Der afghanische Krieg ist keine Pattsituation: Es ist eine Niederlage.

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Helmut S. - ADMIN
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Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Der afghanische Krieg ist keine Pattsituation: Es ist eine Niederlage.
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Der afghanische Krieg ist keine Pattsituation.

Es ist eine Niederlage.

von William J. Astore

Pattsituation: Das ist das Wort der Wahl, das von US-Generälen verwendet wird, um den Afghanistan-Krieg zu beschreiben. Was genau ist eine Pattsituation? Ich habe schon früh Schach gespielt, mich in den Bobby-Fischer-Wahn der frühen 1970er Jahre verstrickt, und ich spiele immer noch gelegentlich. Im Schach ist eine Pattsituation eine besondere Konstellation der Figuren, und eine oft frustrierende. Kurz gesagt, "Patt ist eine Situation im Schachspiel, in der der Spieler, der an der Reihe ist, nicht im Schach ist, aber keinen erlaubten Zug hat".

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Zum Beispiel kann ich entscheidend gewinnen, wenn nur noch der König meines Gegners auf dem Brett ist. Aber wenn ich den (ungedeckten) König meines Gegners sorglos in eine solche Position bringe, dass ihn sein einziger Zug in Gefahr (oder "Schach") bringt, ist die Position blockiert. Mein entscheidender Materialvorteil macht keinen Unterschied: Das Spiel ist vorbei, es ist unentschieden. In Wirklichkeit ist es ein Sieg für ihn und ein Verlust für mich, wenn man meinen materiellen Vorteil bedenkt.

Ist der Afghanistan-Krieg "festgefahren"? Nicht nach Ansicht des US-Militärs, da es glaubt, dass die "Pattsituation" rückgängig gemacht werden kann, dass die USA immer noch "gewinnen" können. In der Tat hat Präsident Trump bereits in der vergangenen Woche zu Protokoll gegeben, dass seine Regierung in Afghanistan gewinnt. Hier gibt's keine Pattsituation.

Ein festgefahrenes Schachspiel ist einfach eine schlechte Metapher für den Afghanistankrieg. Es ist nicht so, dass eine Seite keinen erlaubten Zug machen kann und deshalb das Spiel zu Ende wäre. (Wäre es so, könnte der Krieg so leicht und sauber enden!) Die Situation heute in Afghanistan ist, dass die Taliban weiterhin ihren Griff auf das Land festigen, oder, in der Sprache des Schachspiels, sie weiten ihre Kontrolle über das Spielbrett aus, auch wenn die US und Koalitionskräfte mehr Truppen schicken, mehr Munition ausgeben und mehr Berichte darüber herausgeben, wie sie immer noch gewinnen können - solange US-Generäle genau das bekommen, was sie wollen.

pin_green.gif Afghanistankrieg: Gesamtopferzahl der Koalition (USA, GB, D und Andere) nach Jahr und Monat: 3.544 Soldaten.

Year Jan Feb Mar Apr May Jun Jul Aug Sep Oct Nov Dec Total
2001 0 0 0 0 0 0 0 0 0 3 5 4 12
2002 10 13 15 10 1 3 0 3 1 5 1 8 70
2003 4 7 12 2 3 7 2 4 2 6 8 1 58
2004 11 2 3 3 9 5 2 4 4 8 7 2 60
2005 2 3 6 19 4 29 2 33 12 10 7 4 131
2006 1 17 13 5 17 22 19 29 38 17 9 4 191
2007 2 18 10 20 25 24 29 34 24 15 22 9 232
2008 14 7 20 14 23 46 30 46 37 19 12 27 295
2009 25 25 28 14 27 38 76 77 70 74 32 35 521
2010 43 53 39 34 51 103 88 79 57 65 58 41 711
2011 32 38 39 51 56 66 53 82 53 42 27 27 566
2012 35 24 39 40 45 39 46 52 27 24 17 14 402
2013 8 1 16 16 26 27 14 13 13 10 4 13 161
2014 7 10 3 9 4 12 9 5 6 3 3 4 75
2015 0 1 0 1 1 2 0 3 3 10 0 6 27
2016 3 0 0 0 2 1 0 2 0 3 4 1 16
2017 0 0 1 3 0 3 1 3 2 1 2 ? 16

