Der Sturmvogel: Maxim Gorki zum 80. Todestag

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Ron Augustin
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Der Sturmvogel: Maxim Gorki zum 80. Todestag
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Der Sturmvogel

Maxim Gorki zum 80. Todestag

Vor achtzig Jahren starb der unsterbliche Alexei Maximowitsch Peschkow, der sich Gorki, der Bittere, nannte. Bitter über die Verhältnisse, in denen die Menschen leben, aber auch unablässig optimistisch in seinem Vertrauen darauf, dass die Menschen sich mit den Verhältnissen nicht abfinden werden. Mit Romanen und Bühnenstücken wie "Foma Gordejew", "Die Mutter", "Nachtasyl" und Klim Samgin sowie mehr als 1300 Erzählungen und Aufsätzen ein Großer der Weltliteratur. Unsterblich, aber während einige seiner Theaterstücke weiterhin aufgeführt werden, gibt es von seinen Werken nahezu keine Neuauflagen in den Verlagsprogrammen der letzten 30-40 Jahre.

Enger Freund Lenins mit einem solidarisch-kritischen Verhältnis zur Partei- und Staatsführung der UdSSR, unermüdlich in der Förderung anderer Schriftsteller, Initiator zahlloser sowjetischer Kulturprojekte, wurde er zu Zeiten der als Perestroika bekanntgewordenen “Umstrukturierung” der sowjetischen Gesellschaft zur Zielscheibe einer Hetze, wie selbst einem bête noir wie Jean Genet kaum zuteil geworden ist. Noch Jahre nach dem Ende der Sowjetunion wurde er in Russland wie im Westen als stalinistischen “Götzen” betrachtet, den es vom Sockel niederzureißen galt. Sein Name wurde von den nach ihm benannten Orten und Straßen entfernt. Glücklicherweise wird in Moskau heute immer noch viel gelesen und nun gibt es dort seit kurzem sowas wie ein Gorki-revival. Sogar Gorkis Porträt, das vom Titelbild der gewichtigen Literaturzeitschrift Literaturnaja Gazeta entfernt worden war, prangt dort wieder neben dem Puschkins.

Gorki wurde am 16. März 1868 in Nishni Nowgorod geboren. Als er vier Jahre alt war, starb sein Vater, sechs Jahre später verlor er seine Mutter. Seine Kindheit verbrachte er hauptsächlich bei den Großeltern, die eine kleine Textilfärberei betrieben. Der Großvater soll ein jähzorniger und gewaltsamer Mensch gewesen sein, die Großmutter dagegen eine kluge Erzieherin, die dem Jungen unzählige russische Lieder, Sagen und Märchen beibrachte.

Da die Familie total verarmt war, musste er schon mit elf Jahren selbst sein Brot verdienen. Auf den Höfen der Stadt sammelte er Altmaterial, dann arbeitete er als Krämerlehrling, technischer Zeichner, Verladearbeiter und Geschirrspüler auf einem Wolgadämpfer, bis er sich auf dem Weg nach Kasan machte, wo er sich 1884 den dortigen revolutionär gesinnten Studenten näherte, immer bemüht, sich weiter zu bilden. Hier begann er, Das Kapital von Karl Marx [Das Marxsche Kapital Bd. I-III im Internet]  in der Übersetzung Plechanows zu lesen und revolutionäre Propaganda unter die Bauern des Wolgagebiets zu tragen. Jahrelang wanderte er an der Wolga entlang, lebte bei Fischern, Arbeitern, Obdachlosen und Verbannten, ernährte sich von Gelegenheitsjobs als Laufbursche, Hausdiener, Bäckereigehilfe, Nachtwächter, Eisenbahnaufseher oder was sich sonst so ergab.

