Wenn Geld Tore schießt: Vom Ende des Kulturguts Fußball zur Gelddruckmaschine Eventsport

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A J Triskel
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Wenn Geld Tore schießt: Vom Ende des Kulturguts Fußball zur Gelddruckmaschine Eventsport
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Wenn Geld Tore schießt

Vom Ende des Kulturguts Fußball zur Gelddruckmaschine Eventsport

Aus dem Hintergrund müßte Rahn schießen, Rahn schießt, Tor Tor Tor Tor. Jeder von uns ist dieser Kommentar bekannt, selbst wenn er wie ich noch gar nicht geboren war. Ein Volk am Boden, nach zwei verlorenen Weltkriegen war es wieder wer. Plötzlich kam auch die Wirtschaft wieder ins Rollen, weil jeder begriff, dass man etwas erreichen kann, wenn man daran glaubt. Fußball, nach dem Krieg so ziemlich die einzige Kultur, die sich der normale Arbeiter leisten konnte, brachte diesen durch die schwere Arbeitswoche. Montags bei Schichtbeginn sprach man über die Spiele am Wochenende, ab Dienstag freute man sich auf das nächste Spiel.


Fußballblick - Foto © Gisela Peter / Quelle: pixelio.de

Für jemanden der kein Fußballfan ist, mag die Faszination nur schwer nachvollziehbar sein. Ich komme aus dem Ruhrpott, einer Region wo man in den 70er schon als Kind auf Fragebögen im Feld für Religion BVB S04 RWE MSV RWO oder VFL eintrug. Bolzplätze gab es an jeder Ecke und die größte Sorge war, ob jemand einen Ball hatte.

Dann am Wochenende das Spiel. Schon hunderte Meter vor dem Stadion und über eine Stunde vor dem Anpfiff fangen einen die Gesänge tausender Fans ein. Je näher man kommt, verschmilzt man mehr und mehr zu einem einzigen emotionalen Mob. Ist man erst mal in der Fankurve, reißt einen die Menge emotional mit. Die Fans waren zu fast 100% männlich und die paar Frauen würden wohl heute den Beinamen Kampflesben bekommen. Man war unter Männern und brauchte sich nicht viel um Etikette zu kümmern. Egal was man tat, es brauchte einem nicht peinlich sein. Man konnte richtig die Sau raus lassen. Man war frei.

1972/1973 wurde die heile Fußballwelt gleich zweimal erschüttert. Erst der Bestechungsskandal, der zeigte mit welche geringen Mitteln Manipulation möglich sind und dann Braunschweig, die mit Jägermeister den ersten Trikotsponsor hatten. Die Spieler verdient plötzlich richtig Geld. Plötzlich war nicht mehr nur auf dem Platz wichtig, sondern auch in der Kasse. Mäzen wie Jean Löhring oder Klaus Steilmann pushen mit privatem Geld eher unbedeutende Vereine bis in die Bundesliga. Mangels Zuschauerzuspruch scheiterten diese Projekte aber, als die Mäzen selbst in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Die Abhängigkeit von einer einzigen Person bedeutete den tiefen Fall der betroffenen Vereine in die Bedeutungslosigkeit.

1979 der nächste Schock. Leverkusen überrollt mit Bayer Millionen die 2. Liga und steigt in die Bundesliga auf. Geld schießt plötzlich Tore. Obwohl nun gewarnt, wie gefährlich es ist, sich von Geldgebern abhängig zu machen, verwandelten sich die Vereine immer mehr in Huren der Wirtschaft. Gezwungen durch die Übermacht vom FC Bayern München, die als erstes den Wandel vom Fußballverein zum Wirtschaftsunternehmen vollzogen, mußte man entweder mit den Wölfen heulen oder untergehen. Von dem Punkt an war nicht mehr das Wichtigste für die Vereine Spiele zu gewinnen, sondern so viel Geld wie irgendwie möglich zu generieren. Das Sportliche blieb dabei immer mehr auf der Strecke.

Als nächstes ging es den europäischen Pokalwettbewerben an den Kragen. Da die TV-Gelder immer wichtiger wurden, aber keiner Spiele des albanischen gegen den nordirischen Meister dort sehen wollte, verwandelte man 1992 den Europapokal der Meister in die Championsleague (CL). Den Etikettenschwindel der sich hinter diesem Anglizismen verbarg, wurde von der Fußballwelt dank deutlich höheren Verdienstmöglichkeiten anstandslos geschluckt. Nun waren nicht nur die 52 Meister qualifiziert, sondern auch Zweit- u. Drittplatzierte aus den großen Fußballnationen wie Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und später auch England. Um unerwünschte Vereine zu entfernen, mußten sich diese gegen die Großen Europas erst mal für das Hauptfeld und die Gruppenspiele, wo es die richtige Kohle gab, qualifizieren.

