1945 – Sie kamen als Sieger, nicht als Befreier

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1945 – Sie kamen als Sieger, nicht als Befreier
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1945 – Sie kamen als Sieger, nicht als Befreier

1945 – Ils venaient comme vainqueur, non comme liberateur

1945 – They came as a winner, not as a liberator

von Helmut Müller, Wien


Der Sieger schreibt die Geschichte. Immer noch. Einem anscheinend erforderlichen Hollywood-Unterhaltungswert Rechnung tragend, dieselbe angereichert mit Lügen und Halbwahrheiten. Doch so unbeschwert von Skrupeln diese eine Sicht locker daherkommt, so unerbittlich erscheint sie vor Gericht. Ist doch Zeitgeschichte seit 1945 ein strafrechtlich gut behütetes semantisches Minenfeld. Meinungsfreiheit ist…?

Wer, etwa unter Berufung auf diese, leichtsinnigerweise sein deutsches Herz öffentlich ausschüttet, riskiert mehr als nur ein blaues Auge. So atmen einige seit vielen Jahren gesiebte Luft für ihre, zugegeben, manchmal wenig intelligente Meinungsäußerung. Während zur selben Zeit Schwerkriminelle, mit oder ohne Fußfessel, nach relativ kurzer Haft in die Freiheit entlassen werden. Echter Rechtsstaat scheint auch in deutschen Landen ein absolutes „No-Go“.

Rechtsstaatliche und demokratische Defizite werden zusätzlich sichtbar gemacht, wo einer das Leid seines eigenen Volkes oder gar die massenhaften Kriegsverbrechen und unbeschreiblichen Schandtaten der Gegenseite thematisiert. Ein solcher ist gleich ein Nazi, im günstigsten Fall Gaga. Damit wird mit Absicht nicht nur jedes Bemühen um eine objektive und umfassende Geschichtsbetrachtung – zuweilen schon unter Sanktionsandrohung – abgewürgt. Aus Angst vor berechtigten deutschen Ansprüchen?

So manches äußerst man heute am besten nur unter vier Augen. Wie jener zwar aufrechte, doch zu politisch korrekter Arbeit genötigte Zeitgeschichteforscher, der sich mir gegenüber vertraulich einmal so äußerte: „Ich weiß eh, daß auf diesem Gebiet viel gelogen und geflunkert wird“. Doch Lügen haben kurze Beine und werden irgendwann von der Wahrheit eingeholt. Was in Ansätzen, etwa die Schuldfrage hinsichtlich der beiden Weltkriege betreffend, ja schon geschieht. Gut möglich, daß auch die Reputation des einen oder anderen Geschichtenerzählers im großen Meer der Lügen einmal Schiffbruch erleidet.


Ganz aktuell stellt sich aber die Frage: Sind wir 1945 befreit worden?

Gewiß, NS-Gegner und NS-Opfer mußten es als Befreiung empfinden. Das kann ich auch nachvollziehen, und ehrlich gesagt, auch ich wäre ungern in einem KZ gesessen. Ja gewiß, viele wurden tatsächlich befreit. Die Mehrheit aber, dazu gehörte auch mein frühzeitig NS-kritisch, aber gesamtdeutsch eingestellter Vater, dachte trotz aller Ernüchterung und erst recht angesichts alliierter Übergriffe und Exzesse bei Kriegsende nicht an Befreiung.

Die geschichtsbewußte Generation dieser Zeit war sich sehr wohl im Klaren, daß mit dem schändlichen Vertrag von Versailles von den gleichen Siegermächten der Grundstein für Hitlers Aufstieg und einen neuen Weltkrieg gelegt wurde. Da überrascht es auch nicht, daß die den Ausbruch des Krieges herbeisehnenden Gegner des Reichs von Anfang an keine Sekunde daran dachten, jemand befreien zu wollen. Auch keine KZ-Insassen!

Vor allem US-Amerikaner brachten besonders während des Krieges unverhohlen zum Ausdruck, daß sie diesen Krieg führten, um Deutschland, also auch Österreich, zu besetzen (und das deutsche Volk umzuerziehen). Jahrzehnte später hielt selbst Präsident Obama bei seinem Besuch im deutschen Ramstein mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, als er seinen Soldaten eingebläut haben soll: „Deutschland ist ein besetztes Land . . .“ Eine Bestätigung für diese Aussage kam unter anderem von Wolfgang Schäuble, der im Nov. 2011 sagte: "Und wir in Deutschland sind seit dem 8. Mai 1945 zu keinem Zeitpunkt mehr voll souverän gewesen“. (⇒ YouTube)

Ja, was sollte es denn anderes sein, wenn deutsche (wahrscheinlich auch österreichische) Geheimdienste heute noch für US-amerikanische Aufträge auszuführen haben, deutsche Kanzler zur Akkreditierung in Washington erscheinen müssen und in bestimmten Medien nicht allzu Kritisches über die USA berichtet werden darf? Da können Freiheit und Wahrheit nur auf der Strecke bleiben. (⇒ siehe dazu die "Grundsätze und Leitlinien Axel Springer SE" - speziell Punkt 3 - weiter)

Ein gewißes Negieren von Fakten und Herumdrücken um Wesentliches ist leider eine sehr neudeutsche Spezialität, die sich unübersehbar auf dem Feld der Zeitgeschichte Österreichs bemerkbar macht. Je nach Interessenlage wird eine für das herrschende System lästige Frage einmal dahin, dann wieder dorthin geschoben, aber nie dahin wo sie hingehört.

Als nicht unwesentlich erweist sich dabei, wer eine Frage stellt oder einen Sachverhalt nennt. Oder wenn jemand von außen, gar ein „Piefke“, den Zeigefinger auch nur spaßhalber auf den wunden Punkt legt. Als der Komiker Dieter Hallervorden anläßlich einer Preisverleihung in Wien meinte, „. . . Und morgen führe ich die Romy heim ins Reich.“, da fühlte sich das Lager der Superösterreicher erwartungsgemäß ganz schön auf den Schlips getreten.

