Selbstwertstörung als Massenphänomen: "Deutschland" - ein Kampfbegriff

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Michael Wilk
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Selbstwertstörung als Massenphänomen: "Deutschland" - ein Kampfbegriff
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Selbstwertstörung als Massenphänomen

"Deutschland" - ein Kampfbegriff

"Ihr Heuchler, die ihr euch Demokraten und Humanisten schimpft, aber für eine Verschärfung des Asylrechts stimmt - ich wünsche euch einen Aufenthalt in einem von Bomben zerfetzten Land, ohne Trinkwasser, Strom und medizinische Hilfe, eine Trennung von euren Familien, die Angst und den Schrecken. Ich wünsche euch die Strapazen der Flucht, die Ausbeutung der Schlepper, die es nur gibt, weil ihr eine direkte und legale Einreise verbaut. Ihr seid Feiglinge, die vor dem Mob der Rassisten und völkischen Stimmungsmacher zurückweichen, weil ihr den Popularitätsverlust fürchtet. Behauptet später nicht, dass ihr nicht gewusst habt, was ihr tut." (1)

Besser fühlen durch Nationalgefühl - die Erhöhung des eigenen Seins durch nationale/völkische Identität hat Hochkonjunktur.

Selbstaufwertung durch nationalistisches "Wir"-Gefühl wirkt stabilisierend, aufbauend fürs schwache, in seiner Befindlichkeit bedrohte Ich.

Gründe, in die wohlfeile völkisch-nationale deutsche Befindlichkeit zu driften, hat offensichtlich nicht nur der klassische Einfach-Nazi, der sich besser fühlt, indem er sich als Mitglied einer "überlegenen Rasse" definiert. Die Stabilisierung des angeschlagenen Selbstwerts durch nationale Zugehörigkeitsgefühle ist längst zum Massenphänomen geworden. "Wir-sind-das-Volk"-Parolen werden zum patriotischen Mentalkleister, der emotional zusammenpappt und Gemeinsamkeit beschwört.

Ein System, das den Menschen über die Einbindung in den sozialen Mainstream Halt, Sicherheit und soziale Gemeinschaft zu vermitteln versteht, erzeugt im Umkehrschluss Angst und Unsicherheit, sobald die Position in der Mitte der Gesellschaft gefährdet erscheint.

In Zeiten ökonomischer Verschärfung, wachsender Konkurrenz und. ausgedünnter sozialer Sicherungssysteme passiert genau dies - in gesteigertem Maß und massenhaft. Dieser Effekt zeigt sich nicht nur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo ganze Regionen ökonomisch abgehängt aufgegeben haben auf blühende Landschaften zu warten, sondern eben überall, wo Entfremdung, Sinnentleerung und Konkurrenzverhalten nicht mehr durch Konsummöglichkeit und Teilhabe am Höher-Schneller-Weiter kompensiert und belohnt werden.

Die Enttäuschung und die Angst vor Deklassierung können individuell verarbeitet werden. Die Ursache des "gesellschaftlichen Scheiterns" wird hierbei weniger beim System kapitalistischer Verwertung als vielmehr schuldhaft bei sich selbst gesehen. Immer offener und häufiger jedoch erzeugt die Angst, aus der Mitte der Gesellschaft weiter an den Rand gedrängt zu werden, jene üblen Reaktionen auf andere, die als Minderheiten zu Störenfrieden der sozialen Gemeinschaft erklärt werden.

Fremde, Geflohene, Sozialhilfeempfangende, Homosexuelle, Wohnungslose, aber auch Menschen mit Behinderung werden nicht mehr als Menschen wahrgenommen, denen solidarisch zu begegnen ist, sondern sie dienen zunehmend als Ventil der Wut für diejenigen, die nicht gelernt haben, sich emanzipativ gegen die eigentlichen Ursachen der Misere zu stellen.

Es dominiert das Gefühl, im Verteilungskampf auf der Strecke zu bleiben, um verknappende Ressourcen kämpfen zu müssen, zu verteidigen, was noch bleibt, gegen die, die anders erscheinen, oder die noch viel weniger haben und trotzdem als Bedrohung empfunden werden.