Nach einigen Änderungen in den folgenden Jahren wurde das Wort Champions endgültig zur Farce. Während die Meister unbedeutender Fußballländer z. B. Andorra, Wales, Nordirland, Malta gar nicht mehr die Chance bekamen dort zu spielen, durfte selbst der Vierte aus den Topnationen Deutschland, Spanien, Italien und England noch mitspielen. Zum neuen Jahrtausend ging man noch einen Schritt weiter. Dank der Spieleflut im TV durch die aufgeblähte CL fiel das Interesse am Europapokal der Pokalsieger so weit, dass man diesen ersatzlos strich. Der Sport war tot - es lebe der Kommerz!


AOL-Arena Hamburg - Foto © B. Sickau / Quelle: pixelio.de

Um immer mehr Profit zu machen, sprießen neue moderne Stadien aus dem europäischen Boden wie Pilze nach einem Regen. Das sich die Vereine damit erst mal bis an die Schmerzgrenze verschulden, wird angesichts der höheren Einnahmen ignoriert. Sitzplätze war das neue Zauberwort zum Gelddrucken. Unter dem Deckmantel der Stadionsicherheit verschwinden Stehplätze fast völlig und können überhaupt nur noch durch den Protest der Fans gerettet werden. Wie in Düsseldorf, wo in dem neuen Stadion zuerst gar keine Stehplätze geplant waren. Aber die geld- und machtgeilen Verbände haben den Kampf gegen die Stehplätze noch nicht aufgegeben. Um möglichst viele Fans von den billigen unrentablen Stehplätzen zu vertreiben, werde für diese die Sicherheitsvorschriften immer weiter erhöht. Von 1,80m hohen Zäunen gefangen, dass man sich wie Tiere im Zoo vorkommt, muß man sich nun das Spiel anschauen. Um ins Stadion zu kommen, wird man von rechts auf links gedreht. Ständig ist man von schwerbewaffneten Polizisten umzingelt, die jede Chance zur Gewalt nutzen und teilweise sogar provozieren. (s. Artikel)

Ein weiterer Dorn im Auge aller, die immer mehr Einnahmen haben wollen, sind die Gästefans. Durch zusätzliche Sicherheitskräfte kosten diese mehr als sie einbringen. Man verliere nicht aus dem Auge, das Ziel sind US-Zustände, wo alle brav sitzen, rechte Hand eine Cola, linke Hand die Wurst. Gästefans sind dort eher die Ausnahme, da eh alle Plätze durch Dauerkarten vergeben sind, die teilweise mehrere Monatslöhne kosten und ohne Protest immer mehr Werbung hinnehmen. Dazu passen auch Aussagen wie von Herr FIFA-Präsident Blatter. (s. Artikel)

Also wird man als Gästefan, sobald man als dieser zu erkennen ist, behandelt, als ob ein Fanschal vergleichbar mit einem Turban und Sprengstoffgürtel wäre. Fahnenschwingende Leute sollen nicht von der Werbung ablenken. Durch die Medien aufgehetzt, (s. Artikel) wo Fußballfans mit Kriminellen gleichgesetzt werden, machen es der Polizei leicht, Gewalt zu rechtfertigen. Läßt man sich dann nicht wehrlos totschlagen, droht auch noch eine Klage wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen, wie Kinder in einem Fanblock beim Einsatz der chemischen Keule. (s. Artikel)

Wer mal wirklich einen Abenteuerurlaub erleben will, dem kann ich nur empfehlen, in kompletter Fanmontur (Trikot, Schal und Fahne) als Auswärtsfan mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem der folgenden Bundesligaspielen zu fahren: BVB-S04 , HSV-Bremen, Kaiserslautern-Frankfurt, Frankfurt-Köln, Köln-Düsseldorf, Köln-M.gladbach, Stuttgart-Bayern oder Hannover-Braunschweig. Sollten Sie jetzt noch der Meinung sein, in einer rechtsstaatlichen Demokratie zu leben, wird Sie dieses Erlebnis heilen. Das GG wird für Sie genauso gelten wie die physikalischen Gesetze in der offiziellen Erklärung zum 11. September.

Spätestens bei der WM in Deutschland 2006 wurde der ganzen Welt gezeigt, wie man sich den Fußball der Zukunft vorstellt. Und dabei ist nicht der auf dem Platz gemeint. Stadien wurden nur als Spielorte zugelassen, wenn sie keine Stehplätze hatten. Bereits die Kartenpreise für ein Vorrundenspiel waren vergleichbar mit Opernkarten in der Skala. Wer eine Karte wollte, wurde auf Herz und Nieren überprüft. Wer schon mal wegen mehr als einem Parkticket aufgefallen war, hatte keine Chance in die engere Wahl zu kommen. Ausnahme war natürlich, wenn der Kontostand stimmt. Natürlich war das ganze Stadionumfeld fest in der Hand der Sponsoren.

