Solidarität

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Solidarität
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Solidarität

Teil 1 – eigene Ansichten zum Thema


1. Definition

Bevor man damit beginnt, sich über Solidarität auszulassen, muß zunächst einmal geklärt werden, was Solidarität eigentlich darstellt. Wie bei allen großen ethischen Schlagworten stößt man jedoch auf erhebliche Interpretationsunterschiede, denn letztlich sind Worte nur Symbole für etwas und sind es nicht – oft werden sie nur als Fetisch mißbraucht.

Hier zunächst die Definition bei Wikipedia: „Solidarität (abgeleitet vom lateinischen solidus für gediegen, echt oder fest; Adjektiv: solidarisch) bezeichnet eine, zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und Unterstützung von – Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Sie drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus (vgl. auch Solidargemeinschaft). Gelegentlich wird unterschieden zwischen:

  • Solidarität der Gesinnung (Einheitsbewusstsein),
  • Solidarität des Handelns (gegenseitige Hilfsbereitschaft) und Interessen-Solidarität (die durch Interessengleichheit in einer bestimmten Situation wirksam ist und nach dem Erreichen des gemeinsamen Zieles endet).

Hier möchte ich aus meiner Sicht ergänzen:

  • Solidarität als Verständnis einer Liebe zu sich, der Menschheit und der Schöpfung, die niemals endet. Wer könnte die Zukunftsoption der Menschheit besser repräsentieren und eine profundere Motivationsbasis für solidarisches Verhalten bieten als gerade unsere Kinder? Sie sind rücksichtsloser Gewalt und menschenunwürdiger Behandlung schutzlos ausgeliefert und besonders auf einen solidarischen Beistand der Erwachsenenwelt angewiesen.

Solidarität impliziert ein Prinzip der Mitmenschlichkeit; sie konstituiert sich „aus freien Stücken“ (Karl Otto Hondrich / Claudia Koch-Arzberger, Solidarität in der modernen Gesellschaft, 1992).“

Eine andere Definition habe ich bei Anton Rauscher gefunden: „wechselseitige Verbundenheit von mehreren bzw. vielen Menschen, und zwar so, daß sie aufeinander angewiesen sind und ihre Ziele nur im Zusammenwirken erreichen können.“

Allerdings sehe ich in diesem Kontext noch ein weiteres Feld, das nicht von der Begrifflichkeit der Solidarität zu trennen ist, nämlich dasjenige vom Erhalt unserer Lebensbasis, die die Erde, die Natur und eine intakte Ökologie bildet. Eigentümlicherweise oder bezeichnenderweise vergessen die meisten Kommentatoren, die über die Solidarität philosophieren, diesen Aspekt. Meistens reduzieren sich ihre Betrachtungsweisen sogar nur auf rechtliche oder geschichtliche Abhandlungen und übersehen geflissentlich die zwischenmenschlichen Dimensionen der Solidarität.


2. Einleitung

Dieser Essay sollte ursprünglich aufbauen auf dem Buch „Solidarität in der modernen Gesellschaft“ von Karl Otto Hondrich und Claudia Koch-Arzberger. Ich gebe zwar zu, daß ich mir ein paar Anleihen daraus genommen habe, aber letztlich habe ich doch eine eigene Herangehensweise an dieses Thema gefunden – vor allem auch deshalb, weil ich mit einigen Grundaussagen dieses Buches nicht übereinstimme und einige Gesichtspunkte, die mir wichtig sind, nicht berücksichtigt wurden. Mit dem bei Wikipedia angeführten Kriterium „aus freien Stücken“ von Hondrich / Koch-Arzberger kann ich mich anfreunden, nicht jedoch mit den folgenden Grundaussagen dieser Autoren:

„Unter den verbindenden Beziehungen ist sie (die Solidarität, Anm. d. Verf.) die unverbindlichste, unter den starken sozialen Kräften die schwächste“.

Dieser Satz geht mir total gegen den Strich! Den Grund meiner Einstellung werde ich im Verlaufe des Essays erläutern. Wichtig ist es für mich, in der Einleitung darauf hinzuweisen, daß Solidarität nicht ohne Begriffe wie Sozialismus, Kommunismus, Christentum, Menschenwürde oder Humanismus und auch nicht ohne Denker wie z. B. Baruch de Spinoza, Karl Marx, Sigmund Freud oder Erich Fromm gesehen werden kann. Auf das Bibelzitat „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist in diesem Kontext ebenfalls nicht zu verzichten – aber dazu werde ich im folgenden Text noch einiges anführen.

Des weiteren behaupten die Autoren: „Mit einer Verlustanzeige ist die Frage nach Solidarität in der modernen Gesellschaft nicht zu beantworten. Im Gegenteil: Solidarität dringt zunehmend auch in diejenigen Beziehungen in und zwischen Gesellschaften ein, die man gewohnterweise als Macht- oder Marktverhältnisse, aber auch als Liebe, Brüderlichkeit, Hilfe für die Schwachen bezeichnet.“ (S. 114) Den Autoren muß man fairerweise zugute halten, daß sie dieses Werk bereits 1992 geschrieben haben, aber schon zu dieser Zeit war abzusehen, wie der gesellschaftliche Wert von Solidarität zu bröckeln begann. Deshalb ist für mich die These eines Anwachsens von solidarischem Verhalten in der modernen Gesellschaft unverständlich – solche Aussagen können eigentlich nur aus einer Parallelwelt entstammen.

In der heutigen Realität ist demgegenüber leider zu beobachten, daß die Gesellschaftsstrukturen einschließlich der Familienstrukturen langsam auseinander brechen. Bindungslosigkeit und besinnungslose Beschäftigung mit sich selbst machen sich breit, die von der herrschenden neoliberalen Ideologie noch angeheizt werden. Es wird ein falsch verstandenes Verständnis von Gleichheit und Verantwortung in die Welt gesetzt, das auf sozialdarwinistischen Grundsätzen aufgebaut ist und den Schwerpunkt auf reines Leistungsdenken und rücksichtslose Konkurrenz legt. Solidarität wird damit zum Fremdwort.

Trotzdem scheint sich eine Sehnsucht nach alten geordneten Verhältnissen Bahn zu greifen, die die Gefahr der Verklärung und Romantisierung vergangenheitsbezogener, autoritärer und überholter Werte in sich birgt. Wir müssen uns verinnerlichen, daß eine Rückkehr zu – realistisch gesehen – irreversiblen Zuständen ein Märchen darstellt. So sei auch die Frage gestattet, ob nicht die bürgerlichen Familienstrukturen der letzten 150 Jahre nur ein kurzlebiges Phänomen verkörpern, das weder in der Geschichte die Regel war und auch nicht auf alle heutigen Kulturen zu übertragen ist, nicht eines besser funktionierenden Ersatzes bedürfen? Deshalb sollte heute die Suche nach auf aktueller Basis effektiven angemessenen solidarischen Lösungsansätzen im Vordergrund stehen.

3.    Solidarität zu sich selbst

Solidarität zu sich selbst zu üben, heißt nichts Anderes als sich selbst – mit allen Stärken, Neigungen, Schwächen und Fehlern - zu akzeptieren und sich auf diese Weise selbst zu lieben, zu achten und sich selbst zu stehen. Dabei erweist sich die Einsicht in die negativen Aspekte seines Selbst und des Charakters als treibende Kraft zur Besserung, was sich wiederum als selbstverstärkenden Effekt auswirkt.

Selbstliebe ist dabei nicht mit Selbstsucht, Egoismus und Narzißmus zu verwechseln. Die  nichttheologische und nichttheistische Vorstellung des Humanismus von Solidarität deckt sich aber mit der biblischen Forderung „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“. Diesen Tatbestand kann man nicht oft genug wiederholen! Für Zweifler greife ich immer gerne auf Erich Fromms Werk "Die Kunst des Liebens" zurück, der die richtigen Fragen und Antworten dazu gegeben hat:

„Hier erheben sich folgende Fragen: Bestätigen psychologische Beobachtungen die These, daß zwischen der Liebe zu sich selbst und der Liebe zu anderen ein grundsätzlicher Widerspruch besteht? Ist Liebe zu sich selbst das gleiche Phänomen wie Selbstsucht, oder sind Selbstliebe und Selbstsucht Gegensätze?

Ferner: Ist die Selbstsucht des modernen Menschen tatsächlich ein liebevolles Interesse an sich selbst als einem Individuum mit allen seinen intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Möglichkeiten? Ist „er“, der moderne Mensch, nicht vielmehr zu einem Anhängsel an seine sozio-ökonomische Rolle geworden? Ist seine Selbstsucht wirklich dasselbe wie Selbstliebe, oder ist die Selbstsucht nicht geradezu die Folge davon, daß es ihm an Selbstliebe fehlt?“

„Selbstsucht und Selbstliebe sind keineswegs identisch, sondern in Wirklichkeit Gegensätze.

Es stimmt zwar, daß selbstsüchtige Menschen unfähig sind, andere zu lieben, aber sind auch nicht fähig, sich selbst zu lieben.“

„Wenn wir annehmen, daß die Liebe zu uns selbst und zu anderen grundsätzlich miteinander zusammenhängen, wie ist dann die Selbstsucht zu erklären, die doch offensichtlich jedes echte Interesse an anderen ausschließt? Der Selbstsüchtige interessiert sich nur für sich selbst, er will alles für sich, er hat keine Freude am Geben, sondern nur am Nehmen. Die Außenwelt interessiert ihn nur insofern, als er etwas für sich herausholen kann. Die Bedürfnisse anderer interessieren ihn nicht, und er hat keine Achtung vor der Würde und Integrität. Er kann nur sich selbst sehen; einen jeden und alles beurteilt er nur nach dem Nutzen, den er davon hat. Er ist grundsätzlich unfähig zu lieben.“

Die Liebe zu sich selbst ist also identisch mit Selbstsolidarität und damit auch die Voraussetzung dafür, Solidarität zu anderen zu üben.

4. Solidarität zu den Mitmenschen auf individueller Basis

Liebe und Selbstliebe habe ich an dieser Stelle in den Punkten 3 und 4 aus Gründen der Übersichtlichkeit zwar zwei Unterthemen gewidmet, aber trotzdem bedingen sie sich selbst und sind nicht zu trennen. Meinen Erörterungen voranstellen möchte ich die Unterteilung der Arten der Liebe lt. Erich Fromm in seinem berühmten Buch „Die Kunst des Liebens“:

Für ihn besteht der Grundsatz, daß Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz betrachtet werden muß. Dabei ist die fundamentalste Art von Liebe die Nächstenliebe. Fromm differenziert die Arten der Liebe wie folgt:

  • Nächstenliebe
  • Selbstliebe
  • erotische Liebe
  • Liebe zwischen Eltern und Kind
  • spezielle Aspekte der mütterlichen Liebe
  • Liebe zu Gott

Wenn einige Autoren die Begriffe Liebe und Solidarität nicht als sinngleich bezeichnen, so kann man eine echte Diskussionsgrundlage nur herstellen, wenn man sich  klar macht, wie man Liebe sehen will: im engeren oder weiteren Sinne, als reines Verliebtsein, in einem subjektiv bewerteten Bezugsrahmen, der Partner, Kinder, Eltern, Freunde etc. evaluiert oder sie im christlich-humanistischen Betrachtungskontext als eine übergeordnete Größe positioniert.

