Die Deutsche Bank ist weder deutsch noch eine Bank

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Die Deutsche Bank ist weder deutsch noch eine Bank
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Die Deutsche Bank ist weder deutsch noch eine Bank

Anshu Jain als neuer Chef des globalen Finanzkraken


Von WERNER RÜGEMER

 

Anshu Jain, seit 1995 leitender Angestellter der Londoner Niederlassung der Deutschen Bank, ist ihr neuer Chef. Seit einem Jahrzehnt ist er mit 150 Millionen Euro jährlich der bei Weitem höchstbezahlte Angestellte einer deutschen Aktiengesellschaft. Gleichzeitig arbeiten sich deutsche Medien „kritisch“ am 15-Millionen-Einkommen von Jains bisherigem Chef Josef Ackermann ab. Diese Dauerbeschäftigung mit dem Peanuts-Gehalt des Schweizer Panzeroffiziers d.R. zeigt, wie die deutschen Leitmedien das Bild der Deutschen Bank manipulieren – und es weiter tun werden.


Der Aufstieg des Anshu Jain

Jains Familie gehört in Indien zur Religionsgruppe der Jainas. Wegen ihrer strengen ethischen Regeln – dazu gehört unter anderem die Nichtverletzung von Lebewesen – dürfen die Anhänger nicht jeden Beruf ausüben. Oft arbeiten sie deshalb im Handel, im Bankgewerbe oder als Staatsbeamte. Jains Vater stieg im indischen Rechnungshof auf, Jains Cousin Ajit gehört zur Leitung von Warren Buffets Insvestmentholding Berkshire Hathaway.

Anshu Jain wurde in einer der teuren Privatschulen New Delhis unterrichtet, standesgemäß studierte er in Massachusetts/USA. Danach ging er an die Wall Street. In der Investmentbank Merrill Lynch baute er seit Ende der 1980er Jahre als Erster in der US-Bankenszene eine Abteilung für Betreuung und Beratung von Hedgefonds auf – diese unregulierten Finanzakteure waren und sind die Stars der globalen Finanzindustrie.

Sie arbeiten mit minimalem Eigenkapital, bekommen für ihre enormen Transaktionen die Kredite von den Investmentbanken. Sie wurden und werden nicht staatlich kontrolliert. Offiziell werden sie „Schattenbanksystem“ (shadow banking) genannt. Die wichtigsten unter ihnen sind heute nicht nur die Herren der Finanzindustrie, sondern auch der Wirtschaft. Sie sind die entscheidenden Eigentümer der großen Banken und Konzerne – zum Beispiel vom Großteil der dreißig deutschen DAX-Konzerne – wie auch etwa der führenden Ratingagenturen Standard & Poor‘s und Moody‘s.

Von der Wall Street ging Jain zur Deutschen Bank in London. Hier dirigierte er eine Armee von Händlern („Anshu‘s Army“). Sie kauft und verkauft in rasender Geschwindigkeit Unternehmens- und Staatsanleihen, Aktien, Devisen, Rohstoffe und Derivate. Strukturierte Wertpapiere und Produkte mit geringem Eigenkapital und großer, mit Fremdkrediten ermöglichter Hebelwirkung und dazu mit höchstmöglicher Intransparenz – das ist das Gewerbe dieser Finanzarmee. Damit spielte das Londoner „Powerhouse“ mindestens die Hälfte des Bankengewinns ein. Jains Gefolgsleute haben die Deutsche Bank in einen „riesigen Hedgefonds“ verwandelt, schrieb das Wirtschaftsmagazin Economist.

Die Jainas sind der Gewaltlosigkeit gegenüber Mensch und Tier verpflichtet, und sie sollen sich nicht an fremdem Eigentum vergreifen. Nach dieser schönen Ethik soll, so heißt es, auch der eher stille Anshu Jain mit Frau und zwei Kindern im reichen Londoner Westen leben. Doch der ethische Familienmensch, als Banker tätig, wird zum gnadenlosen Berserker: Er verwandelt Nahrungsmittel in Spekulationsprodukte und treibt Millionen Menschen, auch in seinem Heimatland, in den Hunger. Zu den zutiefst unethischen Finanzprodukten der Jain-Bank gehören sogar Wetten auf das Sterbealter von Rentnern. Jede mitverursachte „Krise“ ist für eine solche Bank keine Krise, sondern die Möglichkeit zu neuen Enteignungen von Staaten, Unternehmen und Sozialsystemen.


