Jahrtausendhochwasser: Sandsacktourismus der Re(a)gierenden

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Jahrtausendhochwasser: Sandsacktourismus der Re(a)gierenden
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Jahrtausendhochwasser

Sandsacktourismus der Re(a)gierenden


"Wir können doch nicht alle zehn Jahre unsere Stadt neu aufbauen", klagt der geplagte Bürgermeister im sächsischen Grimma angesichts der nach elf Jahren wiederkehrenden Fluten. Wie bitte, was? Haben die denn Papierhäuser dort? Das Wasser läuft doch wieder ab! Wiederaufbau ist gar nicht nötig, wie das bayerische Passau am Ausfluss Bayerns nach Österreich seit Generationen beweist. Es steht immer noch, seit Römerzeiten. Dort in der Dreiflüssestadt kommt fast jedes Jahr ein Hochwasser und geht auch wieder, diesmal eben das höchste seit 500 Jahren. Irgendwann musste das mal sein. Mit 12,80 Metern war die historische Rekordmarke vom 15. August 1501 geknackt. Der höchste Wasserstand aller Zeiten, zumindest solange wir davon wissen. Nach dem Ende der letzten großen Eiszeit dürfte es weit höhere Pegelstände gegeben haben, aber da gab es noch keine Pegel und keine Stadt am und im Fluss.




Merkel besucht medienwirksam die Hochwassergebiete

© Karikaturist Kostas Koufogiorgos - klick


Endlich hat auch Deutschland sein Venedig, wenigstens für ein paar Tage; und es war nur eine Frage von 6 Zentimetern, bevor das Rückhaltebecken der Isar randvoll gewesen und geflutet worden wäre, und München ebenfalls bis zum Petersbergl unter Wasser gestanden hätte. Das geht streng nach Katastrophenplan, so ist die Vorschrift: Bevor der Damm bricht, wird der Stöpsel rausgezogen. Sonst passiert am Ende sowas wie in Berchtesgaden. Das liegt so hoch, dass man meinen möchte, das Wasser liefe einfach so ab. Aber genau das ist es ja! Es hat verheerende Wirkungen: Murenabgänge, Schlammlawinen, Unterspülungen. Ganze Ortschaften sind tagelang von der Umgebung abgeschnitten, nicht mehr erreichbar. Für die Betroffenen eine harte Prüfung, zumal die Versicherungen bei Elementarschäden nicht zahlen. Besser haben es ehemalige DDR-Bürger, wenn sie ihre alten Vorwende-Policen noch haben, die die Allianz so gierig übernommen hatte. Prompt ging ihr Aktienkurs den Bach runter. Es bleibt kein Auge trocken. Da haben auch in München alle Renaturisierungsversuche an der innerstädtischen Isar nichts fruchten können, wenn das Grundwasser hochdrückt. Die Au ist abgesoffen. Der Flauchersteg wurde von vornherein gesperrt. Gebadet wird bei dem Sauwetter zuhause. Die wilde Isaria, die früher so gefürchtete "Reißende", hätte wie anno dunnemal die Brücken weggeschwemmt, und Seehofer hätte direkt aus der Staatskanzlei sein knallrotes Gummiboot zu Wasser lassen können.

Hochwasser zum Wahlkampf, etwas besseres kann ihm ja kaum passieren! Katastrophen-Stimmenfischen ist Gummistiefelzeit. Schröder hat damit gepunktet 2002, in grüner Regenjacke. Trotz lässiger Haltung und Händen in den Hosentaschen gelang ihm ein entschlossener Blick wie weiland Helmut Schmidt 1962 in Hamburg, der nicht nur der Sturmflut zu trotzen verstand, sondern auch dem Grundgesetz, indem er einfach die Bundeswehr zum Einsatz im Innern anforderte. Das brachte dem Weltkriegsleutnant den Nimbus eines Mannes der Tat in sturmumtoster Zeit. Seitdem hat das Tradition. Welche Farbe sein hochgeschlagener Mantel hatte, lässt sich aus den Schwarzweiß-Bildern schwer rekonstruieren. Die Mütze war wichtig. Prinz Heinrich, traditionell sozialdemokratisch. Hat man heute seltener. So stapfte der Basta-Kanzler forsch, aber demütig barhäuptig über die Deiche und ließ die Soldaten ausnahmsweise etwas Sinnvolles tun. Edmund Stoiber dagegen verpennte die Chance und brach erst zwei Tage später seinen Urlaub ab. Zu spät: er wirkte wie ein kläglicher Nachahmer und ging in Armani-Jeans und hellblauem Poloshirt voll baden. In Dresden hätte er ohnehin nichts zu melden gehabt. Die Stadtfarben wären aber auch schwarz-gelb gewesen und die Landesfarben grün-weiß. Voll vergriffen! Hellblau, lächerlich! Schröders Entscheidung für Grün jedoch sollte Selbstlosigkeit signalisieren und mahnte beiläufig natürlich, den Koalitionspartner nicht zu vergessen bei der anstehenden Wahl. Das Katastrophen-Management obliegt nun mal den Regierenden.

