Wallfahrtsort Lourdes und die Vermarktung der Kirche

1 Beitrag / 0 neu
Bild des Benutzers Helmut S. - ADMIN
Helmut S. - ADMIN
Offline
Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Wallfahrtsort Lourdes und die Vermarktung der Kirche
DruckversionPDF version

Kintopp, Aberglaube, Wehrertüchtigung

von Hartwig Hohnsbein

»Es ist ein häßlicher Ort, landschaftlich ganz hübsch gelegen; im Sommer, zur Zeit der großen Pilgerzüge stets überfüllt; sein Hauptpunkt ist eine moderne, architektonisch schlechte Kirche, davor ein riesiger, langgestreckter Platz, darum herum viele Krankenhäuser für die Kranken, die dorthin kommen, um in den Quellen, die neben der Wundergrotte in einem Felsen sprudeln, Heilung zu suchen.« Was hier als »häßlicher Ort« bezeichnet wird, ist der Wallfahrtsort Lourdes, am Fuß der Pyrenäen in Frankreich gelegen, den Kurt Tucholsky 1924 besucht hatte und den Lesern der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung 1929 als Ort mit »Kintopp, Glaube oder Kurpfuscherei« vorstellte. Zuvor schon hatte er eine Langfassung davon mit vier Kapiteln in sein »Pyrenäenbuch« aufgenommen. [Erg. ADMIN H.S.: ⇒ Teil I, ⇒ Teil II. ⇒ Teil III, ⇒ Teil IV]

Tucholskys Fazit nach seinem Besuch: Lourdes ist »ein Rummelplatz des buntesten Aberglaubens«.
 

Begonnen hatte der Aberglaube und der anschwellende Rummel in Lourdes im Jahre 1858, als die 14jährige Bernadette Soubirous in einer nahegelegenen Grotte 18 Erscheinungen einer »schönen weißen Dame« gehabt haben will, die sich auf Bernadettes Frage, wer sie sei, mit den Worten »Ich bin die Unbefleckte Empfängnis« zu erkennen gegeben und sie dazu noch aufgefordert habe, eine wundertätige Quelle freizulegen, aus der »Heilwasser« sprudeln werde. Die zuständigen Kirchenbehörden, die informiert wurden, erkannten schnell, daß sich aus diesen halluzinatorischen Vorgängen ein gewinnbringender Wirtschaftsfaktor für den armen Ort und die Kirche machen ließe.

Schon vier Jahre später wurde die »Echtheit« der Erscheinungen vom zuständigen Bischof anerkannt und bald auch vom Papst bestätigt. Und so wuchs und wuchs der Pilgertourismus zur schnell angefertigten Statue der Madonna in der Grotte und zu dem »Wunderwasser«, das heute noch in einer Badeanstalt aufgefangen wird (Tucholsky: »unappetitliche, fettige Brühe«) und an etwa 20 Zapfstellen in Flaschen abgefüllt werden kann – die »Klassiker von Lourdes«. Schon 1873 kamen 140.000 Pilger, 1908 waren es eine halbe Millionen, 1924 eine Millionen Menschen. Heute hat Lourdes mit jährlich fünf Millionen Übernachtungen nach Paris die meisten Übernachtungen in Frankreich – bei gerade einmal 14.500 Einwohnern.

Lourdes wurde mit Bernadette nach 1871, als Frankreich von Preußen-Deutschland besiegt worden war, zum »Symbol des nationalen Frankreich«; Bernadette wurde der anderen »heiligen« Jungfrau, der Jeanne d`Arc, an die Seite gestellt. Auch wenn das »wundertätige« Wasser immer weniger »Heilungen« hervorbrachte, die Lourdes-Wallfahrten nahmen zu. Inzwischen ist das Mißtrauen der Wissenschaft gegen die Wunderheilungen so stark gewachsen, daß »Wunder« offiziell kaum noch gemeldet werden; dennoch werden immer noch zahlreiche Kranke herangekarrt – es könnte mit der Heilung ja doch noch mal klappen. Echter Aberglaube ist im Kern unerschütterlich.

