Auswirkungen der Sklaverei: Seelenmord

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Helmut S. - ADMIN
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Auswirkungen der Sklaverei: Seelenmord
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Seelenmord

von Robert C. Koehler

Alle Menschen sind gleich geschaffen. Alle Sachen sind versichert.

Ausbeutung, Folter, Kolonialismus, Menschenhandel, Menschenrechte, Sklaven, Sklavenhandel, Sklavenschiffe, Sklaventransportschiffe, Sklavenverschiffung, Sklaverei, Völkermord, Neulich sah ich den Film "Belle", und ein Teil davon lässt mich nicht in Ruhe. Das Kostümdrama, das im England der 1780er spielt, dreht sich um eine wahre historische Begebenheit: die ungeheuerliche Fahrt des Sklavenschiffs Zong im Jahr 1781 von Westafrika in die Karibik. Seine Ladung bestand aus 470 dicht gepackten menschlichen Wesen, als es zur Überquerung des Atlantik in See stach – zu dicht gepackt, wie sich herausstellt.

Eine Seuche erfasste die Ladung. Sklaven und Matrosen begannen zu sterben. Das Schiff ging dem Untergang entgegen. Das Wasser wurde knapp. Letztendlich warf die überlebende Besatzung die Ladung über Bord ... 132 lebende Menschen, noch immer in Ketten. Das war völlig normal. [Anm. Admin: Filmstart in D: 14.08.2014]

Marcus Rediker, Autor von "The Slave Ship; A Human History" (Das Sklavenschiff: eine menschliche Geschichte) schrieb 2008 in der Los Angeles Times, indem er des offiziellen Endes des Sklavenhandels im britischen Weltreich vor 200 Jahren gedachte: „Über nahezu vier Jahrhunderte, von etwa 1500 bis 1870, wurden 12 bis 13 Millionen Afrikaner auf Sklavenschiffe gezwungen und in die Plantagen der Neuen Welt gebracht ... Wir wissen, dass während der Überfahrt um die 1,8 Millionen dieser versklavten Männer, Frauen und Kinder zu Tode kamen und ihre Leichen über Bord geworfen wurden zu den Haien, die üblicherweise den Schiffen folgten.“

Uh, darüber reden wir nicht viel, nicht wahr? Der fragliche Zeitraum ist das glorreiche Zeitalter der Entdeckungen, als Europa auszog und den Rest der Welt entdeckte. In den Klassenzimmern meiner Kindheit lehrten sie uns über den Seidenhandel und das hehre Streben nach neuen Seerouten und derlei Dinge. Auf, Zivilisation! Ich kann mich an keine unerfreulichen Enthüllungen über die Vergewaltigung Afrikas oder den Profit erinnern, den Europas Oberschicht mit Menschenhandel machte.

Die Handlung des Films Belle, obwohl sie fiktive Charaktere miteinbezieht, dreht sich um das reale Gerichtsverfahren, das der Ankunft der Zong in Jamaica folgte. Bei diesem Verfahren ging es nicht um den Mord an 132 Menschen, sondern darum, ob die Schiffseigentümer die Versicherungssumme für den Verlust von 132 Sklaven kassieren konnten.

Schlussendlich kam der Fall vor den Obersten Gerichtshof in Großbritannien. In einer historisch bedeutsamen Entscheidung urteilte Lord Chief Justice of the King´s Bench William Murray zugunsten der Versicherungsgesellschaft: Nein, die Versicherer waren nicht verpflichtet, für absichtlich weggeworfene Sklaven Geld zu bezahlen. Die britische Abolitionsbewegung wurde durch dieses Verfahren angefeuert und die Abolitionisten betrachteten das Urteil als einen großen Sieg.

Und so finden wir das alles in der Geschichte. Aber der Film, der die historischen Details in zeitgenössische Kostüme und eine fiktive Liebesgeschichte verpackt, schaffte es meiner bescheidenen Meinung nach, eine bemerkenswerte Leistung zu vollbringen. Er brachte die Zong und alle ihre Verwicklungen mitten in das 21. Jahrhundert, nicht abstrakt, wie die Geschichte, sondern mit einer rohen und erschreckenden zeitgenössischen Bedeutung. Wir sind mit unserer Vergangenheit nicht fertig.