Das weiß auch Seehofer, und schaltete sofort auf Rettungsmodus, ist daher mit Angela Merkel am tiefsten Punkt Niederbayerns in Passau verabredet, um sich "ein Bild von der Lage zu machen". Ein Bild, das in allen Zeitungen längst abgebildet ist. An die versunkene Landzunge zwischen Donau und Inn werden sie ohnehin nicht gelangen können, da ist längst abgesperrt. Bestenfalls auf dem Domhügel werden sie sich inmitten von Einsatzfahrzeugen ablichten lassen können. Merkel hat ein paar Rettungsmillionen im Gepäck, ist also herzlich willkommen. Die Frage allerdings wird sein, in welches Outfit sie sich zweckmäßigerweise zwängen lässt. Das kann wahlentscheidend sein. Schwarz wäre falsch. Zu feierlich und nicht strahlend genug für eine Siegerin mit Wahlkampfgeschenken. Gelb wäre gut, weil es die FDP pushen würde. Gelbe Gummistiefel, gelben Friesennerz, sowas müsste sie doch noch in der Faschingskiste haben als Mädchen von der Küste. Auf jeden Fall gelb! Warnorange würde zu sehr an Krise und Gefahr gemahnen. Gelb, Angie, gelb!



Landesvater Seehofer kümmert sich

© Karikaturist Kostas Koufogiorgos - klick


Seehofer hat nämlich seinen ersten großen Fehler schon gemacht: Er trat bereits in Rosenheim im roten Rettungsjäckchen vor die Wassermassen, und gab damit seinem Herausforderer Christian Ude (SPD) optische Wahlkampfhilfe. Der wiederum war schlau: Er befahl der Münchner Feuerwehr, ihre Hilfe auch außerhalb der Stadt anzubieten. Soll heißen: München rettet Oberbayern. Oberbayern entscheidet die Wahl. Die Wahl möge also doch bitte für den Münchner Oberbürgermeister gnädig ausgehen und ihn zum Ministerpräsidenten machen. Während Seehofer hilflos mit ansehen muss, wie die letzten schichttauglichen Bundeswehreinheiten aus Bad Reichenhall und Amberg vom Sandsäcke-Abfüllen abgezogen und bald ins heiß umkämpfte Afghanistan verlegt werden, wo man diese Fertigkeit dringender benötigt zum Kugelfang, schickt Ude die unterforderte Münchner Berufsfeuerwehr ins nahe Aisingerwies im Mangfalltal bei Rosenheim, woher München sein berühmtes, wenn auch derzeit vorsorglich transportgechlortes M-Wasser bezieht: 24 Fahrzeuge und 100 Einsatzkräfte von Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr, die angesichts steigenden Grundwassers seit Tagen sowieso nur noch abpumpen, kurz bevor das eindringende Wasser in den Kellern knapp unter die Stromkästen zu schwappen droht, da alles andere sinnlos wäre und nur die Statik der Gebäude gefährden würde. Clever gedacht und klug gemacht: Oberwasser trotz Opposition. München als (nicht ganz selbstlose) Patin ihres Trinkwasser-Reservoirs. Damit es nicht wie in Passau endet: Ohne Leitungswasser, weil dieses verschmutzt ist, und ohne Elektrizität, weil es sonst nur zischen und funken würde beim Besuch der Kanzlerin.

In solchen Situationen ist Reisen angesagt. Wenn schon die Bahnlinien unterbrochen sind, doch besser mit dem Hubschrauber. Das wirkt wichtiger. Also was macht Ramsauer als Verkehrsminister? Der muss auch irgendwohin. Logisch, macht er, an die überflutete A8 am Chiemsee, ebenfalls im knallgelben Jäckchen, ausgeliehen vom ADAC, verkleidet als gelber Engel. Ein bisschen inspizieren. Nur doof, dass ihn dort kein Autofahrer sehen kann wegen der Vollsperrung in beiden Richtungen. Doch geht es ja nur um die Pressefotos. Soviel Wahlplakate könnte man gar nicht drucken. Da wäre eigentlich noch der Steinbrück gefragt. Schon sein Name im Zusammenhang mit Hochwasser könnte suggerieren, dass man mit ihm trockenen Fußes ans andere Ufer käme. Aber nichts zu hören von dem Vielredner bisher. Nicht mal drei Worte: "Ins Wasser gefallen!" Oder: "Der Pegel entscheidet". Aber was soll's: Das Wähler-Gedächtnis ist ohnehin kurz. Bis zum Herbst kann noch sehr viel passieren. Auf jeden Fall fließt noch viel Wasser die Donau hinunter, und die Elbe und den Rhein. Selbstverständlich auch die Moldau und die Mulde. Es hat schon europäische Dimensionen! Doch bis dahin ist Grimma wieder trocken. Eigentlich ist alles zu früh, und das Fünfhundertjahrhochwasser also politisch überflüssig wie ein Kropf.


Wolfgang Blaschka, München