, als Aktivist in Selbsthilfe- und außerparteilichen politischen Organisationen oder als gesellschaftspolitisch Tätiger im Internet in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken wesentlich mehr Einflußmöglichkeiten als ein bloßer Wähler.

Dabei habe ich die wirksamste Form der gesellschaftspolitischen Gestaltung noch nicht erwähnt: die als Konsument und Verweigerer all dessen, was die kapitalistische Gesellschaft zum Funktionieren braucht. Damit können wir auf die Dauer das System unterminieren und sinnvolle Reformen in Gang bringen. Jeder besitzt Möglichkeiten des Einbringens, der eine mehr, der andere weniger. Der grundlegende Ansatzpunkt ist man selbst – das eigene Verhalten, mit dem man als Vorbild agieren kann. Als Rüstzeug benötigt man aber eine ausreichende Portion Motivation, Zivilcourage und Einsatzfreude. Alle Menschen sind auf Solidarität angewiesen – diese Erkenntnis wird sich eines Tages wieder durchsetzen! Ich fürchte allerdings, das wir dazu ein wenig Geduld üben müssen.


MfG Peter A. Weber

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Historisch-materialistisch denken, taktisch wählen!


Historisch-materialistisch denken, taktisch wählen!
 
Wer das Wahlrecht nicht nutzt oder bewusst wegschmeißt, landet politisch vor 1848


Lieber Peter A. Weber u. Mitlesende

der Sinn meiner Kommentars war nicht, engagierte und selbstdenkende Leute wie Dich mit allerlei trüben Dumpfbacken, hirnrissigen G'schwollschädeln oder antidemokratischen Figuren in einen Topf zu werfen, sondern eine dringend notwendige Diskussion in Gang zu setzen, um den Stellenwert und die Funktion von Wahlen in der bürgerlichen Demokratie, was ja dank Deiner Mithilfe auch gelungen ist.
 
Diese Regierungsform der demokratische Bemäntelung der Kapitalherrschaft wird gern totgesagt. Doch wie man weiß: Totgesagte leben länger. Ginge es nach den diversen Prognosen, wäre der Kapitalismus und mit ihm seine "normale" Herrschaftsform der parlamentarischen Demokratie längst am Ende, mehrfach schon. Bisher ist aber nur abzusehen, dass die Demokratie durch gezielte Aushöhlung und Untergrabung langsam, beinahe unmerklich, dahinschwindet, während sich das ökonomische Lohnarbeitssystem umso strammer und scheinbar gut gesichert im Sattel hält, sogar expandiert und sich bis in den letzten Winkel der Erde ausbreitet, notfalls mit blanker Gewalt. Es gilt also, dem politisch entgegenzuhalten: Die Demokratie muss tatsächlich eine werden und der Kapitalismus in seine Schranken gewiesen werden, bis er durch eine andere Wirtschaftsordnung abgelöst wird. Ohne umfassende, tatsächliche, nicht nur auf "Stimme-Abgeben" beschränkte Demokratie ginge das nämlich gar nicht, es sei denn durch Putsch, Terror oder Bürgerkrieg.
 
Mit allgemeiner Konsumverweigerung gewiss auch nicht, denn dann sucht sich die Wirtschaft eben Märkte außerhalb (und findet sie tatsächlich in den aufstrebenden Schwellenländern), zumal die Inlandsnachfrage angesichts tendenziell sinkender Löhne ohnehin schrumpft. Enthaltung beim politischen Willensausdruck hieße da nur, den Mund zu halten bei Wahlen, sich ein Pflaster über den Mund zu kleben, quasi kreuzweise. Alles kein guter Ersatz für das, was tatsächlich nötig ist: Heranzukommen an eine wirkliche gesellschaftliche Umwälzung, vulgo Revolution. Die allgemeine Politisierung der Bevölkerung, die praktische Verstärkung ihrer kämpferischen Bereitschaft zur Einflussnahme auf die öffentlichen Dinge und ihre Radikalisierung zur Selbstermächtigung erforderte doch wohl eher offensiv Stellung zu beziehen, setzte auf die Tagesordnung, mehr Menschen zu ermuntern "dagegen" zu votieren, zu protestieren, im Alltag Widerstand zu leisten gegen die gröbsten Zumutungen, hieße die Herrschenden herausfordern, sie zu Zugeständnissen zu zwingen, die systemerhaltenden Parlamentsparteien nach links und vor sich her zu treiben anstatt sie nur nicht zu bestätigen, ihnen persönlich die "Legitimation" zu verweigern. Als ob sie sich um unseren Segen scherten! Als ob sie nicht schamlos und eiskalt auch gegen zwei Drittel der Wahlberechtigten regieren würden!
 
Selbst wenn nur noch dreißig Prozent der Wahlberechtigten zur Urne schritten, wählte dennoch diese Minderheit allemal 100 Prozent des Bundestages (plus eventuelle Überhangmandate). Die "Macht" der Ungültig-Wähler und ihr Einfluss blieben bei Null, selbst wenn sich die Presse extrem besorgt zeigen würde ob der massenhaften Abstimmungs-Abstinenz, die Regierung Werbefeldzüge einleiten und die Bischöfe Bittgottesdienste für mehr Wählerbeteiligung abhalten lassen würden. Ich sitze da keinem Denkfehler auf, und kann sehr wohl unterscheiden zwischen gar nicht wählen, ungültig wählen und aussichtslos wählen, also "Stimme verschenken". Ich kann sogar panaschieren und kumulieren; das mache ich auch manchmal bei Kommunalwahlen, wo es mehr um die Einzelkandidaten geht. Aber die Hälfte der Zusammensetzung des Bundestages wird nun mal durch die Zweitstimme festgelegt, anteilig nach Listenaufstellungen. Da beißt weder die Maus noch der wackere Erststimmenvergeber einen Faden ab. Wenn Du also tatsächlich einen einsamen Kandidaten deines Vertrauens finden solltest (etwa Christian Ströbele in Berlin, diesen tapferen roten Leuchtturm inmitten des olivgrünen Sumpfs) und du ihn tatsächlich wählen könntest, noch kurz bevor auch er noch korrumpiert wird, dann frage ich: Was wird aus der Zweitstimme, die du vergeudest oder spaßhalber der Partei "Die Partei" in den Rachen wirfst? Die verschwindet zwar absolut, aber nicht relativ. Prozentual wirkt sie, wenn auch unberücksichtigt, eben doch, und zwar so, als hättest du alle vertretenen Parteien gleichermaßen gewählt, entsprechend dem Proporz des tatsächlichen Wahlergebnisses. Hätten die "Nicht-Stimmen" tatsächlich ein Gewicht, blieben die meisten Parlamente zur Hälfte unbesetzt. Der Witz ist aber, dass die Sitze nach Abgabe der gültigen Stimmen verteilt werden, und seien es noch so wenige. Prozentual kommt die Nicht-Stimme (anteilsmäßig am meisten) der stärksten Partei zugute. Wenn sie der LINKEN fehlt, also den anderen Parteien. Du hast mit deiner Ungültigwählerei letztlich die CDU gestärkt, ob du das nun wahrhaben willst oder nicht. Dazu mag ich nicht einmal satirisch gratulieren. Zu traurig.
 
Die ganze Theorie, dass man durch gezieltes Unterlassen einer gültigen Stimmabgabe irgendeinen politischen Einfluss nehmen könnte (sei es auf die Wahl selbst oder auf den parlamentarischen Betrieb insgesamt), zielt ins Leere. Weder wird dadurch die Wahlveranstaltung unglaubwürdig noch das Votum illegitim. Was brächte es denn, wenn verkündet würde, dass soundsoviel Leute absichtlich nicht oder aus Protest ungültig gewählt haben? Großes Rätselraten ("warum wohl?") darfst du nicht erwarten. Aber selbst wenn: Die Debatten über grassierende Politikverdrossenheit und "alarmierend geringe Wahlbeteiligungen" kennen wir doch zur Genüge. Ihr Informationswert erschöpft sich darin, dass wieder einmal das drohende Ende oder zumindest der Notstand der Demokratie prognostiziert wird. Ganz im Sinne derer, die nichts anderes schon immer wollten und nur darauf warteten, bis sie endlich besorgt verkünden könnten, dass mangels breiterer Beteiligung der Bevölkerung der Bundestag geschlossen und die Diätenzahlungen eingespart, die nächsten Wahlen "bis auf Weiteres verschoben" und das Land wegen vorübergehender "Unregierbarkeit" dem Sicherheitsausschuss, einer Notregierung aus Militärvertretern, Polizeigenerälen und Nachrichtendiensten, einem obskuren nebenparlamentarischen Technokratengremium oder gleich direkt dem Finanzdirektorium der tonangebenden Banken- und Versicherungskonzerne unterstellt werden müsse. Irgend jemand muss sich doch "kümmern", wenn das Volk schon nicht mehr mag. Welch dröge Perspektive, würde das zur allgemeinen Maxime des Handelns geworden sein, sich einfach zu verweigern! Politischen Fortschritt darfst du davon nicht erwarten. Perspektive hätte das, wenn überhaupt, die falsche.
 