Überdies besitzt die deutsche Sprache zur Differenzierung des Wortes „Liebe“ zu wenig Ausdrucksmöglichkeiten – da fallen mir nur noch Zuneigung oder Hinwendung ein. Darin liegt auch eine der Ursachen, daß unser Vorstellungsvermögen von Liebe oder anderen metaphysischen Begriffen nur bruchstückhaft und rudimentär ausgebildet ist: wenn uns die sprachlichen Mittel fehlen, dann ist auch meist die Kompetenz der kognitiven Wahrnehmung unterbelichtet. Ich zitiere nochmals Erich Fromm aus dem o. a. Werk:
„Liebe ist grundsätzlich unteilbar; man kann die Liebe zu anderen Liebes-„Objekten“ nicht von der Liebe zum eigenen Selbst trennen. Echte Liebe ist Ausdruck inneren Produktivseins und impliziert Fürsorge, Achtung, Verantwortungsgefühl und „Erkenntnis“. Sie ist kein „Affekt“ in dem Sinn, daß ein anderer auf uns einwirkt, sondern sie ist ein tätiges Bestreben, das Wachstum und das Glück der geliebten Person zu fördern. Dieses Streben aber wurzelt in unserer eigenen Liebesfähigkeit.“

In diesem Zusammenhang wäre es zu ausufernd, alle Blickwinkel der Liebe zu differenzieren – nur noch ein einziger sie genannt: die sehr verbreitete Anschauungsweise der Liebe als Besitzanspruch und egoistisches Machtmittel, was bezogen auf die Solidarität ein Irrweg verkörpert. Dieses (Miß-) Verständnis der Liebe im Sinne des Habens hat Erich Fromm in seinem Werk „Haben oder Sein“ ausführlich beschrieben.


5. Solidarität zur Menschheit

Die Basis und der Gradmesser für eine Auffassung von Solidarität in einem übergeordneten Rahmen ausgedehnt auf die gesamte Menschheit ist das Ausmaß der persönlichen Betroffenheit. Niemand ist in der Lage, diese Zusammenhänge treffender zu beschreiben wie Erich Fromm (Auszüge aus: „Jenseits der Illusionen“):

„[…] Aber wie kann ich den andern sehen, wenn ich ganz mit mir selbst angefüllt bin? Das ist der Fall, wenn ich mit meinem eigenen Image, mit meiner Gier oder auch mit meiner Angst ganz ausgefüllt bin. Es bedeutet dagegen nicht, daß ich „ich selber“ bin. In Wirklichkeit muß ich ich selber sein, wenn ich den andern sehen will.“

„[…] Solange ich die eigene Identität nicht fest begründet habe, solange ich noch nicht ganz aus dem Mutterschoß, von der Familie, von den Bindungen an Rasse und Nation losgekommen bin – anders gesagt, solange ich noch nicht ganz zu einem Individuum, zu einem freien Menschen geworden bin – kann  ich dieses Individuum nicht von mir werfen und auf diese Weise erfahren, daß ich nichts bin als ein Wassertropfen auf dem Kamm einer Welle, als eine eigene Einheit für den Bruchteil einer Sekunde.“

„[…] Was für die Psychologie gilt, gilt auch für die Soziologie. Wenn ich nicht wirklich von der Gesellschaft betroffen werde, dann haben die Gedanken, die ich mir über die Gesellschaft mache, keinen Brennpunkt; dann ist es nichts weiter als ein blindes Tasten, selbst wenn sich diese Blindheit hinter einer Sammlung von „Daten“ und eindrucksvollen Statistiken verbirgt. Wenn mir der Mensch selbst am Herzen liegt – und das Betroffensein vom einzelnen kann nicht vom Betroffensein von der Gesellschaft, an der ich Anteil habe, getrennt werden – dann bin ich auch vom Leiden betroffen, das durch die Gesellschaft verursacht wurde, und von dem Wunsch, das Leiden zu verringern, um dem Menschen auf diese Weise zu helfen, ganz Mensch zu werden. Wenn man vom Menschen selbst betroffen ist, dann stellen sich einem unweigerlich die Fragen: Wie kann der Mensch frei werden? Wie kann er zu dem werden, was er potenziell ist?“

Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Toleranz sind unverzichtbare und unverhandelbare Grundsätze zur Verwirklichung von Solidarität. Die humanistische Grundordnung sowie die conditio humana bauen auf dem Fundament der Menschenwürde auf, das von der Gleichheit aller Menschen ausgeht, die von Äußerlichkeiten nicht getrübt werden dürfen. Dieser Anspruch beinhaltet das Anrecht auf ein bedingungsloses Existenzminimum einschließlich moderatem Wohnraum/Grundeigentum. Dazu noch mehr in den folgenden Ausführungen.

Der Lebens- und Leidensweg des polnisch-jüdischen Kinderarztes, Schriftstellers und Pädagogen Janusz Korczak (eigentlich: Henryk Goldszmit),  einer der grössten Humanisten des letzten Jahrhunderts, und seiner 200 Waisenkinder im Warschauer Ghetto, darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Ein Mensch, der die ihm anvertrauten Kinder selbst in schwierigster Zeit zu Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Toleranz erzieht. Er lebte 30 Jahre lang inmitten von Kindern den Traum von einer gerechteren Welt. Am 6. August 1942 wurde sein Leben zur Legende, als ihn die SS zwang, »seine« Kinder hinter der Fahne mit dem Davidstern zum Zug nach Treblinka zu führen. Korczak verzichtete darauf, sein eigenes Leben zu retten, und starb gemeinsam mit ihnen – Liebe und Solidarität bis in den Tod.

Janusz Korczak  

Abbildung von ubuntu - Kulturinitiative von SOS-Kinderdorf / Salzburg

Die Solidarität in Katastrophenfällen wird in unseren Breitengraden zwar groß geschrieben, aber nur wenn das Katastrophen-Ereignis entsprechend medientauglich aufgearbeitet ist und ausgereichend als Sensation verkauft wurde. Es fließen dann kurzfristig Hilfsgelder aus Spenden, die von privaten Organisationen verteilt werden oder aus staatlichen Hilfsprogrammen stammen. Ob und wie die Mittel bei den Notleidenden ankommen, ist allerdings ungewiß – und der Schleier des Vergessens ist schnell ausgebreitet. All die Millionen von Menschen, die in ihrer Not nicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erreichen, sind ihrem Schicksal sowieso ausgeliefert, ohne daß wenigstens eine Krokodilsträne gerollt ist.


6. Solidarität zur Schöpfung

Die Natur einschließlich Pflanzen und Tieren als integrativer Bestandteil der Schöpfungseinheit ist als Lebengrundlage von jedem zu achten und zu wahren. Wer dagegen verstößt, macht sich eines Vergehens gegen existenzielle solidarische Grundgesetze schuldig. Der Mensch besitzt zwar aufgrund seines Status als Inhaber eines Verstandes und eines (ausgeprägten ?) Bewußtseins eine Vorrangstellung in der uns bekannten Schöpfung, die ihn allerdings nicht zu Herrschaftsansprüchen berechtigt.

Ökologie und Natur in einem säkularen Verständnis zu heiligen und zu schützen ist ebenfalls ein sozialer Akt der Solidarität, denn wir sitzen in einem Boot. Beschädigung der Ökologie bedeutet nichts Anderes als Sabotage dieses Bootes. Bildlich dargestellt: Wie würden wir mit jemandem umgehen, der vor unseren Augen ein Loch in den Schiffsboden des Schiffes hinein bohrt, in dem wir uns mit einer Gruppe Menschen auf hoher See befinden?

Die Erde ist unsere Heimat – nationale Grenzen sind rein willkürlich gezogen und bilden gerade heute im Zeitalter der Globalisierung keine wirklichen Barrieren mehr. Für physikalische, meteorologische und geophysische Phänomene hat es eh niemals Abgrenzungen gegeben. Nationen und Wirtschaftsmächte und die entsprechenden Entscheidungsträger sowie die ökonomisch-finanziellen Profiteure, die sich anmaßen, unser aller Luft, Wasser oder Erde zu vergiften und zu verwüsten, gehören zu den kriminellsten Elementen, die ich mir vorstellen kann. Wer unser Allgemeingut, das uns – genau genommen – noch nicht einmal gehört, sondern  nur zur Obhut und Verwendung übertragen und geliehen wurde, beschädigt und zerstört, dem muß Einhalt geboten und der Verantwortliche muß hart bestraft werden.

In der kapitalistischen Gesellschaft wird das Eigentumsrecht doch wie eine heilige Kuh gehandelt. Aber offensichtlich nur, wenn es um das Eigentum der ohnehin überreichlich Begüterten handelt – Allgemeingut wird hemmungslos geraubt, privatisiert oder beschädigt. Wenn es ein Verfahren gäbe, die Luft, die wir einatmen, zu kontrollieren, müßten wir auch dafür noch zahlen!


7. Solidarität als Handlungsalternative gegen Privilegierungstendenzen

Dieser Punkt nimmt vom vorherigen nahtlos den Faden auf. Die Anrechte auf Menschenrechte und Menschenwürde und deren Durchsetzung sind das grundlegende Instrument gegen den von einer kleinen aber mächtigen Elite vorangetriebene Privilegierung und Bereicherung.

Imperialismus, Feudalismus, fundamentalistische Missionierungen institutionalisierter Religionen, Kolonialismus und heutzutage Kapitalismus waren in der Geschichte schon immer die Werkzeuge im Dienste von Ausbeutung, Sklaverei, Unterdrückung, physischer und psychischer Folter und Mord. Die selbst ernannten Machtansprüche, die im Namen einer Religion, eines Gottes, einer Rasse oder Nation erhoben wurden und werden, repräsentieren die pure Verachtung von solidarischen Prinzipien. Diese sog. Eliten trampeln auf unseren Rechten herum, belügen uns und locken mit falschen Versprechungen, biedern sich an, verbiegen die Sprache und drehen uns die Worte im Munde herum, vergiften uns mit Alternativlosigkeiten und angeblichen Systemrelevanzen – als Gipfel der Dreistigkeit bezeichnen sie sich noch als unsere Interessenvertreter und behaupten, alles zum Wohle des Volkes zu tun.

Diejenigen, die sich als die sog. Leistungsträger fühlen, führen in Wirklichkeit ein parasitäres Leben in unsäglicher Hybris auf Kosten der Allgemeinheit. Weshalb sanktionieren wir nicht diese Überheblichen, die sich selbst zu Gott – oder besser ausgedrückt zum Götzen – erhoben haben, nicht mit aller Konsequenz? Haben wir vergessen, daß wir in der Mehrzahl sind?

