Die kühle Gesellschaft. Von der Unmöglichkeit der Nähe (CLAUDIA SZCZESNY-FRIEDMANN)

1 Beitrag / 0 neu
Bild des Benutzers Helmut S. - ADMIN
Helmut S. - ADMIN
Online
Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Die kühle Gesellschaft. Von der Unmöglichkeit der Nähe (CLAUDIA SZCZESNY-FRIEDMANN)
DruckversionPDF version

Die kühle Gesellschaft.  Von der Unmöglichkeit der Nähe

Autorin:  Claudia Szczesny-Friedmann

Verlag:  Kösel (1991)

ISBN-10: 3-466-30312-5  /  ISBN-13: 978-3466303120

als Taschenbuch 1994 im Droemer / Knaur Verlag mit ISBN-13: 978-3426770849 erschienen.

Beide Ausgaben haben 212 Seiten und sind sehr einfach bei booklooker.de antiquarisch für 3 - 7 € erhältlich. Nachfolgend die Klappentexte beider Versionen:

Zwischenmenschliche Beziehungen werden heute häufig als beliebig austauschbar und jederzeit aufkündbar betrachtet. Die Psychologin Claudia Szczesny-Friedmann stellt in ihrem Buch fest, daß die Auflösung traditioneller Beziehungsformen zunehmend Distanz zwischen den Menschen schafft und Kontakte vorwiegend durch Rivalitäts- und Konkurrenzdenken geprägt werden. "Von der Unmöglichkeit der Nähe in der modernen Gesellschaft zu sprechen, die Risiken und Hindernisse enger menschlicher Beziehungen zu beschreiben, heißt, diese in Frage zu stellen, wenn nicht gar, den einzelnen zu ermutigen, sie zu überwinden", so die Autorin.
_______________________

Es ist ein Zug der Moderne, alle Schwierigkeiten und Probleme, die in zwischenmenschlichen Beziehungen auftauchen, dem einzelnen anzulasten. Aber sind wir wirklich selbst schuld, wenn es uns nicht gelingt, tragfähige Bindungen aufzubauen und Nähe zu unseren Mitmenschen zu schaffen? Oder versagt nicht vielmehr die moderne Gesellschaft bei der Aufgabe, die Beziehungen der Menschen untereinander befriedigend zu regeln?

Claudia Szczesny-Friedmann analysiert in ihrem Buch, wie die zunehmende Auflösung traditioneller Beziehungsformen Distanz zwischen den Menschen schafft, zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen dem einzelnen und den anderen. Kontakte sind vorwiegend durch Rivalitäts- und Konkurrenzerfahrungen geprägt, die Bereitschaft, sich dauerhaft auf andere einzulassen, wird aufgegeben zugunsten einseitiger Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen. Dabei läßt gerade das Brüchigwerden unserer sozialen Bindungen deutlich werden, wie sehr wir nach wie vor auf unsere Mitmenschen und auf verläßliche Beziehungen angewiesen sind.

Dr. phil. CLAUDIA SZCZESNY-FRIEDMANN, geboren 1953, hat Psychologie, Soziologie und Philosophie studiert und arbeitet freiberuflich als Psychologin, Journalistin und Autorin. Sie hat viele Jahre für die Redaktionen „Wissenschaft“ und „Kulturkritik“ des Bayerischen Rundfunks geschrieben und u.a. folgende Sachbücher zum Thema Psychologie veröffentlicht:

  • „Wie Du mir. Zu Risiken und Nebenwirkungen im Umgang mit Menschen. Ein evolutionspsychologischer Ratgeber“ (2009)
  • „Du machst mich noch verrückt. Psychoterror in Beziehungen“ (Reinbek, 1999);
  • „Die neue Großfamilie. Notlösung oder Zukunftsmodell“ (Reinbek, 1996);
  • „Die kühle Gesellschaft. Von der Unmöglichkeit der Nähe“ (München, 1994 und 1991).
     


Auszüge aus Claudia Szczesny-Friedmann's


"Die kühle Gesellschaft" - Von der Unmöglichkeit der Nähe


Vorwort

Menschliche Existenz ist gefährdet. Um das Überleben des einzelnen und der menschlichen Art zu sichern, haben sich Menschen deshalb von jeher zusammengeschlossen und versucht, gemeinsam Mittel und Wege zu finden, das Leben zu bestehen. Dies machte es dann aber auch notwendig, das Zusammenleben der Menschen so zu organisieren, daß der soziale Zusammenhalt gewährleistet war und keiner zum Opfer der rohen Gewalt eines anderen wurde. All jene Leistungen und Einrichtungen, die wir unter dem Begriff "Kultur" zusammenzufassen pflegen, dienen letztlich diesen zwei Zielen: den Menschen vor den Unbilden der Natur zu schützen und zugleich die Beziehungen der Menschen untereinander befriedigend zu regeln. An diesen beiden Ansprüchen muß sich jede Kultur messen lassen, auch wenn wir dabei von vornherein sicher sein können, daß sie nie zur vollkommenen Zufriedenheit aller Menschen und in jedem Fall nur annäherungsweise erfüllt werden können.

Was die Kultur in den westlichen Industrieländern der Gegenwart betrifft, so hat es allerdings den Anschein, als ob sie bei dem Versuch, den Bedürfnissen der Menschen nach Sicherheit zu entsprechen, ihre grundlegenden Ziele aus den Augen verloren hätte. Die Anstrengungen, die im Verlauf der Industrialisierung und Modernisierung unternommen wurden, Natur zu beherrschen, drohen nämlich bekanntlich inzwischen unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Was einmal Mittel zum Zweck war, wurde Zweck in sich selbst: auf diese Weise beschwor die technologische Entwicklung der letzten hundert Jahre neue Risiken herauf, statt die Risiken menschlicher Existenz nur zu mindern. So geht es heute nicht mehr nur darum, die Menschen vor der Natur zu schützen, sondern ebensosehr darum, die Natur vor dem Zugriff der Menschen zu schützen: eine historisch völlig neue kulturelle Aufgabe.

Das Unbehagen an der Kultur der Moderne rührt aber nicht allein daher, daß wir nun mit selbst produzierten Gefahren zu leben haben, deren Bewältigung nicht in Sicht ist; eine weitere wesentliche Quelle der Frustration des modernen Menschen liegt in seinen Beziehungen zu anderen Menschen. Diese Beziehungen werden vom einzelnen nämlich zunehmend als mangelhaft und unbefriedigend empfunden, nicht als Rückhalt und Bereicherung, sondern als Belastung, wenn nicht gar als Bedrohung seiner persönlichen Autonomie. Auch die Art und Weise, in der wir die Beziehungen der Menschen untereinander geregelt haben, läßt das ursprüngliche Ziel menschlicher Gemeinschaft also immer weniger ahnen: sich bei der Bewältigung des Lebens gegenseitig zu unterstützen. Dabei ist es ein charakteristischer Zug der Moderne, alle Schwierigkeiten und Probleme, die in zwischenmenschlichen Beziehungen auftauchen, dem einzelnen anzulasten. Was in Wirklichkeit eine Folge soziokultureller Gegebenheiten ist, wird deshalb meist nur als privater Konflikt, als persönliches Versagen, als individuelle Störung sichtbar, und auch nur auf dieser Ebene einer möglichen Lösung zugeführt. Das Allgemeine im Besonderen der sozialen Beziehungen der Moderne zu beschreiben, ist deshalb Anliegen dieses Buchs. Es handelt von den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, zwischen dem einzelnen und den anderen, zwischen Erwachsenen und Kindern – und von den Bedingungen der Unmöglichkeit der Nähe zwischen ihnen.


Nicht mit dir und nicht ohne dich ...


► Nutzen und Kosten menschlicher Nähe: eine unausgewogene Bilanz?

Fünf Milliarden Menschen leben heute auf dieser Welt [Anm. Admin: aktuell 7,2 Mrd.], und so gut wie alle sind in mehr oder weniger festen Verbänden organisiert, die wir Staaten nennen: 150 sind es derzeit etwa. Die meisten von ihnen sind Organisationen, die mehrere Millionen menschliche Individuen umfassen; einige haben mehr als 100 Millionen Angehörige, und es gibt sogar einen Staat, der mehr als 1000 Millionen Menschen organisatorisch zusammenfaßt. Die Zahl der Menschen, mit denen es ein einzelner tatsächlich zu tun hat, ist im Vergleich dazu verschwindend gering. Der Personenkreis, zu dem etwa ein Großstadtbewohner der westlichen Welt unmittelbare und persönliche Beziehungen unterhält, umfaßt nur 20 bis 50 Personen, seine Familienangehörigen, entferntere Verwandte, Freunde und Nachbarn. Etwas größer ist der Kreis derer, die man kennt und wiedererkennt, denen man jedoch keinen besonderen Platz im eigenen Leben einräumt: sogenannte Bekannte, Arbeitskollegen, Menschen, deren Dienste man in Anspruch nimmt oder denen man Dienste erweist, ohne ihnen darüber hinaus Beachtung zu schenken. Alles andere sind "Leute", Menschen, in deren Mitte man sich wohl bewegt, die man aber kaum wahrnimmt; man geht aneinander vorbei, jeder seinen eigenen Zielen und Plänen nach.

Das Netzwerk von Beziehungen und Bindungen, die das soziale Leben des einzelnen ausmachen und zugleich den gesellschaftlichen Zusammenhalt garantieren, ist in den letzten Jahren zum zentralen Forschungsgegenstand der Sozialwissenschaften geworden. Die Geometrie und die Anatomie menschlicher Beziehungen beschäftigt die Sozialwissenschaftler vor allem deshalb, weil soziale Beziehungen jenen Charakter des Selbstverständlichen verloren haben, der eine nähere Betrachtung überflüssig erscheinen läßt. Der Individualisierungsprozeß der Moderne hat die traditionellen Muster sozialer Beziehungen nämlich weitgehend aufgelöst und den einzelnen in einem Maße zur Selbstorganisation seines sozialen Lebens gezwungen, wie es historisch in diesem Umfang noch nie der Fall war.

Die längste Zeit in der Geschichte der Menschheit wurde der Mensch in eine bestehende Gemeinschaft hineingeboren, deren Mitgliederzahl überschaubar war und der er ein Leben lang angehörte; neben den Freunden existierten nur die Fremden als seine Feinde. Die Beziehungen der Menschen untereinander waren in den fundamentalen Institutionen von Blutsverwandtschaft und Religion fest verwurzelt und damit auch verbindlich geregelt. Jeder wußte, was er von jedem anderen zu erwarten hatte und was er jedem anderen schuldete. Das engmaschige Netz an gegenseitigen Verpflichtungen, auf das sich traditionelle Gemeinschaften gründeten, ließ dem einzelnen zwar wenig Raum für jene Entscheidungsfreiheit und individualisierte Lebensführung, die wir heute als Grundrechte in Anspruch nehmen; der Zusammenhalt der Gruppe hatte unbedingten Vorrang vor den persönlichen Zielen und Wünschen ihrer Mitglieder. Dafür genoß der einzelne jedoch den vorbehaltlosen Schutz der Gemeinschaft, ohne die er nicht hätte überleben können.

Wir können heute dagegen kaum mehr auf soziale Beziehungen als quasi-natürliche Gegebenheiten unserer Existenz zurückgreifen. Jeder einzelne muß sich seine persönliche soziale Welt selbst schaffen, und das notfalls immer wieder neu. In den modernen Gesellschaften gibt es nämlich – mit Ausnahme der Eltern-Kind-Beziehung – keine stabilen und dauerhaften zwischenmenschlichen Beziehungen mehr. Traditionelle Beziehungen, also Beziehungen, die als lebenslang angesehen werden können und deren grundlegende Voraussetzungen sich nicht ändern, existieren zwar weiterhin als Wunsch- und Leitvorstellungen in den Köpfen der Menschen, immer seltener jedoch in der Realität. Einsamkeit, soziale Isolierung, Verlassenheitsgefühle sind jedenfalls ein weit verbreitetes Problem im Zeitalter der Massengesellschaften. In der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise sind nach den Ergebnissen einer Repräsentativbefragung, die Elisabeth Noelle-Neumann 1983 durchführte, 7-10 Prozent der Bevölkerung chronisch vereinsamt. Weitere 23 Prozent der Befragten gaben an, manchmal unter Einsamkeit zu leiden, und etwa 15 Prozent der Deutschen haben Angst davor, einsam zu werden. Nimmt man die Daten dieser Untersuchung ernst, dann ist Einsamkeit für fast die Hälfte der Bevölkerung ein zentrales Lebensthema.

Die zunehmende Isolierung des einzelnen ist eine direkte Folge der fortschreitenden Vergesellschaftung des Menschen. Im Zuge jenes Integrationsprozesses, der die Menschheit in immer größere und immer komplexere Formen des Zusammenlebens zwingt, verändert sich nämlich die Balance zwischen "Wir" und "Ich", zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum: bei jedem Übergang von einer Stufe zur nächsten, etwa vom Stamm zum Staat, verlagert sich das Schwergewicht zunehmend von der Wir- zur Ich-Identität, bis sich die Menschen im Extremfall als "wir-lose Iche" empfinden. Das moderne Individuum gehört zwar in der Regel vielen verschiedenen Gruppen und Gruppierungen an – den Deutschen, den Münchnern, den Siemens-Angestellten, den Fußballfans etwa, aber all diese Mitgliedschaften sind emotional nicht stark besetzt und auch keine Quellen sozialer Unterstützung. Letzte Bastion der verlorenen Gemeinschaft und des verlorengegangenen Gemeinschaftsgefühls ist die Familie, in die man hineingeboren wird: hier allein besteht noch das Recht auf fraglose Zugehörigkeit und vorbehaltlose Unterstützung. Die Familienbande werden vom Heranwachsenden jedoch zunehmend als einengend und kontrollierend erlebt, als eine Art Verstrickung, aus der er sich befreien muß und soll; die moderne Gesellschaft verlangt die Ablösung der Kinder vom Elternhaus. Was hier meist als natürlicher und notwendiger Entwicklungsschritt propagiert wird, ist eigentlich der letzte Schritt vom Wir zum wir-losen Ich, das allein den Erfordernissen des Marktes entspricht: so wie es einstmals überlebensnotwendig war, einer Gemeinschaft anzugehören, so ist es heute aus Gründen der ökonomischen Existenzsicherung zweckmäßig, ungebunden zu sein. Die Grundfigur der durchgesetzten Moderne ist – so die Soziologin Lerke Gravenhorst – der oder die Alleinstehende.

Tatsächlich haben die Menschen mit dem Zerfall traditionsbestimmter Bindungen und Beziehungen auch erstmals die Chance bekommen, als einzelne, als Individuen zu agieren, von starren und einengenden Vorschriften und Verpflichtungen befreit, ihren ganz persönlichen Lebensentwurf zu verwirklichen. Es hängt heute weitgehend von uns selbst, unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten, freilich auch von unseren Lebensumständen ab, mit wem wir zu tun haben oder auch nicht mehr zu tun haben wollen – letztlich also: wer wir sind. Die Kehrseite nunmehr erreichter individueller Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung besteht jedoch in einer mangelnden Verläßlichkeit sozialer Beziehungen, in einem Verlust an Geborgenheit und menschlicher Nähe. Die Art und Weise, wie wir unser Leben organisiert haben, der Zwang zu Schnellebigkeit, Mobilität und nicht zuletzt zum Kosten-Nutzen-Denken, hat den Charakter unserer Beziehungen untereinander verändert: man wechselt den Wohnort und den Arbeitsplatz und damit auch die Nachbarn und Kollegen; man sucht sich Freunde und Bekannte, die unsere derzeitigen Interessen teilen, und geht jenen aus dem Weg, die einem anscheinend nichts mehr zu bieten oder zu sagen haben; man trennt sich, wenn es sein muß, auch vom langjährigen Ehepartner und läßt sich bei Bedarf einen neuen vermitteln. Kurz: moderne soziale Beziehungen zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß sie beliebig, austauschbar, jederzeit aufkündbar sind.

Die Stärke solch schwacher Bindungen liegt vor allem in ihrem Nutzen für unser berufliches und soziales Fortkommen: "Beziehungen" zu haben, ist ein Schlüssel zum Erfolg. So hat die Kommunikationsforschung beispielsweise herausgefunden, daß auch im Zeitalter der Massenmedien zahlreiche wichtige Informationen immer noch überwiegend auf informellen Wegen vermittelt werden, durch Freunde, Bekannte, oder Verwandte. Je attraktiver etwa eine freie Stelle oder eine freie Wohnung ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie nicht auf dem freien Markt, sondern innerhalb eines Bekanntenkreises gehandelt werden. Enge Beziehungen haben sich dabei als weit weniger nützlich erwiesen als lose Bekanntschaften; denn Informationen, die im kleinen, dichten Netzwerk von Freunden und Verwandten zur Verfügung stehen, werden schnell redundant, das heißt, jedes Mitglied weiß schnell, was jedes andere weiß. So mögen Freunde und Verwandte zwar unsere emotionalen Bedürfnisse befriedigen, ehrgeizigeren Plänen stehen sie aber eher im Wege. Das Eingehen enger Bindungen läßt nämlich regelmäßig den Bekanntenkreis schrumpfen. Lose Beziehungen und oberflächliche Bekanntschaften bieten viel eher die Gewähr, jederzeit auf dem Laufenden zu sein und keine sich bietende Chance zu verpassen.

Gerade das Brüchigwerden unserer sozialen Beziehungen hat jedoch auch wieder deutlich werden lassen, wie sehr wir nach wie vor nicht nur auf "Beziehungen", sondern vor allem auf Mitmenschlichkeit angewiesen sind. Das soziale Netzwerk, in dessen Mittelpunkt wir leben, fungiert nicht nur als eine Art privater Sozialversicherung in Krisensituationen, wenn wir etwa wegen einer schweren Erkrankung oder dem Verlust einer nahestehenden Person auf den Beistand anderer angewiesen sind; unser persönliches soziales Netz schützt uns auch vor Isolation und Vereinsamung, stellt unser wichtigstes Kapital bei der Realisierung individueller Wünsche und Ziele dar, und erfüllt überdies eine Pufferfunktion in Streßsituationen: je tragfähiger unsere sozialen Beziehungen sind, desto höher ist unsere Lebenserwartung, desto besser ist unser Gesundheitszustand, desto eher erholen wir uns von Krankheiten und Krisen und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, seelisch zu erkranken.

In einer berühmt gewordenen Untersuchung wurden in Kalifornien 6900 Erwachsene über neun Jahre hinweg beobachtet. Insgesamt 8 Prozent von ihnen starben während dieses Zeitraumes. Innerhalb der verschiedenen Altersgruppen zeigten jeweils die Personen mit den geringsten sozialen Bindungen die höchste Sterblichkeitsrate. Am deutlichsten war dies bei den Männern, die zu Beginn der Untersuchung zwischen 50 und 59 Jahre alt waren: 9,6 Prozent aus der Gruppe mit starken Bindungen starben, während aus der Gruppe mit den schwächsten Bindungen 30,8 Prozent starben.

Alleinstehende bilden eine besonders gesundheitsgefährdete soziale Gruppe. Ihrem Leben fehlen die engen sozialen Bindungen, die eine wichtige Determinante menschlichen Wohlbefindens ausmachen. Die epidemiologische Forschung hat den Nachweis erbracht, daß nicht nur Selbstmord, sondern auch Depression und Ängstlichkeit im Zusammenhang mit der Frage stehen, ob das Leben prinzipiell allein bewältigt werden muß oder nicht. Das Fehlen enger Bindungen führt auch zu größerer Sorglosigkeit und Fahrlässigkeit hinsichtlich der eigenen Gesundheit: Alleinstehende rauchen und trinken beispielsweise mehr als Verheiratete. Leberzirrhose und Lungenkrebs, also Krankheiten, die auf eine ungesunde Lebensweise zurückzuführen sind, treten bei geschiedenen und verwitweten Männern etwa fünfmal so oft auf wie bei verheirateten. Ebenso führen Krankheiten, die eine lang andauernde und sorgfältige Behandlung verlangen, wie Diabetes und Herzinfarkt, bei Alleinstehenden häufiger zum vorzeitigen Tod als bei Menschen, die von ihren Angehörigen betreut und wohl auch dazu angehalten werden, auf sich zu achten.

Befriedigende, enge, gefühlsbetonte Beziehungen zu einem zahlenmäßig begrenzten Personenkreis gehören also auch heute noch zu den wichtigsten immateriellen Voraussetzungen unserer Existenz, womit nichts anderes gesagt werden soll, als daß der Mensch ein soziales Wesen ist. Dieser Grundtatsache der conditio humana pflegen wir allerdings nur im Hinblick auf die kindliche Entwicklung die ihr gebührende Achtung zu schenken; was die Kinder betrifft, werden wir es jedenfalls in diesem Jahrhundert nicht müde zu betonen, wie sehr sie auf verläßliche Bezugspersonen angewiesen sind, um Vertrauen in sich selbst und in die Welt zu entwickeln. Erwachsensein ist für uns dagegen gleichbedeutend mit Autonomie – der Unabhängigkeit von der Beeinflussung, aber auch der Unterstützung durch andere. Tatsächlich benötigt jedoch jeder Mensch in jedem Alter enge, vertrauliche und verläßliche Beziehungen zu zumindest einer Person: darin unterscheiden wir uns nicht vom Kind und auch nicht von unseren Vorfahren. Intime Bindungen sind ein wirksamer Schutzfaktor gegenüber fast allen Fährnissen des Lebens; sie können auch nicht durch ein Mehr an weniger engen sozialen Beziehungen ersetzt werden.