Wahlboykott (darum geht es im Kern) mag in gewissen historischen Situationen durchaus berechtigt sein, wenn es etwa darum geht, unter Besatzungsrecht eingefädelte Scheinwahlen als solche zu entlarven, eine von außen eingesetzte Marionettenregierung zu Fall zu bringen oder einem autoritären (Militär-)Regime die Zustimmung ostentativ und massenhaft zu verweigern. Aber selbst die Enthaltung vieler Revolutionäre der Münchner Räterepublik bei den Landtagswahlen 1919 hat nichts gebracht außer ein marginales Ergebnis von zwei Prozent für die USPD und den konterrevolutionären Triumph der Bürgerlichen, denen selbst dieser noch nicht genügte: Sie mussten den Ministerpräsidenten Kurt Eisner auch noch umbringen lassen (durch Graf Arco), gerade als er auf dem Weg zum Landtag war, um seinen Rücktritt einzureichen. Damit konnte die Reaktion auch noch ein Votum vorweisen für ihre blutige Beendigung des "sozialistischen Experiments".
 
Nun leben wir gewiss nicht in solch aufgewühlten Zeiten, und da macht das Nicht- oder Ungültigwählen noch weniger Sinn. Denn es zementiert "bestenfalls" massenhaften Frust, ohne ihm eine Richtung zu weisen. Es ist so etwas wie kollektive "Ratlosigkeit" ohne Räte, ein privat abgelegter "demokratischer Offenbarungseid". Nichts Vorwärtsweisendes jedenfalls. Die Aussage bleibt nichtssagend vage: "Macht doch Euern Scheiß alleine, ich klink' mich da aus". Mehr ist aus einem durchgestrichenen Stimmzettel nicht zu ergründen.
 
Ist das ein politisches Programm, befördert das eine inhaltliche Aussage? In irgendeine Richtung? Zu einer emanzipativen Lösung des Dilemmas vielleicht gar? Mitnichten! Das wäre rein defensiv, beinahe resignativ angesichts der skizzierten Notwendigkeiten. Leider war es bisher immer so, dass die überfälligen großen Umwälzungen erst nach den gigantischen Katastrophen kamen, erst dann, wenn es gar nicht mehr anders ging, wenn die Mächtigen komplett desavouiert und ohnmächtig im Staub lagen und gegenüber auswärtigen Mächtigen kapitulieren mussten. Dann bewegte sich die Geschichte etwas ruckhaft um einen Zahn weiter. In Deutschland jedenfalls war es zweimal so nach den Weltkriegen, unter grausam erschwerten Bedingungen.
 
Darauf zu warten wäre zynisch. Davor zu warnen und dagegen "mobil zu machen", bevor der Worst Case eintritt, ist mühsam und findet wenig Gehör. Dennoch war und ist die zerstörerische Entwertungs-Option zur Krisenbewältigung immer noch und immer wieder im strategischen Standard-Repertoir der Herrschenden, schon um gesellschaftliche Werte zu vernichten und "hungrige Mäuler" zu dezimieren, Wiederaufbau-Bedarf zu schaffen, das Geld zu entwerten (nicht aber die Besitztitel und Grundbucheintragungen) und eine neue Runde der Kapitalakkumulation einzuläuten. Noch finden diese Feldzüge an der "Peripherie" statt, doch die globalen Widersprüche spitzen sich zu, sie werden nicht geringer. Neue Konkurrenz erwächst im Osten, die zerstörerische Kriegskarawane zieht bereits perspektivisch dorthin. Das alles nicht mehr im Zeichen von "Systemkonkurrenz", sondern jetzt im Wettstreit mit echten Kapitalisten. Die Gefahr einer "Sicherheits-Diktatur" (eines "zeitgemäßen" Faschismus unter dem Etikett Terrorabwehr) ist nicht von der Hand zu weisen. In dieser Lage dem Parlamentarismus schnöde ade zu sagen und ihn freiwillig jenen Kräften zu überlassen, die ihn bereits heute absehbar letztlich bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln oder gar abschaffen wollen, ist schon ziemlich hilflos. Das kommt politischer Kapitulation und Innerer Emigration gleich. Zu früh!
 
WiKa schrieb: "Die nächste Stufe nach der bewussten und konsequenten „Nichtwahl” aller etablierten ist halt die Anarchie. Es ist sozusagen das letzte Mittel vor dem Sturm auf die Bastille." Naja, wenn Träumerei zum Maßstab politischen Handelns werden soll, dann könnten wir uns einfach ins Bett legen und uns bis dahin nochmal umdrehen. Der Kanonendonner würde uns schon aufwecken. Dürfte dann aber der falsche sein.
 
Es ist müßig von revolutionären Situationen zu träumen, wo noch nicht einmal der Anflug einer größeren Unzufriedenheit oder gar allgemeiner Empörung zu erspüren ist. Wo die Mehrheit der Wählerschaft noch an Muttis Hosenanzugsbeinen hängt und sich von selbst ernannten Volkspsychologen erklären lässt, was es mit der Attraktion von Frau Merkel als der Idealverkörperung der "alleinerziehenden Mutter" (streng, aber gerecht, kümmernd, umsichtig, geduldig und irgendwann doch ein Machtwort sprechend) auf sich hat. Allein, mit Wählerbeschimpfung kommen wir hier nicht weiter, und mit den Begriffen aus der Psychopathologie zu jonglieren ("schizophren") ist sogar gefährlich, wenn's um ein ganzes Staatsvolk geht. Damit ist es übrigens auch nicht getan. Selbst wenn "die Deutschen" komplett verrückt wären bis auf wenige löbliche Außer-, Unter- oder Überdeutsche, wären da noch die Italiener, die Franzosen oder Belgier. Letztere waren indes so wahnsinnig "reif", über Monate gar keine Regierung zu haben, das ging auch. Dem nationalistischen Zwist zwischen Flamen und Wallonen hat das aber nicht den Boden entzogen, der schwelt unterschwellig weiter.
 
Stimmverweigerung mag der eigenen Psychohygiene nutzen, sich mal so richtig auszukotzen über seine lethargischen Mitmenschen, sollte aber nicht zu Überheblichkeit aus Verzweiflung führen. Ist doch wohl klar: Noch partizipiert dieses Land partiell von der Eurorettungs- und Sparpolitik, das es dem südlichen Europa aufzwingt, und der Export brummt noch so einigermaßen, wenn auch zunehmend vor stotternden Stör- und Klingelgeräuschen knatternd. Die deutschen Exportüberschüsse glätten vorübergehend noch die Bilanzen der Konzerne und erhöhen vorerst noch die Steuereinnahmen. Das lässt den offenen und allgemein spürbaren Wiederausbruch der längst nicht überwundenen Krise nur erahnen, wenn auch ziemlich sicher erwarten. Denn es hat sich ja nichts wesentlich geändert, die nächste Blase bläht sich auf. Von Unruhe oder Aufbegehren indes fehlt noch jede Spur! Und wenn, dann zielten sie eventuell in die falsche Richtung, in die nationalistische. Die rechten Populisten stehen längst parat, ihr bräunliches Süppchen zu kochen.
 
Wir sollten uns also nicht kurz vor dem Sturm auf die Bastille wähnen und das Anbrechen, Ausbrechen oder Hervorbrechen einer herrschaftslosen Zeit erträumen, noch ehe nicht einmal sozialistische Verhältnisse im Ansatz absehbar sind, also Vergesellschaftung der Großindustrie möglich geworden sein könnte. Schon Karl Marx und Friedrich Engels haben sich von der Euphorie des Vormärz dazu hinreißen lassen, den Vorabend der sozialistischen Revolution gekommen zu sehen und jederzeit erwarten zu können. Was dagegen kam, war eine halbherzige bürgerliche Aufwallung, die umgehend verraten und schmerzhaft zurückgedreht wurde.
 
Das Bürgertum hatte anderes vor als dem aufständischen Proletariat den Vortritt zu lassen, es verbündete sich lieber mit der Reaktion, mit altem Adel und Krautjunkern. Es folgte die lange, lähmende Phase innerer Emigration ins Private des Biedermeier. Manchmal kommt es einem so vor, als lebten wir derzeit in solch einem Rückwärtspendelschlag der Geschichte. Da vergisst man dann allzu leicht, dass für das Wahlrecht auf den Barrikaden gestorben wurde, dass es mit Blut erkämpft werden musste. Und dass es erst der Novemberrevolution bedurfte, um es auch den Frauen zu eröffnen. Und du, lieber Peter, willst es nun mit schalen Begründungen ganz wegwerfen und vergessen. Entschuldige, wenn ich es so hart sagen muss: Das ist abgründig ahistorisch, absolut unpolitisch und sowas von überhaupt nicht "fortschrittlich", dass es mir richtig weh tut, es von Dir und Deinesgleichen hier so dezidiert lesen zu müssen. Wir sind doch keine dick überfressenen Riesenbabys, die ihr Breichen angewidert wegschmeißen, weil es ihnen zu fad schmeckt. Wir können doch nachwürzen, oder? So übermäßig verwöhnend und sättigend sind wir von demokratischen Verhältnissen nun auch wieder nicht umweht, dass wir diese aus Überdruss so locker verkleckern könnten.
Es ist weder anarchistisch noch kommunistisch noch sozialistisch noch radikaldemokratisch noch libertär noch irgendwas sonst. Es ist nur einfach unsäglich geschichtsvergessen, privatistisch und moralisch-ethisch gedacht, sich nicht die Finger beschmutzen zu wollen an dreckiger Wirklichkeit. Wer seine Rechte nicht nutzt, dem kommen sie abhanden. Wer sie freiwillig abgibt, hat sie nicht verdient. Ich bin ja froh, dass Du mir recht gibst bezüglich der außerparlamentarischen Aktivitäten. Nichts anderes sagt DIE LINKE übrigens auch. Dass sich deren Kandidaten jedoch wählen lassen, um nur ja an die Fleischtöpfe zu gelangen, halte ich für ein unzutreffendes Gerücht aus der abgestandenen Propagandaküche bürgerlichen Feuilletons.
 
