«Und während Sie über Ungarn mal dies hören und mal das, sollten Sie besser schleunigst nach Brüssel sehen, wo von der Leyen das Projekt der Zweckentfremdung der EU, der Vergewaltigung der europäischen Verträge und der finalen Entmachtung der Nationalstaaten vorantreibt, als gäb’s kein Morgen. Ein Projekt, das nie etwas anderes als Ihre eigene Entmachtung, werter Bürger, war, die unter dieser Kommissionspräsidentin natürlich verlässlich aufs Hässlichste verschleiert ist.» (– Martin Sonneborn)
Civaka Azad - Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.
Empfang von al-Sharaa trotz Berichten über Sammelgrab mit mehr als 270 Toten
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V.
Während der selbsternannte syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa heute im Bundeskanzleramt empfangen werden soll, erschüttern neue Berichte aus Syrien die Öffentlichkeit. Im Fokus steht der Hinweis auf ein Sammelgrab mit mehr als 270 Leichen in der Naqqarin-Region östlich von Aleppo, nur rund zehn Kilometer von den kurdischen Vierteln Eşrefiyê und Şêxmeqsûd entfernt.
Die Informationen, die in der heutigen Ausgabe von Yeni Özgür Politika veröffentlicht wurden, dokumentieren, dass das Sammelgrab im Zusammenhang mit den Angriffen vom 6. Januar auf die kurdischen Viertel in Aleppo stehen könnte. Zugleich bleibt das Schicksal zahlreicher verschleppter und verschwundener Menschen ungeklärt. Zudem wird von Erpressung und Lösegeldforderungen gegenüber Angehörigen berichtet. Auch der Versuch, Leichen nur gegen Geld an Familien herauszugeben, soll stattgefunden haben.
Unter diesen Umständen ist es fatal, dass ein Politiker wie Ahmed al-Sharaa in Berlin empfangen wird. Statt Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen in den Mittelpunkt zu stellen, droht der Besuch zur politischen Aufwertung eines Akteurs beizutragen, unter dessen Kommando schwerste Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung stattfinden.
Dazu erklärt Mako Qocgiri, Mitarbeiter von Civaka Azad: „Solange Hinweise auf ein Sammelgrab mit mehr als 270 Toten im Raum stehen und gleichzeitig weiterhin Menschen verschwinden, darf es keine politische Normalisierung geben. Dass Ahmed al-Sharaa in einer solchen Situation im Bundeskanzleramt empfangen wird, ist ein Skandal. Wer einen solchen Besuch organisiert, sendet die Botschaft, dass selbst Vorwürfe schwerster Menschenrechtsverletzungen kein Hindernis für diplomatische Aufwertung sind.“
Weiter erklärt Qocgiri: „Gerade jetzt braucht es keine Bilder der Legitimation, sondern internationalen Druck, eine unabhängige Untersuchung und vollständige Aufklärung. Die Bundesregierung muss sich dazu verhalten, wie sie einen solchen Empfang rechtfertigt, während Berichte über Massaker, Verschleppungen und ein mutmaßliches Sammelgrab im Raum stehen.“
Notwendig ist jetzt eine unabhängige internationale Untersuchung der Berichte über die Verschleppten, Ermordeten und das mutmaßliche Sammelgrab. Die Vorwürfe müssen unter Beteiligung internationaler Mechanismen lückenlos aufgeklärt werden.
Das Verschwinden der Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad macht ebenfalls deutlich, wie problematisch der Besuch von Ahmed al-Sharaa in Berlin ist. Die Journalistin und Sozialarbeiterin aus Köln sowie ihr kurdischer Pressekollege wurden zuletzt am 18. Januar in Raqqa gesehen, wo sie über die Offensive der selbsternannten syrischen Übergangsregierung gegen die Selbstverwaltung berichteten. Nach Zeug:innenaussagen wurden sie von Truppen der sog. syrischen Übergangsregierung festgesetzt und in ein Militärfahrzeug gebracht. Seitdem fehlt von beiden jede Spur. Dass ihr Schicksal bis heute ungeklärt ist, steht exemplarisch für die Gewalt, das Verschwindenlassen und die Straflosigkeit, die nicht mit diplomatischer Aufwertung beantwortet werden dürfen.
