Gauck - der reuige Freiheitsapostel

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Peter Weber
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Gauck - der reuige Freiheitsapostel
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Gauck - der reuige Freiheitsapostel 
 
in den Fußstapfen Stéphane Hessels als Deutschlands erster Wutbürger - das ist doch mal eine Meldung wert!
 
Die Süddeutsche Zeitung hat am 15.11.2012 ein Führungstreffen der Wirtschaft in Berlin gemanagt, bei dem Bundespräsident Joachim Gauck der Hauptredner war. Diese Rede, die von der SZ vom 18.11.2012 als „Wutrede“ bezeichnet wurde, möchte ich wieder einmal zum Anlaß nehmen, um unsere personifizierte moralische Instanz kritisch unter die Lupe zu nehmen. 
 
Wenn man den Wortlaut der Rede Gaucks verfolgt, so könnte man glauben, daß er sich tatsächlich vom Saulus zum Paulus gewandelt habe. Dem größten Teil seiner Ausführungen kann man auch eine Berechtigung nicht absprechen. Es bleibt bei mir jedoch der Zweifel, ob die Postulate und moralischen Appelle Gaucks nicht nur pastorale Verlautbarungen mit Feigenblatt-Effekt sind. Denn der Schlüssigkeit seiner Argumente, die mit Aufrufen zur Verantwortungsübernahme vollgepfropft sind, ist insofern nicht trauen, weil sie vor der letzten Konsequenz scheut. Die Naivität Gaucks (oder ist es doch Berechnung) glaubt immer noch daran, daß man eine gerechte und solidarische Gesellschaft durch Appelle und nicht durch Systemwechsel erreichen könne und müsse.
 
Ich zitiere daher im Folgenden einige von Gaucks markigen Sprüchen, damit der Leser sich selbst eine Meinung bilden kann:
  • „Maßlosigkeit hat in diese Krise geführt. Nicht alles, was legal war, empfinden wir heute noch als legitim. Wir sehen: Überall dort, wo das vernünftige Maß nicht mehr Maßstab war, wo Freiräume überdehnt und missbraucht wurden - im Kreditwesen, bei Schattenbanken, im Immobiliensektor, aber auch bei öffentlichen Haushalten wie bei privater Verschuldung - überall dort hat die Krise nach uns und um sich gegriffen. Aus Verantwortungskrisen wurden Wirtschaftskrisen und Staatsschuldenkrisen, weil Ansprüche und Anstrengungen einander nicht mehr entsprachen.“
  • „Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten! Freies Unternehmertum braucht also Grenzen. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet ich, dessen Lebensthema die Überwindung von Grenzen ist, einmal ein Loblied der Grenze anstimmen würde. Auch ich gehörte eine Zeit lang zu jenen, die beim Stichwort Regulierung vor allem glaubten: Weniger ist mehr. Meine Grundeinstellung hat sich nicht verändert. Ich liebe die Freiheit. Ich bin nicht bereit, sie der Angst zu opfern. Auch in Krisenzeiten dürfen wir nicht glauben, zukunftsfähig zu werden, indem wir der Wirtschaft die Freiheit nehmen, die sie stark macht.“
  • „Verantwortlich handeln heißt jetzt: aus Freiheit ein Freund von Grenzen zu sein! Wenn sich einige wenige die Freiheit nehmen, für nichts Verantwortung zu tragen, zerstören sie die Voraussetzungen der Freiheit - die Voraussetzungen der Freiheit, die gerade die Wirtschaft braucht. Grenzenlosigkeit verschafft diesen wenigen vielleicht unerhörte Höhenflüge. Aber für viele andere schafft Grenzenlosigkeit keinen Lebensraum, sondern eine Wüste. Soll Leben gelingen, gehören Freiheit und Verantwortung zusammen.“
  • „Vieles ist angestoßen, aber der Wildwuchs im Finanzsektor ist bis heute nicht beseitigt. Grundsätzliche Veränderungen tun weiterhin not. Immerhin teilen Politik und Wirtschaft ein Grundverständnis: Der Finanzsektor muss dringend aufgeräumt werden!
  • „Bankenrettung kann im Einzelfall geboten sein, um Schaden nicht nur von der Bank, sondern von der Allgemeinheit abzuwenden. Aber vor allem müssen Banken wieder ihrer genuinen geschäftlichen Verantwortung gerecht werden und für die Konsequenzen ihres Handelns haften. Die derzeitige Gewissheit, im Notfall gerettet zu werden, verschiebt die Risikohaltung der Banken in einer Weise, die weder dem Markt entspricht noch den Wünschen der Steuerzahler."
  • „Es geht um Menschenwürde, Menschenrechte, um Respekt und das Miteinander der Verschiedenen. Es geht um Demokratie, ihre Bürger und alle denkbaren Formen der Verantwortung. Es geht um die Fundamente unserer Freiheit! Diese Werte dürfen wir nirgendwo abgeben - an keinem Fabriktor der Welt.“
  • „Man kann morgens um 5:00 Uhr für das neueste Gerät anstehen. Man kann aber auch einen ganzen Tag lang vor dem Laden gegen unmenschliche Arbeitsverträge protestieren. Wie lange greifen Europäer noch zur Jeans für zehn Euro, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde?“
  • „Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich. Lassen Sie uns nicht in überholten Antagonismen verharren. Anstand im Wirtschaftsleben ist wichtig, zugleich ist Gewinnstreben nicht unanständig. Gefährlich wird erst die blanke Gier, das Mehrenwollen um jeden Preis.“
  • „Zivilisierung der Gier aber schafft aufgeklärten Kapitalismus. Zu oft werden jene, die Verantwortung anmahnen, wenn sie nötig ist, kurzerhand in die Ecke der Träumer gestellt - so als gäbe es nur die Wahl zwischen egoistischem Unternehmertum und weltfremdem Altruismus." 
Man kann es fast nicht glauben: Der Streiter für Deregulierung  stimmt plötzlich für Regulierung und die Einführung von Grenzen! Aber Vorsicht – seine Grundeinstellung bleibt gleich, wie er selbst zugibt, er liebt die Freiheit nach wie vor und ist nicht bereit, sie der Angst zu opfern. Vor allem liegt ihm die Freiheit der Wirtschaft am Herzen, was er besonders betont.
 