Aber so wie der Sager Hallervordens einer unnötigen Fleißaufgabe glich, war die Aufregung darüber völlig überflüssig. Ob die versammelte „Society“-Schickeria danach in den Keller ging um doch noch zu lachen, ist nicht bekannt. Bekannt sollte ihr aber schon sein, daß Österreich völkerrechtlich noch immer Teil des Reichs und, wie von mir schon einmal erwähnt, alle zwischen 1938 und 1945 geborenen Österreicher daher weiterhin deutsche Reichsbürger sind.

Gewiß ein Schock für viele. Und für Geschichtsignoranten mit Sicherheit eine sehr merkwürdige Sache. Aber wie man in diesen Kreisen damit umgeht, ist dann doch irgendwie wieder typisch für diese wienerische „Halbheit“. Doch können dieselben immerhin von Glück reden, nicht Bürger jenes Besatzungskonstrukts zu sein, dessen Spitzenrepräsentanten regelmäßig gegenüber den Siegermächten eine Suada an Treuebekundungen abliefern.

Denn diese Betroffenheitsmimen werden sich am 8. Mai mit Asche auf dem Haupt  wieder bemühen, in der ersten Reihe mit ihren Beschützern stehen zu dürfen. Herr Gauck und Frau Merkel könnten in dieser Hinsicht den vom herrschenden „Mainstream“ gelobten Flagellanten Weizsäcker sogar noch übertreffen. Schule macht es bis heute nirgendwo. Aber als Anstoß zu einem deutschen Gedenktag der Selbsterniedrigung schiene mir dieses Buckeln längst geeignet.

Anders die ehemaligen Alliierten und ihre fünften Kolonnen: Sie werden sich auch in Zukunft nicht an diesen Sühnedeutschen orientieren. Jahr für Jahr gebetsmühlenartig die eigenen Mordtaten beim Namen zu nennen, sich selbst anzuklagen und immerwährende Reue zu bekennen, ist deren Sache nicht. Jedenfalls nicht auf Zuruf, wiewohl einige unter ihnen den Verbrechen der Nationalsozialisten in mancher Hinsicht mehr als Ebenbürtiges entgegenzusetzen hätten.

Insgesamt kann sich die deutsche Tragödie durchaus sehen lassen. 15,8 Millionen deutsche Opfer, darunter brutal vergewaltigte Frauen, zu Tode geschundene oder verhungerte Kriegsgefangene und Vertreibungsopfer, unter Bomben begrabene Zivilisten, Hunger- und Erfrierungstote. Sie alle werden weiterhin als unvermeidbarer Kollateralschaden einer wahrlich mörderischen „Befreiung“ gesehen oder als direkt und indirekt Mitverantwortliche der NS-Verbrechen punziert werden.

Kein nationalsozialistisches Verbrechen rechtfertigt jedoch auch nur ein einziges Alliiertes, wie verschiedentlich gemeint wird. Doch gerade eine solch einmalige, erbärmliche Gesinnung fand längst ihren entsprechend verstärkten Niederschlag in korrupten Gessler-Köpfen an Rhein und Donau. Was in manchen anderen Ländern, ja vereinzelt sogar schon in Israel, nur mehr mit Kopfschütteln registriert wird. Armes reiches Deutschland.

Nestbeschmutzung und unnötige Schuldkomplexe verhindern doch, daß Deutschen ehrlicher Respekt entgegengebracht wird. Sie ermuntern die andere Seite nur zu einem „Weiter so“. Und dieselbe Seite verhält sich ähnlich den vielen zugewanderten Bettlern dieser Tage. Sobald nämlich ein solcher großzügig bedacht wird, erdreistet er sich gar nicht selten, von dem edlen Spender noch viel mehr zu ergattern. Soll dies eine tragfähige Grundlage für ein gutes und friedliches Miteinander sein?

Ein solches baut sich inzwischen anderswo auf. Zwei Beispiele mögen uns darin bestärken:

  • Da wird einerseits, anläßlich des Brünner Todesmarsches, der Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich vom Bürgermeister der Stadt Brünn/Brno zu einer gemeinsamen Gedenkfeier eingeladen, was die Betonkopf-Nomenklatura in Prag, und nicht nur sie, ziemlich irritieren muß.
  • Und da reicht, andererseits, ein betagtes weibliches Opfer der NS-Politik einem angeklagten ehemaligen „Täter“ versöhnlich die Hand. “Ich habe den Nazis vergeben”, sagte sie in berührender Weise. Was eigentlich den eitlen und unversöhnlichen Herrn „Paolo Pinkel“ Friedman auf den Plan rufen müßte. Aber vielleicht hat es ihm die Rede verschlagen.

Ich aber sehe in diesen beiden Beispielen einen von Revanche- und Rachegelüste befreiten europäischen Geist wirken, der eine größere Verbreitung verdiente. Denn dort, wo auf gleicher Augenhöhe und in zivilisierter Weise vorbildliches Verhalten gezeigt und ebensolche Schritte gesetzt werden, darf Hoffnung keimen.

Im Übrigen bin ich der Überzeugung , daß die Lakaien der noch tonangebenden, aber im Abstieg begriffenen Supermacht und all die System-Profiteure in Staat und Gesellschaft, wie jene anderen anno dazumal, im Falle des Falles blitzschnell die Seiten wechseln würden.

Helmut Müller, Wien

 


 

Erstveröffentlicht auf  "Helmut Muellers Klartext" -Blog > Artikel
 

Bild- und Grafikquellen:

 

1. Berlin, Oberbefehlshaber der vier Verbündeten


ADN-ZB/TASS 24.4.1985 Deutschland, Juni 1945 Die Oberbefehlshaber der vier verbündeten Armeen trafen sich am 5. Juni 1945 in Berlin. Es wurden drei Dokumente bekanntgegeben: "Erklärung in Anbetracht der Niederlage Deutschlands", "Feststellung über die Besatzungszonen" und "Feststellung über das Kontrollverfahren". Der britische Feldmarschall Bernard L. Montgomery (l.), US-General Dwight D. Eisenhower (2.v.l.) und der französische General Jean de Lattre de Tassigny (r.) bei Marschall der Sowjetunion Georgi K. Shukow in Berlin-Wendenschloß.

