Das Jahr der Finsternis: Versuch einer Jahresvorschau auf 2015

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Wolfgang Blaschka
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Das Jahr der Finsternis: Versuch einer Jahresvorschau auf 2015
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Das Jahr der Finsternis


Versuch einer Jahresvorschau auf 2015


Die UNO hat das kommende als "Jahr des Lichts" ausgerufen. Das erhellt und erwärmt die Seelen der Erlösungs-Gläubigen. Prompt kommentierte das der Fernsehpfarrer in der ARD als gutes Omen für die Erleuchtung der Menschheit. Die Shanghaier wussten es besser: Es dürfte eher zappenduster werden. 36 Menschen wurden in Erwartung des großen Feuerwerks vor der imposanten Skyline an Silvester von ihren Mitmenschen zu Tode getreten, weil irgendein Witzbold täuschend echt aussehende 100-Dollar-Spielgeld-Noten auf die enthusiasmierte Menge nieder regnen ließ. Es brach Panik aus, weil die dicht gedrängten Massen einen Fetzen vom vermeintlichen Wohlstands-Schnäppchen erheischen wollten. Sie trampelten übereinander hinweg und töteten sich gegenseitig.
 
Reichtum gilt in China seit Konfuzius als das allerhöchste Glück, nicht etwa Frieden oder das Leben oder die Gesundheit oder ein phänomenales Buch oder eine große Liebe. Der schnöde Mammon gilt seit jeher als weit wirkmächtiger, wichtiger, erhabener denn alles andere. Die historisch kurze Periode der Priorität sozialer Werte zu Máo Zédōng Sozialismus-Zeiten hat die Volksrepublik längst hinter sich gelassen. Der Turbo-Kapitalismus im "Reich der Mitte" hat die traditionelle Maxime individuellen Reichwerdens als Ausdruck höchsten Glücks zur tödlichen Staatsräson wiederbelebt. Wer nicht schnell genug ist, zu alt oder zu lahm, zu ängstlich oder zu gebrechlich, bleibt auf der Strecke. Für die panisch zerstampften Leiber wurde es noch vor Jahresanbruch zappenduster.
 
Solche Szenen könnten sich auch anderswo abgespielt haben. Das System des Reichtum-Raffens herrscht beinahe weltweit. Wer nicht im "Globalopoly" mitspielt und es mit ehrlicher Arbeit versucht, bleibt ein armer Tropf. Es hat also weniger mit Chinesenschelte zu tun als mit Kapitalismuskritik, wenn dieses symptomatische Ereignis als Spezialform des "Shanghaiens" interpretiert wird, jener bewährten Rekrutierungs-Methode, mit der potenzielle Seeleute durch Einflößen von Alkohol zum Anheuern gepresst wurden. Oft genug unterschrieben sie im Vollrausch ihr künftiges Todesurteil, vollstreckbar auf morschen Dschunken, für einen Batzen Geld auf die Hand. Das heraufdämmernde Lichtlein des neuen Jahres war also schon im Voraus ausgepustet, zumindest für die drei Dutzend Opfer kollektiver Gier nach herab segelnden Banknoten. Deng Xiaopings Losung "Bereichert euch!" zeitigte todbringende Früchte.
 
Soviel kann ohne viel Prophetie vorausgesagt werden: Es werden dieses Jahr noch wesentlich mehr Menschen für eine Handvoll Dollar, Euro, Pfund oder Yen sterben. Die meisten werden verrecken für den Geldsegen Anderer, für deren Geldregen, der wie aus Rettungsschirmen auf die kleine radikale Minderheit herunter prasselt, die sich Anleger nennt, Investor oder Anteilseigner. Dieser elitäre Club der "Glücklichen" geht für Profit über Leichen. Das eine Prozent der internationalen Superreichen lässt für ein paar Scheine die restlichen 99 Prozent übereinander herfallen, sich ausbeuten und unterdrücken, in Kriege treiben und verheizen. Manche vergessen dabei jegliche Menschlichkeit oder interpretieren diese um zu brutalem Sozial-Darwinismus: "Survival of the Fittest".
 
