Die Nakba, das Unrecht, das mit der israelischen Staatsgründung einherging

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Helmut S. - ADMIN
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Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Die Nakba, das Unrecht, das mit der israelischen Staatsgründung einherging
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Zum heutigen 14. Mai, dem Jahrestag der Ausrufung des Staates Israel und dem Ende des britischen Mandats über Palästina, einem Schlüsselereignis der Nakba:

"Will man heute ein Land gründen, darf man es nicht in der Weise machen, die vor tausend Jahren die einzig mögliche gewesen wäre. Kämen wir beispielsweise in die Lage, ein Land von wilden Tieren zu säubern, würden wir es nicht in der Art der Europäer aus dem fünften Jahrhundert tun. Wir würden nicht einzeln mit Speer und Lanze gegen Bären ausziehen, sondern eine große fröhliche Jagd veranstalten, die Bestien zusammentreiben und eine Melinit-Bombe unter sie werfen".

-Theodor Herzl  (Begründer des politischen Zionismus, 1860- 1904. Aus: "Der Judenstaat", 1885)




Die Nakba, das Unrecht, das mit der israelischen Staatsgründung einherging

Staatsgründer David Ben Gurion legte nie besonderen Wert darauf, seine Absichten zu verschleiern. Ende November 1947 stimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York Resolution 181 zu, einem Plan, der das historische Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat teilen sollte.

Ben Gurion war mit dem Teilungsplan einverstanden, jedoch nicht in dem Sinne, dass er die darin festgelegten Grenzen ein- für allemal akzeptiert hätte. Er war bereit, vorerst zu nehmen, was ihm die UNO zubilligte, hoffend, dass sich zu gegebener Zeit  mehr daraus  machen ließe.

Zur Teilung, wie sie der UNO-Plan vorgesehen hatte, kam es ohnehin nicht. Die Vereinten Nationen hatten zwar einen Beschluss gefasst, aber keinerlei Vorkehrungen getroffen, um diesem Beschluss Nachdruck zu verleihen. Den zionistischen Gründervätern war schon früh klar, dass die tatsächlichen Grenzen ihres künftigen Staates im Krieg erstritten werden mussten. Dabei war es keineswegs so, dass ein völlig friedliches, im Werden begriffenes Israel von seinen arabischen Nachbarn aus dem Nichts heraus überfallen wurde.

Gleich nach der Verabschiedung des Uno-Teilungsplans, den die arabische Bevölkerungsmehrheit in Palästina als krasses Unrecht empfand, waren Kämpfe zwischen mehr oder minder schlecht bewaffneten Milizen beider Seiten ausgebrochen. Erst am 15. Mai 1948, am Tag nach der israelischen Staatsgründung und dem Abzug der britischen Mandatsmacht, marschierten reguläre arabische Truppen in Israel ein. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Hundertausende von Palästinenserinnen und Palästinensern auf der Flucht, teils waren sie von zionistischen Einheiten gezielt aus ihren Dörfern und Städten vertrieben worden, teils hatten sie von sich aus das Weite gesucht vor den anrückenden Kämpfern. Die rasch wachsende Zahl von Flüchtlingen aus Gebieten, die das künftige Israel für sich beanspruchte, war mit ein Grund, weshalb eine Allianz arabischer Staaten dem neu gegründeten jüdischen Staat vollmundig und überhastet einen Krieg erklärte, auf den ihre Armeen gar nicht vorbereitet waren.

Die nun ebenfalls reguläre israelische Armee hingegen hatte  insgeheim schon kräftig aufgerüstet und gewann, wie sich rasch zeigen sollte, mit jeder Woche an Schlagkraft. Für einige Gelassenheit auf israelischer Seite sorgte auch das Geheimabkommen Ben Gurions mit dem jordanischen König Abdullah. Jordanien dürfe die Westbank besetzen,  im Gegenzug jedoch das Israel zugesprochene Territorium nicht angreifen. Daran hat sich Abdullah gehalten. Damit war die mit Abstand stärkste arabische Truppe von vornherein paralysiert. Lediglich die ägyptische Armee stellte eine Gefahr dar. Ihr mangelte es nicht an Ausrüstung, wohl aber an Motivation und Koordination.