Abgebildete Personen:

  • Lattre de Tassigny, Jean de: General, Oberbefehlshaber Landstreitkräfte Westeuropa, Frankreich
  • Montgomery, Bernard Law Viscount: Feldmarschall, stellvertretender NATO-Oberbefehlshaber, Großbritannien
  • Shukow, Georgi K.: Marschall, Verteidigungsminister, Sowjetunion
  • Eisenhower, Dwight D.: 1890-1969; General, 34. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, USA

Foto: unbekannt Quelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-14059-0018. & Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert.Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 183-14059-0018 / CC-BY-SA


2. Obama soll bei einem Besuch auf der Ramstein Air Base zu seinen Soldaten gesagt haben: "Germany is an occupied country and it will stay that way...", ("Deutschland ist ein besetztes Land und wird es auch bleiben"). Quelle des Zitates: "Soldat am Volk", Organ des Verbandes deutscher Soldaten e. V. (VdS), Heft 1/2012, Artikel von Vorsitzende Oberstleutnant. a.D. Max Klaar. Die Seriösität des Vereines, der wirkenden Personen und der Publikation erscheint allerdings höchst befremdlich - weiter. Bildbearbeitung: im Web verbreitet, Ersteller nicht ermittelbar. 
 

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Beigetreten: 28.10.2010 - 13:29
Verhöhnte Opfer


Verhöhnte Opfer


Danke, Helmut Müller, für diesen Beitrag. Noch habe ich lebende Zeitzeugen um mich herum, die all das, was Sie angesprochen haben, bestätigen können.

1951 erschien das 590-seitige Buch "Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen", verfasst von Dr. Wilhelm Karl Turnwald im Selbstverlag der Arbeitsgemeinschaft sudetendeutscher Interessen. Das Buch ist eine Sammlung von Berichten, die von damals überlebenden Vertriebenen verfasst wurden. Es ist antiquarisch z.B. bei Booklooker.de zu bekommen. Eine wichtige Quelle um zu erfahren, wie sie geschunden, ihre Angehörigen umgebracht und vertrieben wurden. Denn es gab nicht nur den Brünner Todesmarsch. Auch das Massaker von Aussig war an Grausamkeit nicht zu überbieten. Und das alles nach dem 8. Mai 1945. Ca. 250.000 Opfer sind zu beklagen.

Auch Teile meiner Familie gehört zu den Opfern. Und es ist genau so, wie Helmut Müller beschreibt, dass Schuldkomplexe und Nestbeschmutzung dazu geführt haben, dass das Massaker an den Menschen bis heute hierzulande völlig unzureichend aufgearbeitet wurde.

Wir dürfen allen Opfern dieser Welt gedenken, nur nicht den Menschen, die uns einmal nahe standen. Das Ringen um das Dokumentationszentrum "Flucht und Vertreibung" belegt, dass die berechtigten Interessen der Geschundenen hintertrieben werden. Es sind vor allem linke Kreise, die es sich herausnehmen, zu urteilen und zu verurteilen. Dadurch werden die Opfer bis heute verhöhnt.

Familien, wenn sie überlebt haben, wurden durch die Vertreibung auseinander gerissen.

Es sind die eigenen Landsleute, die versuchen, den Vertriebenen die Schuld an den damaligen Exzessen zuzuweisen. Meine Mutter, aus Nordböhmen stammend,  konnte Hitler gar nicht wählen. Als sie das Wahlalter erreichte, war Hitler längst an der Macht. Anschließend gab es bekanntlich keine Wahl mehr. Die Schwester meiner Mutter ist nach Kanada ausgewandert. Sie wollte sich den Schuldzuweisungen gewisser Kreise nach dem Krieg nicht mehr aussetzen. Viele Opfer haben ihre traumatischen Erlebnisse mit ins Grab nehmen müssen. Sie hatten oftmals nicht mehr die Kraft und den Mut, sich Gehör zu verschaffen.

Ich schließe mich ausdrücklich versöhnlichem Gedankengut an. Wohl wissend, dass Kriege immer Ausdruck ökonomischer Mißstände sind. Und es ist die Aufgabe der Nachgeborenen, diese Mißstände aufzudecken, zu benennen und alles dafür zu tun, um sie zu beseitigen.

Marie-Luise Volk

 

 

 

 

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Befreiung, was denn sonst?!

Befreiung, was denn sonst?!


Wer Wind sät, wird Sturm ernten


Ich hätte offen gestanden nie erwartet, im Kritischen Netzwerk solch revisionistische Thesen über die beiden Weltkriege lesen zu müssen. Die kriegstreibende Rolle Deutschlands bei der Auslösung des Ersten Weltkrieges ist doch weitgehend erforscht. Beim Zweiten Weltkrieg liegt sie eindeutig auf der Hand. Dennoch diese subtile Infragestellung und Aufrechnerei! Da wird gleich zur Einstimmung des Lesers auf die großdeutsche Tränendrüse gedrückt von wegen angeblich mangelnden Gehörs für menschliches Elend, als ob man weder in Österreich noch in Deutschland offen reden dürfe über den Krieg und seine verheerenden Auswirkungen auf Soldaten und Zivilbevölkerung, als ob man nicht berichten könne vom unsäglichen, millionenfachen Leid, welches durch das Deutsche Reich und seine Verbündeten zunächst über Europa und dann über die halbe Welt gebracht wurde und schließlich mit unerbittlicher Logik und strategischer Konsequenz zurückschlug auf die Urheber-Nationen. Freilich darf man. Man tut's ausführlich.
 
