FASS DIE LINKEN: Über Beiss-Reflexe gegen linke Positionen

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Ulrich Gellermann
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Beigetreten: 22.03.2013 - 15:43
FASS DIE LINKEN: Über Beiss-Reflexe gegen linke Positionen
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FASS DIE LINKEN

Über Beiss-Reflexe gegen linke Positionen


Es war das Jahr 1905, der Mediziner und Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow mühte sich mal wieder mit seinem Hundeexperiment ab, das dem Verhalten von Tieren und deren Reflexen galt. Das war das Neue in der Verhaltensforschung: Der Speichelfluss des Hundes begann nicht erst mit dem eigentlichen Fressen, sondern schon, wenn der Hund annehmen musste, er bekäme gleich sein Fleisch. So reichte nach ein wenig Übung bereits ein Klingelton, um den Speichel fließen zu lassen. Der bedingte, der angelernte Reflex war gefunden. Deutsche Medien haben - im Ergebnis einer langen Lernphase aus der Zeit vor 1990 - ihren Speichelfluss noch mit einem Beissreflex komplettiert: Irgendwo sagt irgendwer LINKE, und dann muss er gar nicht mehr "fass!" befehlen, unser Redakteur macht das schon.



Eines Tages, in einer besseren Welt, wird dem deutschen Redakteur auffallen, dass alles was er jetzt an der Allparteienkoalition (CDU-SPD-FDP-Grüne) neu und lobenswert findet - die Transaktionssteuer, das Regelwerk für Banken, der Mindestlohn -  vor Jahren schon von den LINKEN gefordert wurde. Aber bis zu diesem Tag wird zum Beispiel der TAGESSPIEGEL diese Falschmeldung in die Welt setzen: "Oskar Lafontaine will die D-Mark zurück". Da kann die TAZ, das Zentralorgan der GRÜNEN, nicht zurückstehen und behauptet wahrheitswidrig: "Lafontaine will den Euro nicht". Man hat Witterung aufgenommen: Es könnte sein, dass, wenn man dummes Zeug über Lafontaine behauptet, die Linkspartei diffamiert werden kann. Deshalb knurrt die TAZ weiter: "Was haben Oskar Lafontaine und die AfD gemeinsam? Beide sind gegen den Euro. Gut möglich, dass sein Euro-Nein die Linkspartei im Westen spaltet." Das hat gesessen: Die erzkonservative Partei "Alternative für Deutschland (AfD)" und Lafontaine mit ihr kontaminiert, das wäre doch was. Und so muss dann auch die ZEIT nachschieben: "Lafontaine spricht sich für nationale Währungen aus. Der frühere Linken-Chef und seine Lebensgefährtin Wagenknecht zeigen Sympathie für die Anti-Euro-Partei AfD: Es sollte wieder Drachme, Lira und Peseta geben, sagen sie." Besonders spannend ist es, wenn ein Redakteur der "Süddeutschen" auf einer Zeitungsseite die Debatte um den LINKEN-Kurs mit extrem verkürzten Zitaten anheizt und der selbe weiter vorne im Blatt den westlichen Militäreinsatz in Syrien von "Wohlfeilen Warnungen" gefährdet sieht: Da weiß man wenigsten, wo die Glocken hängen.

Bei ihrem Eifer der Linkspartei als irgendwie rechts zu denunzieren, stützen sich die erstaunlich fantasievollen Medien auf zwei Quellen: Einmal hat Oskar Lafontaine auf einer Website der Saar-Linken eine Stellungnahme abgegeben, in der das Wort AfD an keiner Stelle vorkommt. Statt dessen stellt er schlicht fest, dass die bisherige europäische Finanzpolitik vor allem die Ökonomie der Südländer an die Wand gefahren hat und es deshalb erwägenswert sein könne, die Wechselkurse freizugeben: "Im Kern geht es darum, kontrollierte Abwertung und kontrollierte Aufwertung über ein von der EU getragenes Wechselkursregime wieder möglich zu machen." Die zweite Quelle ist ein Interview Sahra Wagenknechts mit dem Sender "ntv". Da gibt es zum Beispiel diesen Satz: "Die AfD vertritt keine Perspektiven eines sozialen Europas oder eines sozialen Deutschlands. Ihre Steuerpolitik läuft eher auf eine beschleunigte Umverteilung nach oben hinaus mit weiteren Steuersenkungen für Reiche." Klingt das nach Sympathie? Oder dieser hier: "Zu suggerieren, `Wir müssen raus aus dem Euro, dann sind unsere Probleme gelöst´, halte ich jedoch für falsch". Klingt das nach raus aus den Euro? Nein, das einzige, was hier klingelt, ist das Pawlowsche Glöckchen.

Hintergrund des Mediengeifers sind Umfragen, die bei ehemaligen Linkspartei-Wählern ein Interesse an der AfD in Höhe von 33 Prozent feststellen. Grund genug, sich mit dieser Partei und ihren Positionen zu beschäftigen. In einem höchst dürftigen Wahlprogramm formuliert die AfD: "Deutschland braucht den Euro nicht. Anderen Ländern schadet der Euro. -  Wir fordern, dass die Kosten der sogenannten Rettungspolitik nicht vom Steuerzahler getragen werden. Banken, Hedge Fonds und private Großanleger sind die Nutznießer dieser Politik. Sie müssen zuerst dafür geradestehen." Dazu fällt der klugen Frau Wagenknecht ein und auf: "Wieso sollen Arbeitnehmer und Rentner in Deutschland die Zeche zahlen für die Zockereien der Banker? Gleichzeitig werden die Länder in Südeuropa totgespart, die Arbeitslosigkeit explodiert und die Menschen werden gegen Europa aufgebracht. Diesen Irrsinn zu kritisieren, ist richtig." Nur hier sieht sie Überschneidungen von AfD und LINKEN. So funktioniert Politik.

Was die Linksvorsitzende Kipping reitet, diese Position so zu kommentieren, dass sie "gar nichts davon (halte), jetzt an der Europaskepsis anzudocken und sich mit der AfD gemein zu machen" wird ihr Geheimnis bleiben. Hat sie auch das Glöckchen gehört und nur falsch interpretiert? Ganz anders ist die Lage beim linken Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich. Bei ihm wird es der Futterneid sein, der ihn zu solchen Äußerungen treibt: Es sei "in höchstem Maße ärgerlich, dass wir hier nach Abschluss der Programmentwurfsdebatte von der stellvertretenden Parteivorsitzenden und ihrem Freund Auffassungen hören, die in diese Debatte nicht eingebracht wurden", sagt der Mann. Dessen Reflexe verhindern sogar, den "Freund" von Frau Wagenknecht beim Namen zu nennen. Vermutlich ist es das, was Gregor Gysi meinte als er "Hass" in der Linksfraktion feststellte.

Warum in der Linkspartei so wenig Solidarität herrscht, dass die Texte von innerparteilichen Gegnern nicht gelesen und ordentlich analysiert werden, kann nur sie selbst klären. Die Wähler allerdings werden ihr ziemlich deutlich erklären, was sie davon halten: Nichts. Für die Reflex-Medien gilt: Brav, Redakteurchen, kriegst auch ein Leckerli.


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Uli Gellermann
 



► Quelle:  RATIONALGALERIE > Artikel vom 03.05.2013