Über die Mythen der Konkurrenz

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Martin Bartonitz
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Über die Mythen der Konkurrenz
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Über die Mythen der Konkurrenz


Wer sich einer Beschäftigung oder Beziehung ganz hingibt, braucht keine Konkurrenz, um eine gute Leistung zu erzielen. Eine Sache gut machen zu wollen und besser sein zu wollen als andere, sind zwei grundverschiedene Dinge.

Die Auguren unserer Wirtschaft tragen die Konkurrenz wie eine Monstranz vor sich her. Ohne Konkurrenz keine Motivation fortzuschreiten, so tönt es seit ich denken kann. In den letzten Jahren sehen wir aber vermehrt Firmen zumindest in ihrer inneren Organisation auf Kooperation zu setzen. Neudeutsch hören wir auch von Kollaboration. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Kunden kommt mittels Open Innovation voran. Stehen wir vor einem Paradigmenwechsel? Sehen wir eine Verlagerung des Schwerpunkts, weg vom Konkurrieren hin zum Kooperieren?


Weisen unsere Krisen auf das Ende einer Ära hin?

Spätestens mit Beginn unserer Finanzkrise 2008 kamen mir mehr als starke Zweifel, ob das Konkurrieren wirklich das allein Seeligmachende in unserer Welt ist. Ich sehe inzwischen deutliche Zeichen dafür, dass es der Grund für unsere immer weiter sich verstärkenden Krisen ist. Als Krisen hatte u.a. Conny Dethloff das Zins-basierte Geldsystem angeschaut, Dr. Andreas Zeuch gab uns einen Blick in unser beängstigendes Nahrungsmittelsystem, und auch ein Blick auf unsere Gesundheit ließ Böses erahnen. Da haben wir noch nicht über den ungebremsten Raubbau an unseren Ressourcen gesprochen, und auch nicht über die Verrohung unserer Gesellschaft.


Konkurrenz und Kooperation

Klar scheint, dass im Menschen beide Veranlagungen für das Überleben angelegt sind. Während die Konkurrenz für die Fortpflanzung wichtig ist und sich dabei das Imponieren zur Darstellung von Fitness für die Partnerwahl bemerkbar macht[1], dient die Kooperation dem Überleben der Gruppe, indem Lösungen zur Minimierung von Gefahren gemeinsam erarbeitet werden.

Kooperation muss einen Vorteil haben, denn sonst wären die Einzeller wohl nie auf die Idee gekommen, sich zu so komplexen Wesen wie dem Menschen zusammenzuschließen. Zumindest, wenn wir vom Ansatz der Evolution ausgehen. Wenn wir der Idee der Holons folgen[2], so müsste sich am Ende die Menschheit als Gesamtorganismus verstehen. Wie sich in unserem Körper nicht die Zellen gegenseitig bekämpfen – nur der Krebs tut dies und führt bekanntlich ungebremst zum Tod – sollten wir Individuen auch in der Lage sein, uns gemeinsam um das Überleben des Gesamtkörpers zu kümmern. Technisch sind wir dazu längst in der Lage, nur fehlt mir noch der Schritt des pubertierenden Menschen in sein Erwachsensein auszustehen.


Mythen der Konkurrenz nach Christian Felber

Auch viele der Artikel hier auf dem Blog haben sich damit beschäftigt, wie Probleme gemeinsam gelöst werden können. Ein weiteres Indiz ist die Zunahme an Literatur zum Thema. Aus einem dieser Bücher, aus "Kooperation statt Konkurrenz: 10 Schritte aus der Krise" von Christian Felber [⇒ zu seiner Webseite] möchte ich gerne die von ihm genannten fünf Mythen der Konkurrenz kurz vorstellen:
 

Mythos 1: Der Mensch neigt von Natur aus zur Konkurrenz

Es gibt keine Hinweise, dass unsere Gene dafür sorgen, ob wir eher konkurrierend oder kooperierend unsere Ziele verfolgen. Die Muster, nach denen wir handeln, seien allein kulturell vermittelt und daher wäre es unser eigener Wille, welchem Prinzip wir den Vorzug geben. Er weist als Beispiel auf die 30.000 Menschen in Deutschland hin, die ehrenamtlich in den Tafeln unterstützen. Ich möchte noch ergänzend auf einen Artikel der Süddeutschen hinweisen, der das Ehrenamt gar als "Kitt der Gesellschaft" erachtet.