Zivilisierung der Gier und verantwortlichen Kapitalismus betet er herbei. Seine Appelle an die Verantwortung in Richtung Finanzwirtschaft und Marktradikalismus lassen sicherlich die ideologischen und realen Fundamente des Systems erbeben! Ich sehe schon die Wirtschaftsbosse, Kapitaleigner und die hörigen Politiker vor Furcht aufgrund der kernigen Worte Gaucks erzittern. 
 
Natürlich darf auch nicht der Verbraucher in der Litanei des Predigers fehlen, dem die Leviten gelesen werden müssen.  Der mündige und informierte Konsument hat es selbst in der Hand, den Kapitalismus zu zügeln. Ich will nicht abstreiten, daß daran vieles zutrifft, aber aus dem Mund Gaucks klingt die Frohe Botschaft ein wenig unglaubwürdig.
 
Aber das beste aus der Mottenkiste habe ich Euch bis zuletzt aufgespart:
  • „Mein Wunsch ist zugleich eine Bitte: Das letzte Wort in der Krise dürfen wir nicht den Angstmachern überlassen, weder Zuhause noch in der Welt. Freiheit soll niemals die Freiheit sein, unsere Werte aufzugeben. Meine Damen und Herren, gerade Sie - in diesem Saal - können in diesen Tagen deutlich machen: Wir alle sind frei, aber niemand ist frei von Verantwortung.“
Der Freiheitsapostel hat gesprochen: Howgh! Hauptsache Werte und Freiheit hochhalten und Verantwortung tragen. Mehr ist nicht nötig – alles ganz einfach. Und die Krönung des Ganzen, die uns das Herz erwärmen soll und wie Wein die Kehle herunterläuft:
  • „Hier das Soziale, dort die Wirtschaft. Hier das warme Gute, dort der kalte Wettbewerb. Dieses Denken in falschen Alternativen müssen wir überwinden.“
Da kann ich nur noch sagen: Amen und Halleluja!
 
 
Peter A. Weber