Abschied von einem unbelehrbaren Hardliner
Als ich heute die Meldung über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. las, war mein allererster spontaner Gedanke: Gott sei Dank! Im Grunde genommen war das Thema damit für mich abgehakt bis zur Wiederwahl eines neuen Papstes. Erst die hysterischen Reaktionen in den Medien, die sich aus dem Nichts heraus in endlosen Spekulationen ergehen, haben mich verärgert und meinen Entschluß reifen lassen, ebenfalls einen Kommentar abzugeben. Damit ich heute aber nicht wieder sämtliche detaillierten Kritikpunkte gegen Ratzinger vom Stapel lassen muß, hier der Hinweis auf andere Beiträge zu diesem Thema im KN:
Zum Abschied noch die Neuvorstellung einer Biographie unserer guten Mutter Erde, mit der sie das Lebenswerk des Anwärters auf eine Heiligsprechung würdigt:

Ich habe heute abend wirklich nicht lange ferngesehen, aber was ich dabei schon alles an unangebrachten Lobhudeleien und Beweihräucherungen gehört habe, das geht auf keine Kuhhaut! Normalerweise überschüttet man erst die Toten mit scheinheiligen Elegien – aber wir haben es hier mit einem Fall eines noch lebenden reaktionären Fossils zu tun. Die Festredner der über-den-grünen-Klee-Lobes -Orgien begannen bei Angela Merkel, die Klinke wurde an den Herrn Prediger von Schloß Bellevue (übrigens mein heißester Papstkandidat, wenn er nicht protestantisch wäre) weitergereicht an die obersten Vertreter der Kirchen in Deutschland, die sich sämtlich in den höchsten Tönen äußerten.
Der Tagesschausprecher meinte sogar, daß es überwiegend nur positive Stimmen gäbe und tatsächlich kamen Kritiker auch nur kurz am Rande zu Wort. Als besonderer Verdienst wird Benedikt seine philosophische Bildung und einfache Sprache (Originalton Merkel) sowie seine Menschlichkeit und Dialogfähigkeit angerechnet. Außerdem habe er sich mutig als Anwalt der Menschheit ausgesprochen und Verfehlungen der Kirche zugeben, bereut und drastische Maßnahmen zur Strafverfolgung und Verhinderung künftiger Mißbrauchsfälle durchgesetzt. Komisch nur, daß davon in der Praxis noch nichts angekommen ist. Im Gegenteil, die Kirche blockiert aktiv die Aufklärungsaktionen. Auch in den Problembereichen Arbeitnehmerrechte in kirchlichen Organisationen, Behandlung von Schwangerschaftsabrüchen, individueller sexueller Freiheit und Ökumene ist unter Ratzinger kein Fortschritt zu entdecken – ganz im Gegenteil hat er alte Wunden wieder aufgerissen und gefällt sich als intoleranter Verkünder der alleinigen Wahrheit.
Im nach der Tagesschau folgenden ARD-Brennpunkt schwadronierte dann Siegmund Gottlieb (nomen est omen) mit Notger Wolf [7], Abtprimas und bekennendenneoliberaler Sozialstaatsgegner sowie einem selbsternannten Papstkenner, den man eher als Papstzäpfchen bezeichnen müßte, in einer als Diskussion getarnten Süßholzraspel-Arie über das sensationelle Tagesereignis, das das Schicksal der Menschheit zukünftig entscheidend verändert. Wirkliche Realisten und Kritiker der Hintergründe waren nicht in Sicht. Bei der verzweifelten Suche nach den Stärken des scheidenden Pontifex wurde immer wieder seine hervorragende Stellung als Theologe und Wissenschaftler betont und darauf verwiesen, wie sehr er sich doch damit in den Dienst der Gläubigen und der Menschheit gestellt habe.