In einer Tifliser Zeitung erschien 1892 seine erste Erzählung, "Makar Tschudra", die der damals Vierunzwanzigjährige mit dem Pseudonym “Gorki” zeichnete. Eine meisterhafte Geschichte von Zigeunerliebe, Freiheit, Stolz und Selbstachtung, die schon den unverwechselbaren Ton setzte für die gewaltige Produktion, die in den nächsten vierzig Jahren folgen würde – “Es gibt kein Pferd, auf dem jemand vor sich selber fliehen könnte!

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, die in Russland durch die Entwicklung des modernen Industrieproletariats gekennzeichnet waren, schrieb Gorki zahlreiche Erzählungen, die 1898 in einer zweibändigen Sammlung mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren herauskamen. Zurück in Nishni Nowgorod, begann er, Bühnenstücke zu verfassen. Die Ersten, "Nachtasyl" (im russischen Original "Auf dem Boden") und "Die Kleinbürger", trugen seinen Namen in die Welt hinaus, als sie in Berlin innerhalb der ersten zwei Jahren mehr als zweihundert mal aufgeführt wurden.
 
In dieser Zeit entstanden auch die Romane "Foma Gordejew" und "Drei Menschen" ( ONLINE lesen), von denen sein Zeitgenosse Jack London sagte, sie seien “keine schönen Bücher, aber enorm, mächtige Infragestellungen der bestehenden Lebensbedingungen.

Nach der Niederschlagung einer Demonstration von Studenten in Petersburg 1901 verfasste Gorki das "Lied vom Sturmvogel", das von der russischen Arbeiterbewegung in den Jahren bis zur Oktoberrevolution immer wieder als Kampflied aufgegriffen wurde. Während der Revolution von 1905 wurde Gorki verhaftet und in die Peter-Pauls-Festung eingekerkert, nach einem Sturm von Protesten im In- und Ausland aber bald wieder freigelassen. Gorkis Wohnung in Petersburg wurde ein Treffpunkt der illegalen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, wo für den Moskauer Aufstand ende 1905 Bomben hergestellt und Waffen gesammelt wurden. Dabei lernte er auch Lenin kennen. Mit Gorkis Hilfe wurde die erste legale Zeitschrift der Bolschewiki, Nowaja Shisn (Neues Leben), gegründet, deren Herausgabe von Lenin geleitet wurde.

Weil Gorki schon länger mit einer chronischen Lungentuberkulose kämpfte und die zaristische Regierung ihn mit einem Gerichtsverfahren drohte, veranlasste die Partei ihn zu einer Reise ins Ausland. Bevor er sich auf der italienischen Insel Capri niederließ, schrieb er während seines Aufenthalts in den USA den Roman "Die Mutter", der in der Bearbeitung Bertolt Brechts auch die Bühnen erobert hat.

Obwohl "Die Mutter" oft in ein Vorbild für den später so genannten sozialistischen Realismus uminterpretiert wird, könnte der Roman genausogut als einen Vorläufer des als Proletkult und Agitprop auch nur mangelhaft wahrgenommenen kulturellen Aufschwungs der ersten Revolutionsjahre betrachtet werden. Unvergleichbar sind darin Sätze wie “Für uns gibt es keine Nationen, keine Stämme, es gibt nur Genossen oder Feinde,” oder “Dem bloßen Wort glauben die Leute nicht, man muß erst leiden, das Wort in Blut tauchen,” und “Wenigstens vor dem Tod muß man mit der Wahrheit zusammen spazierengehen.

Bald darauf folgten Bühnenstücke wie "Die Feinde" und "Die Letzten", uraufgeführt in Berlin, und längere Aufsätze für die Nowaja Shisn wie Bemerkungen über "Bürgerlichkeit", "Die Zerstörung der Persönlichkeit", "Über den Zynismus", "Über das Problem des Antisemitismus", "Über die Dummköpfe" und "Zwei Seelen". Aufsätze, in denen er “die Kriecherei der bürgerlichen Seele” anprangert, Dostojewskis und Tolstois Fatalismus kritisiert, und sein “Hass gegenüber der alten Welt” zum Ausdruck bringt. Vor seiner Rückkehr nach Russland 1913 beendete er den ersten Teil einer autobiografischen Trilogie, die zehn Jahre später die Bände "Meine Kindheit", "Unter fremden Menschen" ( ONLINE lesen) und "Meine Universitäten" umfassen würde, in denen er mit dem “toten Leben” und dessen “bleiern lastenden Scheußlichkeiten” abrechnet.

