Die Tragödie der Ukraine: Ein geopolitisches Tagebuch

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Harry Popow
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Die Tragödie der Ukraine: Ein geopolitisches Tagebuch
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Die Tragödie der Ukraine: Ein geopolitisches Tagebuch

Autor:  Nikolai Starikow

Verlag: Zentrale Friedenspolitik

ISBN-13: 978-3-00-051076-2

Auflage: 1500 (17. Oktober 2015), Übersetzung vom Russischen ins Deutsche: Georg Farafonow; erhältlich als Paperback für 14,80 € / 17,00 CHF; auch als PDF für 11,80€

Seit einiger Zeit ist es „aus der Mode“ gekommen, Zusammenhänge, Ursachen von Konflikten und den besonderen Blickwinkel andere Länder „verstehen“ zu wollen, einmal die Perspektive des anderen einzunehmen. Dabei ist es für eine Friedensordnung in Europa und der Welt überhaupt unabdingbar, eigene Interessen zu formulieren, die Interessen der anderen zu kennen, zu versuchen sie zu verstehen und im politischen Handeln zu berücksichtigen und einem möglichst für alle annehmbaren friedlichen Ausgleich zuzuführen. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint das Buch Nikolai Starikows zur Ukraine-Krise, die Europa spaltete, in der Folge eine überwunden geglaubte auch nukleare Aufrüstung und ein westliches Sanktionsregime nach sich zog und deren Konfliktpotenzial keineswegs entschärft ist, geeignet, einem deutschen Publikum vorgestellt zu werden.
 



„Die Tragödie der Ukraine. Ein geopolitisches Tagebuch“ - von Nikolai Starikow

Felsen in der Globalisierungs-Brandung

Buchtipp von Harry Popow

Es ist tatsächlich eine Tragödie. Da jagt hinsichtlich des Krieges in Syrien und neuerlicher Meldungen von Gefechten in der Ost-Ukraine eine Schreckensmeldung die andere, und schon fragt sich der besorgte Bürger, wem man in dieser Schlacht um Lügen und Verleumdungen nun denn glauben sollte. Wie bitter notwendig ist es da, wenn der politisch interessierte Leser oder Hörer in Zeiten des neuerlichen Kalten Krieges, von dem Dmitri Medwedew auf der [ADMIN: sogenannten] Münchener Sicherheitskonferenz kürzlich sprach, sich politisch zurecht zu finden, dem Lügenberg im globalen Klassenkampf zu widerstehen.
 

Müde machen gilt nicht. Davor haben bereits die Autoren Wolfgang Bittner, Brigitte Queck oder auch Prof. Peter Strutynski (Hrsg.) mit ihren Sachbüchern zur Ukraine-Krise gewarnt. In diesem Zusammenhang schrieb ein User, es sei ein Glück für die Menschheit, dass Putin „mit äußerster Besonnenheit“ handelt. Und, fügt er hinzu, das von den Westmächten bedrohte Russland braucht in unserem eigenen Interesse die Unterstützung jedes Menschen, der nicht in einem Atomkrieg untergehen will.

Erfreulicherweise ist nun ein neues Buch über den Ukraine-Konflikt mit dem Titel „Die Tragödie der Ukraine. Ein geopolitisches Tagebuch“ veröffentlicht worden. Geschrieben hat es ein Russe: Nikolai Wiktorowitsch Starikow. Er ist politischer Schriftsteller, Politiker und kommerzieller Direktor der Sankt Petersburger Abteilung des staatlichen Russischen Fernsehsenders „Perwy Kanal“. Er schrieb 13 Bücher zu historischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geopolitischen Themen.

Verschuldet durch die USA und deren Lakaien in der EU

Desto interessanter ist das, was er auf den 200 Seiten zu sagen hat und wie er es sagt. Neben seinen zahlreichen Texten, Tagebuchaufzeichnungen, Artikeln, Reden und Interviews, bei denen er geradezu minutiös die Ereignisse auf dem Majdan und die Folgen aufzeichnet, fällt sein Weitblick auf, mit dem er nicht nur die lokalen Ereignisse, verschuldet durch die USA und deren Lakaien in der EU, sondern auch Beispiele aus der Geschichte als Vergleiche sowie die erfolgreiche Politik Putins in den Zeugenstand ruft.