Legal, illegal, scheißegal

Jain und seine Army deklarieren sich als Teil der westlichen Demokratie. Bei Bedarf werden aber auch deren Regeln gebrochen – routinemäßig. So steht in den USA die Deutsche Bank zusammen mit Goldman Sachs erneut unter vielfacher Anklage. Sie profitierten am meisten von den Rettungsmilliarden der US-Regierung. Die Deutsche Bank gehörte mit Jain zu den Banken, die mit den frühzeitigen Wetten auf fallende US-Immobilien betrügerische Milliardengewinne gemacht haben sollen. Mit Zinswetten, Cross Border Leasing und anderen Finanzprodukten hat die Bank Kommunen, andere Banken und Anleger getäuscht; ob in den USA, Deutschland oder Italien – Dutzende von Gerichtsverfahren laufen, der Bundesgerichtshof (BGH) verurteilte die Bank wegen Falschinformation zur Zahlung einer halben Million Euro Schadenersatz. Der kurzfristig vor dem Ausbruch der Krise gekaufte US-Immobilienfinanzierer MortgageIT wurde von der US-Regierung auf Schadenersatz verklagt, in einem Vergleich einigte sich die Deutsche Bank mit dem Gegner auf eine Zahlung von 200 Millionen US-Dollar. Klagewellen rollen auf die Deutsche Bank zu. Sie hat in den letzten Jahren dreistellige Millionensummen an Bußgeldern gezahlt. Hauptverantwortlicher: Jain. Doch weder er noch sonst ein Manager zeigen Unrechtsbewusstsein. Sie stehen über dem Gesetz. Bußgelder sind Betriebskosten.

In Frankfurt, New York, Mailand, Moskau, Buenos Aires, nahezu weltweit unterhält die Deutsche Bank Niederlassungen. Sie agieren im Rahmen der jeweiligen Aktiengesetze. Sie sind die legalen Arme der Bank. Als solche gibt die Deutsche Bank zum Beispiel Griechenland Kredite bzw. kauft griechische Staatsanleihen. Gleichzeitig organisieren Hedgefonds im Hintergrund und im Zusammenspiel mit der Bank das Spiel mit den Kreditausfallversicherungen und anderen Kredit- und Anleihederivaten. Deren Finanzvolumen ist zehnmal größer als die 300 Milliarden Euro griechischer Staatsschulden (Spillover-Effekt).

Gleichzeitig betreibt die Deutche Bank auch ein unterirdisches Netz von 1.064 Zweckgesellschaften, Beteiligungen u.Ä. in Finanzoasen wie Cayman Islands, Delaware, St. Helier und weiteren Orten. Solche Firmen dürfen und sollen ihre Aktivitäten verheimlichen. Das sind gut die Hälfte der 2.072 Unternehmenseinheiten, aus denen die Bank besteht. Die Finanzoasen, in denen auch die Hedgefonds ihren rechtlichen Sitz haben, stehen außerhalb der üblichen Regulationen, aber aus dieser okkulten Parallelwelt heraus wird das heutige Finanzsystem regiert.

So verfügt die Deutsche Bank nach Mafia-Art über legale und illegale Operationsformen, über (halbwegs) regulierte und exterritoriale, nichtregulierte Standorte. Sicher: Die Bezeichnung „illegal“ ist problematisch, weil besonders die „demokratischen“ Staaten diese Praxis fördern. Aber im menschen- und völkerrechtlichen Sinne haben wir es mit illegalen, kriminellen Praktiken zu tun.


Jains neue Mannschaft

Die Haupteigentümer der Bank wollten als neuen Vorstandschef nicht Ackermanns Wunschkandidaten, Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber. Sie wollten Jain. Larry Fink, Chef des größten Hedgefonds der gegenwärtigen Welt, Blackrock, und zugleich größter Einzelaktionär der Deutschen Bank, ließ in der New York Times verlauten, als das Postengerangel zwischen Ackermännern und Jains tobte: „Anshu macht einen fantastischen Job“: Das war die Entscheidung. Sie lag ohnehin schon vorher fest.

Im neuen Vorstand, einem Club von 18 Männern, gehört die Mehrheit zu Anshu’s Army. Bevor ihre Mitglieder zur Deutschen Bank kamen, haben sie an der Wall Street gelernt. Stephan Leithner war früher bei McKinsey. Henry Ritchotte kommt wie Jain von Merrill Lynch. Gunit Chadah war zuvor bei der Citigroup. Alan Cloete lernte das lukrative Bankrottieren bei Lehman, Colon Fan dasselbe bei der United Bank of Switzerland (UBS). Der US-Amerikaner Richard Walker bleibt Chefjurist, um weiter das angelsächsische Eigentumsrecht durchzusetzen.