Mythos 2: Konkurrenz führt zu hoher Leistung

Neun von zehn Studien zeigten inzwischen, dass mit Kooperation höhere Leistungen erzielt würden. Den Unterschied mache die Art der Motivation. Während Menschen in Kooperation intrinsisch (von innen kommend) motiviert sind, weil sie Wertschätzung erfahren, auf Vertrauen aufgebaut wird und daher klar “Dein Erfolg ist mein Erfolg” erkannt wird. Dagegen setzt Konkurrenz auf extrinsische (manipulierend) Motivation, basierend auf  Angst und Druck, was sich in negativem Stress niederschlägt. Hören wir Herrn Felber direkt dazu:

Je stärker ich meine Aufmerksamkeit darauf lenke, wie gut ich im Vergleich zu meinen Konkurrenten bin, desto weniger kann ich mich auf die eigentliche Tätigkeit konzentrieren und darin aufgehen. Wer sich einer Beschäftigung oder Beziehung ganz hingibt, braucht keine Konkurrenz, um eine gute Leistung zu erzielen. (Eine Sache gut machen zu wollen und besser sein zu wollen als andere, sind zwei grundverschiedene Dinge.)

Mythos 3: Konkurrenz macht Spaß

Hier wird der sportliche Wettkamp ins Feld geführt, um den Spaß zu begründen. Wer selbst Sport gemacht hat (ich war u.a. 4 Jahre Leistungsschwimmer), würde sich gut erinnern, wie wenig Spaß es macht, nach all den Trainingsmühen nicht auf dem Treppchen zu stehen. Und da stehen bekanntlich nur ganz Wenige. Und auch diese bekommen anschließend noch etwas wenig Schönes zu spüren, selbst von den engsten TrainingskollegInnen: den Neid. Sportler würden sich mit negativen Gefühlen wie Verbissenheit, Selbstzweifel, aber auch Anerkennungsverlust herumschlagen. Studien zeigten: wenn Kinder die Wahl haben, so spielen sie lieber Spiele, in denen niemand verliert.

Mythos 4: Konkurrenz wirkt charakterbildend

Herr Felber weist auf die Unterschiede von Charakteren hin. Wettbewerbsstarke Menschen, die sich gegenüber anderen (auch rücksichtslos) durchsetzen können, also zielstrebig in ihrer Karriere nach oben sind, zeigen deutlich weniger Empathie, sind weniger sozial eingestellt, sprich neigen weniger zu Hilfeleistungen für andere. Sympathieträger seien diese Menschen eher nicht. Die Psychologin Karen Horney stelle fest:

Wettbewerbsorientierung führt zu Neid gegenüber Stärkeren, zu Verachtung gegenüber Schwächeren und zu generellem Misstrauen gegenüber allen.

Mythos 5: Konkurrenz stärkt das Selbstwertgefühl

Hier sieht Herr Felber (siehe Foto) genau das Gegenteil vorliegen:

Wer Wettbewerb braucht, um sich gut zu fühlen, dem mangelt es offenbar an Selbstwert. Sie oder er fühlt sich nicht wert, ohne besser zu sein als jemand anderer. … Wenn wir ein Verhalten als ungesund bezeichnen, weil es Defizit-motiviert ist oder auf ein geringes Selbstwertgefühl zurückzuführen ist, dann ist gesunder Wettbewerb ein Widerspruch in sich.

Fast alle Studien würden ausnahmslos zeigen, dass kooperative Lebensbedingungen zu mehr Selbstwertgefühl führt als in konkurrierenden.

Sein Fazit, und dem möcht ich mich auf Grund eigener Erfahrungen gleich anschließen:

Wettbewerb [gegenüber anderen] ist ein hochgradiges Charakter-, Beziehungs- und Gesellschaftsgift.
 

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Prof. Gunter Dueck [3]:


Pflicht ist, unter Zurückstellung eigener Neigungen

nach eigener Höchstleistungen zu streben

und die Erwartungen der Eltern und vor allem der Lehrer

und Vorgesetzten überzuerfüllen.

Wer das tut, den versetzen, befördern, bezahlen wir.

