Die Macht der Religionen und die Ohnmacht der Linken

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Saral Sarkar
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Die Macht der Religionen und die Ohnmacht der Linken
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Die Macht der Religionen und die Ohnmacht der Linken

von Saral Sarkar


Die Macht der Religionen, die uns Linken seit einiger Zeit beunruhigt, zeigt sich in drei Phänomenen: religiöser Fundamentalismus, politische Religion und religiös motivierte Gewaltakte. Alle großen Religionen haben diese Machtausdrücke, schon seit langem. In Indien führte der Sieg des militanten Islamismus schon 1947 zur Teilung des Landes und der Gründung der Islamischen Republik Pakistan. Der anfänglich sozialistische (in Algerien) oder halb-sozialistische arabische Nationalismus ist längst vom radikalen Islamismus verdrängt worden. Heute wird der arabische Kampf gegen den Imperialismus hauptsächlich von den militanten Islamisten geführt. In Nordirland geht der "Dreißigjährige Krieg" unter den Christen weiter. In den USA haben die fundamentalistischen Evangelikalen, die die ganze Welt christianisieren wollen, die Macht erobert. Nicht Aufregung, sondern tiefes, besorgtes Nachdenken über diese Phänomene tut not. Denn sie stellen nicht nur eine zweite Niederlage des Sozialismus dar. Sie bedeuten auch, dass die Aufklärung zunehmend an Boden verliert.


→ Ursachenanalyse

Viele von uns können nicht verstehen, dass überhaupt jemand an Gott und eine Religion glaubt. Doch machen wir es uns nicht so leicht! Eine tiefe Wurzel der Religiosität liegt in der conditio humana selbst. Wir wissen nicht alles. Was uns die Wissenschaft über die Entstehung des Universums und des Lebens sagt, sind doch nur zurzeit mögliche intelligente Hypothesen! Außerdem bleiben mehrere grundsätzliche Fragen unbeantwortet: Wozu ist all das entstanden? Was ist der Sinn von all dem, vom Leben? Und was ist der Sinn vom Menschenleben? Woher haben wir unser Bewußtsein, unsere Intelligenz, unsere Moral? Sind wir nur ein Zufallsprodukt der Evolution? Wenn ja, warum will ein solches Wesen, das nur eine Spezies unter Millionen ist, überhaupt eine Moral haben? Katzen kümmern sich doch nicht um die Natur oder die zukünftigen Generationen! Warum leiden einige Menschen und die anderen nicht? Was ist Sterben?
 
Solche Fragen können schnurstracks zur Gottgläubigkeit und Religion führen, oder, in einem günstigen Fall, zur harmlosen Spiritualität. Insbesondere braucht ein geschundener Mensch oder einer, der am Boden liegt, eine Troststelle. Wenn sie im Diesseits nicht zu finden ist, ist es verständlich, dass er sie im Jenseits gefunden zu haben glaubt, wo ihn ein Gott angeblich bedingungslos liebt oder wo er endlich glücklich sein würde. Bekanntlich begannen die Erkenntnissuche des jungen Buddha und sein Weg zur Religiosität mit dem Anblick eines Schwerkranken, eines gebrechlichen Greisen und eines Toten. Nach dem Kollaps der Sowjetunion strömten die verelendeten, vormals atheistischen Russen wieder in die neu gegründeten Kirchen. Marx hatte schon erkannt, dass Religion "der Ausdruck des wirklichen Elends", "der Seufzer der bedrängten Kreatur" ist.
 
Religion ist nach Marx auch Opium. Er erkannte aber auch, dass sie nicht immer nur Seufzer und Opium ist. Sie ist auch "die Protestation gegen das wirkliche Elend". Es ist besser zu sagen, dass sie auch das sein kann. In der Tat hat sie in der Geschichte oft Menschen zum Protest angestachelt, in verschiedenen, inklusive der gewalttätigen, Formen. Thomas Müntzer, ein protestantischer Reformer, führte im 16. Jahrhundert eine Bauernrevolte. Manche Marxisten sehen ihn als einen Vorläufer im Kampf für eine klassenlose Gesellschaft. Luther führte die Revolte gegen die korrupte christliche religiöse Hierarchie. Im 18. Jahrhundert führte in Ostindien eine Gruppe von Hindu Sannyasins eine Revolte gegen die Fremdherrschaft. Im 19. Jahrhundert führte Muhammad Ahmad Ibn 'Abd Allah – ein Sufi, der sich den Titel "Mahdi" gab – im Sudan eine Massenbewegung und eine revolutionäre Armee, um sowohl den Islam zu reformieren als auch sein Land von der unterdrückerischen Fremdherrschaft der Ägypter zu befreien.
    
Müntzer, die Sannyasins und der Mahdi führten bewaffnete Kämpfe gegen eine weltliche Ordnung, die sie aus verschiedenen Gründen für unerträglich hielten. Und Luther war der geistliche Führer der Fürsten, die die militärische Revolte gegen die Herrschaft des Papstes führten. Der Mahdi und seine Anhänger wollten den Islam zur ursprünglichen Form zurückführen, in der der Prophet ihn praktiziert hatte, waren also im heutigen Jargon Fundamentalisten. Was diese historischen Beispielen besagen, ist, dass in der Menschheitsgeschichte oft militante, religiöse Fundamentalisten oder auch nur religiös motivierte politische Kämpfer, die keine Fundamentalisten gewesen sein müssen, auf verschiedene Weisen gegen irgendein wirkliches oder so empfundenes Unrecht oder irgendwelche Missstände gekämpft haben.


→ Die verratene Aufklärung, die verratenen Menschenrechte, die verletzte Würde

Seit der Aufklärung und seit den verschiedenen Erklärungen der Menschenrechte, spätestens aber seit der weltweiten Verbreitung der revolutionären sozialistischen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg hätte es keiner religiösen Motivation für solche Kämpfe bedürfen sollen. Aber sowohl die Aufklärung als auch die Menschenrechte wie auch der Sozialismus wurden von denselben Völkern verraten, die diese Ideale erfunden hatten, nämlich den euro-amerikanischen. Im Namen der Bürde des weißen Mannes, seiner angeblichen zivilisatorischen Mission, wurden Kolonialkriege geführt. Die Völker der eroberten Länder wurden nicht nur ausgebeutet, sondern auch rassistisch behandelt. Der Sklavenhandel ging bis 1864 weiter. Frankreich führte bis 1962 Krieg, um seine Kolonialherrschaft in Algerien aufrechtzuerhalten.