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PJAK ruft Bevölkerung in Ostkurdistan zur Selbstorganisation auf
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V.
Die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK) hat die Bevölkerung in Rojhilat zu umfassender gesellschaftlicher Selbstorganisation aufgerufen. In einer Erklärung appellierte die Organisation an die Menschen, in Dörfern und Stadtvierteln lokale Selbstverwaltungs- und Verteidigungskomitees aufzubauen.
Die PJAK erklärte, die Region sei infolge der Politik der Islamischen Republik Iran zu einem zentralen Konfliktgebiet geworden. Seit Jahrzehnten werde die Bevölkerung des Landes ihrer demokratischen Rechte beraubt. Gleichzeitig hätten die gegenwärtigen Entwicklungen in der Region infolge des US-israelischen Angriffs eine Situation geschaffen, die sich zu einem länger andauernden Krieg ausweiten könne.
Aufruf zur Gründung lokaler Komitees
Vor diesem Hintergrund müsse sich die Gesellschaft frühzeitig organisieren, um auf mögliche Folgen vorbereitet zu sein. Die Partei rief dazu auf, in allen Orten lokale Komitees zu gründen, die Aufgaben in Bereichen wie Selbstverteidigung, Gesundheitsversorgung, Versorgung und Logistik übernehmen. Eine starke gesellschaftliche Organisation, gegenseitige Hilfe und Solidarität seien entscheidend, um die Auswirkungen eines möglichen Krieges zu begrenzen.
Zugleich warnte die PJAK vor Versuchen der iranischen Regimebehörden, Menschen aus bestimmten Regionen zu vertreiben. Solche Maßnahmen seien Teil einer Politik der Verdrängung. Die Bevölkerung müsse dem mit gesellschaftlichem Zusammenhalt und gemeinsamer Organisation begegnen.
Appell an die kurdische Jugend
In der Erklärung wandte sich die PJAK besonders an die Jugend in Ostkurdistan. Junge Menschen sollten eine führende Rolle innerhalb der Gesellschaft übernehmen, sich organisieren, politische Bildung stärken und zum Schutz der Bevölkerung beitragen. Jugendliche könnten sich zunächst in kleinen Gruppen zusammenschließen und Schulungen durchführen. Wer sich stärker engagieren wolle, solle sich der kurdischen Guerilla anschließen. Die Organisation bezeichnete den Eintritt in die Guerilla als Ausdruck patriotischer Verantwortung.
Warnung vor militärischen Einrichtungen
Angesichts von Luftangriffen auf militärische und sicherheitsrelevante Einrichtungen des iranischen Regimes rief die PJAK die Bevölkerung dazu auf, sich von solchen Standorten fernzuhalten. Regimekräfte nutzten teilweise Moscheen und Schulen als Schutzräume vor Angriffen. Die militärische Nutzung ziviler Einrichtungen gefährde die Bevölkerung und stelle ein schweres Unrecht dar, erklärte die Organisation.
Aufruf an frühere Mitglieder
Die PJAK rief zudem frühere Mitglieder und Unterstützer:innen, die aus unterschiedlichen Gründen den Kontakt zur Organisation verloren hätten, dazu auf, in der aktuellen Situation wieder zur Bewegung zurückzukehren. „Der Weg zu Frieden und Freiheit hängt entscheidend davon ab, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte in Kurdistan gemeinsam handeln“, heißt es abschließend in der Erklärung.
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Meine Stadt hat die Welt vor dem IS verteidigt. Warum wird sie immer noch belagert?
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V.