Wer sich nicht dafür aufopfert, muss gehen

oder in prekären Zuständen leben

 

von Dr. Martin Bartonitz

 



Quelle: Initiative WirtschaftsDemokratie > Artikel

 

[1] Siehe Darwins zweite Theorie: die sexuelle Selektion – Wikipedia


[2] A Brief History of Holons by Mark Edwards – Quelle


[3] Aus: Der schöpferische Imperativ: Gunter Dueck at TEDxRheinMain – Quelle



Die Initiative WirtschaftsDemokratie (/Selbstorganisation) ist ein Open Source Projekt zur Unterstützung des Kulturwandels in unseren Unternehmen. Wie Studien zeigen, sind über 80% der Angestellten in Unternehmen und Organisationen emotional nicht an ihren Arbeitgeber gekoppelt. Damit schieben sie Dienst nach Vorschrift. Und am Ende haben sie innerlich gekündigt.

Die Unterstützer dieser Initiative sind davon überzeugt, dass die Unternehmer viel erfolgreicher sein können, wenn sie das Potential dieser 80% quasi verlorener Mitarbeiter heben. Dieses Blog soll mit Informationen über neueste Erkenntnisse und neue Methoden der Organisation aufzeigen, wie ein Kulturwandel vollzogen werden kann, der zu mehr Innovation und damit Erfolg führen wird. Darstellungen gelebter Praxis der neuen Arbeitskultur sollen Lust zum Mitmachen entfachen.

Über mich / Dr. Martin Bartonitz

Mitinitiator der Initiative Wirtschaftsdemokratie. Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztiegel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | und natürlich Kritisches-Netzwerk |


Bild- und Grafikquellen:


1. Kooperation und Teamgeist. Foto: Peter Draschan Quelle: Pixelio.de

2. Buchcover "Kooperation statt Konkurrenz: 10 Schritte aus der Krise" von Christian Felber

3. Christian Felber. Pressefoto: Jose Luis Roca

 

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Die Destruktivität der Konkurrenz


Die Destruktivität der Konkurrenz


Der Artikel von Dr. Martin Bartoniz basiert vornehmlich auf dem Buch von Christian Felber mit dem Titel „Kooperation statt Konkurrenz“, das den Standardmythen der Marktwirtschaft den Todesstoß versetzt. Die darin beschriebenen fünf Mythen der Konkurrenz, die aus dem Gebetbuch der neoliberalen Ideologen stammen, verherrlichen die Konkurrenz  und verordnen sie zu einer Zwangsverpflichtung für den wirtschafts- und konsumhörigen Bürger.


Wenn man diese als Tatsachen verkauften Mythen allerdings kritisch unter die Lupe nimmt, zerplatzen sie bei der ersten Analyse wie Seifenblasen. Die angepriesene heilsame und konstruktive Wirkung der Konkurrenz als

  • Zugpferd der Wirtschaft
  • Kitt und Schmiermittel der Gesellschaft
  • einzige Motivation für den von Natur aus faulen Menschen
  • Quelle der Kreativität und Effektivität

verkehrt sich in der Realität in ihr genaues Gegenteil. Jeder weiß aus persönlicher Erfahrung, daß nur die Anstrengungen, die man freiwillig aus eigener Motivation heraus unternimmt, wirklich zählen. Es ist außerdem eine Binsenweisheit der Psychologie, daß Menschen unter (Konkurrenz-)Druck weniger effektiv und kreativ arbeiten können, als wenn sie aus eigenem Antrieb handeln.

[quote=Martin Bartonitz]
Wer sich einer Beschäftigung oder Beziehung ganz hingibt, braucht keine Konkurrenz, um eine gute Leistung zu erzielen. Eine Sache gut machen zu wollen und besser sein zu wollen als andere, sind zwei grundverschiedene Dinge.

[/quote]
Wenn einer der Feind des anderen ist, jeder der erste sein will und keiner dem anderen den Erfolg gönnt, dann gerät das grundlegende menschliche Prinzip der Solidarität unter die Räder der Profitmaschinerie sowie des Egozentrismus. Wirklich erfolgreich kann nur eine Organisation sein, die auf der Basis der Kooperation funktioniert und bei der alle an einem Strang ziehen. Dieses Muster läßt sich anschaulich bei Mannschaftssportarten wie dem Fußball beobachten.