Beneiden tu ich die Abgeordneten der LINKEN allesamt nicht. Sie werkeln und machen und tun, geistern wie Parias durch die Gänge des Paul-Loebe-Hauses, scheitern permanent mit ihren Anträgen und gelten als generell nicht regierungsfähig (solange sie militärische Auslandseinsätze kategorisch ablehnen, was sie bislang jedenfalls konsequent getan haben). Schon das macht sie zum Störfaktor der ansonsten einhelligen Kriegspolitik, und damit wertvoll für alle friedliebenden Menschen, die zwangsläufig in Widerspruch geraten müssen zu dieser Art von Machterhaltung für die paar Wenigen, welche Kapital und Einfluss haben.
 
Sie machen das, was die Partei August Bebels vor 150 Jahren gemacht hat, und was heute immer noch unabdingbar ist, wenn wir nicht in einem Strudel der Barbarei untergehen wollen: Sie kämpfen für die Ziele der damals noch revolutionären Sozialdemokratie, für den Demokratischen Sozialismus. Die SPD hat sich und die sie tragende Arbeiterbewegung längst verraten, diese Lücke füllt DIE LINKE heute aus, ergänzt um einige weltpolitische Erfahrungen, die seitdem zu machen waren, weitgehend auf marxistischer Grundlage. Sie setzt auf die Verbindung von parlamentarischem und gesamtgesellschaftlichen Kämpfen. Das ehrt sie.
 
Entsprechend bekommt sie auch keine Spenden von der Großindustrie. Mehr darfst du von einer linken Parlamentspartei unter gegebenen Bedingungen grundsätzlich kaum erwarten, wenn du dir keine Illusionen über das System machen willst, was Du ja nicht tust. Ich finde, das reicht schon für den Zweck, wofür wir sie im Bundestag so nötig brauchen: Der Antikriegs- und Friedensbewegung und allen anderen sozialen und kapitalismuskritischen Bewegungen und Initiativen eine Stimme im "Hohen Hause" zu verleihen, die von außen wahrgenommen wird auch von Menschen, die beispielsweise das Kritische Netzwerk oder andere oppositionelle Publikationen gar nicht kennen, geschweige denn regelmäßig zur Kenntnis nehmen würden.
 
Wenn wir uns zu fein sind, dieser Partei unser Votum zu geben, dann schmoren wir eben weiter in unseren vereinzelten alternativen publizistischen Nischen, streiten uns um Wahltaktiken und wundern uns, warum alles so zu bleiben scheint wie es ist. Tut es freilich gar nicht. Es geht immer weiter, und ich bin sicher, dass es auch wieder aufwärts geht für die politische Linke insgesamt, vielleicht schneller als wir darauf vorbereitet sein werden. Dann brauchen wir ein organisatorisches Rückgrat, innerhalb und außerhalb der Parlamente, genauso wie wegweisende Internet-Blogs und Foren und darüber hinaus noch ganz andere Strukturen, die es erst zu finden gilt. Doch eines ist sicher: Dieses Datum steht nicht rot angestrichen im Kalender. Nehmen wir also, was wir haben, und schaffen wir Neues dazu, anstatt auf alles zu verzichten, was nicht der "reinen Lehre" entspricht oder den eigenen hohen Ansprüchen genügt! Das wäre alles andere als "politisch korrekt". Es wäre zu dumm. Und machte geschichtlich keinen Sinn.
 
Wer in erster Linie "sauber" sein und sein Gewissen "rein" halten will, sollte sich von Politik generell fern halten. Er soll aber bitte nicht so tun, als wäre seine "Strategie" eine politische. Sie ist nämlich gar keine Strategie, weder politisch noch sonstwie gesellschaftsrelevant. Sie führt nirgendwo hin, weil sie inhaltsleer bleibt. Ein leerer oder durchgestrichener Stimmzettel ist einfach so gut wie nichts. Er "hilft" ausschließlich privatim zur Selbstberuhigung. Ich will doch hoffen, dass Du nicht zu diesen spießbürgerlichen Privatiers gehörst, die im Elfenbeinturm sitzen und auf bessere Zeiten warten wollen, die andere erkämpfen. Dazu scheinst Du mir doch zu aktiv und zu ambitioniert, soweit ich Deine Beiträge interpretiere. Gib Dir einen Ruck, Genosse! Je gestärkter DIE LINKE auftreten kann, desto schwerer haben es die Rechten uns weitere vier Jahre straflos zu verarschen. Desto mehr Erkenntnisse und Kampferfahrungen können gesammelt und vermittelt werden. Auf der Straße, in Betrieben, Behörden, in Schulen und Hochschulen, auf dem Land ebenso wie in den Städten, und eben auch im und übers Parlament.
 
Es geht nicht um ein "kleineres" Übel. Es geht um das große Übel, gegen das es den kleinen, aber doch immerhin vorhandenen Hebel anzusetzen gilt. Wenn nicht mit der LINKEN, womit denn dann?! Hast Du da noch eine mir unbekannte Geheimorganisation in petto? Mit angewidertem Abseitsstehen geht garantiert nichts. Zusehen, wie andere das "Weiter-so" wählen und in sich hinein grummeln geht gar nicht. Das wäre freilich das größte Übel, welches dazu auch noch leicht vermeidbar ist. Per Briefwahl sogar von zu Hause aus. Natürlich ist es damit längst nicht getan. Aber noch weniger getan ist mit Stimmverweigerung.

Lieber Peter A. Weber, ich verstehe Deine Ratlosigkeit umso besser, je mehr ich die Frage, wen oder was man denn überhaupt noch guten Gewissens wählen könne, nicht nur von Dir zu hören bekomme. Wann immer ich damit konfrontiert werde gelegentlich beliebiger Geselligkeiten, mutiere ich automatisch zum Verteidiger der LINKEN, obwohl ich nicht Mitglied dieser Partei bin. Neulich wollte mich jemand sogar dafür in Haftung nehmen, dass bei Regen immer die Gullydeckel überlaufen; DIE LINKE im Stadtrat solle doch im Bezirksausschuss dafür oder dagegen bitteschön endlich einmal was unternehmen! In den Niederungen der Kommunalpolitik geht es wenigstens noch um praktische Alltagsbelange. Bezüglich der Landes- und Bundespolitik handelt es sich meist um ethische Fragen: Wie kann denn DIE LINKE die Hartz-IV-Gesetze mittragen oder umsetzen? Häää? Tut sie das? Sie kämpft doch dagegen, speziell gegen die Sanktionen. Aber ist sie denn nicht in manchen Bundesländern in der Regierung (gewesen), ohne sie abzuschaffen?!
 
Heiliger Bimbam, das erinnert mich an die Sprüche aus den 70-er Jahren, die SPD sei am schlechten Wetter schuld. Da konnte Klaus Staeck immerhin noch mit seinem berühmten Plakat kontern: "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen". Man konnte zumindest schmunzeln über derlei hanebüchenen Abwegigkeiten. Heute wäre das nicht mehr lustig. Inzwischen zieht die SPD-Agenda 2010 den Arbeitslosen erst mal die Hosen runter, bevor sie ihnen kärgliches ALG II zuerkennt. Dafür steigen die Ansprüche an DIE LINKE. Sie soll machen, dass alles anders und natürlich besser wird, aber wählen will man sie nicht oder nur unter erheblichen Bauchschmerzen und mit Vorbehalten. Als müsse man nicht selbst aktiv werden, wenn es im Magen grummelt. Die Einwände reichen von der Kritik an einzelnen Personen bis hin zu antikommunistischen Klischees. Der Witz daran: Die Rechten und die konservativen Wähler sind von derlei hohen moralischen Ansprüchen weit entfernt. Sie leihen ihre Stimme schon mal dem wackelnden Koalitionspartner, sie nehmen die krassesten Skandale hin wie nichts, damit nur alles beim Alten bleibt. Es wäre auch zu vertrackt, wenn sie von ihren Parteien und Politikern so etwas wie Anstand erwarten würden, Ehrlichkeit oder gar ein Minimum an Vernunft, da wären sie ziemlich aufgeschmissen. Die betrachten den Staat als Selbstbedienungsladen und sehen ihn letztlich nur als Garanten ihrer Eigentumsordnung. Damit liegen zumindest die Gutsituierten nicht ganz falsch. Etwas anderes wollen sie ja nicht. Die haben's leicht.
 