Beitrag von Serkeft Hisen, Kurdish Peace Institute
Das Land zwischen Euphrat und Tigris, die Heimat der Kurden, war Schauplatz der frühesten menschlichen Zivilisationen. Im Laufe der Geschichte waren die Kurden ein friedliebendes Volk, das neben anderen Völkern und Nationen lebte und weiterhin lebt.
Trotzdem waren die Kurden immer wieder mit Massakern konfrontiert. Nach dem Vertrag von Lausanne und der Festlegung der Grenzen, die Kurdistan teilten, setzten die Staaten, die kurdisches Land besetzten, ihre ganze Macht ein, um kurdische Gemeinschaften zu assimilieren oder zu eliminieren.
Gleichzeitig gab es jedoch eine andere Realität: Die Kurden leisteten stets Widerstand und forderten die formelle Anerkennung ihrer Rechte durch die Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien. Der Kampf der Kurden um ihre Rechte erreichte seinen Höhepunkt durch die Rojava-Revolution und insbesondere durch den Widerstand der kurdischen Stadt Kobane, aus der ich stamme.
„Hier werde ich den Widerstand von Kobane, seine Bedeutung für das kurdische Volk und die internationalen Mächte sowie die Gründe, warum diese Stadt derzeit belagert wird, erörtern. Ich möchte, dass die Welt sich daran erinnert, was unser Volk getan hat, um sie vor dem IS zu schützen, und dass sie uns jetzt in unserer Not beisteht.“
Viele Leser haben vielleicht noch nie von Kobane gehört. Diese Stadt liegt an der syrisch-türkischen Grenze. Im Norden liegen Pirsus (Suruc) und Riha (Sanliurfa). Im Süden liegt die Stadt Sirrin. Der Euphrat fließt zwischen Kobane und den Städten Manbij und Jarablus im Westen. Im Osten liegt Gire Spi (Tel Abyad).
Die kurdische Gesellschaft in Kobane ist nach wie vor eine Stammesgesellschaft. Ihre Bewohner sind bekannt für ihre Tapferkeit und ihre Weigerung, aufzugeben.
Als das Baath-Regime 1973 sein Projekt „Arabischer Gürtel” startete, mit dem es die Demografie in den Regionen Nordsyriens aufbrechen wollte, wurde der Name der Stadt von „Kobane” in „Ain al-Arab” geändert. Die Einwohner von Kobane akzeptierten dies nicht und verteidigten stets den ursprünglichen Namen ihrer Stadt. Sie lehnten auch die Einführung des Arabischen Gürtels in ihrer Region ab. Bis heute sind die Einwohner von Kobane die ursprünglichen kurdischen Bewohner der Region.
Aufgrund dieser Auflehnung wurde Kobane stets ignoriert und blieb unterentwickelt. Mehrere Jahre lang gab es in vielen Teilen der Stadt kein fließendes Wasser – das Wasserversorgungssystem war defekt, und die Baath-Behörden weigerten sich, es zu reparieren. In vielen Städten und Dörfern gab es weder Strom noch asphaltierte Straßen.
„Im Sommer 2014, nachdem der IS Mossul eingenommen, einen Völkermord an der yezidischen Gemeinschaft in Sinjar verübt und einen Großteil des syrischen Territoriums erobert hatte, sahen sich die regionalen Armeen außerstande, seinen Vormarsch aufzuhalten. Die Dschihadistengruppe nahm Kobane als ihr nächstes Ziel ins Visier.“
Mit dem Angriff auf Kobane hoffte der IS, die Errungenschaften der Kurden zunichte zu machen. In Kobane hatten die Kurden im Juli 2012 die Vertreibung der baathistischen Kräfte aus ihren Gebieten und den Beginn der Rojava-Revolution verkündet. Im Januar 2014 erklärten sie die Gründung des autonomen Kantons Kobane, eines von drei Kantonen Rojavas. Zum ersten Mal hatten die Kurden in Syrien eine eigene Verwaltung und konnten ihre Gebiete selbst regieren. Der IS wollte dieses Projekt zerstören und die Existenz der Kurden in Syrien beenden.
