Die anthropologisch-ethischen Verfehlungen des Kapitalismus

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Peter Weber
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Die anthropologisch-ethischen Verfehlungen des Kapitalismus
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Die anthropologisch-ethischen Verfehlungen des Kapitalismus

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Ich habe in der Le Monde Diplomatique einen äußerst klugen und richtungweisenden Artikel über die existenzielle anthropologische Frage der Menschheit gefunden. Diese sollte eigentlich in einer Einheit mit der ökologischen Frage gestellt werden, wird aber meist unterdrückt oder übersehen, was verheerende Folgen hat.  Der Artikel trägt den Titel „Der Mensch im Kapitalismus“ und ist verfaßt von Lucien Sève. Da wir nicht die Rechte besitzen, den Beitrag in der vollen Länge zu veröffentlichen, unternehme ich mit Hilfe von einigen Zitaten daraus den Versuch, die Problematik in meinen Worten zu schildern und eigene Gedanken hinzuzufügen.

Einen aktuellen Ansatzpunkt habe ich beispielsweise beim Versuch der deutschen Grünen, eine neue Standortbestimmung zu finden, geortet. Durch maßgebende Beeinflussung wie durch den Ministerpräsidenten von BW, Winfried Kretschmann, scheinen die Grünen in eine neoliberallastige Öko-Partei abzudriften. Wenn sie den Fehler begehen, sich zu sehr der Wirtschaft an den Hals zu werfen und soziale Prinzipien in den Hintergrund zu drängen, mutieren sie zu einer grünen FDP, die sich auf die 5 %-Hürde zubewegt. Der Grund für diesen Irrweg der Grünen ist darin zu suchen, daß sie meinen, mit rein ökologischen Herangehensweisen und High Tec die Probleme unserer Zeit lösen zu können, ohne die mindestens genau so wichtige anthropologische Frage zu stellen.

Was ist die anthropologische Frage? Selbst ansonsten unpolitischen Bürgern ist die Relevanz der Ökologie bewußt, aber die ethische Kehrseite dieser Medaille, die untrennbar damit verbunden ist, bleibt eher im Unterbewußtsein hängen. Die Fragen, die sich in diesem Kontext jeder stellen sollte, sind die folgenden:

  • Wie steht es mit dem Zustand der menschlichen Gattung aus?
  • Ist sie nicht mindestens in der gleichen Weise in ihrer Existenz gefährdet wie die Natur oder die ganze Erde?
  • Haben wir es nicht mit einer Form von Entzivilisierung zu tun, die die vom Menschen geschaffene Zivilisation und Kultur regrediert und ins Wanken bringt?
  • Ist in diesem Zusammenhang nicht die Rettung der Menschheit auf der gleichen Dringlichkeitsstufe einzuordnen wie die Rettung der Natur?

Wenn wir mindestens eine dieser Fragen bejahen, dann gelangen wir erst zu den zentralen Kernfragen:

  • Von welcher Art und Qualität soll unsere Menschheit insgesamt beschaffen sein?
  • Welche ethischen und moralischen Grundsätze sind angemessen und liegen in unserer individuellen Verantwortung?
  • Welches sind die Werte, die wir persönlich und gesellschaftlich internalisiert haben und die uns von Wichtigkeit erscheinen?
  • Welchen Sinn hat das Leben für uns persönlich?
  • Steht „der Mensch“ – also das Gemeinwohl – im Vordergrund unserer Lebensanschauung oder der materielle Vorteil bzw. das Zusammenraffen von Besitztum und Geld?

Mit all diesen Fragestellungen auf einmal ist der eine oder andere sicher überfordert. Aber es kann nicht schaden, sich auf diesem Weg voranzukämpfen, wenn wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen wollen und nicht fatalistisch vor uns hinvegetieren wollen.

Ich habe mich entschlossen, die im Aufsatz von Lucien Sève behandelten Schwerpunktfragen in eine Struktur zu bringen und habe sie mit den folgenden Überschriften versehen:


1.  Ethik und Politik

Die grundsätzlichen Fragen, die wir uns hinsichtlich der Entwicklung unserer Zivilisation und unserer (Werte-)Kultur stellen müssen, sind ethischer Art. Das heißt, daß die Politik zwangsläufig involviert sein muß, aber in der Hauptsache bedeutet es, sich damit zu beschäftigen, wie wir unsere Gesellschaft grundlegend reformieren können.

