Bitte lächeln !
»Versuchen Sie, ein positiver, fröhlicher, heiterer Mensch zu sein. Seien sie optimistisch, und ermutigen Sie andere. Seien Sie fröhlich und locker. Legen Sie sich eine Ausstrahlung zu, von der andere sich angezogen fühlen. Egal, wie es in Ihrem Privatleben aussieht, lassen Sie es die Kunden nicht spüren.«
- Brian Tracy, Verkaufsstrategien für Gewinner –
Lächeln gehört zum Geschäft. Lächeln ist Geschäft. Mit Lächeln macht man Profite, lockt Kunden an, gibt ihnen ein gutes Gefühl. Lächeln ist ein immanenter Bestandteil der Verkaufsstrategie, der Werbung. Eine Maßnahme, die Geld in die Taschen der Profitmacher spülen soll. Lächeln ist hier nicht nur künstlich, kalt und unehrlich, sondern verbirgt die Fratze des Kapitalismus: Egoismus, Gier und Profitdenken. Der zwischenmenschliche Mechanismus der Anziehung und Sympathie wird instrumentalisiert, zur Ware degradiert. Ob Versicherungsvertreter, Bankangestellte oder Kassierer – sie alle sollen ein »freundliches Auftreten« an den Tag legen und möglichst viel lächeln.
Lächeln ist Ausdruck von Lebensfreude, Fröhlichkeit, Zufriedenheit oder sogar Glück. Lächeln ist ein Stimulus, dass auf äußerliche Eindrücke Bezug nimmt. Lächeln ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Der kapitalistische Verwurstungswahnsinn pervertiert es zum Verkaufsargument. Lächeln ist hier nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Überall wo verkauft wird oder wo Lohnarbeiter mit Menschen zu tun haben, wird von ihnen verlangt, freundlich zu sein, zu lächeln. Lächeln als Zwang, als Anzug, als Anordnung, als Maske und als Lüge.
Psychologen der Frankfurter Universität haben herausgefunden, daß zwanghaftes Dauerlächeln sogar zu Depressionen führen kann, wenn man sein wirkliches Wohlbefinden unterdrückt. Vielmehr darf der Lohnarbeiter kein Mensch sein, dem es auch mal nicht gut geht oder der schlechte Laune hat. Nein, er muß einem Roboter gleich funktionieren, soll immer gut drauf sein, freundlich lächelnd auf Menschen eingehen können. So kann der Profit vermehrt werden. Wer seinen wahren, echten Gefühlen freien Lauf lässt, wird auf Dauer für viele Unternehmen zum Problem.
Wer über hundert mal am Tag seinen Kunden ein »schönes Wochenende« wünscht und sie anlächelt, legt sich ein zweites Gesicht zu, ein Image, eine Pseudo-Emotionalität, um nicht verrückt zu werden und um nicht an soviel künstlich erzeugter positiver Energie zu ersticken
Positives Denken als Schmiermittel der Unterwerfung oder Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt
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Empfehlenswertes Buch von Barbara Ehrenreich "Smile Or Die".

► positives Denken als Adaptionshilfe
Man kann davon ausgehen, daß die Attraktivität des positiven Denkens in Deutschland vor allem durch die marktradikale Wirtschafts- und Sozialpolitik verursacht wird. Die wirtschafts-
liberale Reorganisation und Umwälzung der Gesellschaft im Namen von Deregulierung, Privatisierung und mehr Eigenverantwortung benötigt für die darunter leidenden Seelen das positive Denken als ein herrschaftssicherndes Schmiermittel.
Das positive Denken wird schließlich als eine vermeintliche Universalmethode zur Lösung seelischer und sozialer Probleme und körperlicher Erkrankungen angepriesen, mehr noch, es soll zu einem andauernden Glück und Reichtum führen.
