Werden wir zu dem, was wir einst gehasst haben?

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Helmut S. - ADMIN
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Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Werden wir zu dem, was wir einst gehasst haben?
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Werden wir zu dem, was wir einst gehasst haben?

von Eric S. Margolis

 


In den späten 1980ern telefonierte eine in Moskau stationierte alte Freundin von mir spät am Abend mit ihrem Gatten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie sagte, es war ein „typisches doofes Ehemann/Ehefrau-Gespräch,“ das sich hauptsächlich um ein kaputtes Garagentor drehte. Gegen Mitternacht mischte sich eine barsche Stimme in das Gespräch. „Hier spricht Ihr KGB-Zuhörer. Das ist das langweiligste, dümmste Gespräch, bei dem ich je zugehört habe. Hören Sie jetzt auf und gehen Sie ins Bett!“

Ja diese unschuldigen Zeiten des Kalten Krieges. Heute hört der Grosse Bruder eure Gespräche ab, liest eure e-mails und verfolgt eure Suchen im Internet auf leisen Katzenpfoten. Die chinesischen Taoisten warnten: „Du wirst zu dem werden, was du hasst.“ Sie haben recht: die Attacken gegen die Vereinigten Staaten von Amerika im September 2001 führen zu einer Periode der zeitweiligen Psychose. Amerika wurde zurückgeworfen in die hässlichen Tage der Rotenhatz des Senators McCarthy in den 1950ern. Der grosse Unterschied ist, dass heute die bösen „Terroristen“ die gefährlichen Marxisten ersetzt haben. Und heutzutage sind die Terroristen überall.

Als ich während des Vietnamkrieges in die Armee der Vereinigten Staaten von Amerika eingezogen wurde, wurde uns beigebracht, dass es unsere Pflicht als amerikanische Soldaten sei, alle Kriegsverbrechen und Verstösse gegen die Genfer Konvention zu melden, sowie uns zu weigern, gesetzwidrige Befehle von Vorgesetzten zu befolgen, wie es den Nürnberger Tribunalen nach dem Zweiten Weltkrieg entsprach. Damals war ich stolz, in den bewaffneten Kräften Amerikas zu dienen.

Heute erinnert das Militärtribunal gegen den Weitergeber von Dokumenten Bradley Manning an die sowjetische Ära: ein Schauprozess, in dem ein einzelnes Individuum langsam von den Rädern einer sogenannten Militärjustiz zermalmt wird, einem Widerspruch in sich. Die dramatischen Enthüllungen des flüchtigen Whistleblowers Edward Snowden rufen Erinnerungen an Dissidenten der Sowjetzeit ins Gedächtnis, die eingesperrt, verbannt, in psychiatrische Anstalten gesteckt wurden, weil sie es wagten, die Wahrheit zu sagen.

In meiner Zeit pflegten diejenigen, die Gerechtigkeit und Freiheit suchten, sich aus dem Ostblock in die Vereinigten Staaten von Amerika und nach Britannien abzusetzen. Ironischerweise sehen wir jetzt, wie ein bedeutender Überläufer, Ed Snowden, nach Russland flieht.

Während die konzerneigenen Medien in den Vereinigten Staaten von Amerika die Skandale um die NSA und den Afghanistankrieg schönreden, bleibt es dem russischen Fernsehen (RT) überlassen, die Amerikaner über die Tatsachen zu informieren. Wer hätte das gedacht?

Wir Journalisten pflegten Prawda und Trud als Parteipropaganda zu verspotten. Heute wird die Parteipropaganda die ganze Zeit über von den großen Netzwerken in den Vereinigten Staaten von Amerika, den Online-Nachrichten und Zeitungen verbreitet.

Die republikanische Rechte bezeichnet Snowden und Manning als Verräter, einige fordern die Todesstrafe. Snowdens Anwälte warnen, dass er Folter und möglicherweise Hinrichtung zu befürchten hat, wenn er nachhause zurückkehrt. Manning hat eine lange Zeit in Isolierhaft hinter sich, die selbst eine Form der psychologischen Folter darstellt.

Wir erinnern uns an den erschreckenden Fall des Mitglieds einer Chicagoer Bande Jose Padilla in der Zeit der 9/11-Hysterie. In einer von Präsident George W. Bush unterzeichneten Anordnung wurde Padilla mit fadenscheinigsten Begründungen beschuldigt, ein feindlicher Kämpfer zu sein und es wurden ihm sämtliche Rechte entzogen. Er wurde über drei Jahre in Isolierhaft gesperrt, gefoltert, Schlafentzug und sensorischer Deprivation unterzogen und es wurden ihm psychotrope Substanzen injiziert. Padilla wurde physisch und mental gebrochen und dann zu 17 Jahren Gefängnis verdonnert.

Ein ähnlich grauenvolles Schicksal könnte Manning und Snowden bevorstehen.

Ich weiss nicht, ob Gefreiter Manning seine Beschwerden über Kriegsverbrechen und andere Gesetzesverstösse im Dienstweg weiterleitete, wie es sich für Soldaten gehört. Er wäre damit natürlich nicht weitergekommen – man betrachte nur die Verbrechen, die im Abu Ghraib-Gefängnis im Irak begangen worden sind. Aus der Befehlsstruktur auszuscheren stellte sicher, dass Manning mit schweren Anklagen zu rechnen hatte. Ein Meer von Einzelheiten über die Aussenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika freizusetzen, musste unweigerlich zu harter Bestrafung führen.  

Soweit wir allerdings wissen, schadeten Mannings Enthüllungen Amerika nicht, sie stellten nur Washington bloss, indem sie es rüpelhaft, doppelgesichtig und äusserst zynisch erscheinen liessen. Bürokraten hassen Blamage viel mehr als Spionage.

Snowden folgte dem Wahlkampfaufruf des Kandidaten Barack Obama an Whistleblowers, Verschwendung und Rechtsverletzungen zu enthüllen. Amerikas Geheimdienste haben eindeutig ihre Grenzen überschritten und wahrscheinlich gegen das Recht verstossen. Eine Mehrheit von Amerikanern schenkt der Behauptung keinen Glauben, dass sie bespitzelt wurden, um das Land vor verschwommenen terroristischen Bedrohungen zu beschützen.  

Snowden und Manning sind in meinen Augen patriotische Amerikaner, die ihr Land warnen, dass dessen herrschende Elite, machtbesessen und aus auf globale Vorherrschaft, sich weit vom richtigen Kurs entfernt und gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika verstossen hat. Wenn vielleicht auch unklug, so handelten sie mit Mut und Ehre.
 



Quelle:  erschienen am 3. August 2013 auf > www.ericmargolis.com > Artikel

Die Weiterverbreitung der Texte auf dieser Website ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen! Die deutsche Übersetzung wurde dort freundlicherweise von Klaus Madersbacher / A zur Verfügung gestellt.

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