Wenn wir wissen wollen, welchen Weg wir persönlich und mit uns die gesamte menschliche Rasse in der Zukunft nehmen wollen, dann sollten wir uns von abgegriffenen und nichtssagenden politischen Definitionen verabschieden. Nach wie vor operieren die Parteien und Politiker – mit Vorliebe im Wahlkampf – mit vorurteilsbehafteten Begriffen wie „links“, „rechts“, „sozialistisch“, „kommunistisch“ oder „christlich“. Die Mehrheit der politischen Organisationen driftet im Populismus dahin und will sich in der „Mitte“ verorten. Diese Mitte ist noch weniger aussagekräftig wie die anderen Scheinbegriffe, denn das Einmitten dient der Vernebelung der wahren Absichten und zur Paralisation und Sedierung der Bevölkerung. Wir sollten diese falschen Wegweiser schleunigst über Bord werfen und uns den gemeinsamen Zielen unseres Gemeinwohls zuwenden und an diesen gemeinsam wie an einem Strang ziehen.


2.  Vermarktung alles Menschlichen

Die verhängnisvollste Fehlentwicklung, die sich seit der Ausbreitung des modernen Kapitalismus mit seiner neoliberalen Ideologie ausgebreitet hat, ist die totale Vermarktung alles Menschlichen. Diese liegt im Wesen des Kapitalismus begründet, der keine Moral und Ethik kennt, und der seine globale Herrschaft auf dem Materiellen, auf Waren, Besitz und Geld, begründet. Menschliche Arbeitskraft wird zur Ware deklariert, die nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage wie Kartoffeln auf dem Wochenmarkt gehandelt wird. Dabei wird die Arbeitskraft der abhängig Beschäftigten von den Kapitaleignern als berechtigte Einnahmequelle ihres privaten Profits angesehen und somit mißbraucht.

Wer jedoch Menschen und ihre Arbeitskraft zur Ware erniedrigt, der „verwarenförmigt“ und verdinglicht damit auch die Arbeitnehmer. Das fehlgeleitete Verständnis der Kapitaleigner und Arbeitgeber besteht darin, daß sie glauben, Arbeit an die Arbeitnehmer zu verschenken. In der Realität ist es aber umgekehrt: Die Arbeitnehmer stellen ihre Arbeitskraft den Unternehmern zur Verfügung, freilich nicht ganz freiwillig und oftmals unter äußerst repressiven Bedingungen.


3.  Totale Kommerzialisierung von Dienstleistungen

Angefangen von der Ausuferung der Finanzmärkte, die auch noch politisch gefördert wurde, bis zu jeglicher denkbaren Dienstleistung und menschlichen Tätigkeit: Alles wird der Logik der hemmungslosen Profitmaximierung unterworfen. Lucien Sève spricht in diesem Kontext von einer „Verschmutzung der Arbeit, die nicht weniger schlimm ist als die der Gewässer.“

Auch Organisationen des öffentlichen Rechts und Aufgaben, die der Aufrechterhaltung der Existenz der Bürger dienen, bleiben nicht vom Diktat des Kapitals und er pathologischen Gewinnsucht verschont. Von der Energie- und Wasserversorgung, Müllabfuhr, ärztlicher Versorgung, Krankenhäusern, Gesundheitssystem bis zum Sport, zur Bildung, Forschung, Kunst und Kultur: alles wird privatisiert und verwurstet unter tatkräftiger Mithilfe der von uns gewählten „Volksvertreter“. Diese Art von Privatisierung, bei der die Kosten sozialisiert werden und die Gewinne privatisiert, nenne ich Raub am Bürgereigentum. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf Werner Rügemer, einem Kenner der Privatisierungs- und Korruptionsszene, der z. B. bei uns im Kritischen Netzwerk Beiträge wie „Heuschrecken im öffentlichen Raum“ oder „Unterwerfung als Freiheit“ geschrieben hat.

Wir sollten uns vor Augen halten, daß der entscheidende Reichtum der Welt – aus anthropozentrischer Sicht gesehen – die kreativen Leistungen der Menschen darstellen. Alle diese Aktivitäten, die unserem Leben einen tieferen Sinn verleihen, werden gnadenlos ausgebeutet und den gefräßigen Geldwölfen zum Fraß vorgeworfen. So wird z. B. auch das Fernsehen oder das Internet, die als Medien einen konstruktiven Effekt auf die kulturelle Entwicklung besitzen könnten, als Manipulationsmittel zur Gehirnwäsche zweckentfremdet. Oder als was sollte man die permanente und alle Lebensbereiche kontaminierende Werbung sonst bezeichnen? Sie dringt in unsere Gehirne ein und verleitet uns dazu, den Konsum als neue Religion und die Supermärkte als Tempel anzuerkennen sowie die von Menschen erschaffene Technik als Götzen anzubeten.


