Natürliche Wirtschaftsordnung. Moralische Auswirkungen

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Natürliche Wirtschaftsordnung. Moralische Auswirkungen
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Natürliche Wirtschaftsordnung

Moralische Auswirkungen

THEORIE DER NATÜRLICHEN WIRTSCHAFTSORDNUNG


von Dr. Ernst Winkler (1952)


Wenn wir von moralischen Auswirkungen der Natürlichen Wirtschaftsordnung reden, so kann damit offenkundig nicht eine bloße Änderung der äußeren Verhältnisse gemeint sein. Es kann sich nur um eine innere Änderung im Wesen des Menschen handeln, sei es auf unmittelbarem Weg oder auf dem Umweg über die geänderten äußeren Verhältnisse. Aber für eine so verstandene Wirkung tiefer gehender und nachhaltiger Art erscheinen die Aussichten aufgrund psychologischer Auswirkungen und tausendjähriger geschichtlicher Erfahrungen, z. B. an der Geschichte des Christentums, sehr gering. In der Tat meinen wir eine grundlegende Veränderung weder der äußeren Verhältnisse noch des inneren Menschen, sondern der Moral selbst, also der moralischen Begriffe, Vorstellungen und Grundsätze; eine Veränderung, die sich freilich in entschiedener Weise auch auf die Gestaltung der äußeren Verhältnisse auswirkt.

Das Wesen dieser moralischen Veränderung haben wir bereits im Zusammenhang der politischen Auswirkungen ausgesprochen, nämlich die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Gemeinnutz und Eigennutz. Damit hat die gegenwärtige Form der Moral ihre Gültigkeit verloren, gleichgültig ob sie in der derben Form des politischen Schlagwortes formuliert wird: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ oder in der vertieften Form des Kant´schen kategorischen Imperativ: „Handle stets so, dass du wünschen könntest, dass die Maxime deines Handelns zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung erhoben werde!“

Betrachten wir uns die gegenwärtige Moral etwas genauer, so erkennen wir, dass es sich um eine doppelte oder sogar eine dreifache Moral handelt. Die in den Staatsgesetzen und in der öffentlichen Meinung verankerte Moral soll verhindern, dass der Einzelmensch in eigennütziger Weise gegen den Nutzen seiner Mitmenschen und damit gegen den Gemeinnutzen verstößt, z. B. durch Diebstahl und Betrug. Aber sie erreicht diesen Zweck nur in einem verhältnismäßig kleinen Teilbereich der menschlichen Gesellschaft, nämlich nur für die Menschengruppe der wirtschaftlich Schwachen, also der Arbeitenden. Der wirtschaftlich Starke, also der Kapitalist, hat ja die moralisch verwerflichen, d. h. durch die Gesetze verbotenen und durch die öffentliche Meinung verfemten Mittel nicht nötig zur Verwirklichung des Eigennutzes mit Schädigung der Mitmenschen und des Gemeinwohles und zwar im allergrößten und praktisch uneingeschränkten Ausmaß.

Neben dieser offenkundig doppelten Moral gibt es aber noch eine dritte, von den wenigsten Menschen durchschaute Seite, bedingt durch das heimlich schlechte Gewissen der Vertreter und Nutznießer dieser verlogenen Moral. Hier handelt es sich freilich nicht um die Großkapitalisten, die ja ihr Gewissen, wenn sie je eines besaßen, längst abgetötet haben, sondern um die breite Schicht der bürgerlichen Bevölkerung, die Arbeiter und Rentner zugleich sind, z. B. Rentner des in eine kostspielige Berufsausbildung investierten Kapitals. Sie vertreten die kapitalistisch verzerrte Moral, die ihre wirtschaftlichen Vorteile gegenüber den völlig mittellosen, ausgebeuteten, arbeitenden oder arbeitslosen Bevölkerungsschichten sichert. Aber sie haben dabei das dunkle Gefühl, auch wenn sie es sich nicht offen eingestehen wollen und können, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Daher versuchen sie ihr krankes Gewissen durch ein anständiges bürgerliches Leben zu beschwichtigen oder, falls das noch nicht ausreicht, durch kirchliche Frömmigkeit, persönliche Mildtätigkeit, Unterstützung sozialer Hilfsmaßnahmen oder Eintreten für soziale Reformen, sofern diese nur nicht soweit gehen, ihre eigenen, wohlerworbenen und moralisch sanktionierten wirtschaftlichen Vorrechte zu gefährden. Den Gegensatz zwischen Gemeinnutz und Eigennutz halten sie für eine zwar betrübliche, aber selbstverständliche und unabänderliche Tatsache. Freilich können sie sich der in ethischer oder religiöser Einkleidung an sie herantretenden Einsicht nicht verschließen, dass sie der moralischen Forderung „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ ständig zuwiderhandeln und dass ihr wirtschaftliches Verhalten nur deshalb möglich und für sie vorteilhaft ist, weil sie das verbriefte Vorrecht der sozial gehobenen Schichten auf Kosten der unteren Gesellschaftsschichten ist. Aber sie beruhigen ihr Gewissen durch die nicht zu bestreitende Feststellung, dass es keinen oder fast keinen Menschen gibt, der gewillt und fähig ist, in seinem wirklichen Verhalten dem Gemeinnutzen auf Kosten des Eigennutzen zu dienen. Die Tatsache aber, dass alle Menschen Sünder sind, befreit den Einzelmenschen weitgehend vom Stachel des Gewissens und kann nötigenfalls als eine Kollektiverscheinung auch durch geeignete religiöse Kollektivmaßnahmen zwar nicht beseitigt, aber immerhin gemildert und verdeckt werden.

