Rechts oder Links? Die politische Dreifaltigkeitslüge

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Fantareis
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Rechts oder Links? Die politische Dreifaltigkeitslüge
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Rechts oder Links? Die politische Dreifaltigkeitslüge



 Links?          Mitte?          Rechts?
 

So teilt man das politische Spektrum ein. Das erinnert doch stark an das Dreifaltigkeitsprinzip der böhmisch-katatonen Kirche, nicht? Auf einmal gab es ein paar Gottfiguren zuviel und so erfand man einfach die heilige Dreifaltigkeit, die seither alle Widersprüche (v)erklärt. Unsere Allparteiendiktatur hat sich dieses Prinzip zu eigen gemacht und noch mit ein wenig Buddhismus gewürzt, von wegen Mitte und immer schön den Konsens suchen, OM! Oder doch wieder AMEN?

Es gibt also Links, Rechts und die Mitte, für jeden etwas dabei, und wem das nicht passt, für den gibt es noch ganz LINKS oder ganz RECHTS. Die ganz RECHTEN machen ja immer gerne so Aufmärsche, sind gegen Ausländer und gegen, ja gegen was eigentlich noch? Ja, richtig, gegen den Euro und gegen die EU. Und wenn sie eine Partei dafür gründen, dann sind sie ganz ganz böse und man darf nicht mit ihnen reden. Und die ganz LINKEN, die sind immer für Ausländer und demonstrieren für Flüchtlinge und gegen ganz RECHTS sind sie auch ganz besonders. Und dazwischen befindet sich die MITTE, die aber, wie wir gelernt haben aus LINKS MITTE RECHTS besteht, weil sie ja dreifaltig ist. Verwirrend? Ja, was sagen denn die Politheologen dazu? Die haben sich doch den ganzen Scheiss ausgedacht. Dann fragen wir lieber uns selbst:

  • Und wo stehen wir?
  • Sind wir links, weil wir Ganztagsschulen wollen, wie im linken Sozialismus?
  • Aber, Moment, das wollen auch die von der UNION, aber die sind doch rechts, oder? Und wenn wir das nicht wollen, was sind wir dann?
  • Ach so, ganz RECHTS, also schon wieder böse... aber dann sind wir ja auch automatisch wieder gegen Ausländer und rassistisch, oder?
  • Und wenn wir dann auch noch gleichzeitig für Windräder und gegen Atomkraft sind, sind wir dann wieder etwas weiter LINKS ?
  • Und rücken wieder vor in die MITTE, aber natürlich in deren rechten Rand, der aber wegen der Dreifaltigkeit wiederum auch gleichzeitig die gesamte MITTE bildet?

Und während wir uns solchen Gedanken hingeben und uns um unsere politische Verortung sorgen oder streiten, vergessen wir völlig, dass alle, die nichts zu sagen haben eigentlich gemeinsam an einer Stelle stehen: GANZ UNTEN! Am Drücker ist keiner. Die Opposition bilden sie alle, 24 Stunden am Tag.

Und wenn wir selbst entscheiden könnten? Lautet dann die Frage auch, wie zum Beispiel beim Tempolimit, ob es rechts oder links ist? Oder geht es dann nicht eher darum, ob es sinnvoll ist, und wer dafür oder dagegen stimmt?

Noch Fragen?


 

Dieser Beitrag erschien vormals auf meinem Blog Opposition24.de 

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Schubladendenken führt in die Irre

 

Schubladendenken führt in die Irre


Sich in Kategorien wie Links-Mitte-Rechts einzuordnen oder einstufen zu lassen, entspricht einem einfallslosen Schubladendenken. Wer sich selbst in eine derartige Schublade steckt, folgt einem Gruppenzwang und besitzt im Grunde genommen keine eigene Meinung. Er hat sich Scheuklappen angelegt und ist meist nicht in der Lage, über den Tellerrand respektive den Schubladenrand hinaussehen und die wesentlichen Gesamtzusammenhänge zu verbinden.


Wer jedoch andere in solche Schemata preßt, der verfolgt damit oft die  üble Absicht der Diffamierung. Es soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß die anderen nur Underdogs sind, nicht zu uns, den Trägern der Wahrheit, gehören – und sie somit nicht integrierbar sind. „ Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“  ist ein Lied von Mitte der 60 er von Franz-Josef Degenhardt, das sich gegen das Schablonendenken richtet. Fantareis hat dieses Schmalspurdenken in seinem Artikel „Rechts oder links ? Die politische Dreifaltigkeitslüge“ völlig zurecht aufs Korn genommen. Man sollte auch berücksichtigen, daß beschränktes Denken der Untertanen von der Obrigkeit gefördert wird nach dem alten Prinzip des „Teile und herrsche“. Wer sich für etwas Besseres hält als die anderen und Andersartige pauschal mit Vorurteilen versieht, dem ist die Fähigkeit genommen, sich mit diesen gegen die herrschenden Profiteure aufzulehnen. Und genau zu diesem Verhalten werden wir geformt.