„Das positive Denken eignet sich gut als Rechtfertigung für die brutalen Züge der Marktwirtschaft. Wenn der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg Optimismus ist, und wenn man sich eine optimistische Haltung durch die Methode des positiven Denkens aneignen kann, gibt es fürs Scheitern keine Entschuldigung mehr. Die Kehrseite der Positivität ist daher ein hartnäckiges Insistieren auf der persönlichen Verantwortung: Wenn dein Geschäft zusammenbricht oder deine Stelle wegrationalisiert wird, muss es daran liegen, dass du dich nicht genügend angestrengt, dass du nicht fest genug an deinen unausweichlichen Erfolg geglaubt hast."(Barbara Ehrenreich)
Der Einzelne muss sich hierbei als Selbst-Unternehmer begreifen: "Sein Körper, sein Geist und seine Seele sind sein Kapital, und seine Lebensaufgabe besteht darin, dieses vorteilhaft zu investieren, einen Profit aus sich zu ziehen. Menschliche Eigenschaften wie Freundlichkeit, Höflichkeit und Güte werden zu Gebrauchswaren, zu Aktivposten des >Persönlichkeitspakets<, die zu einem höheren Preis auf dem Personalmarkt verhelfen. Gelingt es jemanden nicht, sich gewinnbringend zu investieren, so hat er das Gefühl, dass er ein Versager ist; ist er erfolgreich, so ist es sein Erfolg." (Erich Fromm)
Infolgedessen werden die positiv Denkenden die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr hinterfragen, sondern als unveränderliche und unbeeinflussbare Begebenheiten voraussetzen, denen man sich nicht nur optimistisch zu unterwerfen, sondern an denen man sich erfolgreich zu bewähren hat, in dem man das positive Denken unbeirrt praktiziert.
Positives Denken führt deswegen nicht nur zu einer neuen, zwanghaften wie realitätsverzerrenden Innerlichkeit und zur sektenhaften Weltentfremdung, sondern vor allem zur Entpolitisierung und Entsolidarisierung der Menschen und deshalb zu einer Verschärfung des inzwischen allgegenwärtigen kapitalistischen Konkurrenzprinzips auf der einen und auf der anderen Seite zu einer Naturalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die nun als unveränderlich gelten. Kritik, Revolten, Widerstand, politische und solidarische Gegenwehr gegenüber den eingerichteten Verhältnissen sind damit hinfällig und antiquiert. Politische Alternativen gibt es nicht mehr.
Positives Denken ist deswegen zu einer riskanten Sinnprothese nicht nur für Menschen geworden, die an diesen verrückt gewordenen kapitalistischen Verhältnissen leiden und deshalb nach einer einfachen Adaptions- und Lösungshilfe suchen, sondern auch für die politisch Erschöpften und Resignierten, die keine Möglichkeit mehr sehen, dass eine grund-
legende und rasche Änderung in Politik und Gesellschaft machbar ist. Soweit lässt sich festhalten, dass das positive Denken nicht nur krank macht, sondern einen wichtigen Beitrag zur Legitimation und Zementierung des neoliberalen Status quo leistet.
► positives Denken als Unterwerfungsmittel
Für die heutige Machtelite, die ihre neoliberale Politik durchsetzen und absichern will, ist es lohnend, wenn sie ihren Herrschaftsunterworfenen das positive Denken aufzwingt, in dem sie es fördert und finanziert: In den Händen der Arbeitgeber ist das positive Denken zu einem Mittel sozialer Kontrolle am Arbeitsplatz geworden, zum Ansporn, immer höhere Leistungen zu bringen. "Mit der Motivation als Peitsche wurde positives Denken zum Kennzeichen des fügsamen Angestellten schlechthin" (Barbara Ehrenreich).
Das positive Denken ist nicht nur zu einem weltweiten "Werkzeug der Unterdrückung" geworden, das die Menschen zur beständigen "Wartungsarbeit am Ich" zwingt, sondern beflügelte auch den Finanzsektor, weshalb die dortigen Akteure nicht nur an Selbstüberschätzung, sondern auch einen weitgehenden Realitäts- und Urteilsverlust erlitten "Aber was war dieser Marktfundamentalismus anderes als aus dem Ruder gelaufenes positives Denken?" (Zitate alle von Barbara Ehrenreich).
Schon vor langer Zeit machte der Philosoph Günther Anders auf den totalitären Anspruch des ominösen Wortes Positiv aufmerksam, als er ausführte:
"Sei misstrauisch, wenn deine Nachbarn die Gewohnheit annehmen, vom Positiven zu sprechen. Und noch misstrauischer, wenn sie beginnen, dieses Wort salbungsvoll auszusprechen. Die Funktion dieses Wortes besteht ausschließlich darin, das, was ist, zu sanktionieren. Kritik wird stets als negativ verstanden und damit diffamiert. Der Ausdruck ist der Vorbote des Terrors, und wer ihn in den Mund nimmt, der lockert immer bereits seinen Revolver." (Günter Anders)
Aber: Hier soll nicht das Wort gegen jede Art von positivem Denken gesprochen werden. Sofern die positive von innen her aufbauend wirkt, dann ist sie zu unterstützen (siehe Thema „Individualpsychologie/Eigenmotivation)
Peter A. Weber