8.  spezifische Bereiche der Solidarität

●   Arbeitnehmer_innen

Der traditionellste Sektor der Solidarität ist die Arbeit der Gewerkschaften und Interessenvertreter der abhängigen Arbeitnehmer. Die heutige alltägliche Realität ist leider der Umstand, daß viele der Gewerkschaften und deren Funktionäre gemeinsame Sache mit der Wirtschaft machen, beim Kampf gegen Arbeitslosigkeit keine Rücksicht auf Ethik und Ökologie nehmen und eine Interessenvertretung von Arbeitsplatzverlierern nicht mehr vorgesehen ist.

Der Alltag wird geprägt durch einen erbarmungslosen Kampf um Arbeitsplätze zum Vorteil für die Wirtschaft, durch Lohndrückerei und Mobbing. Der Staat beteiligt sich auch noch am Komplott gegen die eigene Bevölkerung und die abhängigen Arbeitnehmer, stärkt die Privilegien der Arbeitgeber und höhlt ständig in über hundert Jahren hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte aus. Das Deprimierende daran ist, daß die demokratische Gewaltenteilung nicht mehr funktionsfähig ist und die Justiz dieses traurige Spiel mitspielt und legalisiert.

Die Fremdbestimmung der Arbeitnehmer, die Einbehaltung des Mehrwerts durch die Wirtschaft und die Funktionsweise des Kapitalismus haben uns Marx und Engels bereits derart präzise analysiert, daß ihre Beschreibung auch heute noch aktuell ist. Die Folge ist, daß Arbeitnehmer zunehmend gegeneinander ausgespielt und erpreßt werden. Das böse Spiel wird auf den Ebenen Arbeitslose vs. Arbeitsplatzinhaber, Zeitarbeiter vs. Festangestellte und Teilzeitarbeiter vs. Vollzeitbeschäftigte abgewickelt. Die Wirtschaft diktiert die Regeln nicht nur für Arbeitnehmer sondern auch für Exekutive und Legislative. Gewinner und Verlierer dieses ungleichen Spiels stehen von vorneherein fest!

Eine praktische Folge: So trägt z. B.  jeder Arbeitnehmer, der sich erpressen läßt, dazu bei, daß das Lohnniveau weiter sinkt und der Druck an die Arbeitslosen weiter gegeben wird sowie das Niveau des Arbeitslosen- bzw. ALG II – Entgeltes unter Beschuß gerät. Sinkt dieses, oder wird es nicht oder nur weniger als die Inflationsrate erhöht und/oder die Repressionen gegen Arbeitslose werden gesteigert,  verstärkt sich wieder der Trend zu sinkenden Arbeitsentgelten – eine Teufelsspirale, die nur durch Solidarität unterbrochen werden könnte.

●    Andersdenkende allgemein

Man könnte meinen, es handelt sich sozusagen um eine menschliche Tradition, Andersdenkende, die sich nicht der Meinungshoheit anschließen, zu mobben. Die Arten der individuellen und gesellschaftlichen Sanktionen sind sehr vielfältig und speziell, und auch die Bühnen des Ausschlusses und der Verachtung bieten eine weit gefächerte Auswahl: Religion und Philosophie, Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, Bildung und Erziehung, Mode, Hobbys etc. pp.

In der Historie sind als die bekanntesten und abschreckendsten Beispiele Hexenverfolgung, Inquisition und Holocaust zu nennen. Die auch heute noch am meisten und effektivsten funktionierenden Methoden der Meinungsunterdrückung sind Ideologien und Zensur. Politische, wirtschaftliche und religiöse Ideologien sind nach wie vor übermächtig und scheinen unausrottbar. Die Wahrheit wird mit allen Regeln der Kunst mißhandelt, denn die heutigen Praktiken und technischen Möglichkeiten setzen den Manipulationsmöglichkeiten fast keine Grenzen mehr.

Ich möchte jetzt nicht den Eindruck entstehen lassen, daß physischer Mißbrauch, Folter, Mord, Gewalt, Krieg oder Verfolgung aus der Mode gekommen wären. Der Mensch besitzt wohl die einmalige Gabe, seine kreativen Potenziale nicht zum Wohle sondern zum Schaden der Mitmenschen anzuwenden.

Da wir wie keine andere Generation vor uns über die Zugangsmöglichkeiten fast unbegrenzter Information verfügen, sollte es uns doch viel leichter als unseren Vorfahren fallen, unser Verhalten an Tatsachen statt an irrationalen Weltanschauungen auszurichten und somit der Solidarität zum Durchbruch zu verhelfen.

●   div. Religionsangehörige und Menschen mit anderen Hautfarben

Ein allseits beliebtes Feld zum Austoben von Intoleranz und Rassismus bietet sich an in Form von Angehörigen anderer Religionen und Hautfarben. Die fundamentalistisch-religiösen Fanatiker – insbesondere bei den monotheistischen Religionen vertreten – haben sich schon seit Jahrtausenden, meist mit Unterstützung der weltlichen Herren,  gegen die Menschheit versündigt. Auch die christlichen Kreuzfahrer mit ihrem heiligen Krieg gegen den Islam sind noch nicht vergessen. Alle waren schon betroffen: die Juden natürlich, die Christen auf der einen, die Mohammedaner auf der anderen Seite, die Heiden hier und die sog. Gläubigen dort, die Schwarzen waren eher nicht auf der Gewinnerseite, dafür aber die weißen Rassisten von Südafrika über die USA und anderswo – genau wie die Indianer in Gesamtamerika, die von den Europäern sämtlicher Herkunft ausgerottet, versklavt oder unterdrückt wurden.

Wir leben alle unter einer Sonne, haben einen Ursprung – ob Adam + Eva oder wissenschaftlich-evolutionär in Afrika – und falls es einen Gott gibt, dann ist es mit Sicherheit ein einziger, der sich nur durch den Namen unterscheidet, den die Menschen ihm zugeteilt haben. Falls kein Gott existiert, ist unser aller Anfang in der Urzelle zu suchen – und außer durch unterschiedliche Hautpigmente gibt es keine genetischen Unterschiede zwischen den Menschenrassen. Was also um alles in der Welt treibt uns zu solch irrationalen Verhaltensweisen, unsere Brüder und Schwestern in Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse einsortieren, oder sie sogar schlechter als Tiere zu behandeln und uns als Herren und Richter über Leben und Tod aufzuspielen? Was bringt uns zu solchen Abscheulichkeiten wie zu rassistischem Bestreiten von Intelligenz und der Klassifizierung von Minderwertigkeit?

Wir bilden uns doch so viel auf unseren gesunden Menschenverstand ein, so daß wir wissen müßten, daß solche Diskriminierungen rational gesehen reiner Schwachsinn und wissenschaftlich nicht zu halten sind? Weshalb scheuen sich so viele Menschen anzuerkennen, daß sie als menschliches Wesen keinen Deut besser qualifiziert sind jeder andere und als logische Konsequenz nur eine solidarische Haltung die Rettung bringt?


●   Fremde anderer Nationen

Wenn es noch keine Nationalstaaten gäbe, dann müßte die herrschende Klasse sie erfinden. Faschismus, Nationalismus und Chauvinismus finden ihre ideale Brutstätte in den Nationalstaaten. Nachdem wir eine Phase von Euro-Euphorie und der internationalen Tendenz zu globalen Aufgabenverteilungen erlebt haben, drehen wir nun wieder das Rad zurück und zerstückeln uns global wieder in mehr Kleinstaaten, die dem egomanischen Irrtum unterliegen, sie könnten ihr Schicksal unabhängig und alleine bestimmen.

Die Menschen haben nichts aus der Geschichte gelernt und lassen sich nach wie vor mit einfachen Mitteln ködern: mit einfachen Lösungen und Versprechungen sowie tausendfacher Wiederholung von Lügen - gepaart mit ein wenig Feindbild. Unter Mithilfe von Medien, kundigen psychologisch geschulten Demagogen und Marketingstrategen sowie einem riesigen Propagandaetat lassen sich sogar die angeblich Intellektuellen einfangen und verdummen.

Wie gesagt: mit einem Feindbild beginnt es, mit autoritären Strukturen und einem starken Mann nimmt es seinen Lauf, eine irrationale Ideologie gehört natürlich auch in den Giftkessel, dazu noch ein bißchen Ehre-, Helden- und Vaterlandgetue und selbstverständlich die Indoktrination eines über andere Völker und Nationen überlegenen Rassegefühls gibt dann den Rest zu einem unverdaulichen Konglomerat. Auf diesem Stand der Volksverblödung hat die Führung das Volk vollkommen in der Hand und hat leichtes Spiel, es zu Krieg und Mord anstacheln.

Gott sei Dank sind wir noch ganz so weit, aber es wäre sicher ratsam, sich der eigenen jüngeren Geschichte  zu erinnern und dem Motto „Wehret den Anfängen“ zu folgen. Ein Bewußtsein der Solidarität wäre dabei äußerst hilfreich!


●   Ausländer und Emigranten

Wir leben in einer Zeit der Globalisierung, die Nachteile aber auch ihre Vorteile vorweisen kann. Die Vorteile sind ohne Zweifel die Gewißheit und Erfahrung, daß die Hindernisse bezüglich Informationsübermittlung, des interkontinentalen Menschenaustauschs, Verkehrs, Waren- und Finanzhandels sowie von Schadstoffen und Klimaveränderungen nicht existieren.

Die Wirtschaft hat dies, zumindest was den Arbeitnehmer- und Warenaustausch betrifft, begriffen. Allerdings sollten wir uns keinerlei falschen Hoffnungen hingeben, denn die Motivation ist nicht die von Menschenfreunden sondern die von Geschäftemachern. Notgedrungen werden deshalb Ausländer und Emigranten geduldet, falls es sich um Experten, Akademiker, Fachkräfte und Sportler handelt. Diese genießen aber auch nur eine Duldung, solange sie für uns oder die Wirtschaft nützlich sind. Alle anderen sind unerwünscht und gelten  als Eindringlinge und Schmarotzer, ganz gleich aus welchem Grunde sie ihre Heimat verlassen haben oder gezwungen waren, sie zu verlassen.

Die Tatsache, daß Menschen bei uns Zuschlupf, Arbeit oder Asyl suchen, ist meistens in den Folgen von Krieg, Verfolgung, ökologischen Mißständen und unfairem Handels- und Wirtschaftsgebaren der reichen Länder zu suchen. Auch dürfte nicht unbekannt sein, daß die westlichen Staaten und andere Machtblöcke keine Rücksicht auf Menschenrechte nehmen und selbst Diktaturen oder feudalistische Systeme wirtschaftlich und militärisch unterstützen, wenn ihnen das machtpolitisch oder wirtschaftlich nützt und in den Kram paßt. Das bedeutet nichts Anderes, als daß wir – d. h. vor allem die westlichen Industrieländer – mitverantwortlich für die Not und Auswanderung dieser Menschen sind. Man sollte daher annehmen, daß sie bei uns auf Mitgefühl und Betroffenheit stoßen würden und ihnen jegliche Hilfe von Herzen zufliegen würde. Aber weit gefehlt, wir verschließen uns meist den Nöten dieser Menschen, grenzen sie aus oder schieben sie wieder ab. Wir haben noch nicht einmal den Mumm, unsere Regierungen für ihre Missetaten in dieser Hinsicht abzuwählen und abzustrafen.

