D. Mensch als Abfall (...gemäß Zygmunt Bauman)

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Peter Weber
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D. Mensch als Abfall (...gemäß Zygmunt Bauman)
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Mensch als Abfall (...gemäß Zygmunt Bauman)


Zygmunt Bauman gilt als der bedeutendste lebende polnische Soziologe und Philosoph. „Ich shoppe, also bin ich …“ – mit dieser Lebensphilosophie verknüpft er die heutigen kapitalistischen Gesellschaften. Insbesondere seine Position zum Status des homo oeconomicus und die daraus abgeleitete Abwertung von Menschen zu menschlichem Abfall, die nicht mehr dem Konsum frönen können, haben meine Beachtung gefunden.

Vorab der Hinweis auf drei Bücher Baumans als überaus empfehlenswerte Lektüre:


Leben als Konsum - Verlag Hamburger Edition, ISBN 978-3-868-54211-0 - klick

Wir Lebenskünstler - Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-12594-6

Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit - Verlag Hamburger Edition, ISBN 978-3-936-09692-7 - klick

 

  • Mensch als Abfall

Durch den Zerfall der Familienstrukturen mindert sich auch die Bereitschaft, im Kleinen Verantwortung für andere zu übernehmen und im Großen einen Sozialstaat einzufordern. Und die Armen erscheinen nicht mehr als (potentielle) Arbeitskräfte oder bedürftige Menschen, denen man Hilfe zukommen lassen sollte, sondern als gescheiterte Verbraucher, als nicht brauchbare Güter. Da sie in einer solchen Gesellschaft völlig nutzlos sind, sind sie menschlicher Abfall, für den im Zeichen der Deregulierung niemand Verantwortung zu übernehmen hat.


"Ökonomischer Fortschritt bedeutet letztlich die Fähigkeit, Dinge, die man früher hergestellt hat, nun mit weniger finanziellem Aufwand und weniger Arbeitskraft herzustellen. So steigt unsere Effektivität. Sobald man das tut, werden Menschen arbeitslos. Denn sie verharren in Tätigkeiten, die weniger effektiv und weniger profitabel sind. Sie können ihren Lebensunterhalt nicht mehr auf ihre traditionelle Art verdienen. Auf diese Weise produzieren wir überflüssige Menschen, menschlichen Abfall", sagt Bauman.

 

  • Konsument wird zur Ware

„Ich shoppe, also bin ich …“ so faßt Zygmunt Bauman den Zustand unserer Gesellschaft zusammen, die sich von einer Gesellschaft von selbstbestimmten Individuen in eine Gesellschaft von fremdbestimmten Konsumenten gewandelt hat. In dieser neuen Verbrauchergesellschaft werden die Konsumenten selbst zur Ware, sie müssen sich auf dem Markt als Konsumgut bewerben und verkaufen. Sie sind zugleich Konsument, aber auch Handelsartikel und Vermarkter, Ware und Verkäufer. Dies ist die gleiche Betrachtungsweise, die Erich Fromm bereits in seinem Werk „Psychoanalyse und Ethik“ bereits 1947 (!) mit der Prägung des Begriffs „Marketingcharakter“ herausgearbeitet hat.


Wir haben es mit einem Prozeß zu tun, der ans Ende des Wohlfahrtsstaates führt. Auf diesem Weg ist es leicht zu erklären, warum neoliberal ausgerichtete Staaten Arbeitslose in die Ecke schieben. Die radikale marktwirtschaftliche Ideologie verurteilt diese Menschen Aussätzigen und Ausschuß und sie werden nur noch als Belastung und Kostenverursacher angesehen. Die neoliberale Propaganda hat selbst den einfachen Steuerzahler derart auf Unsolidarität gepolt, daß er sich kritiklos zum Werkzeug seiner Ausbeuter machen läßt. Was einmal politischer Konsens war, der Wohlfahrtsstaat, der die Schwachen unterstützt und fördert, ist Vergangenheit und die Protagonisten einer sozialen Haltung werden spöttisch Gutmenschen genannt. An die Stelle eines solidarisch handelnden Proletariats ist ein in permanenter Unsicherheit lebendes Prekariat getreten.