Ausbeutung, Folter, Kolonialismus, Menschenhandel, Menschenrechte, Sklaven, Sklavenhandel, Sklavenschiffe, Sklaventransportschiffe, Sklavenverschiffung, Sklaverei, Völkermord, Rediker schrieb in seiner Abhandlung: „… wenn europäische, afrikanische und amerikanische Gesellschaften von den Altlasten von Rasse, Klasse und Sklaverei heimgesucht werden, ist das Sklavenschiff das Geisterschiff unseres modernen Gewissens.“

Die weggeworfene Ladung unserer Vergangenheit steckt noch immer in uns, egal wie sehr wir uns bemühen, sie zu ignorieren. Die Sklaverei, aus der wir Zivilisation errichtet haben – die grausame Gewissheit unseres moralischen Relativismus, der enorme Profit, die begrabenen psycho-spirituellen Konsequenzen – warten, warten, warten ... auf unsere kollektive Trauer und Sühne.

Sie hatten einfache Namen, wie unsere Haustiere: Jim und Jack, Winney und Zach, Congo und Chloe. Sie waren dafür bestimmt, zu Tode gearbeitet und vergessen zu werden. Aber sie bleiben bei uns, tief eingebettet in das kollektive Gewissen unserer globalen Kultur, und starren auf deren Seele.

Zu seiner Weigerung, ein Strafverfahren gegen den Kapitän und die Mannschaft der Zong einzuleiten, sagte der britische Kronanwalt Justice John Lee angeblich: „Was soll die Behauptung, dass menschliche Leute über Bord geworfen worden sind? Das ist ein Fall von Sachen oder Gütern. Schwarze sind Güter und Eigentum, es ist Wahnsinn, diese pflichtbewussten ehrbaren Männer des Mordes zu bezichtigen. ... Dieser Fall ist derselbe, als wäre Holz über Bord geworfen worden.“

Das ist unser Erbe, so sehr es uns und vielleicht mehr als alles andere geformt hat. Die Historikerin Nell Painter hat den Begriff „Seelenmord“ gebraucht, um die Auswirkungen der Sklaverei zu beschreiben. In der Tat ist sie die Verfasserin des Buches "Soul Murder and Slavery" (Seelenmord und Sklaverei). In einem Interview vor einigen Jahren mit PBS sprach sie über die schrecklichen psychologischen Trümmer auf allen Seiten des Lebens der Sklaven.

Über die Kinder der Plantagenbesitzer sprechend, die ab einem bestimmten Alter gezwungen wurden zuzusehen, wenn Sklaven geschlagen wurden, bemerkte sie, dass die Mädchen als weibliche Menschen zumindest eine teilweise Identifizierung mit dem Opfer beibehalten konnten. „Aber der Junge muss lernen, sich mit dem Schlagenden zu identifizieren,“ sagte sie. „Wenn er das nicht tut, dann ist er kein richtiger Mann. Das macht also die Fähigkeit, Gewalt zuzufügen, zu einem integralen Teil der Männlichkeit.“

Ernten wir nicht noch immer die Konsequenzen? Diese Woche, in einer High School in Troutdale, Oregon, eröffnete ein 15 Jahre alter Junge „das Feuer mit einem Gewehr und trug auch eine halbautomatische Pistole bei sich, die er nicht benutzte, wie auch ein Messer und neun volle Munitionsmagazine mit einige hundert Schuss,“ laut Reuters.

So so. Dieser Wahnsinn nimmt zu, wie jeder weiß. Es ist eine Nachahmung des Militarismus, aber da liegt noch mehr darin. Wir haben noch kaum begonnen, die abgrundtiefe Gebrochenheit der menschlichen Kultur zur Kenntnis zu nehmen, von Heilung gar nicht zu reden. Wir sind noch immer verloren im Zeitalter der Entdeckungen.

Robert C. Koehler


Quelle: l Artikel erscheinen auf seiner Website COMMONWONDERS.COM  > Artikel - ebenso in HUFFINGTON POST, Chicago Tribune und vielen weiteren Websites und Zeitungen

Die Weiterverbreitung dieses Textes ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen! Die deutsche Übersetzung wurde dort freundlicherweise von Klaus Madersbacher / A zur Verfügung gestellt.

