Wer die Türkei verstehen will, muss einen Blick auf ihre Geschichte werfen

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Filotimo
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Wer die Türkei verstehen will, muss einen Blick auf ihre Geschichte werfen
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Wer die Türkei verstehen will, muss einen Blick auf ihre Geschichte werfen

Das Verhalten Erdoğans ist für viele Europäer besorgniserregend. Sie sehen die Türkei auf dem Weg in eine islamische Autokratie. Für das Verständnis der aktuellen Geschehnisse ist ein Blick auf die Geschichte dieses Landes hilfreich.

► Die Entstehung der modernen Türkei

Im 19. Jahrhundert formte eine neue Ideologie die europäische Landschaft. Das Aufkommen des Nationalismus berührte auch das Osmanische Reich. Nationen wurden gegründet und proklamierten die Unabhängigkeit von den Osmanen. In der Folge verlor das Reich fast seine kompletten europäischen Besitztümer. Das Osmanische Reich galt als "kranker Mann am Bosporus". Als Reaktion auf diese Entwicklungen entstand die Bewegung der Jungtürken. Sie galten als nationalistische, liberale Reformierer und viele zuvor unterdrückte Minderheiten hatten Hoffnung, dass sich ihre Situation bessern und die Repressalien der osmanischen Regierung enden würden.

Die Jungtürken putschten sich an die Macht und unternahmen den Versuch einen osmanischen Nationalismus zu etablieren, dem alle osmanischen Bürger (auch Christen und Juden) zugehörig sein sollten. Andere, konkurrierende Nationalismen (griechische, armenische, kurdische) verhinderten aber den Erfolg des Osmanismus und die Jungtürken forcierten nun einen türkischen Nationalismus und sahen die christlichen Minderheiten als Elemente an, die dem im Weg standen. Fortan verstärkte sich Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung der christlichen Minderheiten.

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Karte des Völkermords an den Aramäern/Chaldäern/Assyrern von 1915 bis 1917 während des Ersten Weltkrieges.

Städte, wo der Völkermord stattfand. Städte, die Flüchtlinge aufnahmen. Andere wichtige Städte.    Konzentrationszentren der Aramäer/Chaldäer/Assyrer.

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Die Vision Enver Paschas panturanischen Reiches führte zur Beteiligung am ersten Weltkrieg und der vernichtenden Niederlage, die mit einer bedingungslosen Kapitulation des Osmanischen Reichs endete. Die Alliierten teilten das Land in Besatzungszonen ein und verhandelten über seine Zukunft. Der Streit zwischen Italien und Griechenland um die Westküste Kleinasiens führte zur Besetzung der Region Smyrna durch griechische Truppen, um die ansässige griechische Bevölkerung zu schützen. Moderate türkische Kräfte wie der osmanische Gouverneur von Smyrna, Rahmi Bey, wurden von den Briten, als stärkster Besatzungsmacht, abgesetzt. Sie zögerten wichtige Entscheidungen hinaus, was Räuberbanden in Anatolien, aufgrund fehlender staatlicher Strukturen, gediehen ließ.

Karte des Völkermordes an den Armeniern 1915 - zum Vergrößern bitte Karte anklicken!

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Um der Lage im Osten Herr zu werden, beauftragten die Briten den osmanischen General Mustafa Kemal, in Anatolien für Ordnung zu sorgen. Stattdessen baute Kemal Widerstandstruppen auf, ging gegen Kurden, Pontos-Griechen und andere Minderheiten vor und besiegte die griechische Armee. Der durch Mustafa Kemal neu ausverhandelte Friedensvertrag von Lausanne war die Grundlage für die Gründung der Republik Türkei im Jahre 1923 und legitimierte die zuvor begangenen ethnischen Säuberungen. Er ersetze den alten Vertrag von Sèvres, der für die Türkei nur ein vergleichsweise kleines Staatsgebiet vorsah. Diese Republik entstand durch einen Krieg gegen innere und äußere Feinde.

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► Niederlage und Völkermord

Die Schuld an der Niederlage im ersten Weltkrieg wurde der christlichen Minderheit im Reich gegeben. Außerdem waren Wirtschaft und Handel damals zu großen Teilen in griechischen und armenischen Händen. Daher erschienen diese Gruppen als Bedrohung und es entstanden Ängste in der islamischen Bevölkerung. Diese Ängste wurden von nationalistischen Kräften weiter geschürt und sie gingen teilweise soweit zu glauben, Christen hätten die Absicht sie auszurotten.

Der Vertrag von Sèvres trug später sein weiteres dazu bei. Vertreibung und Vernichtung von christlichen Minderheiten waren die Folge. Zwangstürkisierung und Zwangsislamisierung war für die christlichen Armenier, Griechen, Assyrer und Aramäer die einzige Möglichkeit in ihrer Heimat zu verbleiben. Doch auch nach dem Krieg kam es zu Übergriffen auf Minderheiten, bis hin zur Errichtung von Konzentrationslagern in den 30er Jahren. In den Jahren 1937/38 endete die Dersim-Rebellion mit einem Massaker an den aufständischen Kurden.