Abgesehen von zwei großen Romanen, "Das Werk der Artamanows" ( ONLINE lesen) und "Klim Samgin" ( ONLINE lesen), arbeitete Gorki nach der Oktoberrevolution 1917 vor allem an Aufsätzen zu aktuellen politischen Themen und bemühte sich, gegen das noch weitverbreitete Analphabetentum anzukämpfen und junge Autoren dazu zu ermutigen, “dem Kleinbürgerdasein seinen Glanz zu nehmen”. In der weitgehend unterbelichtet gebliebenen Bildungs- und Kulturrevolution der ersten 10-20 Jahre spielte Gorki eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Gorki wurde Dozent an der ersten Arbeiter-und-Bauern-Universität, leitete eine Vielzahl von kulturellen Arbeitsgemeinschaften, gründete die erste sowjetische Kinderzeitschrift und initiierte mehrere große Verlagsprojekte zur Verbreitung von Klassikern der Weltliteratur, zur Geschichte der russischen Literatur und zur Dokumentation des Bürgerkriegs. Bedingt durch Krieg, Hunger, Kälte und Zerstörung der Wirtschaft kamen viele dieser Projekte nur langsam voran.

In einer Artikelserie mit dem Titel "Unzeitgemässe Gedanken" vertrat Gorki Anfang 1917 bis Anfang 1918 einen von Lenin schon vorher heftig kritisierten religiös gefärbten Humanismus, wozu Gorki Jahre später selbst schrieb, dass er sich geirrt hatte, “aus Furcht, dass die Diktatur des Proletariats zur Zertrümmerung der politisch ausgebildeten Revolutionäre führen könnte.” Die Freundschaft zwischen Lenin und Gorki wurde dadurch aber nicht im geringsten erschüttert. In den Worten der holländischen Kommunistin Henriette Roland Holst gehörten Gorkis Zweifel zu den “inneren Widersprüchen die den lebendigen Prozess einer sozialen Revolution ausmachen.” Für Lenin war Gorki “ein ausgesprochener Feind des Spießertums”, einer, der fähig war, “das Auseinandergerissene zusammenzuknüpfen.” Für Gorki war Lenin “scharfsinnig und weise”, immer dabei, “die Leute daran zu hindern, ihr gewohntes Leben zu führen.” Auch bewunderte er an Lenin, dass er “eine unbändige Feindschaft gegen alles hegte, was den Menschen entstellt und verkrüppelt”, und er “die Geschichte der Vergangenheit so gut kannte, daß er imstande war, aus der Zukunft auf die Gegenwart zu schauen.
 

Ab Ende 1921 hielt Gorki, schwer krank, sich auf Anraten Lenins wieder im Ausland auf, bis er Ende 1927 in die Sowjetunion zurückkehrte, wo er bis zu seinem Tod am 18.6.1936 blieb. Von seinen Gegnern, darunter den Schriftstellern Nabokow, Bunin und Solschenizyn, ist ihm sein zeitweiliges Einfügen in Stalins Politik vorgeworfen worden, aber Alternativen gab es da kaum mehr: die grösste Bedrohung ging für ihn vom wachsenden Nazifaschismus aus, was sich auch in den Theaterstücken aus dieser Zeit, "Somow und andere" und "Jegor Bulytschow und andere", niederschlägt. Allerdings hat er sich geweigert, Stalins Biografie zu schreiben.