Der IS strebte auch die Kontrolle über die gesamte syrisch-türkische Grenze an, um Kämpfer und Ressourcen ungehindert nach Syrien hinein- und hinausbefördern zu können.
Die Türkei hielt eine IS-Präsenz an ihrer Grenze für besser als eine autonome kurdische Region. Es gibt nun Beweise dafür, dass die türkische Regierung und andere ausländische Mächte den IS stillschweigend oder aktiv unterstützten, als diese ihre Aufmerksamkeit auf kurdische Regionen richtete. Seit der Gründung der Republik im Jahr 1923 bis heute hat die Türkei stets alles in ihrer Macht Stehende getan, um sicherzustellen, dass die Kurden nichts erreichen und keine gesetzlichen Rechte und Anerkennung erhalten.
Aber es gibt ein kurdisches Sprichwort: „Siwar hatin, peya çûn“ – „Sie kamen auf Pferden und gingen zu Fuß.“ Im Widerstand von Kobane wurde dieses Sprichwort lebendig.
Zum ersten Mal vereinigten sich Kurden aus allen Teilen Kurdistans, um eine kurdische Stadt zu verteidigen. Die Guerillas der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) kamen aus den Bergen herunter, um zu kämpfen. Die Region Kurdistan im Irak entsandte ihre Peschmerga-Truppen. Viele junge Männer und Frauen aus ganz Kurdistan schlossen sich der Generalmobilmachung an und begaben sich aus eigener Initiative nach Kobane. Weltweit erhob sich die kurdische Diaspora zum Protest.
„Diese Demonstration kurdischer Stärke und Einheit hatte einen großen Einfluss auf die internationale Gemeinschaft. Die Weltmächte erkannten, dass sie die Kurden unterstützen mussten, wenn sie den IS besiegen wollten. Letztendlich intervenierte die Internationale Koalition zur Bekämpfung des IS, um die kurdischen Kämpfer zu unterstützen.“
Am Nachmittag des 26. Januar 2015 hissten die Kurden ihre Flaggen über Kobane. Der Plan zur Auslöschung der Kurden von Kobane war vorerst vereitelt worden.
Der Sieg in Kobane lag jedoch nicht im Interesse einiger Mächte. Am 26. Juni 2015 verübte der IS mit Unterstützung des türkischen Staates ein Massaker an der Bevölkerung von Kobane.
Ich war sowohl Zeuge des Angriffs des IS im September 2014 als auch des Massakers im Juni 2015. Unsere Nachbarschaft war ein kleines Viertel in Kobane namens Muxtele. Dort lebten etwa 100 Familien. Allein bei dem Angriff im Juni wurden fast 30 Menschen aus Muxtele getötet.
An diesem Morgen wurden wir durch Explosionen und Schüsse geweckt. Der IS hatte das Viertel vollständig umzingelt. Wir konnten Kinder schreien hören. Die Erde war rot von Blut.
Ich war gerade einmal dreizehn Jahre alt. Ich werde nie vergessen, wie meine Freunde aus Kindertagen, Şêrîn, Zanav, Mihemed und andere, getötet wurden, wie ich sah, wie das Blut aus ihren Körpern floss, und nichts tun konnte. Die Träume dieser Kinder wurden an diesem Tag zerstört. Solange ich lebe, werde ich nie vergessen, wie der IS mit Unterstützung der Türkei meine Freunde angegriffen und getötet hat. Wenn ich jetzt darüber schreibe, werde ich emotional. Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben.
Selbst nach diesen Tragödien arbeitete unser Volk daran, unsere Stadt wieder zum Leben zu erwecken. Alles, was die neue Autonome Verwaltung in den Monaten vor dem Angriff des IS getan hatte, um die Vernachlässigung während der Baath-Ära zu beheben, wurde im Krieg gegen den IS zerstört. Keine internationale Organisation kam, um zu helfen. Aber mit der Unterstützung der Kurden in der Diaspora und der kurdischen Gemeinden in der Türkei bauten die Menschen in Kobane ihre Häuser, Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen selbst wieder auf, besser als es der syrische Staat jemals getan hatte.