Schon der bewaffnete Kampf des Mahdi galt nicht nur der ägyptischen Herrschaft in Sudan, sondern auch dem britischen Imperialismus, der die Ägypter unterstützte. Der britische Oberst Gordon, der den Sudan für die Ägypter retten sollte, wurde nach seiner Gefangennahme getötet. Aber warum musste der Mahdi ein religiöser Fundamentalist sein? Es ist vielleicht ein Gesetz der Sozialgeschichte, dass immer, wenn einem Volk oder einem Teil davon seine allgemeine Lage, auch ohne Fremdherrschaft, als miserabel erscheint, wenn es sich in einem materiell desolaten oder moralisch dekadenten  Zustand sieht, insbesondere wenn, in unserer Zeit, sich die Versprechungen der Moderne als illusorisch erweisen, besinnt sich zumindest ein Teil dieses Volkes auf die eigene religiös-kulturelle Tradition, will das vermeintlich goldene Zeitalter der eigenen Geschichte, das nicht unbedingt im materiellen Sinne zu verstehen ist, wiederbeleben.

Diese Rückbesinnung muss nicht immer als ein Zusatz zum Kampf um die weltliche Macht erscheinen. Sie kann auch in einem unabhängigen, aber in irgendeiner Art von Krisenzustand befindlichen Land eine friedliche soziokulturelle Renaissance zum Ziel haben. So gründeten in Indien die Hindus im 19. Jahrhundert die an den Veden orientierten Bewegungen Aryasamadsch und Brahmasamadsch. 1928 entstand die "Muslimbruderschaft", die für eine Rückkehr zum Koran und dem Hadith als Leitlinien für eine gesunde, moderne islamische Gesellschaft eintrat. Ähnliches beobachtet man heute unter den christlichen Fundamentalisten, die ob des moralischen Verfalls der modernen westlichen Gesellschaften ein tiefes Unbehagen empfinden und darum diese zurück zu den biblischen Werten führen wollen. Und im heutigen Indien haben viele Hindus auf die moralische Verkommenheit ihrer Gesellschaft mit dem Traum reagiert, das Ramradschja, das Königreich des Gott-Königs Rama, wiederzubeleben. Klar, viele Politiker instrumentalisieren diese Empfindungen, Gedanken und Träume. Aber die gibt es.

Für uns ist die jüngste Geschichte von Algerien die lehrreichste. Nach einem erfolgreichen Befreiungskampf wurde dort ein sozialistischer Staat gegründet, der von Ölreichtum gesegnet war. Es gab zwar einige rein ökonomische Gründe für die Krise des Landes. Aber die führende, verwestlichte, frankophone Schicht der herrschenden FLN war auch moralisch degeneriert. Vor diesem Hintergrund konnten die unterprivilegierten Schichten, insbesondere deren unter Massenarbeitslosigkeit leidende Jugend, deren absolute Zahl sowie deren Anteil an der Bevölkerung rapide zunahmen, leicht von der Islamischen Heilsfront (FIS) für ihre Politik gewonnen werden – im Namen des Panarabismus und der Wahrung der religiös-kulturellen Identität. Der Rest der Geschichte – Bürgerkrieg und gegenseitiges Massaker – ist reichlich bekannt.

Bekanntlich kommen die islamistischen Terroristen der Gegenwart im allgemeinen nicht aus den armen Unterschichten, sondern mehrheitlich eher aus der gebildeten Mittelschicht. Wenn sie in einem Land an die Macht kämen, würden sie auch nicht die Ausbeutung der unteren durch die oberen Schichten abschaffen. Hier machen manche westlichen, auch linken, Beobachter einen Denkfehler. Beim islamistischen Terror geht es nicht primär um die Verteilung der Reichtümer der Welt oder des eigenen Landes, sondern um die Würde und um Hass und Rache als zwei Mittel zur Wiederherstellung der Würde. Das Würdegefühl der arabisch/islamischen Völker, eigentlich eines jeden Dritte-Welt-Volkes, leidet ohnehin ständig an materieller Unterentwicklung. Es wird seit langem zusätzlich von den westlichen, imperialistischen Ländern, zu denen auch Israel gehört, verletzt. Wenn auch ein paar Bombenanschläge den Imperialismus nicht besiegen können, so können sie das Rachebedürfnis der geschundenen Völker befriedigen. Das ist der wichtigere Sinn der Anschläge der Islamisten gegen die Westler und die Israelis. Nur so kann man auch die Ermordung von Theo van Gogh verstehen.

Die Motivation für die Erfüllung dieser Art von Bedürfnissen kann nicht aus Idealen wie der Aufklärung und dem Sozialismus bezogen werden, wohl aber aus den fundamentalistischen Interpretationen der großen Religionen sowie aus dem Nationalismus. Die Motivation für den Kampf der Islamisten gegen den Westen und den der Tschetschenen gegen die Russen wird aus beiden dieser Quellen gespeist.

Es ist nicht von ungefähr, dass man beim Begriff "islamistischer Terrorist" kaum an einen Türken denkt, obwohl es auch in der Türkei zwei von türkischen Islamisten verübte Bombenanschläge gegeben hat. Die Türkei war nie eine Kolonie. Im Gegenteil, sie war selbst eine Kolonialmacht. Und heute ist sie OECD- und NATO-Mitglied. Der türkische politische Islam kann daher eine milde Form annehmen. Das beweist, dass erst die Kombination von Muslim-sein und Dritte-Welt-Mensch-sein einen besonders anfällig für den militanten Islamismus macht.


→ Die Funktion der Identität

Die FIS konnte die religiös-kulturelle Identität "arabisch-islamisch" so erfolgreich ausnutzen, weil die von den Linken bevorzugte Identität "Arbeiter" den algerischen Unterschichten in ihrem Kampf gegen die FLN-Bonzen und die Oberschichten, die sich als Sozialisten verkauften, wenig genutzt hätte – zumal auch innerhalb der Arbeiterklasse Klassendifferenzen existierten. Auch im Kampf gegen den Imperialismus nutzt die Identität "Arbeiter" wenig, da ja auch euro-amerikanische Arbeiter objektiv Nutznießer des imperialistischen Systems sind. So erstarkten die Islamisten. Mit Hilfe der Identität "islamisch" können sie auch die Klassenprobleme in den eigenen Reihen unter den Teppich kehren. Es ist eine Schwäche der euro-amerikanischen Linken, dass sie den objektiv existierenden Interessenkonflikt zwischen der Arbeiterklasse des Zentrums und der der Peripherie nicht wahrhaben wollen.


→ Was tun?

Wie sollen wir uns diesen Phänomenen gegenüber verhalten? Die große Mehrheit der Gläubigen nimmt ihre heiligen Bücher nicht allzu ernst. Das sind realistische Menschen. Leben und leben lassen, das ist ihre Haltung Andersgläubigen gegenüber. Wenn auch wir ihr Gläubig-sein tolerieren, dann ist eine politische Zusammenarbeit möglich. Die Massen, die die anfängliche sozialistische Politik der FLN unterstützten, waren gläubige Muslime. Und die Christen haben ihre Befreiungstheologie und Christen für den Sozialismus. Wir können die Wichtigkeit der Glaubensfrage verneinen, eine agnostische Position beziehen, sagen, dass wir nicht wissen, ob es einen Gott gibt, und die rhetorische Frage hinzufügen: was kann man mit einem Gott anfangen, der uns nicht helfen kann?
   