Jegliches Zuwiderhandeln gegen diese wurde mit allen Mitteln unterbunden. So mußte man z.B. in der Biernation Deutschland Budweiser trinken. Anderes Bier war nicht erhältlich. Aber man ging sogar noch weiter. Hatte man Werbeartikel von Konkurrenzunternehmen, wie z.B. Pepsi, Burgerking, Arcor oder einer deutschen Biermarke, mußte man diese entweder entsorgen oder man wurde gar nicht erst nicht ins Stadion gelassen. In einem Fall führte es dazu, das ein Besucher mit einem Pepsi-T-shirt mit freiem Oberkörper ins Stadion mußte.

 

Eingepfercht in Plastiksitzschalen - Foto © Alexander Altmann / Quelle: pixelio.de

Natürlich spielte man auch nicht in der Veltins Arena, sondern im FIFA WM-Stadion Gelsenkirchen. Komplette Sponsorenkontrolle rund um die Spiele. Diese zog sich sogar bis zu den Public-Viewing-Veranstaltungen, wo ebenfalls amerikanisches Bier ausgeschenkt wurde. Wer sich dem Diktat nicht uneingeschränkt unterwarf, durfte für seine Veranstaltung keinerlei mit der WM in Verbindung zu bringende Werbung machen. Der Sport wurde der perfekten Vermarktung absolut untergeordnet. Nach dieser WM kapierten viele Vereine wo der Weg hinführt und beschritten diesen ohne Rücksicht auf Verluste. Neue moderne Superstadien mußten her. Wie z.B. in Duisburg und Aachen.

Natürlich hatten die wenigsten Vereine mal eben das Geld für solche Stadien, also sprangen Leute wie der Bauunternehmer Hellmich ein. Eine Stadiongesellschaft wurde gegründet, die Herr Hellmich natürlich mit Strohmännern kontrollierte. Der Verein wurde mit guten Konditionen gelockt, das alte Stadion abgerissen und ein Neues gebaut. Nun hat ein Fußballverein ein Problem. Ohne Stadion kann man nirgendwo spielen und da das alte Stadion nicht mehr existierte, war man auf das neue Stadion angewiesen. Plötzlich stiegen Miete und Nebenkosten für die Vereine woran diese zerbrachen. Aachen mußte vor wenigen Wochen Insolvenz beantragen, Duisburg bekam hochverschuldet keine Lizenz für die 2.Liga und muß nächste Saison in der 3. Liga spielen. Wie dort mit noch weniger TV-Gelder allerdings der Schuldenberg abgebaut werden soll, weiß wohl keiner. Die Insolvenz wurde damit wohl nur aufgeschoben und dürfte in den nächsten 1-2 Jahren noch folgen. Andere Vereine wie z.B. 1860 München wählten den Weg des Fremdgeldes. Man verkaufte 49% des Vereins an den Kuwäiti Hasan Ismaik .

Seitdem legt er sich immer wieder mit der Vereinsführung an mit der Drohung, sein Geld wieder abzuziehen. Es ist eigentlich nicht die Frage ob, sondern wann diese Ehe geschieden wird. Die Folgen für den Verein, wenn die Finanzlücke dann nicht geschlossen wird, dürften jedem klar sein. Für einen sehr erfolgreicher Weg stehen die Vereine Hoffenheim und RB Leipzig. Dahinter stehen die Megakonzerne SAP (Hoffenheim) und Red Bull (Leipzig). Allerdings unterscheiden sich beide Verein trotzdem noch. Ob es noch etwas mit Fußball zu tun hat, stellt sich bei beiden trotzdem.

Der SAP Vorstandsvorsitzende Hopp brachte den bedeutungslosen Dorfverein Hoffenheim in 17 Jahren mit Hilfe einer dreistelligen Millionensumme von der untersten Kreisklasse in die Bundesliga. Nun könne man sagen gute Arbeit zahlt sich aus. Allerdings brauchte die Region keinen neuen Fußballriesen. Diese waren mit Waldhof Mannheim, Karlsruher SC und Darmstadt 98 bereits vorhanden, fielen aber dem Aufstieg Hoffenheims zum Opfer und kämpfen heute ums nackte Überleben. Wohin aber die Zukunft des deutschen Fußballs wirklich geht, zeigt das Beispiel Rasen Ballsport Leipzig. Dahinter steht der österreichische Brausehersteller Red Bull, da die Traditionsvereine Lok Leipzig und Sachsen Leipzig nicht bereit waren, ihre Seele zu verkaufen.

Der Einstieg scheiterte jedoch an der verweigerten Zustimmung des Deutschen Fußball-Bundes wegen namensrechtlicher Unstimmigkeiten und an Fanprotesten. Der DFB befürchtete eine zu große Einflussnahme des Investors. Man suchte nach einer Lücke im System und fand diese dann auch. Da die Vereine unterhalb der Regionalliga nicht mehr dem DFB-Lizenzierungsverfahren unterliegen, wurde daraufhin am 19. Mai 2009 der eigenständige Verein RB Leipzig gegründet. Dieser sollte das Startrecht des SSV Markranstädt für die Oberliga und zusätzlich die ersten drei Männermannschaften sowie das Seniorenteam des Fünftligisten übernehmen. Die erste Männermannschaft wurde samt Trainerstab komplett übernommen. Wer nun glaubt es ginge bei diesem Verein um Fußball, irrt sich gewaltig. Denn dieser ist nur noch Mittel zum Zweck. Nämlich die optimale Vermarktung der Marke Red Bull. Aber sieht es denn bei anderen Vereinen anders aus?