4.  Entwertung aller Werte

Was wir in den letzten hundert Jahren beobachten können, ist ein immer schneller voranschreitender Wertewandel. Ich benutze bewußt die neutrale Einordnung dieses Vorgangs und verwende nicht den dafür üblichen subjektiven Begriff „Werteverlust“. Aber trotzdem komme ich nicht umhin, eine subjektive Einschätzung abzugeben, die letztlich doch auf eine ziemlich fatale Entwertung aller bisher anerkannten Wertbegriffe hinausläuft, die durch die Krankheit der Kommerzialisierung verursacht wurde.

In diesem Kontext darf natürlich Emmanuel Kant und seine Moralvorstellungen nicht fehlen. Sein moralisches Prinzip ist so zu beschreiben, daß dem Menschen von Geburt an eine Menschenwürde zusteht. Dies bedeutet logischerweise, daß der Mensch „keinen Preis“ haben kann und das kapitalistische Prinzip, alles in Geld zu bewerten, zu einer allgemeinen Entwürdigung des Menschen und seiner Lebensleistungen führt. Auch der von Kant entwickelte „Kategorische Imperativ“ sollte an dieser Stelle berücksichtigt werden. Wikipedia definiert ihn so:

„Der kategorische Imperativ (im Folgenden kurz KI) lautet in seiner Grundform „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Er ist im System Immanuel Kants das grundlegende Prinzip der Ethik. Er gebietet allen endlichen vernunftbegabten Wesen und damit allen Menschen, ihre Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer für alle, jederzeit und ohne Ausnahme geltenden Maxime folgen und ob dabei das Recht aller betroffenen Menschen, auch als Selbstzweck, also nicht als bloßes Mittel zu einem anderen Zweck behandelt zu werden, berücksichtigt wird. Der Begriff wird in Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS) vorgestellt und in der Kritik der praktischen Vernunft (KpV) ausführlich entwickelt.“

Diese Prinzipien sind universell anzuwenden: auf kognitive, ästhetische, rechtliche oder moralisch-ethische Bereiche. Eine menschliche Zivilisation und Kultur ist nicht überlebensfähig, wenn sie nicht uneingeschränkte Menschenwerte und Menschenrechte akzeptiert, die nicht zur Disposition stehen. Lucien Sève formuliert dies folgendermaßen:

„Wir erleben heute tagtäglich, wie das Bedürfnis nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Würde ins Lächerliche gezogen wird, wie die Diktatur der Rentabilität auf die allmähliche Vernichtung des Unschätzbaren, (ökonomisch – Anm. d. Verf.) Nutzlosen, Unentgeltlichen hinarbeitet. Wir stehen an der tragischen Schwelle zu einer Welt, in der der Mensch nichts mehr wert ist.“ und

„Der einzige "Wert", der sich zum Maß aller anderen macht, ist nur noch selbstbezüglich und ohne jeden eigenen Wert … Ist diese Auflösung der Werte weniger schlimm als das Abschmelzen der Pole? Unsere Menschlichkeit selbst steht auf dem Spiel - ist uns das in vollen Ausmaß bewusst?“

Eine mit kapitalistischem Verwertungs- und Profitzwang infizierte Gesellschaft hat die Menschenwürde und das Menschenrecht außer Kraft gesetzt. Sie teilt die Menschheit grundsätzlich nur noch in drei Klassen ein:

  • die Kapitalbesitzer
  • die Verwertbaren, die durch ihre Be- und Ausnutzung aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres Wissens einen ökonomisch bezifferbaren Vorteil erbringen,
  • die Nutzlosen, also die Schwachen, Kranken, Arbeitslosen, Alten, Flüchtlinge und Außenseiter, die zum menschlichen Abfall deklariert werden und denen man am liebsten sämtliche Existenzgrundlagen entziehen würde.

Zu dieser Thematik haben wir in unserem Beitrag „Menschlicher Abfall gem. Zygmunt Bauman" im Kritischen Netzwerk Stellung bezogen.