Dies ist nicht möglich ohne den verstellten Blick auf die eigentlichen Verhältnisse: dass es mehr als genug für alle gäbe, wäre es nur anders verteilt, und dass es darüber hinaus um mehr gehen könnte als die gewohnte, an Konsum- und Arbeitsfähigkeit geknüpfte Wertigkeit als Mensch.
 

Das Gefühl der Entwertung wird zudem nicht nur durch ökonomische Faktoren gespeist, es ergreift auch manche jener durchaus etablierten Bürgerinnen und Bürger, die nicht von pekuniärer Verelendung bedroht sind. Die Kälte der Gesellschaft, der Mangel an Respekt und Menschlichkeit, schaffen ebenso wie die zunehmende Isolation und Vereinzelung starke Bedürfnisse nach stabilisierender Kompensation. In Ermangelung emanzipativer Strategien finden sich Lösungen in Identitäten: als ordentliche Deutsche oder auch Verteidiger einer abendländischen Kultur. Nicht nur grotesk, sondern gefährlich wird die Kompensation eines gefürchteten Statusverlustes von Angehörigen einer "deutschen, weißen Mittelstandskultur", wenn sie fließend in rassistische Angst vor Überfremdung übergeht, die zudem regelmäßig als öffentliches Massenereignis zelebriert wird. Hier bietet sich die Chance, endlich jemand zu sein, aufbegehren zu können, gegen die Medien und gegen die Verantwortlichen, aber nicht emanzipativ, egalitär und human, sondern jenen neuen Führerinnen und Führern folgend, die populistisch aufgreifen, was die Verunsicherten bewegt.

Brachial-autoritäre Muster haben Hochkonjunktur, vor allem bei jenen, die nie lernten, an Autoritäten zu zweifeln und sie in Frage zu stellen. Die ungebrochene Einbindung ins Machtsystem schafft jenes antiemanzipative Verhalten, das auf bedrohliche Situationen nicht nur mit Überanpassung und vorauseilendem Gehorsam, sondern auch mit Aggressionen gegen Minderheiten reagiert. Die Angst vor Deklassierung erzeugt jene reaktionäre Wut, die sich vordergründig gegen Regierende richtet, aber auf Grund der Identifizierung mit Macht und Herrschaft nicht in der Lage ist, das autoritäre Muster an sich in Frage zu stellen.
 

Die Wut wird vielmehr umgelenkt, auf die, die schwächer sind, und an denen ausgelassen, die am Rande des gesellschaftlichen Mainstreams stehen. Es entsteht zusammen mit der archaischen Abwehrreaktion vor Fremden/Unbekannten eine rassistische, tödliche Gemengelage. Die Erhöhung des eigenen Seins durch das Völkische und nationale Kriterium wertet die Fremden, die Anderen, die Nicht-Deutschen ab.

Pegida und andere völkische Bewegungen sind Ausdruck und Massenphänomen dieses Musters, das zur Abwehr eigener Unsicherheit und Angst billige Lösungen anbietet. Die völkische Identität einer Deutsch-abendländischen Kultur, die es angeblich zu verteidigen gälte, wird zum legitimierenden Hirngespinst jener Menschen, die sich besser fühlen, indem sie andere ausgrenzen, letztlich angreifen und dem Tode preisgeben. In letzter Konsequenz wird den an den Grenzen Europas zum Abschuss freigegebenen Geflohenen von Frau von Storch, Frauke Petry und anderen AfD-PolitikerInnen das Lebensrecht abgesprochen, eine barbarische Denke, die in den terroristischen Brandanschlägen auf bewohnte Unterkünfte exekutiert wird.


Machtverlust und rassistische Stimmungsmache

Bezeichnend ist, dass das Entsetzen der etablierten Parteien und der Staatsvertreter sich weitaus weniger an belagerten Bussen, brennenden Unterkünften von Geflüchteten entzündet, sondern dann, wenn sich der Rechtsruck in Kommunal- und Landtagswahlen manifestiert. Gefürchtet wird offenbar weniger die Bedrohung von Leib und Leben der Geflohenen als die Irritation der gewohnten Sitzordnung in der Ratsversammlung. Erst jetzt, angesichts des eintretenden eigenen Machtverlustes auf parlamentarischer Ebene, wird sich über das Übel rechter populistischer Stimmungsmache echauffiert. Laut lamentierend wird geflissentlich vergessen, dass nicht erst AfD und NPD sich des völkisch-nationalistischen Geistes bedienen. Auch die Funktionalisierung des Deutschen ist kein Alleinstellungsmerkmal besagter Parteien.