Während die Einordnungen in die Peripherie der üblichen Beschilderungen, d. h. in den „linken“ oder „rechten“ Rand als Beschimpfung benutzt werden und dies umso mehr, wie sich die Extreme von der sog. „Mitte“ fortbewegen, ist es mittlerweile chic und en vogue, sich in der Mitte zu drängeln. Das ist auch am einfachsten, weil man sich nicht profilieren und outen muß:

  • Man kann sich hinter jeder breiten Schulter verstecken und muß nicht in den Vordergrund treten.
  • Man kann im Mainstream baden und braucht keine Furcht zu haben anzuecken.
  • Es wird keine Zivilcourage, Mut und Charakter verlangt.
  • Die Anpassung feiert in der Mitte fröhliche Urständ.
  • Wenn etwas schief gelaufen ist, braucht man keine Verantwortung zu übernehmen und kann die Schuld auf andere schieben.
  • Für einen „Führertyp“ ist die Mitte der richtige Ort, denn dort hat er mit einer guten demagogischen Vorstellung die Jasager auf seiner Seite.
  • Die Mitläufer der Mitte sind geprägt von Sicherheitsdenken und Angst, womit sie jeglichen kreativen Fortschritt blockieren.
  • In der Mitte herrscht Gleichmacherei, nicht nur im Denken, sondern auch hinsichtlich Kleidung und Outfit.

In der Mitte – dieser guten Gesellschaft aus Konformisten -  ist es unschicklich, die richtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel nach dem Sinn von irgendwas, dem Nutzen und Schaden von Handlungen und Entscheidungen – und vor allen Dingen wer der Geschädigte und wer der Nutznießer ist. Die wesentlichste Fragestellung ist aber die nach der Solidarität. Abgesehen davon, daß es humanistische und christliche Pflichtaufgabe Nr. 1 ist, mit den Mitmenschen Solidarität zu üben, würde es schon reichen, wenn sich die Eingemitteten an ihrem Verstand orientieren würden. Denn es ist ganz leicht festzustellen (jedenfalls für mich), wer meine Interessen teilt und wer nicht. Auf die Idee zu kommen, man müsse sich mit dem Geldadel solidarisieren und nach unten auf die Schlechtergestellten drauftreten, kann auch nur dem geistig beschränkte Mittelstand kommen, oder diejenigen, die meinen, sie gehörten dazu.


Ergo läge es doch auf der Hand, daß man mit denjenigen an einem Strang zieht, die im gleichen Boot sitzen wie man selbst. Dabei sollte es doch wirklich sch…egal sein, ob die Kombattanten weiß, schwarz, rot oder gelb sind, ob sie Krawatten tragen oder Turnschuhe oder ob sie mit dem Fahrrad oder dem Passat daherkommen. Das einzige, was zählt, ist die Gesinnung und das Herz auf dem richtigen Fleck zu haben. Wir sind die Mehrheit: Wer die Mehrheit besitzt, hat die Macht, aber nur wenn Einigkeit und Solidarität besteht!



MfG Peter A. Weber

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Vertuschung der Widersprüche

 