Was dem Kind die Mutter, ist dem Erwachsenen meist der Ehepartner. Er spielt für die meisten Menschen die Rolle des "Signifikanten anderen", also jener Person, die das Leben im wahrsten Sinne des Wortes mit ihm teilt. Sicherlich haben die modernen westlichen Gesellschaften eine Vorstellung von Ehe und Partnerschaft entwickelt, die diese auf gegenseitige Zuneigung, sexuelle Attraktivität, auf "Verliebtsein" gründen; tatsächlich aber erfüllt die bürgerliche Ehe eine Funktion, die weit über das hinausgeht, was wir gewöhnlich mit Sexualität und Liebe assoziieren: die Ehe hat das Erbe der verlorenen traditionellen Gemeinschaft angetreten, sie ist dazu ausersehen, jene Beständigkeit und Zuverlässigkeit zu gewährleisten, die heute Mangelware geworden sind. Genau diesen Anspruch können Ehe und Partnerschaft jedoch immer weniger erfüllen. Unter der wachsenden Einsicht, daß jede Ehe zur Scheidung führen kann, ganz unabhängig davon, wie sehr sich die Ehepartner einmal zugetan gewesen waren, ist die Ehe zu etwas geworden, was jeden Tag neu erarbeitet werden muß. Beide stehen vor der Notwendigkeit, einander immer wieder zu wählen, den niemals dauerhaften Anspruch des einen auf den anderen neu zu sichern und zu festigen. Konflikte, Launen, Nachlässigkeit und Eigensinn ließen sich ganz anders ertragen in einem Rahmen, der nicht zerbrochen werden konnte. Jetzt hängt aber über jedem Streit die Frage: "Wollen wir eine Scheidung? Will ich eine, will er/sie eine? Ist dies das Ende?" Die prinzipielle Aufkündbarkeit der Ehe hat diese also zu einer anstrengenden Angelegenheit gemacht, zwingt sie doch die Beteiligten unablässig zu einer Art Bestandsaufnahme zu einer Beziehungsprüfüng, die zugleich auch Selbstprüfung ist. Dies ist nicht mehr der sichere Hafen, in dem man jederzeit Zuflucht finden konnte; dies ist – im derzeit modischen Jargon gesprochen – eine Beziehungskiste.

Aufreibend ist nicht nur der Mangel an Dauerhaftigkeit und Verläßlichkeit, der Ehen und eheähnlichen Beziehungen trotz durchaus gegenteiliger Absichten der Betroffenen anhaftet; an Nerven und Kräften zehrt vor allem auch der Schwund an Konventionen, die das Zusammenleben quasi automatisch regeln. Anders als noch ihre Eltern und Großeltern dürfen und müssen moderne Paare die Formen ihrer Gemeinsamkeit weitgehend selbst bestimmen. Es steht nicht mehr fest, welche Rechte und welche Pflichten der eine gegenüber dem anderen hat, noch welche Ansprüche an den Partner überhaupt berechtigt sind oder wo Grenzen gezogen werden können und sollen; es steht auch nicht mehr fest, wer welche Aufgaben innerhalb einer Lebensgemeinschaft übernimmt und wo individuelle Freiräume anzusetzen sind. Dies alles wird nun vielmehr zur Grundlage zähester Verhandlungen, die je nach Kondition und persönlicher Betroffenheit der Partner in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen oder auch als Dauerkonferenz angesetzt werden.

An die Stelle allgemein verbindlicher Regeln und Normen, auf deren Einhaltung nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern ihr gesamtes soziales Umfeld achteten, tritt in den modernen Industriegesellschaften also die permanente Auseinandersetzung zwischen zwei Individuen um alle Details ihres Zusammenlebens. Der Entfaltung von Individualität und vor allem von individueller Durchsetzungskraft ist damit zweifellos neuer Raum geschaffen. Der Möglichkeit aber, vor dem Hintergrund eines "geregelten Lebens" relativ ungestört anderweitigen Beschäftigungen nachzugehen, wird zunehmend die Grundlage entzogen: die Beschäftigung mit dem oder der anderen, mit dem/der man das Leben teilt, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Der Partner gerät dabei allzu leicht in die Rolle des Gegners, der die eigenen Lebensentwürfe zu verhindern sucht und mit dem allenfalls vorläufige Kompromisse immer wieder aufs neue auszuhandeln sind. Doch wo es überdies keine Formen mehr gibt, die gewahrt werden müssen, wo keine Zurückhaltung mehr geübt werden soll gegenüber dem, der einem nahe steht, sondern bedingungslose Offenheit und das hemmungslose Zurschaustellen von Gefühlen Gebot der Stunde ist, da prallen die Wünsche des einen und der Frust des anderen oft unversöhnlich aufeinander. In glücklichen Ehen, so ermittelte der Soziologe Michael Argyle, kommt es nur etwa einmal pro Woche zum Eklat; in unglücklichen Ehen sind verbale und auch tätliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Daß der Partner trotz all der Unruhe und des Ungemachs, die er in unser Leben bringt, der verläßlichste Garant unseres Wohlbefindens und unserer Gesundheit sein soll, erscheint im täglichen Kleinkrieg als reaktionäre Ideologie: wie die ständig steigenden Scheidungsziffern zeigen, wird dem Alleinsein immer häufiger der Vorzug gegeben.

Die Aufkündigung einer ursprünglich auf Dauer angelegten Bindung fällt dabei um so leichter, als alternative Lebensformen nicht nur möglich, sondern auch gesellschaftlich akzeptabel erscheinen. Die Ehe gehört jedenfalls nicht länger zum integralen Bestandteil einer bürgerlichen Normalbiographie; sie erscheint nun vielmehr – da es für Mann und Frau Alternativen gibt – als Ausdruck bewußter Entscheidung und muß deshalb auch begründet und gerechtfertigt werden. Während es jedoch genügte, auf die Abwesenheit extremer Mißstände hinzuweisen, um das Festhalten an Traditionen, also an in weitestem Sinne vorgegebenen Lebenssituationen sich selbst und anderen plausibel zu machen, bedarf die Rechtfertigung von freien Entscheidungen in erster Linie positiver Begründungen. Das heißt, die Ehe als selbstgewählte Lebensform muß sich vor dem Hintergrund aller anderen Möglichkeiten, sein Leben zu führen, als bestmögliche erweisen. Auf diese Weise werden nun allerdings die Maßstäbe in die Höhe getrieben, nach denen Ehe und Partnerschaft bemessen werden. Jede noch so kleine Abweichung von der Idealvorstellung gelebter Gemeinsamkeit läßt die Entscheidung für Ehe und Familie nun fragwürdig erscheinen, während die Alternativen um so verlockender werden. Es ist ja schließlich auch nicht länger notwendig, als alte Jungfer oder als kauziger Junggeselle ein sozial randständiges Leben zu führen. Nun kann man "Single" werden und damit nicht nur des Marktes liebstes Kind; als einzelner kann man sich nun zum Mittelpunkt vielfältigster Kontaktkreise machen, die einem helfen, die Einsamkeit zu lindern.

Die Freisetzung des Individuums aus allen überkommenen Bindungen hat den Kreis derer, mit denen es sich nach eigenem Ermessen verbinden und verbünden kann, tatsächlich um ein Vielfaches vergrößert. Die aus Traditionsbedingungen befreiten sozialen Netzwerke des modernen Menschen haben jedoch ihren eigenen Preis: sie fordern hohe Eigenleistungen der Individuen im Sinne permanenter Beziehungsarbeit. Denn wo sich soziale Beziehungen nicht mehr aufgrund von Herkunft, Familie, Stand oder Wohnort von selbst ergeben, muß viel Mühe, Zeit, Energie und ein beträchtliches Maß an sozialem Geschick aufgewandt werden, um sie herzustellen und aufrechtzuerhalten. An Beziehungen muß gearbeitet werden, sie kosten Kraft, Zeit und Geld, und nicht immer reichen Kraft, Zeit und Geld, um Beziehungen am Leben zu erhalten. Statt Beziehungsvielfalt zu pflegen, und sich dadurch immer neue Möglichkeiten zu eröffnen, treten die meisten Menschen deshalb doch lieber den Rückzug ins Private an. Der historisch bedingte Rückgang traditioneller Bindungen führt jedenfalls bislang noch überraschend selten dazu, daß ersatzweise der Freundes- und Bekanntenkreis ausgebaut wird. Man hält sich vielmehr weiterhin und fast ausschließlich an die eigene Familie. Die Gründe hierfür betreffen alle mehr oder weniger die Kostenseite sozialer Beziehungen. So scheuen viele Menschen die Verpflichtung zur Gegenseitigkeit, die sie mit jeder neuen Beziehung eingehen. Einladungen beispielsweise erfordern Gegeneinladungen, und jede erwiesene Gefälligkeit verpflichtet auch zu entsprechenden Gegenleistungen. Häufig wird auch befürchtet, von anderen Menschen im Namen der Freundschaft ausgenützt und ausgebeutet zu werden, oder es besteht eine Abneigung dagegen, Außenstehenden Einblicke in das eigene Privatleben zu gewähren. Nicht selten werden freundschaftliche Kontakte auch einfach als wenig nützlich erlebt – womöglich deshalb, weil sich die Vorteile sozialer Beziehungen häufig erst dann zeigen, wenn der einzelne in Schwierigkeiten gerät, die er alleine nicht mehr bewältigen kann.

Die Auflösung traditioneller sozialer Bindungen und Beziehungen macht also einerseits deutlich, wie sehr wir nach wie vor auf sie angewiesen sind – für unser physisches und psychisches Wohlergehen ebenso wie für unsere soziale und ökonomische Existenz; andererseits ist nun jedem einzelnen die Alleinverantwortung für seine sozialen Beziehungen übertragen und auch der mit sozialen Beziehungen verbundene Aufwand an Zeit, Energie, Geld und auch Risikobereitschaft. Wie die steigenden Scheidungsziffern und die Reserviertheit vieler Menschen gegenüber Kontakten mit Außenstehenden zeigen, scheint die Kostenseite sozialer Beziehungen unter diesen Voraussetzungen die Nutzenseite im Bewußtsein vieler Betroffener zu überwiegen; es entsteht allgemein der Eindruck, daß andere Menschen eher eine Belastung denn eine Bereicherung des eigenen Lebens darstellen. Von ausschlaggebender Bedeutung ist dabei der Umstand, daß sich der Charakter unserer sozialen Beziehungen verändert hat: sie erscheinen unzuverlässig, mangelhaft, nicht dauerhaft, austauschbar, beliebig. Man kann also nie sicher sein, oder ist vielmehr zunehmend vom Gegenteil überzeugt, daß sich der hohe Einsatz lohnt.


► Die Arbeitsteilung der Geschlechter 1:

Frauen sorgen für Nähe, Männer halten auf Distanz

Trotz der allgemeinen Unzufriedenheit mit sozialen Beziehungen und der mit ihrer Pflege und Aufrechterhaltung verbundenen Kosten läßt sich ein interessanter Unterschied zwischen den Geschlechtern feststellen: es sind nämlich eigentlich nur die Männer, die deshalb auf Distanz zu ihren Mitmenschen gehen, während Frauen nach wie vor einen Großteil ihrer Zeit und ihrer Energie in soziale Beziehungen investieren.

So gibt es inzwischen eine Vielzahl von Untersuchungen, die allesamt belegen, daß Frauen anderen Menschen gegenüber aufgeschlossener sind als Männer und auch eher dazu bereit, auf andere einzugehen und sich für sie zu engagieren. Frauen haben stets einen großen Teil der gesellschaftlichen Beziehungsarbeit geleistet, die den Zusammenhalt von Familie und Verwandtschaft garantierte, und sie haben auch jene Formen der Hilfe erbracht, die in Krankheits-, Krisen- und Notfällen erforderlich ist. Selbst jene Beziehungen, die über den engeren Familienkreis hinausreichen, Kontakte zu Freunden etwa oder auch zu Arbeitskollegen des Mannes, werden im wesentlichen von Frauen "gepflegt": es sind die Frauen, nicht die Männer, die in regelmäßigen Abständen zum Telefonhörer greifen, um sich nach dem Befinden von Freunden und Bekannten zu erkundigen; es sind die Frauen, nicht die Männer, die an den Geburtstag von Verwandten denken und eventuell auch ein kleines Geschenk besorgen; es sind die Frauen, nicht die Männer, die einkaufen und kochen, um Gäste zu bewirten; und es sind wiederum die Frauen, nicht die Männer, die einspringen, wenn bei Verwandten, Freunden oder Nachbarn Not am Mann ist.

Das unterschiedliche soziale Verhalten von Frauen und Männern wird sogar in Alltagsgesprächen deutlich. Wie Sprachwissenschaftlerinnen herausgefunden haben, sind es auch hier durchweg die Frauen, die dafür sorgen, daß ein Kontakt nicht abreißt. In den tagtäglichen Gesprächen von Ehepaaren geben zwar meist die Männer den Ton an und bestimmen das Gesprächsthema, aber es bleibt den Frauen überlassen, an passender Stelle die passende Bemerkung zu machen, die das Gespräch in Gang hält. Jeder Redefluß versiegt nämlich unweigerlich, wenn er ohne Resonanz bleibt. Zumindest ein Gesprächsteilnehmer sollte deshalb stets bemüht sein, den Eindruck interessierter Anteilnahme aufrechtzuerhalten. Diese in einschlägigen feministischen Kreisen als "konversationelle Drecksarbeit" bezeichnete Leistung wird in der Hauptsache vom weiblichen Geschlecht erbracht. Männer pflegen aus der Kunst des aktiven Zuhörens zwar unter Umständen einen Beruf zu machen, sind aber ansonsten nur höchst ungern dazu bereit, andere zum Reden zu ermuntern. In Paargesprächen versuchen die Frauen deshalb zwar unermüdlich, auch einmal in eigener Sache zu Wort zu kommen. Aber es gelingt ihnen fast nie, dem Ehemann auch nur das für ein Gespräch notwendige Minimum an Aufmerksamkeit abzuringen. Es ist dagegen ausgesprochen selten, daß Frauen sich weigern, einem anderen Gehör zu schenken, oder auch nur so einsilbig auf seine Ausführungen reagieren, daß er sich entmutigt fühlt fortzufahren.

Kein Wunder, daß Frauen für Männer wie für andere Frauen die beliebteren Gesprächspartner sind. Männer unter sich – das ergibt meist recht unerquickliche Gespräche, weil keiner dem anderen jene Anteilnahme gewähren will, die man von Frauen erwarten darf. Statt aufeinander einzugehen, versucht man sich gegenseitig zu übertrumpfen. Statt einander zu bestätigen, arbeitet jeder verbissen an der Demontage seines Gesprächsgegners. Unter dem Deckmantel betont witziger Bemerkungen werden nicht selten harte Schläge ausgeteilt, und die gesamte Atmosphäre ist entsprechend frostig und aggressionsgeladen. Der Gesprächston ändert sich dramatisch, sobald sich Frauen dazugesellen: man wird freundlicher, verbindlicher, auch persönlicher, da man nun mit wohlwollendem Publikum rechnen kann.

Auf dem Hintergrund einer fest etablierten Arbeitsteilung der Geschlechter fällt die Sorge um allseits befriedigende soziale Beziehungen also in den Zuständigkeitsbereich der Frau. Das heißt aber, daß Frauen im familiären Alltag wie auch bei allen anderen sozialen Gelegenheiten ständig mehr Verständnis und Unterstützung für andere aufbringen müssen, als sie selbst erwarten können. Die erwiesenermaßen höhere Depressionsrate der Frauen mag ein Hinweis darauf sein, wie anstrengend, erschöpfend und letztlich undankbar die unsichtbare Beziehungsarbeit der Frauen ist. Daß Männer lieben lassen können, statt selbst zu lieben, ist zunächst einmal bequem und erscheint einem traditionellen männlichen Selbstverständnis wohl auch angemessen: reserviert bleiben, wenn andere Ansprüche stellen, ist ein Mittel, um in sozialen Beziehungen die Oberhand zu behalten – zeigt man damit doch den anderen, daß diese mehr auf einen angewiesen sind als man selbst auf sie. Die Unverbindlichkeit der Männer im sozialen Umgang dient also auch der Demonstration ihrer Überlegenheit über das andere, das abhängige Geschlecht. Tatsächlich aber begeben sich die Männer damit in Abhängigkeit von den sozialen Leistungen der Frauen. Die Ehefrau oder Partnerin ist nämlich allzu häufig die zentrale Vermittlungsinstanz für alle menschlichen Beziehungen. Im privaten Bereich hat der Mann die soziale Kontaktnahme, die im Beruf meist organisatorisch festgelegt ist, an die Frau delegiert. Fällt sie aus, dann bricht der männliche Lebenszusammenhang zusammen, weil Männer nie geübt haben, selbst Beziehungen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten.

Dies wird besonders beim Vergleich von Witwen und Witwern deutlich: zahlreiche Untersuchungen über die Gesundheitsrisiken von verwitweten Männern und Frauen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß Männer am Tod ihres Ehepartners schwerer zu tragen haben und daß ihr Gesundheitszustand dadurch stärker beeinträchtigt wird als der von Frauen. Die größeren Schwierigkeiten der Männer, den Verlust ihres Ehepartners zu überwinden, lassen sich im wesentlichen darauf zurückführen, daß Männer es gewohnt sind, sich bei der Lösung emotionaler und sozialer Probleme ausschließlich auf ihre Frauen zu verlassen. Deshalb haben sie in der Regel auch keine anderen vertrauten Personen, die ihnen nun helfen könnten, die Krise zu überstehen, die durch den Tod des Ehepartners ausgelöst wurde.

Die Abhängigkeit der Männer von den Frauen blieb jedoch deshalb so lange unentdeckt, weil männliche Anlehnungsbedürfnisse im allgemeinen so kontinuierlich befriedigt werden, daß sie als Bedürfnisse gar nicht mehr auffallen. Jungen lernen, sich auf Frauen zu verlassen: auf die Mutter und später auf die Ehefrau. Dagegen lernen kleine Mädchen, daß sie auf die Mutter ersatzlos verzichten müssen; sie bekommen später keine liebende Ehefrau, sondern Mann und Kind, die sich beide auf sie und ihre Fürsorge stützen. Erst durch ein sich änderndes Rollenverständnis der Frauen ist bewußt und sichtbar geworden, daß der Rückhalt, den Frauen bislang selbstverständlich gewährten, seinen Preis hat. Das Tauschgeschäft Ehe basierte bislang darauf, daß die Frau ökonomisch von ihrem Mann abhängig war und für die materielle Absicherung ihrer Existenz die unsichtbaren Gegenleistungen von Hausarbeit und Beziehungsarbeit erbringen mußte. Die hohen Scheidungsraten in den Industrieländern lassen es jedoch für immer mehr Frauen zur Gewißheit werden, daß die lebenslange Garantie des Unterhalts durch den Mann abgelaufen ist. Frauen müssen also schon aus Gründen der ökonomischen Existenzsicherung die alte Rolle des "Daseins für andere" zumindest teilweise aufgeben und eine eigene berufliche Identität suchen. Je mehr sich Frauen aber nun auch in beruflicher, also "echter" Arbeit engagieren, desto weniger sind sie noch dazu bereit, und oft auch nicht mehr in der Lage, allen Anforderungen zu entsprechen, die mit der klassischen Frauenrolle verbunden sind: die Hausarbeit läßt sich zwar rationalisieren, die Erziehung der Kinder delegieren – die Beziehungsarbeit aber hat in dem Maße zugenommen, in dem die Beziehungen selbst weniger verläßlich und dauerhaft geworden sind. Wenn dennoch jede Resonanz auf die Bemühungen der Frau um ein befriedigendes Zusammenleben ausbleibt, dann entschließt sie sich heute weitaus eher als früher dazu, eine Beziehung abzubrechen: in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist es die Frau, welche die Scheidung einreicht.

Ein Buch, in dem das klassische Rollenverhalten der Frau, vor allem ihr Interesse an der Pflege und Aufrechterhaltung von Beziehungen zum anderen Geschlecht, als neurotisches Fehlverhalten angeprangert wird, konnte zum Bestseller avancieren: Wenn Frauen zu sehr lieben, so der Titel des Buches von Robin Norwood. Wenn sie also blind sind für ihre eigenen Bedürfnisse und sich nur noch um die Probleme und Ansprüche des anderen kümmern, dann ist dies der Autorin zufolge ein Leiden – die Sucht nämlich, gebraucht zu werden. Sie äußert sich beispielsweise darin, daß eine Frau alles tut, um zu verhindern, daß eine Beziehung auseinanderbricht; daß beinahe nichts ihr zuviel Mühe macht, zuviel Zeit in Anspruch nimmt oder zu teuer ist, wenn es dem Mann helfen kann, mit dem sie zusammen ist; daß sie bereit ist, in jeder ihrer Beziehungen weitaus mehr als die Hälfte der Verantwortung und Schuld zu übernehmen, und daß sie unter der Maske der Hilfsbereitschaft darum bemüht ist, zwischenmenschliche Beziehungen zu kontrollieren. Noch Anfang der 60er Jahre wären all diese "typisch weiblichen" Verhaltensweisen und Einstellungen kaum als neurotisch abqualifiziert worden, sondern hätten breite Zustimmung gefunden. Heute hat sich die moderne Frau nach Ansicht Robin Norwoods und ihres ständig wachsenden Leserkreises jedoch zu fragen:


Ist diese Beziehung gut für mich? Ermöglicht sie es mir, weiterzuwachsen und meine Persönlichkeit voll zu entfalten? Wenn eine Beziehung ihr schadet, ist sie fähig, diese aufzugeben, ohne durch Depressionen handlungsunfähig zu werden. Sie hat einen Kreis von Freunden, die ihr Unterstützung gewähren, die ihr helfen, Krisen zu überstehen.