Beispielsweise versuchte im Jahre 2005 die breit angelegte Initiative "Du bist Deutschland" eine von Medienunternehmen gepuschte und von Bertelsmann koordinierte Sozial-Marketing-Kampagne, ein neues deutsch-nationales Wir-Gefühl zu etablieren [die GWR berichtete > GWR #309, 06/2006].

Auf von Medien zur Verfügung gestellten Anzeigenplätzen für rund 35 Millionen Euro wurden krude Parolen verbreitet: "Genauso wie sich ein Lufthauch zu einem Sturm entwickelt, kann Deine Tat wirken. […] Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern. […] Du bist 82 Millionen. Behandle Dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn […] Du bist Deutschland."

Die breit, auch von liberal-demokratischen Prominenten unterstützte Propaganda, distanzierte sich vordergründig vom Nationalsozialismus, bemühte sich jedoch inhaltlich darum, einen positiven Deutschland-Begriff wieder hoffähig zu machen. Verbreitet mit dem benannten Ziel, "eine neue Machermentalität begründen, die Deutschen zu mehr Zuversicht ermutigen und - in einer zweiten Kampagnenwelle - eine kinderfreundliche Atmosphäre schaffen" (2), verfolgte die Kampagne eine einbindende und identitätsstiftende Aufwertungsstrategie im Sinne eines Nationalismus light. Ein gefährliches Kalkül.

Die Ankoppelung der eigenen Wertigkeit ans Vaterland ist, trotz eigentlicher Absurdität, nie harmlos. Es ist vielmehr ein elementarer Schritt in der selbstüberhöhenden Psychodynamik chauvinistischer Genese, die das Ich zum national-völkischen Wir transformiert. Einmal angekommen im "Wir sind das Volk"-Schreier-Kollektiv, wird Barbarisches leichter möglich: Das chauvinistische "Wir"-Empfinden stärkt und legitimiert die Unterscheidung in Wert und Unwert, in Drinnen und Draußen. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob mehr das Abendländisch-Europäische, statt des Deutschnationalen als Diskriminierungschiffre dient.


Sammelbewegung der Abgehängten

Bezeichnend ist, dass die "Angst, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein", ausgerechnet bei denen zur Triebfeder chauvinistischer Aktivitäten wird, die eines ganz bestimmt noch nie waren: Herr im Haus. Die unübersehbar erstarkte völkische Sammelbewegung speist sich aus den Abgehängten und den vom gesellschaftlichen Wertverlust Bedrohten.

Verlierer eines Systems, das völlig anderen Ordnungsprinzipien folgt als völkisch-nationalen.

Gegenwärtige Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen folgen einer globalisierten Ökonomie, für deren Verwertungsmaxime Herkunft und Abstammung von Menschen von sekundärem Interesse ist.

Vielmehr stehen Fertigkeiten und Konsumkraft, die Potenz als Produzent und Konsument im Vordergrund. Es geht um Benutz- und Verwertbarkeit, Hautfarbe und nationaler Herkunftsrahmen sind höchstens dann von Belang, wenn sie bei ersterem eine Kosten- oder Nutzenrolle spielen (z.B. "Arbeitsschutzgesetze" in Bangladesch). Nationale Grenzen sind hier im Zweifel eher störend und werden zugunsten von Freihandelsabkommen zumindest auf Handelsebene modifiziert.

Neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik, und die damit verbundene Ausdünnung sozialer Sicherungssysteme, führen zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Sie führen zu jener Angst und Unsicherheit, die nun zum Nährboden rassistischer Reflexe werden.

Durch deregulative Maßnahmen erodiert ein System staatlicher Herrschaft, das über Fürsorge und soziale Sicherung tragfähige Identifikationsebenen herstellt und damit die Menschen einbindet. Zudem stabilisiert durch eine gewisse Gewinnbeteiligung vieler am Ergebnis globalisierter Ausbeutung, mit dem Gefühl, am Kuchen beteiligt zu sein.

