Bräuner wohnen auf der Ostseeinsel Rügen: Prora wird bewohnbar

1 Beitrag / 0 neu
Bild des Benutzers Wolfgang Blaschka
Wolfgang Blaschka
Offline
Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Bräuner wohnen auf der Ostseeinsel Rügen: Prora wird bewohnbar
DruckversionPDF version

Bräuner wohnen auf Rügen

Prora wird bewohnbar

Wo sich an Rügens heller Küste Hase und Igel gute Nacht sagen, dämmert ein vier Kilometer langer, sanft gebogener Gebäuderiegel entlang des sandigen Küstenabschnitts bei Prora vor sich hin: Das niemals ganz fertig gestellte und in Betrieb genommene Kraft-durch-Freude-Projekt (KdF) der Nazis, wo zehntausende "Volksgenossen" Urlaub genießen und beim Frühsport den Führer loben sollten, um sich mit Kind und Kegel vom Judenjagen und Kommunistenkillen zu erholen und frische Kräfte zu sammeln für die Vierjahres- "Aufbauschlacht" zum Autobahnbau, zur Hochrüstung mit U-Booten, Panzern, Flugzeugen. "Erholung im großen Stil" blieb ebenso ein hohles Versprechen wie das vom "Tausendjährigen Reich", der "Wunderwaffe" oder dem "Endsieg". Dummerweise kam ein Krieg dazwischen; da gab es wichtigeres, wozu Baumaterial gebraucht wurde: Unterirdische Flugzeugwerften, Kasernen, Atlantikwall. Seit Jahrzehnten als militärisches Sperrgebiet vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen und nach der Wende privatisiert und parzelliert, wird Prora nun von Immobilien-Erschließern in Teilabschnitten renoviert und aufgeputzt, – alles piekfein und zeitgemäß komfortabel.
 

 

Für die ersten 32 Wohneinheiten stehen bereits 120 Interessenten auf den Listen, und jeden Tag geben sich ausgebuffte Vermarkter von 8 bis 18 Uhr redlich Mühe, zwischen endloser Häuserschlange und Kiefernwaldgürtel potenziellen Käufern einer KdF-Suite das Wohnen auf historisch belastetem Areal schmackhaft zu machen: Einmaliger Blick (endlos Ostsee, so weit das Auge reicht, brettl-eben und hoher Himmel, soweit man ihn vom diesigen Horizont unterscheiden kann), frische Luft (die es woanders genauso gibt) und beste Ausstattung (wie man sie von einer gerade instandgesetzten Immobilie doch wohl erwarten darf). Allerdings das Ambiente ist tatsächlich einmalig, denn sowas gibt es kein zweites mal: Reinster NS-Kolossalstil von 1937, schnörkellos modern für die wulstigen Verhältnisse damals, ohne viel Dekor und pathetische Säulengänge: Ballermann von Anno dunnemal. Die Kaufinteressierten stört's wenig, im Gegenteil: Der Genius loci scheint zu locken. Wo sonst könnte man in einem original Nazi-Monumentalbau wohnen?
 

 

Wer's will: Zwischen 80.000 und 800.000 Euro ist alles im Angebot, was neue Böden, Türen, Fenster und frisch gestrichene Wände hat, – kleine Appartements, teils gar mit Sauna, fast wie im Hotel. Zwar gibt es außer einem winzigen Museum keine Infrastruktur, keine quirlige Strandpromenade, keine Eisverkäufer oder schnuckelige Bars, nicht einmal einen Supermarkt; aber wer hier wohnen will, bringt sich Bratwürste und Schnitzel und den ganzen Campingbedarf ohnehin in der Kühltasche mit. Endlich mal Dauerurlaub, aber ohne Ausland! Das Publikum ist in gesetzterem Alter und der Meinung, dass die Geschichte doch mal begraben sein müsse.
 

 

Quasi auferstanden aus Ruinen hat der von außen ziemlich fertig aussehende Rohbau noch viel Entwicklungspotenzial. In einem Bundesland, wo wegen chronischen Leerstands frisch aufgemöbelte Plattenbauten abgerissen werden, um Erhaltungskosten zu sparen und Vandalismus vorzubeugen, könnte Prora zum Gutsituierten-Ghetto promovieren und Akzente setzen: Seht her, diese Normalität! Wie wir Deutschen doch unsere Denkmäler pflegen: DDR-Bauten weg, Naziburgen da! So lässt sich gediegen braun werden! Wer wollte sich denn noch einen knallroten Sonnenbrand holen? Und dazu vielleicht noch "den Farbfilm vergessen" haben!
 

 

Wahrscheinlich werden die meisten Rentner-Schließfächer im Winter leer stehen, doch im Sommer belebt sich die Szenerie für ein paar warme Monate. Möwenschwärme werden von der Seebrücke des Seebades Binz ablassen und hierher kommen, um sich an zerbröseltem Zwieback gütlich zu tun, den freundliche Sommerfrischler auf ihre Fenstersimse streuen. Wer den Rest des Jahres hier durchhalten wollte, müsste die Tristesse der Einsamkeit lieben. Um den Geist des Gebäudes erst richtig atmen zu lassen, sollten noch etliche Verbotsschilder aufgestellt werden: "Nicht den Rasen betreten", "Bitte nicht grüßen mit deutschem Gruß", "Lachen nur im Keller!".
 