Bild- und Grafikquellen:

1. Als Sklavenschiffe bezeichnet man landläufig die im Atlantischen Dreieckshandel eingesetzten Schiffe, meist Briggs oder Schoner, deren Frachträume auf ihrer Handelsroute von Afrika zu den europäischen Kolonien in der Neuen Welt mit Sklaven gefüllt waren. Überwiegend wurden im Sklavenhandel ältere Schiffe eingesetzt, die vor dem Antritt ihrer Reise in den europäischen Häfen der sklavenhandelnden Nationen umgebaut und ausgerüstet wurden, um den Anforderungen einer solchen Reise gerecht zu werden. Infolge der hohen Belastungen einer solchen Reise und dem Risiko eines Totalverlustes durch Schiffbruch lohnte es sich für die Sklavenhändler nur selten, speziell für den Sklavenhandel entworfene und gebaute Schiffe zu verwenden. Stattdessen nahm man meist ältere Handelsschiffe und baute sie den Bedürfnissen einer Sklavenfahrt entsprechend um.

Um hohen Profit aus den Transporten zu schlagen, zogen die Eigentümer der Sklavenschiffe Zwischendecks in den Schiffsrumpf ein, um möglichst viele Sklaven transportieren zu können. Dies führte zu unhygienischen Zuständen und in der Folge zu einer erhöhten Todesrate. Da nur die Widerstandsfähigsten den Transport überlebten, führte dies auch zu einer starken Selektion. Oft transportierten die Schiffe mehrere hundert Sklaven, die auf engen Massen-Pritschen angekettet waren. Beispielsweise konnte das Sklavenschiff „Henrietta Marie“ auf einer Passage bis zu 400 Sklaven befördern, die auf zwei Decks untergebracht waren und die wochenlange Passage angekettet auf je einem halben Quadratmeter verbrachten. Wenn die überladenen Schiffe sanken, rissen sie die Sklaven mit in die Tiefe und in den sicheren Tod.

Bereits wenige Jahrzehnte nach der Entdeckung Amerikas war die indianische Bevölkerung so stark dezimiert, dass es ein profitables Geschäft war, Sklavenschiffe über den Atlantik fahren zu lassen. Die große Zeit der Sklavenschiffe auf der Atlantikpassage war im 17. und im 18. Jahrhundert, als in Südamerika und im Süden der englischen Kolonien Nordamerikas große Plantagen (Zuckerrohr, Baumwolle etc.) entstanden.

Text: Wikipedia. Bildquelle: Wikimedia Commons. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

2. Das Massaker auf der Zong war ein Massenmord an versklavten Afrikanern auf dem britischen Sklavenschiff Zong. Dessen Besatzung warf 1781 auf der Überfahrt von Accra nach Black River auf Jamaika etwa 142 zum Verkauf bestimmte Menschen ins Meer, um eine befürchtete Wasserknappheit infolge eines Navigationsfehlers abzuwenden. Auf dem mit 442 Sklaven um mehr als das Doppelte des Üblichen überfrachteten Schiff war die jamaikanische Küste für das französische Saint-Domingue auf Hispaniola gehalten worden.

Der Massenmord war auch durch Versicherungsfragen motiviert; in der zivilrechtlichen Auseinandersetzung um die Geschehnisse musste die Versicherung dann auch eintreten, da die Sklaven auf See gestorben waren, also während der Geltung des Versicherungsschutzes, und ihre Tötung als „Notwurf“ zur Rettung der übrigen „Ladung“ gerechtfertigt gewesen sei. Ein Mordprozess, wie ihn Granville Sharp anstrebte, wurde hingegen nie geführt.

Misshandlungen waren auf Sklavenschiffen normal. Das Bild entstand 1792 und zeigt eine typische Folterszene auf einem anderen Sklavenschiff, vermutlich gezeichnet von Isaac Cruikshank1756?-1811? und S.W Fores, London, April 10, 1792 veröffentlicht. Text: Wikipedia. Bildquelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.