Die wenigen Menschen, in denen der Wille und die Fähigkeit zur inneren Ehrlichkeit durch diese Moral noch nicht gestört wurde, wissen, dass der Egoismus, also das Streben nach dem Eigennutzen (Der Begriff „Eigennutz“ ist sorgfältig vom Begriff „Selbstsucht“ zu unterscheiden!) als Ausmaß des Selbsterhaltungstriebes eine natürliche und naturgewollte Tatsache und als solche für das Leben ebenso zweckmäßig wie notwendig ist. Eine Moral, die diese Tatsache offen oder versteckt, theoretisch oder praktisch verkennt, verdeckt, bestreitet oder bekämpft, ist deshalb in sich unwahr. Sie zwingt die Menschen dazu, entweder zu lügen, nämlich bewusst oder unbewusst andere oder sich selbst zu belügen, oder aber gegen diese Moral und damit gegen die Moral überhaupt sich aufzulehnen, sei es äußerlich oder innerlich, offen oder heimlich, ehrlich oder unehrlich, bewusst oder unbewusst. Nur wenige Menschen haben es im Lauf der Menschheitsgeschichte ernstlich versucht, diese Moral für ihr persönliches Leben zu verwirklichen, freilich kaum mit der zur nötigen Selbstaufgabe und Selbstvernichtung führenden Konsequenz, sondern nur mit dem Ergebnis, dass die schmerzliche Erkenntnis ihrer „Sündhaftigkeit“ immer heftiger und verzweiflungsvoller wurde und sie sich durch  den aussichtslosen Kampf gegen die natürlichen Triebe auch tatsächlich immer tiefer in wirkliche „Sünde“, nämlich in unnatürliche und widernatürliche Verirrungen verstrickten.

Der schleichende und fressende Schaden dieser verlogenen Moral artet in die akute Form einer Katastrophe aus, wenn sie im Dienst einer politischen, sozialen oder religiösen Gemeinschaft missbraucht wird. Der Egoismus des Einzelnen soll zum Wohl der Gemeinschaft unterdrückt werden, aber er findet nur eine willkommene Gelegenheit, sich unter der Maske der Gemeinschaftsidee im ehrlichen oder nur vorgeblichen Eintreten für diese ohne moralische Hemmungen auszuleben. Je länger und je stärker er unter dem Druck eines äußeren Zwanges oder einer inneren „moralischen“ Forderung zugunsten einer machtpolitischen Gemeinschaft niedergehalten und aufgestaut wurde, desto heftiger, sinnloser und entarteter ist die Form seiner Entladung, wenn ihm endlich unter dem moralischen Deckmantel der Gemeinschaftsidee ein Ventil geöffnet wird. Die Geschichte der Völker und Parteien, der religiösen Bewegungen und Sekten, die Geschichte der Glaubens- und Parteikämpfe, innenpolitischen Maßnahmen und militärischen Kriege bis in die Gegenwart hinein ist übervoll von Beispielen für diese psychologisch so verständliche und menschlich so beschämende Tatsache.

Der geschilderten, innerlich so verlogenen Moral mit all ihren, hier nur kurz angedeuteten schädlichen Auswirkungen stellen wir nun die natürliche und sinnvolle Ordnung entgegen, welche die Natürliche Wirtschaftsordnung nicht nur für die wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander darstellt, sondern auch für den Aufbau der Gesellschaft und darüber hinaus jeder menschlichen Gemeinschaft nahe legt. Die Grundlage jeder menschlichen Beziehung, also auch jeder menschlichen Gemeinschaft, ist der Leistungsaustausch im weitesten Sinn des Wortes. Jeder Mensch ist mit seinen wirtschaftlichen und kulturellen, mit seinen körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen auf die Hilfe und Ergänzung durch die Mitmenschen angewiesen und erhält sie auch als Gegenleistung für die Hilfe und Ergänzung, die er selbst den anderen gewährt. Der Leistungsaustausch geschieht ganz allgemein ebenso wie im Sonderfall des wirtschaftlichen Warentausches auf der Grundlage des freien Wettbewerbes nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage und ist stets für beide Teilnehmer vorteilhaft. Es gilt hier im Wesentlichen dasselbe Gesetz wie für den (direkten) Warentausch: für jeden der beiden Teilnehmer hat die beim Austausch empfangene Leistung den gleichen objektiven, aber einen höheren subjektiven Wert wie die dafür gegebene Gegenleistung. Der Egoismus, also das Streben nach Eigennutz, ist also moralisch nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten; denn der Gemeinnutz kann nur in dieser Weise durch Erfüllung des Eigennutzes gesichert werden und umgekehrt. Moralisch verwerflich, gesellschaftlich verfemt, gesetzlich verboten und mit Strafe bedroht aber ist die Selbstsucht, die den Eigennutzen auf Kosten des Gemeinnutzes mit Umgehung des Leistungsaustausches zu verwirklichen strebt, z. B. durch Diebstahl und Betrug nicht nur in dem üblicherweise verstandenen kleinen Maßstab, sondern auch im großzügigen Maßstab unserer gegenwärtigen kapitalistischen Geldwirtschaft und staatlichen Weltordnung. Aber auch die Selbstlosigkeit, d. h. der Verzicht auf Leistungsaustausch zugunsten des Gemeinwohles oder richtiger gesagt: der Verzicht auf eine handgreifliche Gegenleistung für die gebotene eigene Leistung wird den moralischen Heiligenschein verlieren; denn man wird erkennen, dass die meisten und vielleicht sogar alle selbstlosen Handlungen in Wahrheit nur die Befriedigung eines feineren, also edleren und darum wertvolleren Egoismus bezwecken.
 



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