  • Bayern München: Telekom und Addias
  • Schalke 04: gazprom und Veltins
  • Borussia Dortmund: Evonik
  • VFL Wolfsburg: VW
  • Bayer 04 Leverkusen: Bayer
  • Eintracht Frankfurt: Fraport

Die Liste wird die nächsten Jahre noch länger. Man verkauft sich oder kann sportlich nicht mehr mithalten. Natürlich gibt es auch eine Schattenseite. Die positive Darstellung des Sponsors steht an erster Stelle. Da sind natürlich Fans mit Eigeninitiative wie die Ultras, die sich nicht immer im Stile eines Operngastes präsentieren, ein störender Faktor. Andererseits braucht man diese Fans zum Absatz der Fanartikel und für den Fall, dass es mal sportlich nicht mehr läuft. Denn im Gegensatz zu den Event und Erfolgsfans halten diese dem Verein auch in unteren Ligen die Treue. Da man sie nicht einfach außen vor lassen kann, versucht man es mit einer Umerziehung. Diese läuft aber nach einem ganz perfiden Plan ab.

Der Verein tut so als würde er sich für seine Fans einsetzen und belässt einige wenige Plätze im Stadion als Stehplätze. Allerdings unterscheiden die sich nicht nur durch eine Sitzschale. Während die Sitzplätze frei von Zäunen sind und sogar offenen Zugang zum Platz bieten, wird man auf den Stehplätzen mit Zäunen eingesperrt wie ein Tier im Zoo. Um das Ganze zu Begründen, führt man Sicherheitsaspekte an. Als Beispiel dient das Stadion Essen: Die Tribüne bieten 6000 Stehplätze. Zum Spielfeld ist ein 1,80m Zaun. Zusätzlich wird diese Tribüne ebenfalls durch 1,80m Zäune in 3 Blöcke geteilt. Jeder dieser 3 Blöcke hat nur einen Zugang, der auch gleichzeitig der Ausgang ist. Wenn man nun bedenkt, das genau dieses Planungselement bei der Duisburger Loveparade zu 21 Toten geführt hat, kann sich jeder denken wie sicher man sich dort fühlt. Man kann für die Zukunft nur hoffen, das es dort nie zu einer Panik kommt.

 

Signal Iduna Park Dortmund, Südtribüne Block 14Fotoquelle

Leider habe ich den Verdacht, das genau das erhofft wird, um Stehplätze endgültig verbieten zu können. Natürlich werden die eh seit Jahren gegen die Fans auf diesen Plätzen eingestellten Medien schnell verbreiten, das diese selbst durch ihr Verhalten schuld waren. Wie es schon einmal in England hervorragend funktioniert hat, als Polizisten Zuschauer so lange in einen überfüllten Block geprügelt haben, bis eine Panik ausbrach und 766 Leute verletzt wurden und 96 starben (siehe Hillsborough-Katastrophe b. Wikipedia).

In der Folge wurde den Fans die Alleinschuld gegeben und Stehplätze sind seither bis heute in England verboten. Erst 23 Jahre später kamen die Lügen von Polizei und Medien ans Tageslicht. Das Stehplatzverbot wurde aber nicht aufgehoben. Am Beispiel England kann man sehr gut für den deutschen Fußball in die Zukunft sehen.


Wie sieht das Fanleben heute aus?

Karten ab 50 Pfund pro Spiel zwingen diese, sich die Spiele ihrer Vereine im Pub am TV anzuschauen, womit die Vertreibung der unrentablen Stehplatzfans erfolgreich umgesetzt wurde. War früher die Stimmung in englischen Stadien legendär, ist heute dort fast überhaupt keine Stimmung mehr. Traditionsvereine, die sich nicht zur Hure der Werbeindustrie machen wollen, gehen einer nach dem anderen kaputt. Rot Weiß Essen, Hessen Kassel, Alemannia Aachen, Wuppertaler SV, Sachsen Leipzig und Kickers Offenbach sind nur die bekanntesten Opfer. Arminia Bielefeld, VFL Osnabrück, MSV Duisburg, VFR Aalen, Erzgebirge Aue, Energie Cottbus, Dynamo Dresden, Karlsruher SC, 1860 München, 1. F.C Köln, Sandhausen, Burghausen, Chemnitz, Darmstadt 98, Rot-Weiß Erfurt, Hallischer FC, Regensburg, Hansa Rostock, FC Saarbrücken und die Stuttgarter Kickers stehen alle schon mit einem Bein über dem Abgrund. Das heißt 50% aller Zweit- u. Drittligavereine. Ein abgesprungener Sponsor oder sportlicher Misserfolg und es geht bergab.