Wir, die wir's anders haben wollen, haben's da schwerer. Wir wollen ja was verändern, und sehen uns damit konfrontiert, dass die Gegenseite bereits Veränderungen vorgenommen hat in genau die entgegengesetzte Richtung. In manchen Fragen werden wir also zu Verteidigern eines Status Quo Ante, etwa von Rechten, die schleichend ausgehöhlt und eingeschränkt, eines Common Sense, der längst über Bord geworfen und von Standards, die abhanden gekommen und als unzeitgemäß verworfen wurden, sei es in der Kriegsfrage, sei es bezüglich sozialer Belange. Seit 1989 ist für gesellschaftlichen Fortschritt die vorherrschende Tendenz die Defensive. Deine grundsätzliche und völlig berechtigte Kritik daran trifft dann eben auch DIE LINKE gleich mit. Das ist mit Verlaub gesagt etwas schlicht gedacht. Weil es die Falschen trifft. Und eigentlich Deine Anliegen gleich mit. Du packst alle in einen Sack und haust drauf, und triffst damit auch die Opfer und Deinesgleichen. Ich halte das für falsch, aber auch für leicht einsehbar. Daher will ich noch auf einige Deiner Argumente eingehen, die ich im fortlaufenden Gedankengang nicht oder nur nebenbei angesprochen habe.

Du schriebst: "Es sollte sich mittlerweile bei jedem aus langjähriger Erfahrung die Einsicht eingestellt haben, daß eine gültige Wahlstimme in unserem System der repräsentativen Demokratie an der Wahlurne tatsächlich „abgegeben“ und verloren ist." Nun, Dein nicht abgegebenes Votum ist von vornherein verloren, es wird gar nicht erst gültig und somit zählbar abgegeben, folglich auch nicht erhoben und also keinesfalls gehört. Deine schöne, von jeglicher inhaltlichen Aussage rein gehaltene Nicht-Stimme fällt ganz einfach unter den Tisch. Unter politischer Artikulation stelle ich mir was anderes vor.
 
Und: "Die mit der Stimmabgabe verbundene Absichtserklärung löst sich in der Mauschelprozedur der auf die Wahl folgenden Koalitionsverhandlungen und den undemokratischen parlamentarischen Gepflogenheiten in Nichts auf, bzw. die betriebenen politischen Konstellationen und Entscheidungen beinhalten sogar genau das Gegenteil der ursprünglichen Wahlintention." Dass DIE LINKE in eine Koalition eingebunden würde, sollte selbst einem phantasiebegabten Menschen wie Dir abwegig erscheinen. Da kannst Du beruhigt sein. Du darfst Dich in diesem Fall ganz auf die SPD verlassen. Eher macht sie den Steigbügelhalter für Merkel als dass sie eine strategisch vorhandene "linke" Mehrheit nutzen würde. Dann müsste sie ja eine irgendwie ansatzweise linke Politik machen. Traust Du sowas Herrn Steinbrück zu? Pfui, Du Schuft!
 
Du schriebst weiterhin: "Die Behauptung, daß Wahlenthaltungen nichts zum prozentualen Ergebnis beitragen, nichts ändern und die Stimmen auf die anderen Parteien aufgeteilt werden, ist schlicht und einfach falsch! Ich weiß nicht, wovon Wolfgang Blaschka spricht, wenn er den Wahlenthaltern einen eigenen Willen oder gezielte politische Absichten abspricht." Das tut er nicht. Natürlich haben sie einen politischen Willen, aber der kann nicht ergründet werden. Es geht ja darum, wie der politische Wille bei der Wahl zum Tragen kommt, nicht dass Du einen hast. "Ich jedenfalls habe im KN an den verschiedensten Stellen meine Absichten und die Hintergründe für mein Verhalten klar dargelegt." Das ist ja prima, aber was hat das mit der Auswirkung auf die Wahl zu tun? "Und ich erwarte, daß meine Meinung mindestens genauso respektiert wird, wie diejenige von Andersdenkenden." Das ist doch aber gar keine Frage, sonst würde ich doch nicht so ausführlich darauf eingehen. Mir ist sie schon wichtig, Deine Meinung, ich halte sie allerdings für falsch.
 
Und Du räumtest ja selbst ein: "Ob Stimmabgaben versehentlich oder bewußt ungültig sind, ist tatsächlich im Ergebnis nicht zu unterscheiden. Allerdings tragen beide dazu bei, einen Kontrapunkt gegenüber dem herrschenden Parteiensystem zu setzen". Den stärksten Kontrapunkt würdest Du setzen, wenn Du eine den "etablierten" Parteien gegenläufige Politik befördern würdest durch Abgabe beider Stimmen für DIE LINKE. Woher willst Du übrigens erahnen, ob eine versehentlich falsch abgegebene Stimme in Deinem Sinne einen Kontrapunkt setzen oder vielleicht im Gegenteil eine fistelnde Oberstimme zum Mainstream artikulieren wollte? Du weißt es nicht, weil Du es nicht wissen kannst, behauptest es aber unüberprüfbar, indem Du von Dir ausgehst. Gäbe es auch nur annähernd soviele Linke wie Nichtwähler (aus unterschiedlichsten, nicht verifizierbaren Motiven), dann sähe es bestimmt anders aus in der Republik, auch und besonders zwischen den Wahlen.
 
Dein Argument, Nazis und Rechtsradikale wüssten sehr wohl, was sie zu wählen haben, stimmt nur zum Teil. Ich habe es oft genug gehört, wie nationalistisch angehauchte Leute herumeiern und unter dem Siegel verdruckster Verschwiegenheit, aber doch mit einem gewissen Bekennerstolz damit geprahlt haben, den Stimmzettel mit politischen Parolen oder strafrelevanten Symbolen zu Protestzwecken umgewidmet zu haben. Früher vielleicht mehr als heute, da die Hartgesottenen nach ihren Vorlieben wählen, während die eher Heimlichen dann doch lieber CDU/CSU ankreuzen oder ganz abstinent bleiben. Immerhin haben sie in diesen Kreisen meist eine ausgeprägte Aversion gegen den Parlamentarismus als solchen. Aus völlig anderen Gründen als wir. Uns geht die Demokratie nicht weit genug, denen dagegen schon viel zu weit.
 
Du sagtest: "Abgesehen mal davon, daß die Rechten ihre eigenen Parteien haben, die sie wählen werden und niemals auf die Idee kämen, eine ungültige Stimme abzugeben, ist für mich das entscheidende die Gesinnung und Absicht der einzelnen Ungültigwähler, die m. E. durchaus als eine eindeutige Botschaft zu verstehen ist. Diese lautet: „Kein Weiter-so wie bisher, ohne mich. Die zur Wahl angetretenen Parteien und Politiker sind für mich inkompetent und unwählbar.“" Genausogut könntest Du hineininterpretieren: "Ich habe vorletztens SPD gewählt und war enttäuscht darüber, dass dann eine große Koalition herausgekommen ist. Die machen doch, was sie wollen". Oder aber: "Ich weiß, dass die FDP Stimmen bräuchte, um die 5 Prozent zu schaffen, ich würde sie auch am liebsten wählen, weil ich weniger Steuern zahlen möchte, kann aber den Westerwelle nicht leiden und die Leutheuser-Schnarrenberger auch nicht. Also lass ich's bleiben. Auf mich kommt's eh nicht an. Als besser Verdienender bin ich eh der Gelackmeierte". So könntest Du reihenweise Gründe und Motive erforschen, die niemals aufzudecken wären, weil ein durchgestrichenes Blatt eben das Gegenteil einer politischen Äußerung darstellt; es ist nicht mehr als eine Enthaltung bei einer Abstimmung im Saal, oder pointierter gesagt: Austreten während der Abstimmung. Rein für's Klo. Niemand würde wissen, was Du eigentlich gewählt oder stattdessen gewollt hättest. Abgesehen davon fragt auch niemand. Es interessiert einfach nicht. Nur Du allein kennst Deine persönlichen Motive für die Abgabe eines Makulaturzettels. Es bleibt Dein eigenes kleines schmutziges Wahlgeheimnis am Ende: "Ällabäh, ihr könnt mich alle!"
 