Wir müssen aber auch differenzieren. Die Fundamentalisten, die die Worte des Koran, der Scharia oder der Bibel als die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens durchsetzen wollen, die müssen wir bekämpfen. Denen jedoch, die für ihren Kampf gegen die vielen Übel in dieser Welt keine andere Quelle der Kraft und Inspiration finden als ihre Religion, müssen wir eine andere Quelle bieten. Der holländische Journalist Joost Kircz klagte: "Die Linke kann den jungen, islamisch beeinflussten Menschen keine Alternativen bieten. .... Es gibt auch keine vergleichbaren heroischen Kämpfe gegen die herrschenden Verhältnisse, an denen diese Jugend einen neuen emanzipativen Sinn erlernen und erproben könnte" (SoZ 12/04). Dieses Defizit von uns muss bald aufgehoben werden.
 

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Ursachen und Auslöser für religiösen Fundamentalismus

Ursachen und Auslöser für religiösen Fundamentalismus

 

Grundsätzlich bin ich mit dem Artikel von Saral Sarkar einverstanden, denn die Analysen lassen sich gut nachvollziehen. Nur in einem kann ich nicht übereinstimmen: mit dem Begriff "Dritte-Welt-Mensch" und der Schlußfolgerung, daß der militante Islamismus zwangsläufig dort seine Brutstätte hat. Hier die zwei Zitate aus seinem Beitrag, auf die ich mich beziehe:

[quote=Saral Sarkar]

Bekanntlich kommen die islamistischen Terroristen der Gegenwart im allgemeinen nicht aus den armen Unterschichten, sondern mehrheitlich eher aus der gebildeten Mittelschicht. Wenn sie in einem Land an die Macht kämen, würden sie auch nicht die Ausbeutung der unteren durch die oberen Schichten abschaffen.

[/quote]

Dem kann nicht widersprochen werden, aber die anschließende "Beweisführung" ist nicht ganz stichhaltig:

[quote=Saral Sakar]

Das beweist, dass erst die Kombination von Muslim-sein und Dritte-Welt-Mensch-sein einen besonders anfällig für den militanten Islamismus macht.

[/quote]

Militanter oder fundamentaler Islamismus gedeiht am besten bei Menschen mit geringer Bildung, bei denen die existenziellen Lebensbedürfnisse nicht befriedigt werden können. Das trifft nicht nur für die Dritte Welt zu, denn Armut und Slums gibt es auch in wohlhabenden Industrieländern des Westens. Öl ins Feuer gegossen wird allerdings durch den kriegerischen Kreuzzug gegen den Terrorismus der USA und ihrer Verbündeten im Namen Demokratie und Freiheit, der oft die Falschen und Unschuldigen trifft. Dadurch werden selbst friedliebende Moslems in die Arme der Radikalen getrieben. Gewalt erzeugt Gegengewalt und löst nie ein Problem – weder hier noch sonstwo.

Aber es gibt noch einen weitere Motivation für religiöse Eiferer. Die Übersättigung und der Werteverfall in den westlichen Ländern führt den Radikalen Sympathisanten zu, die nach Identifikationen suchen, die es wert sind, dafür auch notfalls zu sterben – und seien sie noch so irrational. Also könnte man als Fazit sagen, daß letztendlich der Kapitalismus und die Marktwirtschaft zwangsläufig den Nährboden für die Radikalisierung von Unzufriedenen jeglicher Art schafft. Überall, wo sich extreme Ungleichheit und Ungerechtigkeit breit macht und der Materialismus die Macht ergriffen hat, reagieren die Menschen äußerst gegensätzlich: entweder mit Resignation oder mit Militanz, Gegengewalt und Fanatismus.

 

Peter A. Weber

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Gesellschaftliche Widersprüche


Vorwärts oder zurück?
 
Gesellschaftliche Widersprüche können in zwei Richtungen gelöst werden


Ich denke, das Hauptproblem ist immer die Frage, welche gesellschaftlichen Alternativen jeweils erreichbar, einsichtig und erstrebenswert erscheinen, und in welche Richtung also antagonistische Widersprüche als  entschärfbar, überwindbar, mithin aufzulösen erscheinen bzw. von der Mehrheit der Menschen tatsächlich als vorteilhaft oder praktisch erreichbar gedacht werden können: Vorwärts ins ungewisse Utopische oder rückwärts ins vermeintlich verloren gegangene Ursprüngliche. Ersteres erscheint vielen unwägbar und zu gewagt, letzteres gaukelt einfache Lösungen vor und suggeriert Sicherheit: "Zurück zu den Wurzeln" (durch Reform oder Renaissance) täuscht Naturgegebenheit vor, führt in verklärenden Idealismus oder finsterste Reaktion. "Zum Lichte empor" stellt alles bisher Dagewesene auf den Prüfstand und in der Revolution auf den Kopf, schüttet dabei auch schon mal das Kind mit dem Bade aus durch Überbordwerfen nicht nur schlechter Traditionen, sondern auch brauchbarer Tugenden oder kultureller Errungenschaften (Beispiel Kulturrevolution 1966 in China), die dann im Untergrund fortwirken und irgendwann auf Konterrevolution drängen, zumindest die Gesellschaftsordnung de facto solange unterminieren und deformieren, bis sie integriert werden, oder als nie überwundene Ressentiments an die Oberfläche kommen (siehe Jugoslawien) und sich gewaltsam entladen.
 
Welcher Weg gedanklich beschritten wird, hängt objektiv wesentlich von der sozialen Lage ab und subjektiv vom Bewusstsein über die Reflexion der eigenen Position in dieser gesellschaftlichen Lage, was sich auch als Klassenbewusstsein beschreiben lässt. Natürlich gibt es da große Unterschiede zwischen den Menschen und Gesellschaften in den Zentren der entwickelten kapitalistischen Industrieländer und denen im "Trikont" an der "Peripherie". Doch hier sind wir schon an einem Knackpunkt: Die Erde ist nämlich eine Kugel, es gibt kein Oben und Unten, kein Vorne und Hinten, kein Zentrum und keine Peripherie. Wir denken zu eurozentrisch (oder atlantozentristisch). Dabei liegt der einzige Mittelpunkt für alles und jedes, und für alle gleichermaßen im Lot der Schwerkraft eines gemeinsamen Erdmittelpunkts, welcher sich wiederum um die Sonne und mit ihr durch die Milchstraße und mit jener durchs Universum bewegt. So unbemerkt wirkmächtig wie die Tatsache, die uns immer erst nachts bewusst wird, dass wir auch tagsüber von einem kosmischen Feuerwerk aus Galaxien und Sternen, Nebeln und Schwarzen Löchern umgeben sind, sind wir jenseits aller ethnischen, kulturellen, sexuel­len, religiösen und sonstigen Unterschiede und Herkunftsprägungen: Menschen, Homines sapientes. Denken könnende Wesen. Das lässt uns Internationalisten hoffen, auf der richtigen Seite der Erkenntnis zu stehen. Marxisten wissen, dass nichts so bleibt, wie es ist, so wie der Küstenbewohner Ebbe und Flut kennt und der Bauer oder der Holzknecht den Mondkalender.
 