Quelle: http://icasualties.org/OEF/index.aspx

Beim Einsatz in Afghanistan sind bisher 56 deutsche Soldaten zu Tode gekommen. Durch Fremdeinwirkung gefallen: 35, durch sonstige Umstände gestorben: 21

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Wenn also Stillstand das falsche Wort ist, was ist dann das richtige? Ich habe eines: Niederlage. Die Streitkräfte der USA und der Koalition kämpfen seit 16 Jahren im Krieg gegen Afghanistan. Aufstockungen sind gekommen und gegangen. Mehr als eine Billion Dollar wurden ausgegeben. Doch der Gegner behält die Initiative und diktiert weitgehend die Bedingungen des Konflikts. Was immer das ist, es ist kein "Sieg", es ist kein "Fortschritt", es ist auch keine " Pattsituation." Es ist eine verlorene Position, eine Niederlage, schlicht und einfach.

Es ist nichts falsch an einer Niederlage. Die allerbesten Schachgroßmeister verlieren; und wenn sie das tun, geben sie fast immer auf, bevor sie schachmatt gesetzt werden (völlig besiegt). Auf diese Weise sparen sie ihre Energie für den nächsten Gegner, auch wenn sie das verlorene Spiel studieren, um aus ihren Fehlern zu lernen.

Ist es nicht an der Zeit, dass die USA im Afghanistan-Krieg das Gleiche tun? Eine verlorene Position zugeben, zurücktreten und sich zurückziehen? Dann die Lehren daraus ziehen?

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Trump sagt natürlich, dass es ihm nur ums Gewinnen geht. Er wird trotz der verlorenen Position auch weiterhin die Figuren über das Brett schieben. Das ist keine Rückgängigmachung einer Pattsituation (was nach den Regeln des Schachspiels nicht möglich ist). Es ist nur eine Verzögerung der Niederlage - und zwar mit einem hohen Preis für all die "Figuren ", die auf dem Schachbrett Afghanistan herumgeschoben und geopfert werden.

William J. Astore, Oberstleutnant der US-Luftwaffe (USAF) im Ruhestand und Professor für Geschichte.

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Lesetipps:

Todesfälle in der Bundeswehr - Berlin, 03.04.2018 - Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 haben rund 3.200 militärische und zivile Angehörige der Bundeswehr infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten ihr Leben verloren. >> Bundeswehr.de >> Zahlen und Statistiken. (aktualisiert am 30.04.2018, H.S.)

Todesfälle im Auslandseinsatz - Berlin, 31.07.2017 - Von den seit 1992 in die Auslandseinsätze entsandten Bundeswehrangehörigen starben 109 – 37 Soldaten fielen durch Fremdeinwirkung, 72 kamen durch sonstige Umstände ums Leben. >> Bundeswehr.de >> Zahlen und Statistiken.



► Quelle: erschienen am 29. November 2017 auf > Bracing Views > Artikel und auf > Antiwar.com.

Die Weiterverbreitung des Textes ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen! Die deutsche Übersetzung wurde dort am 4.12.2017 freundlicherweise von Klaus Madersbacher / A zur Verfügung gestellt.

► Bild- und Grafikquellen:

1. Im Schach ist eine Pattsituation eine besondere Konstellation der Figuren, und eine oft frustrierende. Kurz gesagt, "Patt ist eine Situation im Schachspiel, in der der Spieler, der an der Reihe ist, nicht im Schach ist, aber keinen erlaubten Zug hat". (W.J. Astore). Quelle: Flickr und div. andere Seiten.

2. Atompilz über dem Weißen Haus in Washington. "What I did on my summer vacation" by Donald J. Trump... (...a photo-illustration so far!). Urheber / credit: Lorie Shaull, Washington / United States.. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

3. KRIEG und GEWALT - NOT IN OUR NAME! Foto: Flickr-User runran / Edmonton, a Canadian media artist with a background in creative writing, journalism and visual arts. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).