Die Kostenseite sozialer Beziehungen wurde also und wird immer noch im wesentlichen von den Frauen getragen, während Männer im Vertrauen auf die Bereitschaft der Frauen, auf andere einzugehen, Zurückhaltung üben konnten. Im Zuge des Individualisierungsprozesses der Moderne ist auf die Frauen jedoch immer weniger Verlaß: nicht nur, weil sie sich zunehmend gezwungen sehen, "ihren eigenen Mann" zu stehen und damit weniger Kapazitäten für andere zur Verfügung haben; sondern auch deshalb, weil sie dabei sind, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln, das die eigene Person, und nicht die Sorge für die anderen, in den Vordergrund stellt. Die Kosten sozialer Beziehungen scheinen nun deren Nutzen zu überwiegen, und zwar einfach deshalb, weil sie nicht mehr selbstverständlich und stillschweigend von den Frauen übernommen werden. Ihr Interesse an sozialen Beziehungen besteht zwar unvermindert fort, aber es richtet sich nun zunehmend auf Beziehungen außerhalb von Ehe und Familie – auf Beziehungen also, die geeignet sind, ihre Unabhängigkeit zu fördern, statt sie einzuschränken.


Die Arbeitsteilung der Geschlechter 2:

Frauen hüten das Haus, Männer beherrschen die Öffentlichkeit

Wie Untersuchungen zeigen, ist zweierlei für ein befriedigendes Sozialleben notwendig: Beziehungsvielfalt und dauerhafte Intimität. So wenig ein großer Freundeskreis die identitätsbildende Kraft einer stabilen Zweierbeziehung ersetzen kann, so wenig kann der Ehepartner allein alle sozialen Bedürfnisse des Menschen befriedigen. Freundschaftsbeziehungen und Ehebeziehungen haben tatsächlich eine sehr unterschiedliche und deshalb nicht austauschbare Bedeutung für den einzelnen. Während die Ehe das Gefühl emotionaler Isolation zu beseitigen oder zumindest zu lindern vermag, ohne zugleich die Probleme sozialer Isolation zu bewältigen, vermag umgekehrt eine Freundschaft Gefühle sozialer Isoliertheit zu beheben, ohne zugleich emotionale Geborgenheit zu vermitteln. Soziale Isolation und ihre psychischen Folgen, wie schmerzhaft empfundene Langeweile, das Gefühl sinnloser Beschäftigung und strukturloser Lebensführung können auch bei Verheirateten gefunden werden; andererseits leiden Geschiedene trotz intensiver Freundschaftsbeziehungen weiterhin unter den durch die Trennung vom Ehepartner ausgelösten Einsamkeitsgefühlen.

Einsamkeit hat also zwei Gesichter: man kann sich allein fühlen, weil einem der Vertraute fehlt, und damit das Gefühl der Geborgenheit; man kann sich aber auch in einer geglückten Zweierbeziehung einsam fühlen, nämlich von allen anderen sozialen Bezügen isoliert. Die unterschiedlichen Lebenslagen von Männern und Frauen machen die beiden Geschlechter auch unterschiedlich anfällig für diese beiden Formen von Einsamkeit. Während Männer eher Gefahr laufen, bei Verlust der Partnerin emotional zu vereinsamen, sind Frauen, auch solche, die glücklich verheiratet sind, eher von sozialer Isolation bedroht. Männer verfügen nämlich im allgemeinen über eine weitere Skala von gesellschaftlichen Kontakten und Bekannten – teilweise, weil sie bei der Arbeit mit Leuten zusammentreffen, aber auch, weil ihnen ein breiteres Spektrum an Freizeitmöglichkeiten zugänglich ist. Solange sie im Berufsleben stehen, sind sie deshalb dagegen gefeit, in ein soziales Vakuum zu fallen. Steht ihnen darüber hinaus eine treusorgende Gattin zur Seite, so müssen sie sich nicht einmal ihrer emotionalen Anlehnungsbedürfnisse bewußt werden: Männer im mittleren Lebensalter sind deshalb diejenige Gruppe, die häufig überhaupt keine engen Freunde hat, gleichzeitig aber am wenigsten über Einsamkeit klagt. Frauen leiden dagegen häufig darunter, keinen Zugang zu finden zu Leuten, die sich gemeinsam einer lohnenden Aufgabe widmen. Ganz nebenher pflegt man dabei nämlich meist auch eine eher unverbindliche Geselligkeit, die jedoch wichtige soziale Bedürfnisse befriedigt: das Gefühl, dazuzugehören und anerkannt zu werden.

Am Ausschluß der Frauen aus dem öffentlichen sozialen Leben sind Männer, wie man weiß, nicht ganz unschuldig. Zwar werden Frauen in den westlichen Gesellschaften nicht in dem wörtlichen Sinne zu Hause eingesperrt, wie dies etwa in den islamischen Gesellschaften der Fall ist. Es findet sich jedoch auch bei uns eine deutliche Neigung der Männer, die Außenkontakte von Frauen zu kontrollieren oder unter den verschiedensten Vorwänden auch ganz zu unterbinden. Es geht dabei keineswegs nur darum, Frauen daran zu hindern, außereheliche Beziehungen einzugehen, wie man etwa bei oberflächlicher Betrachtung meinen könnte. Vielmehr kann jeder Versuch einer Frau, ein Stück weit aus dem Bannkreis von Ehe und Familie herauszutreten, die Eifersucht des Mannes provozieren. In seinem Buch Dialektik ohne Dogma erwähnt Robert Havemann, daß Eifersucht französisch "jalousie" heißt: "eingesperrt". Die ins Haus eingesperrte Frau bewegt sich hinter heruntergelassenen Jalousien, damit sie nicht gesehen werden und auf andere zugehen kann.

Traditionellerweise haben Frauen also einen Platz in der Familie, nicht aber in der Gesellschaft. Ihre vergleichsweise mangelhafte soziale Integration mag jedoch mit ein Grund dafür sein, daß sie – oft zum Mißfallen, mindestens aber zum Unverständnis der Männer – so kontaktfreudig sind und ein großes Geschick darin entwickelt haben, enge und tragfähige Beziehungen herzustellen. Frauen haben im Durchschnitt nicht nur mehr enge Freunde als Männer, sie geben für Männer und Frauen auch die besseren Freunde ab: Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle etwa können ausschließlich im Kontakt mit Frauen behoben werden. Je mehr nämlich ein Mann oder eine Frau Kontakt mit Frauen hat, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß er oder sie sich einsam fühlt. Die mit Männern verbrachte Zeit hat dagegen keinen Einfluß auf das Gefühl von Einsamkeit.

Frauen sind also kaum weniger auf die Zuwendung von Frauen angewiesen als Männer. Die beste Freundin spielt eine entscheidende Rolle für ihr Gefühlsleben. In empirischen Studien zur psychischen Gesundheit wird immer wieder festgestellt: Unter depressiven Frauen und anderen Frauen mit schweren psychischen Problemen sind überproportional viele, die keine "Vertraute" haben. Die meisten Frauen führen jedoch ein Doppelleben. In ihrem offiziellen Dasein lassen sie die Männer als Väter, Arbeitgeber, Ehemänner und Söhne die erste Rolle spielen. Ihre Schattenexistenz besteht dagegen im Zusammensein mit anderen Frauen, die sich als gleichrangig begreifen und füreinander die wesentliche Stütze des emotionalen Überlebens bilden. Für Frauen sind vor allem Gespräche wichtig. Weibliche Freundespaare verbringen den größten Teil ihrer gemeinsamen Zeit mit Unterhaltungen, sie erörtern mit einem hohen Maß an Offenheit persönliche Probleme, geben und empfangen sozialen Rückhalt. Dagegen werden befreundete Männer eher etwas zusammen tun – arbeiten, spielen oder anderen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Entsprechende Geschlechtsunterschiede zeigen sich bereits in der Kindheit. Werden zwei Jungen im Labor zusammengebracht, um eine Aufgabe zu lösen oder ein Spiel zu spielen, so machen sie sich sofort an die Arbeit; Mädchen verbringen dagegen viel Zeit damit, sich kennenzulernen und über sich selbst zu sprechen. Hier werden also bereits die Grundlagen der späteren sozialen Kompetenz der Frauen erworben, ihrer Fähigkeit, Nähe herzustellen und Einsamkeit zu vertreiben. Dies wird jedoch ganz offenbar auf Kosten der Fähigkeit erkauft, sachliche Probleme und Aufgaben gemeinsam anzugehen und zu lösen – die Männer sind die Macher, sie bestimmen nach wie vor das öffentliche Leben.

Entsprechend dominieren in der Öffentlichkeit auch jene Vorstellungen, welche die Männer im Hinblick auf soziale Beziehungen entwickelt haben – daß deren Kosten ihren Nutzen nämlich bei weitem überwiegen. Denn Männer, so scheint es, leben in einer feindlicheren Welt als Frauen. Sie sehen in anderen Menschen in erster Linie eine potentielle Quelle von Gefahr, nicht eine mögliche Unterstützung für sich selbst. Der Fremde ist ihnen zunächst einmal der Feind, der Freund ist zugleich auch Konkurrent. Frauen schließlich bedrohen die männliche Autonomie. Die Nähe und Intimität, die sie unablässig herzustellen suchen, verleiten nämlich nach Ansicht der Männer dazu, in eine Falle zu gehen oder verraten zu werden, sich in eine erstickende Beziehung zu verstricken oder durch Ablehnung und Betrug gedemütigt zu werden. Am Verhalten der meisten Frauen läßt sich dagegen ablesen, daß der Nutzen sozialer Beziehungen in ihren Augen gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann, ja daß sie deren Kosten und Nachteile für ihr persönliches Wohlergehen mitunter unterschätzen. Frauen fürchten nämlich offenbar nichts so sehr wie Bindungslosigkeit und soziale Isolation: kein Einsatz ist ihnen zu hoch, kein Verzicht zu schwer zu ertragen, um dem drohenden Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit zu entgehen.

Die unterschiedlichen Ängste der beiden Geschlechter in bezug auf soziale Beziehungen stehen ganz offenbar im Zusammenhang mit ihrer unterschiedlichen Art und Weise, Beziehungen zu strukturieren: Männer denken vorwiegend in Begriffen von Konkurrenz und Rivalität, soziale Beziehungen stellen sich ihnen als eine Hierarchie dar, als eine Rangfolge von Positionen, deren oberste es zu erreichen gilt. Frauen nehmen dagegen im Hinblick auf ihre persönlichen sozialen Beziehungen nicht Rangunterschiede wahr, sondern wechselseitige Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten und konstruieren soziale Beziehungen als Geflecht oder Netz, das eine Gruppe von prinzipiell gleichberechtigten Personen zusammenhält.

Die unterschiedlichen Perspektiven von Mann und Frau lassen die gleiche soziale Situation unter einem jeweils komplementären Blickwinkel erscheinen: die Spitze der Hierarchie, die der Mann anstrebt, wird für die Frau zum Rand des sozialen Netzes, dessen Mittelpunkt sie sein will; und der Mittelpunkt eines Netzes von Beziehungen wird für den Mann zur Mitte einer hierarchischen Stufenleiter, die es noch zu erklimmen gilt. Beide Sichtweisen bezeichnen also jeweils den Ort als gefährlich, der vom anderen Standpunkt aus als sicher betrachtet wird. Die unterschiedliche Art und Weise, in der Männer und Frauen soziale Beziehungen auffassen, löst deshalb auch unterschiedliche Ängste und Wünsche aus: auf Seiten der Männer den Wunsch, allein an der Spitze zu sein, und die entsprechende Furcht, daß einem andere zu nahe kommen können; auf seiten der Frauen den Wunsch, im Mittelpunkt eines Netzes von sozialen Beziehungen zu stehen, und die damit verbundene Furcht, zu weit an den Rand zu geraten. Diese gegensätzlichen Ängste, in die Isolierung beziehungsweise in die unterlegene Position zu geraten, bestärken aber männliches Distanzbedürfnis und weibliches Kontaktverhalten.


Das Verhältnis der Geschlechter zueinander 1:

Über- und Unterordnung

Was die Beziehungen der Geschlechter zueinander betrifft, ergibt sich aus dem Distanzbedürfnis der Männer und dem Kontaktbedürfnis der Frauen folgendes Arrangement:
            
Wenn man zum Beispiel betrachtete, was in der Beziehung der Bretts vor sich ging, so hatte man den Eindruck, daß die beiden eine Art Aufgabenteilung vorgenommen hatten. (...) Immer wenn sie seine Nähe suchte, wurde sein Autonomiebedürfnis aktiviert, und er war – auf fast reflexhafte Weise – gezwungen, sofort auf Distanz zu gehen. Sie konnte sich darauf verlassen, daß er für den notwendigen Abstand zwischen ihnen sorgte. Denn Laura brauchte, wie alle Menschen, eine gewisse Autonomie – einen persönlichen Raum, in dem sie ihre Individualität ausleben, ihre Wünsche und Ziele verwirklichen konnte. (...) Auf ähnliche Weise war Toms natürliches Verlangen nach Nähe und enger Verbundenheit mit einem anderen Menschen etwas, das er nicht in sich selbst erkannte, sondern vor allem an Laura wahrnahm. Das Bedürfnis, innerhalb einer vertrauensvollen, von gegenseitiger Offenheit erfüllten Beziehung seiner Partnerin nahe zu sein, sah er als ihr Bedürfnis; er erlebte es nie als Wunsch oder Bedürfnis seines eigenen Wesens. (...) Anstatt zu erkennen, daß sie alle beide Nähe wünschten und alle beide ihre eigenen unabhängigen Ziele verfolgen wollten – daß der Konflikt zwischen Nähe und Autonomie lediglich in ihren Köpfen existierte – hatten die Bretts ein unbewußtes, stillschweigendes Arrangement geschlossen.

Dieses unbewußte, stillschweigende Arrangement entspricht der klassischen Rollenaufteilung zwischen den Geschlechtern: Frauen sorgen für menschliche Nähe und Intimität, leisten die notwendige Beziehungsarbeit – und manövrieren sich damit zugleich in die unterlegene Position. Männer halten Distanz, pochen auf ihre Autonomie – und sichern sich damit auch ihre überlegene Position. Denn Intimität und Distanz sind nur zwei Pole im Koordinatensystem zwischenmenschlicher Beziehungen. Die andere Achse verläuft zwischen den Polen von Macht und Ohnmacht, Über- und Unterlegenheit. Prekärerweise sind diese beiden Dimensionen zwischenmenschlichen Verhaltens –Intimität und Distanz einerseits, Macht und Unterlegenheit andererseits – nicht unabhängig voneinander, sondern aufs engste aneinander gekoppelt: Distanziertheit und Zurückhaltung signalisieren den Anspruch auf eine überlegene Position, während vertrauensvolle Offenheit und die Bereitschaft, sich nahe treten zu lassen, Subordination bedeuten kann.

Männer, die es gewohnt sind, soziale Beziehungen in Begriffen von Über- und Unterordnung zu strukturieren, haben vermutlich ein besonderes Sensorium dafür entwickelt, den Machtaspekt von Beziehungen wahrzunehmen. Frauen dagegen neigen dazu, die Machtdimension zwischenmenschlicher Beziehungen gerade im privaten Bereich zu übersehen und vorwiegend in Begriffen von Zwischen- und Mitmenschlichkeit zu denken. So haben sie zwar ein besonderes Geschick darin entwickelt, die Gesten unseres täglichen Zusammenlebens – einen anderen berühren oder ihm die kalte Schulter zeigen, näher an ihn heran – oder wegrücken, etwas von sich erzählen oder schweigen, zuhören oder einen anderen unterbrechen – als verläßliche Indikatoren von Nähe, Vertrautheit, Sympathie oder aber von Distanz, Verschlossenheit und Feindschaft zu analysieren; aber sie haben sie bislang kaum in ihrer Bedeutung gewürdigt als Mittel, Über- und Unterordnung zu konstituieren und zu befestigen.

Die Psychologie als die wohl weiblichste aller Wissenschaften – die nämlich alle üblicherweise den Frauen zugeschriebenen Tugenden, Laster, Interessen und Vorurteile auf sich vereint – ist dem Vorbild der Frauen gefolgt: sie beschreibt menschliche Beziehungen meist als Beziehungen zwischen Gleichen, deren Probleme miteinander auf der einen oder anderen Ausprägung der menschlichen "Natur" oder des individuellen Charakters der Protagonisten beruhen – und nicht etwa auf ungleichen sozialen Lagen. Beispielhaft für diese Sichtweise ist die oben zitierte psychologische Analyse der Beziehung zwischen den Bretts, die wohl recht zutreffend die unterschiedlichen Motive der Betroffenen beschreibt, die Grundlagen und Konsequenzen ihrer Handlungsweisen aber ausklammert. So wird ein wesentlicher Aspekt der Beziehung schlichtweg übersehen: die Tatsache nämlich, daß die klassische Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau, wie sie die Bretts beispielhaft vorführen (wo sie für Nähe, er für Distanz sorgt), keineswegs zufällig und auch nicht beliebig ist, sondern das Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern widerspiegelt. Es ist nämlich ein Kennzeichen asymmetrischer Beziehungen, von Beziehungen zwischen Über- und Untergeordneten also, daß die aus solchen Beziehungen hervorgehenden Rechte und Pflichten ungleich verteilt und den Betroffenen deshalb auch unterschiedliche soziale Verhaltensweisen vorgeschrieben sind.

Statusgleiche etwa können sich gegenseitig duzen; sie haben beide das gleiche Recht, den anderen anzusprechen, und die gleiche Pflicht, den anderen anzuhören; sie können sich beide in gleichem Maße nahe treten, haben aber auch gleichermaßen das Recht, sich zurückzuziehen. In der Beziehung zwischen Über- und Untergeordneten wird dagegen der eine wahrscheinlich mit seinem Titel, der andere beim Vornamen angeredet, hat der eine das Recht, zu sprechen, der andere die Pflicht, zuzuhören, hat der eine Anspruch auf Distanz, also darauf, jederzeit Kontakt verweigern und sich zurückziehen zu können, während der andere einen solchen Anspruch nicht geltend machen kann. Das Recht des Übergeordneten auf Distanz schließt auch das Recht auf räumliche Distanz ein: von hochgestellten Persönlichkeiten hält man Abstand, während man Menschen niedrigen Status’, zum Beispiel Kindern, ungestraft nahetreten kann. So können etwa auch Ärzte Angehörige einer Klinik mit einem geringeren Dienstgrad berühren, um ihnen freundliche Unterstützung zu signalisieren; umgekehrt ist ein solches Verhalten nicht zulässig. Ein besonders wichtiger Aspekt des Rechtes auf Distanz ist das Recht des Übergeordneten auf Distanziertheit: Menschen in Machtpositionen brauchen nichts über sich selbst zu sagen. Denn die Preisgabe von Informationen ist immer auch Selbstpreisgabe; faktisch oder auch nur symbolisch hat man dem Informationsempfänger damit zu Macht verholfen.

So kann in der amerikanischen Geschäftswelt der Chef den Fahrstuhlführer teilnahmsvoll nach dem Befinden seiner Kinder fragen, während ein solches Eindringen in das Leben eines anderen dem Fahrstuhlführer verwehrt ist, der dieses Interesse zwar würdigen kann, aber nicht erwidern darf. Deutlichstes Beispiel für diese Asymmetrie im Verhalten findet man in der Psychiater-Patient-Beziehung. Der Psychiater hat das Recht, Aspekte im Leben des Patienten zu berühren, an die sich noch nicht einmal der Patient selbst heranwagt, während dieses Privileg natürlich nicht reziprok ist. Patienten, besonders Geisteskranke, haben manchmal noch nicht einmal das Recht, den Arzt nach seiner Meinung über ihren Fall zu fragen. Das würde sie in zu enge Berührung mit einem Wissensgebiet bringen, durch das sich die Ärzte von den Laien absetzen, denen sie dienen.

Die Reserviertheit der Männer entspringt also nicht nur der Angst, in intimen Beziehungen enttäuscht oder verletzt zu werden, oder auch nur einem kühlen Kosten-Nutzen-Kalkül; ihre Zurückhaltung dokumentiert vor allem ihren Anspruch auf die überlegene Position, zumindest im Verhältnis der Geschlechter. Wie die Analyse nonverbaler Kommunikation ergab, sind dieselben Verhaltensweisen, die der Überlegene dem Unterlegenen zeigt, nämlich auch jene, die Männer gegenüber Frauen zeigen; und Frauen zeigen Männern gegenüber jene Verhaltensweisen, die charakteristisch für das Verhalten eines Unterlegenen gegenüber einem Überlegenen sind: vertrauensvolle Offenheit, die Bereitschaft, dem anderen entgegenzukommen, seine eigenen Gefühle zu zeigen. All diese Verhaltensweisen können natürlich auch Ausdruck von Sympathie sein, wenn es sich um Statusgleiche handelt. Sie werden jedoch zum Ausdruck von Subordination, wenn es sich um Über- und Untergeordnete handelt, wie im Falle von Männern und Frauen. Weil es jedoch als wenig galant, wenn nicht gar anstößig gilt, die Beziehungen der Geschlechter in den anrüchigen Termini von oben und unten darzustellen, gibt man dem Ganzen oft einen erotischen Dreh. Die Bereitschaft der Frauen etwa, auf Männer einzugehen, auch wenn diese noch so anmaßend sind, verbucht man denn auch nicht als Zeichen ihrer Unterlegenheit, sondern echt weiblichen Charmes.

Trotz dieses Kunstgriffes haben zumindest die Männer, dann aber auch die Feministinnen nie übersehen, daß das Sozialverhalten der Frauen auch ihre soziale Unterlegenheit widerspiegelt – ihr möglicherweise entspringt, sie in jedem Fall aber befestigt. Wer ohne weiteres damit rechnen kann, "für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Menschen Gehorsam zu finden" (Max Weber), wer also über Macht verfügt, der benötigt kein Einfühlungsvermögen, keine Liebenswürdigkeit, keinen Charme und kein Verständnis für den anderen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Auf solchen Umwegen zum Ziel zu kommen, läßt sich also nur jemand angelegen sein, dem alle anderen Mittel, sich durchzusetzen, verwehrt sind.