Dennoch gibt es unterschiedlich entwickelte Weltregionen, Hell und Dunkel, Arm und Reich, dominierende und beherrschte Länder, existieren Imperialismus und (Post)Kolonialismus. Doch genausowenig wie hierzulande alle Menschen gleich ticken, tun das die Menschen andernorts auch nicht. Nicht alle in der arabischen Welt hassen die Moderne oder "den Westen" oder "die Amerikaner" mit ihrem Way of Life, sowie auch nicht alle Germanen nördlich von Donau und Main die Römer jenseits des Limes verachtet und abgelehnt haben. Im Gegenteil war die Attraktivität und Integrationskraft selbst der kollabierenden Besatzungsmacht noch groß genug, um auch die wackersten, über lange Zeit unbesiegbar scheinenden Tributverweigerer aus den Wäldern "an die Fleischtöpfe" zu locken und an den "Segnungen" der römischen Zivilisation schnuppern zu lassen, sie zu adaptieren, sich mit den Legionärsnachkommen zu verschwägern und am Ende zu Latein- und Griechisch-Philologen und "Herrn der Archäologie" aufzuschwingen. Zumindest waren "unsere Vorfahren" so korrupt und korrumpierbar, dass wir heute Fenster ("fenestrae") haben und keine Windlöcher ("windows") wie die heutigen Angelsachsen, obwohl die Römer auch dort zugegen waren (zumindest bis zum Hadrians Wall). Die Annahme der zivilisatorischen Werte war pikanterweise allerdings erst vollumfänglich möglich, nachdem der Eroberungsdruck aus Rom in sich zusammengebrochen war.
 
Selbstverständlich nutzen auch deutsche Nazis Handys, arabische Islamisten das Internet und reiche Chinesen deutsche Autos, ohne in ihrem übrigen Weltbild angekratzt zu sein. So wie wir mit arabischen Ziffern rechnen und selbstverständlich lateinische Buchstaben benutzen. Manche essen sogar "deutsche Bananen" und bilden sich ein "Parma"-Schinken zu spachteln, der tatsächlich aus Polen stammt. Die aus Südamerika eingeführte "deutsche" Kartoffel, die von Marco Polo aus China importierte "italienische" Nudel, all das sind letztlich Irrtümer, die wir nur zu gern schlucken. Wir haben "mit der Muttermilch" aufgesogen, was "sich gehört" und wie die Sicht auf die Welt ist: Von oben herab, auch wenn wir noch so kleine Wutzel waren, und unabhängig ob später links- oder rechts gestrickt. Wir leben in einer der Metropolen, nicht nur vermeintlich, sogar wenn wir in ländlichen Regionen hausen. Wir sehen die Welt aus dem Blickwinkel der Kolonialisten, selbst wenn wir Gegner des Kolonialismus sind. Wir glauben die Welt zu verstehen, auch wenn wir sie nicht kennen. Das müssen wir uns zwar nicht permanent vorwerfen, weil es schwierig bis "übermenschlich" wäre tatsächlicher Kosmopolit zu sein (und sich nicht nur so zu fühlen), aber doch ins Kalkül setzen, dass unsere Perspektive eingeengt und geprägt ist von europäischen Traditionen, von der Geschichte wie von der gegenwärtigen Realität. Sich das immer bewusst zu machen, wenn wir von anderen Kulturkreisen, Sitten und Gebräuchen, religiösen oder weltanschaulichen Denkmustern reden, ist schwierig, ohne sich dauernd selbst zu zensieren und zu blockieren. Wir neigen zu Welterklärungs-Modellen und Gesellschafts-Theorien über vieles, was wir nur immer aus dem eigenen Bewusstsein und Horizont erklären und einordnen können (und wollen). Wir hoffen, dass unsere "universellen Werte" globalisierbar seien, auch wenn wir uns als dezidierte Gegner der kapitalistischen Globalisierung definieren.
 
Ich wage zu bezweifeln, ob Menschen in Afghanistan oder im Irak sich einen Kopf darüber machen, wie die Nationen, aus denen die Besatzungstruppen stammen, sich entwickelt haben oder entwickeln sollten. Sie sehen sie pauschal als Eindringlinge und Okkupanten, von denen nichts Gutes zu erwarten ist, zumal sie auch noch "Ungläubige" sind, also mit Gerechtigkeit, Anstand und (Landes-)Sitte nichts am Hut haben. Deren "Demokratie" und Rechtsstaatlichkeit Guantanamo heißt oder Abu Ghraib, deren "Freiheit" darin zu bestehen scheint, "Kollateralschäden" am laufenden Band produzieren zu können, weil sie so mächtig sind: Technisch, wirtschaftlich, finanziell, militärisch sind sie überlegen und geradezu unschlagbar, aber moralisch der letzte Dreck, ethisch Aussätzige, menschlich gesehen Parias, "hochzivilisierte Wilde". So will man nicht enden.
 
Nur eine kleine, korrupte Fettschicht schwimmt oben und partizipiert, für die übergroße Mehrheit kann das weder Vorbild noch Verlockung sein. Schon weil sie gar nicht in Versuchung steht, daran beteiligt zu werden. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn in solchen Situationen die Losung nicht lautet: Auf ins Zeitalter der Aufklärung, vorwärts zum Konsumismus, hinan zu Freedom and Democracy. Oder gar zum Sozialismus. Sondern schnellstens zurück in eine Ära, die Einhalt zu gebieten und Halt zu geben verspricht vor dem importierten Grauen, notfalls in einen Gottesstaat samt Sharia, der dieser verwerflichen westlichen Arroganz zu trotzen imstande ist kraft seiner vertrauten Traditions-Parameter, inschallah.
 
Der Dschihad ist im Koran als Verteidigungskrieg konzipiert gegen Fremdherrschaft, nicht als "Kreuzzug" zur Eroberung der Wallstreet oder zur Inbesitznahme der Freiheitsstatue, wie uns seit dem 11. September 2001 suggeriert wird. Wir glauben es gern, weil diese Eigenprojektion der "westlichen Mentalität" entgegenkommt, die Welt zu beherrschen und "sie sich untertan zu machen", wie es in der Bibel heißt, aber im Kern ist der muslimisch inspirierte Widerstand gegen die West-Invasion defensiv und eigenbezogen, nicht expansiv. Bei aller blutrünstigen Rhetorik geht es immer darum, die Fremden (Ungläubigen) zu verjagen, um den Geläuterten und Bekehrten ein gottgefälliges Leben zu gewährleisten. Es geht also um die Behauptung der Unabhängigkeit von Christentum und Abendland, religionsgeschichtlich um Emanzipation von den älteren Monotheismen.
 