Das larmoyante Gerede vom Nicht-Sagen-Dürfen des Selbst-Erlebten entlarvt sich schon im Augenblick des Vorbringens als verdruckste Lüge, wo man doch frei weg von der Leber darüber spricht und ungehindert sprechen kann, auch in diesem Forum. Die Medien sind zudem voll davon, zumal dieser Tage rund um den 70. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, da genau dieses subjektive Erleben im Fokus steht: Das unvermeidliche und weltweit herbeigesehnte Ende des bis dahin größten Zivilisationsbruchs der Menschheitsgeschichte, des deutschen Ausrottungs- und Vernichtungskrieges, und damit auch der wohlverdiente Zusammenbruch der faschistischen Barbarei in Deutschland, der eben auf deutschem Boden erkämpft und besiegelt werden musste. Jeder mag das individuell empfunden haben, doch für die Menschheit war es zweifellos eine Erlösung. Wer etwas anderes behauptet, plädiert für die Fortführung des Krieges, die glücklicherweise nicht mehr möglich war. "Endsieg" war vorbei.
 
Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht bedeutete zunächst einmal nur Waffenstillstand, zumindest in Europa. Im Pazifik tobte der Krieg weiter und brachte den nächsten großen Sündenfall des industriellen Kriegszeitalters, den Abwurf zweier Atombomben über bewohntem Gebiet. Erst nach der thermonuklearen Auslöschung von Hiroshima und Nagasaki geruhte sich das japanische Kaiserreich auf die historische Einsicht einzulassen, seine imperialistischen Gelüste als verloren zu betrachten und die Niederlage zu akzeptieren. Bis dahin wurde mit letzter und brutaler Konsequenz gekämpft, setzten sich die wüsten Gräueltaten der japanischen Besatzer erbarmungslos fort, wo immer sie noch konnten und sich nicht selbst entleibten. Die USA standen noch im Krieg. Frankreich und die Benelux-Staaten lagen wie Großbritannien teils zerstört, die Sowjetunion weithin auf "verbrannter Erde".
 
Zwischen Mai und August 1945 stand kaum zu erwarten, dass die Alliierten ihren ehemaligen Kriegsgegnern in Europa freundlich oder entspannt begegnen würden, nach allem, was diese jahrelang verbrochen, fanatisch mitgetragen oder zumindest führer-ergeben geduldet hatten. Für sie waren diese zunächst einmal die Täter, Handlanger oder Mitläufer, ohne die das Naziregime niemals existieren hätte können. Was ja auch stimmte: Die ganze deutsche Nation war über 12 lange Jahre nicht imstande gewesen, dem verbrecherischen Naziregime den Garaus zu machen, geschweige denn es von Anfang an zu verhindern. Nur vergleichsweise wenige Deutsche waren zumindest gedanklich willens zu widerstehen oder tatsächlich bereit, den Widerstand gegen die Hitler-Diktatur zu organisieren, die allerwenigsten schritten unter Lebensgefahr zur Tat; sie blieben leider erfolglos. Sie endeten im KZ oder am Strang.
 
70 bis 80 Prozent aller Hochverrats-Prozesse wurden gegen Kommunisten geführt. Die wurden, soweit sie das Grauen überlebt hatten, oft genug auch im Nachkriegs-Westdeutschland und in Österreich noch als "Vaterlands-Verräter" beschimpft, ebenso wie zehntausende Wehrmachts-Deserteure, die sich von der deutschen Kriegsmaschinerie abgesetzt oder kampflos in Gefangenschaft begeben hatten. Noch Tage vor dem Kriegsende fällte der spätere baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger in britischer Gefangenschaft mehrere Todesurteile wegen "Feigheit vor dem Feind". Die meisten NS- und Kriegsverbrecher blieben straflos bis heute, viele Nazis gelangten nach kurzer Schamfrist gleich wieder in Führungspositionen und hohe Ämter.
 
55 Millionen Menschen hat der großdeutsche Nationalismus, dieser Hass auf andere Völker, auf Minderheiten, auf alles, was "fremd" und "andersartig", "volksfremd" oder "undeutsch" war, das Leben gekostet. Kurzum: Die ideologischen Hauptpfeiler des Faschismus, Antibolschewismus und Antisemitismus waren vorerst militärisch niedergerungen, aber längst nicht ausgelöscht. Die Adenauer-Ära in Westdeutschland hat sie wie unter einer Käseglocke bewahrt und tradiert. Der Militarismus kam wieder hoch gegen den erbitterten Widerstand der Remilitarisierungs-Gegner und KZ-Überlebenden. Die Justiz sperrte sie ein und sprach sich selbst frei von Hitlerei und Unrechts-Urteilen. Offenbar waren manche Deutsche immer noch nicht bereit, die Hände von Waffen zu lassen. Die Westmächte ermunterten die restaurativen Kräfte, sich wieder in Frontstellung gen Osten zu begeben; die nahmen das "Angebot" zur "West-Integration" in die NATO nur zu gerne an. Kaum 11 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges wurde wieder aufgerüstet.
 
Hätten die Siegermächte auch nur ansatzweise Gleiches mit Gleichem vergolten, wäre von der deutschen Bevölkerung nicht viel übrig geblieben. Das wussten gerade jene Deutsche, die später vertrieben und ausgesiedelt wurden. Viele versuchten bereits vorher, sich durch abenteuerliche Flucht der aus ihrer Sicht zu erwartenden und im Wissen um die deutschen Kriegsverbrechen im Osten befürchteten Rache zu entziehen und vor allem der Roten Armee zu entkommen. Was sollten Sowjetsoldaten denn empfunden haben, nachdem die deutsche Wehrmacht, die SS, Gestapo und SD dort gewütet und 27 Millionen Sowjetbürger vernichtet hatten!
 