Nicht mit Mutti in der Mitte

Die Vertuschung der Widersprüche funktioniert nicht unbegrenzt



So sehr die Kritik an der Mittelmäßigkeit der Mitte auf den ersten Blick einzunehmen imstande ist, geht sie doch ins Leere. Sie führt eigentlich in die Irre. Denn wie man die gesellschaftlichen Widersprüche auch verortet, ob horizontal (nach der Parlaments-Sitzordnung) oder vertikal (nach Einkommensstufen, Ausbildungsstand oder Partizipationsgrad), ist letztlich einerlei. Unten ist immer tendenziell rot, links und "fortschrittlich", weil die Unteren wenig zu verlieren und viel zu gewinnen haben. Oben ist schwarz, gelb, blau oder rechts, in der Regel konservativ oder sogar reaktionär, weil "die da oben" meist viel zu verlieren und durch Veränderung wenig zu gewinnen haben. Für sie ist die Welt, wie sie ist, in Ordnung. Die Verhältnisse sollen so bleiben, wie sie sind. Oder sie können sogar ein Stück zurückgedreht werden in Richtung jener Vergangenheit, in der für solche Leute "noch alles in Ordnung" war. Je nachdem wieweit sie zurückdenken, ob zu den Wirtschaftswunderjahren, zum Faschismus oder bis in die Monarchie. Freilich gibt es auch "aufgeklärte" Reiche und Mächtige, aber ihre Krisenbewältigungs-Strategien laufen in der Regel auf "eine starke Hand", auf "klare Verhältnisse" (oder etwas moderner ausgedrückt auf "flache Hierarchien", auf "effiziente Entscheidungsstrukturen", also Vereinfachung ihrer Herrschaftsausübung) hinaus, im banalen Wahlkampf dann letztlich auf die populäre "Steuererklärung auf dem Bierfilz", auf "Steuersenkungen" oder auf "keinesfalls Steuererhöhungen". Was jeder eben gern hört und vielen einleuchtet, vor allem denen, die viel zu versteuern haben, weil sie so gute Geschäfte gemacht haben mit "denen da unten", den Arbeitskräften, Laufburschen und Konsumenten. Das verfängt sogar bei Leuten, die kaum Steuern zahlen.

Der Grundwiderspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung kann weder geleugnet noch verkleistert werden, zumal sich die Schere zwischen Profiteuren und Opfern dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung immer weiter auftut. Tatsächlich geht der Riss zwischen Oben und Unten freilich nicht nur durch unser Land, sondern greift weltweit in noch weit schrofferem Ausmaß. So kamen die Herrschenden zu verschiedenen Zeiten immer wieder auf glorreiche Ideen mit dem Versuch, den für sie potenziell gefährdenden Antagonismus kunstvoll zu übertünchen. Der Kaiser kannte zu Beginn des Ersten Weltkriegs "keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche" (Nationalismus). Die Reichspräsidenten und Kanzler bemühten sich mit Polemik gegen den "Schandvertrag" von Versailles (Kriegsfolgekosten) das Volk im Ressentiment (Revanchismus) zu einen. Als das nach der Weltwirtschaftskrise weniger verfing, wurde gegen das internationale Kapital gewettert (Antisemitismus), anstatt gegen die deutschen Monopolherren. Der "Führer" proklamierte dann umgehend die "Volksgemeinschaft" (Rassismus). Der Kunstprodukt-Name "Nationalsozialismus" diente nur dazu, für alle und Jeden etwas im Angebot zu haben, der bereit war, sich der brutalen Diktatur des Kapitals kampflos zu unterwerfen und stattdessen gegen alles "Undeutsche" zu Felde zu ziehen.

Der "Dicke mit der Zigarre" nach dem Zweiten Weltkrieg versprach "Wohlstand für alle" in der "Sozialen Marktwirtschaft", was in sich einen unauflösbaren Widerspruch birgt, der wiederum mit der Betäubungsformel "Sozialpartnerschaft", vor allem propagiert von der Sozialdemokratie, überzuckert und unterfüttert werden konnte, zumindest eine Zeitlang. Unmittelbar nach dem Krieg wurde die Totalitarismus-Theorie wiederbelebt, die es den alten Nazis einfach machte: Sie mussten sich nur als "Demokraten", möglichst "unpolitische" und geläuterte Mitläufer tarnen, und schon waren die Bösen die Kommunisten, die man wieder streng verfolgte, weil sie gegen Aufrüstung und NATO-Einbindung im Wege standen. Der Antikommunismus wurde zum Kitt der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Mit der Gleichsetzung von Linken (die im KZ saßen) und Nazis (die sie bewachten, folterten und ermordeten) ließ sich ein einig Volk von Nichtwissern zusammenschmieden. Der Boden, auf dem man zu stehen hatte, war die FDGO (Freiheitlich-Demokratische Grundordnung), also quasi die Mitte der Gesellschaft, außerhalb derer der Extremismus begann. Reformerische oder gar revolutionäre Ambitionen galten generell als "antidemokratisch". Jedoch die zyklisch wiederkehrenden Krisen und politischen Verwerfungen konnten dadurch auch nicht dauerhaft abgefedert werden, ohne dass es die Kapital-Akkumulation schmälerte. Nach der ersten Wirtschaftskrise 1966 war das "Wirtschaftswunder" keines mehr. Die Jugend begehrte auf gegen die Tätergeneration und erzwang die eine oder andere Reform, den zweiten Bildungsweg beispielsweise und Chancengleichheit, Sozialgesetze und Lohnerhöhungen. Doch die temporären Zugeständnisse, auch die alten Ausgleichsmaßnahmen, etwa die "Zonenrandförderung" und andere Förderungen und Subventionen erübrigten sich bald.