Neuer Aufsichtsratschef wird Paul Achleitner, der mitgeholfen hat, den Versicherungskonzern Allianz mit Hedgefonds zu verknüpfen. Sein Stellvertreter wird Siemens-Chef Peter Löscher, damit niemand den falschen Eindruck gewinnt, Konzerne der „Realwirtschaft“ würden sich vor allem mit „Realwirtschaft“ befassen. Übrigens gehören Hedgefonds natürlich auch zu den Haupteigentümern von Siemens, so zum Beispiel der Deutsche-Bank-Hauptaktionär Blackrock.

Die PR-Agentur Hering Schuppener (Motto: „Botschaften, die den höchstmöglichen Mehrwert generieren“) soll die Übergangsphase bis zum formellen Machtantritt von Anshu‘s Army begleiten. Die Agentur streute in die deutsche Medienwelt ein: Jain sei nicht nur ein cooler US-Banker aus London, sondern er schätze europäische Kultur, er trinke nämlich gern französischen Wein; und er freue sich, demnächst den deutschen Riesling zu kosten. Daran kann man erahnen, welch schwere Verdummungsarbeit auf Thorsten Strauß wartet, den Ex-Sprecher des Bertelsmann-Konzerns: Bis zu seinem Amtsantritt am 1. Juni 2012 als Deutsche-Bank-Sprecher durfte er gar nichts sagen. Nun soll er den Deutschen verkaufen, dass Jains Bank auch zukünftig mit der „deutschen Kultur“ bestens vereinbar ist. Als Jain seinen ersten offiziellen deutschen Satz sprach, waren die Kameras auf ihn gerichtet – genauso wird es sein, wenn er öffentlich den ersten Riesling verkostet.


► Globaler Finanz- und Machtkrake

Die antikoloniale Politik Indiens unter Gandhi und Nehru war für Jains Familie ein privilegienbedrohender Staatssozialismus. Die Forderungen heutiger Bankenkritiker findet Jain „maßlos“. Er glaubt, dass Politiker die Finanz- und Wirtschaftskrise nur als Vorwand betrachten, um Marktwirtschaft und unternehmerische Freiheit zu zerstören. Vor Begegnungen mit Bürgern und Occupy-Aktivisten lässt Jain sich von einem Ex-Mitglied des US-Elitetrupps Navy Seals schützen.

Die Deutsche Bank ist mit Jain keine Bank, sondern endgültig eine Vorfeldorganisation mehrerer Hedgefonds. Mit ihrer mafiaähnlichen Doppelstruktur kann man sie sich auch als Finanzkraken vorstellen, der vielarmig zwischen dem dunklen Reich der Schattenbanken und dem vermittelt, was in den Kapitaldemokratien „Öffentlichkeit“ genannt wird – politisches und Rechtssystem, Medien, Bürger und Bankkunden.

Die Eigentümer hoffen, dass Anshu‘s Army die Bank zu „neuer Größe“ führt: Sie soll unter die Top Five der Welt aufsteigen, nachdem sie unter Ackermann bei aller Expansion tief abrutschte. Sie soll neue Geschäftsfelder erschließen, vor allem in Asien und in den USA.

Allerdings weiß keiner besser als Jain, dass seine krisenverursachenden Finanzoperationen nur mit staatlicher Rückversicherung hohe Gewinne bringen. So machte er artig seine Aufwartung bei diversen Regierungen, so bei Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble, der untertänigst Lob abließ: „Jain ist ein brillanter Banker mit globaler Perspektive.“ Auch die Spenden an die richtigen Parteien in den USA, in Deutschland usw. werden weiterfließen, und Jain wird nach Ackermann wohl die Präsidentschaft der internationalen Bankerlobby International Institute of Finance (IIF) bei der Deutschen Bank halten. Bei den Staatsverschuldungs- und „Rettungs“-Konferenzen wird nun Jain statt Ackermann mit an den Regierungstischen sitzen.

Auch Jain drang auf den Kauf der deutschen Postbank: Die Millionen Bürger-Kleinkunden, eigentlich für Investmentbanker uninteressant, bedeuten bei kommenden Finanzkrisen eine zusätzliche Staatsgarantie: Jede Regierung würde die Deutsche Bank retten „müssen“. Der Finanz- und Machtkrake als Enteignungsmaschine.