Was anderes als Rache? Heimzahlen? Sie taten es nicht. Dennoch musste die rücksichtslose Eroberung und Ausbeutung der Länder Europas, mussten Vernichtung und Zerstörung nachhaltige Konsequenzen zeitigen. Zu erwarten (wie Müller das tut), die Sieger hätten keiner deutschen Fliege etwas zuleide tun dürfen und möglichst ohne Anwendung von Waffengewalt vielleicht abwarten müssen, bis der teutonische Spuk von sich aus ein Ende finden hätte können, grenzt an Hohn. Gerade in den letzten Wochen und Monaten geriet der deutsche Abwehrkampf mit Volkssturm und Werwölfen ins Groteske. Die freche Gegen-Aufrechnung eigenen Leides mit den Verbrechen deutscher Truppen an anderen Völkern lässt Müller alle Maßstäbe verlieren. Dass es am Ende immer auch die Zivilbevölkerung trifft, sollte ihn eher zu einer kompromisslosen Ablehnung des Krieges und zu einem konsequenten Antifaschismus führen wie auch zur zwingend notwendigen Einsicht, dass die Urheber zweier Weltkriege und ihre Nachfahren gut daran täten, nie wieder Krieg als Fortsetzung der Politik zu akzeptieren und dem Neonazismus entschieden entgegen zu treten, ebenso allen revisionistischen Relativierungs-Versuchen bezüglich der Kriegsschuld sowie allen ewiggestrigen Beschönigungen, Verharmlosungen oder Leugnungen des Naziterrors damals wie heute.
 
Stattdessen zitiert er dubiose Quellen, um zu belegen, dass Deutschland besetzt war. Niemand zweifelt diesen Umstand ernsthaft an, doch er tut so, als wäre das ein bis heute fortwirkendes Geheimnis. Er will anscheinend nicht begreifen, dass in beiden deutschen Staaten zunächst nichts anderes übrig blieb als sich den jeweiligen Besatzungsmächten zu fügen und sich in die Militärblöcke einzugliedern, wenn man wie die Adenauer-Regierung die deutsche Einheit schon nicht wollte. Möglichkeiten dazu hätte es gegeben, die Teilung Deutschlands zu verhindern, etwa 1952 nach der "Stalin-Note", gemäß deren Vorstellungen die vier Besatzungszonen demilitarisiert, entnazifiziert, demokratisiert und blockfrei vereint hätten werden können. Doch wollten die deutschen Imperialisten "lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb", wie "der Alte" sich vernehmen ließ. Die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems war ihnen wichtiger als die Einheit der Nation. Das bedenkt Müller offenbar nicht, obwohl er es von Österreich doch besser wissen könnte: Das lebt mit dem Neutralitätsvertrag bis heute recht kommod.
 
Stattdessen beklagt er die "Unterwürfigkeit" der Deutschen unter das Diktat der Siegermächte, als ob er sich unausgesprochen ihr Aufbegehren gegen die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges wünschte. Er tut gerade so, als wären sie versklavt und gedemütigt worden, wie sie das mit den "slawischen Untermenschen" getan hatten. Als wären sie systematisch ausgerottet worden, wie sie das mit den Juden Europas geplant hatten. Als wären sie unerbittlich verfolgt worden, wo doch so viele von ihnen ihre Nazi-Ideologie unter dem dünnen, scheindemokratischen Wendemäntelchen verborgen noch jahrzehntelang mit sich herum getragen haben. Das Gegenteil ist der Fall: Die Deutschen im Westen fingen wieder an, vom Marshall-Plan gepäppelt und wirtschaftswunder-geblendet großmäulig zu werden und im Windschatten der Amerikaner aufzurüsten. Heute dominieren sie ökonomisch und politisch Europa und führen Kriege auf der vermeintlich "richtigen" Seite. Von Gebrochenheit keine Spur. Bestenfalls von Opportunismus. Wenn der BND der NSA Daten zuliefert, dann durchaus im eigenen Interesse. Das Klagen über mangelnde Souveränität erinnert fatal an die Parolen der kaiserlichen Marine vor dem Ersten Weltkrieg in ihrem krampfhaften Bemühen um "Seegeltung" gegen Großbritannien.
 
In der Tat war das deutsche Kaiserreich bei der Aufteilung der Welt in Kolonien zu spät und zu kurz gekommen. Das erklärt den gefühlten "Nachholbedarf" seiner reaktionären Eliten an Chauvinismus und Kriegslüsternheit, ihr chronisches Unterlegenheitsgefühl mit akuter Aggressivität zu kompensieren. Dem Klagen über verpasste Chancen auf größere Eroberungen in Afrika folgte hitziger Aufrüstungswahn, insbesonders was die Beherrschung der Weltmeere betrifft, ganz ähnlich wie auch im Privaten oft dem Jammern über gefühlte Ohnmacht der rücksichtslose Amoklauf folgen kann, wenn sich die Selbstzerstörungs-Tendenz nach außen kehrt. Die Expansionspläne des deutschen Imperialismus mussten und konnten leider nur gewaltsam gestoppt und zurückgestutzt werden. Zur Selbstbescheidung und Reflexion waren die Reichsregierungen und die sie stützenden Kapitalfraktionen nicht fähig und bereit. Das liegt in der Natur des Kapitalismus: Wachstum ist ihnen zwingend zur Kapitalakkumulation im Monopolisierungsprozess, und dort wo dieses an Grenzen stößt, wird es notfalls auf Kosten anderer mit Gewalt erzwungen, selbst auf das Risiko des Galgens hin.
 
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin kein Defätist, der diese ökonomischen Zwangsläufigkeiten für unvermeidlich, weil alternativlos hält. Ich bin ja nicht die Kanzlerin. Und ich weiß sehr wohl und aus erster Hand um den Schock, die Traumata und die lebenslangen Folgen über Generationen, die mit panikartiger Flucht, wilder Vertreibung und zwangsweiser Umsiedelung verbunden waren und weltweit immer noch sind. Meine Mutter war selbst betroffen. Sie musste für die Verbrechen des Deutschen Reiches mit Heimatverlust büßen, kam 1946 nach Lagerhaft und Zwangsarbeit in ein niederbayerisches Dorf, mit 25 kg armseligem Gepäck.
 