Christian Felber hat aufgezeigt, wie simpel die neoliberale Konkurrenz-Lehre zu widerlegen ist. Deshalb ist es angebracht, die Irrlehren nochmals zu rekapitulieren:


1. Konkurrenz als natürliche Veranlagung des Menschen


Bei den angeblichen Konkurrenzgenen handelt es sich um ein Ammenmärchen, das dazu dient, die Menschen zu entzweien und sie in ein Hamsterrad zu zwängen. Bei der Veranlagung zur Konkurrenz handelt  es sich ganz einfach nur um anerzogene kulturelle und gesellschaftliche Normen. Der Mensch ist von Natur aus ein Gemeinschaftswesen und auf Kooperation angewiesen.


► 2. Konkurrenz als Leistungsförderer

Auch hier haben wir es mit einer Dichtung zu tun. Die Wahrheit ist die, daß kooperative Zusammenarbeit die besten und effektivsten Arbeitsergebnisse erbringt. Konkurrenzdruck fördert  die Angst, die bekanntlich die menschlichen Fähigkeiten einengt und zu Fehlern verleitet. Die propagierte „Leistungsgesellschaft“, die uns allen als lebenswertes Vorbild vorgegaukelt wird, ist tatsächlich ein Zerrbild ihrer selbst. Denn sie honoriert nicht in gerechter und angemessener Weise echte Leistung, nein, sie privilegiert dafür nicht leistungsadäquate Einkommen und Vermögen, sorgt für Ungerechtigkeit und spaltet die Gesellschaft.


3. Konkurrenz als Spaßfaktor


Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Der Dritte, der sich freuen kann, das ist der Manipulator, der den Profit einstreicht und der seine Knechte aufeinander hetzt. Wer sich darüber freut, daß er einen anderen fertig gemacht hat, bei dem hat sich der Sadismus eingenistet. Ehrliche Freude kann nur entstehen, wenn bei einer Zusammenarbeit niemand verliert, alle einen Zugewinn haben und eine Befriedigung erlangen. Wer Kindern beim Spiel zusieht, der wird erkennen, daß sie die Aktivitäten am meisten lieben, bei denen keine Belohnung ausgesetzt ist, niemand verliert oder gedemütigt wird.


Was wirklich Wert besitzt und die höchste Selbstbestätigung erzielt, ist der Kampf gegen sich selbst und das Gefühl zu genießen, etwas für sich und seine physische sowie psychische Gesundheit getan zu haben. Sich selbst zu besiegen, ohne andere zu schlagen, stellt echte Genugtuung dar.


4. Konkurrenz als Charakterbildung


Selbstverständlich bildet Konkurrenz den Charakter. Die Frage ist nur, welche Art von Charakter dadurch unterstützt wird. Ohne Zweifel wird eine rücksichtlose Mentalität gefördert – Konkurrenz formt die Strukturen der Ellenbogengesellschaft, die keinen Wert mehr auf Mitgefühl legt. Bartonitz zitiert in diesem Kontext die Psychologin Karen Horney wie folgt:


„Wettbewerbsorientierung führt zu Neid gegenüber Stärkeren, zu Verachtung gegenüber Schwächeren und zu generellem Misstrauen gegenüber allen.


5.  Konkurrenz als Motor des Selbstbewußtseins


Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl gewinnt man ausschließlich aus sich heraus – d. h. durch Ausleben und Förderung seiner eigenen Talente und Wünsche, die sich gegen keine andere Person richten. Wer auf Konkurrenz angewiesen ist, um sich zu beweisen, der legt ein Zeugnis davon ab, daß es ihm an Charakterstärke und Selbstwertgefühl mangelt. Bartonitz bringt es auf den Punkt: „Gesunder Wettbewerb ist ein Widerspruch in sich.“

Als Fazit läßt sich behaupten, daß das Hohelied von der Wettbewerbsgesellschaft, die uns allen Vorteile, Glück und Wohlstand bringen soll, nichts als ein Riesenschwindel ist. Text und Melodie stammt von den Nutznießern des Systems sowie ihren Handlangern in Politik und den Medien, für die die Bezeichnung Schmarotzer zutrifft.


MfG Peter A. Weber

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