Der Untergang des Morgenlandes

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Der Untergang des Morgenlandes
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Der Untergang des Morgenlandes


von Hermann Wollner


Seit dem Zusammenprall der Perser mit den Griechen einerseits und den Indern andererseits erlangte die antike Welt eine solche Ausdehnung und gleichzeitig einen solchen geistigen Zusammenhang, daß sie die himmels-geographischen Richtungen von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zur Bezeichnung ihrer kulturellen Verschiedenheit nutzte. Alle Landstriche, in denen man Persisch, Aramäisch oder Ägyptisch (Koptisch) sprach, gehörten zum Morgenland, und alle Territorien, in denen man Griechisch sprach, gehörten zum Abendland.
 

 

Bis weit nach dem Untergang des (West-)Römischen Reiches bestand kein Grund, diese Himmelsrichtungs-Benennungen mit anderen als folkloristischen Unterschieden (Sprache, Tracht, Namen der Götter) in Verbindung zu bringen. Ob Römer, Griechen, Syrer oder Perser – alle lebten von Ackerbau und Viehzucht und betrieben vielfältige Gewerbe mit Geschick. Architektonische Relikte gelten uns auch heute noch als Beweise des (gleich) hohen kulturellen Standes dieser Völker. Ehe auch nur ein abendländisches Schiff sich etwa bis Thule wagte, hatten die Phönizier schon Afrika umrundet und die Perser Handelskolonien auf Sansibar und an der ostindischen Küste. Die Kunst der Bewässerung beherrschten babylonische und ägyptische Ingenieure bereits, als die Abendländer noch gar kein Wort für »Ingenieur« besaßen.

Im siebten Jahrhundert übernahmen Araber, unausgesetzt »Allah!« rufend, die Herrschaft im Morgenland und erweiterten es kräftig über Nordafrika bis Spanien und Sizilien. Die einwohnenden Ägypter, Syrer, Perser übernahmen die Sprache als Verkehrsmittel, aber behielten selbstverständlich ihre kulturellen und technischen Werte und Güter in der nun morgenländisch-islamischen Welt. Ihr Pech war, daß sie sich mit dem ererbten Wissen begnügten; zu wenig Neugier entwickelten. Auf einem Gebiet nach dem anderen gerieten die Morgenländer wortwörtlich ins Hintertreffen. Die Franken lernten das Damaszieren der Schwerter, die Spanier lernten den Anbau medischen Klees (Luzerne) und persischer Äpfel (Pfirsiche), und die Italiener bauten 300rudrige Schiffe, mit denen im elften Jahrhundert Heerscharen fränkischer Ritter ins syrische Morgenland gerudert wurden. Syrische Christen stellten die Fußtruppen für die abendländischen Ritter im Kampf gegen islamische Emire. Das hatten die Muslime nicht vergessen, als sie Antiochia und Edessa zurückeroberten.
 

 

Während im Abendland ab dem zehnten Jahrhundert unzählige Klöster und immer neue Universitäten Erfahrung und Wissen akkumulierten, gab es im ganzen Morgenland nur eine Handvoll derartiger Einrichtungen. Dort wurde immer noch mit Federkielen auf Pergament und Papyrus geschrieben, als man im Abendland schon auf leicht herstellbarem Papier und im Druckverfahren Bücher aller Wissensgebiete europaweit verbreitete. Die Schmiede des Morgenlandes brachten es im Bearbeiten von Silber und Gold zu großer Meisterschaft, aber die massenhafte Herstellung von Eisen und Schiffen war westliches Know-how. Dicht- und Erzählkunst, Musik und »Damast«-Seidenweberei auf hohem Niveau waren kein Ersatz für geometrisch kalkulierte Gebäude, Mauern, Maschinen und Meeresfahrzeuge.

Die Araber hatten den Abendländern ihre arabischen Ziffern und das methodische Rechnen (»nach al-Gorithmus«) gemäß ihrem großen Mathematiker al-Ḫawārizmī (813–864) beigebracht – und machten selbst zu wenig Gebrauch davon. Während im Abendland von Laien erkannt wurde: »Zeit ist Geld«, zitierten die Morgenländer, gemütlich Pfeife rauchend: »Allah hat die Zeit erschaffen; von Eile hat er nichts gesagt.« Das Wissen abendländischer Mediziner wurde alsbald in lateinisch gedruckten Büchern über ganz Westeuropa verbreitet – Ärzte vermochten so »Gott zu spielen« – im Morgenland blieb es dabei: »Es ist Allahs Wille, ob ein Mensch gesund wird oder stirbt.« In gelehrten Zeiten, die zu allem und jedem einen »Ismus« bilden wollten, nannte man diese Weltanschauung Fatalismus (Schicksalsergebenheit).

Irgendwann schlägt Quantität in Qualität um. Reisefreudige (englische) Abendländer, deren Glaube Geschäftstüchtigkeit hieß, bewogen beispielsweise den persischen Padischah im 18. Jahrhundert dazu, ihnen das Monopol auf den Tabakaufkauf zu übertragen, während das Erscheinen muslimischer Händler auf einer europäischen Messe eine Ausnahme blieb. Die Abendländer bauten im 19. Jahrhundert zwischen Port Said und Suez einen Kanal, aus dem sie blankes Gold schöpfen konnten, während die einheimischen Karawanen zusätzlich einen Fährzoll zu entrichten hatten. Im 20. Jahrhundert gab es im Morgenland keine Baustelle ohne abendländische Technik, keine Straße ohne Autos aus abendländischer Produktion. Das »islamische« Manufakturwesen hatte gegen die »christliche« Industrie verloren.

Und nun wissen Sie, welches Land wirklich »untergegangen« ist.

Hermann Wollner

 

 



Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft - Heft 5/2015 > zum Artikel

 

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

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Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.
 

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1. ABEND im MORGENLAND. Foto: Flickr-user _rami_  / Raphael Michel, Heidelberg > www.raphaelmichel.de/. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0)

2. Die Sultan-Ahmed-Moschee (türkisch Sultanahmet Camii) in Istanbul wurde 1609 von Sultan Ahmed I. in Auftrag gegeben und bis 1616, ein Jahr vor dem Tod des Sultans, vom Sinan-Schüler Mehmet Ağa erbaut. Nach der Säkularisation der kaum 500 Meter entfernten Hagia Sophia ist sie heute Istanbuls Hauptmoschee und ein Hauptwerk der osmanischen Architektur. In Europa kennt man sie als Blaue Moschee wegen ihres Reichtums an blau-weißen Fliesen, die die Kuppel und den oberen Teil der Mauern zieren, aber jünger als der Bau selbst sind..

The imposing six minarets of The Sultan Ahmed Mosque (Blue Mosque). Foto: Jorge Láscar. Quelle: Wikimedia Commons / Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0)

3. Containerschiff CMA CGM Puget im Suezkanal. Der Sueskanal (auch Suezkanal) ist ein Schifffahrtskanal in Ägypten zwischen den Hafenstädten Port Said und Port Taufiq bei Sues, der das Mittelmeer über den Isthmus von Sues mit dem Roten Meer verbindet und der Seeschifffahrt zwischen Nordatlantik und Indischem Ozean den Weg um Afrika erspart. Er wurde am 17. November 1869 eröffnet. Seine Länge beträgt 162,25 km. Seit der 2009 fertiggestellten Vertiefung ist er einschließlich der nördlichen und südlichen Zufahrtskanäle 193,3 km lang.

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