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► Ein monoethnischer Vielvölkerstaat

Aus einem Vielvölkerstaat (Osmanisches Reich) wurde der Nationalstaat Türkei. Mangels anderer Kategorisierungsmerkmale (Vielvölkerstaat) war die Zugehörigkeit zum Islam zwingende Bedingung um Türke zu sein. Aber nur ein geringer Teil der Türken stammt von den türkischen Nomaden ab, die einst aus Zentralasien nach Kleinasien einwanderten. Viele Türken haben armenische, arabische, kurdische, griechische, syrische oder slawische Vorfahren.

Es herrscht bis heute eine Angst um das Auseinanderbrechen des Landes vor. Aufgrund dieser Angst wird massiv gegen jeden separatistischen Gedanken (Kurden) vorgegangen. Dahinter steckt auch der weit verbreitete Glaube, dass ausländische Mächte die Türkei zerstückeln wollen. Historiker sprechen vom Sèvres-Syndrom, da der Vertrag von Sèvres die Aufteilung des Landes unter fremden Mächten symbolisiert.

► Kemalisten und die AKP

erdogan_turkey_tuerkei_erdoganistan_recep_tayyip_erdogan_coup_putsch_militaerputsch_staatsstreich_sultan_dictator_is_islamic_state_daesch_daesh_kritisches_netzwerk.gif Für die kemalistischen Eliten und das Militär sind mehrere Ethnien nicht akzeptabel. Deswegen reagierten sie positiv als die sog. "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (Adalet ve Kalkınma Partisi / AKP) Kurden in Anatolien für sich gewinnen konnte und diese sich von kurdischen Parteien abwandten. Als die Islamisierung immer stärker wurde, sahen sie aber den Kemalismus in Gefahr.

Atatürk hat durchaus wichtige Reformen eingeführt. Er hat einen säkularen Staat etabliert und die Rechte der muslimischen Frauen gestärkt. Diese Reformen waren aber gewaltsam erzwungen, nach einem brutalen Krieg und wurden mithilfe einer nationalistischen Ideologie aufrechterhalten, die in Teilen zu bröckeln beginnt. Die erfolgreiche Islamisierungskampagne der AKP kann auch mit einem Widerstand der fromm-religiösen, ländlichen Bevölkerung gegen die aus ihrer Sicht korrupten, kemalistischen Eliten erklärt werden. Dabei scheint Erdoğans Politik (wie auch seiner kemalistischen Vorgänger) kompatibel mit dem  Sèvres-Syndrom zu sein. Das Wittern von ausländischen Verschwörungen und das rigorose Vorgehen gegen innere Bedrohungen sind zwei charakteristische Merkmale dessen.

Wie sich die Situation weiter entwickelt ist noch nicht abzusehen. Kürzlich hat  Recep Tayyip Erdoğan die Grenze zwischen Griechenland und  der Türkei gemäß dem Vertrag von Lausanne angezweifelt, was zu diplomatischen Verwerfungen führte. Darin spiegelt sich der (nicht nur von ihm) gehegte Traum von der Wiederherstellung des Osmanischen Reichs, dessen Verfolgung eine weitere Destabilisierung der Region zur Folge haben würde.

Filotimo



► Lesetipps:

"The Sèvres Syndrome: Turkish Foreign Policy and its Historical Legacies" by Dietrich Jung - weiter.

"Die Türkei und das "Sèvres-Syndrom" von Thomas Frankenfeld - weiter.

"Säbelrasseln in der Ägäis?" von Wassilis Aswestopoulos - weiter.

► Quellen:

Yardumian, Aram; Schurr, Theodore G.: "Who are the Anatolian Turks? A reappraisal of the anthropological genetic evidence."; Anthropology & Archeology of Eurasia 50.1, 6-42, 2011. - weiter.

Akçam, Taner: "From Empire to Republic: Turkish Nationalism and the Armenian Genocide."; Hrsg.: Zed Books. London 2005.

Milton, Giles: "Paradise Lost: Smyrna 1922. The Destruction of Islam's City of Tolerance." Hodder & Staughton, 2008.

Scholl-Latour, Peter: "Allahs Schatten über Atatürk. Die Türkei in der Zerreißprobe." Siedler Verlag, 1999.