Eine subtile und perfide Methode der Herrschaftssicherung durch Konfliktvermeidung und Einbindung, etwas teurer, aber dafür umso reibungsloser und wirkungsvoller. Imperiale Skrupellosigkeit, Krieg, Mord und Totschlag haben ebenso wie offene Ausbeutung von Mensch und Natur außerhalb der Grenzen stattzufinden. Eine wirkungsvolle Strategie, die mit zunehmender neoliberaler Deregulation und schwindender Konsumkraft ins Wanken gerät.


Die Ursachen der Eskalation

Zeitgleich eskalieren Konflikte, die ebenfalls zum größten Teil Folgen imperialer und postkolonialer Politik sind. Millionen Menschen werden durch Krieg und Zerstörung, durch Hunger und Elend zur Flucht gezwungen. Tausende sterben auf gefährlichen Fluchtwegen, im Bemühen, sichere Länder zu erreichen. Die Phase, in der die Grenzen wenigstens für die offen gehalten wurden, die das Mittelmeer überlebten, dauerte nur kurz. Die Grenzen werden geschlossen, FRONTEX macht Jagd auf Schlepper, die es nur gibt, weil keine legale Einreisemöglichkeit besteht. Geflohene werden zudem zum Faustpfand nationaler Interessen, in der Durchsetzung politischer Ziele.
 

Verräterisch die Diktion in der Debatte: Flüchtlingsproblem. Menschen fliehen, weil sie in Not sind, Probleme haben, wenn man Krieg und Terror überhaupt so bezeichnen kann. Aber aus der Sicht mitteleuropäischer Befindlichkeit werden die Opfer zum Problem. Da wird es als legitim betrachtet, das Asylrecht zu verschärfen, immer mehr Krisenzonen zu sicheren Herkunftsländern zu erklären und mit dem türkischen Staat Geschäfte auszuhandeln, während dieser selbst eine autoritäre Politik gegenüber der Opposition verfolgt und kurdische Menschen attackiert. Grund- und Menschenrechte gelten nicht für Geflohene, sie sind lästig, nicht gewollt, ein Kostenfaktor.

Das rassistische europäisch-deutsch-nationale-AbendlandGebrüll verunsichert durchaus auch Teile der etablierten Politik. Die Forderung nach kompletter Schließung der Grenzen und die völkischen Parolen sind "unschön", ebenso wie der die Unterkünfte belagernde und brandstiftende Mob. Das brachiale Auftreten stört das Bild vom zivilisierten Deutschen und zeigt, wie fruchtbar er noch ist, der Schoß, aus dem das kroch.

Bei aller vordergründigen Distanzierung der etablierten Parteien vom rassistischen Geschrei, unübersehbar zeigt sich eine Tendenz des Zurückweichens, ein Eingehen auf die "berechtigten Sorgen der Mitbürger". Dabei werden nicht die zugrundeliegenden Machtverhältnisse hinterfragt, dazu wäre es notwendig, sich mit seiner eigenen Rolle kritisch auseinanderzusetzen, sondern populistische Elemente werden übernommen.
 

An einem Bewertungsmerkmal sind sich jedoch die etablierten Parteien einig: in der Einschätzung der ökonomischen Verwertbarkeit von Geflohenen als positivem Aspekt, vor allem auch in Sachen Akzeptanzschaffung. Kein neues Moment in der Auseinandersetzung.

Schon vor 25 Jahren "versucht der grüne multi-kulturelle Stadtrat Frankfurts, Daniel Cohn-Bendit, die Quotenregelung für EinwandererInnen als arbeitsmarktpolitische Vernutzungsmöglichkeit schmackhaft zu machen: "Die Bundesrepublik, am besten ganz Europa, müsste sich zur Einwanderungsregion erklären. Eine Einwanderungsbehörde bestimmte dann, welchen Bedarf es in der Bundesrepublik oder in Europa gibt. Die Zahl sollte mit den Arbeitsämtern festgelegt werden", z.B. "ließen sich Ausländer in sechs Monaten als Hilfspfleger ausbilden". (D. Cohn-Bendit, Spiegel 35/91) (3)