Vier Jahre später befand sich Kobane erneut an der Front. Als die Türkei 2019 in Gire Spi und Serekaniye einmarschierte, wurde Kobane vom Rest von Rojava und Nordostsyrien abgeschnitten. Im Jahr 2020 begann im Dorf Helince der Drohnenkrieg, der unsere Infrastruktur zerstörte und viele unserer politischen und militärischen Führer das Leben kostete. Drei Mitglieder von Kongra Star, der Frauenorganisation, wurden am 23. Juni desselben Jahres bei einem türkischen Angriff auf ein Wohnhaus getötet. Kinder lernten, das Geräusch von Drohnen zu erkennen und zu fürchten. Bauern konnten sich ihrem Land in der Nähe der Grenzen nicht mehr nähern. Viele Menschen flohen aus Kobane in andere Städte im Nordosten Syriens.
Der Sturz des Regimes bedeutete nicht das Ende des Krieges in Kobane. Am 6. Januar 2026 starteten bewaffnete Gruppen, die der syrischen Übergangsregierung angehörten, mit Unterstützung der Türkei, Katars und anderer Kräfte einen Angriff auf die kurdischen Viertel Sheikh Maqsoud und Ashrafiyah in Aleppo. Nach der Eroberung dieser Viertel nahmen sie die mehrheitlich arabisch bevölkerten Regionen Raqqa, Deir Ezzor und Tabqa ein, die zuvor unter der Kontrolle der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) standen. Schließlich richteten sie ihr Augenmerk auf Kobane und Jazira.
Bis zum 20. Januar waren diese beiden kurdischen Gebiete Syriens vollständig voneinander isoliert. Jazira hat einen Grenzübergang zur Region Kurdistan im Irak, über den Hilfsgüter, internationale Organisationen und andere Formen der Unterstützung ins Land gelangen konnten. Kobane war von allen Seiten umzingelt. Wasser, Strom und Internet waren vollständig abgeschnitten.
„Zehn Tage später, am 30. Januar, verkündeten die SDF und die Übergangsregierung ein umfassendes Waffenstillstands- und Integrationsabkommen. Aber die Stadt Kobane, die die ganze Welt vor dem IS geschützt hat, ist immer noch belagert.“
Meine Arbeit als Journalist hat mich nach Qamischlo geführt, aber meine Familie lebt weiterhin in Kobane. Ihre Lage ist sehr schwierig. Ich habe vor wenigen Tagen mit ihnen gesprochen. Sie erzählten mir, dass viele Menschen aufgrund des verseuchten Wassers krank werden. Krankheiten breiten sich aus und die Medikamente gehen zur Neige. Aufgrund der großen Zahl von Patienten und der begrenzten Ressourcen sind die Krankenhäuser nicht in der Lage, die Menschen wirksam zu behandeln. Sie haben keinen Strom. Jeden Tag werden die Vorräte an Gemüse und anderen lebensnotwendigen Gütern geringer.
Radikale Gruppen, die mit der Regierung verbündet sind, umzingeln Kobane weiterhin und verhindern, dass lebenswichtige Güter wie Medikamente und Treibstoff ins Stadtgebiet gelangen und Menschen fliehen können. Sie weigern sich, fast 50 Dörfer zu verlassen, die administrativ zur Stadt gehören und in denen sie nachweislich zivile Häuser geplündert und zerstört haben. Die Bewohner dieser Dörfer wurden gewaltsam in das Stadtzentrum vertrieben, wo sie in Schulen untergebracht sind. Wasser, Strom und Internet wurden wiederhergestellt, jedoch in einem Umfang, der weit unter dem notwendigen Bedarf liegt.