 

Im Untergeschoss vermuteten manche NS-Geheimnisforscher gar einen getarnten U-Boot-Hafen. Allein die Gigantomanie der Anlage faszinierte Hobby-Ruinen-Hopper, und ließ krudeste Phantasien sprießen. Doch fanden sich außer zerdepperten Kloschüsseln und verrosteten Duschköpfen, abgeplatzten Fliesen und übel riechenden Luftschutzkellern keine Indizien für militärische Nebennutzung des Kolosses während der Nazizeit. Nur die Nationale Volksarmee (NVA) hatte in dem Sperrgelände später einen Erholungsstützpunkt eingerichtet, wohl eher zur Küstenwache als zum Losschlagen gen Leningrad. Der Mythos Prora faszinierte Touristen wie Einheimische, weil sie es nicht kannten.
 

 

Zu banal der Gedanke, die Deutsche Arbeitsfront (DAF) hätte hier einfach nur die beschlagnahmten Gewerkschaftsgelder von 1933 verbaut, um sich als Wohltäter für die "Arbeiter der Stirn und der Faust" zu profilieren. Dabei wären die Gäste, hätte es je welche gegeben, "verdiente Parteigenossen" gewesen, dienstbeflissene Blockwarte, bewährte SA-Männer mit Anhang - niederes Nazivolk eben. Die höheren Chargen und Bonzen hätten sich da nur ungern einquartieren lassen, um sich am rappelvollen Strand "bei musischer Entspannung körperlich zu ertüchtigen". Oppositionelle saßen längst im KZ oder im Gefängnis, aus der "deutschen Volksgemeinschaft" ausgegrenzt Verstoßene bestenfalls im Exil. Das Ferienpublikum in Prora wäre vor Dankbarkeit zerflossen.
 

 

Im "Seebad Prora" hätten insgesamt 20.000 Menschen für je 10 Tage zu zweit in 12 qm großen Zellen gehaust. Täglich wären 2000 Kurzurlauber abgereist und neu angekommen. Ein dafür nötiger angeblich 7-gleisiger Kopfbahnhof zur Versorgung und Beschickung der Bettenburg wurde freilich nie gebaut. So bleibt das damals längste bewohnbare Gebäude der Welt allemal sagenumwobener als die chinesische Mauer. Da liegt es auf der Hand, dass Anbetern deutscher Größe ein heiliger Schauer über den Rücken rieseln mag bei der Vorstellung, dass dort tausende deutscher Mädels in eurhythmischem Gleichklang zur Morgengymnastik angetreten wären und die kernigen Jungs von der Hitlerjugend (HJ) rottenweise zu raumgreifenden Geländespielen durch die angrenzenden Wälder gehechelt wären, während ihre räumlich separierten Eltern des Abends bei Wein, Weib und Gesang entspannt das Tanzbein geschwungen hätten. So war das konzipiert: Getrennt wohnen statt nur gemeinsam am Strand liegen. "Jedem das seine", um die Kurzerholung zu optimieren!
 

 

In der Volksgemeinschaft sollte jedes Individuum möglichst umfassend beschäftigt und eingebunden sein in Riege, Rotte, Fähnlein, damit es nicht im Stillen auf kluge Gedanken komme ohne dauernde Abenteuer-Rundum-Bespaßung und Ringelpiez mit Anfassen. Jeden Tag ein Abschieds- und Begrüßungs-Abend bei Wunschkonzert und Gala-Schauen mit Trachtengruppen aus allen Gauen! Künftig soll hier nun vor allem eines herrschen: Ruhe, kein Rummel! Man möchte sich aufs Wellenrauschen konzentrieren können.

Deswegen ist auch ein Nazi-Verbot vorgesehen. Wer am rechten Rand schon Pfützchen im Mund bekam, dem bleibt der Schnabel sauber: In den Kaufverträgen wird ein Passus bestimmen, dass die Veräußerung an "Neonazis und Nationalisten" nicht statthaft sei; das solle auch bei Weiterverkäufen gelten. Die Eigentümer werden sogar eigens verpflichtet, diese Klausel jeweils in die Nachfolge-Verträge zu übernehmen. So soll vermieden werden, dass sich Prora zum braunen Wallfahrtsort mausert. Vermieten kann allerdings kaum vermieden werden, davon steht auch nichts in den Verträgen. Es könnte sich zum Geschäftsmodell entwickeln, dass seriös wirkende Senioren sich unverdächtig ein Appartement zulegen, das sie dann an unauffällig aussehende Jungs und Mädels mit der rechten Gesinnung vermieten oder im Verwandtschaftsverhältnis gar an sie weiter vererben. Neonazis tragen heute nicht mehr alle Glatzköpfe, und eines Tages werden sie unbehelligt "Kraft durch Freude" tanken, im nahen Binz einen saufen und am Festland ein wenig herumrandalieren. Jetzt fehlte nur noch, dass in einem der vielen noch leer stehenden Gebäudetrakte Flüchtlinge einquartiert würden, schon wären der "Freude durch Kraft" kaum noch Grenzen gesetzt.
 

