1945 - Impressionen und Pressionen

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1945 - Impressionen und Pressionen
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1945 - Impressionen und Pressionen


von Ingrid Zwerenz


Sicher nicht aus freiem Willen, doch unterm Zwang der Zitate betitelte Jürgen Kaube, jüngst mehrmals preisgekrönter Journalist, am 3. März 2015 seinen FAZ-Artikel mit diesem als Frage formulierten Heidegger-Satz aus den berüchtigten »Schwarzen Heften«. »Die  Alliierten – schlimmer als Hitler?« Jahrelang sperrte man sich im Weltblatt aus Frankfurt dagegen, den geheiligten Philosophen MH so darzustellen wie es sich durch seine zahlreichen antidemokratischen und judenfeindlichen Äußerungen geradezu aufdrängte. 1945 eskalierte der vielbewunderte Rauner in den schieren Wahn- und Blödsinn. »Für  Heidegger« führt Kaube an, »zählen letztlich nur Gedanken und vor allem die eigenen. Sie darauf zu prüfen, wie viele Irrtümer und Phrasen sie enthalten, hindert ihn die komplette Unfähigkeit zur Reflexion, die ihm einst sein  Schüler Hans-Georg Gadamer attestiert hat.« Nach Kriegsende sieht Martin Heidegger eine »Tötungsmaschinerie« an den Deutschen angesetzt und »findet es ungehörig, Goebbels an den Pranger zu stellen.«

Wo sollte denn Hitlers getreuer Propaganda-Minister sonst positioniert werden – auf einem Piedestal (Sockel)?

Da waren zwei Figuren aus dem Dritten Reich, hier ausdrücklich herausgehoben, obwohl es die Mehrheit der Machthaber umfasst, wahrlich nicht mehr ganz bei Groschen, soweit es den früheren Gauleiter von Berlin und später wegen seiner Sexgier als Bock von Babelsberg Verhöhnten betrifft, bestätigt eine Erinnerung aus meiner Kindheit die Unzurechnungsfähigkeit von Goebbels. Er  lieferte im Winter 45 in Liegnitz, Niederschlesien, wo ich geboren bin, noch eine seiner Hetz- und Durchhalte-Reden. Danach ließ er die Stadt zupflastern mit Plakaten, auf denen zu lesen stand »Den Sowjets geht der Atem aus« - wir konnten die Rotarmisten schon Luft holen hören – so dicht stand der Einmarsch bevor, aber der Propagandhi wie Tucholsky den großfressigen Joseph G. hin und wieder nannte, log am Ende seiner Karriere so schamlos weiter wie er sie gestartet hatte. Die seiner Definition nach an Luftmangel leidende sowjetische Armee rückte indessen recht flott am 11. Februar 1945 von der Siegeshöhe her in meiner Heimatstadt ein. Siegeshöhe ist in dieser Situation die Höhe und die Absurdität des Straßennamens - das freute uns sehr. Bloß keine deutschen Siege mehr! Die ersten Russen, auf Rufnähe herangekommen, triumphierten: Woina  kaput! – Krieg ist aus!
 

 

In den nächsten Wochen amüsierten sie sich beim Eintritt ins Zimmer mit dem Gruß "Geil Gitler!" – sie könnten nun mal kein H sprechen, wurde uns erklärt. Nicht in meinen ärgsten Angstträumen hätte ich mir vorstellen können, dass ich später junge Deutsche erleben müsste, die Hitler »geil« finden, was im lange angesagten Jargon ja ein hohes Lob bedeutet. Gesteigert wird meine Übelkeit noch durch die Nachricht, dass es schon in der Sowjetunion und weiterhin im heutigen Russland Verehrer und Anbeter des einstigen deutschen »Führers«  gibt -  zum Kotzen.

Zurück zur damaligen Roten Armee – sie ließ sich allerlei einfallen, damit wir Ortsveränderungen schon mal übten. Im Frühjahr verteilte sie die in Liegnitz verbliebene Rest-Bevölkerung auf einige kleine umliegende Dörfer. Uns verschlug es nach Rüstern / Kreis Liegnitz. Es betraf meine Mutter, meine jüngere Schwester und mich. Der Vater »Kurt Goffmann«, recte Hoffman war abgeholt worden, als Ersatz für die vielen rechtzeitig getürmten Nazis. Er war keiner, nicht mal Soldat gewesen, zum Glück unabkömmlich gestellt, gehörte nicht der NSDAP an. Der Arme büßte für deutsche Schuld fast zwei Jahre lang als Zivilinternierter in Sibirien. Einige hilfsbereite Rote-Armee-Offiziere bemühten sich, herauszufinden, wohin man ihn gebracht hatte – der russische Geheimdienst behielt das streng für sich.