Das Argument, die deutsche Wirtschaft und auch die Rentenkasse würden sich über gut integrierte und arbeitswillige Geflohene freuen, zeigt einmal mehr, dass es mit dem Ideal der Menschenliebe, die unabhängig von ökonomischer Verwertbarkeit Bedürftige einfach willkommen heißt, nicht gut bestellt ist. Schon damals musste festgestellt werden, was heute mehr denn je gilt: "Düster zeichnet sich das Bild real ausgerichteter Politik: Nicht mehr die Ursachen von Flucht, Vertreibung und Ausbeutung von Menschen sind die Maxime, sondern Kategorien der Akzeptanz der deutschen Bevölkerung." (4)

Ein gefährlicher Parameter, insbesondere dann, wenn sich nicht an den Hundertausenden aktiv solidarischen Menschen orientiert wird, sondern an besagter völkisch-rassistischer Reaktion.

Michael Wilk
 



Fussnoten:

[1] M. Wilk, Facebook, Posting nach der Asylrechtsverschärfung

[2] zitiert nach fischer Appelt - Du bist Deutschland - weiter.

[3] Michael Wilk, "Der Malstrom, Aspekte anarchistischer Staatskritik", Haug/Wilk, Trotzdemverlag, Grafenau 1995

[4] ebenda


Quelle: Erstveröffentlicht auf graswurzel.net - GWR-Ausgabe 408, April 2016 > Artikel. Bei Interesse bitte GWR unterstützen - weiter.
 

graswurzelrevolution


1. Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft

2. tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschaft werden sollen.


Was bedeutet Graswurzelrevolution?

Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Wir kämpfen für eine Welt, in der die Menschen nicht länger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, Überzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden.

Wir streben an, daß Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine föderalistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden. Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bisher in den Bereichen Antimilitarismus und Ökologie.

Unsere Ziele sollen - soweit es geht - in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen und zur Anwendung gebracht werden. Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zurückzudrängen und zu zerstören, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. In diesem Sinne bemüht sich die anarchistische Zeitung Graswurzelrevolution seit 1972, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln.

Bild- und Grafikquellen:

1. »Nationalism teaches you to take pride in shit you haven't done & hate people you've never met«. - »Der Nationalismus lehrt dich, stolz auf Scheiße zu sein, die du nicht getan hast, und Menschen zu hassen, die du noch nie getroffen hast.« Grafik: Anders "Spider" Stolt. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

2. Jiddu Krishnamurti: »Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit, sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.« Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.

3. Pappschild »CHECKT MA` EURE WAHRNEHMUNG«. Foto: Caruso Pinguin. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

4. »EMANZIPATE YOURSELF FROM MENTAL SLAVERY« - "Befreie dich von geistiger Slaverei". Foto: Christian Mayrhofer. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

5. Demoschild »Zu Risiken von Rechtsextremismus lesen Sie bitte ein Geschichtsbuch.« Rechtsextremismus dient als Sammelbezeichnung, um neofaschistische, neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist die Orientierung an der ethnischen Zugehörigkeit, die Infragestellung der rechtlichen Gleichheit der Menschen sowie ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritär geprägtes Gesellschaftsverständnis. Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten „Volksgemeinschaft“ umzugestalten. Der Begriff „Volk“ wird dabei rassistisch oder ethnopluralistisch gedeutet.

Foto: Ilias Bartolini. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

6. NO BORDERS - NO NATIONS! The Wisdom of Abolishing All National Governments. Grafik: radicalgraphics.org/ . Quelle: anarchistrevolt.com/ .

7. Graffito "FRONTEX VERSENKEN". Foto: Flickr-user seven resist. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0).

8. Street Art / Wandgrafito: "IF YOU WANT TO CHANGE THE WORLD, CHANGE THE WAY YOU THINK." Foto: Flicker-user Notgonnatellyou. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

9. NO NATION, NO BORDER, JUST PEOPLE: Grafik: Netzfund.

10. DIE EINZIGE KUNST IM KAPITALISMUS IST DER AUFSTAND GEGEN ALLE AUTORITÄTEN! Foto: Christian Mayrhofer. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

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WiKa
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Beigetreten: 16.10.2010 - 23:42
Intellektuelle Blindheit vs. Selbstwertstörung