Enteignet, gedemütigt, verloren fühlte sie sich mit ihrem Verlobten und ihrer Mutter in einer für sie völlig fremden Umgebung wieder, angefeindet von den Einheimischen, ausgegrenzt selbst vom Dorfpfarrer: Sie durfte nicht einmal am Sonntag in die Kirche gehen: "Euch Flüchtlings-G'sindl möcht ich hier in meiner Kirch' nicht haben". Der Pfaffe schlug meiner Großmutter selbst Fallobst, das sie bezahlen wollte, aus der Hand mit den Worten: "Lieber verfütter' ich's an die Schweine als dass ich Euch Rucksackdeutschen was verkaufen tät'". Diese fremdenfeindlichen, harten Worte kamen über die Lippen nicht eines verhärmten GIs oder eines übellaunigen Offiziers, sondern aus dem versteinerten Herzen eines seltsam nächstenliebenden deutschen Katholiken, der während des Krieges gewiss immer genug zu essen hatte und als Kirchenmann nur das ländliche Elend der sonntäglichen Wirtshaus-Schlägereien in seiner Gemeinde gesehen hatte. Es war nicht einmal rassistisch, da sich seine schroffe Ablehnung ja gegen Deutsche richtete.
 
So ähnlich erging es vielen Entwurzelten. Bei manchen dauerte es Jahre, ehe sie den Baracken der Auffanglager entkamen. Die immer noch selbstgerecht kolportierte Mär von der angeblich vorbildlichen Integration der Vertriebenen ist eine fromme Lüge bis heute. Viele Verbrechen taten sich die Deutschen untereinander an. Doch das passt natürlich selten ins Weltbild "national denkender Deutscher", wie sich gewendete Nazis selbst gern bezeichnen. Die Befangenheit in ihrer Lieblings-Kategorie "Nation" lässt sie die eigene Brutalität und Verrohung durch Faschismus und Krieg kaum mehr erkennen. Bei solchen Leuten klingt das Gerede von der deutschen "Schicksalsgemeinschaft" noch hohler als ohnehin. Alle Übel und Auswirkungen der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden und werden lieber auf die Besatzungsmächte projiziert. Dabei sind diese herben, menschenverachtenden Kriegsfolgen oft genug "selbst" verschuldet, zumindest absehbar herbeigeführt, nicht in jedem Fall persönlich, doch kollektiv.
 
Dass man nicht straflos Angriffskriege führen (oder zulassen) darf, sollte doch eigentlich einleuchten. Dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit irgendwann geahndet würden, war selbst den meisten Nazis klar. Daher haben sich etliche Führungsfiguren und Paladine wohlweislich selbst umgebracht, bevor sie verurteilt werden konnten. Doch viele Nutznießer und Profiteure, Helfer und Mitläufer der Mordmaschinerie haben ganz einfach über Nacht und ganz plötzlich "von nichts gewusst". Dabei machte die wohlmeinende Warnung wie eine Drohung die Runde, die fast jede/r irgendwann in München einmal gehört haben dürfte: "Halt's Maul, sonst kommst' nach Dachau". So gut wie jeder Zeitgenosse wusste von Ghettos und Konzentrationslagern, den Deportationen und Gräueltaten im Osten, wenngleich nicht alle Details von Folter, Vergasung, Erschießung. Insgesamt war es jedoch nicht Neues: Die NS-Gesellschaft lebte ja davon zu stigmatisieren, zu entrechten, auszugrenzen, einzusperren, zu töten.
 
Die gruppenweise Ausgrenzung betraf sehr viele Deutsche schon während der ganzen 12 Jahre der Nazi-Herrschaft, nach 1938 auch in Österreich und in der besetzten Tschechoslowakei, ab 1939 in Polen, ab 1940 in Frankreich, ab 1941 in Norwegen und in ganz Osteuropa: Homosexuelle, "Arbeitsscheue", "Bibelforscher", Kommunisten, Sozialdemokraten, überzeugte Liberale, Sinti, Roma, Juden, Politoffiziere, polnische Intellektuelle ... Die Liste der Geschundenen und Ausgebeuteten, der Gejagten und Ermordeten wurde lang und länger, die Farben der stigmatisierenden Dreiecke auf den Häftlingsjacken waren zahlreich und jederzeit erweiterbar. Zwangsarbeiter aus Polen oder weiter östlich bekamen quadratische Aufnäher verpasst: "P" oder später "OST". Die buchhalterische Kategorisierung von Menschen in "Nützliche" und "Unnütze" scheint ein deutsches Steckenpferd gewesen zu sein und blieb es bis heute. Man höre sich nur aktuelle Debatten über Flüchtlinge an. Das Morden war von Anfang an institutionalisiert. Man umschrieb es sehr durchsichtig: Verhaftungen hießen "Abholen", Enteignungen nannte man "Arisierung", Deportationen "zur Arbeit schicken".
 
Diejenigen, die anders eingestellt waren, die beispielsweise sowjetischen Kriegsgefangenen Brotmarken abgetreten oder Juden versteckt oder ihre Nachbarn nicht denunziert haben, wenn sie illegalerweise BBC-Nachrichten gehört hatten, die waren in der krassen Minderheit. Wurden sie entdeckt und gefasst, dann wurden sie abgeurteilt und eingesperrt, wenn ihnen nicht Schlimmeres widerfuhr. Es gab sie, die Nonkonformen, die Aufgeklärten, die Antifaschisten, die Humanisten, die Fahnenflüchtigen, die Rüstungs-Saboteure und Hitler-Attentäter. Vereinzelt auch Christen, Liberale, sogar ein paar Monarchisten und immerhin ein paar Dutzend deutschnational eingestellter Offiziere, die anfangs noch stramm dabei waren, doch seit der Kriegswende in Stalingrad den Ausgang des todbringenden Unternehmens realistisch kommen sahen. Die hätten gern gerettet, was noch zu retten gewesen wäre, mit einer Militärdiktatur, die ihren Separatfrieden mit dem Westen machen sollte, um gegen Osten weiterhin Krieg führen zu können.
 