 

  • Arbeitssklave

WWenn wir den Trend so weiter laufen lassen wie bisher, dann entwickeln sich Arbeitnehmer – insbesondere die weniger gut bezahlten – wieder zu Arbeitssklaven zurück. Alle Anzeichen sprechen für sich: Lohndumping, Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigungen, Abbau der Arbeitnehmerrechte und vieles mehr. Während die Feudalherren im Mittelalter oder die imperialen Systeme der Antike zumindest noch beherzigten, daß man den Sklaven gut ernähren muß, wenn sie eine anständige Arbeit abliefern sollen, hat selbst dieser Umstand heute keine Existenzberechtigung mehr. Die Maschinen und Roboter erledigen die Arbeit der früheren Sklaven, so daß die nicht kapital- und konsumkräftigen Zeitgenossen ausgesondert werden.

„Die Kürzung von Sozialausgaben ist heute die Zielsetzung sowohl rechter als auch linker Politik. Egal welche Partei an die Macht kommt, alle verfolgen das gleiche Ziel: Das Kürzen, Beschränken, Eingrenzen, Verringern von Sozialausgaben, einfach weil sie, wie es heißt, ökonomisch keinen Sinn machen", behauptet Zygmunt Bauman. Ich meine – zu Recht!

Die Arbeitslosen haben nur noch eine Funktion: sie dienen als industrielle Reservearmee. In diesem Zusammenhang vertritt Bauman folgende Ansicht: "Damit das funktioniert, muss man diese Menschen in relativ guter Verfassung halten, man muss sie gut ausbilden, pflegen, behüten und gesund erhalten. Sonst können sie nicht als industrielle Reservearmee dienen." Dies ist noch eine im Vergleich zu der von mir oben geäußerten Haltung eine relativ optimistische Einstellung. Wer jedoch diesen Text weiterliest, wird bemerken, daß Baumann bei der diesbezüglichen Einstufung des ausgeschiedenen Konsumenten zum gleichen Ergebnis gelangt wie ich bereits bei den Arbeitslosen.

Ich möchte die Problematik jedoch noch etwas spezifizieren, was den Verwendungszweck des Arbeitslosenheeres anbetrifft. Jahrzehntelang haben wir uns widerspruchslos das Paradies von der Vollbeschäftigung ausmalen lassen - spätestens aber seit Agenda 2010-Zeiten ist die Vollbeschäfftigung passé. Das wird zwar nicht ehrlich und offen proklamiert, aber die politischen Handlungen dokumentieren dies.

Das bedeutet hinsichtlich der Einstufung der Arbeitslosen, daß ein Zweiklassensystem geschaffen wurde: die Arbeitslosen des SGB I und die des SGB II - die Hartz IV-Bezieher. Die ersteren werden noch in Maßen gefördert, weil sie noch einen Restnutzen besitzen und die Wahrscheinlichkeit der Wiedereingliederung besteht. Deshalb stellt diese Gruppe auch das eigentliche Erpessungspotenzial der Arbeitgeber gegenüber den (Noch-)Arbeitsplatzinhabern dar.

Die zweite Gruppierung der Hartz IV-ler wird zum eigentlichen Abfallmenschenpool deklariert: Sie sind zu nichts mehr nutze, daher lohnen sich auch keine Investitionen mehr, und sie werden wie eine Ware im Unternehmen abgeschrieben. Man bezeichnet dieses lästige Anhängsel der Gesellschaft auch gerne als Langzeitarbeitslose, was immer noch ein Euphemismus ist, denn "Langzeit" heißt in der Praxis nichts Anderes als bis zum St. Nimmerleinstag. Die zu erbringenden Transferleistungen (=Kosten im betriebswirtschaftlichen Sinn) werden folglich am untersten Existenzminimum gehalten - gerade auf einer Höhe, bei der man nicht verhungern muß!