Es ist ein Skandal, daß selbst die offizielle EU-Politik sich von den Gedanken des Kolonialismus und Antihumanismus leiten läßt. Das betrifft zum einen die Asylpolitik der einzelnen Länder bzw. die entsprechenden EU-Vorschriften – und zum anderen die menschenverachtende Praxis in den EU-Mittelmeerstaaten, die mit Hilfe der radikalen Polizeitruppe Frontex eine regelrechte Hatz auf Flüchtlinge betreiben. Von einer Flüchtlingssolidarität im Mittelmeerraum, die sich die reiche EU ohne Weiteres leisten könnte, ist nicht die Spur zu entdecken.

Selbst Deutsche mit sog. Migrationshintergrund sind nicht von Vorurteilen und Nachteilen verschont. Die deutsche Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte hat größtenteils versagt. Man sollte sich einmal fragen, ab wie vielen Jahren oder Generationen man als Einheimischer zählt. Die Kindeskinder der hiergebliebenen römischen Soldaten von vor zweitausend Jahren sind wohl schon integriert, aber  die in den letzten Jahrzehnten eingewanderten Italiener noch nicht ganz. Die Polen des 19. Jahrhunderts, die im Ruhrgebiet Arbeit gesucht haben, haben es  - bis auf ihre Namen – auch fast geschafft, aber ihre Landleute aus dem heutigen Polen haben da noch eine Wegstrecke vor sich. Den Türken vergißt man das Vordringen bis Wien am Ende des 17. Jahrhunderts wahrscheinlich nie. Wenn man auch noch die völkervermischenden Bewegungen der Völkerwanderung im 4. bis 6. Jahrhundert berücksichtigt, dann müßte die Einsicht doch nicht weit sein, daß wir eigentlich so gut wie alle Ausländer sind. Zumindest wenn wir als Touristikweltmeister in aller Herren Länder einfallen, sind de facto dort ausnahmslos Ausländer.

Wo bleibt das aus der multikulturellen Realität abgeleitete Verständnis der Menschheit als Einheit und die humanistische Toleranz einer sog. Kulturnation? Goethe und die Humboldts würden sich im Grabe herumdrehen, wenn sie unser heutiges Benehmen mitverfolgen könnten.


●   Frauen und Kinder

Die Menschheit besteht zu 50 % aus Frauen und zu einem weitaus überwiegenden Anteil aus Kindern und Jugendlichen. Trotzdem sind gerade diese Gruppierungen weltweit am meisten benachteiligt. Und dies angesichts der Tatsache, daß Frauen diejenigen sind, die die Kinder zur Welt bringen und sich damit um den Nachwuchs der Menschheit verdient machen. Wer dankt ihnen dafür? Die Kinder, die unser aller Zukunft bedeuten, müssen in vielen Ländern hungern, werden mißbraucht und leiden Not. Hierzulande werden Kinder, soweit überhaupt noch erwünscht, vor allem als Garanten für eine ökonomische Nutzung wertgeschätzt. Lärm, Widerspenstigkeit und Eigenheiten werden aber nicht so gerne in Kauf genommen, so daß man ihnen ihre Unarten sofort austreibt und sie zu kleinen Erwachsenen verzieht.

Sicher ist zuzugestehen, daß bei uns die Gleichberechtigung der Frau durch die feministischen Bestrebungen der letzten 150 Jahre Fortschritte gemacht hat. Aber nach wie vor werden Frauen in vielen Branchen bei gleicher Arbeitsverrichtung immer noch nicht wie Männer bezahlt und in Führungspositionen sind sie auch wesentlich unterrepräsentiert. Die Chauvis unter den Männern sind zum Glück auf dem Rückzug, aber das Patriarchat hat sich doch noch nicht auf allen Feldern geschlagen gegeben. Manchmal sind die Frauen es auch selbst schuld, wenn sie sich zu leicht als Haushaltshilfe ausnutzen lassen oder sich anpassen – insbesondere wenn sich damit ein luxuriöses Leben erkaufen. In diesem Falle kann man sogar von Prostitution sprechen.
Jedenfalls hat die heile Welt der Solidarität zwischen Männern und Frauen noch nicht ihren vollen Durchbruch erzielen können. Vielleicht liegt es auch an der Unterschiedlichkeit der beiden Geschlechter.

 

●   Alte, Kranke und Behinderte

Diese Bevölkerungsgruppe hat es in einer profit- und nutzenorientierten Gesellschaft besonders schwer. In früheren Zeiten, als Menschen z. B. im Nationalsozialismus ebenfalls nur nach Gebrauchswert – Männer als williges Fallobst für den Krieg und Frauen als Gebärmaschinen -  klassifiziert wurden, und Alte, Kranke oder Behinderte höchstens noch für Experimente taugten, nannte man das Euthanasie.

Heute darf man die Folgen, die neoliberalen Praktiken oder der Sozialstaatsabbau nach sich ziehen, natürlich nicht als Euthanasie bezeichnen, obwohl das angestrebte Endergebnis, was selbstverständlich abgestritten wird, nicht weit davon entfernt ist. Im Startseitenthema des KN „Abfall- und Müllproblematik“ bin ich auf Zygmunt Bauman und seine Interpretation des „Menschen als Abfall“ eingegangen. Ich wiederhole einen Auszug aus dem dortigen Text:

Durch den Zerfall der Familienstrukturen mindert sich auch die Bereitschaft, im Kleinen Verantwortung für andere zu übernehmen und im Großen einen Sozialstaat einzufordern. Und die Armen erscheinen nicht mehr als (potentielle) Arbeitskräfte oder bedürftige Menschen, denen man Hilfe zukommen lassen sollte, sondern als gescheiterte Verbraucher, als nicht brauchbare Güter. Da sie in einer solchen Gesellschaft völlig nutzlos sind, sind sie menschlicher Abfall, für den im Zeichen der Deregulierung niemand Verantwortung zu übernehmen hat.

"Ökonomischer Fortschritt bedeutet letztlich die Fähigkeit, Dinge, die man früher hergestellt hat, nun mit weniger finanziellem Aufwand und weniger Arbeitskraft herzustellen. So steigt unsere Effektivität. Sobald man das tut, werden Menschen arbeitslos. Denn sie verharren in Tätigkeiten, die weniger effektiv und weniger profitabel sind. Sie können ihren Lebensunterhalt nicht mehr auf ihre traditionelle Art verdienen. Auf diese Weise produzieren wir überflüssige Menschen, menschlichen Abfall", sagt Bauman.

Es ist wohl nicht abzustreiten, daß Alte, Kranken und Behinderte in unserer Gesellschaft nicht zu den Favoriten gehören und sie zunehmend aus unserem Leben und der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Wir sollten aber nicht vergessen, daß die meisten von uns einmal krank werden und wir alle, sofern wir nicht vorzeitig abtreten, das Schicksal der Ergreisung erleiden werden. Im Bereich der Sozialleistungen und Betreuung wird bei diesen Personenkreisen zunehmend eingespart, was zur Folge hat, daß die Einrichtungen immer mehr ökonomisiert und entmenschlicht werden. Auch die Versorgung mit Medikamenten und Krankenhausversorgung wird ständig abgespeckt, so daß sich ein Zwei- oder sogar Dreiklassen-Gesundheitsystem herausbildet.

In modernen Zeiten ist man – zumindest in Europa – kein Aussätziger mit Lepra mehr, aber die Angehörigen dieser Bevölkerungsschichten und zusätzlich die Arbeitslosen, Erwerbsunfähigen sowie die Mitglieder der Unterschicht oder neudeutsch Prekariat „gewinnen“ in unseren neoliberal geprägten Gesellschaften immer mehr den Status von Aussätzigen.


●   div. Randgruppen

Es existieren eine Menge von Randgruppen. Geläufig sind solche wie die Zigeuner, Homosexuellen, Juden oder die Parias. Darüber hinaus gibt es ethnische und sprachliche Minderheiten oder Gruppen, die nicht der jeweiligen gesellschaftlichen Norm entsprechen. Das Kennzeichnende an Randgruppen ist ja gerade der Umstand, daß sie sich außerhalb der gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungshaltung befinden und somit bei den konformen Bürgern bezüglich dieser Gruppen und  dazugehörigen Einzelpersonen eine verständnisvolle und wohlwollende Einsicht fehlt.

Wer es gewohnt ist, sich angepaßt keinen Mehrheitsmeinungen oder –Verhalten entgegen zu stellen, dem mangelt es an Einfühlungsvermögen in Menschen mit anderen Gepflogenheiten. Das heißt auch, daß seine Vorstellungskraft nicht ausreicht, sich eine Situation zu vergegenwärtigen, daß er ebenfalls ein Mitglied einer Randgruppe sein könnte, falls er in ein solches Umfeld hineingeboren wäre oder sich durch eigenen Antrieb und Widerstand dort hinein begeben hätte. Dieses egozentrische und unflexible Denken führt zu Intoleranz und Aversionen.

Aus einer solchen Konstellation heraus neigt die angepaßte Mehrheit dazu, nicht nur Randgruppen zu diskriminieren, sondern sie auch noch als Sündenbock abzustempeln für die Verfehlungen von anderen gesellschaftlichen Gruppen, von denen jedoch abgelenkt werden soll. Falls sich derartige Projektionen in Exzesse steigern, dann sprechen wir von Progromen oder vom Holocaust.