In den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens hat Gorki eine Unmenge an Erzählungen und Aufsätzen produziert, die sich vor allem damit beschäftigen, wie die Menschen geholfen werden können, sich selbst zu verwandeln und sich aus den Überresten der alten Gesellschaftsordnung zu befreien. Gegen “den Kompromiß mit den Scheußlichkeiten der Wirklichkeit” schrieb er das Bändchen "Wie ich schreiben lernte", mit Ratschlägen wie, “die Wörter zusammenzupressen wie die Finger zur Faust.
 

Nicht weniger interessant ist seine Korrepondenz aus der Zeit, die mehr als 10.000 Briefe umfasst. Sie gehören zum Besten was es von ihm gibt, eine einzigartige Fundgrube, mit Perlen wie “Glück beginnt mit dem Haß gegen das Unglück”, und “Die Wahrheit ist immer da, wo der Teufel ist: links.” Das Gorki-Archiv am Moskauer Institut für Weltliteratur hat vor kurzem den 18. Band einer 24-teiligen Gesamtausgabe seiner Briefe fertiggestellt, aber auf Deutsch gibt es davon nur einige in der DDR veröffentlichte Zusammenstellungen, die zum Teil noch antiquarisch zu haben sind. Gorkis Briefe enthalten eine Fülle von Einsichten, die er bemüht war, mit anderen zu teilen, immer mit dem Ziel, “den Lebenswillen des Menschen zu stärken, in ihm den Geist der Rebellion gegen die Zwänge der Wirklichkeit zu wecken.

Bis zuletzt optimistisch aber ohne Illusionen: “Die Wirklichkeit bietet keinen Abschluß” schrieb er Lenins Frau Nadeshda Krupskaja. Oder wie er dem Literaturkritiker Alexander Woronski mit auf den Weg gab: “Du, mein Lieber, rebelliere, doch vergiß nicht, daß das eine Aufgabe für immer, für Jahrtausende ist.

Ron Augustin



Bild- und Grafikquellen:

1. Foto: Maxim Gorky’s authographed portrait. Foto: Urheberangaben fehlen. 1. Quelle: The New York Public Library Digital Collections (NYPL). 2. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist nach Absatz 1 Artikel 6 des Gesetzes Nr. 231-FZ der Russischen Föderation vom 18. Dezember 2006, dem Umsetzungsgesetz für das Buch IV des Zivilgesetzbuches der Russischen Föderation, in Russland gemeinfrei (in der Public Domain). Weitere Lizenz-Details siehe Wikimedia.

2. Gorki nach einem Holzschnitt der Leipziger Buchdruckerei (Ausgewählte Werke, SWA-Verlag, Berlin 1947). Foto: Scan aus dem Buch.

3. Maxim Gorki (rechts) und Lew (Leo) Nikolajewitsch Graf Tolstoi (links). Urheber: Leo Tolstoy's wife S.A. Tolstoy (Sofia Andreevna Tolstoy) who died in 1919. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers. Parallel zu dieser Lizenz muss auch ein Lizenzbaustein für die United States public domain gesetzt werden, um anzuzeigen, dass dieses Werk auch in den Vereinigten Staaten gemeinfrei ist.

4. Alexander Bogdanow (links) und Wladimir Lenin (rechts) beim Schachspiel mit Maxim Gorki (Bildmitte) während eines Besuches bei Gorki auf Capri, Italien -  April, 10 (23) - April, 17 (30) 1908. Foto: Juri A. Zheliabuzhski. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers. Parallel zu dieser Lizenz muss auch ein Lizenzbaustein für die United States public domain gesetzt werden, um anzuzeigen, dass dieses Werk auch in den Vereinigten Staaten gemeinfrei ist. Weitere Quelle: http://lenin-ulijanov.narod.ru/photo_17.html .