Die Faszination des "Goldenen Kalbs" ist ungebrochen, selbst bei den Ärmsten der Armen, welche den von den Tischen der Reichen herabfallenden Krumen aus blanker Not hinterher hecheln, um ihrem chronischen Elend zu entfliehen, Schulden zu begleichen oder dem Gerichtsvollzieher zu entkommen. Dann geben sich viele zu fast allem her, oft selbstvergessen und rücksichtslos, auch wenn sie sich damit unglücklich machen: Zur Prostitution, für den Rauschgifthandel, in aussichtslos prekäre Lohnsklaverei, als Makler oder lebenslängliche Vollzugsbeamte, als Auftragskiller, Agenten oder Söldner und Soldaten.

Ob legal oder kriminell ist nur eine Frage der Gelegenheiten und Gegebenheiten, und die hängen meist von der sozialen Lage in jeweiliger politischer Situation ab. Sich dem verlockenden Sog zu widersetzen, dem machtvollen Zwang zu trotzen, dieser scheinbar unentrinnbaren "Logik" zu widerstehen kostet viel Einsicht, Klugheit, Bildung, Selbstbeherrschung und Klassenbewusstsein.
 
Die Gesetze sind für die Besitzenden gemacht, deren "legale" Ausbeutung mittels Mehrwert-Aneignung nicht strafbar ist. Die Habenichtse und Möchtegerns dagegen landen, wenn es schief läuft, vor Gericht und im Knast, die Mehrheit der scheinbar Redlichen in der Knochenmühle des Hamsterrades zur Profimaximierung für das Kapital. Wer auf eigene Rechnung spekuliert, kann sich leicht verrechnen. Uli Hoeneß beispielsweise hatte sich verkalkuliert. Da er noch deutlich höher hinaus wollte als immer nur kleine Würstchen produzieren zu lassen und damit "solide" reich zu werden, wurde ihm seine "Spielsucht" zum Verhängnis. Ein Vabanque-Spiel, zumal er seine heimlichen Gewinne nicht mit dem Fiskus teilen wollte. Dafür rächte sich der Steuereintreiber.
 
Dennoch ist er kein armes Würstchen, und nach einem halben Jahr schon fast wieder ein freier Mann. Im Juni verurteilt durfte er Weihnachten bereits wieder zu Hause feiern und im Bayerischen Wald nach bekömmlicher Gefängnis-Diät durch den knirschenden Schnee stapfen. Ein "Heimaturlaub", der kaum einem Soldaten im Ersten Weltkrieg beschieden war, wie prahlerisch er davon auch gefaselt haben mag im patriotischen Überschwang der Julikrise.

Bereits im Januar wird er zum "Freigänger", muss dann nur noch zum Übernachten einlaufen wie in ein Hotel in landschaftlich reizvoller Umgebung. Seine Frau Susi braucht sich nicht einmal um frische Bettwäsche zu kümmern, vielleicht kann er sogar die Leibwäsche dort zur Reinigung abgeben. Schließlich ist er offiziell immer noch Häftling, der gesetzesgemäß 18 Monate vor seiner voraussehbaren Entlassung nach Verbüßung der Hälfte der Strafe einen Anspruch auf Resozialisierung genießt. Er muss schließlich, um sich wieder in die ehrenwerte Gesellschaft beim FC Bayern einzugliedern, zunächst mal in Jogginghose "für die Freiheit trainieren" können. Die wird ein weiches Bett für ihn bereit halten. Solch erwärmende Aussichten stehen den wenigsten Haftentlassenen bevor. Den "kleinen Würstchen" bleibt kaum solcher Trost.
 
Der "Trittbrettfahrer" bekam für seinen missglückten Erpressungsversuch das exakt identische Strafmaß aufgebrummt wie sein prominentes Opfer, der millionenschwere Steuerhinterzieher: Drei Jahre und sechs Monate. Für nichts und wieder nichts im Ergebnis, denn Schaden war keiner entstanden. Das ist formale Gerechtigkeit und macht eben den Klassenunterschied aus. Die Gesetze sind für alle gleich. Armen und Reichen ist es gleichermaßen verboten unter Brücken zu nächtigen, auf Parkbänken zu schlafen oder jemandem rechtswidrig Geld abzupressen. Arbeitsverträge oder Mietverträge, Pfandbriefe und Schuldverschreibungen dagegen gelten als rechtens und werden als legal gewertet, auch wenn sie unter Druck zustande gekommen sind. Anteilsscheine zu zeichnen gilt als geradezu gesellschaftsfähig bis systemrelevant, auch wenn die Gewinne daraus im Grunde nichts anderes sind als gewerbsmäßige Gaunerei, nämlich Unterschlagung von kollektiv erwirtschafteten Lohnanteilen, die stillschweigend in den Kassen der Produktionsmittel-Besitzer verbleiben nach dem Motto: Selber schuld, wer nur seine Arbeitskraft mitsamt Grips vermieten kann!
 