9. Solidarität als Mittel der Instrumentalisierung

Schon seit Tausenden von Jahren enthält die Standardtaktik der Herrschenden die Variante des divide et impera (lat. -  teile und herrsche). Diese Strategie ist die effizienteste Art und Weise der Spaltung des Volkes, um einzelne oder Gruppen gegeneinander auszuspielen, ihre gemeinsamen Interessen zu vernebeln und ihre Solidarität zu zerstören, um sie damit von ihrem eigentlichen Feind – den Potentaten und seiner Clique – abzubringen. Diese Taktik (als Beispiel die Sau, die jede Woche durchs Dorf gejagt wird) gehört auch heute noch zu den beliebtesten und verbreitetsten Methoden, um dem Wahlvolk Sand in die Augen zu streuen und es von der Erkenntnis des Wesentlichen abzuhalten. Hier sind einige Exempel aus dem Repertoire unserer Interessenverleugner aufgeführt:

  • Anstacheln des Generationenkonflikts jung gegen alt
  • Aufhetzen des Mittelstandes mit bescheidenem Vermögen gegen Besitzlose und weniger Begüterte, um ihre gemeinsamen Interessenlage zu kaschieren: Ausspielen des Arm-Reich-Gegensatzes
  • hierzu gehört auch das Anzündeln des Neidfaktors, das ebenfalls an die niederen Instinkte der Habenorientierung appelliert
  • Entfachung von Konkurrenzsituationen, damit die Betroffenen sich veranlaßt sehen, rücksichtslos die Ellbogen zu benutzen und nach unten wegzutreten, um sich lästige Mitbewerber vom Halse zu schaffen
  • Arbeitsplatzinhaber gegen Arbeitslose und deren Transferleistungen aufzubringen
  • Schaffung von Sündenböcken, um die eigene Unfähigkeit, Korruptheit oder Lobbyismus zu verdecken
  • Schüren von Angst und Schaffung von Bedrohungspotenzialen, um den Menschen den klaren Blick zu versperren
  • Aufbau von nationalistischen Motivationen, um die Unzufriedenheit des einzelnen hinsichtlich sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Gegebenheiten umzuwandeln in ein konstruiertes Selbstbewußtsein in der Form chauvinistischer Überlegenheit

Wie man sieht sind die Mittel der Instrumentalisierung des Wahlviehs nicht gerade spärlich, wovon reichlich Gebrauch gemacht wird. Damit möchte ich nicht darauf wetten, daß meine Liste bereits komplett ist.


10. Solidarität als Medium zur gesellschaftlichen Veränderung

Bei der Bewertung von Solidarität mit dem Ziel der gesellschaftlichen Veränderung muß man zwangsläufig zwischen negativen Veränderungen – also beabsichtigter Ramponage der gesellschaftlichen Solidarität – und Schaffung neuer solidarischer Bindungen unterscheiden:

Unterminierung der Solidarität

Als Beispiel für die Sabotage der gesellschaftlichen Solidariät können folgende Konstellationen gelten:

  • sämtliche Maßnahmen des Sozialstaats-Demontage
  • z. B. die aktuelle Klage des Landes Bayern gegen die solidarische Verfahrensweise beim Länder-Finanzausgleich – Bayern hat selbst lange Jahre Ausgleichszahlungen erhalten – nun, wo Bayern sich in einer privilegierten Stellung befindet, will es sich zumindest teilweise der Zahlung und der Solidarität entledigen
  • neoliberales Verständnis von Leistungsgerechtigkeit, das leistungsloses oder nicht leistungsadäquates Einkommen und Vermögen produziert – siehe Aggressives Einkommen Punkt D a. gem. Egon W. Kreutzer
  • neoliberales Verständnis von Mitverantwortung, das Gleichheit impliziert und vorspiegelt, so daß jeder die gleiche Ausgangsbasis und Chance habe – was aber auf das Motto „hilf dir selbst oder verrecke“ hinausläuft
  • systematischer Abbau von Arbeitnehmerrechten
  • einseitige unternehmens- und vermögensfreundliche Steuergesetzgebung
  • vermehrte Steuer- und Abgabebelastungen bei Gebühren und Verbrauchssteuern
  • Privatisierung von Gemeineigentum und Einrichtungen der öffentlichen Grundversorgung
  • Privatisierung und Ökonomisierung von Bildungseinrichtungen
  • Privatisierung des Gesundheitssystems
  • Privatisierung des Rentensystems bei gleichzeitiger Zerstörung des solidarischen gesetzlichen Umlagesystems
  • Umbau von gesetzlichen sozialen Anspruchsleistungen auf freiwillige Leistungen von reichen Spendern, privaten Stiftungen und Einrichtung von pseudosozialen Organisationen wie der Tafel (Hilfsbedürftige werden zu Bettlern umfunktioniert)
  • Installation der Agenda 2010
  • Reichensteuer

Wenn Politiker – insbesondere von seiten der CDU/CSU/FDP eine Reichensteuer bzw. eine andersartige Abgabe, eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine Erhöhung  der Erbschaftssteuer oder des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer ablehnen, dann beweisen sie damit ihre bürgerfeindliche lobbyistenfreundliche Haltung.

Vor einigen Monaten erklärten sich ca. 50 reiche Bundesbürger bereit, aus ihrem Privatvermögen einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Entlastung der Allgemeinheit beizutragen. In einem „Appell für eine Vermögensabgabe“ plädierten sie für eine stärkere Besteuerung Wohlhabender. Wörtlich sagte z. B. Eva Stilz, Erbin und Mitunterzeichnerin der Initiative: „Wir möchten so Solidarität mit unseren Mitbürgern zeigen“. Aus der Ecke der Bundesregierung war zu diesem Vorhaben vollständige Funkstille zu vermelden. Als billiges Feigenblatt operiert die Regierung mit dem Gedanken, „steuerliche Entlastungen der unteren und mittleren Einkommensbereiche“ vorzunehmen.

Da bleibt mir nur noch die bescheidene Frage, was denn nun steuerliche Entlastungen von Geringverdienern bringen sollen, die eh kaum Einkommenssteuer zahlen? Wenn überhaupt würden sich derartige Entlastungen nur in den mittleren bis oberen Einkommensgruppen auszahlen. Und dort erhebt sich wiederum meine naive Frage, aus welcher Quelle denn die dann dort entstehenden Steuerausfälle ausgeglichen werden sollen, wenn nicht durch Mehreinnahmen aus den Reihen der Klasse der Vermögenden bis Superreichen mit Hilfe der Erhöhung des Höchstsatzes der Einkommenssteuer auf den Stand während der Kohl-Regierung, einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer, einer Einführung einer Finanztransaktionsteuer, die den Namen auch verdient, einer Kapitalertragssteuer, die nicht unter dem Niveau der Einkommensteuer für Normalverdiener angesiedelt ist usw.

Aber Ihr dürft dreimal raten, wie der Lösungsansatz für die Finanzierung dieser Wohltaten aussehen wird, der sicherlich schon in den Schublade unserer Regierungs-Menschenfreunde liegt: In einer Mehrwertsteuer-Anhebung, die wiederum einseitig die wenig Begüterten treffen würde.

Was sagt uns dieses Verhalten, wo doch jede Regierung und selbst der letzte Hinterbänkler, die/der tatsächlich die Interessen der Bevölkerung vertreten würde, diese Initiative der reichen Mitbürger als Steilvorlage zur gerechteren Gestaltung der Steuergesetzgebung betrachtet hätte? Selbst der einfältigste muß doch annehmen, daß diesen „Volksvertretern“, die diese Chance nicht wahrnehmen, das Volk schnuppe ist und am A …. vorbei geht!

Der Oberlobbyist Karl Heinz Däke, seines Zeichens Präsident des Bundes der Steuerzahler, reiht sich in die Reihen unserer pseudodemokratischen Regierung ein und lehnt angemessene solidarische Beiträge der Besserverdiener, Großgrundbesitzer und Kapitaleigner ab. Seine Empfehlung in diesem Zusammenhang könnte als Rohrkrepierer der Woche durchgehen: „Sie (die Vermögenden) können spenden, Stiftungen gründen“!!!

Aufbau von solidarischer Gesinnung und Aktivität

Hier nun einige Beispiele möglicher solidarischer Maßnahmen:
 

  • Ausbau und Festigung des solidarischen Rentensystems
  • Ausbau und Festigung eines solidarischen Gesundheitssystems
  • neue solidarische und gerechte Eigentumsordnung und Eigentumsverteilung
  • Ächtung und Umbau des kapitalistischen Zinssystems, das verantwortlich ist für progressives und hemmungsloses Auseinanderdriften von Arm und Reich
  • Einführung eines gerechten und solidarischen Steuer- und Abgabesystems
  • Anerkennung des Anspruches eines jeden Menschen bedingt durch Geburt auf eine angemessene finanzielle Existenzgrundlage einschließlich Wohngrundstück ohne Vorbedingungen (mögliches Procedere und Finanzierung ist bei Egon W. Kreutzer nachzulesen)
  • Herstellung von relativer Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz sowie einer solidarischen Leistungsgerechtigkeit mit auskömmlichem Arbeitsentgelt
  • Herstellung von ausgewogenen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, wobei berücksichtigt wird, daß der Arbeitnehmer keine Kartoffel ist, die feilgeboten wird
  • Verzicht auf Privatisierungen – außer in berechtigten Ausnahmefällen
  • Praktizierung einer fairen nationalen und globalen Wirtschafts-, Handels- und Finanzpolitik
  • massive Unterstützung von Einrichtungen privater oder öffentlicher Art, die der Förderung von Solidarität dienen

Das Zinssystem, die Eigentumsfrage und die Steuer-/Abgabengerechtigkeit sind unverzichtbare Ansatzpunkte allerersten Ranges zum Ausbau von Solidarität. Wenn man einen Systemwandel in diesen Bereichen zum Wohle  der Allgemeinheit nicht in einen Zusammenhang mit Solidarität bringt, dann frage ich mich, in welchem Kontext denn sonst?


11. Epilog

Wer behauptet, daß Solidarität unter den sozialen Kräften die schwächste sei, den muß man fragen, ob er damit den Istzustand in dieser Gesellschaft bzw. der Welt meint – womit er größtenteils recht hat – oder den Wunschzustand eines humanistischen Miteinander unter dem Aspekt der Selbst- und Nächstenliebe.

Ich bin der festen Überzeugung, daß Solidarität sogar die stärkste ethische Kraft verkörpert – sowohl in der direkten Kommunikation mit persönlich bekannten Personen als auch in der Form eines Mitgefühls für die gesamte Menschheit. Es liegt in der Natur des Menschen begründet, daß er sich nach Verstehen, Harmonie und Geborgenheit sehnt, aber durch seine ebenfalls in seiner Natur angelegte Widersprüchlichkeit neigt er zu Fehlverhalten und läßt sich leicht zu Irrwegen verleiten und manipulieren, die dieses Ziel verfehlen oder sogar das genaue Gegenteil davon erreichen.

Nur wer begreift, daß der Mensch als Individuum die gesamte Menschheit repräsentiert, wird verstehen, was ich damit meine. Wer nicht der Menschheit die gleiche Solidarität und Zuneigung entgegen bringt wie sich selber oder seiner Familie, der befindet sich auf einer regressiven Entwicklungsebene und zeigt noch erheblichen Nachholbedarf an Menschlichkeit. Das ist nämlich das einzige – außer Bewußtsein und Seele – was den Menschen von der Tierwelt unterscheidet.

Für ein Umsteuern des Systems ist zunächst ein Sinneswandel erforderlich, der zukunftsbezogene Mitverantwortlichkeit jedes einzelnen verlangt. Selbstzerstörerisches, egomanisches Denken und Handeln muß der Vergangenheit angehören. Es ist offensichtlich, daß dieser Prozeß eine Generationenfrage darstellt. Aber jede Verzögerung des Beginnens zieht die Vollendung unnötig in die Länge.