5.  Unkontrollierbarer Sinnverlust

Ein weiterer unheilvoller Faktor bei der kulturellen Talfahrt der Menschen, der von Lucien Sève als der schlimmste von allen bezeichnet wird, ist der „unkontrollierbare Sinnverlust“, bei dem ich ihm nur beipflichten kann. Es handelt sich hier um ein weitgehend neues Phänomen, das dem früheren Kapitalismus nicht oder weniger anhaftete. Man konnte dem Kapitalismus in seinen Anfängen oder z. B. während des Wiederaufbaus in Deutschland, der Zeit des sog. Aufschwungs, sogar etwas Positives und einen Sinn zuerkennen. Bekanntlich behaupten die Apologeten des Neoliberalismus angefangen von Adam Smith, daß ein „freier“ Markt sozusagen mit „unsichtbarer Hand“ (Gottes) die Dinge automatisch zum Wohle aller regelt. Dies hat sich aber als Aberglaube herausgestellt, was allerdings noch nicht bis in die letzten Winkel der volkswirtschaftlichen Disziplinen und der Politik vorgedrungen ist.

Solange Konkurrenz als Motivation zur Erbringung sinnvoller Arbeit und kreativer Beschäftigung wirkt, hat sie ihre Berechtigung. Und solange der Arbeitnehmer und auch der Rest der Gesellschaft vom erarbeiteten Zugewinn einen gerechten Anteil erhält, ist die Welt noch in Ordnung. Insofern könnte man sogar die These aufstellen, daß der Kapitalismus trotz aller Ausbeutung die Menschheit zeitweise vorangebracht hat. Mittlerweile befinden wir uns jedoch in einer Phase, in der der Kapitalismus zum Selbstzweck  und eine nicht mehr zu regulierende Gefahr für die Menschheit geworden ist. Eine Sinnlosigkeit des Systems hat sich breitgemacht, die ohne Rücksicht auf Verluste nur noch seiner Erhaltung und dem Ausbau dient. Von einem Sinn kann höchstens noch in der Weise gesprochen werden, daß ein krebsartiges Wirtschaftswachstum mit dem Ziel der unendlichen Geld- und Besitzvermehrung zugunsten der Kapitaleigner verfolgt wird.

Wir streben einer enthumanisierten Gesellschaftsform entgegen, deren Beherrscher sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern und uns einreden wollen, diese Entwicklung sei zwangläufig und ohne Alternative. Wir generieren uns mehr und mehr eine „Un-Welt“. Zitat Julien Sève:

"Die finanzgetriebene Globalisierung wird zum konvulsivischen Durchbruch einer "Un-Welt", in der das Absurde zusammen mit seinem Geistesverwandten, dem religiösen Fanatismus, alles mehr und mehr durchdringt."

Statt uns nüchtern und kritisch eine klare Sicht der Umstände zu verschaffen und zu versuchen, die Entwicklungen, die wir in die Welt gesetzt haben, wieder im Sinne eines Nutzens für Mensch und Natur zu kontrollieren, lassen wir es zu, daß sie gegen uns und unsere Umwelt gerichtet werden. Wir sollten es verhindern, daß uns der Boden weiter unten den Füßen weggezogen wird. Wir müssen uns zu diesem Zwecke zusammentun und uns wehren. Aber zuvor ist es erforderlich, daß wir uns die oben angeführten Grundfragen stellen, damit wir nicht orientierungslos sind und in Apathie und Ohnmacht versinken. Der Sinnverlust, der unserer Kontrolle entgangen ist, muß rückgängig gemacht und in einen konstruktiven Sinn verwandelt werden.


6.  Entzivilisierung und Dekadenz

Durch die Diktatur der Ökonomie und des Profits, des negativen Wertewandels und des Sinnverlustes sowohl inunserem individuellen als auch gesellschaftlichen Leben haben wir uns auf den desaströsen Weg einer Entzivilisierung begeben. Auch die entsetzlichen Kriege, die die Menschheit in den letzten hundert Jahren geführt hat, liegen auf diesem Weg. Aber der heutige Prozeß verläuft schleichender und unmerklicher. Wir versenken langsam aber sicher die mit Mühe erarbeiteten demokratischen Errungenschaften. Zitat Julien Sève:

