Identität und Lebenszyklus (ERIK H. ERIKSON)

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Identität und Lebenszyklus (ERIK H. ERIKSON)
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Identität und Lebenszyklus - Drei Aufsätze


Autor: Erik H. Erikson

Verlag: suhrkamp taschenbuch wissenschaft

ISBN: 978-3-518-27616-7


Erikson folgt — immer im Kontext der empirischen Wissenschaften — dem Menschen von seinen frühkindlichen Verhaltensweisen bis hin zu den Phasen des Erwachsenseins. Er erweitert die psychoanalytische Betrachtungsweise um die Erforschung der Ich-Identität, deren Ausprägung von historisch-gesellschaftlichen Veränderungen abhängt.


Rezension von Mag phil. Gerald Hutterer (Wien):

Das Buch enthält drei Aufsätze Erksons:

  1. Ich-Entwicklung und geschichtlicher Wandel,
  2. Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit und
  3. Das Problem der Ich-Identität. Alle drei sind eng mit Eriksons Hauptwerk "Kindheit und Gesellschaft" verbunden und greifen dort dargestellte Themen erneut auf.

"Ich-Entwicklung und geschichtlicher Wandel" enthält in erster Linie klinische Notizen und Quellmaterial zu "Kindheit und Gesellschaft". Hier wird das Thema der persönlichen Identität in Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld (ethnischer Zugehörigkeit, Kultur und Klassenzugehörigkeit, Zugehörigkeit zu Gruppen) entfaltet. Und hier wird auch der bio-psycho-soziale Zirkel, von dem Erikson so oft spricht, an zahlreichen Beispielen erhellt: Was für den Körper der Schmerz ist, ist für das Ich die Angst und für die Gruppe die Panik. Schmerz, Angst und Panik sind Warnsignale, "sie warnen vor körperlicher Dysfunktion, Schädigung der Ichentwicklung und Verlust der Gruppenidentiät".

Für die meisten wird aber wohl der mittlere dieser drei Aufätze am interessantesten sein. Er enthält eine kompakte Darstellung jenes Stufenmodells der psychosozialen Entwicklung, das heutzutage zum Standardlehrstoff in den pädagogischen und psychologischen Ausbildungsprogrammen gehört. Die Grundidee von Erikson ist es, dass es acht biologische Reifungsstufen gibt, die mit psychosozialen und psychosexuellen Entwicklungsaufgaben verbunden sind. Diese Entwicklungsaufgaben treten als Konflikte auf und müssen im Sinne einer "gesunden" Entwicklung bewältigt werden. Es lohnt durchaus den Originaltext Eriksons an Stelle der zahlreichen Sekundärliteratur zu lesen. Erikson warnt hier nämlich ausdrücklich davor, die Stufen als einfache "Reifunsskalen" zu interpretieren. Es gehe eher um Gleichgewichtszustände als um lebenslängliche "Errungenschaften". Dennoch gibt es hier natürlich ein Ideal der psychosozialen Entwicklung, das Erikson mit den Begriffen "Genitalität", "Generativität" und "Integrität" beschreibt.

Während der mittlere Aufsatz alle Stufen in vertikaler Darstellung präsentiert, nimmt der dritte Aufsatz nun eine horizontale Perspektive ein und beschäftigt sich mit einer dieser Stufen im Detail, nämlich mit Stufe V, der Adoleszenz mit dem Konflikt "Identität versus Identitätsdiffusion". Hier werden Themen wie Zeitperspektive, Rollenexperimente, Leistungsfähigkeit bzw. Arbeitslähmung, sexuelle Identität oder Idealbildung diskutiert. Auf diese Thematik der "Identitätsdiffusion" geht auch Otto Kernberg in seinen Arbeiten über Borderline Störungen immer wieder ein. Für ihn ist die Identitätsdiffusion, wie sie Erikson beschrieben hat, ein Kardinalsymptom der Borderline-Störung.

Doch oft ist es nicht einfach zu entscheiden, was "Störung" und was "Non-Konformismus oder alternativer Lebensstil" ist. Man hat die Ich-Psychologen, zu denen auch Erikson zählt, vielfach dafür gescholten, dass sie das subversive, das kultur- und gesellschaftskritische Potential der Psychoanalyse zugunsten einer Anerkennung im medizinischen Establishment geopfert hätten. Insbesondere die zur Flucht aus Europa gezwungene Analytikergeneration hätte im Exil zu übertriebenen Konformismus und Anpassung geneigt. Tatsächlich ist Eriksons Werk nicht frei von solchen Tendenzen. Der American Way of Life wird in diesen Aufsätzen immer wieder glorifiziert, die Identifikation mit ihm als notwendig für eine gesunde Entwicklung beschrieben, die Übernahme der amerikanischen Ideologie samt ihren religiösen Traditionen befürwortet.

Aber ganz scheint die Flucht in den Konformismus (zum Glück) nicht gelungen. Die Non-Konformisten interessieren Erikson sein ganzes Leben lang: Luther, Gandhi und im vorliegenden Buch G.B. Shaw. Das muss nicht überraschen. Dass sich Erikson für Fragen der Identität, ihrer Diffusion und ihrer Integration ein Leben lang interessiert, ist schließlich mit seiner eigenen Biographie aufs engste verwoben.


Infos über Erik H. Erikson bitte hier lesen und Vorab-Infos zu seinem berümten Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung

Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Eriksonhier bitte weiterlesen .
Lebensphasen im vollständigen Lebenszyklus nach Erik H. Erikson - hier bitte weiterlesen PDF