Der Umfang der praktizierten Solidarität ist insofern das wichtigste Kriterium, um die Qualität des Menschseins und die diesbezügliche Entwicklungsstufe sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft einzustufen. Denn im Menschsein liegt der eigentliche Sinn des Lebens begründet:

Ich bin nicht nur ich, weil ich denke (analog René Descartes) – ich bin, weil ich Mensch bin und mich als Mensch verhalte.

Menschsein heißt, die eigenen kreativen Potenziale zu  erkennen, zu fördern und sich zum eigenen gedeihlichen Wachstum zu einem unabhängigen verantwortungsbewußten Menschen zu entwickeln. Die sich dadurch entfaltende Schaffenskraft sollte zum Wohle der Mitmenschen als auch in globaler Sicht zugunsten des Erhalts und Schutz der Natur, deren integrierter und unzertrennbarer Bestandteil wir sind, eingesetzt werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals auf Meister Eckhart verweisen, der ein christlicher Mystiker des frühen Mittelalters war und nach Erich Fromms und meinem Verständnis eher als Nichttheist als ein Theist anzusehen ist. Meister Eckhart sah Gott nicht als ein gegenständliches Wesen an, sondern – ganz im Begriffsverständnis des Buddhismus – als „Etwas“ an, das nicht zu beschreiben, zu benennen, zu begreifen und zu verstehen ist. Und nun kommt der springende Punkt, der den Konnex zur Solidarität herstellt: „Gott“ kann man nicht in Wesen, Form oder Charakter erkennen sondern nur aus dem Blickwinkel seines Wirkens (wie es auch im AT der Bibel ständig zum Ausdruck gebracht wird) wahrnehmen, das sich in den Taten der Menschen widerspiegelt. Auch diese Einstellung findet sich im Buddhismus wieder.

Wie schon im Alten Testament geschrieben steht, wird der  Mensch so sein wie Gott (dies hat mit Allmächtigkeitsphantasien nichts zu tun), wenn er sein Wirken und seine Taten am Prinzip der (humanistischen) Menschlichkeit orientiert. Wenn  man die übertragene symbolhafte Botschaft begreifen will, dann muß man noch nicht einmal an Gott glauben, braucht man keiner Religion anzuhängen und kann getrost auch Atheist sein.

Hinter diesem Verständnis sind die Beweggründe versteckt für ein solidarisches Miteinander, bei dem keinerlei Anlaß mehr für Neid, Haß, Feindschaft, Gewalt und Krieg besteht, wenn wir alle dieses Prinzip beherzigen. In diesem Sinne kann Solidarität nur von Mensch zu Mensch (vor-) gelebt werden. Die Voraussetzung dafür, daß überhaupt Solidarität entstehen kann, ist eine Einstellung, die nicht Trennendes sondern Verbindendes in den Vordergrund sämtlicher menschlichen Gedanken und Interaktionen stellt. Wer sich der Mühe der Nachprüfung unterzieht, wird feststellen, daß die Gemeinsamkeiten und verbindenden Elemente tatsächlich in der Überzahl sind.




Teil 2 - Solidarität in den Augen namhafter Autoren

Als Abschluß dieses Essays sollen noch einige namhafte Autoren zu Wort kommen, die unsere Ausführungen sinnvoll ergänzen:



A.    Solidarität und das Problem eines geschädigten Gemeinwesens

von Prof. Dr. Oskar Negt

Dieser Aufsatz liefert einen hervorragenden Beitrag zum Thema Solidarität. Deshalb stelle ich nachstehend einige längere Textauszüge ein. Es sollte allerdings beachtet werden, daß auch dieser Beitrag bereits von 2001 stammt und sich seitdem in Sachen Sozialstaatsabbau und Entsolidarisierung ein Dammbruch ergeben hat. Trotzdem kommt der Autor zu Schlußfolgerungen, die auch heute noch aussagekräftig sind. Den ungekürzten Aufsatz könnt Ihr hier als pdf anklicken und lesen

Zunächst verweist Negt auf die Bücher „Lernziel: Solidarität“ (1974) von Horst-Eberhard Richter sowie „Solidarität in der modernen Gesellschaft“ (1992) von Karl Otto Hondrich und Claudia Koch-Arzberger hin. Dann fährt er fort:

„Die Autoren deuten hier einen hoch komplexen Zusammenhang an, der die innere Struktur unserer Gesellschaft betrifft. Die Zeit hat sich, seit dieses Buch (Solidarität in der modernen Gesellschaft) entstanden ist, in vielen Aspekten des kulturellen Umfeldes verändert. Ich will deshalb die Solidaritätsprobleme auf dem Hintergrund dieser Strukturveränderungen der Gesellschaft innerhalb der neunziger Jahre analysieren und einen Zugang wählen, der den Blick öffnet für die Blockierungen von Solidarprozessen, die gewaltig angewachsen sind. Meine Fragestellungen sind im Bezugsfeld der Spannungen von Globalisierung und Industrialisierung angesiedelt.

In einer ersten Annäherung möchte ich die Zusammenhänge erläutern, ohne die wir heute nur eine „verblasene“ und blasse Dimension von dem hätten, was Solidarität sein kann. Der Begriff Solidarisierung, der so sehr strapaziert wird, eignet sich dabei zum Einstieg. Was wird nicht alles mit welchen Folgen globalisiert – es grenzt an magische Praktiken. Dabei ist Globalisierung mit den Kapitaltendenzen, ja der inneren Logik des Kapitals und des Marktes, strukturell verknüpft. Wenn man eine treffende Analyse sucht, eine Beschreibung der Tendenzen, die dem Kapitalismus eigentümlich sind, dann greife man zum Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Besser und klarer ist nie im 19. Jahrhundert gesagt worden, welche ungeheure revolutionäre Kraft dem Kapitalismus innewohnt. Er hat alte Mauern zerbrochen, alle überlieferten Verhältnisse aufgelöst, so daß die bare Zahlung übrig bleibt. Ist das nicht höchst aktuell?“


[...] „Fronten der Zivilisierung (um Gräfin Dönhoff zu folgen) sind zerbrochen: da ist zunächst eine eher merkwürdige Front der Zivilisierung. Im Nachkriegswesten hat man nämlich mehr, als die Unternehmergesellschaften zugeben wollten, das, was sich in den Ostblockländern als Sozialismus verstand, zur bedrohenden Alternative aufgewertet. Deshalb taucht in allen Diskussionen im Westen, die mit dem Sozialstaat zu tun haben – und zwar in allen Ländern, besonders stark aber in West-Deutschland – das Argument auf, der Westen sei nicht nur freier, sondern auch sozial gerechter. Für große Teile der demokratisch orientierten Linken stellt der Zusammenbruch dieser Spielart von Sozialismus kein Problem dar. Im Gegenteil, ich hatte schon früher damit gerechnet. Es war der Legitimationsprofit, den die Sowjetunion durch den Sieg über den Faschismus als Befreiungsstaat erworben hat, der den Zusammenbruch verzögert hat. Dieser Legitimationsvorrat ist endgültig aufgebraucht. Eine Abgrenzungsrealität ist damit zerbrochen. Der Kapitalismus hat es nicht mehr nötig, sich mit irgendwas zu vergleichen, ob falsch oder richtig. Er ist universell – wie schon im Kommunistischen Manifest beschrieben. Aber das ist nur die eine domestizierende Bindung, die beseitigt ist.

Der zweite Verlust ergibt sich daraus, daß sich das Verhältnis zwischen Staat und Kapital verändert hat. Die tendenzielle Aufweichung der national- und territorialstaatlichen Strukturen führt dazu, daß das Kapital immer stärkere internationale Verflechtungen eingehen kann, ohne durch irgendwelche Handelsbeschränkungen, Steuerverpflichtungen etc., also traditionelle Sanktionen, gehemmt und begrenzt zu sein. Wenn Daimler Chrysler einkauft, wenn Piëch Rolls Royce erwirbt und wieder verscherbelt, dann sind das wahrhaft internationale Vorgänge. Es ist letztlich billiger, Rolls Royce einzukaufen, als selber eine Luxusauto-Produktion zu entwickeln. Um Produktion und Arbeitsplätze geht es längst nicht mehr. Staat und Kapital haben ein ganz anderes Verhältnis zueinander als noch in den siebziger Jahren. Der Nationalstaat ist im Begriff, sich aufzulösen; mit guten Gründen: Niemand kann dem Nationalstaat des zwanzigsten Jahrhunderts nachtrauern. Dieses Jahrhundert war das blutigste der Geschichte. Hoch zivilisierte Nationen sind mit Millionen von Toten darin verwickelt.

[…] Wenn diese Entwicklung nicht durch eine Form der Ethik, durch Traditionen oder verantwortungsbewußte Selbstverpflichtungen kontrolliert wird, wird sie nur eine einzige  Norm anerkennen, nämlich Steigerung der Erträge. Shareholder-Value ist bereits zu einem alltäglich benutzten Begriff geworden.[...]“

„[...]Wenn Globalisierung damit verknüpft ist, daß die Menschen mehr und mehr von ihren Lebensstandorten und identifikationsfähigen Tätigkeitsfeldern entwurzelt werden, wenn sie also mit dem offenkundigen Selbstideal dieser in ihren Orientierungen verunsicherten Gesellschaft verbunden ist, den allseitig verfügbaren und flexiblen Menschen herzustellen, dann hat das zentrale Folgen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Es berührt die moderne conditio humana.[...]“


[...] „In wachsende Abhängigkeiten, die Mechanik barer Zahlung und die Ideologien des Geldes sind aber nicht nur individuelle Schicksale, sondern ist die Gesamtheit der Gesellschaft verwickelt. Während eigentlich Solidargemeinschaften, Genossenschaften, Produktionskooperativen, gemeinwirtschaftliche Unternehmen verschiedener Art, Formen also, die nicht direkt profitbezogen und marktverwicklelt sind und der Kapitalmacht dienen, an Bedeutung für die Identitätsbildung der Menschen gewinnen müssen, trägt Wirtschaft tatsächlich zur Identitätsbildung der Menschen nichts bei. Dabei ist sie auf einen gesunden Menschen angewiesen, der in den Arbeitsprozessen, z. B. dem Umgang mit Computern, funktionstüchtig ist. Gerade die Hochtechnologie setzt den nicht nur außen geleiteten Menschen voraus. Diese Technologie erfordert ein hohes Maß an Lernfähigkeit, sozusagen von innerer Lagerbildung, mit Vorräten an Denkweisen, an kreativem Vorstellungsvermögen, an Kritikfähigkeit.

Alles ist auch Voraussetzung für ein lebenslanges Lernen. Lebenslanges Lernen funktioniert in einer hochkomplexen Gesellschaft nur, wenn es von der innengeleiteten Struktur der Menschen zehrt, wenn es darauf begründet ist. Deshalb sind alle Maßnahmen fatal, die auf Kürzung, auf schlanke Produktion im Bildungswesen zielen. Das gilt auch für die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Herzog, in der zwar am Anfang gesagt wird, Bildung sei das heutige Mega-Thema, aber am Ende steht: kürzer, schneller, kürzer, schneller – die Parole der betriebswirtschaftlich orientierten Bildungspolitiker. Es handelt sich um gesamtgesellschaftlichen Unsinn; die Unternehmer stehen keineswegs vor den Universitäten und Schulen, um Absolventen mit Kurzabschlüssen abzuholen, die sie im Ernstfall, bei Betriebskündigungen etwa, vielmehr als Erste entlassen.