Die unausgesprochene Einsicht vieler Menschen in diese Zusammenhänge hatte umgekehrt zur Konsequenz, daß viele an sich wertvolle und für den sozialen Zusammenhalt nützliche Eigenschaften, eben weil sie traditionellerweise zum weiblichen Rollenrepertoire gehören, eine Abwertung erfahren haben. Sich um andere bemühen, auf sie eingehen, Mitgefühl zeigen – das kostet nicht nur Zeit und Energie, sondern auch Macht und Überlegenheit. Deshalb konnten und können Frauen und Mädchen ihre emotionalen und sozialen Talente ungehindert entfalten, während die männliche Sozialisation als Einübung in soziale Unzulänglichkeit imponiert.


Das Verhältnis der Geschlechter zueinander 2:

Der "neue" Mann für die "neue" Frau?

Das Herrschaftsverhältnis der Geschlechter ist jedoch gerade im Verlauf der letzten Jahrzehnte zum Zielpunkt vehementester Kritik geworden. Die Möglichkeit, und oft auch die Notwendigkeit, sich eine eigenständige Existenz aufzubauen, hat das Selbstverständnis der Frauen verändert. Sie wollen nun als gleichberechtigte Partner der Männer verstanden und behandelt werden. Dieser Anspruch stellt auch die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter in Frage, weil diese eben untrennbar verknüpft ist mit dem Machtgefälle zwischen Mann und Frau. In dem Maße, in dem Frauen selbständiger und selbstverantwortlicher leben lernen müssen, sollen die Männer nun auch selbst lieben lernen, also auf das Privileg der Distanziertheit verzichten und ihren Teil jener Arbeit leisten, die zur Herstellung und zum Aufrechterhalten einer Beziehung notwendig ist.

Dies erscheint vielen Männern vor allem deswegen als eine Zumutung, weil sie gelernt haben, viele der sozialen Verhaltensweisen, die dem Kontakt zwischen den Menschen dienen, als typisch weiblich und damit als minderwertig einzustufen. Die Aufforderung, sich anderen aktiv zuzuwenden, schürt also ihre Angst, in der Hierarchie der Menschen so weit absteigen zu müssen wie die Frauen. Wenn diese nun darauf bestehen, ihre Partnerbeziehungen als Beziehungen unter Gleichen aufzufassen, so kommt es zu jenen Konflikten, deren Ursachen keiner der Betroffenen so recht zu verstehen scheint, weil diese nicht – wie fälschlicherweise meist angenommen – auf einer inhaltlichen, sondern der formalen Ebene der Beziehung zu suchen sind: in den unterschiedlichen Voraussetzungen nämlich, die der einzelne in bezug auf seine Beziehung zu anderen macht. Den Wunsch ihrer Partnerin nach Offenheit etwa empfinden viele Männer als erniedrigenden Zwang zum Geständnis, dem sie sich folglich, so gut es eben geht, entziehen – was Frauen wiederum als Ablehnung und Liebesentzug auffassen und nicht als das, was es ist: die Verteidigung eines männlichen Vorrechts.

Genau darum geht es auch, wenn Männer den Versuch einer Frau, von ihnen angehört zu werden, scheitern lassen; was ihnen als bloße Anmaßung erscheint, entspringt aber eigentlich nur dem Bedürfnis der Frauen nach Nähe und Verständnis, einem Bedürfnis, das wegen des Machtanspruchs, nicht unbedingt aber wegen der Lieblosigkeit der Männer meist chronisch frustriert wird. Er will nichts sagen, sie darf nichts sagen – man fragt sich, wie Mann und Frau sich überhaupt noch miteinander verständigen können. Wenn sie sich nämlich allzu hartnäckig darum bemüht, einen Mann zum Reden über sich selbst zu bringen, oder umgekehrt darauf besteht, selbst das Wort zu führen, so sind dies heute erwiesenermaßen die beiden besten Wege, um eine echte Beziehungskrise heraufzubeschwören. Auch von daher rührt also ein Gutteil des Unbehagens an der Moderne, des Gefühls, daß die Kosten sozialer Beziehungen deren Nutzen weit übersteigen – von der Tatsache nämlich, daß Männer und Frauen heute oft unterschiedliche Spielregeln in ihre Beziehungen zueinander einbringen.

Angesichts weiblicher Bestrebungen nach mehr Autonomie und Selbständigkeit, die das traditionelle Verhältnis der Geschlechter zueinander in "Beziehungskisten" zu verwandeln drohen, haben die Männer es sich jedoch von jeher angelegen sein lassen, die positiven menschlichen Qualitäten hervorzuheben, die mit der klassischen Frauenrolle verbunden sind – freilich ohne diese für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Probleme von Über- und Unterordnung wurden dabei geflissentlich ausgeklammert. Prägnant veranschaulicht bereits 1897 der Philosoph und Psychologe Adolf Lasson in seinen Überlegungen, ob Frauen zum Studium zugelassen werden sollten, die männlichen Ängste. Falls Frauen der Zutritt zur Wissenschaft gelingen sollte, sieht er voraus, daß:


 ... aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben für alle unerträglich würde. Denn jetzt kann man sich von der fachgemäßen Einseitigkeit und Beschränktheit der Männer an der universellen Anlage und Empfänglichkeit der Weiber erholen ... wie kahl, wie leer,wie grau würde das Leben ohne sie ... an ihrem Reichtum richtet der Mann sich auf, der immer nur eine Spezialität ist.

Fast ein Jahrhundert später ist man nach wie vor von den überlegenen menschlichen Qualitäten der Frauen überzeugt, und ebenso davon, daß die Welt kahl, leer und grau werden würde, wenn nicht gar endgültig zerstört, wenn man sie allein den Männern überließe und ihrem destruktiven Streben nach Macht. Doch während man den Bemühungen der Frauen, das Leben angenehm zu machen, noch bis vor kurzem nur deshalb Lob spendete, um sie mit ihrem Schicksal auszusöhnen und ihre Dienste auch weiterhin in Anspruch nehmen zu können, verbindet man mit dem Lob der Frauen nun auch die Forderung, weibliche Talente und Fähigkeiten zum Lernprogramm des Mannes zu machen. Er soll das entgegenkommende Verhalten der Frau nicht mehr nur nutzen, sondern sich vielmehr selbst aneignen. Dabei geht es jedoch nur vordergründig um eine Humanisierung menschlichen Zusammenlebens oder darum, den "neuen" Mann für die "neue" Frau zu schaffen; die "softies" haben das nur nicht kapiert. Wenn man sich nun für das Sozialverhalten der Frauen zu interessieren beginnt, so vor allem deshalb, weil sich dieses Verhalten unter den Lebensbedingungen der Moderne zunehmend als funktional erweist, das heißt als förderlich für den beruflichen und sozialen Aufstieg. Spätestens mit Beginn der 80er Jahre wird nämlich klar, daß neben den ökonomisch-materiellen Ressourcen auch dem "sozialen Kapital" (Pierre Bourdieu) einer Person wachsende Bedeutung zukommt: die Fähigkeit und die Möglichkeit, soziale Beziehungen aufzubauen und aus ihnen Nutzen zu ziehen, entscheiden mit über die Lebenschancen des einzelnen. Männer, so mutmaßt der Sozialpsychologe Heiner Keupp, könnten deshalb ins Hintertreffen geraten.

Gerade im Kontext gesellschaftlicher Erosionsprozesse, denen traditionsgeleitete soziale Beziehungen immer mehr zum Opfer fallen, ist der aktive Herstellungsprozeß von Beziehungen und deren Aushandeln zunehmend in den Vordergrund getreten. Bringen dafür Frauen und Männer die gleichen psychosozialen Grundqualifikationen mit? Dafür spricht im Augenblick nicht so sehr viel.

In ihrem Buch Männer. Eine Gebrauchsanweisung für Frauen beschreiben die beiden feministischen Autorinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer Männer, die Karriere gemacht haben – mit der Empfehlung an die Frauen, den Verhaltensstil der Männer zu kopieren, um ihre eigenen Ziele besser durchzusetzen. Die Männer, so scheint es, sind den Frauen jedoch schon einen Schritt voraus: zumindest in progressiven Unternehmen ist man bereits dabei, den weiblichen Umgangsstil zu adaptieren. Auszug aus einem Gespräch der Autorinnen mit Christian, 37, der in einem internationalen Konzern arbeitet:


Bereits am ersten Tag wurde mir klar, daß hier andere Regeln gelten ... Aber das lernt man, das wird einem ganz reell beigebracht. Ich war deshalb sechs Wochen bei einem Workshop, Chicago. Es waren Leute da von allen Niederlassungen des Konzerns, so etwa 30 Leute, die meisten in meinem Alter. Und es war ungeheuer intensiv. Das ist schwer zu erklären: du triffst 29 Leute, die dir absolut fremd sind, und nach 6 Wochen hast du Tränen in den Augen, wenn du dich von ihnen verabschiedest ... Was wir lernten? Alles mögliche. Wir hatten Simulationen von echten Problemfällen, einige dauerten zum Beispiel 48 Stunden, durchgehend. Wichtig waren auch die Listening Skills. Denn reden kann ja jeder sehr gut, aber Zuhören ist wieder etwas anderes, in den Meetings. Das kann man lernen, ja ... Der Umgang untereinander in dieser Firma ist auch anders. In meinem ersten Job, in einer österreichischen Firma, da konnte ich zur Sekretärin sagen: "Schreibens mir das bis 5, und legens mir auf den Schreibtisch!" Oder: "Ich brauch das bis 9 Uhr abends." Das geht hier nicht! Da würde man ganz schön eine drüberkriegen. Hier muß man sagen: "Geh Annabelle, ich brauch das ganz furchtbar dringend, es ist so wichtig und ich hab niemanden, der das für mich macht, du bist die einzige."

Herstellen intensiver, emotionaler Kontakte, zuhören lernen, Verzicht darauf, Untergeordneten gegenüber einfach Anordnungen zu geben, statt dessen an die Kooperationsbereitschaft appellieren – das alles gehört nicht zum klassischen männlichen Rollenrepertoire, wohl aber zum weiblichen. Gelernt und praktiziert wird dieses Verhalten wohlgemerkt nicht etwa in progressiven Ehen oder Partnerschaften, sondern in der nach wie vor männlich dominierten Arbeitswelt. Dort spricht man allerdings auch nicht von weiblichem Sozialverhalten, wenn man den Mitarbeitern neue Umgangsformen beibringen will, sondern vom "kooperativen Führungsstil", von Teamwork, Flexibilität und einer Humanisierung des Arbeitslebens, die den Betroffenen allerdings nicht immer so "human" erscheint, wie es sich die Verantwortlichen wünschen.
            
Tatsächlich bringt die Umstellung von eingefahrenen Verhaltensmustern auf eine neue und oft erst einzuübende Verbindlichkeit im Umgang mit den Kollegen erhebliche psychische Belastungen für die betroffenen Mitarbeiter mit sich. So hat etwa der Abbau von Hierarchien, der mit der Einführung computergestützter Systeme eingeleitet worden ist, unbequeme Änderungen im Rollen- und Selbstverständnis des einzelnen notwendig gemacht: unter lauter prinzipiell Gleichgestellten kann es nämlich nicht mehr – wie gewohnt – darum gehen, sich über Rangunterschiede zu definieren und auch durchzusetzen; nicht einmal der Weg nach oben ist noch klar vorgezeichnet. Auch die mit Änderungen in der Arbeitsorganisation häufig einhergehende verstärkte Notwendigkeit zur Zusammenarbeit in Gruppen stellt neue Anforderungen an die (männlichen) Arbeitnehmer. Statt sich gegenseitig zu bekämpfen und zu übertrumpfen, sollen sie nun gemeinsame Lösungen für alle anstehenden Probleme finden, Differenzen nicht betonen, sondern ausgleichen. Das, was den Männern bislang selbstverständlich war – einen festen Platz innerhalb einer Hierarchie einzunehmen und die diesem Platz angemessene Rolle zu spielen –, wird also zunehmend unmöglich gemacht. Die Fähigkeit zu Kooperation und Flexibilität setzt aber Qualifikationen voraus, die bislang als typisch weiblich galten. So verwundert es keineswegs, daß die Intelligenzforschung dabei ist, die sogenannte praktische Intelligenz – bislang Domäne der Frauen – auch für die Männer zu entdecken. Ihre wesentlichen Facetten – die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis im Sinne der präzisen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Mängel, und soziale Geschicklichkeit im Sinne von Menschenkenntnis – haben sich nämlich als maßgeblich für beruflichen Erfolg herausgestellt. Wie wichtig diese Fähigkeiten heute sind, geht beispielsweise aus der Tatsache hervor, daß Manager zwischen 50 und 90 Prozent ihrer Zeit mit Kommunikation verbringen. Heiko Ernst, Herausgeber der Zeitschrift Psychologie heute, vermerkt dazu:


Frauen wird im allgemeinen eine besser entwickelte soziale Intelligenz zugeschrieben als Männern. So sind sie beispielsweise Männern überlegen, wenn es darum geht, die Absichten anderer realistisch einzuschätzen. Das bedeutet jedoch nicht, daß sich soziale Intelligenz nicht entwickeln oder gar erlernen ließe, sie ist keineswegs eine angeborene Fähigkeit.

Galten typisch weibliche Eigenschaften bislang als angeboren, untrennbar mit der Natur der Frau verknüpft, so bereitet es nun keine Schwierigkeiten einzusehen, daß auch diese Fähigkeiten erlernbar sind. Die Ironie des Schicksals will es, daß Männer "social skills" gerade in dem Augenblick als karrierefördernd entdecken, in dem Frauen sie als karrierehemmend ablegen wollen. Denn sie waren bislang dazu gezwungen, ihre emotionalen und sozialen Talente vorwiegend für andere einzusetzen. Die Männer denken dagegen in erster Linie daran, die neuentdeckten Fähigkeiten für sich selbst zu nutzen, zur besseren Durchsetzung der eigenen Interessen: wenn zwei das gleiche tun, so ist es eben noch nicht dasselbe. In jedem Fall bedeutet die männliche Aneignung bislang den Frauen vorbehaltener Fertigkeiten wohl eine Aufwertung dieser Fertigkeiten, nicht unbedingt aber eine Aufwertung der Frauen.

Das Eindringen der Männer in eine bislang weibliche Domäne führt nämlich keineswegs zwangsläufig zu einer Verbesserung der Stellung der Frau. Es gibt vielmehr Beispiele, die vermuten lassen, daß auf diese Weise ihre gesellschaftliche Entmachtung noch weiter vorangetrieben werden kann. So hatten etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Frauen mit der Entwicklung der Gynäkologie und der Geburtshilfe einen wichtigen Praxisbereich verloren, den sie bis heute nicht wiedergewonnen haben: unter den Gynäkologen sind 80 Prozent Männer. Desgleichen wurde mit Freuds Entwicklungspsychologie ein bis dahin unangetasteter Bereich, in dem Frauen durch ihr Wissen und ihre Erfahrung dominierten, vermännlicht. Die Erziehung des Kleinkindes – ein weibliches Erfahrungs- und Wissensmonopol – geriet unter die Aufsicht und ideologische Kontrolle von Männern, und auch dies ist so geblieben.

Nimmt man die Entwicklung in diesen zwei Bereichen – Gynäkologie und Kinderpsychologie – als Vorlage für die Prognose einer zukünftigen Entwicklung des Bereichs "Zwischenmenschliche Beziehungen", um den es hier geht, so wäre zweierlei zu erwarten: zum einen seine Usurpation durch die Männer und zum anderen auch eine Verwissenschaftlichung und eine Vermarktung jenes Erfahrungswissens und jener Praxis, die Frauen bislang in zwischenmenschliche Beziehungen eingebracht haben. Beides ist schon seit längerem zu beobachten. Man hat dafür das Schlagwort "Psychoboom" geprägt. Damit ist die Hochkonjunktur der professionellen Beschäftigung mit dem Seelenleben des Menschen gemeint – mit der Beziehung des Menschen zu sich selbst und zu den anderen. Daß sich die Männer dieses zweifellos wichtigen Bereichs nun endlich angenommen haben der bislang in die Zuständigkeit der Frauen fiel und deshalb so unprofessionell betrieben wurde, wie es für Frauen nun einmal typisch zu sein scheint, läßt sich zum einen daran ablesen, daß seit Freud, dem Stammvater aller Psychotherapeuten, die Frage des Honorars für soziale Leistungen wie Zuhören, Einfühlen, Verstehen, Rat erteilen, zentral ist; zum anderen daran, daß dieses Tätigkeitsfeld durch wissenschaftliche Analysen der ihm zugrundeliegenden Variablen, durch Schulengründungen und die Ausarbeitung präziser Ausbildungsrichtlinien potentiell prestigeträchtig geworden ist – wobei die Tatsache, daß Frauen noch weiterhin unentgeltlich und ohne entsprechende Diplome und Zertifikate psychosoziale Dienste erbringen, dafür verantwortlich sein dürfte, daß man dem Berufsstand der Psychologen und Psychotherapeuten immer noch ziemlich viel Skepsis entgegenbringt. Die "Ver-Professionalisierung" zwischenmenschlicher Beziehungen ist natürlich nicht den Männern allein anzulasten; sie hat zur Voraussetzung die Zerstörung der als "natürlich" empfundenen Zwischenmenschlichkeit – nämlich traditioneller Bindungen und Beziehungen. Aber sie treibt diesen Prozeß zugleich voran.


Die Antiquiertheit der Männer und die Modernität der Frauen

Die Auflösung traditioneller Beziehungsformen bedingt auch die Auflösung der an sie und durch sie geknüpften Umgangsformen und zwingt allem Anschein nach vor allem die Männer zum Umlernen. Unter den Lebensbedingungen der Moderne erweist sich der bislang als "weiblich" (ab)qualifizierte soziale Verhaltensstil offenbar als überlegen. Das heißt aber nichts anderes, als daß sich die Lebenssituation der Männer und die sich daraus ergebenden Anforderungen derjenigen der Frauen in einem sozialstrategisch wichtigen Punkt annähern und deshalb das traditionelle Sozialverhalten der Männer als antiquiert, als der Situation nicht mehr angemessen erscheinen lassen.

Wenn in diesem Buch verallgemeinernd von "weiblichem" und "männlichem" Verhaltensstil die Rede ist, so ist damit eben dies gemeint, daß die strukturellen Gemeinsamkeiten weiblicher und männlicher Lebenssituationen wie auch Ähnlichkeiten der weiblichen und männlichen Sozialisation den Männern bestimmte Verhaltensweisen ebenso nahelegten, wie sie diese den Frauen schwer zugänglich machten oder gar verboten, und umgekehrt. Auf diese Weise entstanden verfestigte, kulturell vorgegebene Muster "weiblichen" und "männlichen" Sozialverhaltens, deren Entstehung und Sinn im Lebenszusammenhang der Betroffenen zu suchen ist und deren Veränderung immer auch Veränderungen in den realen Lebensbedingungen zur Grundlage hat.

Die Veränderungen, die eine Angleichung der sozialen Lagen der Geschlechter und damit auch ihrer Verhaltensweisen erzwingen, sind dabei weniger in der Angleichung der Rechte und Chancen der Frauen an die der Männer zu suchen – Stichwort: Emanzipation –, als vielmehr umgekehrt in jenem Prozeß, der seit Anfang diesen Jahrhunderts die Individualisierung, die Vereinzelung der Menschen betreibt. Es geht dabei nämlich eigentlich nur noch um die Individualisierung der Männer. Denn Frauen, so könnte man es etwas überspitzt formulieren, sind immer schon Individuen gewesen. Sie blicken jedenfalls in den patriarchalischen Gesellschaften auf eine lange Tradition zurück, die es ihnen auferlegte, die Familie, die Gemeinschaft, in die sie hineingeboren worden waren, zu verlassen, um einem Mann zu folgen: als eine Fremde unter lauter Fremden zu leben, war immer schon das Schicksal der Frau, wird aber erst heute auch zum Schicksal des Mannes. Kennzeichnend für die Lage der Frauen war und ist darüber hinaus, daß sie ihr Leben stets als einzelne zu bewältigen hatten, ohne jenen sozialen Rückhalt, der den Männern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer mächtigen und überlegenen hypothetischen Bevölkerungsgruppe immer selbstverständlich gegeben war. Innerhalb der traditionellen Familienstruktur war für die Frauen auch kein Ansprechpartner für die Bewältigung emotionaler Probleme vorgesehen; was soziale Unterstützung betrifft, mußten Frauen immer schon für sich selbst sorgen. Entsprechend entwickelten sie auch eine große Bereitschaft und die entsprechenden Fähigkeiten, Bindungen und Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten – ohne anderes Hilfsmittel als das Gespräch, das die fehlende Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit anderen ersetzte.

Frauen, die ihr ganzes Leben zu Hause verbrachten, wo jede für sich die gleiche tägliche Arbeit verrichtete, ohne daß auch nur daran zu denken war, sich zur Bewältigung von Haus- und Familienarbeit mit anderen zusammenzutun, machten das Sprechen über sich selbst und mit anderen über andere zur Methode der Wahl, um sozialen Kontakt herzustellen; überdies war es ihnen nur über den Umweg des Gesprächs möglich, ihre Interessen durchzusetzen. Denn etwas anordnen, befehlen, über jemanden verfügen, ohne sich zugleich mit ihm persönlich auseinanderzusetzen – das alles war Sache der Männer. Sie sicherten sich durch Distanziertheit und Zurückhaltung ihre überlegene Position. Social skills zu erlernen und einzusetzen, war höchst überflüssig, da sie sich zu Hause des emotionalen Rückhalts durch ihre Gattin sicher sein konnten und die soziale Kontaktnahme im öffentlichen Männerleben organisatorisch festgelegt war. Nicht soziale Isolation, sondern Konkurrenz und Rivalität innerhalb eines festgefügten sozialen Netzes war das Hauptproblem der Männer, und sie trachteten nicht danach, es dadurch zu lösen, indem sie sich gesprächsweise näher zu kommen suchten. Im Gegenteil barg dies die Gefahr, sich Blößen zu geben und damit dem Gegner leichtes Spiel zu ermöglichen. Die Kontakte der Männer untereinander beschränkten sich also auf gemeinsames Tun. So wurde der nötige Sicherheitsabstand zum anderen gewahrt und zugleich die Gelegenheit zur reglementierten rivalisierenden Auseinandersetzung gegeben.