Hingegen stellen bei den Vereinen der 1- Bundesliga selbst Schulden von weit über 150 Millionen Euro kein Problem dar. Bei MSV Duisburg scheiterte die 2. Ligalizenz an 375.000 Euro. Die Gelder werden bewusst so ungleich verteilt, das die Werbeunternehmen in der 1. Liga nie Angst haben müssen, das ihr Produkt zweitklassig beworben wird. Aber die DFL erzählt jedem wie toll alles läuft. Allerdings erzählen sie niemanden, dass damit nicht der Sport gemeint ist, sondern die Gewinnmaximierung.

Seit inzwischen 5 Jahren gehe ich immer seltener ins Stadion. Das immer feindlichere Verhalten der Polizei den Fans gegenüber, wodurch man ständig Angst haben muß ein Opfer gewalttätiger Übergriffe zu werden. Einschränkungen die eigentlich den Tatbestand von Freiheitsberaubung erfüllen, wie Einschluß im Gästeblock vor oder nach dem Spiel teilweise über Stunden. Unterbindung der freien Verkehrsmittelwahl. Weg von oder zum Stadion im Polizeikessel.


Wie man sich doch irren kann - Foto © Peter Hebgen / Quelle: pixelio.de

Auch die früher so elektrisierende Stimmung ist verloren gegangen. Heute sind fast 50% der Zuschauer Frauen oder Familien mit Kindern, die auf Sitzplätzen oder im Familienblock still und brav auf das Spiel warten. Der Rest, sich seines Platzes durch die Sitznummer sicher, steht bis 5 Minuten vor Anpfiff am Bier oder Würstchenstand. Sangen früher die Fans die Vereinslieder und sorgten für die Stimmung, kommt heute die Stimmung aus dem Lautsprecher. Gehörte es früher zum Fanssein dazu die Texte zu kennen, bringen heute maximal noch ein paar den Refrain zustande. War früher das Stadion über eine Stunde vor dem Spiel voll, so füllt es sich heute erst Minuten vor Spielbeginn.

Natürlich hat sich auch der Mensch geändert. Früher hatte man Fußball und sonst nicht viel. Im TV hatte man die Wahl zwischen Einer wird gewinnen oder Zwei haben Spaß. Computer kannte man nur aus Filmen. Heute ist ein Fußballspiel nur die offlinezeit von facebook und wow. Man hat 30 bis 200 TV Sender Da ist Fußball nur noch ein Medium unter vielen.

Fußball mutiert immer mehr zu einer produktunterstützten Werbeveranstaltung, bei der in den Werbepausen der Zuschauer mit Fußball unterhalten wird. Natürlich sind nur kaufkräftige Zuschauer erwünscht, was durch immer höhere Eintrittpreise sicher gestellt wird. Durch sportlichen Erfolg, wird dem Konsumenten die Qualität des Produktes unterschwellig eingeredet. Der Sport ist nur noch Mittel zum Zweck um die Werbung zu tarnen. 1972 wurde eine ganze Saison verschoben weil man Spieler mit niedrigen 5stelligen Summen dazu brachte Spiele zu verlieren.

Wer glaubt da, das heute wo es um Milliarden geht, alles sauber abläuft?

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Martin Bartonitz
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Beigetreten: 19.06.2013 - 18:50
Brot und Spiele ...


Ich war auch mal ein Sportfan, insbesondere in Sachen Fußball. Mit meinem zunehmenden erkennen darüber, wie wir manipuliert werden, haben ich genauso zunehmend das interesse an dieser Massenveranstaltungen verloren. Meinetwegen darf dieses ganze System genauso in sich zusammenfallen, dient es unseren Herrschenden doch nur zwei Dingen:

  • Teile und Herrsche: Lenke die tumbe Masse von den eigentlichen Problemen dieser Welt ab, so dass sie nicht bemerken, wie wir sie an der Nase herumführen.
  • Lerne sie, dass Konkurrenz Spaß macht: denn so merken sie nicht, dass ein kooperierendes Verhalten gemeinsam stark macht und dabei nicht nur Wenige gewinnen und der Rest als Verlierer nach Hause schleichen müssen.

Hier ist einer meiner Artikel zum Thema Manipulation - weiter

 

Herzliche Grüße
Martin Bartonitz

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Massenhypnose durch Sport und Fußball
 
Massenhypnose durch Sport und Fußball
 
Ich bin dem Autor dieser vorzüglichen Mileustudie sehr dankbar, daß die Thematik der Umfunktionalisierung des Fußballs auch im KN einmal in den Vordergrund gestellt wird. Gerne gebe ich ebenfalls einen Kommentar zum Kontext ab, wobei ich meine Gedankengänge unter den folgenden drei Gesichtspunkten sammeln möchte: 
 
1. Psychologie des Fanverhaltens
 
Ich kann die Fans schon verstehen, die Fanclubs gründen und allwöchentlich in die Stadien strömen und die selbst die oft enormen Kosten für Auswärts- und Auslandsspiele nicht scheuen, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Fußball ist ja an und für sich ein unterhaltsamer Sport. Aber leider merken die eingefleischten Fans in den seltensten Fällen, daß sie sich als Marionetten mißbrauchen lassen und sie zur Massenpsychose neigen. 
 
