PEGIDA in München ausgebremst

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
PEGIDA in München ausgebremst
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PEGIDA in München ausgebremst

Geplanter Marsch zur Feldherrnhalle fand nicht statt

Ausgerechnet am 9. November, zum 77. Jahrestag der Reichspogromnacht, wollte PEGIDA auf den Odeonsplatz direkt vor die bei Rechten so beliebte Feldherrnhalle marschieren, um, ja was nun ...? Aber genau: Um des Mauerfalls von 1989 zu gedenken. Das könne einem deutschen Nationalisten doch niemand verwehren, dass er sich mal so richtig freut, oder? Als Deutscher wird man sich doch wohl auch noch freuen dürfen, nicht wahr! Oder ist die Islamisierung des Abendlands schon so weit fortgeschritten, dass das auch schon verboten ist?

Die Stadt München verstand den Spaß nicht. Die provokative Aktion wurde verboten. Mehrere tausend Münchnerinnen und Münchner fanden sich ein, um den Platz vor der historisch belasteten Arkade zu besetzen und der tragischen geschichtlichen Ereignisse zu gedenken, die sich unweit von hier im Alten Rathaus und dann in der ganzen Stadt ereigneten, als die NSDAP-Spitze 1938 aus Rache für die Novemberrevolution 1918/19 und als Revanche für die blutige Niederschlagung ihres Marsches auf die Feldherrnhalle durch bayerische Landespolizei 15 Jahre zuvor den reichsweiten Befehl an SA und Gestapo heraus gab, den "deutschen Volkszorn" gegen Juden zu organisieren, deren Schaufensterscheiben einzuschlagen und Synagogen anzuzünden.
 
Damit wollten die heutigen "Fremdenfürchtlinge" freilich nichts zu tun haben, wiewohl etlichen von ihnen vermutlich insgeheim ihr enges Herz aufgeht, wenn irgendwo eine Asylbewerber-Unterkunft in Flammen steht - wie so oft in den letzten Wochen und Monaten. Aber der "echte Deutsche" darf sich ja nicht mehr offen freuen, grummelten sie wohl für sich hin, und meldeten ersatzweise einen "Spaziergang" am anderen Ende des Prachtboulevards Leopold- /Ludwigstraße an, von der Münchner Freiheit zum Siegestor, mit freiem Blick zum Sophie-Scholl-Platz vor dem Uni-Hauptgebäude und in der Sichtachse zum derzeit für sie noch unerreichbaren Ziel, der Feldherrnhalle. Zumindest sehen wollten sie denn doch von Ferne, wo der Hitler-Putsch am 9. November 1923 vorzeitig endete.
 
Auch das wollte das Kreisverwaltungsreferat "mit ausdrücklicher Billigung des Oberbürgermeisters", wie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter selbst auf der Kundgebung bekräftigte, unterbunden sehen. Zu diesem sensiblen Datum sollten keine Fremdenfeinde durch die Straßen krakeelen. Der Verwaltungsgerichtshof kassierte das Verbot, die Stadt München legte Beschwerde ein, doch half es nichts: Die PEGIDA sollte marschieren dürfen, auch wenn der bedeutungsschwere 9. November diesmal ausgerechnet auf deren angestammten Montag fiel. In Dresden nahmen sie für ihre Hetztiraden den dortigen Theaterplatz in Anspruch, der früher Adolf-Hitler-Platz hieß. Purer Zufall?
 
Das Datum steht für viele denkwürdige Ereignisse deutscher Geschichte: 1848 das dramatische Ende der bürgerlichen Revolution, 1918 die Novemberrevolution, 1923 der gescheiterte Versuch der Nazis die Macht in Bayern zu erobern, 1938 die Pogromnacht, 1989 die Maueröffnung in Berlin. Für jeden ist was zum Herauspicken dabei, um darüber zu trauern oder sich daran zu berauschen. PEGIDA freut sich einfach, na und? Wer sagt denn, worüber genau?! Wo doch die Gedanken frei sind!
 