 

Intellektuelle Blindheit vs. Selbstwertstörung


Lieber Michael,

eine wunderbare und sehr treffende Analyse, die ich, was die Theorie anbelangt, von Herzen gerne und zu 100 Prozent unterschreiben kann. Eine der Hauptursachen für die Situation, so wie sie jetzt ist, wird zwar korrekt angesprochen, aber nicht bis ins Detail und in seinen Konsequenzen ausgeleuchtet. Stattdessen verbleibt es bei Schuldzuweisungen gegenüber allen Menschen, die offenbar die Gesamtzusammenhänge nicht erfassen können und infolgedessen ins sogenannte "nationale Lager" überführt werden müssen. Da besteht ein wenig die Gefahr, dass eine so gute Analyse zur intellektuellen Klugscheißerei verkommt, die am Ende nur wieder theoretischen Erkenntnisgewinn für eine kleine "intellektuelle" Minderheit bietet, ohne die vielen Menschen mitzunehmen, die die geschilderten Zusammenhänge nicht oder noch nicht verstehen.

Versuchen wir einen möglichen Handlungsstrang daraus zu abzuleiten, was mir äußerst schwerfällt, denn ich selbst bin - wie so viele normaldenkenden Menschen - hin- und hergerissen, quasi vom Gutmenschen (der jeden Menschen lieb haben möchte) bis zum Gewohnheitsmenschen, der sich im Zweifel auf bestehende Gemeinsamkeiten und Werte zurückzieht. Letztere gemeinsamen Werte beschreiben dann sicherlich auch die soziale Sicherheit, Ordnung, Frieden, Sprache halt alle möglichen Gemeinsamkeiten/Eigenheiten, die man sich als Kulturkreis bisher gemeinsam erarbeitet hat. Nun vielleicht ist ja das schon die Definition nationalistisch, aber durchaus auch weltweit noch gebräuchlich - und nicht nur Deutschland.

Ich versuche jetzt ein paar Schlaglichter zur Debatte beizutragen, die sich aus ihrer wunderbaren Bestandsanalyse ergeben. Gerne bitte ich Sie, das dann um andere (Ihre) Vorstellungen zu erweitern, die mir derzeit nicht in den Sinn kommen. Bitte sehen Sie mir bereits an dieser Stelle meinen unterschwellig sarkastischen Zungenschlag ein wenig nach.

Wir haben in Ihrer scharfen Analyse eine ganze Menge über die sogenannte moderne Nutzmensch-Haltung, Neoliberalität und Wertigkeit eines Menschenlebens gelernt. Demnach haben die Menschen eigentlich nichts weiter als einen monetären Wert, den es nunmehr korrekt auszubeuten und zu vermarkten gilt. In dieser Konstellation kommt es zurecht nicht auf Hautfarbe, Rasse, Landesgrenzen oder sonst irgendetwas an, sondern lediglich auf den Nutz- oder Marktwert des Individuums.

Hier schließt sich die Frage an, sollten wir jetzt einfach diesem Gedankenstrang und Grundmuster folgen, es als gesetzt und Gesetz nehmen, alle Grenzen öffnen und uns der kompletten Nutzbarkeit für die weitere Verwertung durch das internationale Kapital zur Verfügung stellen? Letzteres nur um zu belegen, dass wir als Menschen zwar weiterdenken können, im unendlichen Respekt vor dem (über-lebenswichtigen) Kapital uns dem sogleich ergeben und damit die Nutzwerttheorie uneigennützig und uneingeschränkt unterstreichen? Uneigennützigkeit ist ja eine feine Sache. Also nur um so zu erscheinen, als wenn wir bereits in der Lage wären, uns "humanistisch korrekt" zu verhalten? Oder darf eine Gemeinschaft (die sich deutsch, italienisch, französisch oder sonstwie national bezeichnet und kenntlich macht) noch Bedenken anmelden und ihre vermeintlich über Jahrzehnte / Jahrhunderte erworbene Gemeinsamkeiten zu schützen versuchen? Oder ist allein der Versuch, soetwas zu erhalten, jetzt als nationalistisch zu bewerten? Besser wäre es natürlich wir würden sofort per Dekret "Angst" verbieten, zumal die ja häufig irrational ist.