Du schriebst: "An diesem einen Beispiel [Mindestlohn] läßt sich die Position der Linken im Vergleich zu den anderen Parteien einordnen. Während andere Parteien wie die SPD sich bei einem Mindestlohn von 8,50 € bewegen, hat sich die Linke immerhin dazu aufgerafft, satte 10 € zu fordern." Richtig, sie fordert den höchsten Satz. Dass 12 oder 15 Euro geeigneter wären, ein einträglicheres Minimalauskommen zu erzielen, ist doch unbestritten. Die gilt es zu erkämpfen, und sie werden in ein paar Jahren auch wieder überholt sein. Doch wirst Du zugeben müssen, dass vor vier Jahren noch überhaupt keine Rede davon war bei den anderen Parteien. Das hat die LINKE bewirkt, und natürlich die Gewerkschaften, die das ebenfalls propagiert haben. Mehr habe ich nicht behauptet. Es ging mir auch nicht vordringlich darum, die Verdienste dieser Partei herauszustellen, sondern aufzuzeigen, dass sie, obwohl sie von sich aus keinerlei Mehrheitsentscheidungen herbeiführen kann, dennoch Signale setzen und als Plattform dienen kann für die Popularisierung sozialer Politik. Deren generelle Durchsetzung muss letzlich außerhalb der parlamentarischen Sphäre erstritten werden. Auch wenn Parlamentarier gerne behaupten, sie reagierten niemals auf "Druck der Straße", sie tun es natürlich doch. Auch die Regierung reagiert auf "Stimmungen im Lande", leider allzu oft in die falsche Richtung. Denn sie hört nicht auf die Bevölkerung, sondern auf die Lobbyisten. Ohne Druck von außen und ohne gesellschaftliche Notwendigkeit jedenfalls blieben die noch so guten Vorschläge der LINKEN unerhört.

Du schriebst: "Wenn ich mir die Intrigen anschaue, mit denen die WASG im Zuge des Zusammenschlusses mit der PDS zur Linken Partei gearbeitet hat und die unschönen innerparteilichen Kontroversen der letzten Jahre, so fehlt mir das nötige Vertrauen in die Linke." Du sollst sie auch nicht heiraten. Du musst auch nicht Mitglied werden, um sie zu wählen. Du musst auch niemanden wählen, um ihm Dein vollstes Vertrauen zu schenken, ihm Deinen PIN-Code anzuvertrauen oder ihm Deine Lebensgeschichte zu erzählen, sondern ausschließlich  dafür, dass er "drin" kämpfen kann und Du draußen, weil das euch beiden nützt. Du musst nicht einmal ein Bier mit "Deinem" Kandidaten trinken, wenn Du nicht willst. Obwohl das auch lustig sein kann. Ich mag "meine" Direktkandidatin durchaus. Ob einer eine Jagdhütte hat oder eine sich profilieren will, steht doch gar nicht zur Wahl. Er oder sie machen oder haben das ohnehin. Dir als Wähler kann es doch nur darum gehen, ob die Figuren im Parlament in Deinem Sinne arbeiten oder offen gegen Dich und Deine Interessen. Was müssen Dich Meinungsbildungsprozesse oder interne Intrigen, Postengeschacher und persönliche Marotten Einzelner in der Partei interessieren? Bitte weniger Herzblut und mehr rationale Überlegungen bei der Wahl! Sei doch ein wenig souveräner. Du bist doch der Souverän, zumindest zu einem zweiundachtzigmillionstel!
 
WiKa meinte: "Irgendwas zu wählen, auch die Linken, ist und bleibt nach meiner Überzeugung inzwischen völliger Quatsch. Erinnern wir uns doch noch mal eben an die jüngsten Avancen der Linken in Richtung der SPD …" Abgesehen davon, dass die SPD das kategorisch ausschließt, was wäre denn so falsch, wenn die SPD eine Kehrtwende machen würde, weg vom Neoliberalismus? Aber keine Bange: Lieber wird Steinbrück als Juniorpartner mit Merkel gehen, wenn es zu "Rot-Grün" nicht reicht, was sehr wahrscheinlich ist, als "Rot-Rot-Grün" zu wagen. Das zu beweisen vor aller Augen ist der taktische Sinn solcher Angebote. Klar, ein Winkelzug, um zu dokumentieren: Die alte Sozialdemokratie ist keine mehr. Und gleichzeitig die SPD nach links zu drängen, ihr Kriterien vorzusetzen, nach denen ihr Kandidat als Bundeskanzler wählbar wäre. Für Dich und mich mag das klar sein, aber wissen es auch die SPD-Wähler? Würden sie die sonst überhaupt noch wählen? Politik machen heißt auch Lernprozesse evozieren: Die SPD lässt lieber die Rechten machen als auch nur einen Zentimeter nach links zu rutschen. Auch wenn ihr Spitzenkandidat verkündet, er wolle "links von der Mitte" fischen. Womit denn? Diese bröckelige Steinbrück' wird mit einem lauten Platsch in sich zusammenkrachen, und die Fische werden hoffentlich davonschwimmen. Vielleicht noch nicht dieses Mal, aber nach einem neuerlichen Aufguss einer Großen Koalition wäre die SPD endgültig marginalisiert. Allerdings, da gebe ich Dir recht, würde es der LINKEN auch nicht gut tun, "Rot-Grün" zu dulden, ohne eigene Forderungen durchzusetzen und der Regierungspolitik eine grundsätzlich andere Richtung zu geben, doch genau das wurde ausdrücklich ausgeschlossen. Wo also siehst Du das Problem? Eine brillante Taktik!
 
Und zum Schluss noch etwas zu Deinem ökonomischen Hauptargument: "Zunächst einmal glaube ich nicht, daß das System achtlos ungültige Stimmen ignorieren könnte, die Anteile von 50 % oder mehr ausmachen. Der dadurch ausgeübte gesellschaftliche Druck wäre so gewaltig, daß selbst die hartgesottensten Politiker und auch das um den Konsumenten besorgte Kapital nicht an Zugeständnissen vorbei käme." Ach, soviel Rücksichtnahme traust Du ihnen dann doch wieder zu, sogar den Nichtstimmern gegenüber?! Du überschätzt die Macht des Konsumenten. Der Konsument kann nur entscheiden, ob und was er kauft, nicht aber, was hergestellt wird. Du hast die Auswahl, aber keine Wahl, was die Produktpalette angeht. Die wird Dir vorgesetzt. Du kannst nehmen oder es lassen. Bei unserer wahnsinnigen Kaufkraft im Portemonnaie tendiert unsere Nachfrage ohnehin gegen Null. Von Einfluss kann keinerlei Rede sein. Ob wir uns dieses nicht leisten können oder auf jenes verzichten, bleibt doch völlig einerlei. Aber selbst wenn wir Zwei nun Billionäre wären: Was es nicht gibt, könnten wir für all unser Geld nicht kaufen. Und wenn wir uns dann Fabriken und ganze Konzerne unter den Nagel reißen würden, um die Produkte unserer Wünsche erfinden, entwickeln und herstellen zu lassen, wären wir keine Konsumenten mehr, sondern Kapitalisten. Hören wir endlich auf, die Mär vom Konsumenten vor uns herzutragen! Wir sind und bleiben schlichte Endverbraucher im industriellen Herstellungsprozess. Denn auch die ausgeklügeltste Verbraucherforschung sagt der Produktentwicklung nur, was nicht funktioniert, nicht, was gewünscht wäre. Es werden immer nur die neu entwickelten Produkte getestet, ob sie auf dem Markt eine Chance haben.
 
Gewünscht ist in der hiesigen Produktionsweise in erster Linie der Profit, nicht die Befriedigung aller unserer Bedürfnisse, die keinen kurzfristigen Gewinn erwarten lassen. Der lässt sich allerdings nur realisieren bei kaufkräftiger Nachfrage. Hier beginnt sich die Katze in den Schwanz zu beißen. Wenn die Werktätigen die von ihnen, aber nicht unter ihrer Regie hergestellten Waren nicht mehr kaufen können, herrscht die übliche üble Überproduktionskrise. Das geht wellenartig nach Versuch und Irrtum, rauf und runter. Anders lernt der Kapitalist nicht. Brummt der Laden, investiert er in noch größere, modernere und Arbeitskräfte sparende Herstellungsverfahren, die dann weniger kaufen können, wenn sie aus der Verwertungsmaschinerie herausfallen. Dann muss er, um Kosten zu sparen, Kapazitäten abbauen und noch mehr Leute entlassen.
 
Ein Teufelskreis, der mit verbesserter Technologie immer mehr Menschen verüberflüssigt, bis die Kosten wieder auf einem für die Unternehmer einträglichen Niveau angekommen sind, sich neue Absatzmärkte auftun oder eine neue Erfindung oder neue Verfahren Einzug halten, die neue Käuferschichten erreichen und erhöhten Investitionsbedarf erzwingen. Eine brutale Lernmethode, die wir alle ausbaden müssen. Wir können nicht einfach aufhören zu leben, wenn die Konjunktur lahmt. Der Kapitalist denkt nicht planmäßig auf die Gesellschaft bezogen, sondern lediglich auf seinen Vorteil gegenüber der Konkurrenz bedacht. Aber bestimmt nicht, weil Du speziell Deinen Konsum aufs Notwendigste begrenzt oder einschränken musst oder besonders kritisch selektierst. Das kann den Konzernen doch herzlich egal sein. Dafür gibt es den Staat, um Dich vorm Verhungern zu bewahren, weniger aus reiner Menschlichkeit, sondern vielmehr um Dich nicht in die Kriminalität zu zwingen, Dich vom Rebellieren abzuhalten. Komm runter von diesem Phantasie-Ross, Du seist der großmächtige Konsument, wenn Du nicht einmal der relativ ohnmächtige Wähler sein magst!
 