Da bleibt mir doch die Spucke weg: Dieser theoretische dogmatische Ideologe, dem man keine zehn Minuten zuhören kann, ohne einzuschlafen und dessen Wort- und Satzkonstruktionen so wenig mit dem Alltag eines Menschen in Beziehung zu bringen sind wie eine Botschaft über intergalaktische christliche Mission, soll für den einfachen Bürger, Gläubigen oder sogar Andersgläubigen irgend etwas Essentielles und Praktisches vermittelt haben? Ich habe ja viel Phantasie, aber auf eine solch abenteuerliche Aussage wäre ich nie gekommen! Wenn wir schon dabei sind, uns über die Definition eines „hervorragenden Theologen“ zu unterhalten, wie Benedikt angepriesen wird, dann habe ich das dringende Bedürfnis, klar zu stellen, welche Art von Theologen denn Menschen hilfreich unter die Arme greifen:
- der wissenschaftlich-theoretischer Theologe, der uns in dogmatischen Thesen, abstrakter Gottesverherrlichung und irrealen Heilsbotschaften daherkommt, die kein vernünftiger Mensch verstehen kann – oder
- ein praktisch veranlagter, undogmatischer und humanistisch ausgerichteter Theologe, der die von ihm gepredigte Nächstenliebe auch vorlebt, in die Tat umsetzt und die Menschen an die Hand nimmt – und der mutig Roß und Reiter nennt und notfalls auch gegen die vorgegebenen politischen und kirchlichen Normen vorgeht und Befehlsverweigerung ausübt?
Ich brauche diese Frage wohl nicht selbst zu beantworten und auch nicht noch besonders darauf hinweisen, daß ich mit dem ersteren Fall unseren hochgelobten theologischen Menschenfreund gemeint habe.
Wenn nun in den Medien schon fleißig über die Nachfolge spekuliert wird, um die nächste Sau durchs Dorf zu treiben, so sollten wir uns hinsichtlich der faktischen Aussichten über die Gesinnung des künftigen Kanditen, keinen Illusionen hingeben. Ich bin mir sehr sicher, daß Ratzinger als jahrzehntelanger Strippenzieher in den einflußreichsten Ämtern durch seinen Einfluß schon dafür gesorgt hat und sorgen wird, daß sein Nachfolger auf der gleichen reaktionären Linie wie er sein wird. Alleine durch die Tatsache, daß er im Laufe seiner Amtszeit den Großteil des Kardinalskollegiums (zur Zeit 125, die unter 80 Jahre sind und damit zur Papstwahl zugelassen sind) mit Leuten seines Schlags bestückt hat, erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß der Nachfolger Benedikts mit Sicherheit kein progressiver und reformfreudiger Mann sein wird. Alleine im November 2010 wurden 22 neue Kardinäle neu inthronisiert und für den kommenden Samstag wird eine weitere Anzahl von 24 Amtsträgern gekürt. Nicht unerwähnt soll auch bleiben, daß Ratzinger es dann geschafft hat, daß der Anteil der Kurienmitglieder, also des inneren harten Kerns und Zirkels des Systems, auf fast einem Drittel angewachsen ist. Und das läßt uns nichts Gutes hinsichtlich des zukünftigen Vatikankurses annehmen.
Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Berufung des bisherigen Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller in eines der wichtigsten Ämter in der katholischen Weltkirche. Papst Benedikt XVI. ernannte den 64-Jährigen vor einigen Monaten zum Präfekten der Glaubenskongregation in Rom, ein Amt, das er selbst von 1981 – 2005 ausgeübt hat. In seiner neuen Funktion ist Müller auch Präsident der Päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei", die für den Dialog mit der traditionalistischen Piusbruderschaft verantwortlich ist. Ferner leitet er künftig auch die Päpstliche Bibelkommission und die Internationale Theologische Kommission. Die romkritische Bewegung "Wir sind Kirche" beklagte, Müller trete in vielen Bereichen "für eine Profilierung der offiziellen römisch-katholischen Lehrmeinung, also für eine Polarisierung und nicht für eine Versöhnung" ein. Es sei zu befürchten, daß der Erzbischof darauf hinwirken werde, Reforminitiativen in der ganzen Weltkirche zu bekämpfen. Dies ist eine Befürchtung, die ich mit anderen Kritikern teile.
Quo vadis römisch-katholische Kirche? Könnte es in den abgehobenen außerirdischen römischen Führungsetagen noch nicht angekommen sein, daß die Kirche abgewirtschaftet hat und völlig unglaubwürdig geworden ist – gerade auch für die meisten Mitglieder dieser Kirche? Ich schätze, das dies so ist und man sich in diesen realitätsfremden Zirkeln – wie auch in der Politik – der Strategie des „Weiter-so-ohne-Rücksicht-auf-Verluste“ verschrieben hat. Na dann viel Spaß bei der Bauchlandung!
Peter A. Weber