Bei allen einschränkenden Vorbehalten letzteren gegenüber: Sie handelten selbst mit ihrem späten Widerstand als Ehrenretter der deutschen Bevölkerung, sei es in Deutschland oder im angeschlossenen Österreich. Ansonsten könnten wir uns samt und sonders nicht mehr in den Spiegel sehen, ohne uns selbst anzuspucken. Zum Glück sahen es die Sieger anders: "Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt", wusste auch Stalin. Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen wurden alsbald streng verboten und hart geahndet. Sie waren übrigens auch im amerikanischen Besatzungssektor sehr zahlreich vorgekommen, wie neuere Forschungen aufdeckten. Nur sprach man im katholischen Bayern nicht so offen darüber, aus Scham und in berechtigter Furcht vor einheimischer Ausgrenzung. Kein Grund also für diesbezügliche Schuldzuweisungen in nur eine Himmelsrichtung.
 
Wir sollten nicht nur sprechen von der Angst und dem Schrecken der Bombennächte, vom Elend der Flüchtlinge, von den harten Bedingungen in Gefangenschaft, sondern auch an das Leid und Elend denken, das die Deutschen über sich selbst und die übrigen Völker Europas gebracht haben, indem wir endlich die richtigen Lehren daraus ziehen. Manche Deutsche mögen sich damals als gebrochene "arische Herrenmenschen" gefühlt haben, geschlagen, verraten und im wahrsten Sinne des Wortes tief enttäuscht: Die "Wunderwaffe" war reinste NS-Propaganda geblieben, der "Endsieg" hohle Phrase. Wieviele mussten ihre Zweifel daran noch in den letzten Kriegstagen mit dem Leben bezahlen: Von deutschen Schnellgerichten hingemordet!
 
Die letzten Statthalter der NS-Diktatur gaben am Schluss nur noch Fersengeld. Doch selbst für diese muss der 8. Mai befreiend gewirkt haben, zumindest für die, welche als Soldat nicht in alliierte Kriegsgefangenschaft geraten waren und daher noch Jahre auf ihre spätere Befreiung warten mussten. Die sofort Heimkehrenden konnten die besudelte Uniform ausziehen und ihre stinkenden Knobelbecher an den Nagel hängen, ihr Gewehr vergraben und den hirnbedrückenden Helm wegwerfen in diesen ersten milden Maientagen. Sie mussten nicht mehr antreten, grüßen und schießen. Sie mussten nicht mehr in den Unterstand oder in den Keller.
 
Sie mussten sich nicht mehr ducken bei jedem Geräusch. Nur für die Kriegsverbrecher war es vielleicht beängstigend. Doch die meisten von denen konnten unerkannt untertauchen, um ihrer Bestrafung auf immer zu entkommen. Sie genossen einen ruhigen Lebensabend nach ihren mörderischen Kriegsjahren. Manche wanderten über die vatikanische "Rattenlinie" ins verfolgungssichere Südamerika aus. Nur wenige hat es tatsächlich "erwischt". Alles in Allem haben die Deutschen und Österreicher Massel gehabt, dass die Alliierten eben keine Nazis waren, die Gleiches mit Gleichem oder noch Schlimmerem vergolten hätten; die Macht dazu haben sie gehabt. Geiselerschießungen im Verhältnis 1:50 oder gar 1:100, wie sie Wehrmacht und Waffen-SS in den von ihnen besetzten Ländern praktiziert hatten, blieben uns erspart. So viele Deutsche hätte es gar nicht gegeben. Also Gemach bei der Selbst-Bemitleidung! Und dennoch: Aufdeckung und Offenlegung der letzten "schmutzigen Geheimnisse" aus Kriegstagen, bevor die letzten Zeitzeugen sterben! Denn auch das Ungesagte wie auch das Unerhörte wirken latent fort im Unbewussten selbst der Nachgeborenen, und werden weitergereicht als unbewältigte Traumata noch in Generationen. Der Krieg würde niemals aufhören in den Köpfen und Gemütern. Er wirkt bis heute nach. Ich lese das aus den Beiträgen von Frau Volk und Herrn Müller deutlich heraus. Es geht allerdings nicht um Vergeben und Vergessen. Es geht um wachsame Erinnerung zur Mahnung für jetzt und in der Zukunft.
 
Noch einige Bemerkungen zur heutigen geostrategischen Lage: Die berechtigte Kritik an der offiziellen deutschen Kumpanei mit den USA sollte niemanden dazu verleiten, die sehr eigenen imperialen Interessen des deutschen Kapitals und seiner Regierungen zu übersehen oder kleinzureden. Sie laufen nicht bedingungslos kongruent und schon gar nicht immer synchron mit denen der USA. Ein deutscher Bundeskanzler konnte sogar im Wahlkampf punkten mit der Verweigerung deutscher Verbände für den Irakkrieg 2003.
 
Schröder hätte auch den Luftraum über Deutschland für Nachschub und Truppentransport oder für die Folterflüge der CIA sperren können, wenn er nur gewollt hätte. Doch er wollte keinen generellen Bruch mit den USA, aus strategischem Interesse. Denn die "Freundschaft" im Bündnis mit den USA war bislang durchaus vorteilhaft für die deutschen Banken und Konzerne, wenngleich für manche Länder "out of area" mit blutigen Folgen behaftet. Hinter den Kulissen halfen damals Bundeswehrsoldaten die US-Bewacher amerikanischer Liegenschaften zu deren Kriegseinsätzen freizustellen. Verwundete US-Soldaten wurden in Lazaretten in der Eifel versorgt. BND-Spione funkten an die US-Militärs Koordinaten zur Bombardierung Bagdads. Der BND hatte sogar den Kriegsvorwand "frei Haus" beigesteuert. Die Lüge von angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins stammte aus einer seiner Quellen, der er selbst keinerlei Wahrheitsgehalt beimaß. Dennoch hat er ihn auf dem Silbertablett an Bush "geliefert". Ein Bärendienst.
 