Die unterschiedlichen sozialen Lagen von Männern und Frauen produzierten also bislang unterschiedliche soziale Bedürfnisse und Verhaltensweisen, welche Männer und Frauen dann wiederum auf ihre jeweiligen Rollen festlegten: zum Nachteil der Frauen und zum Vorteil der Männer. So sind miteinander arbeiten und miteinander sprechen prinzipiell zwei gleichrangige Möglichkeiten, um Gemeinsamkeit herzustellen; im Miteinanderleben fällt beides zusammen. Auseinanderdividiert, ist der ökonomische und der politische Ertrag dieser beiden Grundformen menschlichen Miteinanders allerdings bislang recht unterschiedlich ausgefallen: solange die produktive Zusammenarbeit der Männer mehr zählte und auch besser bezahlt wurde als die reproduktive Gemeinsamkeit von Frauen, hatten die Frauen das Nachsehen. Unter den sich wandelnden Lebensbedingungen der Moderne kehrt sich das Verhältnis jedoch tendenziell um.

Die bislang als typisch "weiblich" erachteten sozialen Fähigkeiten und Talente erweisen sich zunehmend als ein "Kapital", das anzulegen die Männer bisher versäumt hatten. Mit der Auflösung traditioneller – und das heißt auch vorwiegend männlich bestimmter – Bindungen und Beziehungen geraten sie nun zunehmend ins Hintertreffen, denn wo soziale Beziehungen nicht mehr vorgegeben sind, sondern von jedem einzelnen selbst und immer wieder neu erarbeitet werden müssen, führt männliche Zurückhaltung nicht unbedingt an die Spitze der Hierarchie, sondern möglicherweise in soziale Isolation – ein Schicksal, das bislang offenbar nur die Frauen zu fürchten hatten. Die zunehmende Trennung der Lebens- und Arbeitsbereiche in den modernen Industriegesellschaften läßt männliche Gemeinsamkeit – über gemeinsames Tun – jedoch immer weniger zu. Die Zahl der Männer, die Tag für Tag "einsame" Arbeit verrichten, an ihrem Schreibtisch oder am Computerterminal, nimmt ständig zu. Auch für sie wird Sprechen nun zur alleinigen Grundlage von Gemeinsamkeit, und persönliche Offenheit sowie Verständnis für den anderen zur Voraussetzung sozialer Beziehungen. Nicht ohne Ressentiments merkt der amerikanische Soziologe Richard Sennett an:


Wir halten die Selbstoffenbarung vor anderen für einen moralischen Wert an sich; gleichgültig, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse beschaffen sind, in denen sie stattfindet ... Die hier wirksam werdende Vorstellung von Gemeinschaft nimmt an, daß durch solche gegenseitige Selbstoffenbarungen ein Netz entsteht, das die Menschen miteinander verbindet: ohne psychologische Offenheit keine soziale Bindung.


Daß Gemeinsamkeit sich heute aber tatsächlich meist nicht mehr anders erreichen läßt als über gegenseitige Selbstoffenbarung, wird in einer Reihe von Untersuchungen über einsame und schüchterne Menschen dokumentiert. Sie zeigen demnach weniger persönliche Offenheit, sind eher mißtrauisch und zurückhaltend mit Informationen über sich selbst, und wirken auf andere deshalb neurotisch bis arrogant. Sie verstoßen mit ihrer Reserviertheit nämlich gegen eine grundlegende Regel, die sich in unserem Kulturkreis für soziale Beziehungen herausgebildet hat: wir können nur dann vertraulich miteinander umgehen, wenn wir einander – Zug um Zug – unsere persönlichen Geheimnisse offenbaren.

Die Spielregeln des Zusammenlebens weisen in den verschiedenen Kulturen der Gegenwart viele gemeinsame Züge auf. Normen über den Ausdruck von Gefühlen, die Erörterung sehr persönlicher Themen und das Ersuchen um materielle Hilfe oder persönlichen Rat finden jedoch stärkere Anwendung in der westlichen Welt. Derart vertrauliches Verhalten kann im Gegensatz dazu in Hongkong oder Japan regelrecht unerwünscht sein, vor allem in dienstlichen und beruflichen Beziehungen. Bei uns dagegen haben die Menschen oft das Gefühl, sie müßten einander als Personen kennenlernen, um miteinander handeln zu können. In Intimbeziehungen gar ist der Ausdruck von Gefühlen nicht nur ein Kann, sondern ein Muß. Wir sollen in intimen Beziehungen um materielle Hilfe bitten, unsere persönlichen Probleme und Empfindungen mitteilen und um Rat fragen. Dies nicht zu tun ist ein Affront, wenn nicht gar ein Hinweis auf eine seelische Störung. Psychotherapie besteht nicht zuletzt darin, beim Klienten das Vertrauen und die Fähigkeit zu wecken, anderen gegenüber seine intimsten Geheimnisse zu offenbaren. Im Abendland, meint der französische Soziologe Michel Foucault, ist der Mensch ein Geständnistier geworden.

Die Selbstoffenbarung vor anderen ist allerdings kein Zweck in sich selbst und dient auch erst in zweiter Linie dem Ziel, einander näher zu kommen. Die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich anderen mitzuteilen, ist heute vielmehr eine Grundvoraussetzung dafür, überhaupt mit anderen in Kontakt treten zu können – wie distanziert und oberflächlich dieser Kontakt auch immer sein mag. Damit der einzelne mit anderen in Beziehung treten kann, muß er nämlich sagen, wer er ist; man will schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat. Lange Zeit hat sich das Individuum durch seine Beziehung zu anderen und durch Bezeugung seiner Bindung an andere, an die Familie, Gefolgschaft, Schirmherrschaft ausgewiesen. Wo die Identität eines Menschen aber nicht mehr durch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Gemeinschaft festgelegt ist, und auch nicht mehr aus Äußerlichkeiten wie Kleidung und Sprache erschlossen werden kann, nimmt die Selbstpräsentation tatsächlich die Form immer umfassenderer Geständnisse an. Dies macht den Akt des Sichkennenlernens nicht nur ungleich mühsamer und zeitraubender als unter Bedingungen, in denen die Identität des einzelnen noch ganz von seinem sozialen Lebensort geprägt war; Selbstoffenbarung als Voraussetzung für soziale Beziehungen jeglicher Art birgt auch ein großes Risiko, mißbraucht, enttäuscht, verletzt zu werden.

So wird denn auch die "Tyrannei der Intimität" (Richard Senett) für Verfall und Ende eines öffentlichen sozialen Lebens verantwortlich gemacht, das es den Menschen erlaubte, ohne Einbußen an individueller Freiheit und Unabhängigkeit gesellig zu sein. Im London und Paris des 18. Jahrhunderts hing geselliger Umgang nicht davon ab, ob man einander intim kannte. Fremde, die sich in Parks oder auf Straßen begegneten, konnten unbefangen miteinander ins Gespräch kommen. Es gab einen gemeinsamen Fundus an gesellschaftlichen Konventionen und sozialen Umgangsformen, die es den Menschen erlaubten, aufeinander zuzugehen, ohne sich zugleich aufgerufen zu fühlen, ihre persönlichen Lebensumstände zu beichten. Solche Zurückhaltung wurde jedoch spätestens im 19. Jahrhundert verdächtig. Der romantische Kult der Aufrichtigkeit und Authentizität riß den Menschen die Masken ab, die sie in der Öffentlichkeit getragen hatten, und machte Intimität zur Voraussetzung zwischenmenschlicher Beziehungen. Wo aber stets Wärme, Vertrauen, und die Möglichkeit zum offenen Ausdruck von Gefühlen gesucht werden, sind Teilnahmslosigkeit und Schweigen die einzigen Formen, in denen das öffentliche Leben erträglich wird. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in den Hauptstädten der westlichen Welt die Vorstellung, daß Fremde kein Recht hätten, miteinander zu sprechen, daß jedermann Anspruch auf einen unsichtbaren Schutzschirm hätte, das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Das öffentliche Leben wurde so zu einer Sache des Beobachtens, der passiven Teilnahme, während die privaten Beziehungen zugleich mit allen Bedürfnissen des Menschen nach Sozialität überfrachtet wurden.

Es ist nicht leicht, heutzutage von Zivilisiertheit zu sprechen, ohne gleich als Snob oder Reaktionär verdächtigt zu werden. Zivilisiertheit ist ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden. Eine Maske zu tragen, gehört zum Wesen von Zivilisiertheit. Masken ermöglichen unverfälschte Geselligkeit, losgelöst von den ungleichen Lebensbedingungen und Gefühlslagen derer, die sie tragen. Zivilisiertheit zielt darauf ab, die anderen mit der Last des eigenen Selbst zu verschonen.

Wer dies schreibt, der ist unverkennbar ein Mann. Die Frauen haben dem Distanzbedürfnis der Männer die Forderung entgegengesetzt, das Private öffentlich zu machen. Nur so konnten die verschwiegenen Voraussetzungen des Öffentlichen ans Licht gebracht werden, die Frauenarbeit im Privatbereich als gefühlsökonomische Basis des öffentlichen Männerlebens. Männliche Zurückhaltung und Reserviertheit konnte sich jedoch auch nur innerhalb fest gefügter sozialer Strukturen behaupten, die dem einzelnen nicht nur einen bestimmten Platz anwiesen, sondern damit zugleich auch eine soziale Identität, die sich nicht zu erklären brauchte. Mit der Herauslösung des einzelnen aus sozialen Vorgegebenheiten erweist sich Distanziertheit jedoch als zunehmend unzweckmäßig: statt eine unverbindliche Geselligkeit zu ermöglichen, steht sie nun vielmehr dem Anbahnen sozialer Kontakte im Wege – und damit auch dem beruflichen und sozialen Aufstieg.

Insbesondere erscheint es nicht mehr angemessen, sondern anmaßend, soziale Distanz zu wahren. Obwohl Statusunterschiede nach wie vor bestehen, neigen wir nämlich dazu, alle Hinweise auf Ungleichheit in unserer vermeintlich egalitären Gesellschaft zu unterdrücken und zu übersehen. Von diesem Gleichheitsmythos ist auch unser soziales Verhalten nicht unbeeinflußt geblieben. Wie auch immer die tatsächlichen Verhältnisse sind, es geht darum, so zu tun, als ob keine Unterschiede zwischen den Individuen bestünden. So bemühen sich etwa Hausfrau/mann und Zugehfrau/mann ebenso wie Chef/in und Sekretär/in jeweils gemeinsam darum, die Tatsache zu verschleiern, daß einer von ihnen Befehle erteilt, während der andere sie ausführt: die Auflösung traditioneller Beziehungs- und damit auch Herrschaftsstrukturen hat das Denken in Begriffen von Über- und Unterordnung, wie es den Männern eigentümlich ist, und vor allem auch die auf dieser Voraussetzung beruhenden sozialen Verhaltensweisen obsolet gemacht. Es geht nun deshalb nicht mehr darum, Rangunterschiede hervorzuheben, sondern vielmehr darum, diese zu kaschieren.

Es gibt inzwischen viele Organisationen in Amerika, die Rangunterschiede als eine so große Gefahr für das Gleichgewicht des Systems ansehen, daß der zeremonielle Aspekt des Verhaltens nicht als eine Art bildhaften Ausdrucks dieser Differenzen fungiert, sondern als ein Weg, sie sorgfältig auszugleichen. In der untersuchten Forschungsklinik gehörten Psychiater, Psychologen und Soziologen zu einer gemeinsamen Gruppe, die durch das Zeremoniell des Duzens charakterisiert war. Diese symmetrische Vertrautheit bewahrte die Psychologen und Soziologen vor dem Gefühl, sie seien nicht gleichwertige Mitglieder des Teams, was sie in der Tat nicht waren. Ähnlich fand der Verfasser in einer Untersuchung kleiner Geschäftsleute heraus, daß Tankstellenwärter das Recht haben, ihren Chef zu unterbrechen, ihm auf den Rücken zu klopfen, ihm Rippenstöße zu versetzen, sein Telefon zu benutzen und sich andere Freiheiten zu erlauben. Diese ritualisierte Erlaubnis schien für den Geschäftsmann ein Weg zu sein, die Moral zu erhalten und zu erreichen, daß seine Angestellten ehrlich blieben.

Die neuen Verhaltensnormen lassen sich besonders gut im Vergleich zur Kategorie abweichenden, gestörten Verhaltens ablesen: daß Distanziertheit zunehmend zum Problem wird, Aufgeschlossenheit im sozialen Umgang zur wünschenswerten Norm, belegt der kulturelle Wandel von beziehungsstiftenden zu beziehungsverweigernden seelischen Störungen. Depressionen, Suchterkrankungen und narzißtische Neurosen machen heute den Hauptanteil an seelischen Erkrankungen aus, während um die Jahrhundertwende noch Hysterie, Angst- und Zwangsneurosen im Vordergrund standen. Bei diesen Störungen ging es vor allem darum, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erlangen. Die Platzangst etwa hat zur Folge, daß der Patient keine Minute mehr allein gelassen werden darf und seine Wohnung nur noch in Begleitung ihm vertrauter Personen zu verlassen vermag. Auch die Herzneurose zielt darauf ab, sozialen Kontakt herzustellen beziehungsweise aufrechtzuerhalten: die anfallartigen Beschwerden treten meist auf, wenn die Trennung von einer wichtigen Bezugsperson droht, und verschwinden sofort, wenn ein Arzt oder eine andere Person des Vertrauens sich um den Patienten kümmert. Bei den heute dominierenden narzißtischen Störungen, depressiven Neurosen und Suchterkrankungen provozieren die Patienten zwar auch die Aufmerksamkeit ihrer sozialen Umwelt; aber sie wollen deren Zuwendung nicht und auch nicht deren Hilfe. Es hat vielmehr geradezu den Anschein, als würden sie alle Versuche, ihnen zu helfen, sabotieren. Nicht die Angst vor dem Alleinsein, sondern die Angst vor einer Beziehung scheint sie zu motivieren. Weil ihnen das Risiko zu hoch ist, von anderen Menschen ausgebeutet, verletzt, verlassen oder frustriert zu werden, flüchten diese Patienten bis zu Selbstdestruktion in den Rückzug auf sich selbst.

Seelische Störungen lassen sich als Versuch interpretieren, mit belastenden Lebensumständen umzugehen. Die Zunahme an beziehungsverweigernden Störungen würde dann etwa auf eine "Tyrannei der Intimität" verweisen, auf einen Zwang zu Offenheit und Nähe, der es dem einzelnen zunehmend unmöglich macht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden. In gewissem Sinne ist dies sicher richtig; die Verpflichtung und die Notwendigkeit allein, anderen nahezutreten und sich nahetreten zu lassen, um die anderen zu erkennen und sich kenntlich zu machen, mögen bei manchen Menschen schon Flucht- und Rückzugstendenzen auszulösen. Gerade wer empfindsam ist, Enttäuschungen und Kränkungen schwer verwinden kann, dem sind die Kosten sozialer Beziehungen nun vielleicht tatsächlich zu hoch.

Seelische Störungen lassen jedoch nicht nur in diesem Sinne Rückschlüsse auf die Bedingungen zu, unter denen die betroffenen Menschen leben; sie machen – in einer Art Negativbild – auch wesentliche Verhaltensnormen deutlich, von denen seelisch gestörte Menschen so weit abweichen, daß sie ihrer Umgebung auffallen. Ausschlaggebend für die Diagnose einer seelischen Störung ist nämlich meist die Tatsache, daß die Reaktion des Betroffenen von Außenstehenden nicht nachvollzogen werden kann. Bei der Beurteilung der Frage, ob bestimmte Erlebnis- und Verhaltensweisen eine angemessene Reaktion auf äußere Umstände darstellen, kann man sich jedoch nicht an objektiven Kriterien orientieren. Seelische Störungen lassen sich vielmehr – anders als organische Krankheiten – erst im Vergleich mit sozial gesetzten Maßstäben als solche identifizieren. Nur wenn man weiß, welches Verhalten von einer Person in einer bestimmten Situation erwartet wird, lassen sich Abweichungen von diesen Erwartungen als Störungen wahrnehmen. Da soziale Normen von Kultur zu Kultur und von Gesellschaft zu Gesellschaft variieren, und überdies einem historischen Wandel unterliegen, sind die auf diesem Hintergrund gewonnenen Vorstellungen von seelischer Gesundheit und Normalität relativ, das heißt immer an einen bestimmten Kontext gebunden. Die Normen, die unsere Auffassung von Gesundheit und Krankheit bestimmen, sind insbesondere abhängig von allgemeinen gesellschaftlichen Funktions- und Leistungserwartungen. Seelisch gesund ist, wer in allen Lebensbereichen reibungslos funktioniert.

Wenn beziehungsverweigernde Störungen heute zum Problem werden, dann heißt dies also auch, daß die Verweigerung von Beziehungen, der Rückzug auf sich selbst, ja auch die Selbstgenügsamkeit einem reibungslosen Funktionieren im Wege stehen. Eine solche Haltung, die weder Betroffenen noch Außenstehenden unter anderen Verhältnissen zum Problem wurde, wirkt sich heute eben störend aus. Wir setzen offenbar ein gewisses Maß an Geselligkeit und Aufgeschlossenheit im sozialen Umgang als verbindlich und normal voraus. Was um die Jahrhundertwende noch als positiv zu bewertende Eigenschaft galt, nämlich Schüchternheit, ist heute deshalb Anlaß für therapeutische Bemühungen. Daraus läßt sich schließen, daß social skills inzwischen als unerläßliche Voraussetzung von seelischer Gesundheit angesehen werden.

Betrachtet man die Wandlungen der Neuroseformen unter diesem Gesichtspunkt, so fällt auf, daß noch um die Jahrhundertwende die Übertreibung "weiblicher" Verhaltensweisen als neurotisch oder unzweckmäßig galt: Bindungsverhalten nämlich, das Freud in erster Linie sexuell motiviert sah. Die viktorianische Kultur, welche die Entstehung von hysterischen Störungen begünstigte, war durch eine starre Klassenstruktur gekennzeichnet; Zurückhaltung und Konformität waren die anerkannten Maßstäbe sozialen Verhaltens. Das heißt, es ging noch nicht darum, Beziehungen herzustellen, sondern innerhalb eines streng vorgegebenen Rahmens sozialer Beziehungen stets die notwendige Distanz zu wahren, um eben diese Beziehungen und die in ihnen festgelegten Autoritätsverhältnisse nicht zu gefährden.

Während um die Jahrhundertwende die Rahmenbedingungen, unter denen menschliches Miteinander sich vollzog, eine Nähe erzeugten, die nur durch Distanziertheit und Zurückhaltung auszugleichen war, erfordern die heutigen Rahmenbedingungen des Zusammenlebens, die sämtlich in Richtung auf Distanz zielen, kompensatorisch soziale Aufgeschlossenheit. Mit dem Zerfall traditioneller Bindungen und Beziehungen erscheint nun vor allem die Übertreibung "männlichen" Verhaltens als neurotisch bzw. unzweckmäßig: Distanzverhalten in jeglichem Sinne, also auch das Bestehen auf sozialer Distanz, sowie die unterschiedlichen Formen des sozialen Rückzugs, der Selbstisolierung, der Verschlossenheit und Reserviertheit. Je weniger der soziale Zusammenhalt durch die Gesellschaftsstruktur allein gewährleistet werden kann, desto mehr macht man ihn also zur persönlichen Pflicht, die jeder einzelne als sein eigenes Bedürfnis zu verstehen und zu erfüllen hat. Wenn aber Nähe zum Zwang wird, dann wird sie mit um so größerer Wahrscheinlichkeit gemieden. Auch dies ist eine der Bedingungen der Unmöglichkeit der Nähe in den modernen Industriegesellschaften.


Die Angleichung der Geschlechter

Die Auflösung traditioneller Bindungen und Beziehungen – und das heißt auch: die Auflösung traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge – stellt beide Geschlechter vor neue Anforderungen und Aufgaben: von den Frauen, die nicht mehr auf eine lebenslange Existenzsicherung durch den Mann bauen können, wird verlangt, Fähigkeiten zu entwickeln, die für eine eigenständige ökonomische Existenzsicherung notwendig sind; von den Männern, die nun auf ihren angestammten Platz innerhalb fest vorgegebener sozialer Strukturen verzichten müssen, wird gefordert, die Verantwortung für ihre sozialen Beziehungen selbst zu übernehmen. Und mehr noch: den sozialen Verhaltensstil der Frauen zu übernehmen, der unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß wir alle gleich sind, vertrauensvolle Offenheit und unbedingte Gegenseitigkeit in allen sozialen Beziehungen anstrebt. Vor allem im Berufsleben reicht klassisches Geschlechtsrollenverhalten allein nicht mehr aus. Beide Geschlechter, ob Mann oder Frau, erfahren ihre Unterwerfung unter eine neue sozio-ökonomische Realität in der Verwendung sämtlicher Dimensionen ihrer Subjektivität als berufliche Qualifikationen. Planungs-, Steuerungs- und Kontrollfähigkeiten im hochtechnisierten Prozeß, bislang männliche Domäne, sowie Freundlichkeit, Zuwendung und soziale Kompetenz, bislang weibliche Domäne, werden zu neuen, intensiv beanspruchten Leistungsvariablen. Was zählt, ist die jugendlich wirkende, moderne, dynamische Persönlichkeit, die "männliche" und "weibliche" Tugenden in sich vereint.