Gerade für Agnostiker und Atheisten ist es schwer zu ertragen und schwierig zu erklären, wie religiöse Werte zu gesellschafts(re)formender und bewusstseinsprägender Relevanz für ganze Länder und Regionen werden können. Wir hatten das hierzulande vor annähernd 500 Jahren, dass in den Bauernkriegen die politischen Forderungen ihrer Zeit in religiösem Gewand vorgetragen werden mussten, um Ausstrahlung und Schubkraft zu erlangen. Der in diesem Zusammenhang von Saral Sarkar zurecht erwähnte Thomas Müntzer forderte letztlich nichts anderes als einen Gottesstaat. Wir sollten das nicht intellektuell überheblich vergessen machen wollen, nachdem wir durch Dreißigjährigen Krieg ermattet dazu gekommen sind, (mit Goethe) "mehr Licht" zu fordern und uns in der Aufklärung vom Religiösen als staatstragener und gesellschaftsnormierender Kategorie zu verabschieden (was ohnehin nur ansatzweise gelang). Sein Gegenspieler, der Ex-Mönch Martin Luther, hatte keinerlei Sympathien für die aufständischen Bauern und empfahl seinen Fürsten, mit denen er als "faules Fleisch zu Wittenberg" seinen Frieden gemacht hatte, diese totzuschlagen, "wie man tollwütige Hunde tot schlagen muss". Er gab quasi den Hamid Karsai der Renaissance. Nun ist der Islam in seiner Entwicklung etwas mehr als 600 Jahre nach dem Christentum entstanden, und dennoch schon etwas weiter als die kirchlichen Zerwürfnisse in Europa damals.
 
Weit mehr noch als im Christentum existieren im Islam (nicht zuletzt mangels einer Zentralmacht) diverse Richtungen und Schulen, die um die richtige Auslegung der Worte des Propheten wetteifern und sich dabei mindestens so hart bekämpfen wie Katholiken und Protestanten in den Glaubenskriegen. Immerhin lassen sie sich aber, wenn es gegen den gemeinsamen Feind geht, nicht mehr so leicht auseinander dividieren, ganz anders als in Deutschland, wo die Evangelischen sich mit den Schweden (aus Übersee) verbündeten zu einer "Liga", die die katholische "Union" bekämpfte, bis Land und Leute verheert und dezimiert waren, und alles nur noch im brach verbrannten Stoppelfeld lag, und die Pest reichliche Ernte einfahren konnte. Nein, ganz so kurzsichtig sind die Muslime heute nicht. Gegen die Streitmacht "aus Übersee" kämpfen sie gemeinsam, wenn auch jeder für sich, ob Sunniten, Wahabiten oder Schiiten. Nicht die herrschenden Eliten wohlgemerkt (die verfolgen ihre eigenen Interessen), sondern das Gros der durchschnittlichen, arbeitenden oder arbeitslosen, meistenteils traditionell religiösen Bevölkerung. Das Feindbild "Westen" gilt für fast alle.
 
Dabei stellen sie in verschiedenen Ländern mal die staatstragende "Oberschicht" oder auch die Klassen der "Underdogs", und sind wechselseitig Herrscher und Beherrschte. In Syrien sind es die Sunniten als sich unterdrückt wähnende Landbevölkerung, die gegen die tonangebenden Alawiten, Kurden, Christen und gegen die säkulare Regierung Assad aufbegehren, in Saudi-Arabien sind es die Schiiten an der ölreichen Ostküste, die sich vom wahabitisch-sunnitischen Königshaus übervorteilt und missachtet sehen. Moslems sind sie alle, doch leben sie in sehr verschiedenen Rollen und Klassenlagen. Sie sind Araber und Perser, Indonesier und Pakistani. Selbstverständlich auch Deutsche und US-Amerikaner. Aber im Nahen und Mittleren Osten vor allem feindselige Konkurrenten, die sich im ersten Golfkrieg martialisch und bis zur Erschöpfung acht Jahre lang blutigst bekämpften (der eigentlich säkular verfasste, aber de facto sunnitisch beherrschte, wenngleich mehrheitlich schiitisch bevölkerte Irak attackierte den schiitisch dominierten und geprägten Iran), angestachelt und hochgerüstet von den USA und europäischen Ländern, als moderne Schweden gleichsam. Es ging aus wie das Hornberger Schießen, unentschieden, jedoch mit gewaltigen Leichenbergen.
 
Der Iran hielt stand, doch der Irak wuchs zur Regionalmacht, und wollte sich das ölreiche Scheichtum Kuwait einverleiben als 20. Provinz. Dann also der zweite Golfkrieg 1991, der mit verheerender Niederlage für den Irak endete, aber noch nicht mit dauerhafter Besatzung. Die kam erst nach jahrelang mörderischen Sanktionen mit dem dritten Golfkrieg 2003, angeblich um Vergeltung zu üben für Nine-Eleven. Dabei hatte der Irak weder Massenvernichtungswaffen noch Kontakte zu Al-Quaida. Alles purer Unsinn, ebenso wie die Behauptung der US-geführten "Koalition der Kriegswilligen" zwei Jahre zuvor, die Anschläge auf World Trade Center und Pentagon seien von Afghanistan aus gesteuert gewesen. Die Attentäter kamen zum Teil aus Saudi-Arabien, dem mit den USA verbündeten (wahabitisch-sunnitisch beherrschten) Musterland an Menschenrechten, das Demokratie-Bestrebungen in Bahrein blutig niederwalzte und dafür räumschild-taugliche Leopard-Panzer aus Deutschland erhält, und finanziert aus Pakistan, ebenfalls mit den USA verbündet. Mohammed Atta reiste aus Hamburg in die Staaten ein, nicht aus Kabul oder Bagdad. Wir sehen gerade an Syrien exemplarisch, dass die Bündnislinien etwas aus den Fugen geraten, wenn dort al-Qaida-gestützte Rebellen-Brigaden von der CIA finanziert und demnächst wohl auch mit Waffen beliefert werden, während man dieselben Kräfte in Nord-Mali, die dorthin aus dem NATO-Krieg gegen Libyen versprengt wurden, mit vollem Einsatz bekämpft. Es geht also nicht um irgendwelche Werte (außer freilich um die Börsennotierungen der Rüstungsindustrie), sondern ausschließlich um geostrategische Vorteile und wirtschaftliche Interessen der alten Industrienationen.
 