Fußballenthusiasmus ist ja nicht begrenzt auf die Geschicke des lokalen Fußballvereins. Wobei mir an dieser Stelle noch eine Anmerkung einfällt. Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als z. B. im Ruhrgebiet die Spieler der ansässigen Vereine so gut wie alle aus dieser Region stammten und viele von ihnen eine Namensendung mit –ski vorwiesen. Heutzutage sind in den deutschen Profiklubs nicht nur die Fußballer aus der Region sondern auch diejenigen aus der Republik in der Minderzahl, was aber anscheinend dem allgemeinen Überschwang keinen Abbruch tut. Die Euphorie der Fans kennt erst recht keine Grenzen, wenn es um Fußballereignisse auf internationaler Ebene geht wie Europapokal, Europa- oder Weltmeisterschaften. In diesen Fällen flippen die Fanränge in den Stadien regelmäßig aus, ein Verhalten, das man aus der Gruppendynamik mit Stichworten wie Gruppenzwang oder Herdenverhalten erklären kann.
 
Es ist dabei bezeichnend, daß dabei das Objekt der Identifikation immer entfremdeter wird. Hier ein passendes Zitat von Erich Fromm zu diesem Zusammenhang:
 
„Wenn das Selbstgefühl der Menschen, der Stolz auf ihre eigene Leistung und Persönlichkeit aufgrund ihrer materiellen Lebenssituation geschwächt ist, dann wird diese Schwächung durch Phantasien kompensiert, die etwa besagen, daß die betreffende Nation oder Rasse die hervorragendste und beste unter allen Völkern ist, und daß die einfache Zugehörigkeit zu dieser Gruppe das Individuum über die Menschen aller anderen Gruppen heraushebt.“
 
In diesem Zitat kann man „Nation“ und „Rasse“ durch „Verein“ oder „Nationalmannschaft“ austauschen. Ich glaube, es ist klar erkenntlich, was Fromm damit meint. Gerade in Krisenzeiten, in denen sich die soziale und finanzielle Lage der Menschen verschlechtert, sind sie verunsichert und suchen einen Halt. Wenn ihnen dabei ein aus eigenem Potenzial resultierendes Selbstbewußtsein fehlt, versuchen sie, sich dieses in einer Gruppe oder einer Nation zu suchen, wobei sie ihre Persönlichkeit auslagern und in den Dienst dieser Gemeinschaft stellen. Der Erfolg oder Mißerfolg dieser Gruppierung wird dann als die eigene und persönliche Leistung oder Problem aufgenommen. Die Fans fühlen sich dann selbst als Helden, wenn ihre Idole auf dem Fußballfeld ein Tor schießen – ganz so, wie in Kriegszeiten die Kriegshelden mit den längsten Abschußlisten gefeiert werden. Was früher das eiserne Kreuz war, ist heute der Pokal. Insofern sind Fußballfans mangels einer anderen Identifikation empfänglich für nationalistische Bestrebungen.
 
2. Instrumentalisierung durch Politik
 
Auf der Grundlage des oben geschilderten Hintergrundes ist es auch kein Wunder, daß die Politik keinen Moment zögert, auf den Zug der Identifikationskraft des Fußballs aufzuspringen. Derzeit sind – zumindest in Deutschland – Kriegsparolen nicht mehr en vogue, weshalb der Fußball als geeignetes Vehikel zur Förderung des Patriotismus und Nationalismus dient. Erfolge im Fußball oder anderen Sportarten kommen den Politiern wie gerufen, um von Krisensituationen und dem Versagen ihrer Politik in deren Lösung abzulenken. Die Merkel stellt sich dann an exponierter Stelle im Stadion auf und hebt verkrampft ihre Ärmchen, wenn „unsere Jungs“ unsere Ehre retten. Die schwarz-rot-goldenen Fähnchen werden sodann eifrig geschwenkt und finden sich republikweit auf Autos, Fahrrädern, Häusern und über Schlafzimmerbetten wieder. Alle sind besoffen und baden im Ruhm der Mannschaft.
 
„Deutschland, ein Sommermärchen“, wer erinnert sich nicht daran, als Deutschland 2006 „nur“ Dritter wurde, was jedoch die überschwängliche Euphorie nicht trübte. Märchenstricken gehört zum politischen Handwerkszeug, denn Menschen brauchen Märchen und glauben allzu gerne daran. Wer genauer hinschaut, der wird bemerken, daß die Berliner Volksdemagogen die Gelegenheit medienträchtiger Sportgroßereignisse raffiniert ausnutzen, um heimlich und unbeachtet wichtige Gesetze - ohne die nötige Sorgfalt und Diskussion - in aller Eile durchboxen. Profisport ist zu einem von der Politik subventionierten nationalen Zirkus ausgeartet – gemäß der alten römischen Tradition „panem et circenses“. Dem römischen Kaiser Trajan wird folgender Satz nachgesagt:, "daß das römische Volk insbesondere durch zwei Dinge, Getreide und Schauspiele, sich im Bann halten lasse". Die politische Welt hat sich anscheinend seit diesen Zeiten nicht verändert, und auch nicht die Mentalität, Naivität und Empfangsbereitschaft zur Manipulation der Bürger. Können wir unter diesen Umständen noch Hoffnung auf Besserung der Zustände haben?
 