Daraus läßt sich auch eine optimistischere Prognose ableiten, was die Zukunft der Frauen betrifft. So glaubt etwa die französische Philosophieprofessorin Elisabeth Badinter alle Anzeichen einer androgynen Revolution ausmachen zu können. Nach viertausend Jahren Herrschaft des Patriachats hat sich – so die These der Autorin – in den westlichen Ländern während der letzten 20 bis 30 Jahre ein tiefgreifender Wandel vollzogen, der Männer und Frauen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit dazu bringt, die traditionell ihnen zugewiesenen, trennenden und isolierenden Räume und Rollen zu verlassen. Die Männer werden "weiblicher", die Frauen werden "männlicher" – die Geschlechter gleichen sich einander an, der "androgyne" Mensch entsteht.

Diese Entwicklung ist das Produkt eines langen, vielschichtigen Prozesses, der seinen Ausgang in einer frühgeschichtlichen Komplementarität der Geschlechter nahm: Mann und Frau hatten unterschiedliche Aufgaben, waren aber prinzipiell gleichberechtigt. Technische Erfindungen und wirtschaftliche Umwälzungen – im Zusammenhang mit dem Seßhaftwerden, mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht – gaben dann dem Mann ein wachsendes Gewicht und drängten die Frau immer mehr in eine untergeordnete, oft ausgebeutete Stellung. Aber das Patriarchat, das alle Macht aus der bestimmenden Rolle des Vaters herleitete und in der Figur des Gottvaters theologisch überhöhte, war nach Ansicht Badinters nur eine Durchgangsphase. Schon die französische Revolution hatte die Gleichheit aller Menschen verkündet. Die Frauen nahmen diese Parole schließlich auch für sich in Anspruch und erkämpften sich Schritt für Schritt die ihnen zunächst vorenthaltenen Rechte. Nun hat die "Mutation" zum androgynen Menschen das revolutionäre Gleichheitsideal endlich Wirklichkeit werden lassen.

Das 20. Jahrhundert hat dem Prinzip der Ungleichheit, das die Beziehungen zwischen Männern und Frauen bestimmte, ein Ende gemacht ... Es gibt kein Zurück mehr zur ursprünglichen Trennung der Geschlechter, es gibt jetzt nur noch eins: daß sie und er sich in alles teilen. Der Kampf um die Gleichberechtigung hat die Unterschiede so sehr verwischt, daß das Charakteristische beider Geschlechter fraglich geworden ist. Das Schema der Komplementarität tritt zurück zugunsten der von Männern so lange gefürchteten Ähnlichkeit ... Die Ähnlichkeit ist keine günstige Voraussetzung für die Herrschaft des einen Geschlechts über das andere. Sie verleitet vielmehr zum Frieden zwischen den Geschlechtern.

Es ist an sich ein Irrtum, anzunehmen, daß Gleichberechtigung und Gleichheit im Sinne größtmöglicher Ähnlichkeit einander bedingen. Im Gegenteil ließe tatsächlich durchgesetzte Gleichberechtigung, also die Durchsetzung gleicher Rechte und Chancen für alle, erwarten, daß auf dieser Grundlage individuelle Unterschiede um so stärker betont hervortreten. Ob und wie jemand von seinem Recht Gebrauch macht, zu Besitz, Erfolg, Ruhm, Bildung, Zufriedenheit zu kommen, wird durch das in der Französischen Revolution proklamierte Gleichheitsideal eben nicht festgelegt. Und dennoch hat sich jenes andere Gleichheitsideal, das auf die Auslöschung von Unterschieden zwischen den Menschen auch jenseits gleicher Ausgangsbedingungen abzielt, weit nachhaltiger in den Köpfen der Menschen festgesetzt als jede andere Forderung: das andere, der andere wird nicht mehr als das andere oder der andere anerkannt, alles muß gleich sein, nichts darf unähnlich sein – dieses Prinzip beherrscht, wie wir gesehen haben, zunehmend unsere Umgangsformen. Ungleichheit, das Auftreten individueller Unterschiede, von Statusdifferenzen, die Bildung von Klassen und Minderheiten wird dadurch freilich nicht verhindert, nur etwas weniger offensichtlich gemacht. Es könnte allerdings sein, daß unter dem Druck gerade dieses Gleichheitsideals das Geschlecht eines Menschen seine bislang herausragende Bedeutung für die Zuweisung von Status, Chancen, Risiken, Einschränkungen und Privilegien verliert, ähnlich wie die Religionszugehörigkeit, die im 16. und 17. Jahrhundert noch ausschlaggebend für das Schicksal eines Menschen war, im Laufe der folgenden Jahrhunderte ihre sozialpolitische Bedeutung weitgehend verloren hat.

Welches neue Ordnungsprinzip sozialer Ungleichheit sich dann auch immer ergeben wird – vieles spricht dafür, daß der Erwerbsstatus, also die Tatsache, ob man Arbeit hat oder nicht, die ausschlaggebende Rolle spielen wird – so bleiben die privaten Beziehungen zwischen Mann und Frau von einer möglichen Verlagerung des Schwerpunktes in der Zuweisung von Status und Rollen jedoch offenbar noch weitgehend unbetroffen. Tatsächlich – und dies spricht gegen die Utopie von der Gleichheit der Geschlechter – erfolgt im Zusammenleben von Mann und Frau nämlich oft genug der Rückfall in die alten Rollenklischees: statt des Leitbilds der Gleichheit, das sich in öffentlichen sozialen Beziehungen allmählich durchsetzt, dominiert in der privaten Zweisamkeit nach wie vor das Schema der Komplementarität der Geschlechter, mit dem traditionell daran geknüpften Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und allen heute sich daraus ergebenden Ressentiments. Frauen, beruflich erfolgreich, ordnen sich zu Hause wieder unter; Männer, die offiziell für die Gleichberechtigung eintreten, beanspruchen gegenüber ihrer eigenen Partnerin weiterhin althergebrachte männliche Privilegien. Vor dem Hintergrund des Gleichheitsmythos nehmen sich diese Paarbeziehungen reaktionär aus und werden von den Betroffenen auch zunehmend als "unnormal" empfunden. Eine neue Psychopathologie des Alltagslebens entsteht: auf Seiten der Frauen wird der "Cinderella-Komplex" entdeckt, die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit; auf seiten der Männer diagnostiziert man eine süchtige Abhängigkeit des Mannes von der Frau, die zu einem entsprechenden Bedürfnis des Mannes führt, die Frau zu kontrollieren und zu beherrschen, oder die "Mysogynie", den Frauenhaß. Welch schädlichen Sozialisationsbedingungen des Mannes und der Frau auch immer die Schuld daran gegeben wird, daß die angestrebte Symmetrie in der Beziehung der Geschlechter nicht erreicht wird – in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wird auf die eine oder die andere Weise die Mutter für alle auftauchenden Schwierigkeiten und Probleme verantwortlich gemacht –, die Szenen moderner Ehen, die in diesem Zusammenhang beschrieben werden, sind die gleichen:

1975 verließ ich New York und zog mit meinen Kindern in ein kleines abgelegenes Dorf im Hudsontal, neunzig Meilen nördlich von Manhattan. Hinter mir lag der einsame vier Jahre dauernde Kampf, mich als alleinstehende Mutter durchzuschlagen. Ich hatte einen Mann kennengelernt, der ein idealer Partner zu sein schien: er war zuverlässig, intelligent und wundervoll lustig. Wir mieteten ein großes, einladendes Haus mit Land, einem Garten und Obstbäumen ... Ohne eine bewußte Entscheidung zu treffen, ohne daß ich es erkannte, veränderte sich mein Leben dramatisch. Früher hatte ich täglich mehrere Stunden geschrieben und mich meiner Karriere gewidmet, die vor zehn Jahren begann. In Rhinebeck schien Hausarbeit meine Zeit völlig in Anspruch zu nehmen – beseligende Hausarbeit ... Abends kochte ich aufwendige Mahlzeiten und servierte sie stolz auf dem großen Tisch eines richtige Eßzimmers. Tagsüber wusch ich, rechte Laub und deckte die Beete ab. Abends spielte ich Gehilfin und tippte Lowells Manuskripte. Seltsamerweise schien es durchaus in Ordnung zu sein, daß ich, die ich zehn Jahre lang mit Schreiben Geld verdient hatte, einem anderen Mann Manuskripte tippte ... Welche befreite Frau hätte sich das träumen lassen? Sobald sich die Gelegenheit bot, mich auf jemanden zu stützen, hörte ich auf, mich zu entwickeln – ich kam zum völligen Stillstand. Ich traf keine Entscheidungen mehr, ging nirgends mehr hin, traf mich noch nicht einmal mit Freunden ... Ohne jedes Abschiedsritual war ich wieder in die traditionelle Rolle der Frau zurückgeschlüpft: Gehilfin; fleißige Hausfrau; Sekretärin; Tippse der Träume eines anderen.

Nach außen hin wirkte ich selbstbewußt und ausgefüllt – eine Frau, die alles erreicht hatte. Den ganzen Tag lang, ob in meinem Büro, im Krankenhaus oder in der Beratungsstelle, wo ich praktizierte, arbeitete ich mit Menschen, um ihnen zu helfen, ihr Selbstbewußtsein und das Gefühl von Kraft wiederzufinden. Doch zu Hause war alles ganz anders. Mein Mann war charmant, sexy und romantisch, und ich hatte mich gleich bei unserem ersten Treffen wahnsinnig in ihn verliebt. Doch bald mußte ich entdecken, daß er eine Menge Wut in sich aufstaute und es fertig brachte, mich klein, unterlegen und unausgeglichen zu fühlen. Er bestand darauf, alles, was ich tat, glaubte und fühlte, zu kontrollieren ... Die Susan, die abends nach Hause ging, krümmte sich wie ein Wurm bei dem Versuch, einen Wutausbruch ihres Mannes zu vermeiden. Diese Susan redete sich immer wieder ein, er sei doch ein wunderbarer und aufregender Mann, und wenn etwas nicht stimme, müsse es ihre eigene Schuld sein ... Je häufiger er mich lieblos und selbstsüchtig nannte, um so mehr versuchte ich, ihn zu besänftigen, durch Entschuldigungen, Kapitulation und bewußte Sabotage meiner Karriere ... Ich hatte unsere Ehe als fröhliche, kraftvolle Person begonnen, und jetzt, vierzehn Jahre später, war ich ängstlich und oft am Rande eines Tränenausbruchs ... In den nächsten Monaten untersuchte ich genauer, was sich in meiner eigenen Ehe abspielte wie auch in den Beziehungen meiner Klientinnen, die sich offensichtlich in ähnlichen Situationen befanden. Was genau geschah eigentlich? Wie liefen diese Dinge ab? Zwar waren es immer die Frauen, die meine Hilfe suchten, doch meine Aufmerksamkeit richtete sich auf das Verhalten der Männer. Nach den Beschreibungen ihrer Partnerinnen waren sie oft charmant und sogar liebevoll, aber auch fähig, sich von einem Augenblick zu anderen grausam, kritisch und beleidigend zu verhalten. Dieses Verhalten wies eine große Bandbreite auf, von offensichtlicher Einschüchterung und Drohungen zu subtileren und verdeckten Angriffen in Form von ständigen Herabsetzungen oder vernichtender Kritik. Die Ergebnisse waren jedoch immer die gleichen. Der Mann gewann Macht und Kontrolle, indem er die Frau zermürbte.

Ob nun die Frau wieder in ihre traditionelle Geschlechtsrolle zurückfällt oder ob der Mann an seiner traditionellen Geschlechtsrolle festhält: mit zunehmender Geltung der Gleichheitsnormen häufen sich die Unzufriedenheit mit dem Partner und die Unzufriedenheit mit sich selbst und dem Verhalten, zu dem man in der Partnerschaft gezwungen wird. Denn es hat tatsächlich den Anschein, als ob Mann und Frau im Zusammenleben – oft auch gegen ihre bewußten Absichten – dazu gedrängt werden, die alten Herrschaftsverhältnisse wieder herzustellen. Enge Bindungen, so scheint es, beruhen auf und konstituieren Abhängigkeitsverhältnisse – wie in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Liebe wird immer nur von unten nach oben und von oben nach unten gedacht. Von gleich zu gleich, sagt Pascal, kann man einander nicht lieben. Denn Gleichstellung bedeutet für uns (oder vielleicht auch nur für die Männer) offenbar eine so große Aufforderung zum Rivalisieren, daß dadurch eine liebevolle Gefühlsbeziehung automatisch beeinträchtigt oder gar verhindert wird. In jedem Fall ist die Beziehung zwischen konkurrierenden Partnern labil. Sie ist letztlich dazu bestimmt, in gegenseitigem Vermeiden oder in irgendeiner Form von kriegerischer Entzweiung zu enden oder in ein Herrschaftsverhältnis umzuschlagen. Rivalität und Bindung stehen einander entgegen, nicht nur in der Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern in jeder Beziehung, die zwei Menschen mit etwa gleich viel Macht übereinander eingehen.

Es besteht in diesem Fall jedoch auch die Möglichkeit, der Aufforderung zum Rivaliseren aus dem Wege zu gehen, indem Bereiche abgesteckt werden, Domänen, die jeweils nur einem zugänglich sind und die der andere auch nicht für sich beansprucht: Gleichberechtigung unter der Voraussetzung von Verschiedenheit. Geschwister, die einander zugetan sind, und das heißt, Geschwister, die Rivalität und die daraus folgenden Konsequenzen, nämlich Zerwürfnis einerseits oder Herrschaftsverhältnis mit allen dazugehörenden Ressentiments andererseits, vermeiden wollen, wählen häufig diesen Weg: alle Fähigkeiten, Fertigkeiten und Talente, die als Grundlage für die Etablierung von Rangunterschieden gelten könnten, werden sorgfältig zwischen ihnen aufgeteilt, so daß es schließlich so aussieht, als hätten sie nichts miteinander gemeinsam – außer ihrer Bindung aneinander. So hat man etwa festgestellt, daß getrennt lebende eineiige Zwillinge ein hohes Maß an Übereinstimmung bezüglich der Charaktereigenschaften Introversion/Extraversion aufweisen – wie es ihrer gleichen genetischen Ausstattung entspricht. Bei gemeinsam lebenden eineiigen Zwillingen ist die Übereinstimmung jedoch äußerst gering: Um zusammenleben zu können, müssen sie sich offenbar so weit wie möglich unterscheiden.

In diesem Sinne hat auch der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss die geschlechtliche Arbeits- und Rollenteilung als das wirksamste Mittel angesehen, um Bindung herzustellen. Jede Gesellschaft ordnet bestimmte Aufgaben dem einen Geschlecht zu, während sie diese dem anderen verbietet, und etabliert so eine künstliche Abhängigkeit der Geschlechter voneinander als Grundlage sozialen Zusammenhalts. Die Gleichheit in der Verschiedenheit, das beweisen die Rollenaufteilungen zwischen Geschwistern, ist keine Utopie; was die Beziehungen der Geschlechter betrifft, ist das Schema der Komplementarität jedoch so eng mit dem Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern verknüpft, daß das Leitbild der Gleichheit nicht nur Herrschaftsverhältnisse, sondern auch Rollenaufteilungen zwischen den Geschlechtern ausschließt – wobei die Frage eben offen bleibt, wie dauerhafte Bindungen unter der doppelten Voraussetzung von Gleichstellung und Gleichheit im Sinne von größtmöglicher Ähnlichkeit zu bewerkstelligen sind. Entsprechend mutmaßt auch Elisabeth Badinter, daß Mann und Frau im Zuge der androgynen Revolution ihr Interesse aneinander verlieren:

Das Paar war einmal die grundlegende Einheit der Gesellschaft. Aus zwei Hälften bestehend, die jeweils bestrebt waren, ihre "Partitur" zu spielen, stellte es für beide Teile ein transzendentes Gebilde dar. Es war eine soziale und sogar eine psychologische Banalität, daß der eine ohne den anderen unvollständig war ... Die gegenwärtige Tendenz geht dahin, das Paar nicht mehr als eine transzendente Einheit zu sehen, sondern als Verbindung zweier Menschen, die sich weniger als Hälften einer größeren Einheit denn als eigenständige Wesenheiten begreifen. Man ist kaum noch bereit, um der Gemeinsamkeit willen etwas von sich aufzugeben. Die Übersteigerung des Ichs und der streitbare Individualismus stehen dem Leben zu zweit, wie wir es uns ersehnen, im Wege ... Wir möchten vollständige und sich selbst genügende Wesen sein, doch indem wir die Andersheit verinnerlichen, verliert die Suche nach dem anderen etwas von ihrer Dringlichkeit und ihrem Reiz.

Beides, Gleichstellung und Gleichheit, zielt offenbar auf Distanz, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Während Gleichstellung zum Rivalisieren auffordert, und dadurch ein friedliches Zusammenleben erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht, versucht das Ideal der Gleichheit im Sinne größtmöglicher Ähnlichkeit Unterschiede zwischen den Menschen zu nivellieren oder zu leugnen, um jeden einzelnen auf diese Weise seiner Unabhängigkeit von den anderen zu versichern. Wenn der andere ist wie ich, über nichts verfügt, über das ich nicht auch verfüge, nicht nur ebenbürtig, sondern eben auch gleich ist, dann brauche ich ihn nicht, dann bin ich mir selbst genug. Die Gleichheit aller ist also die Voraussetzung für die Autonomie des einzelnen beziehungsweise seiner Bereitschaft zu glauben, daß er das Leben als einzelner bestehen, ja überhaupt erst in befriedigender Weise führen kann.

Die Individualisierungsdynamik der Moderne, die gerade nicht, wie der Begriff es nahezulegen scheint, auf Individualisierung, also auf größtmögliche Verschiedenheit der Individuen abzielt, sondern im wesentlichen die Vereinzelung der Individuen betreibt, ruft freilich auch die gegenläufigen Tendenzen hervor: nie zuvor hat man dauerhaften und verläßlichen zwischenmenschlichen Beziehungen eine so große Bedeutung eingeräumt als in dem Augenblick, in dem sie gar nicht mehr möglich erscheinen. Das große Interesse der Sozialwissenschaften etwa an "sozialen Netzwerken", welche die Einbindung des modernen Individuums in die Gesellschaft bewerkstelligen sollen, dokumentiert auch bereits deren Verfalls- und Auflösungserscheinungen. Und in dem Kinofilm "Eine verhängnisvolle Affaire", der zum Kassenerfolg des Jahres 1988 avancierte, rechtfertigt die Verteidigung des bürgerlichen Ehe- und Familienlebens sogar Mord und Totschlag – wie auch umgekehrt glaubhaft gemacht werden kann, daß die verlassene Geliebte in dieser Dreiecksgeschichte die Attraktivität einer festen Bindung so hoch einschätzt, daß sie ihrerseits nicht vor Kindesentführung und Mordversuchen zurückschreckt. Die kurze Affaire des ansonsten treuen Ehemannes erweist sich also deshalb als verhängnisvoll, weil alle drei Protagonisten nichts so sehr fürchten wie Bindungslosigkeit; nicht der Reiz einer flüchtigen Beziehung, die Aufregungen eines Seitensprunges werden hier gefeiert, sondern die Beständigkeit und Verläßlichkeit echter Bindung. Auch auf diesem Gebiet vollzieht sich also die Wende in die Postmoderne – als hastiger Versuch, etwas zu restaurieren, was man gleichwohl bereits verloren glaubt.


Jeder für sich und die Gesellschaft gegen alle


Leitbild Autonomie: eine notwendige Fiktion

Der Individualisierungsprozeß der Moderne und in Verbindung damit auch die Zersetzung geschlechtspezifischer Rollen- und Aufgabenverteilungen ruft das autonome Individuum auf den Plan: einen Menschen, der, ob Mann oder Frau, als einzelner bestehen können soll, der ... bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen (muß), sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen". Diese Emanzipation oder, etwas weniger optimistisch ausgedrückt, Freisetzung des einzelnen aus sozialen Vorgegebenheiten wird subjektiv als Verlust an Sicherheit, aber auch als Zuwachs an Möglichkeiten der Selbstbestimmung empfunden. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lassen jedoch eine individualisierte Lebensführung, wie sie sich als Möglichkeit und als Notwendigkeit zumindest für die jüngere Generation zunehmend prägnant abzeichnet, immer weniger zu. Parallel zur Entbindung des Individuums aus traditionellen Verpflichtungen und Rollenzuweisungen gerät es nämlich in neue Abhängigkeiten von Markt, Mode und Konjunktur, die zu durchschauen aber gerade durch Idee und Ideal der Autonomie des einzelnen verhindert wird. Wo jeder in jeder Hinsicht seines Glückes Schmied ist, da gibt es prinzipiell keine von außen auferlegten Beschränkungen mehr auf dem Weg zum Erfolg, sondern nur noch verpaßte Chancen und persönlich zu verantwortende Fehlentscheidungen; wo kein Gesetz, keine Tradition und kein anderer mehr dazu berechtigt und in der Lage ist, den Menschen in eine bestimmte Bahn zu zwingen, da gibt es kein Schicksal mehr, das man auf sich nehmen muß, sondern nur noch das vermeintlich selbstgewählte Los. Jede Lebenslage, auch jene, in die man ohne eigenes Zutun geraten ist, präsentiert sich nun als Folge individuellen Versagens oder individueller Tüchtigkeit; wie günstig oder wie ungünstig auch immer die Dinge liegen, die sich noch und immer mehr der Verfügungsgewalt des einzelnen entziehen, er wird unerbittlich immer wieder nur auf sich selbst zurückverwiesen.

Georg Heinzen und Uwe Koch beschreiben in ihrem Buch Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden die Schwierigkeiten der Generation der heute 30 bis 40-jährigen, die angetreten sind, ihren ganz persönlichen Lebensentwurf zu verwirklichen, dann aber erfahren müssen, daß die Gesellschaft für ihre Pläne, Fähigkeiten, für das von ihnen erworbene Wissen keine Verwendung hat. Mathias muß nach einem abgeschlossenen Lehrerstudium feststellen, daß es ihm zwar erlaubt war, seinen Neigungen nachzugehen, daß er damit jedoch am Markt vorbeigegangen ist.