Folgen wir den beschriebenen Erkenntnissen und den Erfordernissen einer erweiterten Humanität, müssten jetzt weltweit alle Grenzen geöffnet werden und der "Markt" würde es dann schon regeln. Wollen wir das wirklich? Haben die Menschen nach dieser These überhaupt noch ein Anrecht auf Individualität bzw. Gruppenidentität oder ist die beschriebene Verwertbarkeit nunmehr die höchste und einzig zu akzeptierende Maxime und der einzig erlaubte Nenner "Mensch"? Ich muss gestehen, ich bin da ziemlich ratlos.

Jetzt stelle ich Ihnen eine weitere These in den Raum, die Sie bitte gerne entkräften oder auch als reine unbegründete, irrationale Angst abtun können. Aus meiner Sicht allerdings und den Erfahrungen die wir tagtäglich mit Menschen machen können, ist dies absolut nicht abwegig.

Stellen Sie sich vor, eine kleine Gruppe von 100 jungen gesunden Männern kommt in ein für sie unbekanntes und fremdes Umfeld, eine Gemeinde von beispielsweise 2.000 Leuten. Ein durchaus gesundes und halbwegs funktionierendes Umfeld aber alters- und kräftebedingt inzwischen ziemlich schwach, nun alles funktioniert eben eingespielt, gewohnt und vertraut. Diese 100 jungen gesunden Männer sind in einem völlig anderen Umfeld aufgewachsen und haben mit dem neuen Umfeld kaum etwas gemein. Was denken Sie, was nun passiert ?

Ganz einfach, wie im richtigen Leben wird sich die stärkere Gruppe am Ende durchsetzen. Das ist banalste Psychologie und auch in der modernen Massen-Nutzmenschhaltung die tragende Säule, auch wenn man das nicht so gerne anspricht. Für die weitere Verwertbarkeit des Humankapitals spielt es jetzt gar keine Rolle, welche Gruppe sich nun durchsetzt. Im Zweifelsfall haben halt nur die Unterlegenen zu leiden, aber auch das muss die Ausbeuter nicht stören - wir nennen es Normalität.

Ergo können wir all diese Erscheinungen durchaus absehen. Wir wollen das aber aus verständlichen Gründen nicht, weil es unser humanistisches Ideal, das schöngefärbte Bild stört. Was wir derzeit noch nicht wissen ist, ab welchem Punkt exakt die Gruppendynamik kippt und der bislang noch fremde Einfluss versucht alles zu dominieren - nach derzeitigen Stand der Erkenntnis ist dies nicht abwegig, insbesondere wenn sich bestimmte Gruppen hier nachweislich nicht integrieren wollen - Stichwort "Parallelgesellschaften". Da sehe ich nun die ganzen Bedenken und bin damit vermutlich längst ein Nazi und Rechter. Es ist ja auch eine "rechte Unverschämt", wenn man sich heut erdreistet, der Gutmenschlichkeit bestimmte Defizite oder blinde Flecken zu attestieren.

Ergo geht aus meiner Sicht die gesamte gesellschaftliche Auseinandersetzung zu dieser Problematik derzeit völlig am Kern vorbei. Genau dieser Aspekt kommt auch in ihrer ansonsten brillanten Analyse viel zu kurz. Um den Menschen hier in irgendeiner Weise Sicherheit zu vermitteln (bitte jetzt nicht einwenden, dass ein denkender Mensch keine Sicherheit braucht), wäre es die erste Bürgerpflicht, sich um ein neues System zu bekümmern! Eben die maßlose Umverteilung von unten nach oben zu beseitigen. Wir wissen aufgrund der Produktivitätssteigerungen der letzten Jahrzehnte, dass alle Menschen, wie sie auch korrekt schreiben, ein wunderbares Auskommen haben könnten, was aber bis heute nur erst einmal Theorie ist. Dagegen steht das bisherige System.