Die Deutsche Bank zerschlagen: Recht so! Doch dann fängt die eigentliche Arbeit erst an.
 



Quellenangabe, Infos zum Autor und Literaturempfehlungen:

 

Der Artikel erschien zuerst in Nachrichtenmagazin Hintergrund, Heft 3, 2012  und auf hintergrund.de am 23.08.2012

Infos über Anshu Jain bei Wikipediaklick hier

Infos über den Autor Werner Rügemer auf seinem Blogklick hier

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Werner Rügemers Buch »Rating Agenturen«zur Buchvorstellung


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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Der Kapitalmarkt als weltumspannender Krake

Das Kapital beherrscht die Welt

 

Werner Rügemer betreibt in seinen Veröffentlichungen schonungslose Aufdeckungsarbeit hinsichtlich Privatisierungsvorhaben und den internationalen Verflechtungen des Kapitals. Wie auch gerade in seinem KN-Artikel "Ratingagenturen" deutlich wird, befindet sich die Welt praktisch in den Händen von Finanzkraken. Es handelt sich dabei um eine Vernetzung der Kapitaleigner durch Beteiligung an sämtlichen Multis, Banken und Ratingagenturen, die ihnen eine unvorstellbare Machtfülle sichert. Da es nur in Ausnahmefällen um Mehrheitsbeteiligungen handelt, mit denen sich die Geldgeber eingekauft haben, bleibt dieses Wirken dem Uninformierten verborgen. Aber durch die ineinander verschachtelten Mehrfachbeteiligungen, die sich überlagern, ergeben sich de facto Einflußsphären, die das gesamte wirtschaftlichen und politische Geschehen steuern können.

© Klaus Stuttmann, Berlin

 

Wenn ich die anonymen Begriffe "das Kapital" oder "der Markt" benutze, so sollte dies kein Anlaß für eine schwammige Verschwörungsdebatte sein. Hinter diesen Bezeichnungen stehen zunächst einmal konkrete Konzerne, Unternehmen oder Banken. Deren Interessen vertreten außer der Politik zunächst einmal vordergründig das Management - an der Spitze die Vorstandsvorsitzenden. In unserem Beispiel der Deutschen Bank ist es der saubere Herrr Anshu Jain, der sich scheinheilig mit der Ethik der Sekte der Jainas getarnt hat. Diese Spitzenmanager wie Jain kommen zwar in den Genuß eines hohen Einkommens, das jedoch auch nur ein Gehalt bleibt und im Vergleich zu den vermögensbildenen Maßnahmen der  Arbeitgebern der "Jains" nur Peanuts darstellt.

Wie bereits erwähnt, meiden die wahren Drahtzieher und Kapitaleigner die Öffentlichkeit und wie der Teufel das Weihwasser, in Verbindung mit politischen Ereignissen gebracht zu werden. Sie lassen lieber ihr Personal, die Marionetten aus Management und Politik für ihre Interessen arbeiten. Angela Merkel z. B. wird auch gerne "Dienstmagd" oder "Kaltmamsell des Kapitals" genannt. Man hat den Eindruck, daß ein Großteil der in den Bann gezogenen Politiker sich selbst des vollen Umfangs und der Konsequenzen ihres Handelns nicht bewußt sind. Sie beweisen uns in der alltäglichen Politik auf allen Ebenen, daß sie die Staatseinnahmen nicht für das Gemeinwohl verwenden sondern sie veruntreuen und der Geldmafia zum Fraß vorwerfen.

Die Folgen derartig verwerflicher Entscheidungen bedrohen uns in allen Lebenslagen und Bereichen. So in der von Werner Rügemer aufgezeigten Finanznot der Kommunen und Länder, im Sozialstaatsabbau, in den Rentenkürzungen und Ruinierung des solidarischen Gesundheitssystems, in der Bildungs- und Verkehrspolitik. Nasse Füßen bekommen immer zuerst die Armen, Bedürftigen, Alten und Kranken. Der sog. Mittelstand wähnt sich noch in Sicherheit - nicht ahnend, daß der Abgrund schon gähnt -, tritt nach unten, verschließt Augen und Ohren und blickt voller Bewunderung nach oben zu den besseren Plätzen, die man ihm ebenfalls versprochen hat. Aber die Ernüchterung über nicht erfüllte Hoffnungen bleibt unausweichlich, doch dann ist es bereits zu spät.

 

Peter A. Weber

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