Mit dem Wegfall der DDR gab es keine zwingende Notwendigkeit mehr, sich als das "sozialere", menschenfreundlichere, attraktivere, innovativere System zu kostümieren, ab da ging der Kapitalismus der Berliner Republik ungeschminkt seinen Ausbeutungsinteressen nach (nach "Standortlogik"), führte wieder Kriege (als Zeichen der Souveränität) und verabschiedete sich vom "Sozialen", weil es keine "sozialistische" Konkurrenz mehr gab, sondern nur noch neoliberale "Mitbewerber" auf dem Weltmarkt, die es niederzukonkurrieren, sprich preislich zu unterbieten und technisch zu überflügeln galt. Die "Liberalisierung des Arbeitsmarktes" machte aus einem Viertel aller Arbeitsverhältnisse prekäre Beschäftigung. Das "Jobwunder" bestand in Wahrheit in Lohnverlusten auf breiter Front. Aus dem Rest der Rausrationalisierten wurden schon nach dem ersten Jahr der Erwerbslosigkeit Hartz-IV-Empfänger. Verelendung per Gesetz war die Devise. Die Lohnstückkosten sanken, die Gewinne explodierten. Entsprechend hoch war der Exportüberschuss, entsprechend geringer die Binnennachfrage, da die Kaufkraft sank.

Im Kern ging und geht es also immer um die jeweiligen Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen, zwischen Oben und Unten, zwischen Besitzenden und Habenichtsen, also denen, die nichts anderes im wirtschaftlichen Austausch zu bieten haben als ihre Arbeitskraft und ihr bisschen Gehirnschmalz. Der Mittelstand, die Zwischenschichten, die technische Intelligenz, die kleinen Beamten, Selbständigen, Handwerker und Gewerbetreibenden waren schon immer die, um die Wahlkämpfe geführt wurden, um deren Loyalität und Zuneigung gerungen werden musste und konnte. Denn sie waren von Abstiegsängsten geplagt, hin- und hergerissen zwischen Arbeiterbewegung und Bourgeoisie, zwischen sozialer Sicherheit und elitärer Ellenbogen-Konkurrenz (Freiheit, Gewerbefreiheit vor allem, möglichst ohne regulierende Eingriffe seitens des Staates). Sie wollten gern aufsteigen und wurden dennoch deklassiert. Sie wollten dazugehören und kämpften doch nur gegen den Abstieg ins Proletariat, also in abhängige Beschäftigung, oder in Krisenzeiten gar in die Pleite, ins Tagelöhnerheer oder in die Dauerarbeitslosigkeit.

 


Denen war am wenigsten nach Zuspitzung der Widersprüche zumute, und sie waren und sind besonders empfänglich für die Parolen von der "Mitte", vom "einigen Volk", für all die Theorien, Maßnahmen und Vorstellungen, den Klassenkampf von unten zu desavouieren und zu behindern, ihn zu vermeiden und zu unterdrücken, notfalls mit roher Gewalt, sei es im Extremfall mit Putsch und Notstandsgesetzen oder normalerweise in großen Koalitionen mit "Sozialpakten", im Bedarfsfall allerdings auch mit Notverordnungen und Notstandsgesetzen. Nur keine Auseinandersetzungen, die die eigene Lage durch eine Eskalation der Konfrontation beeinträchtigen könnten, die im Monopolisierungsprozess unvermeidlich ist und die in der Regel alles verschärft und zuspitzt, was ansonsten strukturell latent unterm Deckel gehalten werden kann, bis es sich zuweilen abrupt Bahn bricht.  

Gerade unter den Zwischenschichtlern, die von Klassenkampf nichts wissen wollen, weil sie sich darin entscheiden müssten, wo sie sich einreihen, ist die Idee von der Verschmelzung, von Harmonie und Interessensausgleich am stärksten ausgeprägt, und meist mit der Sehnsucht nach der "rechten" Mitte verknüpft. Die Oberen haben da weniger Skrupel, ihre Interessen beinhart durchzudrücken (gegen den Rest der Gesellschaft wie gegen ausländische Konkurrenz). Sie führen ihren Klassenkampf von oben offen mit Kampagnen in den Medien mittels ihrer Kartelle und Interessensverbände, verdeckt mit hochbezahlten Lobbyisten und gut genährten Parlamentariern, deren Parteienlandschaft sie sorgsam "pflegen", also nicht nur finanzieren, sondern auch mit detaillierten "Studien" füttern und mit passgenauen Gesetzesformulierungen aus ihren eigenen Kanzleien beliefern. Während die lohnabhängig Beschäftigten mit schwachen Gewerkschaften nur die drängendsten Abwehrkämpfe führen, wenn überhaupt, marschieren die Banken und Konzerne beinahe ungehindert voran. Die nicht minder abhängigen Schein-Selbständigen und Kleingewerbetreibenden werden von den großen Konzernen zusehends an den Rand gedrängt. Allenfalls als temporäre Zulieferer gebraucht und wieder fallen gelassen, wenn jemand noch billiger, schneller, qualitätsvoller oder zuverlässiger liefert.