Die humanitäre Lage verschärft sich mit jedem Moment. Obwohl der in der Vereinbarung vom 30. Januar festgelegte Integrationsprozess begonnen hat, hat Kobane noch keinen Frieden und keine Ruhe gefunden. Dies weckt bei vielen Kurden Misstrauen hinsichtlich der Ernsthaftigkeit, mit der die Übergangsregierung ihre Verpflichtungen umsetzt. Die Belagerung von Kobane soll die Menschen dazu zwingen, ihre Häuser zu verlassen und ihr Land aufzugeben, um die Demografie der Region zu verändern. Auf diese Weise wollen sie verhindern, dass die Kurden ihre Rechte erhalten.
Wenn die Lage in Kobane so bleibt, steht dieser Region eine humanitäre Katastrophe bevor. Die Entwicklungen könnten leicht außer Kontrolle geraten. Um dies zu verhindern, muss die Regierung die Belagerung aufheben, ihre Truppen aus den kurdischen Dörfern abziehen und sich an ihre Versprechen halten und das Integrationsabkommen umsetzen.
Ich spreche jeden Tag mit Menschen, die in Kobane geblieben sind. Ihre Kinder sterben vor ihren Augen an Kälte und Krankheiten. Aufgrund der Belagerung können sie nichts tun. Eine Mutter, mit der ich gesprochen habe, sagte: „Dies ist unser Land, und wir werden es keinem Eindringling überlassen.“ Ich möchte die Welt in ihrem Namen fragen: Die Menschen dieser Stadt, die euch vor dem IS verteidigt haben, stehen vor einem Massaker. Warum schweigt ihr? Bedeutet Schweigen nicht Zustimmung?
Der Beitrag wurde zuerst am 21. Februar unter dem Titel My city defended the world from ISIS. Why is it still under siege? vom Kurdish Peace Institute veröffentlicht.
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Demaskierte Götter und nackte Könige: Die Legitimitätskrise der Weltpolitik und der Blick aus Rojava
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V.
Ein Gastbeitrag von Nupelda Azgar
Es gibt Momente, in denen Weltpolitik ihre Masken nicht mehr halten kann. Nicht, weil Moral plötzlich siegt, sondern weil Interessen zu offen, zu widersprüchlich, zu hastig verfolgt werden. Abdullah Öcalan beschreibt diese Epoche als Zeit der „demaskierten Götter und nackten Könige“. Herrschaft verliert ihre sakralen Begründungen und wirkt trotzdem fort, weil Macht sich selbst genügt.
Wer heute nach Nordostsyrien blickt, nach Rojava, auf die Selbstverwaltung, auf das Experiment demokratischer Autonomie unter Dauerbedrohung, sieht diese Entblößung in Echtzeit. Der Westen spricht von Stabilisierung und Integration, verhandelt mit neuen Machthabern in Damaskus und verkauft Realpolitik als Friedenspolitik. Gleichzeitig wird das kurdisch geprägte Projekt, das jahrelang als faktischer Bodenträger im Kampf gegen den Islamischen Staat fungierte, politisch und militärisch an den Rand gedrückt.
Jolani und die politische Metamorphose als Eintrittskarte
Im Zentrum dieser Verschiebung steht Ahmed al Sharaa, bekannt unter seinem nom de guerre Abu Mohammed al Jolani. Seine Biografie ist keine Randnotiz, sondern Kern der aktuellen Legitimationskrise. Er prägte die al Nusra Front, die als syrischer Ableger von al Qaida galt, und führte später Hayat Tahrir al Sham, kurz HTS. Heute tritt er als Präsident einer syrischen Übergangsordnung auf und erhält internationale Bühne und Gesprächskanäle.
Symbolisch kulminierte diese Normalisierung im Auftritt al Sharaas vor der UN-Generalversammlung im September 2025. Dort erhielt ein Mann die internationale Bühne, dessen Autorität nicht aus freien landesweiten Wahlen hervorgegangen ist, sondern aus den Machtkonstellationen eines vom Krieg zerrissenen Landes. Wer an diesem Ort spricht, wird nicht nur angehört. Er wird politisch aufgewertet.