Es sind insgesamt sechs Kapitel mit 49 Tagebuchaufzeichnungen, die dem Leser ermöglichen, die Hintergründe des Euromaidans, den Umsturz Made in USA, die aggressive Politik der USA sowie die Politik Putins noch besser zu verstehen. Hervorzuheben sind unbedingt nicht nur die Einbindung des Geschehens in die Geopolitik, die der Autor als einen „Kampf der Großmächte um Ressourcen“ als ein kolossales Schachspiel bezeichnet, in dem die Schachzüge mit Armeen, Parteien und Währungskursen vollzogen werden, bei dem Menschenleben noch nie geachtet wurden. (S. 11) Und was wollen die USA in der Ukraine? Sie interessieren sich für die „Krim und die Flottenbasis, die Gas-Pipeline und die Industriegebiete des ukrainischen Südostens“. Diese „drei Preise“ seien der Grund, weshalb der Westen in der Ukraine einen Umsturz finanziert. Ohne diese „Preise“ sei die Ukraine für den Westen uninteressant, so der Schriftsteller Starikow. (S. 86) Auf der Spur der Aggressivität des USA-Imperialismus bleibend, widmet sich der Autor auf mehreren Seiten dem Terrorismus, ausgehend vom 11.09. 2001, als die USA den weltweiten Kampf gegen „Terroristen“ beschworen und u.a. den Irak überfallen hat, der Geburtsstunde des IS.

Auf die Außenpolitik Russlands eingehend, sagt er, mit dem Ukraine-Konflikt habe „sich alles über Nacht geändert. Russland ist erstmals zur Offensive übergegangen. Anstelle von Handlungen, die darauf abzielen, die `Wegnahme´ der Souveränität unserer Nachbarn durch EU und USA zu blockieren, ist der Kreml weiter gegangen.“ Dabei erinnert er an den Knebelvertrag über die Assoziierung mit der EU, den der damalige Präsident Wiktor Janukowitsch zur Verwunderung der „Partner“ im Westen nicht unterschrieben hat. Der Grund war naheliegend: Der Gaspreis für die Ukraine wurde gesenkt. Natürlich sei dadurch ein Teil des Umsatzes verloren gegangen, so der Autor. Aber die Aufgabe von Gazprom sei es, den Interessen Russlands zu folgen. Und die sehen so aus: „Es soll verhindert werden, dass die Ukraine in politischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht in die Hände der EU und der NATO fällt.“ Für besonders hartnäckige Liberale: Die Hauptsache sei die Flugzeit von Raketen, von Charkow aus gestartet, könnte sich das Abschießen zeitlich schwierig gestalten, meint Nikolai Starikow. (S. 15/16)

Russland verteidigt in der Ukraine das internationale Recht

Liegt da nicht die Frage nahe, was Russland verteidigt? Der Autor beantwortet sie so: „Russland verteidigt in der Ukraine das internationale Recht. Das mag überraschend klingen, aber Russland ist heute das einzige Land, das konsequent für das Völkerrecht einsteht, welches nach dem Zweiten Weltkrieg begründet wurde. Und zwar mit der Unterstützung Chinas.“ (S. 73)

