Jeder Mystiker ist für Anarchie empfänglich.

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Wilhelm Klingholz
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Beigetreten: 07.09.2013 - 12:33
Jeder Mystiker ist für Anarchie empfänglich.
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Jeder Mystiker ist für Anarchie empfänglich.


“Jeder Mystiker ist für Anarchie empfänglich.”, schreibt Paul Valéry. Wenn wir Anarchie mit Herrschaftslosigkeit übersetzen, wird klar, warum das so ist. “Ich will nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden.”, finden wir in einem Gedicht von John Henry Mackay. Es ist das Ich, das herrschen will. Auch bei Mackay ist es immer noch das Ich, das in diesem Fall nicht herrschen und nicht beherrscht werden will. In dem Moment, wo die Sache mit der Anarchie politisch wird, begegnen wir dem Ego. Auf der anderen Seite zeigt sich bei einem Mystiker immer etwas Anarchisches, einfach weil da niemand ist, der die Idee hat, herrschen zu können oder das Beherrscht-Werden vermeiden zu können.

 


So eine Aussage ist natürlich leicht misszuverstehen etwa in dem Sinn, dass Mystiker nicht herrschen bzw. nicht beherrscht werden könnten. Ich denke gerade an die beiden Aspekte: Jesus am Kreuz und sein Satz: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt.” Der erste Aspekt zeigt überdeutlich die “Kreatur” und ihre Abhängigkeit von der “Welt”, der zweite Aspekt ist ein Hinweis darauf, dass da niemand ist, dem dies geschieht. Und mit “niemand” ist hier eben nicht die Kreatur gemeint, sondern die Abwesenheit einer eigenständigen vom Ganzen getrennten Entität.

Sprachlich ist das ziemlich schwierig in Worte zu bringen und führt oft zu Sätzen wie: “Da ist Hunger, aber niemand, der ihn hat.” Kein Wunder, dass das immer wieder zu Missverständnissen führt. Eines der häufigsten Missverständnisse ist in diesem Zusammenhang die Sache mit der Selbstlosigkeit. Gemeint ist damit ein gesellschaftlich hoch anerkanntes “nicht-egoistisches” Verhalten. Gesehen wird dies meist als das besonders liebevolle Verhalten eines Menschen und mit dem “Menschen” ist dann doch wieder ein Selbst gemeint. Ein selbstloses Selbst gewissermaßen. Aber für den Mystiker ist da kein Selbst, wie das Buddha mit dem Begriff Anatta (Nicht-Selbst) deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Dieses Nicht-Selbst ist völlig eigenschaftslos und hat nicht etwa so etwas wie einen guten Charakter. Es hat einfach gar nichts. Meister Eckhart schreibt: “Wer sagte, dass Gott gut sei, der täte ihm ebenso unrecht, als wer die Sonne schwarz hieße.” Dasselbe gilt für das Nicht-Selbst. Insofern kann über den Charakter eines Mystikers, und damit ist jetzt die Kreatur gemeint, keinerlei Aussage gemacht werden.

Damit will ich nicht sagen, dass das Bewusstsein über die Abwesenheit eines Selbst nicht “Folgen” haben kann auch für das Verhalten der Kreatur. Umgekehrt hat ja auch der Glaube an die Existenz eines Selbst Folgen. Darüber, was die “Folgen” dieses Glaubens bzw. des Fehlens dieses Glaubens sein können, kann jedoch keine allgemeingültige Aussage gemacht werden.

Wilhelm K.
 



Quelle:  mein Blog satyamnitya > Artikel