Weiterhin hast Du eingewendet: "Darüber hinaus hinkt der Vergleich des Ungültigwählers mit einem, der nichts ißt oder trinkt, gewaltig!" Nein, lieber Peter! Wir brauchen die Grundrechte (und dazu gehören auch aktives und passives Wahlrecht) wie die Luft zum Atmen. Der Vergleich mit dem Hungerstreik trifft genau zu: Die vorsätzliche Verweigerung der Nahrungs- oder gar Flüssigkeitsaufnahme mag in aussichtsloser Situation ein probater letzter Hilfeschrei sein, aber doch bitte kein taugliches Mittel für politischen Alltag. Ein Demokrat, der nicht wählen will, kann sich aufgeben als Demokrat, in jedem politischen System. Er überantwortet sich ohne eigene Mandatierung der Mehrheitsentscheidung, die andere getroffen haben. Er ist politisch quasi tot, zumindest stellt er sich so.
 
Zur Evaluierung des Willens einer Gemeinschaft (Kommune) gehören nun einmal Wahlen, selbst in einem popeligen Kaninchenzüchterverein. Auch in einer herrschaftsfreien Gesellschaft gäbe es keinen praktikablen anderen Weg zu kollektiven Entscheidungen zu kommen als durch Abstimmungen und Wahlen. Jede abweichende Vorgehensweise hätte mit Demokratie, also mit Volkssouveränität, wenig bis gar nichts zu tun. Weil schließlich nicht alle jederzeit und überall alles selber tun können und wollen, müssen zumindest für die öffentlichen Belange verantwortliche Delegierte und Beauftragte bestimmt werden, die kompetent erledigen und entscheiden, was vonnöten ist. Wie denn anders als durch Wahlen sollten die bestimmt werden?!

Selbst der Papst wird gewählt, wenn auch vom elitären Konklave der Kardinäle und nicht von den gläubigen Kirchenmitgliedern. Und das in diesem hierarchisch-autokratischen Verein. Sei also nicht päpstlicher als der Papst! Sei einfach Demokrat: Radikal, konsequent und unbefangen! Und zwar schon hier und heute. Sonst wird das nichts mit der Zukunft, wie Du sie Dir auch immer vorstellen magst.


Wolfgang Blaschka, München
 

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Abweichende Wege mit einem


Abweichende Wege mit einem gemeinsamen Ziel

 

Lieber Wolfgang,

es spricht für Deine Überzeugung und Deinen Einsatzwillen, daß Du der Thematik so viel Zeit und Raum opferst. Insofern fühle ich mich in der Verpflichtung, Dir zu antworten. Allerdings kann ich schon jetzt vorhersagen, daß ich meinen bereits vorgetragenen Standpunkt nicht revidieren werde, ich werden nur noch einige Blickwinkel hinzufügen.

Es ist mir wichtig, daß ich sofort am Anfang einige grundsätzliche Positionen klarstelle. Ich respektiere Dich und Deine politische Herangehensweisen, denn Du gehörst zu den Menschen, die Prinzipien haben und diese auf ihre Art und Weise in die Tat umsetzen wollen. Es kommt mir nicht in den Sinn, Dich deshalb zu kritisieren, weil Du die Linke wählst und gewillt bist, den von Dir in aller Ausführlichkeit beschriebenen Weg zu gehen. Trotzdem muß ich konstatieren, daß ich von dieser Partei sehr enttäuscht bin und sie ablehne, wie ich mich bereits in meinem ersten Kommentar geäußert habe. Ich bin kein Missionar und kann Dich nicht bekehren, denn das wäre sowieso ein vergebliches Unterfangen. Du bist von Deinem Verständnis der Dinge und ihrer größeren Effektivität gegenüber den meinigen überzeugt und versuchst, Deine persönlichen Möglichkeiten in die Waagschale zu werfen, um eine gesellschaftliche Reform zu initiieren. Ich wünsche Dir auf diesem Wege viel Erfolg und hoffe, daß Du nicht enttäuscht wirst. Wenn es gelänge, auf diese Weise zu dem von uns beiden gewollten Ergebnis zu gelangen, so sollte es mir recht sein. Allerdings halte ich das für sehr unwahrscheinlich.

Was Dir als Vision vorschwebt, das teile ich mit Dir – nur habe ich einen anderen Weg gewählt. Unsere Ziele sowie die Bestandsaufnahme der herrschenden Verhältnisse sind praktisch identisch. Ich habe jedoch wie Du im Laufe der letzten Jahrzehnte aufgrund meiner Erfahrungen Prinzipien entwickelt, an die ich mich halte und die ich nicht so schnell über den Haufen werfe. Es sei denn, die Grundlagen für meine Ansichten und Verhaltensweisen hätten sich gewandelt, so daß aus einem Lernprozeß heraus eine Anpassung erfolgen müßte. Eine meiner wesentlichen politischen Einschätzungen ist eben diejenige, daß vorherrschende Demokratie bis in die Wurzeln hinein neoliberal ausgerichtet ist und nicht in der Form reformierbar ist, daß sich daraus eine den Menschen dienende Wirtschaftsgesellschaft konstruieren läßt. Die gleiche Meinung habe ich von den Parteien, die ich ebenfalls für unreformierbar halte, weil sie weder fähig noch willens sind, einen Systemwandel in Gang zu setzen. Wie gesagt, das ist nur meine bescheidene persönliche Ansicht – aber bisher konnte ich noch keine Erkenntnisse sammeln, die mich von etwas anderem überzeugen könnten. Wahrscheinlich muß sich das kapitalistische System selbst totlaufen und erschöpfen, bis aus der Asche ein neuer Phoenix entsteht. Es sei denn, wir gehen wirklich auf die Barrikaden, aber Revolutionäre muß man in Deutschland mit der Lupe suchen.

Meine von Deiner abweichende Meinung, daß man auch ohne Wahl einer bestimmten Partei politischen Einfluß nehmen kann, sehe ich von Deinen Argumenten nicht entkräftet. Das hängt vielleicht auch mit meiner umfassenden Definition von Politik zusammen, die für mich das gesamte Lebensumfeld und alles Verhalten umspannt. Auch sind meine Ansprüche bezüglich der Weltverbesserung nicht hochgestochen – ich bin schon froh über kleine Resultate in meinem Umkreis. Alleine die Art und Weise, in denen man sich an seinem Wohnort, am Arbeitsplatz etc. Respekt verschafft und konsequent interveniert, führt zu einer Veränderung vor Ort. Und in meiner Definition hat jede Veränderung eine politische Dimension. Auch wenn jemand sich sozial engagiert und damit ein Vorbild abgibt, so handelt er ebenfalls politisch in einem weiteren Sinne. Ich zwinge niemanden zu etwas und tue auch niemanden etwas zuleide. Wer sich meinem Tun und Denken nicht anschließen will, der soll es bleiben lassen und mit sich glücklich werden. Ärgerlich ist nur, wenn das verfehlte Handeln anderer auch mich schädigt.

Die Rechte, die man auf dem Papier besitzt, muß man sich selbst nehmen, wenn sie nicht freiwillig herausgerückt werden – wenn nötig, mit dem erforderlichen Nachdruck. Sicher ist das nicht immer leicht und es mißlingt auch des öfteren. Aber diejenigen, die mir meine Rechte verweigern, haben kein leichtes Spiel mit mir, selbst wenn ich im Endeffekt den kürzeren ziehe. Man darf nie aufgeben und die nächste Gelegenheit ergreifen, um wieder in die Kerbe zu hauen. Meine Devise lautet (im übertragenen Sinne): nur über meine Leiche! Die Kontrahenten merken sich, daß man keine leichte Beute abgibt und bestenfalls Phyrrussiege zu erzielen sind, was zum von mir beabsichtigten Effekt führt. Wer sich alles bieten läßt und sofort die Flinte ins Korn wirft, der wird nicht ernst genommen und belächelt. Seit ich mir ein solches Repertoire zugelegt habe, komme ich viel besser als früher durchs Leben und erhalte Selbstbestätigung. Auch dies ist eine Art von Politik und eine Strategie, die weder irrelevant, geschichtsvergessen oder inhaltsleer ist. Sie ist sogar voller Lebenslust, bläst ängstliche Vorstellungen aus dem Weg wie ein frischer Wind und gibt meinem Leben einen Sinn. Was will man mehr?