Letztlich immer "nur" um Rohstoffe, sprich Uran und Öl, kurz gesagt. Selbst am Hindukusch ging es zunächst um eine Pipeline von Kasachstan zum Indischen Ozean (unter Umgehung des Iran), die auch zehntausende Tote später nach 12 Jahren Krieg noch immer nicht gebaut werden konnte. Nicht einmal im Irak ging das Kalkül auf, aus dem zweitreichsten Erdöl-Land der Welt sich (zur Kriegskosten-Kompensation) lukrativ zu bedienen. Das Rennen um Bohrlizenzen machten andere, unter anderem zum Beispiel chinesische Firmen. Daher zieht die Kriegskarawane nun weiter Richtung Pazifik. Da kommt der Inselstreit zwischen Japan und China und die angespannte Lage zwischen den beiden Koreas gerade recht. Zurück bleibt nach der Niederschlagung des Irak ein gestärkter Iran, der nun verschärft bedroht wird. Die Strategie scheint zu lauten: Nur keinen Frieden, sondern drohen, pressen, sticheln, bis die Bomben platzen können. So sinnlos wie erfolgreich, jedenfalls für die Kriegsprofiteure der "westlichen Welt". Das eint die muslimisch geprägte Welt, diese Erkenntnis, dass die Weltbrandstifter nur den "NAhTOd" im Schilde führen.
 
Unzweifelhaft ist das der Hauptgrund für das Erstarken des Islam. Was früher auf einem Kontinent stattfand, wird heute im Weltmaßstab ausgetragen. Der Planet ist nicht kleiner geworden, aber die Reichweite seiner menschlichen Technik gewachsen. Nicht nur der Raketen, auch die der satellitengestützten Kommunikation. Leider bleiben wirklich perspektivische Ideen zwischen Facebook- und Twittergezwitscher irgendwo hängen. Emanzipative, fortschrittliche, zukunftsweisende Ideen brechen sich nur mühsam Bahn, vor allem wenn sie aus Gegenden stammen, deren Armeen man verflucht, deren Sitten man scheut, deren Stärke man fürchtet und zugleich verachtet, deren aufgezwungener Wirtschaftsordnung man zu erliegen droht.
 
Doch das Tempo der Entwicklungen ist gestiegen. Das lässt erwarten, dass die Geschichte, die meist eine Schnecke zu sein scheint, auch mal Sprünge und Volten machen kann, öfter und schneller als früher. Der arabische Frühling war so ein (für unsereinen überraschender) Ansatz, aber der Schleim klebte zu adhäsiv für eine Rolle vorwärts, es braucht wohl noch weitere Anläufe zur Überwindung des Religiösen, zumindest zur Zurückdrängung seines Primats. Gerade weil säkulare und (teils schein-)sozialistische Staaten lange genug vom Westen unterstützt und diktatorische Regimes als Stabilitätsgaranten hochgehalten wurden, haben die demokratischen und sozialistischen Perspektiven derzeit (zumal nach der Implosion der realsozialistischen Staatenwelt) das Nachsehen hinter nationalistischen und islamistischen Ideen. Wunder ist das keines, wenn auch ein trister, unbefriedigender Zustand. Löst dieser doch die postkolonialen Verhältnisse nicht Richtung Überwindung des Kapitalismus und damit des Imperialismus, mithin auf Öffnung in Richtung Emanzipation (vom Westen, aber auch von den eigenen Fesseln der Religion), sondern rückwärtsgewandt in Richtung Nation Building auf religiös verfasster oder geprägter Grundlage, wie als Nachhol-Programm und matter Imitation des Werks europäischen Bürgertums, jedoch auf heimisch mittelalterlichem Bodensatz. Das kann nichts Unabhängiges und Befreiendes werden, wenn man meint die Geschichte der Kolonialherren mit traditionellen Versatzstücken garniert "nachspielen" zu können statt originär eigene und genuin neue Geschichte zu schreiben. Aber wer weiß, vielleicht ist sie ja auch anders als es uns Europäern erscheint. Vielleicht ist diese retardierende Phase aber auch unabdingbar für deren Überwindung.
 
Die widerstreitenden gesellschaftlichen Kräfte werden auszufechten haben, was auch bei uns stattgefunden hat in den letzten Jahrhunderten, speziell im letzten. Dort tobte dieser Kampf um Vorwärts oder Zurück in geradezu exemplarischer Weise, ausgerechnet im bei der Aufteilung der Welt zu spät und zu kurz gekommenen und daher besonders aggressiv Anschluss ans "Weltniveau" suchenden Deutschland. Dort ermöglichte die Niederlage im Ersten Weltkrieg eine revolutionäre Situation, die zumindest die Monarchie abstreifen konnte, wenngleich nach der blutigen Niederschlagung ihrer sozialistischen Zielsetzungen nur eine schwächelnde bürgerliche Demokratie übrig blieb, die sogleich von den reaktionären Kräften unterminiert und bekämpft wurde, bis hin zu ihrer Beseitigung durch eine offene, brutale Diktatur.
 
Zwei Lösungsmodelle für die Widersprüche des Kapitalismus und der zwangsläufigen Verarmung der Massen nach seiner Weltwirtschaftskrise standen damals im unerbittlichen Kampf gegeneinander: Es war ökonomisch der Hauptwiderspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, politisch der zwischen Arbeit und Kapital, ideologisch ausgetragen zwischen der Arbeiterbewegung und ihren Verbündeten einerseits und den Kapitaleignern samt deren zu allem bereiten Hilfstruppen auf der anderen Seite. Arbeiterklasse versus Bourgeoisie, wobei die Bürgerlichen und ihre Helfeshelfer von der äußersten Rechten sich relativ schnell einig wurden gegen die in Reformisten und Revolutionäre gespaltenen Arbeiterparteien SPD und KPD. Die Konzepte zur Krisenlösung waren gegenläufig und unvereinbar.
 
Auf der einen Seite gab es die Perspektive, die fortgeschrittene und fortschreitende Monopolisierung durch Vergesellschaftung aller wichtigen Produktionsmittel und öffentlichen Einrichtungen zu vollenden und in die Hände und unter Kontrolle des Volkes zu legen, die Monopolherren zu enteignen und deren privatisiertes Vermögen dem gesellschaftlichen Reichtum einzuverleiben. Das wäre eine Auflösung der Verwertungskrise des Kapitalismus nach vorn gewesen. Der gegenüberliegende Pol der Gesellschaft wollte die Enteignung der arbeitenden Menschen auf die Spitze treiben, ihnen die Krisenlasten aufbürden und gleichzeitig die Illusion schüren, die Monopolisierungs-Tendenzen bezähmen zu können, was freilich nicht glaubwürdig gelingen konnte. Die extremste Variante war: Zurück zum frühen Konkurrenzkapitalismus durch Ausschaltung der ausländischen Monopole, Protektionismus, Stärkung des "einheimischen" Mittelstandes, um die Konkurrenz und die "Schaffenskraft" (rhetorisch gegen das "raffende" Kapital) wieder zu beleben, und sie stattdessen nach außen zu tragen in einer aggressiven Rüstungspolitik, letztlich mündend in Kriegspolitik bei völliger Entrechtung der Arbeiter und Zerschlagung ihrer Gewerkschaften. Das war die äußere Hülle des NS-Programms. Dahinter verbarg sich jedoch eine Zuspitzung und Vorantreibung der Monopolisierung, wie sie bis dahin beispiellos war. Die Wirtschaftskonzentration nicht zuletzt wegen der Rüstungs-Ausrichtung formierte u.a. Konzerne (VW, IG-Farben-Nachfolger etc.), mit denen wir es heute noch zu tun haben. Großangelegte Infrastrukturprogramme (etwa zum längst vorher in den 20-er Jahren projektierten Autobahnbau) ließen die bereits ab 1932 ohnehin aufkommende Konjunktur-Belebung später als das einsame und weitsichtige "Werk des Führers" erscheinen. Das Feindbild zum Sündenbock für alles "Unglück" hatten die Juden abzugeben, wahlweise als westliches "Finanzjudentum" oder als östlich "bolschewistisches" identifizierbar, je nach Vorliebe, nebst "slawischen" oder "asiatischen Untermenschen".
 