Zielgruppen der heutigen Lourdes-Vermarktung der Kirche sind: Lehrer, Priester, Rinder- und Pferdehirten, Kriegsveteranen aus Nordafrika, Malteser, vor allem aber Soldaten und immer wieder Soldaten, inzwischen aus 30 Nationen, wie ein aktueller Lourdes-Reiseführer zu berichten weiß. Der Auftakt für die »Soldatenwallfahrten« reicht in das Jahr 1914 zurück, als französische Husaren in einem Abschiedsgottesdienst in Lourdes in den Krieg getrieben wurden – zur gleichen Zeit, als auch die deutschen Soldaten mit dem Segen der Kirche loszogen. Als kurze Zeit später der »Soldat Paul Colin« verwundet wurde und angeblich nur durch das Wasser aus der Grotte von Lourdes am Leben blieb, war der Mythos vom Segen Lourdes für die Soldaten geboren. Tucholsky: »Die christliche Kirche treibt nicht nur die Gläubigen in die Gräben und segnet die Maschinen, die zum Mord bestimmt sind – sie heilt auch die Wunden, die der Mord geschlagen hat, und ist allemal dabei.«

Nach zwei Kriegen gegen Frankreich sind seit 1958 auch deutsche Soldaten in Lourdes bei den »Soldatenwallfahrten« dabei, bisher mit über 100.000 Teilnehmern. Sie werden Jahr für Jahr im Mai in Sonderzügen für einige Tage nach Lourdes gebracht. Dafür wird Sonderurlaub genehmigt. Die Wallfahrten »stellen eine besondere Form des pastoralen Dienstes der katholischen Militärseelsorge dar«, sie liegen »im besonderen Interesse der Bundeswehr«, vor allem die Teilnahme jener Soldaten, »die mit ihrem Einsatz in der Welt den Frieden sichern wollen«, [sic!] betonte der Staatssekretär Stéphane Beemelmans, der zweimal nach Lourdes mitreiste, in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vom 14.05.2012 (»Kameradschaft in Lourdes erfahren«).

Deshalb kam 2007 eine Zentralen Dienstanweisung (A-2550/1) heraus, in der auf 14 Seiten alle Einzelheiten zur »Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes« geregelt werden. [Anm. ADMIN H.S.: Text als PdF-Anhang am Ende]. Danach sind die Teilnehmer verpflichtet, »während der gesamten Dauer der Wallfahrt Uniform zu tragen«. Sie können mit Eigenanteil im Zeltlager (für 200 Euro) oder in einem Hotel bis zu 600 Euro übernachten, wobei zur Übernachtung im Zeltlager »Bord- und Gefechtsanzug« erforderlich sind. Für kranke Soldaten wird »ein Lufttransport bereitgestellt«. Der »Eigenanteil« kann durch »Ermäßigungen« auf 0 Euro reduziert werden – Sonderurlaub zum Nulltarif auf Kosten aller Steuerzahler. Dafür gibt’s allerdings vier Tage lang rund um die Uhr »Heilige Messen« mit einer »Lichterprozession« zum Ausklang, wie die »Einladung« der katholischen Militärseelsorge zur 57. Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes 2015 ankündigt.

Die Prozession erinnert an die Kintopp-Bilder jener Fackelträger, die im ausgehenden Mittelalter die »Ungläubigen« zum Scheiterhaufen der Autodafés geleiteten – und bei manchen mögen auch jene Vorgänge ihre Auferstehung finden –, bei denen im nahegelegenen »Katharerland«, in Béziers, auf Veranlassung des Papstes 7000 Mitchristen als »Ketzer« verbrannt und weitere 13.000 niedergemetzelt wurden, an einem Tag im Juli 1209.