Wenn  ich z. B. durch das KN oder andere persönliche Auftritte nur einen einzigen Menschen dazu veranlasse nachzudenken und von alten Wahlgewohnheiten abzulassen, dann hat sich der Einsatz bereits gelohnt und ich buche mir dies auf die Erfolgsseite.  Selbst wenn ich gar nichts erreiche, kann mir aber im Spiegel in die Augen sehen und sagen, daß ich es zumindest versucht habe, dann war nichts umsonst und habe trotzdem eine Bestätigung. Auch das Konsumverhalten sehe ich als ein politisches Taktieren an. Trotz Deiner gegenteiligen Argumentierung bleibe ich nach wie vor dabei: Der Bürger hat mit dem Konsumverhalten ein wichtiges politisches Einflußmittel in der Hand. Dieses funktioniert natürlich nicht immer, weil im vorhandenen Angebot manchmal die Wahlmöglichkeit fehlt. Aber in diesem Falle hilft doch die Konsumverweigerung weiter, denn der Markt kann nicht unendlich in ferne Länder ausweichen. Irgendwann ist auch dort das Ende der Fahnenstange erreicht und die Verkaufschancen sind ausgereizt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dem Kapitalismus aufgrund fehlender Nachfrage, verbrannter Erde und ausgelutschter Ressourcen die Luft ausgeht.

Ich möchte ein paar Beispiele aufzeigen, in denen wir tatsächlich eine Wahl haben und damit einen Effekt erzielen können. Nehmen wir einmal die Wahl des Energielieferanten: Wenn wir einen Konzern verlassen und einen kleinen unabhängigen Lieferanten mit 100 %ig zertifiziertem Ökostrom aussuchen, dann zwingen wir (vorausgesetzt, es tun noch ein paar Millionen Haushalte) den Energiemarkt zum Umsteuern auf dezentrale Versorgung. Atom- und Braunkohlestrom gerät dann automatisch ins Hintertreffen. Weitere Beispiele:

  • oder wenn ich mich vegetarisch ernähre, den Fleischkonsum drastisch verringere oder komplett auf ökologisches Fleisch direkt vom Bauern umstelle,
  • oder wenn ich das Rauchen einstelle und mich mit dem Alkohol mäßige,
  • oder wenn ich den Zwang des Modewechsels nicht mitmache und meine Kleidung länger trage oder andere Gebrauchsgegenstände länger benutze,
  • oder wenn ich keine Fertigprodukte mehr kaufe und wieder selbst koche und würze,
  • oder wenn ich mir einen Nutzgarten zulege und mir einen Großteil meiner Nahrung selbst heranziehe,
  • oder wenn ich so gut wie keine Markenprodukte mehr kaufe und Werbung total ignoriere,
  • oder wenn ich von einem großen Wagen auf einen kleinen umsteige, oder sogar auf das Fahrrad, wenn die örtlichen Bedingungen es erlauben,
  • oder wenn ich meine Freizeit sinnvoller gestalte und auf kostenlose oder preiswertere Freizeittätigkeiten übergehe,
  • oder wenn ich die Urlaubsreisen umweltschonender einrichte und z. B. weitgehend auf Flugreisen verzichte,
  • oder wenn ich die Idiotie von immer mehr Smartphones, Tablets usw. nicht mitmache, usw., usw. usw.,

dann kann die Wirtschaft und auch die Politik sich nicht diesen Trends entziehen und wird umsatteln müssen – vorausgesetzt es ziehen genügend Konsumenten mit! Dabei muß aber berücksichtigt werden, daß die Art und der Umfang des Konsums eine Reaktion auf die Wertvorstellungen des Menschen ist. Nur wenn das Bewußtsein der gesamten Gesellschaft verändert wird, kann der Umschwung gelingen. Das Bewußtsein besteht aus den beiden Faktoren Vernunft und emotionaler Einstellung, also aus rationalen und irrationalen Komponenten. Beides muß angegangen werden, wobei wir bei der Frage, wo denn der Ansatz erfolgen sollte, wieder bei unserem Ausgangsproblem angelangt sind.

Selbstverständlich stimme ich Dir, Wolfgang, in der Ansicht zu, daß eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder gar eine ganze Gesellschaft nicht ohne Willensbekundungen in Form von Wahlen oder Abstimmungen funktionieren kann.  Sogar die Anarchie stellt nicht, wie von Unbedarften angenommen wird, ein Chaos oder eine ordnungsfreie Struktur dar, sondern bei ihr liegt der Schwerpunkt auf nichtautoritärem Mandat. Diese Autoritäten können sich jedoch nicht selbst einsetzen, denn dann hätten wir diktatorische Verhältnisse. Ohne fachliche und menschliche Autoritäten aber ist eine Gemeinschaft nicht in der Lage, sich sinnvoll zu organisieren. Der Großteil der Menschen braucht Anleitung und Führung, weil die Unselbständigkeit weit verbreitet ist. Eine Umstrukturierung der Gesellschaft, auf welchem Wege auch immer, setzt stets den Aufbau eines Ordnungs-, Rechts- und Verwaltungssystems voraus. Das Hauptproblem sehe ich darin, eine Lösung bezüglich der Unterwerfung unter Mehrheitsentscheidungen zu finden. Mehrheiten treffen oft nicht die optimalen Entscheidungen im Interesse der Allgemeinheit und vernachlässigen Minderheiten. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn der Volkssouverän einseitiger Beeinflussung durch Werbung, Propaganda, gekauften Medien oder anderer Manipulation ausgesetzt ist.

Die Crux mit den suboptimalen Mehrheitsentscheidungen verstärkt sich, je umfangreicher die Gruppeneinheit ist. Es gibt in der Geschichte Beispiele davon, daß kleinere und überschaubare Volksgruppen oder Stämme praktikable Lösungen gefunden haben, die auf Dauer zu zufriedenstellenden und ausgewogenen Entscheidungsprozessen führten. In zentralisierten und überdimensionierten Konzernen oder Staaten, in denen der einzelne den Überblick über die Zusammenhänge verloren hat und ein verfremdetes Verhältnis zur Produktionseinheit bzw. den Beschlußvorgängen in den unteren Hierarchien besitzt, wird der Grad an Gerechtigkeit dabei niemals ein hohes Niveau erreichen. Das Subsidiaritätsprinzip ist in dezentralen Einheiten viel eher zu verwirklichen. Wenn ich die Menschen, die ich wählen will, noch persönlich  kenne und einschätzen kann und die Sache, um die es geht, nicht zu komplex und ihr Sinn begreifbar ist, dann wird die Motivation zur Mitarbeit verstärkt: die Gemeinschaft wird mit Leben erfüllt. Auch die freiwillige Bereitschaft für ein persönliches Zurückstecken oder die Inkaufnahme von Nachteilen zugunsten des Allgemeinwohls kann so gefördert werden.

Mir fällt da noch ein ziemlich paradoxes Beispiel eines Landes ein, in dem trotz völlig unausgegorener gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse ein Zweiparteiensystem als Kitt zum Erhalt des Ganzen zumindest bedingt funktioniert: die USA. In diesem riesigen Schmelztiegel mit enormen sozialen und Rassendifferenzen hat sich ein Nationalismus etabliert, der mit Überheblichkeitsdenken und Fähnchenschwenken die gröbsten Ungerechtigkeiten legitimiert. Diese total polarisierte amerikanische Gesellschaft schafft es, mit dem Kleister des Nationalismus zu arbeiten, zwar mehr schlecht als recht, aber immerhin. Als Preis für das Funktionieren dieser gespaltenen Gesellschaft wird ein hoher Preis gezahlt, der sich in den geopferten Werten von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zeigt. Soll etwa dieses irrationale Regime, in dem sich zwei Parteienblöcke als Abreaktionsmechanismus in der Art von zwei Sandsäcken gebildet haben, auf die jeder der anderen Seite draufschlägt, als Vorbild für uns oder andere Staaten dienen?

Abschließend fällt mir nur eine altbekannte Binsenweisheit ein: „Der Weg ist das Ziel“. Das klingt zwar abgedroschen, ist jedoch nach wie vor der einzige gangbare Weg. Voraussetzung ist selbstverständlich, daß man dabei ein konkretes Ziel oder ein Ideal vor Augen hat, das man sich immer wieder in Erinnerung rufen muß. Ob wir nun mit Hilfe von Wählen einer Partei diesem Wunsch näherkommen, mit individuellen Aktionen arbeiten, außerparlamentarische Kräfte sammeln oder ob wir auf die Selbstzerstörung des Systems warten, ist reine Ansichtssache.  Beweisen kann niemand, ob er mit seinen Vermutungen richtig liegt. Die Zukunft wird es uns offenbaren.

PS. Gerade habe ich in der TAZ ein Interview mit dem Kabarettisten Georg Schramm gelesen, dem man ja nachsagt, daß er ein politischer Vertreter seiner Zunft sei. Ich gestehe, daß ich zu seinen Fans gehöre. In diesem Interview hat Schramm eine Menge über seine Ambitionen und Überzeugungen mitgeteilt, warum er diese Art von politischem Aktivismus gewählt hat. In seinem Lebenslauf konnte ich, außer der Tatsache, daß der Mann genau im gleichen Alter ist wie ich, einige bemerkenswerte Parallelen zu mir entdecken. Ich weise darauf hin, weil ich finde, daß dieses Interview und der Weg des Georg Schramm sehr viel mit unserer Thematik in diesem Thread zu tun hat. Daher empfehle ich die Lektüre!