Viele Jugendliche, schulisch oder universitär gut gebildet, mögen sich zwischen diesen gigantischen Blöcken Kapital und Arbeit ungern zermalmen lassen, sich nicht irgendwo politisch verorten oder einordnen, aus Sorge um ihre Unabhängigkeit, die ihnen aber meist nur ein schlecht- oder unbezahltes Praktikum nach dem anderen beschert, ein Auslandsjahr eventuell oder ein "Projekt" vielleicht, und dann wieder Kellnern. Die Wenigsten halten etwas davon, sich zu binden oder zu organisieren, weder privat noch beruflich. Das Ergebnis ist individuelles Einzelkämpfertum, das selten zu etwas führt, nicht einmal im Privatleben.

 


Die Vereinzelung mag der Single noch "feiernd" kompensieren am Freitag- oder Samstagabend, die ökonomische und politische Ohnmacht jedoch lässt ihn nicht ungeschoren, macht ihn weitgehend rechtlos. Ohne Betriebsrat, ohne eine Spur Solidarität unter Kollegen, ohne gewerkschaftliche Organisierung steht jeder Einzelne ziemlich blöd da. Das ist, als hätte man privat keine Freunde, kein soziales Umfeld und nur wenig oder gar die falschen Kontakte. Was wiederum die Herrschenden erfreut. Sie tun alles Erdenkliche zur merkantilen Diversifizierung in verschiedene Subkulturen, Moden und Musikrichtungen, auf dass die jugendlichen Kollektivierungsgelüste in harmlosen Bahnen verharren und sich in Scheinkämpfen um Outfits oder Körperkult, Marken-Labels und Lifestyle-Fragen austoben. Je mehr sie es dabei schaffen, in den sorgsam getönten und frisierten Köpfen alle Begriffe und Werte, Traditionen und Denkschulen, Mitte, Links und Rechts durcheinanderzuwürfeln und in eine Suppe zu rühren, desto hilfloser stehen wir ihnen am Ende gegenüber. Daher plädiere ich eindeutig für's Standpunkt-Beziehen, anstatt der "Mir-doch-egal"-Mentalität oder dem "Ist-doch-alles-dasselbe" das Wort zu reden. Denn irgendwann trifft es Jeden, auch den politikverdrossenen Individualisten. Und dann ist es eben plötzlich nicht mehr Wurscht, von wegen "Mir-kann-keiner". Besser sich gegen die "Zumutungen" und erwartbaren "sozialen" Grausamkeiten gemeinsam mit anderen rechtzeitig zur Wehr zu setzen, irgendwann organisiert zur Offensive zu schreiten. Aber nicht zusammen mit den Rechten, sondern glasklar gegen sie!

Das hat wenig mit Schubladendenken zu tun, wenn jemand zur Erkenntnis gelangt, dass seine persönlichen Interessen und Forderungen ans Leben denen so vieler Anderer gleichen und entsprechen. Es hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun, sich mit ihnen zusammenzuschließen. Für dieses Koalitionsrecht musste erbittert gestritten werden, nicht zuletzt weil es so wertvoll ist im Kampf gegen Rechts, gegen die Reichen, Mächtigen und Sorglosen, die uns am liebsten Jeder gegen Jeden sähen. Peter A. Weber schrieb zurecht: "Das einzige, was zählt, ist die Gesinnung und das Herz auf dem richtigen Fleck zu haben." Eben! Und mein Herz schlägt links; alles andere wäre auch anatomisch bedenklich. Und es ist rot von Blut. Bekennen wir uns doch dazu!

Wolfgang Blaschka, München
 



Bildquellen:

Bilder 1, 3 und 4: Wilfried Kahrs / QPress

Ludwig Erhard im März 1964 (Erhard von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft und von 1963 bis 1966 zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland=. – Foto: Koch, Eric / Anefo, Quelle: Nationaal Archief und Wikipedia, Verbreitung unter CC-Lizenz

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