So wird es weitergehen 2015, mit größter Wahrscheinlichkeit. Für all die Risiken und Nebenwirkungen nützt es keinen Arzt oder Apotheker zu befragen, denn das eherne Gesetz der Kapital-Akkumulation ist systemimmanent nicht außer Kraft zu setzen. Die Tendenz zur Monopolisierung des Reichtums an Produktionsmitteln, Natur-Ressourcen, Grund und Boden mitsamt Immobilien in immer weniger Händen ist unausweichlich und nicht zu durchbrechen. Außer durch unsereinen selbst. Wenn beispielsweise in Griechenland eine absehbar linke Mehrheit beschließen sollte, den drückenden Auslands-Schuldendienst nicht mehr zu bedienen, könnte das den Griechen vorübergehend Erleichterung verschaffen, und den großen Gläubigerbanken noch größere Kopfzerbrechen.
 
Doch die klare Vorhersage eines weltweiten Zusammenbruchs des Kapitalismus und grundlegender gesellschaftlicher Umwälzungen hat bisher niemand gewagt, der seine Sinne halbwegs beisammen hat, außer der mutige Karl Marx seinerseits etwas arg verfrüht, verführt durch die Ereignisse des Vormärz der 1848-Revolution. Ihm sei vergeben, das ist verjährt. Noch ist es nicht soweit.

Für dieses Jahr jedenfalls steht sowas wieder einmal nicht auf der Tagesordnung. Der "Vorabend" bleibt. Selbst ein Papst Franziskus, der wahrlich kein Freund der Profitgier ist, muss hier bescheiden aufs Jenseits verweisen. Darauf sich einzulassen wäre indes noch absurder, weil unwahrscheinlicher und vergeblicher als eine noch so kleine Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels zu hegen.
 
Ohne diese Hoffnung könnte sich die Menschheit getrost sterben legen, oder gleich den Sprengstoffgürtel umschnallen. Ihr hilft es allemal sinnvoller, sich in der Dunkelheit zurechtfinden zu lernen, indem sie sich an den kleinen Lichtern der Erkenntnis orientiert, welche bereits hier und dort glimmen und wider alle Dummheit und Ignoranz hie und da offen aufflackern.

Das Projekt der Aufklärung muss und wird weitergehen, auch über den Tellerrand des heute Denkbaren hinweg; soviel Zukunftsahnung immerhin sollte möglich sein bei aller Rationalität und Faktentreue. Dann bekäme doch sogar die illustre Jahreslosung der UN vielleicht noch einen Funken wegweisenden Sinngehalts, anstatt der vorhandenen Verhältnisse nur schnöde zu spotten. Ob sie allerdings so gemeint war, bleibt das bestenfalls subversive Geheimnis der Vereinten Nationen.

Wolfgang Blaschka, München

 



Bild- und Grafikquellen:


1. Türgraffito "ENJOY CAPITALISM!". Foto: Flickr-User Metro Centric, Athen. Quelle: Flickr. Verbreitung m. CC-Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

2. Wandmalerei. Foto: Flickr-User Keizer Keizer. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

3. Karikatur "Wir möchten uns selbst anzeigen": gezeichnet vom Stuttgarter Karikaturisten Kostas Koufogiorgos  - zu seiner Webseite

4. Karikatur "Warten Sie, Herr Hoeness...": gezeichnet vom Stuttgarter Karikaturisten Kostas Koufogiorgos - zu seiner Webseite

5. Ein weißer Rat: Es ist allemal sinnvoller, sich in der Dunkelheit zurechtfinden zu lernen, indem sich der Mensch an den kleinen Lichtern der Erkenntnis orientiert. Foto: Jan Gropp, Jena / www.Bildreflex.de - Quelle: Pixelio.de

Foto/Startseite: Capitalism kills. Foto: Flickr.-User Tal Bright - Political. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0)