„Doch statt der friedlichen Demokratie, deren Zeit mit dem totalen Sieg des "freien Unternehmertums" angeblich gekommen war, erleben wir eine Ausweitung der Diktatur, zu deren schlimmsten Mitteln die Ausübung "sanfter" Gewalt gehört.“

Eine „Barbarei der globalisierten Un-Welt“ schreitet mit Macht voran, die wir oft nicht als solche erkennen, weil sie geschickt getarnt wurde. Was ist von den ständigen kriegerischen Konflikten, der Ausplünderung schwacher, armer und wehrloser Länder, von Terrorismus (Staatsterrorismus und fundamentalistischem oder religiösem Terrorismus) oder von der Anwendung von Folter zu halten, die nicht selten staatlich sanktioniert ist? Die sog. „saubere Gewalt“ ist letztlich auch nicht besser. Dazu gehören Praktiken wie: rigoroser Verdrängungswettbewerb, Konkurrenzkampf jeder gegen jeden, Mobbing, Massenentlassungen, Sanktionen und Repressionen gegen Arbeitslose, Überwachungsmethoden aller Art und an allen Orten. Auch symbolische oder psychische Gewalt reiht sich in diese unrühmliche Liste ein. Die Schürung von Angst zur gezielten Instrumentalisierung der Menschen, der Aufbau von Feindbildern zur Ablenkung von Machenschaften der Herrschenden oder die Umfunktionierung des Zynismus zu einer Tugend gehören zu diesem Katalog, den man sicher noch erweitern könnte.


7.  TINA: „There Is No Alternative“ und Ohnmacht

Das berüchtigte „TINA“ soll ja auf Margaret Thatcher zurückzuführen sein. Die Schwester von TINA ist die ebenfalls zweifelhafte „Systemrelevanz“. Sinnvollere Handlungsalternativen werden ausgeschlossen oder gar verteufelt. Mit derartiger verbaler Bewaffnung pflegen unsere Politiker heute zu argumentieren, obwohl die Waffen eigentlich nur Platzmunition enthalten. Aber die dümmlichen und eingeschüchterten Bürger lassen sich auf diese Weise in Schach halten und nehmen die ungeheuerlichsten Fehlentscheidungen der Politik ohne Murren hin.

Der Eindruck entsteht, daß von der herrschenden Klasse systematisch Ohnmachtsgefühle der Bürger aufgebaut werden. Die infame Strategie zur Entmündigung der Menschen hat offenbar gefruchtet. Die moderne Produktionsweise, die eingetrichterte Konsumreligion, die Übermächtigkeit, Unübersichtlichkeit und Unangreifbarkeit gravierender politischer und finanzieller Entscheidungen hat die Menschen eingeschüchtert und demoralisiert. Mutlosigkeit, Desinteresse, Ratlosigkeit, Frustration und Ohnmacht breiten sich aus. Die gezüchtete willenlose Masse trottet ihren Führern hinterher und läßt sich bei Bedarf willig abschlachten.


8.  Vermarktete Ökologie

Ökologie droht, zum reinen Geschäft und zur Profitmasche zu verkommen. Bei diesem Punkt komme ich wieder auf die anfangs erläuterte Tendenz bei den Grünen zurück. Es ist doch offensichtlich, daß die Bereitschaft der Menschen – oder besser, der Konsumenten – zur Förderung von Ökologie und umweltschonendem Verhalten zu einer lukrativen Geschäftsidee der Wirtschaft mutiert ist. Eigentlich ist nichts dagegen einzuwenden, daß Unternehmen mit sinnvollen ökologischen Produkten und Dienstleistungen damit Gewinne erwirtschaften. Allerdings muß beachtet werden, daß die negative Kreativität der Wirtschaft im Erfinden von pseudo-ökologischen Produkten unerschöpflich ist – genauso wie die Naivität der Verbraucher und ihr Bedürfnis, sich mit einem Feigenblatt zu rühmen. Mit Hilfe der Werbewirtschaft gelingt es, den unkritischen Verbrauchern mit den haarsträubendsten Versprechungen Dinge anzudrehen, bei denen der Verkauf eines Kühlschranks an einen Eskimo noch logisch erscheint.