MfG Peter A. Weber

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Neue Aspekte zum Ungültigwählen

Neue Aspekte zum Ungültigwählen


Mir sind noch einige Sichtweisen hinsichtlich der Bedeutung des Ungültigwählens und Nichtwählens eingefallen. Es wäre enorm wichtig, wenn diese Argumente endlich Einzug in unser Denken halten würden:

Die Stimmen der Nichtwähler sowie die der Ungültigwähler werden weder im Wahlgesetz noch in der politischen Bewertung  gewürdigt. Dies bedeutet, daß z. B.  auch bei einer Wahlbeteiligung der Wahlberechtigten in Höhe von 10% die Wahl als gültig gewertet würde, was ein demokratisches Unding ist.

 



Die gültigen und die ungültigen Stimmen werden gezählt und politisch gewürdigt und bilden das Wahlergebnis. Das gilt sowohl für die Erst-, wie die Zweitstimme. Das Wahlergebnis nimmt keine Rücksicht auf die Höhe der Wahlbeteiligung der Wahlberechtigten. Ganz wichtig: Das Wahlergebnis berücksichtigt jedoch die Anzahl der ungültigen Stimmen.

Bei einem Stimmenanteil der ungültigen Stimmen von 51 % wäre die Wahl somit als ungültig zu bewerten, denn keine noch so geartete Koalition könnte eine Mehrheit der abgegebenen und gezählten Stimmen bilden. Für eine Wiederwahl stehen 60 Tage zur Verfügung.


⇒ Fazit:

Damit steht fest, daß es einen Unterschied zwischen Nicht- und Ungültigwählen gibt. Wenn sich nur genügend Ungültigwähler finden, kann keine Regierungsbildung erfolgen und eine Neuwahl wäre erforderlich.

Darüber hinaus müßte eine Reform des Wahlrechts erfolgen, bei dem die Nichtwähler und die ungültigen Stimmen gebührend gewürdigt würden. Da wäre nur die ehrliche Konsequenz einer echten demokratischen Gesinnung und würde beweisen, daß der Politik eine Wahlgerechtigkeit am Herzen liegt. Die derzeitige Situation zeigt das Gegenteil dessen.

Das würde bedeuten, daß die Stimmverteilung nur auf der Basis der für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen erfolgen dürfte – dabei müßten die Zahl der Nichtwähler und Ungültigwähler  die prozentualen Anteile der Parteien entsprechend vermindern. Nur auf diese Weise könnte man von einer demokratischen Willensbildung sprechen und von berechtigten Mandaten. Darüber hinaus wäre es dringend geboten, im Wahlgesetz explizit eine prozentuale Untergrenze hinsichtlich der tatsächlich für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen zu ziehen, ab der keine Regierungsbildung mehr möglich sein darf.

Des weiteren wäre es dringend erforderlich, daß auf den Wahlzetteln die „Partei“ der Ungültigwähler eingeführt wird. Das würde bedeuten, daß man den Willen, ungültig zu wählen, ankreuzen könnte. Wenn ein wirkliches Interesse am Bürgerwillen bestünde, dann müßte auch noch eine Möglichkeit der Meinungsäußerung über den Grund des Ungültigwählens geschaffen werden.

Die ganzen lächerlichen Diskussionen über den Wert und Unwert des Ungültigwählens oder des Aktes des Nichtwählens könnten durch einen einzigen Federstrich beseitigt werden. Statt nur auf den Nichtwählern und Ungültigwählern herumzuhacken, sollten die entsprechenden Kritiker doch vehement eine dementsprechende Änderung des Wahlrechts fordern. Dann hätten wir endlich reale Verhältnisse nach einer Wahl, denen sich die Politik und die Parteien nicht entziehen könnten.

MfG Peter A. Weber

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Vorspiegelung demokratischer Verhältnisse

 

Vorspiegelung demokratischer Verhältnisse

 

Du bist die Wahl!

 

Der Deutsche Bundestag hat einen Videowettbewerb gestartet unter der Firmierung „Du bist / hast die Wahl“. Auf der Seite heißt es: „Macht mit beim Videowettbewerb „Du bist die Wahl!“. Zeigt uns in Euren eigenen Clips, warum Ihr Wählen wichtig findet und stimmt auf unserem YouTube-Kanal unter allen Einsendungen für Euren Favoriten ab.“

Was will uns der Deutsche Bundestag mit diesem Slogan sagen? Wir haben nicht nur die ultimative Wahl in einer Superdemokratie, sondern wir sind auch noch die Wahl selbst. Soll das heißen, daß wir uns selber wählen oder was? Dieser Schwachsinn erinnert mich an die nationalistische Kampagne der INSM vor einigen Jahren mit dem Titel „Du bist Deutschland“. Zur Untermauerung meiner Verspottung dieses Wahlaufforderungs-Spots hier einige wörtliche Zitate daraus:

 

  • Firat Arslan (Boxer): „Im Ring habe ich das Sagen, beim Wählen auch.“
  • Linda Hesse (Sängerin): Quiekt uns entgegen „Nicht alle mögen meine Stimme, aber sie zählt.“
  • Kirsten Bruhn (Schwimmerin): „Du kannst mehr bewirken, als Du denkst.“

 

Diese qualifizierten und inhaltsreichen Bekenntnisse sollen uns suggerieren, daß wir bei der Wahl wirklich eine Wahl haben. Schaut Euch diesen nur 46 Sekunden dauernden komprimierten Blödsinn unbedingt an und bildet Euch eine eigene Meinung! Wenn wir ehrlich und realistisch sind, müssen wir uns doch eingestehen, daß nach der Wahl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alles so weiterläuft wie bisher. Weit und breit sehe ich keine Kandidaten, die uns auch nur den Ansatz von Lösungen anbieten, geschweige denn zur Tat der einer Systemveränderung schreiten. Da nützt auch der heute freigegebene Wahl-O-Mat nichts, in dem die potenziellen Wähler die rein papiernen Parteiprogramme abfragen können, die vom politischen Handeln so weit entfernt sind wie der Süd- vom Nordpol.

Sämtliche zur Wahl zugelassenen Parteien – ob groß oder klein – sind Systemparteien. Sie sind integraler Bestandteil des (neoliberalen, marktradikalen, direktdemokratiefeindlichen) Markt- und Gesellschaftssystems. Sie sind weder willens noch in ihrer Situation als Marionetten des Kapitals, der Wirtschaft und der Banken in der Lage, die Miseren unserer Zeit radikal, d. h. von der Wurzel her, anzugehen und zu lösen. Das Parteiensystem ist in sich marode: schließlich kann man von den Fröschen nicht erwarten, daß sie ihren Sumpf austrocknen. Selbst die kleinen Parteien, was ich aus eigener Erfahrung weiß, passen sich schon den fatalen Strukturen an. Je näher sie in die Nähe eines Platzes an der Sonne kommen und zu besetzende Pöstchen in Sicht sind, um so konformistischer werden sie und ihr Mut, mal ein heißes Eisen anzufassen, tendiert gegen Null. Alles in allem nach meiner Auffassung ein hoffnungsloser Fall.

Ich verweise in diesem Zusammenhang nochmals auf unseren Artikel im Kritischen Netzwerk mit dem Titel „Endgültig zugelassene Metzgerparteien“ und meinen darin enthaltenen Kommentar „Wahlvolk in geistiger Verwirrung und Agonie“. Der Eindruck verdichtet sich bei mir, daß bei dieser Wahl noch nie so intensiv für die Inanspruchnahme des Wahlrechts plädiert wurde. Den Grund dafür kann ich Euch auch gleich nennen: Von der vielgepriesenen deutschen Demokratie ist nur noch eine Fassade übrig geblieben. Die Dreiteilung der Gewalten funktioniert nicht mehr und die wirklich relevanten Entscheidungen für das Land und die Bürger werden entweder im Hinterzimmer, mit Fraktionszwang und Abwinken der Parlamente oder auf Anordnung von „oben“, den Strippenziehern aus der Lobby, getroffen. Durch eine Wahl der systemkonformen Parteien, die nichts anderes im Sinn haben, als Machtpositionen zu halten oder zu erlangen, wird der Status quo (ante) festgeschrieben und – außer oberflächlichen Reparaturen – bleibt alles beim alten.

Mit anderen Worten: Je mehr sich die Gegebenheiten von demokratischen Strukturen entfernen, um so mehr wird für die angebliche Wichtigkeit des Wählens geworben. Damit soll der Schein geweckt werden, daß die Bürger einen substanziellen Einfluß auf das politische Geschehen sowie die künftige Entwicklung  im Lande hätten. Das ganze ist vergleichbar mit einer Produktwerbung, bei der für das qualitativ schlechteste Produkt der höchste Werbeaufwand betrieben wird. Und wir wissen alle aus Erfahrung, daß die Masche wie geschmiert läuft, denn der einfältige Bürger glaubt als Konsument oder Wähler so gut wie jeden Schmarren, sofern er nur oft genug wiederholt wird.

MfG Peter A. Weber

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