An der Basis unserer Gesellschaft ist etwas im Gange, das nicht nur mit ökonomischen Tatbeständen zu tun hat. Es handelt sich um eine kulturelle Erosionskrise, in der alte Normen nicht mehr unbesehen gelten und neue noch nicht da sind, aber gesucht werden; von kulturellen Suchbewegungen ist die Rede.“


„Und Olaf Henkel, der frühere Arbeitgeberpräsident, hat einmal in einem Fernsehgespräch formuliert, das Kapital gehe überall hin, wo es sich wohlfühle. Und es fühlt sich eben am wohlsten, wo es die billigsten Löhne und die geringsten Nebenkosten gibt, so daß es, im Idealfall, Profite machen kann, ohne daß Menschen mit kostenaufwändigen Lebensinteressen das Ergebnis verzerren.

Das soll Sinn und Zweck einer modernen Gesellschaft sein? Soziologisch versierte Denker eröffnen Hoffnungen: Jetzt folge die zweite Moderne, gleichsam die zur Besinnung gekommene Moderne, die reflektierte Moderne. Aber was davon geht in die elementaren gesellschaftlichen Prozesse ein? Jeder Mensch muß nachweislich irgendwo in seinem Leben Verläßlichkeit, Zuverläßlichlichkeit in Beziehungsverhältnissen erfahren, wahrscheinlich am besten in einem frühen Alter, im primären Prozeß der Sozialisation. Wo lernen Menschen zu teilen oder Verantwortung zu übernehmen? Geht das in Familien, in denen es nur noch ein Kind gibt oder die nur noch aus Ruinen besteht? Wo sind die Bezugsgrößen für  primäre Ausstattungen mit Toleranz?[...]“


[...] „ Eine Demokratie lebt von dem Grundgedanken, daß die Mehrheit der Menschen der Auffassung ist, es gebe eine Art von Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft. Andernfalls ist der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ernsthaft bedroht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat vor einiger Zeit eine Umfrage veröffentlicht, nach der 75 Prozent der Menschen in Deutschland nicht mehr der Auffassung sind, daß es gerecht zugeht. Woher rührt diese sehr hohe Zahl? Mögliche Antworten verweisen auf Strukturfragen der Gesellschaft. So wird es die bürgerliche Familie, vielleicht ein Spezialfall der Geschichte, möglicherweise in der nachbürgerlichen Gesellschaft nicht mehr geben. Wenn dem so wäre, müßten ihre Aufgaben zu öffentlichen Aufgaben werden. In Ländern wie Dänemark gibt es entsprechende Experimente. Wir müssen über neue Kollektive der Solidarität nachdenken. Konsum- und Produktivgenossenschaften, Gemeinwirtschaft beruhten auf großen Ideen, die erhebliche praktische Bedeutung hatten, aber von den eigenen Trägern beschädigt und zerstört wurden. Es lohnte sich, neu darüber nachzudenken. Manches Alte kann revitalisiert, manches muß auch verabschiedet werden [...]

[...] „Solidarität ist etwas anderes als Nächstenliebe, wobei sich beides nicht ausschließt. Solidarität beruht in erster Linie darauf, daß verschiedene Interessen gegenseitig geachtet und anerkannt werden, daß kein Konkurrenzkampf auf Leben und Tod abläuft. Und Solidarität hat immer damit zu tun, daß die aus Machtstrukturen und Wohlstandsbereichen Herausgefallenen – Arbeitslose, Obdachlose, Arme -, daß alle diese Schichten, Gruppen und Einzelnen in die Fürsorge der Gesellschaft einbezogen sind.

Die politische Entwicklung läßt hier nicht hoffen: Nachdem man das reicher und ertragreicher werdende Kapital durch Steuern nicht mehr abschöpft, geht es an die Plünderung derjenigen, die man mittels Lohnsteuerkarten packen kann. Ein wesentliches Element des Abbaus des Sozialstaates ist, daß diejenigen, die Arbeitsplätze haben, allein in die Pflicht genommen werden. Die Steuergesetzgebung arbeitet dieser Schieflage nicht hinreichend entgegen. Kein vernünftiger Mensch kann glauben, daß die Reduktion des Spitzensteuersatzes dazu führt, daß auch nur ein einziger Arbeitsplatz zusätzlich geschaffen wird. Sie bewirkt vielmehr eine sich öffnende Schere bei den Einkommen. Die Durchschnittseinkommen der abhängig Beschäftigten stagnieren und sinken sogar. Die Gewinne steigen, und gleichzeitig nimmt die Arbeitslosigkeit zu. Der Abbau des Sozialstaates, der nach 1945 in Deutschland dazu beigetragen hat, daß sich die Bevölkerung mit den westlichen Demokratien versöhnte, wird unter dem Etikett der Reform zur Ruine und verschärft diese Entwicklung.

Die Reduzierung der Angst ist aber ein wesentliches Element der Solidaritätsfähigkeit von Menschen. Angstbesetzte Menschen in einer Konkurrenzgesellschaft, die ums Überleben kämpfen, haben in der Regel wenig Ressourcen für den Aufbau solidarischer Kooperation. Und eine der fatalen Folgen der Beschädigungen des Sozialstaates besteht darin, daß Gewerkschaften sich vielfach auf dieses Spiel einlassen. Sie meinen, daß die Verringerung der Sozialkosten dem Wirtschaftsstandort Deutschland nutzen würde. Das ist nicht der Fall, denn der Wirtschaftsstandort Deutschland ist vorzüglich gerade dadurch, daß es das Bildungssystem und schließlich auch die Sozialsysteme gibt. Vieles könnte gerade von Deutschland aus in Europa eingebracht werden, darunter der Sozialstaat und der gewaltige Vorrat an kultureller Produktion".

persönliche Anmerkung:

Wenn man Oskar Negts Betrachtungsweise des solidarischen Status in der geschichtlichen Entwicklung der 90er Jahre bis zum Schreiben dieses heutigen Textes betrachtet, dann muß festgestellt werden, daß sich in den elf Jahren seitdem keine Umkehr von den damaligen und von Negt kritisierten Tendenzen gezeigt hat. Ganz im Gegenteil hat sich der Entsolidarisierungsprozeß noch beschleunigt, die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik haben noch nicht einmal aus der negativen und bedrohlichen Entwicklung gelernt und unternehmen noch nicht einmal den Versuch, innezuhalten oder Fehler einzugestehen.

Die Hoffnung, die Negt noch 2001 hegte, daß von Deutschland aus Impulse an Europa abgegeben werden könnten, sozialstaatliche Komponenten auszubauen und kulturelle Potenziale zu erweitern, kann man mittlerweile als gescheitert beurteilen. Deutschland hat sich sogar zu einem Vorreiter und Vorbild für Europa hinsichtlich der Zerstörung von Sozialstrukturen und Arbeitnehmerrechten degeneriert. Wir geraten in Deutschland in Gefahr, daß wir all die positiven Bemühungen und Erfolge seit dem Krieg aufs Spiel setzen, unser Ansehen im Ausland sinkt und wir wieder zu einem Feindbild für andere Länder heranwachsen.


B. Lernziel Solidarität heute

Horst-Eberhard Richter hat 1974 das wegweisende Buch „Lernziel Solidarität“ geschrieben. Hier ein Kommentar dazu:

„Gerade in einer Zeit, in der der Zeitgeist einer rücksichtslosen Ellenbogen-Mentalität huldigt, ist Richters Untersuchung über die Chancen, dem »Lernziel Solidarität« näherzukommen, eine wichtige Orientierungshilfe. Richter geht davon aus, daß gesellschaftliche und politische Verhältnisse als ein Kontinuum bis in das Seelische eines jeden Menschen hineinragen und daß Anstrengungen zur gemeinsamen Umerziehung für die Durchsetzung und Sicherung gesellschaftlicher Verbesserungen unerläßlich sind.“

Vortrag zum Thema „Lernziel Solidarität“, vom 25.11.1999, Erziehungs - und Familienberatung, Berlin)von Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter. Wie bringen an dieser Stelle eine Reihe von wesentlichen Textpassagen aus diesem Vortrag Richters als Zitat.

„25 Jahre ist es her, da habe ich ein Buch unter dem Titel meiner heutigen Rede geschrieben "Lernziel Solidarität". Was man heute kaum glauben mag: Der Titel erreichte Spitzenauflagen. Das Buch wurde in eine Reihe fremder Sprachen übersetzt und kursierte als Raubdruck an zahlreichen Universitäten. Offenbar hatte ich mitten in das Herz einer Stimmung getroffen, die innerhalb der jungen Generation um sich griff. Ich glaubte mich zu der kühnen Feststellung berechtigt, daß der ausufernde Expansionismus der westlichen Kultur fragwürdig geworden sei und nun mit einer machtvollen Gegenbewegung zu rechnen habe [...].

[...] „Dazu suchte man (die 68er-Bewegung, Anm. d. Verf.) psychologische Hilfen in den Schriften vertriebener linker Psychoanalytiker wie Fromm, Reich, Bernfeld und Fenichel zum Beispiel. Auch meine zitierte Schrift profitierte von diesem Bedürfnis. Die soziale Bewegung förderte in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine neue kritische und selbstkritische Nachdenklichkeit. Wo Konflikte auftraten - in den Familien, in den Einrichtungen der helfenden Berufe, zum Teil aber auch in der Wirtschaft - suchte man verstärkt Klärung durch Gespräche oder Beratungshilfe von außen.

Erziehungsberatungsstellen und Psychotherapeuten waren gefragt wie nie zuvor. Auch das Verlangen nach institutionellen Reformen gelangte zu mancherlei Erfolgen. In der Industrie wurden Mitbestimmungsregelungen erweitert. Der bundesdeutsche Staat beteiligte sich an einem großen Programm unter dem Namen "Humanisierung der Arbeitswelt". Gegen die Absonderung und chronische Anstaltsverwahrung psychisch Kranker wurde eine neue, die Verselbständigung der Patienten fördernde soziale Psychiatrie mit vielen neuen ambulanten Einrichtungen ins Leben gerufen. Der besseren Resozialisierung von Straftätern dienten im Strafvollzug Maßnahmen der Liberalisierung und Therapieprogramme. Was da alles unter dem Leitbegriff Solidarisierung in Gang kam, empfand schließlich auch Willy Brandt in seiner damaligen Kanzlerschaft - ich hatte eine gute Verbindung zu ihm - als Rückhalt für seine Politik, die unter dem Stichwort "Mehr Demokratie wagen", lief.