Als hätten schlaue deutsche Strategen sich gesagt: "Lassen wir doch die Amis allein ins Verderben rennen! Sie sollen uns aber nichts nachsagen können, von wegen wir hätten ihnen nicht geholfen." So mag das auch der eine oder andere Altnazi im Geheimen gedacht haben, als es um pauschale "Wiedergutmachungs"-Zahlungen an Israel ging anstatt um individuelle Entschädigung für die Opfer und ihre Angehörigen sowie an die Überlebenden des Holocaust: "Lassen wir doch die Juden sich auch die Finger schmutzig machen, dann können sie uns nichts mehr vorwerfen, wenn sie mit den Arabern fertig sind". Jedenfalls war so die Praxis: Militärhilfe zur staatlichen Selbstbehauptung in der arabischen Welt anstatt konkreter Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen.
 
All das taten deutsche Regierungen und Behörden aus Kalkül und Eigeninteresse. Wie sonst kämen sie in die Lage, in der Weltliga der Militärmächte mitzuspielen ohne allzu großen eigenen Einsatz? Im Windschatten der USA zu segeln war die einzige Chance für die hiesigen Militaristen, am Konzert der Großmächte wieder teilzunehmen, und sowohl im Kosovo als auch in Afghanistan eigene Besatzungszonen zu unterhalten. Die Bundeswehr steht seit 2001 am Hindukusch: So weit waren Hitlers Armeen nie gekommen. Deutsche Soldaten werden entgegen anders lautenden Ankündigungen und Versprechen bis weit über 2016 hinaus dort stationiert bleiben. Auch im Iran-Konflikt fand die BRD ihre Doppelrolle als mal vermittelnder und mal Druck machender "Verhandlungspartner".
 
Obwohl Steinmeier und Merkel in der Ukraine "Minsk 2" zusammen mit Frankreichs Hollande, jedoch ohne die USA aushandelten, tragen sie die Sanktionen gegen Russland voll mit. Das ist imperialistische "Arbeitsteilung". Das Herumlavieren zwischen Distanz und Partizipation ist keineswegs als Ausdruck von Abhängigkeit zu sehen, sondern als erneuter Versuch international Einfluss zu gewinnen und mit dabei zu sein beim Weltbeherrschen im Sinne der kapitalistischen Globalisierung, an der die deutsche Industrie wegen ihrer Exportlastigkeit so großes Interesse hegt, dass sie sich selbst und ihre politische Führung zwar ungern von der NSA ausspionieren lässt, aber dennoch den BND seinen US-amerikanischen Geheimdienst-Brüdern großzügig zuarbeiten lässt, damit dieser selbst ungestört schnüffeln kann in Frankreich, in der EU, in der Türkei, notfalls auch gegen die US-Senatorin Hillary Clinton.
 
Nationale Empörung nützt da herzlich wenig, auch antiamerikanische Ressentiments helfen hier nicht weiter; nur antiimperialistisch lässt sich die Komplizenschaft zwischen den selbsternannten Weltbeherrschern aufdecken, bekämpfen und schließlich überwinden: Internationalismus statt Nationaltümelei! Auf dem langen Weg der Völkerbefreiung vom Imperialismus war der 8. Mai 1945 allemal ein nicht hoch genug zu würdigender Meilenstein. Ohne die alliierten Armeen und deren Opfer hätten wir ihn nicht gewonnen. Doch muss der Kampf freilich weiter gehen, jedoch keinesfalls militärisch ausgetragen werden. Einen dritten Weltkrieg würden wir kaum überleben. Weder in Deutschland noch in Europa, nicht in Russland noch in den USA, auch nicht im Nahen oder Mittleren Osten.
 
Wer also meint, mit rechtspopulistischen oder nationalistischen Parolen punkten zu können in der politischen Auseinandersetzung, der irrt gefährlich. Denn daraus erwüchse neuer Völkerhass und niemals Versöhnung und Verständigung zwischen den Menschen, die niemals und nirgends vergessen sollten, was in deutschen Landen "im Namen des Volkes" an Grauen angerichtet wurde, nicht zuletzt auch gegen jene Teile der Bevölkerung, die sich dem grausamen Regime widersetzten oder von ihm ausgegrenzt wurden.
 
Es war die brutalste Gewaltherrschaft des Kapitalismus, die offene Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen Kreise des Finanzkapitals. Geben wir diesen nicht weiterhin ideologische Nahrung, und sei es unter dem Vorwand sie zu bekämpfen! Sie waren es doch, die von diesseits und jenseits des Atlantiks Hitler finanzierten, in den Sattel hoben und hofierten in der trügerischen Hoffnung, den Kommunismus weltweit besiegen zu können. Der Kampf gegen die Expansions- und damit Kriegstendenzen des Kapitals ist und bleibt international, denn transnationale Konzerne operieren global, sie führen sowohl ihre Geschäftskriege als auch ihre Kriegsgeschäfte weltweit. Nur international macht Widerstand dagegen Sinn, nur so kann er überhaupt jemals Erfolge zeitigen.
 
Antisemitismus wie Islamophobie gilt es gleichermaßen konsequent zu bekämpfen. Doch ebenso heißt es nicht Augen und Ohren zu verschließen vor dem Unrecht etwa gegenüber den Palästinensern oder dem Terror des islamistischen Kalifats. Wir müssen nicht in die Soldatenstiefel unserer Väter und Großväter steigen, um uns schuldig zu fühlen für deren Verbrechen, doch verantwortlich sind wir allemal für das, was heute hierzulande geschieht, was gegenwärtig ist und künftig sein wird: Unsere fortwährende Hausaufgabe ist und bleibt die antifaschistische Wachsamkeit gegen Rassismus in jedweder Form, vor allem im eigenen Land, wie es der UNO-Ausschuss gegen Rassismus kürzlich einforderte. Und das nicht nur in Solidarität mit der übrigen Welt, sondern nicht zuletzt in unserem ureigensten Interesse. Niemals wieder!

Deutschtümelndes Dumpfgebrünftel braucht Europa nicht. Es hat lange genug darunter gelitten.

Wolfgang Blaschka, München

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