Brüssels Beitrag zur Entblößung
Die Europäische Union (EU) hat diese Aufwertung in harte Politik übersetzt. Am 9. Januar 2026 reiste die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gemeinsam mit dem UN-Generalsekretär António Costa nach Damaskus und stellt ein Finanzpaket von rund 620 Millionen Euro für 2026 und 2027 in Aussicht, für humanitäre Hilfe, Frühaufbau und bilaterale Unterstützung. Die Kommission spricht von einem neuen Kapitel in den Beziehungen zu Syrien.
Man kann das pragmatisch nennen. Nach dem Sturz Assads, nach Jahren der Sanktionen, unter dem Druck von Fluchtbewegungen, Energiepolitik und regionaler Neuordnung. Aber man muss dann auch aussprechen, was politisch passiert. Legitimität wird nicht mehr an institutionelle Qualität oder demokratische Mindeststandards geknüpft, sondern an Nützlichkeit im Moment. Opportunismus in seiner reinsten Form.
Damit verschiebt sich zwangsläufig das Kräfteverhältnis: Wer als offizieller Ansprechpartner anerkannt und finanziell gestützt wird, gewinnt politischen Handlungsspielraum, während konkurrierende Ordnungsmodelle wie die demokratische Selbstverwaltung in Nordostsyrien leichter als nachgeordnet oder verzichtbar behandelt werden.
Die Abkommen mit der QSD und Integration als Unterordnung
Die neue Linie zeigt sich besonders in den Vereinbarungen zwischen Damaskus und den Syrischen Demokratischen Kräften (QSD) unter Mazlum Abdi. Am 10. März 2025 wurde ein Integrationsabkommen bekannt. Es zielt auf die Eingliederung von Strukturen in staatliche Institutionen und auf die Zusammenführung zentraler Funktionen, während entscheidende Fragen der politischen Selbstverwaltung offen bleiben.
Im Januar und Februar 2026 folgte eine Eskalations- und Verhandlungsphase. Waffenruhen, Gebietsverluste der QSD und schließlich das Einrücken staatlicher Sicherheitskräfte in kurdisch geprägte Städte wie Hesekê (Hasakah) und Qamişlo (Qamishli) unter einem Arrangement, das die Rückkehr staatlicher Institutionen in zentrale Bereiche vorsah. In der Wirkung markiert das eine Verschiebung: Die QSD verliert politischen Spielraum, während Damaskus Schritt für Schritt staatliche Präsenz und Zuständigkeiten zurückgewinnt. Das ist kein abgeschlossener Umbau, sondern ein Prozess, der je nach Frontlage, internationalen Absprachen und lokaler Akzeptanz voranschreitet oder stockt, für Rojava aber bereits jetzt die Richtung vorgibt.
Dass Integrationsformeln in der Praxis oft Unterordnung bedeuten, ist in Rojava keine Theorie, sondern Erfahrung. Selbst wenn Damaskus punktuell kurdische Rechte betont, bleibt die entscheidende Frage: Wer kontrolliert Sicherheit, Ressourcen, Verwaltung und Justiz? Damit verdichten sich die Drucklinien auf Rojava von mehreren Seiten zugleich, aus Damaskus ebenso wie aus Ankara.
Türkei als Hebel und das Muster der Friedensrhetorik
In dieser Gemengelage ist die Türkei nicht bloß ein Akteur unter vielen, sondern ein zentraler Taktgeber. Ankara behandelt Nordostsyrien nicht primär als technische Grenzfrage, sondern als Frage kurdischer Selbstorganisation. Entscheidend ist weniger, was Rojava militärisch tut, sondern dass dort kurdische Selbstorganisation und ein Autonomieprojekt existieren. Diese Priorität zeigt sich nicht nur in Syrien, sondern auch im inneren Umgang Ankaras mit Verhandlungssignalen und Friedensrhetorik.