 

Hätte man das Geistergemäuer doch besser gesprengt! Oder zumindest als Mahnmal deutschen Größenwahns verfallen lassen. Schließlich wurde damals beabsichtigt so gebaut, dass noch im Stadium des Zerfalls monumentaler Ruinen deren schiere Größe noch Generationen später beeindrucken sollte, wie das Colosseum in Rom oder die vom Regenwald überwucherten Maja-Tempel. Irgendwann hätte sich den Seebad-Torso das Meer geholt. Doch so weißputzig aufpoliert und abschnittsweise zu Renditezwecken verhökert werden die baulichen Hinterlassenschaften des Faschismus in Zukunft die Gegend nur belasten und belästigen. Es sei denn, das Vergessen wäre vorsätzlich mit einkalkuliert. Was zu befürchten steht, aber nicht gelingen wird. Zu resistent scheint der Bazillus, zu virulent grassiert die Infektion, sehr hartnäckig und zäh, weil viel zu lange und zu absichtsvoll verharmlost. Auch in angeblicher Arglosigkeit so cleverer Bauprojekte wie diesem.

Wolfgang Blaschka, München
 

 



Bild- und Grafikquellen:


1. Prora ist ein Ortsteil der Gemeinde Binz auf Rügen. Er ging aus dem zwischen 1936 und 1939 gebauten, jedoch unvollendet gebliebenen KdF-Seebad Rügen hervor. Im Komplex sollten durch die Organisation Kraft durch Freude (KdF) 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Bauarbeiten eingestellt. Um 1950 begann der Aus- und Umbau weiter Teile des nunmehr Prora genannten Torsos zu einer der monumentalsten Kasernenanlagen in der DDR. Das unbefugte Betreten des Strandes war streng verboten. Das Bild zeigt das Panorama eines der langen Gebäudeblocks - Blickrichtung landeinwärts.

Foto: R. Weber. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

2. Der Ostseestrand bei Binz (Rügen) - Bei dem tollen Wetter bleibt der Strand ohne Badegäste.  Das Ostseebad Binz liegt an der Südost-Rügener Bäderküste. Der mondäne Ort lockt jährlich tausende Gäste mit seiner berühmten Bäder-Architektur als Urlauber an. Der Ort selber gehörte bis 1990 zum Kreis Rügen. Nach der Wiedervereinigung wurde dann saniert, rekonstruiert und auch neu gebaut. Straßen und Wege wurden instand gesetzt und auch die Strandpromenade wurde bis nach Prora verlängert. Auch der Kurplatz erhielt eine neue Gestaltung. Es ist alles wunderschön hergerichtet worden - ein Besuch lohnt wirklich, um die erneuerte Bäder-Architektur anzuschauen.

Foto: Pixelteufel. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

3. Prora - "Bad der 20.000" im 3. Reich. In Prora sollte im 3. Reich ein Seebad für 20.000 Gäste entstehen. Nach dem Krieg wurde die Anlage u.a. von der NVA als Kaserne genutzt. Später brachte das DDR-Regime hier auch Bausoldaten unter.
Foto: moellerh. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

4. Dokumentationszentrum Prora. MACHT Urlaub. Foto: Silvia Foglia. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

5. Seebrücke des Seebades Binz. Foto: Silvia Foglia. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

6. Zerdepperte Kloschüsseln und verrosteten Duschköpfen, abgeplatzten Fliesen und übel riechenden Luftschutzkellern im "Koloss von Prora. Foto: Björn Sahlberg, Stockholm / Schweden. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

7. Im "Seebad Prora" hätten insgesamt 20.000 Menschen für je 10 Tage zu zweit in 12 qm großen Zellen gehaust. Foto: Robert Steinhöfel, Mainhausen. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

8. Innen wie außen katastrophale Zustände, aufgenommen im Juli 2011. Foto: Robert Steinhöfel, Mainhausen. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

9. Wandbeschriftung: "Kraft durch Freunde" (KdF) - HITLER WAR EIN HIPPIE. Die nationalsozialistische Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF) war eine politische Organisation mit der Aufgabe, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten, zu überwachen und gleichzuschalten. Die Zeitungen verkündeten den Zusammenschluss der Organisation Kraft durch Freude am 28. November 1933.

Die Organisation mit Sitz in Berlin bestand von 1933 bis 1945, wobei die meisten Operationen mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 eingestellt wurden. Kraft durch Freude war eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Mit dem Amt für Reisen, Wandern und Urlaub, das Land- und Seereisen veranstaltete, war KdF zugleich der größte Reiseveranstalter im Dritten Reich.

Foto: Flickr-user nothingtoseehere. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz (CC BY-NC-ND 2.0).

10. THE ONLY GOOD SYSTEM IS A SOUNDSYSTEM!!! Stadium des Zerfalls monumentaler Ruinen. Foto: Konrad Lembcke. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

11. Zweites FOTO STARTSEITE: Stadium des Zerfalls monumentaler Ruinen. Foto: Konrad Lembcke. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).