Aber die optimistischen Prognosen der zitierten Zukunftsforscher, mancher Soziologen und meine eigene erwiesen sich als voreilig. Die helfende Gesellschaft mit ihrer Mannigfaltigkeit von sozialem Engagement nahm allmählich wieder die Züge einer egozentrischen Konkurrenzgesellschaft an.


[…] Gezeigt hat sich bei diesen repräsentativen Untersuchungen (die von Richter und seinen Mitarbeitern vorgenommen wurden, Anm. d. Verf.), daß die Westdeutschen seit 1975 laufend mehr von ihren zuvor sehr ausgeprägten Gemeinschaftsgefühlen und Solidaritätsbedürfnissen verloren haben. Sie erleben sich nach eigenen Angaben weniger eng mit ihren Mitmenschen verbunden, legen deutlich mehr Wert auf Abstand, nehmen weniger sorgend an anderen Menschen Anteil und betonen statt dessen zunehmend ihre Ich-Bezogenheit. Es macht ihnen auch nicht mehr soviel aus, anderen etwas vorzumachen, wenn es den eigenen Interessen dient. Seit 1989 treten die egozentrischen Züge im durchschnittlichen Selbstporträt noch stärker hervor. Damit einher geht eine Verarmung an Hingabefähigkeit und an Liebesgefühlen. Die Menschen fühlen sich mehr allein und auf sich selbst angewiesen. Resümee: Die psychischen Antriebskräfte, die mit einem Höhepunkt in der ersten Hälfte der 70er Jahre die große soziale Reformbewegung in der Ära Willy Brandt getragen hatten, haben sich vorläufig verflüchtigt. Die soziale Abkühlung, mit der man häufig denneuen Zeitgeist kennzeichnet, bildet sich also sehr deutlich auch in der Abschwächung von Gefühlen ab, die der Durchschnitt der Befragten an sich wahrgenommen hat.

[…] Heute ist es sogar in gewissen Kreisen Mode geworden, die emotionalen Antriebe, die zur Hilfe für die Schwächeren, die Verlierer und die Benachteiligten aufrufen, einem neurotischen Helfersyndrom zuzurechnen. Verächtliche Etikettierungen machen die Runde. Die Rede ist von Betroffenheits-Hysterie oder Gutmenschen - Kitsch. Sieht man indessen genauer hin, findet man unter den wortführenden Spöttern so manchen von denen, die 1968 vornean als Sozialrevolutionäre marschierten und nun die eigene Resignation an denen abreagieren, die sich in ihren Hoffnungen nicht haben irremachen lassen, auch nicht durch jenes Weltereignis, das vielerorts als definitiver Triumph des Kapitalismus-pur gefeiert wird. Gemeint ist der Zusammenbruch der kommunistischen Zwangswirtschaften. Weil jene Regime ihren faktischen Totalitarismus mit einer Propaganda eingenebelt hatten, in der von nichts anderem als sozialer Gerechtigkeit, Solidarität und Sozialismus die Rede war, erzeugten sie den Anschein, als seien mit dem eigenen Untergang nun auch die Inhalte der mißbrauchten Begriffe entwertet. Aber diese Inhalte haben Bestand.

Und Adam Smith hatte recht mit seiner Kombination von Wirtschafts- und Sozialphilosophie. Es war auch kein illusionärer Romantizismus, wenn die soziale Bewegung nach 1968 daran glaubte, daß es den Menschen und der Gesellschaft eine innere Genugtuung verschaffen könnte, ihre rivalisierenden egoistischen Antriebskräfte durch ein Streben nach sozialer Gerechtigkeit und nach Beistand für die Schwächeren bändigen zu können. Es war keine masochistische Selbstaufopferung, die jene junge Generation zum Engagement für die Armen, die psychisch Kranken und die Randständigen trieb. Sondern die einzelnen fühlten sich dabei innerlich freier und vollständiger.

Die Frage sollte dementsprechend heute nicht lauten: Was hatten die Engagierten der damaligen sozialen Bewegung in der 70er Jahren für neurotische Motive, sondern umgekehrt, was steckt in der heutigen Gesellschaft für eine Krankheit, die zu einer Verewigung sozialer Spaltungen und zu einer selbstzerstörerischen ökologischen Verantwortungslosigkeit treibt?

[…] In uns allen lebt die Sehnsucht nach Versöhnung und Solidarität, die ein Mahatma Ghandi, ein Martin Luther-King und ein Nelson Mandela zu einer höchst realen Geltung gebracht haben. Auch Willy Brandt, John F. Kennedy und vor allem Gorbatschow verdanken ihre weltweit ausstrahlende Wirkung einer Stimme in unserem eigenen Innern, die durch sie in uns zum Klingen gebracht wurde. In der offenen Demokratie liegt es an uns selbst, uns soweit zu emanzipieren, daß wir die eroberten bürgerlichen Freiheiten dazu gebrauchen, die in uns eingeprägten Wertbegriffe von Mitmenschlichkeit und Ehrfurcht vor dem Leben zur Wirkung zu bringen. Versagen wir darin und schrumpfen wir zu flexibilisierten und fraktionierten Schachfiguren im Spiel einer sozial abgestumpften Ökonomie, wächst unsere Verführbarkeit durch Demagogen, die uns zu geben versprechen, was wir selber nicht schaffen zu können glauben.

[…] Es scheint ein Kulminationspunkt heranzunahen, da die Menschen die Unterdrückung derjenigen Bedürfnisse und Gefühle nicht länger aushalten, die ihnen Halt im Gemeinschaftsleben vermitteln und die sie zugleich zu vollständigeren Individuen machen. Daß ihnen einleuchtet, was Martin Buber gesagt hat, nämlich: "Der Mensch ist nicht in seiner Isolierung, sondern erst in der Beziehung des einen mit dem anderen voll existent".


Von Zygmont Bauman stammt die treffende These: Verantwortung ist Nähe, und Nähe ist Verantwortung. Alle sozialen Spaltungen, argwöhnischen Vorurteile und engstirnigen Unversöhnlichkeiten werden erleichtert durch Anonymisierung und eine Distanz, in der negative Projektionen nicht mehr durch unmittelbares Wahrnehmen und Mitfühlen korrigiert werden. Umgekehrt erfahren wir von Angesicht zu Angesicht unmittelbar, was uns auch mit den scheinbar Fernsten verbindet und was wir den anderen schuldig sind. Aber, so könnte man einwenden, wie läßt sich denn diese Nähe Auge in Auge noch herstellen, da überall technische die persönliche Kommunikation ersetzt und da die zwischenmenschlichen Beziehungen im Tempo des modernen Betriebs immer mehr zu verflachen drohen? In diesem Einwand meldet sich schon wieder der Ansatz zur Unterwerfung, während ich umgekehrt Anzeichen dafür wahrnehme, daß sich viele Menschen aus innerer Beunruhigung gegen eben diese Entpersönlichung der Zusammenlebens stemmen wollen. Sie wollen wieder mehr aneinander Anteil nehmen und auch spüren, daß sie selber für andere wichtig sind. Sie wissen, daß sie die Welt nicht verändern können. Aber sie weiten ihren Blick und ahnen, daß es für das Ganze nur besser werden kann, wenn die Einzelnen sich füreinander öffnen und immer mitbedenken, daß sie mit ihrem Tun für das Gesamtwohl eine wichtige Bedeutung haben. Das ist nicht die Selbstüberschätzung des beschriebenen Allmachtswahns, sondern schlicht die Artikulation der Überzeugung, daß es in der freien Demokratie auf jeden einzelnen ankommt und daß der Mensch auch im Zeitalter der Globalisierung seine Stellung als Subjekt der Geschichte behaupten muß, anstatt sich mit seiner momentanen Verwertbarkeit im Dschungel des flexiblen Marktbetriebes zu identifizieren.“


C.    Krise und Solidarität

 von Prof. Dr. phil. Jens Szczepanski

Wie uns der Autor aufzeigt, ist die Solidarität im neoliberalen Kapitalismus zu einem Auslaufmodell geworden. Dieser Beitrag ist neueren Datums (2011) und kann daher die negativen Entwicklungen der letzten Jahre berücksichtigen. Prof. Dr. Szczepanski schildert die Prozesse in scharfsinniger und schonungsloser Weise, der wir voll und ganz zustimmen können. Sein Artikel beginnt wie folgt:

„Ausgangspunkt meiner hier dargelegten Überlegungen ist die Diagnose, daß in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten eine massive Entsolidarisierung innerhalb der deutschen Gesellschaft statt gefunden hat. In der Politik, in der Wirtschaft, im Bankgewerbe, in der Werbung: überall wird propagiert, zuerst an sich und seinen Vorteil zu denken, bevor man die möglichen Interessen anderer bzw. der Allgemeinheit in sein Handeln miteinbezieht. Das kulminiert z.B. in dem Slogan: Sozial denken heißt Geld verschenken.

Auch die ursprünglich solidarisch angelegten sozialen Sicherungssysteme wurden zugunsten sogenannter individueller Vorsorge abgebaut – sei es die privat finanzierte Rente oder die private Krankenkasse. Anstelle des Eintretens der Stärkeren für die Schwächeren herrscht das Prinzip des jeder-für-sich. Individuen werden damit automatisch als untereinander konkurrierend angesetzt. Mehr oder weniger im Anschluß an (sozial-)darwinistische Positionen wird das Konkurrenzmodell nach dem Ende des sogenannten realexistierenden Sozialismus als einzig verbliebendes und einzig funktionierendes gesellschaftliches Ordnungsmodell propagiert. Nur die Konkurrenzsituation zwischen Individuen führt demnach zur höchsten abrufbaren Leistung. Damit wird legitimiert, was früher als Barbarei gegenüber dem human gedachten Sozialismus bezeichnet wurde: der Stärkere darf sich aneignen, so viel er kann, ohne noch Rücksicht nehmen zu müssen auf diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer im Verteilungskampf nicht mithalten können. Das Konzept der liberalen Individualität, ursprünglich auch mit bestimmten Rechten, z.B. den Menschenrechten verbunden, reduziert sich auf einen hemmungslosen Egoismus, bei dem jeder an sich rafft so viel er kann und so viel ihm seine momentane gesellschaftliche oder berufliche Situation erlaubt.

Das Postulat des neoliberalen Kapitalismus besagt nichts anderes als: die Ökonomie kann nur funktionieren, wenn der hemmungslose materialistische Egoismus ihr Motor und Motivans ist. Dabei ist die Tatsache, daß sich Individuen ohne Rücksicht so viel aneignen wie möglich natürlich keineswegs neu in der menschlichen Geschichte; neu ist aber, daß der Egoismus eine beispiellose Legitimierung empfangen hat und zum ubiquitären Verhaltenskodex aufgewertet wurde. Damit werden faktisch die Individuen (wenn es denn wirklich schon welche sind) vom ökonomischen System belohnt, die diesem Verhaltenskodex am ehesten entsprechen, die bereit sind, für ihren individuellen Profit letztlich über Leichen zu gehen.“


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Peter A. Weber