2004 freuten sich die Nazis am Stachus bei einer Kundgebung vorgeblich über den Mauerfall, verlasen dann aber unter den Augen und Ohren von Polizei und Staatsanwälten, aber auch tausender pfeifender Gegendemonstranten die Namen der 16 "Blutzeugen" von 1923, ausgegeben als "Maueropfer". Nur dem aufmerksamen Kamerateam von Spiegel-TV ist es zu verdanken, dass dies Tage später ans Licht kam. Der Protest geschichtlich bewanderter Antifaschisten, die das auch mitbekommen hatten, wurde behördlicherseits ignoriert, auch wenn das gegen die ausdrücklichen Auflagen des Kreisverwaltungsreferats (KVR) verstieß, keinen Bezug zu anderen historischen Ereignissen herzustellen.

Wirklichen Grund zur Freude hatten dann auch die rund 100 PEGIDA-Leute nicht, denn sie hätten zwar juristisch gekonnt, wollten dann aber faktisch angesichts der vielen Gegendemonstranten doch nicht  marschieren, die sie von allen Seiten in ihrem polizeilich bewachten Gitterpferch umringten. Eine riesige Menschenmenge hatte sich nämlich nach Beendigung der Kundgebung auf dem Odeonsplatz in Richtung Norden zu einem spontanen, nicht angemeldeten Demonstrationszug auf den Weg gemacht und zog zwischen vereinzelt noch fahrenden Autos auf der breiten Fahrbahn zum Siegestor, wo für PEGIDA allemal Schluss gewesen wäre.
 
Ein großer Teil von ihnen mied jedoch klugerweise die dortige Polizei-Absperrung und wanderte parallel auf Seitenstraßen weiter zum nächsten Blockadepunkt auf der Leopoldstraße, der allerdings gar nicht nötig wurde. Denn die Straße blieb frei, und so strömten die Antifaschisten ungehindert bis hinaus zur Münchner Freiheit, wo die PEGIDA immer noch in einem Kessel von Pfiffen, Trompetenklängen und Buhrufen festsaß. Die Sprechchöre übertönten deren Lautsprecher von außen, da halfen weder Bayernhymne noch Deutschlandlied.

Ein vorwitziger PEGIDA-Fahnenschwinger hielt pikanterweise eine Israel-Flagge vor sich her, wohl um dem Vorwurf des Antisemitismus vorzubeugen oder aber auch, weil er Israels harte Haltung gegen "die Araber" so toll fand, wie überhaupt ein Redner sich große Mühe gab zu demonstrieren, welch Unmengen an Kreide er gefressen haben musste, um zu bekunden: Man wolle ja nur deshalb weniger Flüchtlinge im Lande haben, um den wirklich Verfolgten besser Zuflucht gewähren zu können. Horst Seehofer hätte es auch nicht verdruckster formulieren können.

Der braune Spuk endete mit dem staatlich gesicherten Abzug des kläglichen Häufchens unter den Klängen des Trompeters, der wie schon zuvor bei der Kundgebung das Moorsoldaten-Lied intonierte. Viele sangen mit. Wer den Text nicht auswendig parat hatte, konnte ihn vom Handy-Display ablesen: Eines der ergreifendsten Lieder der deutschen Arbeiterbewegung, geschrieben im Konzentrationslager von Wolfgang Langhoff zur Ermunterung seiner Leidensgenossen.

Wolfgang Blaschka, München



Bild- und Grafikquellen:

1. Demoschild "Zu Risiken von Rechtsextremismus lesen Sie bitte ein Geschichtsbuch." Rechtsextremismus dient als Sammelbezeichnung, um neofaschistische, neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist die Orientierung an der ethnischen Zugehörigkeit, die Infragestellung der rechtlichen Gleichheit der Menschen sowie ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritär geprägtes Gesellschaftsverständnis. Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten „Volksgemeinschaft“ umzugestalten. Der Begriff „Volk“ wird dabei rassistisch oder ethnopluralistisch gedeutet.

Foto: Ilias Bartolini. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

2. Bekämpft die Ursachen nicht die Flüchtlinge - Fight the causes not the refugees, München 2. November 2015. Foto: Ilias Bartolini. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

3. PEGIDA in einem Kessel von Pfiffen, Trompetenklängen und Buhrufen. Foto: Ilias Bartolini. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).