Viele vom Abstieg bedrohte Mittelständler und deklassierte Kleinbürger fielen darauf herein und bildeten die soziale Basis für das NSDAP-Wählerpotenzial. Die naiven Hoffnungen auf "Taten des Führers" gegen das Großkapital wurden spätestens 1934 mit dem Pogrom gegen Ernst Röhm und seine fordernd aufbegehrende SA blutig versenkt. Die SS besorgte den Rest in den Konzentrationslagern, später an der Ostfront. Das Modell der Nazis hörte sich in den Ohren nationalistisch gesinnter Reaktionäre so ungefähr an, als könne man den Kapitalismus mit all seinen negativen Begleiterscheinungen zurückdrehen in einen vorbürgerlichen, ständisch verfassten Gefolgschaftsstaat, mit streng hierarchischen Strukturen und einem Führer an der Spitze, der alles richtet. Dass dieser den Monopolherren jedoch nicht nur kein Haar krümmte, sondern ihnen vielmehr halb Europa zur militärischen Einverleibung servierte, betrachteten die meisten Mitläufer erst als fatal, nachdem dieses Vabanque-Spiel wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen war und viele unter Trümmern begraben hatte.
 
Danach setzte sich der diametrale Widerstreit um Deutschlands Zukunft in den jeweiligen Besatzungszonen und ab 1949 in zwei Staaten fort: Im Osten (unter sowjetischer Ägide) wiesen Bodenreform und sozialistischer Aufbau von volkseigenen Betrieben und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften plus Kollektivierung und Enteignung der Großgrundbesitzer und Junker in eine Zukunft ohne Monopolherren, im Westen markierten Restauration der Vorkriegs-Machtverhältnisse und Remilitarisierung den Weg zurück in die Zeit vor dem Faschismus, anknüpfend an die Weimarer Republik, um die "12 dunklen Jahre" gleichsam ungeschehen zu machen. Die Entnazifizierung wurde spätestens 1952 eingestellt, verurteilte Kriegsverbrecher und Wirtschaftsführer wieder in ihre alten Positionen eingesetzt. Das war die rückwärts gewandte "Lösung", und seit 1989 ist die vorwärts gewandte (wenn auch nicht recht weit gekommene) restlos abgewickelt worden. Sie wurde schlicht tot gerüstet. Seitdem ist auch Schluss mit Sozialpartnerschaft und Kriegsabstinenz. Wir sehen: Es geht immer einen Schritt vorwärts, und mitunter zwei zurück. Manchmal werden Erfolge erkämpft, die bleiben, wie zum Beispiel das Frauenwahlrecht oder die Betriebsräte der Räterevolutionszeit, aber vieles ist auch schon wieder verloren gegangen, etwa die Arbeitszeitverkürzung und andere arbeitsrechtliche Standards. Insgesamt ist es immer eine Kräftefrage zwischen den Klassen, welche Strömung obsiegt, welches Konzept sich durchsetzt, welche sozialpolitische Schweinerei verhindert werden kann. Die Wahlen sind dabei nur ein gesellschaftlicher Gradmesser für den Bewusstseinsstand der wahlberechtigten Bevölkerung. Die Macht wird hinter den Kulissen ausgeübt, und kann auf der Straße in ihre Schranken gewiesen werden in öffentlicher Debatte mit Forderungen, durch Demonstrationen und Streiks.
 
So wie auch in den Ländern des Maghreb, in Mittelasien, im Nahen Osten, überall auf der Welt tobt dieser Klassenkampf, oft in den absurdesten Konstellationen und Verkleidungen, nach den jeweiligen Traditionen und Kampferfahrungen der Protagonisten. In Südkorea beispielsweise kämpften die Bauern (trotz oder wegen ihrer Erfahrungen mit der Militärdiktatur) vermummt mit Helmen bewehrt und langen Bambusstangen bewaffnet, was hierzulande kaum vorstellbar wäre, gegen den Ausbau eines Flughafens. Wie militant oder gewaltfrei, friedlich oder blutig sich das abspielt, hängt in erster Linie von der Obrigkeit ab, wie weit sie jeweils zu gehen wagt in Absicherung und Verteidigung ihrer in Frage stehenden Macht. Auch wenn nicht alle Kämpfe und Kontroversen nach Klassenkampf aussehen, sind sie es doch. Das gilt weltweit sogar bei Konflikten zwischen Staaten. Sie stehen für das, was sie verkörpern, beziehungsweise was ihnen ihre BewohnerInnen abverlangen. Venezuela ist so ein Beispiel, auch Kuba. Jede Nationalisierung (Verstaatlichung) beispielsweise einer weltmarktrelevanten Rohstoffreserve kann ein Kriegsgrund sein für die neoliberalen Globalisierer. Jede nicht vollumfängliche Selbstauslieferung an die Regeln der neoliberalen "Neuen Weltordnung" kann gewaltsam geahndet werden (siehe Jugoslawien, siehe Chile, siehe Iran).
 
Aber auch jeder Kampf um die Rechte der Menschen, um bessere Arbeitsbedingungen, um höhere Löhne oder um Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge, also um Anteil an den Früchten der eigenen Arbeit, kann Dinge in Bewegung setzen, Entwicklungen befördern oder stoppen, deren Ausbleiben oder Eintreten sich erst später als wichtig und unverzichtbar zu einer viel später stattfindenden Umwälzung erweist.
 