Dem Autor gelingt aus eigener Anschauung und Überzeugung das, was westlichen Eliten und ihren Lügenpropagandisten samt den „Qualitätsmedien“ nicht in die Wiege gelegt worden ist: Die Hingabe an sein Vaterland, die Liebe zu den Menschen, ja, zum Sinn des Lebens. Hocherfreut stellt er deshalb fest, dass Russland nach der Niederlage des Sozialismus (er schiebt die alleinige Schuld vor allem Gorbatschow zu, leider ohne weiter in die Tiefe zu gehen, H.P.) und nach dem Vorrücken der NATO weiter nach Osten seit geraumer Zeit in die Offensive gegangen ist. (Was auch vom Einsatz des russischen Militärs zur Bekämpfung des IS und zur Beendigung des Syrienkonfliktes abzulesen ist. H.P.) Er schreibt auf Seite 179 von der Notwendigkeit, „der Lüge und der antirussischen Propaganda den eigenen Standpunkt entgegenzusetzen“. Es gehe um die Frage des Überlebens Russlands als Supermacht. Bekannt sei, das die heutige Welt von einer „Welle der Globalisierung“ nur deshalb nicht überflutet wird, weil sich zwei Zivilisationen, die sich vom Westen unterscheiden, dem wie Felsen entgegenstellen: Die Russische Welt und China. Nikolai Starikow erinnert auf Seite 200 daran, dass Russland, die damalige Sowjetunion, bereits 1945 für die Welt gerade gestanden hat. Russland rettete die Welt auch 1812. Heute stünde Russland wieder für die Welt gerade.

Zur Lösung der Ukraine-Tragödie plädiert der russische Publizist für die Föderalisierung der Ukraine, denn „nur die Klärung aller Fragen, die die gesamte Bevölkerung beunruhigen, kann zur Lösung der Probleme beitragen“. (S. 122)

Das Buch von Nikolai Starikow ist eine gute Ergänzung zu anderen Sachbüchern, was den Ukraine-Konflikt betrifft. Warum? Weil der Autor eine ganz besondere Sicht hat auf die geopolitische Konfrontation zwischen den USA und Russland, auf die Geschichte Russlands und auf die Lösung dieser Tragödie, wobei die Ukraine „lediglich den Schauplatz“ darstellt. (S. 71) Im Vorwort wird angemerkt, dass in den Texten des Autors vieles ungewohnt und überraschend, sogar Anstoß erregend sein kann, aber dem Erkenntnisgewinn durchaus nicht im Wege steht. Eben abweichend von gewohnten Erklärungsmustern. Insofern sei die Lektüre politisch aufmerksamen und neugierigen Lesern empfohlen, die so eine Bereicherung ihrer persönlichen Ansichten erfahren dürften.

Harry Popow



Quelle: Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung >  Artikel und auf meinem Blog.

Bild- und Grafikquellen:

1. Buchcover "Die Tragödie der Ukraine – Ein geopolitisches Tagebuch."

2. Dmitry A. Medvedev - Prime Minister, Russian Federation - 13. Februar 2016, 11:04. Foto: © Munich Security Conference 2016 (MSC) / Mueller. Quelle: Webseite der Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz (gemeinnützige) GmbH. Verbreitung: Fotos der Konferenz, die zum Download angeboten werden, können entsprechend den Angaben im Impressum honorarfrei genutzt werden, soweit der Name des Fotografen genannt wird. Die Fotos sind unter der Creative Commons Attribution 3.0 Germany License lizensiert.

3. Nikolai Wiktorowitsch Starikow (*  23. August 1970 in Leningrad, heute Sankt Petersburg) ist ein russischer Schriftsteller, Publizist und politischer Aktivist. Seit 2003 ist Starikow als kommerzieller Direktor der Sankt Petersburger Abteilung des staatlichen, russischen Fernsehsenders Perwy kanal tätig. Seit 2006 beschäftigt Starikow sich mit schriftstellerischen Tätigkeiten. Er ist der Autor von 13 Büchern über politische, gesellschaftliche und geschichtliche Themen. Ende 2015 erscheint sein erstes Buch in deutscher Sprache. Dies trägt den Namen Die Tragödie der Ukraine – Ein geopolitisches Tagebuch.

Foto: Sergey Leschina (Сергей Лещина), Moscow. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert. Bildausschnitt geändert: ADMIN H.S.

4. Texttafel: "Die Ukraine und die deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg - Imperiale Interessen damals wie heute." Grafik: Wolfgang Blaschka (WOB), München.