 

  • Zwang zum Konsum

Als Quintessenz des Geschehens bleibt nur noch der traurige Befund: "Und so bleibt dem modernen Menschen nur eine Gewissheit, nämlich die, dass es keine Gewissheit und keine Sicherheit mehr gibt, außer der, dass wir konsumieren müssen.“ Wer sich in eine solche Zwangsjacke hat hinein manövrieren lassen, der ist krank und bedarf normalerweise therapeutischer Hilfe. Man muß sich folglich fragen, ob der Mensch sich jemals aus eigenem Antrieb aus dem Gefängnis des Konsumzwangs und der Profitgier befreien kann.


Bauman und auch ich würden dies eher pessimistisch beurteilen. Am Anfang der Moderne stand die Hoffnung, der technische Fortschritt würde seinen Abschluss in einer besseren Welt finden. Diese Hoffnung hatte ich persönlich noch in den 70er Jahren, als wir glaubten, daß der technische Fortschritt zur Freiheit der Menschen führt, ihn von unwürdigen Arbeiten entlastet und die Maschinen genügend Gewinn für alle abwerfen. Daß sie genügend Gewinn für alle abwerfen, stimmt auch heute noch mehr denn je – das Problem ist nur die Frage, wohin der Gewinn fließt !!


Mittlerweile kann man davon ausgehen, daß der Konsumist niemals zufrieden sein kann und die Modernisierung kein Ziel sondern zu einer permanenten Lebensform mutiert ist, die unersättlich ist. "Wenn Sie modern sind, bedeutet das, dass Sie zwanghaft, besessen und suchthaft alles um sich herum modernisieren. Wenn Sie mit der Modernisierung aufhören, hören Sie auf modern zu sein. Denn die moderne Lebensauffassung ist eben das zwanghaft besessene Modernisieren.“ Bei dieser Feststellung kann ich Zygmunt Bauman nur unterstützen.

 

  • Euthanisierung

Da der Konsum quasi als Mitgliedsbeitrag der Gesellschaftsangehörigen gilt, werden Menschen auch nur so lange geduldet und bilden einen wertvollen Bestandteil der Gesellschaft, wie sie den Eintritt bezahlen können oder wollen. Wie schon erwähnt hat sich der Mensch in seiner Rolle als Konsument in die Falle begeben, daß er durch dieses Selbstverständnis selbst zum Konsumierten und zu einer Ware wird – es gibt dafür eine sehr schöne bezeichnende Wortschöpfung: „Verwarenförmigung“. Er wird von der Wirtschaft und der Abfallgesellschaft nur noch benutzt und weggeworfen, wenn er seinen Nutzen nicht mehr nachweisen kann. Ich lasse Zymunt Bauman nochmals zu treffend zu Wort kommen: "Ein disqualifizierter Konsument hat einen ganz anderen sozialen Status als die industrielle Reservearmee. Ein disqualifizierter Konsument ist völlig nutzlos. Ein hoffnungsloser Fall für die Gesellschaft.“


Warum ich diesen Absatz mit „Euthanisierung“ überschrieben habe?

Aus der Abwertung des „Nichtkonsumenten“ zu einem wertlosen und überflüssigen Anhängsel ergibt sich logischerweise die Frage nach der Entsorgung, wie dies bei Müll und Abfall obligatorisch ist. Diese Frage und die dazu nötigen Lösungsansätze traut man sich heutzutage noch nicht (wieder!) offen auf den Tisch zu legen. Selbst wenn die „Endlösung“ nicht vorgesehen ist, sind die Ansätze doch schon viel versprechend: Aushungern durch Abbau der Sozialleistungen, Verweigerung von nötigen Medikamenten und medizinischer Behandlung, Ausschluß von der Teilhabe an der Gesellschaft usw. Die Folgen sind bereits spürbar, denn die der Altersdurchschnitt der sozial Schwachen ist in den letzten Jahren merklich gesunken und die Krankheitsquoten gestiegen. Dazu sagt Baumann: „Wenn man absolut zynisch ist, würde man sagen, unserer Gesellschaft ginge es viel besser, wenn diese armen Menschen, die keine richtigen Konsumenten sein können, einfach verschwinden würden."

 

Peter A. Weber