3. Kommerzialisierung und Massenhypnose
 
Die totale Kommerzialisierung des Profisports ist unbestritten. Ein eklatantes Beispiel stellt auch die aktuell wieder stattfindende Apothekenrundfahrt dar, auch Tour de Pharmacie genannt. Wer sich einmal der Mühe unterzieht, die vor und zwischen den Sportsendungen des Fernsehens ablaufenden Werbespots zu analysieren, der kann genau die Assoziationen erkennen und dem wird deutlich, auf welche niederen Instinkte und Bedürfnisse die Werbestrategen und ihre Auftraggeber abzielen. Es handelt sich um eine geplante Massenhypnose, mit der wir einer Gehirnwäsche unterzogen werden, die die Absicht verfolgt, den menschlichen Willen umzulenken und fremd zu bestimmen.
 
Abgesehen von der Werbe- und Markenartikelindustrie und der FIFA als Absahner-Organisation bekommen natürlich die Vereine und die Profisportler auch ein gehöriges Stück vom Kuchen ab. Die Ablösesummen bei Vereinswechsel von Fußballstars sowie die Trainer- und Spielerdotierungen brechen immer neue Rekorde – Spitzenreiter ist derzeit Ronaldo mit 94 Mio €. Der Trainer José Mourinho „verdient“ beim FC Chelsea 10 Mio p.a., es kann spekuliert werden, was Bayern München seinem neuen Trainer Pep Guardiola aus der Portokasse zahlt. Spitzenfußballer werden auch in Deutschland bereits mit einer oder mehreren Mio Jahresgagen gehätschelt. Dazu gesellt sich bei einigen noch ein ordentliches „Zubrot“ dafür, daß sie uns in Werbeclips angrinsen dürfen. Alles in allem ein einträgliches Geschäft, bei dem man sich schon fragen muß, ob die Verhältnismäßigkeit Leistung : Einkommen noch stimmt.
 
Symptomatisch für die Perversion des Profisports und der ihn repräsentierenden Organisationen ist die Figur des Sepp BlatterFIFA-Präsident und Mafiaboß in Personalunion. Was der Herr Blatter sich in Sachen Korruption, Amtsmißbrauch und Intrigen bereits geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut. Aber ähnlich wie bei Angela Merkel tropft alles von ihm ab, denn er besitzt eine starke Lobby. Die autokratische Art und Weise, mit denen in den FIFA-Gremien um Pöstchen und Stimmen geschachert wird, ist mittlerweile sprichwörtlich geworden. Trotzdem ändert sich nichts. Die FIFA-Praktiken bei der Vergabe von Weltmeisterschaften sind gespickt mit Erpressungstaktiken, unmoralischen Knebelverträgen und Ausschließlichkeitsklauseln. Die Länder, die sich dummerweise mit dieser kriminellen Clique einlassen, werden ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, selbst wenn es sich um die ärmsten Länder der Welt handelt. Ich warte noch darauf, wann endlich mal ein Bewerberland kontra gibt und den Mumm besitzt, der FIFA zu trotzen.
 
Zum Schluß kitzelt es mich, noch ein paar Worte über ein für mich ständiges persönliches Ärgernis zu verlieren, das ich bei Sportübertragungen empfinde. Mit geringen Ausnahmen handelt es sich bei den Ansagern um Wortquäler und Wichtigtuer. Sie malträtieren die Zuschauer mit Sprechblasen und vorgefertigtem Geschwafel in mantraartigen Sprechschleifen. Die nebensächlichsten Details, die kein Schwein interessieren, werden hervorgekramt und an die große Glocke gehängt – das reicht dann bis ins Intimleben der Protagonisten hinein und zum Design ihrer Unterwäsche. Was das lächerlichste dabei ist: Sie fühlen sich auch noch als kreative Sprachschöpfer, wenn sie die abartigsten Vergleiche vorbringen oder ihnen groteske Formulierungen entweichen. Besonders albern wird es, wenn diese selbsternannten Fußballexperten ausländische Namen und Begriffe in übertriebener, akzentuierter und unterwürfiger Form verwenden, als ob es keine deutschen Bezeichnungen dafür gäbe. Es gibt wirklich kein anderes Land auf dieser Erde, in dem Reporter ein solches abartiges Verhalten zeigen.
 