Im Sommer, nachdem wir für kurze Zeit aus Rüstern nach Liegnitz hatten zurückkehren durften, entschloss sich der sowjetische Kommandant, fußend auf verschiedenen internationalen Abmachungen, die Deutschen nun endgültig aus der Stadt zu entfernen. Am  Abend vorm morgendlichen Ausmarsch ertönten laute Befehle: "Dawai, dawai!" (komm, schon, komm). Die Nacht verbrachten wir auf einer Wiese in der Roonstraße, bis dahin unsere Wohnstraße. So trainierten wir das Schlafen unter freiem Himmel, was für den anschließenden langen Treck recht nützlich war.

All diese Scharen unfreiwilliger Auswanderer hat man im Fernsehen oft genug gezeigt, jetzt also der Sprung zu einem brandenburgischen Ort, an den es uns nach mehreren Zwischenaufenthalten verschlagen hatte. Meinem Vater war es gelungen, Sibirien zu überleben - wir hatten ihn wieder bei uns. Wie ist man mit alldem fertig geworden? Per Lied, oft gesungen im Schulchor von Dahme/Mark klang das so:


»Die Asche fiel wie ein Regen, schwarz quoll gen Himmel der Krieg, und ohne Ziel allerwegen trieb flüchtendes Elend und schwieg; da schwieg auch der Herr General, Feldwebel, Hauptmann, Stabsoffizier. Wo der Führer dies Deutschand zu Grab' kommandieren wir! [befahl, Wir Menschen, wir von verderbten Henkern an Mauern gestellt; wir Arbeitsieute ererbten die grimmigste Erbschaft der Welt und stampfen unsem Trümmerpfad …« Autor: Kurt Bariel.


Ja, wir trugen das immer mal wieder vor wechselndem Publikum vor, wohlgesetzte, wohlgesungene Worte, sehr anrührend und doch auch falsch. Die verderbten Henker wurden von einer Volksmehrheit gewählt, Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschafter eingesperrt, in vielen Fällen gleich getötet. Das braune Gesindel war ja nicht vom Himmel gefallen -  oder besser gesagt -  aus der Hölle entsprungen, Deutsche brachten es an die Macht.

Unversehens steht mir eine Szene vor Augen, die wir bei den Besuchen von Karola Bloch, der temperamentvollen in Polen geborenen Ehefrau von Ernst Bloch, der temperamentvollen in Polen geborenen Ehefrau von Ernst Bloch, gelernte Architektin und später auch tätig als Autorin, hier bei uns im Hochtaunus oft erlebten: »Ob Männer, Frauen oder Jugendliche im Dritten Reich, . . « konstatierte sie, »die kriegten doch vor lauter Hitler-Begeisterung den rechten Arm gar nicht mehr runter, ein Wunder, dass der ihnen nicht für ewig erigierte.«

Ingrid Zwerenz

 



Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft - Heft 9/2015 > zum Artikel

 

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.
 

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1. 1945: Am 8. Mai 1945 kapitulierte zwar Nazideutschland, aber der Krieg ging noch Wochen und Monate weiter: das Morden und Foltern, die Vergewaltigungen, die Vertreibungen und auch die ethnischen Säuberungen. Nichtzuletzt auch die verachtenswerten Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945, der bislang einzige Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg.

2. Legnica (deutsch Liegnitz) ist eine Großstadt in der Woiwodschaft Niederschlesien im südwestlichen Polen. Bedeutende Industriezweige sind die Textilindustrie und die Metallverarbeitung. Die kreisfreie Stadt Legnica ist Kreisstadt des Powiat Legnicki sowie Sitz des Bistums Legnica, einer römisch-katholischen Diözese. Bis 1945 war Liegnitz Hauptstadt des Regierungsbezirkes Liegnitz in der preußischen Provinz Schlesien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Liegnitz 1945 unter polnische Verwaltung und wurde zunächst in Lignica und später in Legnica umbenannt. Die deutsche Bevölkerung wurde fast gänzlich vertrieben. Die neu angesiedelten Bewohner waren zum Teil Heimatvertriebene aus Ostpolen. Obwohl die Stadt bis auf Brandstiftungen der Rotarmisten nach der Eroberung nahezu unzerstört geblieben war, wurde die gut erhaltene mittelalterliche Altstadt mit ihrer kleinteiligen Bebauung in den 1960er Jahren eingeebnet. Lediglich die Kirchen der Stadt, öffentliche Bauten, wie die beiden Rathäuser, die Ritterakademie und das Stadttheater sowie einige wenige Bürgerhäuser, wie die Heringsbuden, blieben als Fragmente der Altstadt bestehen, die daraufhin im sozialistischen Musterstil mit Wohnblöcken auf vereinfachtem Straßennetz neu angelegt wurde.

Foto zeigt das zwischen 1902 und 1906 erbaute Neue Rathaus, 2013 Foto: Sławomir Milejski. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Polen“ lizenziert.

3. Ingrid und Gerhard Zwerenz. Foto: © Privatfoto. Quelle: Poetenladen.de > Gerhard Z. > Ingrid Z.