Ich bin nicht Lokomotivführer geworden. Alles ist anders gekommen, als ich gedacht habe. Ich bin auch nicht Präsident geworden oder Urwalddoktor, nicht einmal Studienrat. Eigentlich bin ich gar nichts geworden. Ich bin nicht Vater, nicht Ehemann, nicht ADAC-Mitglied. Ich habe keinen festen Beruf und kein richtiges Hobby. Mir fehlt alles, was einen Erwachsenen ausmacht, die Aufgaben, die Pflichten, die Belohnungen ... Vor zwanzig Jahre durfte ich noch auf die Erfüllung aller meiner Träume hoffen. Heute bin ich selbst für sie verantwortlich. Ich muß sie verwirklichen oder aufgeben ... Meine Eltern hatten mich für ein besseres Leben vorgesehen. Sie hatten mich auf die höhere Schule geschickt. Dort hieß es, wir würden nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen. Aber das Leben, für das ich lernte, wurde gerade abgeschafft. Während ich mich noch mit der Odyssee und den Punischen Kriegen beschäftigte, überlegten die Weitsichtigen bereits, wie man die Zeit oder den Atomkrieg in einer Streichholzschachtel unterbringen kann. Während ich mich darauf vorbereitete, gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu übernehmen, entfielen diese Aufgaben schon wieder. Ich bin noch vor der Digitalisierung groß geworden, über und über gebildet mit jenen geistigen Dingen, für die es immer weniger Verwendung gibt. Ich kann keine Computersprache, und die Sprache, die ich gelernt habe, wird in der neuen Wirklichkeit immer weniger gebraucht. Der technische Fortschritt hat mich wieder zum Analphabeten gemacht. Ich bin vom Kreislauf der Angebote ausgeschlossen, seit mein Gebrauchswert gegen Null sinkt.

Die neuen Möglichkeiten der Selbstbestimmung finden ihre Grenzen in den nur schwer vorhersehbaren Erfordernissen des Marktes. Es steht jedem frei, seinen eigenen Weg zu gehen, aber am Ende dieses Weges stehen die ehernen Gesetze von Angebot und Nachfrage. Bei aller Bereitschaft, sich als Herrn der Lage zu begreifen und diese auch jederzeit zu rechtfertigen, bleibt beim einzelnen deshalb ein dumpfes Unbehagen bestehen, das Gefühl, getäuscht zu werden und selbst zum Täuschen gezwungen zu sein.
            
Wie fragwürdig aber auch immer die Vorstellung von der Autonomie des Individuums dem einzelnen erscheinen mag, den das Angebot, seine ureigenen Vorstellungen und Pläne zu realisieren, aufs gesellschaftliche Abstellgleis geführt hat, so zwingt doch die Auflösung traditioneller sozialer Strukturen dazu, an dieser Vorstellung unerschütterlich festzuhalten. Denn mit der Herauslösung des einzelnen aus sozialen Vorgegebenheiten haben nicht nur soziale Beziehungen den Charakter des Selbstverständlichen verloren, der ihnen so lange anhaftete; mit den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der freien Wahl und Entscheidung gerät vielmehr auch die Identität des einzelnen in den Bereich dessen, was nicht mehr vorgegeben ist, sondern erarbeitet werden muß.

Während in traditionellen Gesellschaften der soziale Lebensort, in den man hineingeboren wurde, die Identität des einzelnen und damit auch seinen Lebensweg in hohem Maße vorherbestimmte, ist das in modernen Gesellschaften immer weniger der Fall. Auf die Frage "Wer bin ich?" gibt es keine vorab festgelegte Antwort mehr, die Antwort muß nun individuell gesucht werden, und das gegebenenfalls immer wieder neu: in den Sozialwissenschaften wird die menschliche Entwicklung inzwischen als lebenslanger Prozeß aufgefaßt. Noch bis in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein erfolgte die Festlegung der Identität spätestens mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter. Mit der Wahl des Ehemannes beziehungsweise mit der Wahl des Berufes stand auch ein für alle Mal fest, für wen man sich nun zu halten hatte. Heute geht man jedoch nicht mehr davon aus, daß der Mensch zu irgendeinem, noch dazu relativ früh angesetzen Zeitpunkt "fertig" ist, sondern erwartet Flexibilität bis ins hohe Alter, auch was das individuelle Selbstverständnis betrifft. Die Fähigkeit des Menschen, sich immer neuen Verhältnissen anzupassen, konnte allerdings auch erst dann sichtbar werden, als ein beschleunigter sozialer Wandel wiederholt Umorientierungen auch des einzelnen notwendig machte. Die in Kindheit und Jugend erworbenen Denk-, Verhaltens-, und Erziehungsmuster reichten um die Jahrhundertwende vielleicht noch aus, um ein Leben zu meistern, das für die meisten Menschen in vorherbestimmten Bahnen verlief – wenn die frühe Festlegung der Identität einmal erfolgt war. Der Erwachsene erschien jedenfalls als das unveränderliche Endprodukt der vorausgegangenen Entwicklung, weil seine Lebensumstände ihn auf eine bestimmte Lebensform und damit auch auf eine bestimmte Identität festlegten. In einer pluralistisehen Gesellschaft mit ungewisser Zukunft können sich die Menschen dagegen nie endgültig etablieren. Angesichts des schier unübersehbaren Neben- und Nacheinanders verschiedenster und unvorhersehbarer Anforderungen, die im Laufe eines Lebens zu bewältigen sind, bleibt der Prozeß der Stabilisierung von Identität stets unabgeschlossen: die Moderne verhängt über jeden einzelnen die lebenslange Jugendstrafe. Man kann heutzutage zwar sehr alt, aber nicht mehr erwachsen werden.

Als Grundvoraussetzung dafür, über alle Wechselfälle des Lebens hinweg, jenseits aller Wege und Irrwege, in welche die neue Entscheidungsfreiheit führt, doch irgendwie Identität zu bewahren, erweist sich im Verlauf des Individualisierungsprozesses die Fähigkeit des einzelnen, sich als autonomes, das heißt in seinen Entscheidungen unabhängiges Wesen zu präsentieren. Wer sich nicht als Subjekt gelebter Lebensvollzüge, sondern als bloßes Objekt von Schicksalsmächten begreift, kann keine Identität aufbauen. Identität im modernen Sinne ist die Einheit, die der einzelne aus seinen Entscheidungen, Handlungen, Erfahrungen und Meinungen unauflöslich herstellt. Damit dies auch gelingt, muß er sich darüber klar sein, daß er jeden seiner Schritte selbst zu vertreten und in seinen Konsequenzen selbst zu verantworten und ihn in den Zusammenhang eines umfassenderen Lebensentwurfs zu stellen hat.

Identität ist nicht zu verwechseln mit dem Selbstbild, das jemand für sich entworfen hat; gemeint ist vielmehr die Art und Weise, in der sich das Individuum in den Augen der anderen darstellt. Nur wer sich als Urheber seiner eigenen Handlungen und Entscheidungen präsentiert, ist überhaupt als Interaktionspartner ernsthaft in Betracht zu ziehen. In der Perspektive der anderen, die jeder einzelne im Laufe des Sozialisationsprozesses dann auch für sich selbst übernimmt, ist die wahrgenommene Autonomie des Individuums also die Bedingung dafür, überhaupt in Beziehung zu ihm treten zu können. Denn nur unter dieser Voraussetzung nimmt der einzelne als Individuum Gestalt an, lassen sich seine Verhaltensweisen, Einstellungen, Meinungen und Entscheidungen verstehen und in einem gewissen Umfang auch vorhersagen: kurz, man kann sich auf diesen Menschen einstellen, während man in einen Menschen, der sich als Spielball unterschiedlichster äußerer Einflüsse präsentiert, nicht viel Vertrauen setzen kann. Je größer der Entscheidungsspielraum des einzelnen wird, desto dringlicher wird also auch die Frage, ob diese Entscheidungen selbstgewählte sind. Nur dann können wir Rückschlüsse auf die Person ziehen, welche diese Entscheidungen zu verantworten hat. Dabei schreiben wir einem Menschen Identität als Person auch dann zu, wenn er Einstellungen, Meinungen, Pläne und sogar grundlegende Rollen ändert. Allerdings nur dann, wenn wir diese Veränderungen als Resultat nur freier, das heißt unabhängiger Entscheidungen wahrnehmen. Wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, sich seine eigenen Handlungen bewußt anzueignen, Haltungen übernimmt oder Handlungen vollzieht, die wir nicht mehr als Resultat autonomer Entscheidungen und Lernprozesse begreifen können oder die nachweislich Produkt fremdgesteuerter Manipulationen sind, so würden wir Zweifel an seiner Identität äußern, und das heißt in letzter Konsequenz: wir würden ihn als Person nicht ernst nehmen. [..]

    
Auf dem Weg in die mutterlose Gesellschaft

Risiko Kind. Oder: Nach uns die Sintflut

Die Zivilisiertheit der Moderne besteht nicht zuletzt darin, daß die Menschen immer größeren Abstand nehmen von allem, was ihre mühsam und unter großen Verzichten erlangte Sicherheit bedroht. Es ist die als "Individualisierungsdynamik" so verheißungsvoll beschriebene Vereinzelung der Menschen, die ihrer Zurückhaltung, ihrem "disengagement" Vorschub leistet. Nur auf sich selbst gestellt, scheint es sich das Individuum nicht mehr leisten zu können, unnötige, das heißt nicht in den Funktionsnotwendigkeiten der modernen Gesellschaft selbst begründete Risiken einzugehen. Denn was diese "unnötigen", vermeidbaren Risiken betrifft, kann der einzelne kaum auf Unterstützung zählen, wenn er sie eingegangen ist – scheint es doch in hohem Maße unvernünftig, irrational, wenn nicht gar amoralisch oder "verrückt", die Illusion der Möglichkeit einer risikofreien Existenz mutwillig zu zerstören.

Zu den "unnötigen", vermeidbaren Risiken gehört heute auch die Gründung einer Familie. Anders als in traditionellen Gesellschaften vermögen "moderne" Kinder nämlich nicht mehr zum Wohlstand, zum Ansehen und zur Sicherheit ihrer Eltern beizutragen; im Gegenteil: gerade von ihnen sind Störungen einer vorrangig auf Sicherheit bedachten Existenzführung am ehesten zu erwarten, droht der Verlust des Einzigen, was man den Fährnissen der Lebens noch entgegenzusetzen hat: der persönlichen Autonomie. So scheint es denn heute alles andere als selbstverständlich, Kinder in die Welt zu setzen. Nicht nur, daß sie ein Risiko in sich selbst darstellen, in ihrer Bedürftigkeit rücksichtslos in die Gefühls- und Lebenslagen derer eingreifen, die nun an sie gebunden sind; Kinder sind auch weit eher als jeder andere dazu in der Lage, jene Illusionen von Macht und Bedeutung des einzelnen zu zerstören, die uns das Leben erträglich machen sollen.

Schon die bloße Präsenz von Kindern vermag die Selbstgewißheit des modernen autonomen Individuums nachhaltig zu erschüttern, weil sie an jene Gesetzlichkeiten des Lebens gemahnt, denen auch mit größtmöglicher Vorsicht und Selbstdisziplin nicht beizukommen ist: der Tatsache, daß man geboren wird, heranwächst, sich im Leben einzurichten versucht, so gut es eben geht, dabei älter wird und schließlich stirbt. An den eigenen Tod mag das moderne Individuum aber nicht glauben, und es will auch nicht wissen, daß es trotz all seiner Anstrengungen und Bemühungen um Sicherheit doch einmal von der nächsten Generation abgelöst werden wird. Es glaubt statt dessen lieber an den Tod der Welt. "Nach uns die Sintflut!" heißt der als Befürchtung getarnte Wunsch, daß das Leben ohne die derzeit Erwachsenen nicht weitergehen möge.

Die einzige Alternative zum Weltuntergang, der ja nicht nur heraufbeschworen, sondern durchaus auch praktisch betrieben wird, besteht für den modernen Menschen darin, Unsterblichkeit zu erlangen. Und zwar nicht etwa dadurch, daß man in und durch die nächsten Generationen weiterzuleben hofft, sondern dadurch, daß man den Tod selbst besiegt. Auch dieses Ziel wird mit allen Mitteln verfolgt, die uns zur Verfügung stehen; während Gentechnologie und Medizin daran arbeiten, den Tod von einer Notwendigkeit zu einem Zufall herabzudrücken, muß es für den einzelnen derweilen darum gehen, jedes Risiko zu vermeiden und seine ganzen Energien auf das bloße Überleben zu konzentrieren. Beide Zukunftsvisionen: die vom Tod der Welt und die vom ewigen Leben, führen aber zum Untergang der Zukunft. Die Apotheose des Ich verlangt: hier und jetzt. Will sagen: ich oder keiner. Da können Kinder nur stören.

Gerade die enge Beziehung der Kinder zu dem, was wir aus unserem Leben zu verbannen suchen, oder bereits aufgegeben haben, zur Veränderung, zum Risiko, zur Impulsivität, zur Spontaneität, zur Emotionalität, zur Natürlichkeit, macht sie aber auf der anderen Seite auch unersetzlich für unser Leben. Die Geburtenzahlen gehen zurück, die Bedeutung des Kindes aber steigt. Mit dem Zerfall traditioneller Bindungen wird die Beziehung zum Kind nämlich zur letzten unaufkündbaren, unaustauschbaren sozialen Beziehung des Menschen, die überdies, einem antiquierten Muster folgend, nicht auf Kalkül, sondern auf Gefühl aufgebaut ist. Auf das Kind richten sich deshalb nun auch alle Erwartungen, die sonst enttäuscht werden, nach beglückender Intimität, nach bedingungsloser Gemeinsamkeit, fragloser Zusammengehörigkeit, nach Verläßlichkeit und Lebendigkeit; das Kind wird zur letzten Bastion, welche die Menschen gegen ihre Einsamkeit zu errichten vermögen.

Kinder repräsentieren heute also mehr als je zuvor eine gleichermaßen ersehnte wie gefürchtete Gegenwelt zu der, in der sich die Erwachsenen eingerichtet haben. Die ambivalente Einstellung der Moderne zum Kind läßt Kinder einerseits als Dämonen, Monster, als Besessene erscheinen, welche die Welt der Erwachsenen in Furcht und Chaos stürzen; dies ist zumindest ein beliebtes Sujet von Romanen und Filmen, in denen Kinder eine Hauptrolle spielen. Es ist nicht mehr das Schreckgespenst der Hexe, also der erwachsenen Frau, das an die Wand gemalt wird, sondern das Schreckgespenst eines mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten "bösen" Kindes. So wie es neben der Hexe (und der Hure) auch die Heilige gab, existiert neben dem teuflischen Kind aber auch der kindliche Erlöser (in Gestalt etwa von Momo), der die Erwachsenen vor sich selbst schützt und ihre Welt rettet: kraft seines Mutes, seiner Entschlossenheit, seiner Menschlichkeit, seiner Unverdorbenheit. Beide Vorstellungen der Moderne vom Kind sind in der Figur des Serienhelden Alf eine liebenswerte und lebensnahe Verbindung eingegangen. Der Außerirdische, Alf, trägt alle Züge eines geliebten, wegen seiner mangelnden Bereitschaft zur Anpassung aber auch gefürchteten Kindes. Die Familie, deren Gast beziehungsweise Mitglied er ist, möchte trotz aller Schwierigkeiten, die er ihnen macht, nicht auf Alf verzichten; aber sie schirmt ihn zugleich sorgfältig von der Außenwelt ab. Denn die Außenwelt, so erfahren wir, ist dem "Fremden", dem Kind Alf gegenüber feindlich gesonnen. Er hätte dort nur als Objekt staatlicher Maßnahmen und wissenschaftlicher Untersuchungen einen Platz, würde aber als Subjekt nicht ernstgenommen werden. Zu seinem eigenen Schutz (und zum Schutz der Gesellschaft?) wird Alf also versteckt; seinen Witz, seine Boshaftigkeit, seinen Charme und sein Mitgefühl kann er nur im Freiraum der Familie entfalten.


Risiko Kind. Oder: Die Opferung der Eltern

Die Zwiespältigkeit der Gefühle, die Kindern entgegengebracht werden, äußert sich nicht nur auf einer fiktiven Ebene, und sie bleibt auch nicht auf den direkten Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern beschränkt. Im öffentlichen sozialen Leben zeigt sich die ambivalente Einstellung der Moderne zum Kind allerdings versachlichter, als eine Art doppelter Moral, die eine immer unverhohlenere Kinderfeindlichkeit mit einem Höchstmaß an Sorge um das "Kindeswohl" zu vereinbaren weiß. Oder vielmehr es den Eltern überläßt, beides zu vereinbaren.

So sind unsere Kinder im Laufe der letzten Jahrzehnte zunehmend ins Abseits geraten. In der BRD wie auch in allen anderen Industrienationen stellt die nachwachsende Generation eine bedeutungslose und weitgehend vernachlässigte Minderheit dar. Es ist keineswegs übertrieben zu sagen, daß die moderne Gesellschaft den Bedürfnissen und Interessen von Kindern gleichgültig, ja sogar ablehnend gegenübersteht. Je mehr Kinder und Jugendliche in eine gesellschaftliche Außenseiterrolle gedrängt worden sind, desto nachdrücklicher hat man sie allerdings in den Mittelpunkt der Familie gestellt. Nach den derzeit herrschenden pädagogischen Vorstellungen ist es die Pflicht der Eltern, den Bedürfnissen und Interessen der Kinder weitmöglichst entgegenzukommen. Denn man glaubt heute, daß sich Zufriedenheit und eine einigermaßen normale Entwicklung beim Kind nur dann erreichen lassen, wenn ihm in der Familie die absolute Vorrangstellung eingeräumt wird.

Kindsein heute – das bedeutet also, die Folgen einer immer offenkundiger werdenden Kinderfeindlichkeit ebenso zu tragen wie die Konsequenzen einer Erziehungsideologie, die im Extremfall eine Vergötzung des Kindes betreibt. Das Kind ist König und Bettelmann zugleich. Daß die Kinder unter den Widersprüchen zu leiden haben, die sich aus dieser Situation ergeben, liegt auf der Hand. Aber auch ihre Eltern sind in eine äußerst schwierige Lage hineinmanövriert worden. Sie sollen nämlich die gewaltige Kluft schließen, die zwischen einer kinderfeindlichen Umwelt und den berechtigten Ansprüchen der Kinder entstanden ist. Im Restaurant, im Supermarkt, im Straßenverkehr, überall gilt es zu vermitteln, und das heißt konkret: das Kind zu bändigen. Die alltäglichen Kämpfe, die sich in der Öffentlichkeit zwischen Kindern und ihren erwachsenen Begleitern abspielen, sind jedoch nicht Ausdruck eines Unvermögens der Eltern, mit ihren Kindern zurechtzukommen; sie sind vielmehr Ausdruck des Unvermögens und vor allem auch des Unwillens der modernen Gesellschaft, den Kindern entgegenzukommen.

Das moderne Ideal perfekter Elternschaft verlangt den zuständigen Erwachsenen deshalb ab, ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse zugunsten der Kinder zu opfern. Es ist, als ob die Eltern ihren Kindern für alle Versäumnisse der Gesellschaft Abbitte leisten müßten durch um so größere Nachsicht und vor allem auch dadurch, daß sie sich selbst einschränken. Wenn die Kinder dennoch nicht in der Lage sind, die gängigen Standards von Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit zu erfüllen, dann werden die Eltern gleich noch einmal geopfert: als Sündenböcke, die allein für alles verantwortlich zu machen sind.

Es ist nämlich einer der unbestrittenen Glaubenssätze unserer Zeit, daß das Schicksal der Kinder ausschließlich in den Händen der Eltern liegt. Deshalb nimmt auch kaum jemand daran Anstoß, daß grobe Verstöße gegen das Wohl des Kindes, wie sie zum Beispiel bei der Verkehrsplanung oder im Wohnungsbau vorkommen, nicht geahndet werden, während gleichzeitig selbst geringfügige Schwächen und Fehler der Eltern erbarmungslos angeprangert werden. Ein Großteil der psychologischen Forschung dieses Jahrhunderts hat mit geradezu missionarischem Eifer den Nachweis der Alleinschuld der Eltern betrieben – und somit dazu beigetragen, alle anderen Erwachsenen aus der Verantwortung für die nächste Generation zu entlassen. In einem derzeit populären Ratgeber für werdende Mütter ist zu lesen:

Ihr Kind ist Ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es steht in Ihrer Macht, aus ihm einen frohen, glücklichen Menschen zu machen oder es in seinen Entwicklungsmöglichkeiten zu hemmen. Durch Ihr Verhalten in den ersten Lebensjahren legen Sie den Grundstein zu seinem Charakter.

Auf diese Weise werden bei den Eltern gleichzeitig ehrgeizige Hoffnungen genährt und dauernde Schuldgefühle geweckt. Der nachdrückliche Hinweis auf den prägenden Einfluß der Eltern rechtfertigt es, von den Eltern, und nur von den Eltern, hohen und höchsten Einsatz zu verlangen, an Zeit und Zuwendung, Aufmerksamkeit, Kraft, Nerven, Geduld und Geld. Den kindlichen Glauben an die Allmacht der Eltern auch bei den Eltern selbst zu schüren, macht es zudem möglich, etwaige Mißerfolge wiederum ausschließlich den Eltern anzulasten.

In den Münchner Elternbriefen, die das Stadtjugendamt kostenlos allen Eltern zusendet, heißt es:

Eltern, die ihre Aufgabe ernst nehmen, wissen auch, daß es in der Erziehung nie ganz glatt geht. Es kann durchaus sein, daß ein Kind Sorgen bereitet und Schwierigkeiten macht, obwohl die Eltern sich die größte Mühe gegeben haben ... Gerade weil Sie sich solche Mühe geben, klingt es vielleicht ein wenig hart, wenn wir sagen: Liebe Eltern, Schwierigkeiten, die Sie gerade während der ersten Lebensjahre mit Ihrem Kind haben, gehen in erster Linie auf Ihr Konto.