Insofern bleibt uns nur historischer Optimismus, revolutionäre Geduld und das zu tun, was nicht unterbleiben darf: Mensch zu sein statt seinen Mitmenschen zum Wolf werden. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Wer es mit anderen gemeinsam tut, bleibt nicht allein, den machen sie nicht so schnell ein. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Und was der aufmunternden Sinnsprüche noch mehr sind: Sie alle spiegeln eine Grunderfahrung, die für menschliche Gesellschaft generell gilt. Am Ende ist es der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und die letzte Schneeflocke, die einen morschen Ast bersten und krachend abbrechen lässt. Das heißt nicht etwa, sich in den Strom der Geschichte fallen lassen, sondern vielmehr zu wirbeln und zu tanzen! Aktiv den Aufwind nutzend, um der niederdrückenden bösen Böe ein ordentliches Schnippchen zu schlagen. Vorwärts, seitwärts, wiederum vorwärts im Auf und Ab der Zeitläufe. Am besten mit Strategie und Plan! Nur eines geht nicht: Sich schlafen legen und auf bessere Zeiten warten. Sie kommen nicht ohne dich. Ohne den und die Einzelnen geht gar nichts vorwärts.
 
Bleibt noch die Frage, was du für einer bist. Ein Dulder oder ein Aufbegehrer, ein Vorwärtsdrängender oder ein Zögerlicher, ein Rebell oder ein Duckmäuser, Angepasster oder Nonkonformist. Zwar prägt gesellschaftliches Sein das Bewusstsein, aber dazu gehört eben auch Deine Stellung in der Familie, in der Schule, im Freundes- und Kollegenkreis. Deine Präferenzen, deine Konditionierungen, deine Konstitution sie zu überwinden. Es gibt Leute, die treten widerspruchslos das Erbe ihrer Vorfahren an und in das Geschäft des Vaters ein, die haben kein Problem mit Tradition und ausgetretenen Pfaden, mit Kontinuität und geraden Linien. Sie scheinen eins mit dem Willen ihrer Eltern, auch wenn sie innerlich etwas hadern und punktuell Widerworte geben, jedoch nie grundsätzlich widersprechen. Die sind selten in Versuchung auszuscheren, weder aus der sozialdemokratisch geprägten Trambahner-Dynastie noch aus dem althergebrachten Landleben oder aus der bürgerlichen Karrierevorgabe. Daneben gibt es andere, denen dieser Weg versperrt ist, weil sie Zweitgeborene oder unehelich geboren sind, weil sie irgendeinen "Hintergrund" haben, einen "bildungsfernen" oder einen migrantischen, weil ihre Eltern ihnen noch nie als Vorbild getaugt haben, weil sie zu streng erzogen oder komplett vernachlässigt worden sind, oder weil sie einfach zu aufgeweckt, zu ideenreich, zu neugierig auf die Welt sind, um genau das zu tun, was ihnen vorgegeben oder angeboten wird. Sie tun sich leichter mit dem Aufbegehren, lernen frühzeitig, was es heißt ausgegrenzt zu sein, orientieren sich anders als es das Umfeld von ihnen erwartet. Sie kreieren neue Ideen, sind auf sich selbst gestellt, gehen neue Wege, finden Freunde und Verbündete, begreifen sich als Teil eines Kollektivs oder werden zu Einzelgängern. Dazwischen gibt es tausende Variationen in verschiedensten Konstellationen zu Geschwistern und Eltern und zur Gesellschaft.
 
Es gibt Bourgeois, die ihre Herkunfts-Klasse verraten und sich der Arbeiterbewegung zugesellen, umgekehrt ehrgeizige Arbeiterkinder, die als Emporkömmlinge ihre Herkunft verleugnen. Es gibt unüberschaubar viele Determinanten sozialer Wirklichkeit, nicht nur die objektive Stellung zu den Produktionsmitteln im marxistischen Sinne. Wer sich wann und wo im Leben wie verhält, ist kaum vorherzusehen und oft selbst im Nachhinein kaum schlüssig zu erklären. Da gibt es den im entscheidenden Moment zaudernden Revolutionär wie ebenso den in einer konkreten Situation einfühlsamen Machtmenschen, der vielleicht ohne es zu ahnen oder zu wollen jemandem das Leben rettet. Die Vielschichtigkeit und Unwägbarkeit möglicher Verhaltensweisen und Positionierungen gilt selbst oder gerade in außergewöhnlichen oder zugespitzten Situationen, die dem agierenden Individuum Entscheidungen abverlangen, die es unter "normalen" Umständen so niemals getroffen hätte oder treffen hätte müssen. Wir sind keine Aufziehmännchen und Roboter, die einmal programmiert immer so tun wie befohlen. Darin liegt die ungeheure Möglichkeit und letztlich die Wahrscheinlichkeit gesellschaftlicher Veränderungen. Die Frage ist nur, ob diese vorwärts oder rückwärts erfolgen. Dazu kann und muss jede/r sein Teil beitragen. Im privaten wie im schulischen, beruflichen oder im öffentlichen Leben. Soviel historische Chance haben wir auch als Einzelpersonen.
 
Diese individuellen Faktoren summiert bewirken noch lange keine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Doch je zugespitzter die Verhältnisse (und dazu müssen wir nichts beitragen, das besorgen die Herrschenden; wir müssen sie uns auch nicht herbeiwünschen oder zu ignorieren versuchen), desto mehr Menschen werden es auch aus ganz persönlichen Gründen nicht mehr bevorzugen, weiter so zu machen wie bisher. Desto mehr gebrochene Biografien wird es geben, desto mehr geplatzte Illusionen generationsweise, desto mehr Gründe zur Abrechnung mit den gegebenen Zuständen. Letztlich wird es darauf ankommen, wie viele oder wie wenig Menschen sich zum kritischen Zeitpunkt von den "alten Zeiten" innerlich verabschiedet haben und dann auch öffentlich damit brechen. Das ist dann, was man revolutionäre Situation nennt. Ob sie genutzt werden kann und wieweit sie trägt, hängt vom Bewusstseinsstand der Protagonisten ab, und natürlich auch von den äußeren Widerständen, die "zurück" schlagen und drängen. Diese zu überwinden und nach "vorn" zu gehen, einen qualitativen Sprung zu wagen, hinter den es kein Zurück mehr gibt, wird nur gelingen, wenn die Zeit reif dafür ist, dass die Linke ihre Angst vor der eigenen Ohnmacht abstreift. Denn selbstbremsenden "Losern" wird bestenfalls Opportunismus gelingen, dem dann niemand wirklich vollen Herzens folgen mag, nicht einmal sie selber – aus Angst vor der eigenen Courage. Dass die Empörung überall gleichzeitig aufbricht, ist mehr als unwahrscheinlich. Zu unterschiedlich sind die Situationen und Voraussetzungen in diversen Ländern und Regionen. Umso größer muss der Mut oder die Verzweiflung sein, dass diese am jeweiligen Brennpunkt zur vollen Entfaltung aufblüht und zur allgemeinen Handlungsmaxime wird, und auch andernorts solidarisch unterstützt wird. Jede historische Umwälzung bedarf neben objektiven Bedingungen auch subjektiver Faktoren. Einer davon bist du, – sind wir alle.

Wolfgang Blaschka, München

 

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