Aufgrund dieser Umstände ist es verständlich, daß ein derartig eingeschränktes ökologisches Schmalspurdenken für die Konzerne dieser geschäftstüchtigen Welt keine Gefahr bedeutet. Im Gegenteil, sie haben die Möglichkeit, neue profitable Trends zu kreieren, auf die die bourgeoise, ökologisch-korrekte Mittelstandsgesellschaft regelrecht abfährt. Dabei handelt es sich um das typische Wählerpotenzial der Grünen. Die Verführung für die Führung der Grünen ist natürlich groß, auf diesen Zug aufzuspringen und sich der dafür allzu aufgeschlossenen Wirtschaft anzubiedern. Hier lasse ich nochmals Julien Sève zu Worte kommen:

„In Wirklichkeit hängt das ökologische Drama wie das anthropologische am fatalen Prinzip der kurzfristigen Profitmaximierung. Beide Fragen, die ökologische und die anthropologische, sind nicht voneinander zu trennen - man kann die Umwelt nicht ohne die Menschheit retten und die Menschheit nicht ohne die Umwelt. Eine Ökologie, die nicht das Profitsystem bekämpft, hat keine Zukunft.“

Das ist deutlich und sollte von jedem verstanden werden. Aber Menschen sind zwiespältige und widersprüchliche Wesen, die zudem Meister der Rationalisierung und Verdrängung sind. Wer sein Gemüse und Fleisch korrekt beim Ökobauern oder zumindest an der Ökotheke im Supermarkt kauft, glaubt, bereits seine Schuldigkeit getan zu haben. Er hat dann kein schlechtes Gewissen mehr, wenn er mit einem SUV zum Einkaufen fährt und zweimal im Jahr mit dem Flugzeug in Urlaub fliegt.


9.  Schlußbemerkungen

Leider verhält es sich so, daß Ökologie falsch verstanden wird und fast ausschließlich auf die Art und den Umfang des Konsums reduziert wird. Wenn wir ernsthaft die anthropologische Frage stellen wollen, die ja Sinn und Grundlage dieses Beitrags darstellt, dann müssen wir unausweichlich den Kapitalismus anklagen, der durch seine inhumane Natur der Mitverursacher unserer Dekadenz ist. Da die Profiteure und Statthalter des Kapitalismus logischerweise kein Interesse an der Diskussion der anthropologischen Fragestellung besitzen, müssen wir sie dazu zwingen. Das aber gelingt nur durch nachdrücklich bewirkten Systemwechsel.

Um es nochmals zu betonen: Die bei uns verbreitete eingeschränkte ökologische Denkweise bedient sich nicht des nötigen radikalen Ansatzes. Sie nimmt allenfalls den Konsum unter den Aspekten von Gesundheitsverträglichkeit, Sinn, Menge, Energieverbrauch, Naturzerstörung- oder Vergiftung bzw. ökonomischer Schäden aufs Korn. Außerdem wird der Technologieentwicklung in einer Art von blindem religiösen Vertrauen eine göttliche Allmächtigkeit zugewiesen, die sämtliche Probleme dieser Welt lösen kann, ohne daß man sich bei seinem Konsum einschränken müßte. Ich möchte damit nicht den Anschein erwecken, daß diese Betrachtungsweisen unwichtig wären und alle Technologien des Teufels sind. Aber sie sind einseitig, solange sie den Konsum und seine Herstellung nicht im Hinblick auf die inhumanen Produktionsweisen, das Primat des Profits und der Verteilungsungerechtigkeit sowie die gesamtgesellschaftliche Verantwortungslosigkeit betrachtet.

Das Schlußwort meines Beitrags will ich Lucien Sève überlassen:

„So gesehen erscheint die Lage der Menschheit äußerst düster. Ist die Sichtweise nicht doch etwas einseitig? Man muss auch die objektiven Voraussetzungen und subjektiven Ansätze zur unumgänglichen Überwindung des Kapitalismus sehen. Vieles sieht so aus, als wäre es nicht zu ändern; wir dürfen dem nicht nachgeben. Wir können damit beginnen, die Tendenz umzukehren. Aber nur dann mit Erfolg, wenn wir eine Vorstellung davon entwickeln, wie groß die Aufgabe ist. Sie verlangt, sich der anthropologischen Frage in ihrem vollen Umfang zu stellen, sie also in gleicher Weise wie die ökologische erst einmal zur Frage zu machen.“

„Was jetzt beginnen muss, ist nichts weniger als die Rettung der Menschheit. Karl Marx schrieb im Mai 1843 an Arnold Ruge: "»Sie werden nicht sagen, ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn ich dennoch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene verzweifelte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt.«“

MfG Peter A. Weber