Dazu passt das Muster der vergangenen Jahre. Der letzte ernsthaft institutionalisierte Lösungsprozess zwischen Ankara und der PKK ist 2015 gescheitert, danach folgte eine Phase harter Eskalation. Seit 2025 gibt es wieder Signale, Aufrufe, Waffenstillstandserklärungen und politische Manöver. Doch ob daraus ein belastbarer Verhandlungsprozess wird, ist offen und stark interessengeleitet. Selbst dort, wo Entspannung rhetorisch in Aussicht gestellt wird, bleibt sie an Machtkalküle gebunden und kann jederzeit zurückgenommen werden, etwa wenn außenpolitische Konstellationen, Syrien eingeschlossen, dies opportun erscheinen lassen. Für kurdische Akteure verfestigt sich daraus ein Muster: Verhandlungen werden als Druckmittel und taktisches Instrument genutzt, nicht als verlässlicher Weg zu eigenständigen Rechten und Autonomie.
Öcalan und die Krise der Legitimität
Die Bühne der Vereinten Nationen, diplomatische Anerkennung und europäische Hilfspakete wirken in dieser Konstellation nicht nur als Begleitmusik, sondern als Instrumente politischer Legitimation, die neue Machtverhältnisse absichern und alte Bündnisse entwerten können. Öcalans Analyse zielt darauf, dass die kapitalistische Moderne in einer strukturellen Krise steckt und damit auch ihre Legitimationsformeln. Staaten und Bündnisse argumentieren weniger mit universalistischen Normen, sondern mit Stabilität, Migrationsmanagement, Antiterror und Partnerschaft. Man kann das als Anpassung an eine multipolare Welt lesen. Man kann es aber auch als Symptom eines Systems lesen, das seine moralische Selbstbeschreibung nicht mehr einlösen kann. Genau dort sitzt die Metapher der nackten Könige: Macht steht da, ohne überzeugende Verkleidung.
Rojava ist, bei allen Widersprüchen, Defiziten und Abhängigkeiten, ein Gegenentwurf im Kleinen. Lokale Räte, Geschlechterbefreiung als politischer Anspruch, ethnische und religiöse Pluralität, Ökologie und föderale Ansätze. In Öcalans Begrifflichkeit sind das Elemente einer demokratischen Moderne gegen nationalstaatlichen Zentralismus und marktförmige Durchdringung. Dass dieses Projekt nun zwischen Damaskus, Ankara, Washington und Brüssel zerrieben wird, ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck der Prioritäten der Weltpolitik.
Selbstschutz statt Vertrauensvorschuss
Aus dieser Perspektive ist nachvollziehbar, warum sich in kurdischen Debatten die Schlussfolgerung verhärtet. Autonomie wird nicht durch freundliche Formeln, Konferenzen und Absichtserklärungen garantiert, sondern nur durch reale Machtmittel, politische Organisation, gesellschaftliche Resilienz und, wo nötig, Selbstverteidigung. Das ist keine Verherrlichung von Gewalt, sondern die nüchterne Lesart einer Region, in der Sicherheitsgarantien regelmäßig verfallen, sobald sie unpraktisch werden.
Die perfide Pointe ist weniger der Westen als moralisches Feindbild, sondern die Struktur. Dieselben Akteure, die jahrelang mit Normen argumentierten, legitimieren heute eine Normalisierung, die sie gestern noch ausgeschlossen hätten. Al Sharaa kann im September 2025 vor der UN-Generalversammlung sprechen. Brüssel sagt im Januar 2026 hunderte Millionen zu. Gleichzeitig verlieren die kurdischen Strukturen in Nordostsyrien unter Integrationsdruck und militärischen Realitäten ihre Verhandlungsmacht.
Wenn das die neue Normalität ist, dann ist Öcalans Metapher mehr als Literatur. Die Götter sind demaskiert, die Könige nackt. Und Rojava schaut nicht mehr auf die Kulisse, sondern auf die Mechanik dahinter.
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