Hofmann, Tessa: "Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912-1922." LIT Verlag Münster, 2004.

van Bruinessen, Martin M: "The Suppression of the Dersim Rebellion in Turkey (1937-38) and the chemical war against the Iraqi Kurds (1988)"; in: George J. Andreopoulos (Hrsg.), Conceptual and historical dimensions of genocide. University of Pennsylvania Press, S. 141-170, 1994. - weiter. (PDF)

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► Bild- und Grafikquellen:

1. Recep Tayyip Erdoğan. Bis 2014 war er Vorsitzender der muslimisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP).  Seit dem 28. August 2014 ist er Präsident der Türkei. Sein faschistischer, Menschenrechte verachtender Führungsstil ist ein Paradebeispiel für einen blutigen Staatsterrorismus, da er Krieg gegen das eigene Volk führt. Karikatur: Carsten S.. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

2. Karte des Völkermords an den Aramäern/Chaldäern/Assyrern. Städte, wo der Völkermord stattfand. Städte, die Flüchtlinge aufnahmen. Andere wichtige Städte.    Konzentrationszentren der Aramäer/Chaldäer/Assyrer. Urheber: Rafy / Kathovo. Abgeleitetes Werk von Dadscheldow. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

rudi_friedrich_stoppt_den_kreislauf_der_gewalt_in_der_tuerkei_kritisches_netzwerk_recep_tayyip_erdogan_menschenrechte_todesstrafe_staatsterror_daesh_militaerputsch_putsch.jpg3. Karte des Völkermordes an den Armeniern 1915 - Map of the Armenian Genocide in 1915 - Carte en anglais du génocide arménien de 1915.

  • Each size shows a massacre. There are three types of massacre: in a control centre (red dot), in a station (pink dot), in a concentration and annihilation center (black dot). The size of the dot shows the relative number of killed Armenians.

  • Each pair of swords shows an area of Armenian resistance: greater resistance (red swords) or lesser resistance (black swords). The different size of swords is to save space into the map, it means nothing.

  • Dots in Black Sea representing Armenians (mainly women and children) drowned into the sea (see Armenian Genocide for references).

Autor: Sémhur. Quelle: Wikimedia Commons. Es ist erlaubt, die Datei unter den Bedingungen der GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation, zu kopieren, zu verbreiten und/oder zu modifizieren.

4. Karte zum Vertrag von Sèvres (Osmanisches Reich). Urheber: Don-kun, Leipzig. Quelle: Wikimedia Commons.  Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

5. Karte der Region Dersim Mitte der 1930er-Jahre. Urheber: NordNordWest. Quelle: Wikmedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

6. Erdoğan nach dem Putschversuch 2016. Cartoon von Carlos Latuff, einem "Politischen Karikaturist", geboren November 1968 in Rio de Janeiro, Brazil. Dieses Werk wurde von seinem Urheber Carlos Latuff als gemeinfrei veröffentlicht. Dies gilt weltweit. Carlos Latuff (eigentlich Carlos Henrique Latuff de Souza) gewährt jedem das bedingungslose Recht, dieses Werk für jedweden Zweck zu nutzen, es sei denn, Bedingungen sind gesetzlich erforderlich. Diese und weitere Karikaturen auf seinem Blog > https://latuffcartoons.wordpress.com/ . Quelle: Latuffs Twitter-Account.

armenien_armenian_genozid_genocide_aghet_armenia_voelkermord_tuerkei_turkey_dersim_aserbaidschan_massaker_massacre_osmanisches_reich_kritisches_netzwerk_jerewan.jpg7. WE REMEMBER ARMENIAN GENOCIDE 1915: Time to punish Turkey & make her pay for the killings of 1.5 million Armenians. Foto/Grafik: jan Sefti. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

8. Cover der Broschüre "Stoppt den Kreislauf der Gewalt in der Türkei!", hrsg. von Connection e.V., Bund für Soziale Verteidigung und Internationaler Versöhnungsbund. Zur ausführlichen Vorstellung der Broschüre mit Leseprobe - weiter. Sie ist hier zu bestellen.

9. FACES OF DENIAL - Gesichter, die Tatsachen nicht erkennen wollen. Foto/Grafik: Narek. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

10. Karikatur: Recep Tayyip Erdoğan cites Hitler Germany as example of effective government - THE GUARDIAN, Friday 1st January 2016.

Brazilian cartoonist Carlos Latuff has reportedly had his website banned by the Turkish government. Latuff’s cartoons have frequently taken aim at Turkey’s President Recep Tayyip Erdogan. In an interview with Al-Monitor Columnist Pinar Tremblay, Latuff said: “Turkey is the only country where access to my cartoon blog was officially blocked. I haven’t heard of a similar ban in other countries. In the case of Turkey, I have the document from the Turkish government certifying the ban.” This is, according to journalist Tremblay, “the first time a foreign cartoonist is facing a legal ban in Turkey.”

Karikatur von Carlos Latuff, einem "Politischen Karikaturist", geboren November 1968 in Rio de Janeiro, Brazil. Carlos Latuff (eigentlich Carlos Henrique Latuff de Souza) gewährt jedem das bedingungslose Recht, dieses Werk für jedweden Zweck zu nutzen, inklusive uneingeschränkter Weiterveröffentlichung, kommerziellem Gebrauch und Modifizierung, zu nutzen, es sei denn, Bedingungen sind gesetzlich erforderlich. Quelle: Sein Blog > latuffcartoons.wordpress.com > zur Karikatur. Dieses Werk wurde von seinem Urheber Carlos Latuff als gemeinfrei veröffentlicht. Dies gilt weltweit.