Wissenschaftliche Untersuchungen konnten den Nachweis der Alleinschuld der Eltern bislang jedoch nicht erbringen. Es läßt sich noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, wie und in welchem Maße das Verhalten der Eltern die kindliche Entwicklung beeinflußt. Den Charakter eines Menschen, seinen späteren Lebenserfolg oder auch seine zukünftigen Schwierigkeiten und Probleme aufgrund der Erziehungsmaßnahmen seiner Eltern vorherzusagen, ist jedenfalls so gut wie ausgeschlossen. Dennoch lassen sich viele akademische Psychologen und die meisten der von ihnen beeinflußten populär-psychologischen Autoren nicht davon abbringen, Kinder als Wachsfiguren in den Händen meist unzulänglicher Eltern darzustellen. Wenn mit dem Kind etwas nicht stimmt, dann fällt der Verdacht zuerst auf sie, und das heißt konkret: auf die Mütter.

Trotz mangels an Beweisen werden alle möglichen Probleme der Kinder – vom Schulversagen bis zur Schizophrenie, von psychosomatischen Erkrankungen bis zur Kriminalität – darauf zurückgeführt, daß ihre Mütter versagt haben: sie haben das Kind übermäßig behütet oder im Gegenteil vernachlässigt, sie haben ihm zuviel Liebe gegeben oder zuwenig, sie sind dem Kind gefühlsmäßig zu nahe gekommen oder waren zu distanziert. Zwischen Skylla und Charybdis von Überbehütung und Vernachlässigung erscheinen Fehler fast unvermeidbar; wenn das eine nicht paßt, das andere paßt sicher. Was immer die Mütter auch tun, es ist in jedem Fall falsch und gibt deshalb Anlaß zu Schuldgefühlen und Vorwürfen.

Wer in unserer Gesellschaft Kinder aufzieht, der sieht sich also Ansprüchen ausgesetzt, an denen er notwendig scheitern muß, denen er sich aber – um der Kinder willen – auch nicht entziehen kann. Nüchterne Auskunft über dieses Dilemma geben die schier unübersehbaren Bestände an Ratgeberliteratur für Eltern: bereits 1976 notierte das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels über 10.000 Titel, rund 2000 Neuerscheinungen pro Jahr sind seitdem dazugekommen. Sie verkaufen sich gut. Denn sie verheißen Antwort auf die Frage der entmutigten Eltern, wie sie es besser, wie sie es vielleicht sogar richtig machen können. Andere Ursachen für die Schwierigkeiten, in unserer Gesellschaft groß zu werden, geraten dabei völlig aus dem Blickfeld.


Risiko Kindheit:

Die zunehmende Dominanz der Alten und die Vernachlässigung der Jungen

Die Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft ist jedoch mehr als nur ein Schlagwort in der Diskussion um sinkende Geburtenraten. Sie läßt sich zahlenmäßig belegen. So ist die Säuglingssterblichkeit bei uns – gemessen am Standard unseres Gesundheitssystems – unverhältnismäßig hoch. Das gleiche gilt für andere Industrienationen. In den USA hat sich der Rückgang der Säuglingssterblichkeit so verlangsamt, daß Amerika darin auf den 17. Rang zurückgefallen ist, und auch von manchen Völkern der Dritten Welt überflügelt wird. In der BRD werden rund 70.000 Kinder alljährlich Opfer von Verkehrsunfällen, und dreimal mehr Kinder, als hierzulande pro Jahr geboren werden, müssen jedes Jahr wegen Verbrühungen, Verbrennungen und anderen Verletzungen in ärztliche Behandlung. Der Fortschritt birgt gerade für Kinder viele Gefahren, ohne daß sie in gleichem Maße Vorteile daraus ziehen könnten. Unsere hochtechnisierte Umwelt, die straffe Organisation unseres Tagesablaufs, unsere Arbeits- und Freizeitgewohnheiten, die Wertschätzung von Mobilität und Komfort, kurz unsere ganze Art zu leben steht den Bedürfnissen und Interessen von Kindern entgegen. Alles ist auf den gesunden, erwerbstätigen Erwachsenen zugeschnitten, denn der ist es, der unser Leben plant und verwaltet. Kinder haben darin keinen Platz.

München, die Weltstadt mit Herz, hat es bereits Schwarz auf Weiß, daß sie eine kinderfeindliche Karrierestadt ist. In einer Stadt-Analyse sieht Professor Robert Geipel, Leiter des Geographischen Instituts an der Technischen Universität, eine düstere Zukunft für München voraus: Im Jahr 2000 wird die Stadt nur noch eine verbaute Metropole sein, in der Kinder keine Zukunft haben. Schon heute leben nur noch 54.629 Menschen unter sechs Jahren an der Isar. Steigende Lebenshaltungskosten, vor allem überhöhte Mieten lassen Kinder zu einem Luxus werden, den sich kaum einer noch leisten kann.

Während es immer weniger Kinder und Jugendliche gibt, nimmt die Anzahl alter Menschen ständig zu. Allein in Bayern wird im Jahr 2000 jeder 4. Einwohner über 60 Jahre alt sein. Bundesweit hat die Gruppe der 75-80-jährigen zwischen 1975 und 1990 um 51 Prozent und die der 90 Jahre alten Bürger um 42 Prozent zugenommen. Unter den politisch Aktiven, auch unter den Wählern, ist die Altersgruppe der über 65-jährigen die eifrigste. Ihr Einfluß auf die Sozialgesetzgebung ist dementsprechend gewachsen. Auch die mittlere Generation, die selbst mit einer langen Lebensdauer rechnet, ist an stets besserer Altersversorgung interessiert. Kinder und Jugendliche haben das Nachsehen.

Denn der zahlenmäßig immer größer werdende Anteil der Alten wird nicht nur unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben. Er wird vielmehr auch der gesamten psychologischen Einstellung alter Menschen zur Dominanz in der Gesellschaft verhelfen: hierin liegt eine Ursache für die Ausbreitung des Damokles-Komplexes in den modernen westlichen Gesellschaften. Alte Menschen sind nicht besonders unternehmungs- und risikofreudig, und doch werden sie über Macht und Reichtum verfügen und die Schlüsselpositionen besetzt halten. Zu welcher Meisterschaft es darin alte Menschen bringen, ist hinlänglich bekannt. Die Neigung alter Menschen, am Bestehenden festzuhalten, wird aber erst dann ihre volle Bedeutung für das Leben jedes einzelnen gewinnen, wenn die Anzahl alter Menschen im Vergleich zu jungen Menschen weiterhin ansteigt. Die gesamte soziokulturelle Atmosphäre wird zunehmend zur Starrheit tendieren und dazu, die Menschen immer stärker zu reglementieren. Man kommt schwerlich um die Schlußfolgerung herum, daß es in einer Gesellschaft, die von Alten beherrscht wird, schwierig sein wird, jung zu sein.

Bereits heute wird in allen Industrieländern registriert, daß sich die Lage der jungen Generation vom Säugling bis zum Heranwachsenden zunehmend verschlechtert, während die ältere Generation sich immer mehr Vorteile verschafft. Höhere Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten haben die Gewichte verlagert. Man setzt nicht mehr auf die Zukunft, sondern einzig und allein auf die Gegenwart, die man ins Endlose verlängert sehen will. Und das Kind, das man als Objekt der Sorge, der Erziehung, der besonderen Rücksichtnahme erst vor etwa 200 Jahren entdeckt hat, büßt seine privilegierte Stellung im ausgehenden 20. Jahrhundert – dem Jahrhundert des Kindes – bereits wieder ein.

Was wir Kindheit nennen, hat es nach den plausiblen Thesen des französischen Historikers Philippe Ariès nämlich nicht immer gegeben. Die Grenzlinie, die wir zwischen der Welt der Kinder und der Welt der Erwachsenen ziehen, hat das Mittelalter nicht gekannt: Kinder lebten, sobald sie sich allein fortbewegen und verständlich machen konnten, mit den Erwachsenen, sie trugen die gleichen Kleider, spielten die gleichen Spiele, verrichteten die gleiche Arbeit wie die Erwachsenen und hatten keine von ihnen getrennten Lebensbereiche. Erst mit der Entstehung der modernen Familie im 16. Jahrhundert wird der prinzipielle Unterschied zwischen Erwacnsenen und Kindern zunehmend wahrgenommen und dann auch wahrgemacht. Sobald der prägende Einfluß der Kindheit einmal erkannt worden war, übernahmen die Eltern die verantwortungsvolle Aufgabe, die Kinder im Schonraum der Familie auf das spätere Leben vorzubereiten. Der außerordentliche Aufschwung der Schule im 17. Jahrhundert ist eine Konsequenz dieses neuen Interesses der Eltern an der Kindererziehung, das den Kindern freilich nicht nur Vorteile einbrachte: die Entdeckung der Kindheit führte nämlich nicht nur zu einer besonderen Rücksichtnahme gegenüber Kindern, sondern zugleich auch zu ihrer Entfernung aus der Erwachsenengesellschaft. In unserem Jahrhundert hat die Ausgrenzung der Kinder schließlich auch ihre Tilgung aus dem öffentlichen Bewußtsein zur Folge. Kinder sind im übertragenen wie im wörtlichen Sinne kaum noch präsent. Sie fehlen in der Arbeitswelt ebenso wie bei geselligen Veranstaltungen, sie sind aus den Büros, Werkstätten, und Restaurants verbannt, und kaum jemand außer den Eltern denkt noch an sie bei alltäglichen oder politischen Entscheidungen. Seit über 80 Jahren befinden wir uns auf dem Weg in die kinderlose Gesellschaft. Oder, wie es die Anthropologin Margaret Mead ausgedrückt hat:

Wir nähern uns einer Gesellschaftsordnung, in der Elternschaft auf eine kleinere Zahl von Familien beschränkt ist, deren Hauptfunktion im Aufziehen von Kindern besteht, während die übrigen Menschen zum ersten Mal in der Geschichte als freie Individuen funktionieren.

Wir alle kennen zwar die Klagen der Familienforscher, Bevölkerungswissenschaftler und Politiker über den Geburtenrückgang in den modernen westlichen Gesellschaften. Wer kinderlos bleibt, dem wird eine materialistische Grundgesinnung, mangelnde Opferbereitschaft und – das gilt allerdings nur für Frauen – überzogener beruflicher Ehrgeiz vorgeworfen. Sieht man sich jedoch die konkreten Umstände näher an, unter denen Menschen heute Eltern werden, so drängt sich einem der Verdacht auf, daß Fortpflanzung ein Ziel ist, das vom einzelnen nur unter großen Opfern und gegen den Widerstand der Gesellschaft durchgesetzt werden kann. Schon Schwangerschaft und Geburt vollziehen sich in den modernen Gesellschaften unter Bedingungen, die geeignet sind, den Streß junger Eltern bis zum Äußersten zu steigern.

So ausgeklügelt die medizinische Vorsorge während einer Schwangerschaft bei uns ist, so nachlässig wird nämlich die psychologische Betreuung der werdenden Mutter gehandhabt. Die Ängste, die Eltern wegen der möglichen Gefährdungen des noch ungeborenen Lebens haben können, werden durch die zahlreichen medizinisch-technischen Untersuchungen womöglich noch gesteigert, kaum jedoch beschwichtigt. Hinzu kommt, daß es bei uns keine anerkannten Regeln für einen normalen Geburtsverlauf gibt. Moden wechseln einander ab. Hausgeburt, ambulante Geburt, Klinikgeburt mit unterschiedlichen Vorzeichen – dies alles wird nebeneinander angeboten, als ob es sich bei der Geburt eines Kindes um ein beliebig manipulierbares Ereignis handeln würde. Weil es zuviele geburtshilfliche Betten und zu wenig Frauen gibt, die Kinder kriegen, ist die Geburtshilfe zu einem Marketing-Problem geworden; hinter allen wohltönenden Phrasen von einer "sanften" Geburt (unter Wasser, über Wasser, zu den Klängen von Mozart oder Bach, in grünem Licht oder in rosagetöntem, im Sitzen, Stehen, Gehen ...) verbirgt sich ein gnadenloser Konkurrenzkampf um Gunst und Geld der Eltern in spe. Die Entscheidung über den angestrebten Geburtsverlauf müssen sie letztlich allein fällen – wobei die Konsequenzen dieser Entscheidung wegen der Widersprüchlichkeit der stark ideologisch gefärbten Informationen schwer abzuschätzen sind. Geht etwas schief, so tragen die Eltern nicht nur die Folgen, sondern auch die Schuld. Schon hier, bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen, setzt das schlechte Gewissen ein, das moderne Eltern ein Leben lang begleitet, schon hier wird der Keim gelegt zu dem bedrückenden Gefühl, daß das Wohl und Wehe des Kindes einzig und allein von der Kompetenz der Eltern abhängt – eine Kompetenz freilich, die ständig in Frage gestellt wird. Elternschaft ist bei uns von vornherein auf Versagen programmiert.

Dies zeigt sich beispielsweise bei der derzeit propagierten Methode der schmerzlosen Geburt, die ein natürliches und höchst beglückendes Geburtsereignis verspricht, wenn die Mutter auf alle Schmerzmittel verzichtet und statt dessen Entspannungs- und Atemtechniken zur Schmerzlinderung einsetzt. Daß eine solche Vorgehensweise durchaus im Interesse des Kindes liegt, dessen Lebensfunktionen durch Medikamente, welche die Mutter einnimmt, beeinträchtigt werden können, liegt auf der Hand. Daß eine solche Methode aber auch dazu beitragen kann, das Selbstwertgefühl der Mutter zu unterminieren, ist weniger offensichtlich. Tatsache ist aber, daß Entspannungsübungen, bei der Geburt eingesetzt, den Schmerz kaum oder gar nicht lindern, und daß deshalb viele Frauen trotz aller guten Vorsätze dann doch nach Schmerzmitteln verlangen. Nun tun sie dies allerdings mit dem Gefühl, als Mutter bereits versagt zu haben. Dabei ist es jedoch überaus erstaunlich, daß man gerade in einer Gesellschaft, die vom Schmerz nichts wissen will und jedes noch so kleine Wehwehchen mit einem entsprechenden Mittel bekämpft, den Anspruch stellt, eine Geburt ohne jede Schmerzlinderung durchzustehen. Es ist, als ob die Opferbereitschaft der Mutter hier einer ersten großen Bewährungsprobe unterzogen werden sollte, einer Probe freilich, die nur die wenigsten bestehen. Alle anderen, die Frauen, die Schmerzmittel bekommen haben, oder diejenigen, die mittels Zange, Vakuum oder Kaiserschnitt entbunden haben, mußten zugleich ihren ersten Mißerfolg in der Mutterrolle erleben.

Den Vätern geht es bei uns nicht viel besser. Auch sie haben sich einer Bewährungsprobe zu unterziehen, bei der viele scheitern: von ihnen fordert man im Interesse von Mutter und Kind die Anwesenheit bei der Geburt. Das wäre an sich nichts Besonderes, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, die Blut, Wunden und Schmerz, Geburt und Tod nicht so entschlossen aus ihrem Bewußtsein ausgeklammert hätte wie die unsere. So wie die Dinge bei uns jedoch liegen, hilft es kaum zu beschwören, daß die Geburt ein natürlicher Vorgang sei – zu eng ist er mit medizinischen Begriffen assoziiert. Deshalb muß man sich auch kaum wundern, daß immer noch viele Väter sich vor dieser Mutprobe drücken oder sie nicht bis zum Ende durchstehen. Sie zahlen dafür mit einem schlechten Gewissen. Ein denkbar ungünstiger Einstieg in die Elternrolle also, der das Gefühl entstehen läßt, dem allen nicht gewachsen zu sein.

In traditionellen Gesellschaften ist eine Geburt kein medizinisches, sondern ein soziales Ereignis, das mehr als nur die unmittelbar beteiligten Personen, also Mutter und Kind, angeht. Zahlreiche, meist weibliche Verwandte teilen sich in die Aufgabe, die werdende Mutter während der Wehen zu unterstützen und ihr auch nach der Geburt noch einige Wochen hilfreich zur Seite zu stehen. Auch der Vater des Kindes erhält bei vielen Völkern Beistand von einem Verwandten, der schon Kinder hat und den Neuling in die Geheimnisse der Vaterschaft einweiht. Viele der nichttechnisierten Gesellschaften stellen überdies sicher, daß die Beziehung des Kindes zu den übrigen Familienmitgliedern mindestens so wichtig ist wie die zu den Eltern. So kann zum Beispiel den Onkeln und Tanten eine engere körperliche Vertraulichkeit im Umgang mit dem Kind gestattet sein als den Eltern. Der Sinn solcher Vorschriften ist klar: die Zukunft des Kindes wird dadurch gesichert, daß man seine Verwandten zur Unterstützung und aktiven Anteilnahme verpflichtet. Auf diese Weise wird erfahrbare Wirklichkeit, daß das Kind einer Gemeinschaft zugehörig ist, und nicht lediglich das Produkt zweier Individuen darstellt.

Die Vorstellung einer Gemeinschaft, in die das Kind hineingeboren wird, ist uns fremd geworden. Bei uns können junge Eltern deshalb nicht auf Unterstützung zählen. Im Gegenteil erwartet man von ihnen, nun unter Beweis zu stellen, daß sie alleine zurechtkommen können. Der Klinikaufenthalt der jungen Mutter sollte nach heutigen Vorstellungen so kurz als möglich sein; die emanzipierte Frau nimmt das Neugeborene sogar unmittelbar nach einer ambulanten Geburt mit nach Hause, als wäre sie selbst nicht auch pflege- und schonungsbedürftig. Aber nur zu Hause – so der moderne Mythos – nur in der Geborgenheit und Intimität der Familie können Mutter, Vater und Kind zueinander finden. Aber da ist leider niemand, der den jungen Eltern die übrigen Hausarbeiten abnehmen würde, wie das in anderen Kulturen selbstverständlich ist. In Korea beispielsweise wird eine junge Mutter nach der Geburt vier Wochen lang von Verwandten und Bekannten umsorgt. Arbeit im Haushalt, selbst das Kochen, ist ihr verboten, denn jede Anstrengung gilt als gesundheitsschädlich. Hier kann sich die Mutter tatsächlich intensiv um das Baby kümmern, ein Anspruch, der zwar auch bei uns besteht, aber unsinnigerweise dadurch eingelöst werden soll, daß man Mutter und Kind sich selbst überläßt. Allenfalls nimmt der Vater für ein paar Tage Urlaub, um seine Frau zu entlasten. Die Folgen mangelnder Unterstützung junger Familien in den Industrieländern sind unter dem Namen "Baby-Schock" bekannt, ein Zustand körperlich-seelischen Zusammenbruchs, in den viele Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes geraten und der sie immer häufiger dazu veranlaßt, auf weitere Kinder zu verzichten. Sollte dies vielleicht sogar der Zweck der Übung sein?

Es gibt eine Reihe von vernünftigen, plausiblen Gründen, die auch in einem kinderfeindlichen Land dafür sprechen, die Geburtenrate nicht unter einen Minimalwert sinken zu lassen. Es gibt aber auch eine Reihe von nicht weniger einleuchtenden, aber selten offen eingestandenen Gründen, die gegen Kinder sprechen. Einer davon ist die Risikofeindlichkeit der modernen Gesellschaft, die sie in Opposition treten läßt zu jeder "unnötigen" Gefährdung der Autonomie, und das heißt der Funktionstüchtigkeit ihrer Mitglieder. Diese Risikofeindlichkeit beinhaltet auch und vor allem ein nachdrückliches Interesse an der Beibehaltung des status quo, der gerade durch die nachwachsende Generation immer wieder in Frage gestellt wird. Eine hohe Geburtenrate bedeutet langfristig Veränderung, eine niedrige Geburtenrate bedeutet Stabilität, wenn nicht gar Erstarrung des sozialen Systems. Aber auch in der Gegenwart stellen junge Familien bereits eine Herausforderung für die Gesellschaft dar.

Kinderlose sind nämlich in einem ganz entscheidenden Sinne anspruchsloser als Menschen mit Kindern, die nicht umhin können, in die Zukunft zu planen. Während ein kinderloser junger Mann sich vielleicht damit zufriedengibt, eine Reihe von zeitlich befristeten Jobs anzunehmen und im übrigen das Leben nach den Vorschriften der Konsumgesellschaft zu genießen, wird derselbe Mann, wenn er eine Schar Kinder zu versorgen hat, danach streben, eine gesicherte berufliche Position zu erreichen. Gerade bei uns, wo die Menschen immer älter werden, das heißt Positionen länger besetzt bleiben, und überdies Arbeitsplätze knapp sind, entstehen natürlich Probleme, wenn junge Erwachsene nicht länger in Wartestellung verharren wollen.
 
Solche Probleme hat es freilich auch früher schon gegeben. Im Mittelalter bestand die Lösung darin, in einer Heiratsordnung präzise festzulegen, wer in welchem Alter heiraten und dann auch Kinder zeugen durfte – und damit auch den Anspruch auf einen gesicherten Lebensunterhalt geltend machen konnte. Ein anderes Beispiel für die offene Beschränkung der Geburtenrate ist die Volksrepublik China. Dort steht heute bekanntlich die Erzeugung von mehr als einem Nachkommen pro Familie unter Strafe. Bei uns gibt es diesbezüglich keine Vorschriften; doch ebenso wirksam wie eine Vorschrift oder wie ein Verbot wirken doch offenbar die latenten Widerstände, welche die Gesellschaft einer Familiengründung entgegensetzt. Auch so lassen sich nämlich die rückläufigen Geburtenraten und Heiratsziffern interpretieren. [. . . . ]
          



Quelle der Textauszüge:  Webseite Irwish.de von Frank Rothweiler, Karlsruhe > Leseprobe aus dem Buch