Einen Höhepunkt für die »Soldatenwallfahrten« brachte das Jahr 2008. Damals nahm der damalige deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung an der Wallfahrt teil, hatte doch der deutsche Papst Benedikt XVI. persönlich ein »Vatikanisches Dekret zur Gewährung eines Vollkommenen [!! H.H.] Ablasses anläßlich des 150. Jahrestages der Erscheinungen der seligen Jungfrau Maria in Lourdes« herausgebracht.

Kraft dieses Dekrets konnte »jeder einzelne Gläubige« durch einen Besuch der »vier Bernadette-Gedenkorte in Lourdes ... in innerer Sammlung und mit Gebeten ... täglich den Ablaß erlangen«für jeden Soldaten angesichts seines mörderischen Handwerks höchst erstrebenswert! Und es konnte zusätzlich ein Ablaß erlangt werden, »der auch den armen Seelen im Fegefeuer gewidmet werden kann«. Boni sind nicht nur bei Bankern beliebt.

Der »bunteste Aberglaube«, von dem Tucholsky einst sprach, scheint seit 1924 nicht weniger geworden zu sein.

Hartwig Hohnsbein
 



Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft - Heft 10/2015 - zum Artikel.

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.
 

Redaktionsanschrift:

Redaktion Ossietzky
Haus der Demokratie und Menschenrechte

Greifswalderstr. 4

10405 Berlin

redaktion@ossietzky.net

http://www.ossietzky.net/

► Bild- und Grafikquellen:

1. Japanisches Sprichwort: "MAN KANN AUCH ZUM KOPF EINER SARDELLE BETEN, ES KOMMT NUR AUF DEN GLAUBEN AN." Die Sardellen (Engraulidae) sind eine Familie der Heringsartigen. Die kleinen Fische leben als planktonfressende Schwarmfische in den Ozeanen gemäßigter und tropischer Breiten. Die meisten Arten kommen vor allem in der Nähe der Küsten vor, einige auch im Süßwasser, die meisten davon in Südamerika. Urheber: Massimiliano Marcelli /  Alessandro Duci. Quelle: Wikimedia Commons. Der Urheberrechtsinhaber dieses Werkes, veröffentliche es als gemeinfrei. Dies gilt weltweit. Bildbearbeitung (Inschrift): Wilfried Kahrs / QPress - Grafik ebenfalls gemeinfrei.

2. Buchcover "Verbrechen im Namen Christi". Mission und Kolonialismus (GERT VON PACZENSKY) - bitte weiterlesen.

3. Blutige Kriege, Massenhinrichtungen und Völkermord im Namen des christlichen Glaubens. Was für ein verachtenswerter Gott muß das sein, der all das seit Jahrtausenden den Menschen antut? Grafik: freelance graphic artist Billy Frank Alexander (ba1969), Charlotte, NC, USA Quelle: Rgbstock free stock photos / RGBStock.com.

4. Texttafel: "Freigabe ab 18 Jahren. Religion schadet Ihnen und Ihrer Gesundheit und kann zu seelischer Abhängigkeit und emotionaler Instabilität führen." Grafik: Wolfgang van de Rydt / Opposition24.de.

5. Volker Pispers: "Die katholische Kirche ist das Opfer der größten Einzeltäterzusammenrottung aller Zeiten." Originalfoto: Niko Bellgardt, Düren via Wikimedia Commons. Bildidee: Helmut Schnug, Technische Umsetzung: Wilfried Kahrs / QPress.de.

6. Buchercover "WARUM ICH KEIN CHRIST BIN - ÜBER RELIGION, MORAL UND HUMANITÄT" - von der Unfreiheit der Christenmenschen.  Foto zeigt altes Exemplar des rororo Verlages, gelegentlich im Antiquariat zu bekommen, leider sehr teuer. Deshalb bitte diesen Artikel mit Kommentaren im KN beachten  - weiterlesen.