Damit unsere Leser jedoch nicht zu kurz kommen und ein wenig zum Schmunzeln haben, hier noch die allerletzten Sprüche. Besondere Verdienste haben sich in diesem Zusammenhang erworben und damit unsterblich gemacht Koriphäen wie: Béla Réthy, Gerhard Delling oder Heribert Faßbender. Hier ihre Stilblüten:
  • „Der Oberarm gehört zur Hand“ 
  • "Das einzige, was sich nicht geändert hat, ist die Temperatur – es ist kälter geworden." 
  •  "Wenn man ihn jetzt ins kalte Wasser schmeißt, könnte er sich die Finger verbrennen."
  • „weltbester Fußballer der Welt“
oder noch einen, damit auch die Spieler nicht vernachlässigt werden (Podolski):
  • „Fußball ist wie Schach ohne Würfel“
und einer, mit dem man das Sportreporter-Geschwafel am besten demonstrieren kann:
  • "Norwegen in rot, die deutsche Mannschaft, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen und da brauche ich auch gar nicht viel zu erklären, wie so oft – wie eigentlich immer, wie fast immer, in den Farben, die Sie kennen: In den weißen Trikots und den schwarzen Hosen. Aber, meine lieben Zuschauer, das wissen Sie ja sicher auch so, da muss man keine großen Worte mehr verlieren."
Damit will ich es belassen. Weiterhin viel Spaß beim Reporterlatein live in in Eurer Glotze!
 
Peter A. Weber
 
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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Der Fußballtrainer als Held und Identifikationsfigur


Der Fußballtrainer als Held und Identifikationsfigur

Heute habe ich einen wunderbaren Artikel in der TAZ mit dem Titel "Fußball und Gesellschaft - Schöpfer im Drecksgeschäft" zum Thema Fußball und Heldenverehrung in der Gestalt von Fußballtrainern gefunden. Das Motto lautet: „Der Fußballtrainer wird zur letzten Projektionsfläche. Heynckes, Guardiola und Streich sind Vater, Sohn und Heiliger Geist der postsäkularen Fußballkirche.“ Ich kann nur die Lektüre dieses hervorragend geschriebenen Beitrags empfehlen. Dieser fügt sich nahtlos an unsere obigen KN-Beiträge dieses Threads „Wenn Geld Tore schießt“ und „Massenhypnose durch Sport und Fußball“ an. Auch zur KN-Thematik „Helden“ stellt der TAZ-Artikel eine gute Ergänzung dar.

Pep Guardiola, der neue Trainer von Bayern München ist der aktuelle Popstar und das Idol der Massen. Was sagte ich gerade: Trainer? Nein, es muß mindestens Coach, besser noch Fußballlehrer und noch besser Philosoph der Fußballwelt heißen. Denn Sportreporter definieren ja bekanntlich ohne Unterlaß Fußballtaktik hochtrabend als Philosophie. Fußballtrainer werden auf diese Weise auf eine Stufe mit Platon, Sokrates, Hegel oder Kant gestellt. Armes Deutschland, arme Fußballfans, arme Sportreporter, wie weit seid ihr heruntergekommen, daß ihr einer solchen Verwechslung unterliegen konntet und primitiven Rasenschach mit hoher Philosophie verwechseln?

Nun, ich muß zugestehen, daß Guardiola durchaus ein Mensch mit sympathischer Ausstrahlung, gutem Aussehen und teilweise eleganter Kleidung ist (wenn er nicht gerade sein einziges kariertes Hemd trägt) – wie geschaffen, zum Idol der fußballverrückten und interessierten Massen in den Himmel gehoben zu werden. Menschen, die von ihrem tristen Leben frustriert und die ohnmächtig das autoritäre Treiben der Politik über sich ergehen lassen, greifen gierig jede scheinbare Lichtgestalt auf, um sich mit ihr zu identifizieren. Damit können sie für eine Weile ihren öden Alltag vergessen und in höheren Sphären schweben.

Aber ich muß Guardiola zugute halten, daß er wohl viel lieber ohne den nervigen Medienrummel um ihn auskommen würde. Die Medien selbst sind es, die diesen gewaltigen Hype inszenieren, um die Sucht der Entertainment-Gesellschaft nach Zerstreuung gewinnbringend weiter anzuheizen. Die Devise heißt dabei nur: Nicht zur Besinnung kommen lassen, jede Sendeminute mit belanglosem Gequassel auffüllen, unwichtige Details aufbauschen bis zur Lächerlichkeit sowie Wiederholung und Wiederkäuen um jeden Preis. Die Vereine freuen sich über dieses kostenlose Marketing, das die Kassen klingeln läßt. Die Fans berauschen sich – anstelle des nicht mehr ausgeschenkten Alkohols – an inbrünstiger Begeisterung ob des gebotenen Zirkusspektakels, das sie in Hypnose versetzt und zu unkritischer Vereinshuldigung oder nationalistischem Verhalten verleitet. Diese Maschinerie arbeitet optimal im Sinne der Herrschenden, denn sie können ungestört hinter den Begeisterungswellen und Heldenovationen ihre eigennützigen Geschäfte abwickeln. Fußball im Dienste des Systems, Brot und Spiele wie im alten Rom, das ist die wahre Funktion dieses Massensports.

MfG Peter A. Weber

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