KenFM im Gespräch mit dem Journalisten und Autor Dirk C. Fleck

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KenFM im Gespräch mit dem Journalisten und Autor Dirk C. Fleck
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KenFM im Gespräch mit: Dirk C. Fleck



Journalismus ist das Immunsystem der Demokratie.

Journalismus beginnt innerhalb der Redaktionen.

Journalismus bedeutet, die Fragen zu stellen, die andere für beantwortet halten.

Diese drei Leitsätze haben das Leben des Vollblut-Journalisten Dirk C. Fleck immer begleitet und seine Arbeit geprägt. Der 1943 in Hamburg geborene Autor zählt zu den journalistischen Urgesteinen der Republik. Er hat jahrelang für die ganz großen Magazine gearbeitet. Geo, Meridian, Stern, Die Woche, Tempo, Der Spiegel – um nur die Flaggschiffe zu nennen.

Inzwischen hat sich Fleck aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und arbeitet vor allem als Buchautor. Wir trafen ihn in seinen Privaträumen in Hamburg, um uns ausführlich über sein Buch “Die vierte Macht” zu unterhalten. Für dieses Buch befragte Dirk C. Fleck 25 Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten. Unter ihnen befand sich auch der inzwischen verstorbene FAZ-Chefredakteur Frank Schirrmacher.

Wir erlebten einen sehr nachdenklichen, aber auch weisen Kollegen, der gerade für die neue Generation der Netz-Journalisten ein echtes Vorbild sein kann. Fleck ist ein Typ von Mensch, den man integer nennen kann.




Literaturempfehlung:

Die vierte Macht: Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten

Autor: Dirk C. Fleck

Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

ISBN: 978-3-455-50259-6

als E-Book: ISBN: 978-3-455-85050-5

"Die Politik ist immer weniger fähig, die Welt und sich selbst zu erklären. Das müssen die Medien übernehmen." Hans-Ulrich Jörges

Dirk C. Fleck trifft die wichtigsten Journalisten des Landes und befragt sie zu ihrer Verantwortung in einer Welt, die sich scheinbar gewissenlos selbst zerstört. Wie stark engagieren sich die Medien für einen Wertewandel in der Gesellschaft? Nutzen sie in heutigen Krisenzeiten ihren Einfluss als vierte Macht, um die Zuschauer, Zuhörer und Leser aufzuklären und zu sensibilisieren? Und lassen die Medien eine solche Berichterstattung überhaupt zu - denn ist das Mediengeschäft nicht in erster Linie ein Unterhaltungsgeschäft?

Dirk C. Fleck führt sehr substanzielle, informative Gespräche und präsentiert gestandene Journalistengrößen in kurzweiligen Porträts, welche die Medienprotagonisten auch von einer persönlichen Seite zeigen.

Die Gespräche wurden geführt mit: Kai Diekmann, Harald Schumann, Volker Panzer, Cordt Schnibben, Hans-Ulrich Jörges, Geseko von Lüpke, Dietmar Schumann, Anne Gesthuysen, Robert Misik, Peter Unfried, Michel Friedman, Jochen Schildt, Matthias Leitner, Giovanni di Lorenzo, Helge Timmerberg, Michael Jürgs, Anne Will, Klaus Liedtke, Lars Haider, Mathias Bröckers, Gert Scobel, Jakob Augstein, Kurt Imhof, Hubertus Meyer-Burckhardt und Frank Schirrmacher
 

Euer Ken Jebsen, Berlin
 

 

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Johannes Heinrichs
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Beigetreten: 16.11.2012 - 13:19
Sind etwa Gleichschaltung und systemisches Ignorieren üblich?


Sind etwa Gleichschaltung und systemisches Ignorieren üblich?


Allein, dass es Dirk Fleck gelungen ist, 25 Spitzenjournalisten in einem Buch zu versammeln, stellt eine große Leistung dar, die nur ein ehemaliger Insider des Milieus vollbringen konnte, der sich im letzten Jahrzehnt zu einem Romanschriftsteller entwickelt hat. Wer einfach eine Interview-Sammlung erwartet, wird positiv überrascht: Bis auf wenige Ausnahmen (Gert Scobel, Anne Gesthuysen, Michel Friedmann, Frank Schirrmacher) handelt es sich um Porträts der befragten Journalisten, denen eigene Gespräche zugrunde liegen. Aus diesen Begegnungen bedient uns der Porträtist, selbst Akzente setzend und charakterisierend, selbst jeweils einen Gedankengang verfolgend. Es kommen auf diese Weise einige wahre Kunstwerke zustande. Dass dies bei den genannten Ausnahmen nicht der Fall ist, macht die Sache umso reizvoller: Scobel kann einmal aus seiner bekannten Moderatorenrolle heraustreten und seine eigene intellektuelle Brillanz und Ausweglosigkeit offenbaren, Friedmann erweist sich als zu kämpferisch für einen Dialog, Frau Gesthuysen im Mail-Dialog als zu widerborstig gegenüber eindimensionalem Ökologismus, Schirrmacher bekommt einen lehrreichen Brief als Ersatz für ein abgebrochenes Gespräch.