5. Alexei Maximowitsch Peschkow (Maxim Gorki) mit seiner ersten Frau Jekaterina Pawlowna Peschkowa. 1896 heirateten sie, 1897 wurde ihr Sohn Maxim Peschkow (1897–1934) und 1898 ihre Tochter Katja geboren, die fünfjährig an Meningitis starb. 1902–1903 lebte Gorki mi der Familie in Nischni Nowgorod in einer Wohnung, die jetzt Gorki-Gedenkstätte ist. 1903 nach dem Tode der Tochter trennten sie sich. Peschkowa starb 1965 im Kreml-Krankenhaus und wurde auf dem Friedhof des Nowodewitschi-Klosters begraben. Foto: Urheber nicht bekannt. Das Bild stammt aus einer zeitgenössischen Publikation von 1903.

6. Portrait of Maxim Gorky by Mikhail Nesterov, 1901. Urheber: Michail Wassiljewitsch Nesterow (1862–1942). 1. Quelle: Postenkarten mit Reproduktionen2. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist in Russland nach § 1256 des Zivilgesetzbuches der Russischen Föderation gemeinfrei. Wenn möglich sollte anstelle dieser Lizenz {{PD-Russia}} oder {{PD-old-100}} benutzt werden. Nach offizieller Ansicht der Wikimedia Foundation sind originalgetreue Reproduktionen zweidimensionaler gemeinfreier Werke gemeinfrei. Diese fotografische Reproduktion wird daher auch als gemeinfrei in den Vereinigten Staaten angesehen.

7. Buchtipp: "NACHTASYL" - Szenen aus der Tiefe. (engl.: The Lower Depths.) 96 Seiten, 122 x 187 mm, gebunden, Verlag ANACONDA. ISBN 978-3-86647-638-7; € 3,95 / sFr 6,50.

Der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben ... Mit seinem grandiosen und ebenso beklemmenden wie aufrüttelnden Drama "Nachtasyl" schuf der russische Dichter Maxim Gorki ein zeitloses Werk von weltliterarischem Rang - es gehört zu den bedeutendsten Stücken jener Zeit. Nach seiner Uraufführung 1902 entfaltete es eine ungeheure Wirkung: Denn hier gehört die Bühne nicht mehr den Begüterten, Privilegierten, sondern den Gedemütigten, den am Leben Gescheiterten. Ihr Platz ist das Nachtasyl, ein Elendsquartier, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und doch führt ihr Ringen um Selbstwert und Würde, ihr Träumen und Hoffen, die Macht des menschlichen Überlebenswillens auf ergreifende Weise vor Augen.

Der Leser wird in das Milieu des zaristischen Prekariats geführt, einer Gesellschaftsschicht, in der sich Gorki persönlich auskannte und dessen Sprachrohr er mit diesem und weiteren Stücken werden sollte. Gegenstand der Handlung ist eine illustre Gruppe von gescheiterten Figuren, die alle zusammen bei der Vermieterin Wassilissa und ihrem Mann Kostylew wohnen. Beide führen ihre Wirtschaft mit harter Hand und die Mieter haben sich in diesem Zustand eingerichtet. Bis eines Tages der lebenserfahrene und -frohe Wanderer Luka auftaucht und erst beiläufig, später gezielt die Situation und ihre Umstände hinterfragt.

Durch diesen externen Impuls aufgerüttelt, wandeln sich einige Bewohner von folgsamen Schafen zu mündigen Bürgern, die schließlich gegen ihre Vermieter aufbegehren. Das Stück endet tragisch und hinterlässt beim Leser den Eindruck einer gewissen Unvollkommenheit. Doch eben hier liegt Gorkis' Verdienst. Es wird kein Königsweg aufgezeigt, der die Menschen aus ihrer Unterdrückung befreit. Vielmehr liefert "Nachtasyl" Denkanstöße zum Umgang miteinander und steht damit im Lichte eines kollektiven Humanismus. Denn nicht die Regierung ist entscheidend, oder der Staat, sondern immer nur der Mensch. Auf der Basis dieser Erkenntnis stehend ist das Stück auch mehr als hundert Jahre nach seiner Erscheinung noch aktuell und sollte daher unbedingt empfohlen und gelesen werden.