Daran dann noch mehr Leute, auch aus anderen Kulturkreisen, zu beteiligen, wäre mit Sicherheit gar kein Problem. Nur das was wir derzeit machen, ist die eine Gruppe gegen die Andere auszuspielen, weiter zu drücken, zugunsten noch höherer Profite, die Gesellschaften soweit zu verbreien (siehe auch TTIP, CETA TISA), dass ein späterer Widerstand gegen diese Form der Nutzmenschhaltung von vornherein zum Scheitern verurteilt sein muss. Der einzige Vorteil einer sogenannten "Eine-Welt" wäre, dass man Kriege dann nicht mehr Kriege nennen würde, sondern Aufstand, die per se legitim niederzuschlagen wären, was auch der Dümmste noch einsehen wird.

Wenn wir also jetzt zur Beseitigung aller Grenzen aufrufen, um vermeintlich dem Humanismus zum Durchbruch zu verhelfen, dann haben wir exakt das bewegt was die stillen Strippenzieher des jetzigen Systems in aller Herren Länder auch beabsichtigten. Sollten wir darauf dann noch stolz sein (siehe die Rede von Diego Fusaro), oder ist es doch mehr unser geistiges Armutszeugnis?

Warum wird denn im mittleren und nahen Osten gebombt? Wer destabilisiert denn dort die bisherigen Regime? Wer bewaffnet Terroristen und lässt den politischen Frühling ausbrechen? Wir wissen es doch und wollen all das aber in dieser Debatte hier ausblenden (aus Gründen der Humanität), weil a) doch mit b) angeblich nichts zu tun hat? Und wir sind so dumm und wollen diese eigentlichen Ursachen bei unserer Diskussion um Menschlichkeit und Humanismus allen Ernstes ausblenden und nur den Geichheistfaktor des Ausbeutungsgegenstandes "Mensch" betonen? O.k. wenn wir das ernstlich wollen, dann sollten wir schon mal freiwillig 60 IQ-Punkte wieder an der Evolutionskasse zurückgeben.

Sie sehen, der Spagat ist nur schwer zu lösen und gerät zur Blutgrätsche, aber aus meiner Sicht sollten wir uns zunächst um die Korrektur des hier herrschenden Systems bemühen (biblisch: den Balken vor unseren Augen), solange wir dies noch können. Wenn wir die Entwicklung einfach in dieser Art vorantreiben, die Herde erstmal ordentlich erweitern, werden wir als Gruppe sicherlich diese Fähigkeit recht bald verlieren. Ob das womöglich beabsichtigt ist? Sicher nur wieder Verschwörunstheorie. Ergo sollten wir uns weniger um den Splitter im Auge unserer kleinen linken oder rechten Nachbarn bemühen (und der vermeintlich kruden Ansichten die daraus resultieren, wegen derer wir uns dann die Köpfe einschlagen wollen/sollen), sondern vielmehr gemeinsam um den oben erwähnten schweren Balken bekümmern, der allerdings im Rahmen der von Ihnen skizzierten Nutzmenschhaltung dutzendfach durch das herrschende System auf perfideste Art und Weise gesichert ist, damit der ja nicht beschädigt oder gelöst werde.

Ein weiteres Phänomen, welches wir in dieser ganzen Debatte nicht verschweigen sollten, ist das konsequente Ausblenden aller Zwischentöne, da sehe ich die größte, wenn nicht die einzige Selbstwertstörung, dass wir diese Fähigkeit schon so gut wie verloren haben. Das sollte auch Ihnen inzwischen aufgefallen sein, dass es nur noch links und rechts, schwarz und weiß, dafür oder dagegen gibt.

Und bei noch tieferer Analyse stellen wir fest, dass auch dies im Moment exakt mit zu dem verordneten Programm zählt. Oder ist das auch alles nur rein zufällig? Denn Polarisierung und Spaltung (Teile und herrsche) funktioniert nur so und ist auch die Grundvoraussetzung dafür, die Massen-Nutzmenschhaltung nicht aus dem Ruder laufen zu lassen und den "Balken" fleißig weiter zu fixieren. Noch ein Grund mehr, sich um die wahren Ursachen zu kümmern, statt den weniger begabten Mitmenschen Vorträge darüber zu halten, wie egoistisch, nationalistisch und schlecht sie doch seien, solange man ihnen die Zusammenhänge weder vernünftig beschreiben, noch beseitigen kann … so meine bescheidene Meinung.

Wilfried Kahrs

 

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