Die tiefsten Aufschlüsse über die gesellschaftsverändernden Möglichkeiten des Journalismus gibt einerseits der so kapitalkritische Harald Schumann: Medien können niemals als Speerspitze eines gesellschaftlichen Umbruchs fungieren. Wie soll das auch funktionieren?" (33) Die Medienarbeiter seien selbst tief eingebettet in die Gesellschaft. Wirklich, notwendig? Der "Verschwörungstheoretiker" des 9/11, Matthias Bröckers gibt dagegen ein alarmierendes Beispiel dieses embedded journalism (wie sonst nur die begleitende Kriegsberichtserstattung genannt wird): Es ist bedauerlich und beschämend, dass sich das Gros der schreibenden und sendenden Kollegen so unumwunden und hemmungslos gleichschalten lässt." Gleichschaltung keineswegs nur durch die finanziellen Zwänge. Dieser "Sonderfall" gibt dem wachen Leser viel zu denken! Dirk Fleck verzichtet darauf, ihm alles vorzudenken.

Öfter will er seinen Gesprächspartnern freilich sein ökologisches Herzensanliegen vordenken und entlocken. Das gelingt nicht immer. Es ist in dem Buch überhaupt eine inhaltliche Spannung spürbar zwischen dem Öko-Alarm (den wir seit 4 Jahrzehnten kennen) und einer tiefer gehenden Besinnung auf die demokratischen, institutionellen BEDINGUNGEN DER MÖGLICHKEIT, ökologische Einsichten gesellschaftlich, mit staatlichen Instrumenten effektiv durchzusetzen. In dieser Hinsicht bleibt Fleck im Horizont seines Umfeldes, des Vereins Equilibrismus", gefangen: der Mensch als Teil der Natur, weg vom Anthropozentrismus. Jacob Augstein wehrt sich mit Recht dagegen, auch wenn er selbst nicht die gesellschaftlichen Instrumentarien nennen kann, mit gesellschaftlichen, demokratischen (also anthropologischen!) Mitteln Harmonie zwischen dem Menschen als einem Nicht-Raubtier und der Natur zu stiften.

Auf die demokratische Schlüsselproblematik kommt der Autor im Gespräch mit dem superklugen Hans-Ulrich Jörges. Er fragt ihn, ob er eigentlich den Lösungsansatz einer Viergliederung des Parlaments und bereichsspezifischer Wahlen kenne, worin die soziale Kreislauffähigkeit hergestellt wird, die dann auch die Naturkreisläufe ohne Ökodiktatur effektiv bewahren könnte. Warum, fragt er, finden solche Vorschläge in den Medien kaum einen Widerhall, obwohl doch Einigkeit darüber besteht, dass das bestehende System in einer Sackgasse steckt. "Das sehen Sie falsch" entgegnet Jörges, die Diskussion findet statt" (268). Hier wird für mich als Betroffenen zum Greifen deutlich, wie selbst ein so kluger Kopf ahnungslos daran vorbei geht, dass es in Sachen Demokratie gelegentlich entscheidend Neues unter der Sonne gibt, dass jedoch die geplagten Journalisten dergleichen grandios ignorieren (und natürlich auch diese Ignoranz ignorieren). Der Urheber jener Viergliederungsidee, einer inneren Synthese von direkter und parlamentarischer Demokratie, wurde just zu diesem Thema noch zu keiner Talkschau eingeladen - obwohl Anne Will angeblich nach originellen Köpfen suchen darf. Hängt solches systemisches Ignorieren etwa mit jener Gleichschaltung im Fall Bröckers zusammen?

Wenn ich mir also noch etwas gewünscht hätte vom Autor dieser überaus lehrreichen Sammlung, wäre es dies: ein schärferes Durchfragen angesichts dieser alarmierenden Phänomene. Ich kann gut verstehen und goutieren, dass er überall in freundlicher anerkennender Kollegialität verharrt. Ab wann aber stellen just diese schönen Züge selbst die Duldung von Gleichschaltung und des systemischen Ignorierens dar? Vielleicht entzogen sich deshalb instinktiv die meisten Frauen diesem haarigen Publikationsunternehmen? Die Frauenquote wird von 2 auf 3 gehoben - durch das vergleichsweise aussageblasse Nachwort einer grünen Politikerin.

Bei aller Verhaltenheit des Autors, wird die Klage doch hörbar, dass selbst die so genannte "vierte Gewalt", die Publizistik, zu einem Teil korrumpiert sei. Zwar stellt die Publizistik gerade keine Staatsfunktion dar. Die Rede von einer "vierten Gewalt" muss ursprünglich metaphorische, fast scherzhafte Bedeutung gehabt haben, was über dem häufigen Gebrauch weitgehend vergessen wurde (vgl. Wikipedia, Gewaltenteilung). Dirk Fleck tituliert denn auch vorsichtiger mit "vierter Macht". Es handelt sich in der Tat um eine teils unheimliche Macht, mit einer heimlichen, aber entscheidenden Schlüsselbedeutung für unser demokratisches Gemeinwesen. Steht die Macht der "freien" Publizistik nun eher auf der Seite einer offenen, freien Zivilgesellschaft - oder ist sie insgeheim den Gesetzen des Kapitals, des von ihm verfälschten freien Marktes sowie des Karrierismus unterworfen, die ganze Gesellschaft hinterrücks diesen Gesetzen der Geistlosigkeit unterwerfend? Diese Frage erhebt sich gut begründet in dem hier eröffneten Raum des Spitzenjournalismus.

Prof. Johannes Heinrichs, Berlin u. Duisburg

 

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