Gegenüber den schlecht organisierten  und – mit Ausnahme der Ägypter –  auch schlecht ausgebildeten und mangelhaft ausgerüsteten arabischen Angreifern  erwiesen sich die israelischen Truppen bald haushoch überlegen. Bis zu den Waffenstillstandsverhandlungen in den ersten Monaten des Jahres 1949 hatten die neuen Herren im Land zudem rund 750‘000 arabische Einwohner Palästinas von ihrem Grund und Boden vertrieben, mehr als 500 palästinensische Dörfer, Städte und Stadtteile  auf dem Gebiet des heutigen Israels  waren zerstört.

Der Israeli Amnon Neumann, der als Späher des Palmach bei der Eroberung des Südens dabei war, erinnert:


Plünderungen im großen Stil

Die arabische Bevölkerung Palästinas wurde nicht nur vertrieben, sondern auch systematisch ausgeplündert. An den Plünderungen beteiligte sich das Militär ebenso wie die jüdische Zivilbevölkerung.

Gestohlen wurde alles, was sich aus den leeren Dörfern und arabischen Stadtteilen mitnehmen ließ: Haushaltsgeräte, Möbel, Geschirr, Vieh, Fahrzeuge. Oft kam es zu Übergriffen auf die Flüchtenden, die ihrer letzten Habe beraubt, geschlagen und misshandelt wurden. So notierte David Ben Gurion am 1. Mai, zwei Wochen vor der Staatsgründung, zum Geschehen in Haifa schrieb, aus dem 70‘000 Araber vertrieben worden waren, in seinem Tagebuch:

There was a search for Arabs, they were seized, beaten, and also tortured.

Angesichts der israelischen Überlegenheit im Krieg und den beachtlichen Gebietsgewinnen wurde die Grenzfrage akut. Am 13. Januar 1949, während der Waffenstillstandsverhandlungen mit Ägypten, meinte Ben Gurion:

Vor der Gründung des Staates Israel, am Vorabend seiner Entstehung, war unser wichtigstes Interesse die Selbstverteidigung… Viele glauben dass wir immer noch in diesem Stadium sind.

Aber jetzt geht es um Eroberung, nicht mehr um Selbstverteidigung.

Was die Festlegung der Grenzen betrifft: Sie ist eine offene Frage. [...]

Keine Grenze ist absolut [...] also sind uns keine wirklichen Grenzen gesetzt.

Das Volk, das sich zuletzt den ungeheuerlichen deutschen Verbrechen von Entrechtung, Enteignung bis hin zum Holocaust ausgesetzt sah, hielt sich nun schadlos an den Arabern.

Der Holocaust der Deutschen war eine andere Dimension des Verbrechens. Die Enteignung und Vertreibung der Palästinenser, die „Nakba“ oder die „Katastrophe“, wie sie es selbst nennen, bleibt dennoch ein Unrecht von tragischem Ausmaß. Solange Israel sich nicht offen dazu bekennt, scheint ein Friede mit den Palästinensern schwer möglich. So ein Bekenntnis wäre auch wichtig für den Seelenfrieden der Nation selbst.

Der Vater von Amnon Neumann, ein Arbeiter, der mit der zweiten Einwanderungswelle jüdischer Siedler nach Palästina gekommen war, umschrieb dieses Unrecht gegenüber seinem Sohn mit folgenden Worten: “Das war nicht, was wir wollten. Vielleicht wollten es die zionistischen Führer. Es  lag aber nie in meiner Absicht.”


 

Quelle: transatlantikblog.de / C. Schlesinger; Marlène Schnieper, „Nakba – die offene Wunde“, Rotpunktverlag.

Deir Yassin Remembered: The Story Of Deir Yassin - weiter (engl.)