Aktuelle Entwicklungen im Nordosten Syriens

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Civaka Azad
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Aktuelle Entwicklungen im Nordosten Syriens
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Aktuelle Entwicklungen im Nordosten Syriens


Analyse von Sinan Cudi, Serêkaniyê


Mit der Vollendung des ersten Monats der Angriffsoperation “Rubar Qamişlo” im Kanton Cizirê, wurden die Terrormilizen aus dem Gebiet vertrieben. Bei der noch nicht vollendeten Operation wurden bisher viele Spezialkräfte des IS getötet. Diese Operation ist für den Islamischen Staat gleichbedeutend mit einer historischen Niederlage.

Nachdem die ersten Angriffe des IS gegen Rojava Ende des Jahres 2013 und Anfang 2014 begannen, erreichten diese im August 2014 eine neue Phase. Mit der Einnahme der Millionenstadt Mosul und strategisch wichtigen Stützpunkten der syrischen Armee hat der Islamische Staat sich einen großen Vorteil erkämpft.


 

Karte Syriens - die militärische Situation vom 15.06.2015.

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Abgesehen dieser strategisch wichtigen Städte und Dörfer, hat der Islamische Staat große ölreiche Territorien unter seine Kontrolle gebracht und reichlich Waffen neuester Technik erobert. Dazu gehören hunderte Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, schwere Artillerie und raketenähnliche Waffen, die man von der syrischen und irakischen Armee übernommen hat.

Darüber hinaus haben die militärischen “Erfolge” und die grenzenlose Gewalt eine hohe Anziehungskraft erzeugt. Viele Soldaten und Kommandeure aus den verschiedensten Ländern sind aufgrund ihrer Leidenschaft nach Gewalt im Islamischen Staat zusammengekommen und vereinen die unterschiedlichen Militärtaktiken in ihr.


Kobanê ist ihnen zur Hölle geworden

Der Islamische Staat hat mit seiner hohen Schlagkraft das Ziel gehabt in Kurdistan einen strategischen Sieg einzufahren. Mit der Absicht Schrecken und Terror in der Weltöffentlichkeit zu verbreiten, haben die Kämpfer des IS den Besatzungs- und Massakerplan von Şengal versucht umzusetzen und scheiterten dabei nach eineinhalb Monaten Offensive am Widerstand der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und später auch der Volksverteidigungskräfte (HPG).
 

 

Nach den Misserfolgen im Gebiet Şengal, Rabia und Cezza wurde das Augenmerk auf das für den IS vermeintlich schwächere Gebiet Kobanê gelegt. Die Eroberung und Umbennung von Kobanê zu Ayn El Islam wurde dem IS zur Hölle, da er tausende Verluste hinnehmen musste. Mit der historischen Niederlage kam der Versuch auf, diese mit einem Angriff auf den Kanton Cizirê zu kompensieren.


Der Mythos des IS wurde zerschlagen

Fast Zeitgleich mit der Befreiung der strategisch wichtigen IS-Städte Til Hemis und Til Berak durch die YPG, begann ein neuer Angriff auf den Westen des Kantons Cizirê, da dieses Gebiet von Assyrern bewohnt wird und der IS nach dem Debakel in Şengal diese auf dem Gewissen hatte. Auf diese Weise hat der IS vergeblich versucht die Rückeroberung von Til Hemis zu verhindern und seine Angriffsstärke zu unterstreichen.
 

 

Mit dem Tod des Generalkommandeur der YPG, Rubar Qamişlo, begann die gleichnamig und erfolgreich andauernde Operation im Westen des Kanton Cizirê, die das Ziel hat, den IS aus dem Gebiet zu vertreiben und ihre ständige Bedrohung zu unterbinden.


In 15 Tagen 1100 Quadratkilometer befreit

Die erste Phase der Rubar Qamişlo Operation hatte das Ziel die Ausbildungslager und Militärquartiere auf dem Berg Abdulaziz, das strategisch wichtige Dorf Alya und die am 23. Februar eroberten Dörfer am Xaburfluss zu befreien. In den 15 Tagen, in denen die YPG 1100 Quadratkilometer von den Milizen befreit hat, mussten die Terroristen um ihre Flucht kämpfen und 500 Tote sowie mehr als 500 Verletzte vermelden.

In der zweiten Phase der Operation wurde nach zweitägiger Umzingelung die Stadt Mebrûka befreit. Diese liegt 33 Kilometer südwestlich von Serêkaniyê und hat mit seiner Eroberung durch die YPG den Weg geebnet, dass wichtige Grenzorte zu Nordkurdistan wie Rawiya und Dehma in kurzer Zeit unter Kontrolle gebracht wurden.


Was hat diese Operation bewirkt?

Mit der Eroberung der Territorien wurden die IS-Milizen aus dem Kanton Cizirê und aus Gebieten, in denen Sie möglicherweise überlegen sein könnten, vertrieben. Ausbildungslager, logistische Verbindungen und Militärquartiere wurden wie Terrorzellen, die Angst und Schrecken in Cizirê verbreiteten, vernichtet. In einem Monat wurden Kräfte des IS, die eine besondere Qualität haben, sowie weitere hunderte Kämpfer wie ein Leichentuch bereinigt.
 

 

Die Operation, die einen besonderen Effekt bewirkt hat und in Zukunft bewirken wird, ist jetzt schon eine historische Niederlage für den IS. Mit diesem Angriff wurde der Kanton Cizirê von einer großen Plage befreit und die Möglichkeit eines nachhaltig freien Rojavas gegeben, das den Prozess der Institutionalisierung vorantreibt.

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Civaka Azad
 



Quelle:  Chivaka Azad - Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e. V. > Artikel


Über Civaka Azad:

Seit Jahrzehnten gibt es in Kurdistan einen Krieg gegen das kurdische Volk. Dabei ist die Forderung der Kurden ausschließlich die Anerkennung ihrer Identität und ihrer Rechte. Allerdings ist diese Forderung Grund genug für die Regierungen der Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien, in denen die Kurden leben, um sie aufs Bitterste bekämpft. Und es ist ein Krieg, der in der Weltöffentlichkeit mehrheitlich keine Beachtung findet. Das ermutigt die Staaten bei Gelegenheit auch auf eine „schmutzige Kriegsführung“ zurückzugreifen. So werden sowohl zivile Opfer billigend in Kauf genommen, als auch Waffen eingesetzt, die nach Genfer Kriegskonvention geächtet sind. Die Schaffung von Öffentlichkeit und ihre Sensibilisierung für die Geschehnisse in Kurdistan können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diesen Krieg einzudämmen und mittelfristig den Weg für eine friedliche Lösung zu ebnen. Hierzu möchten wir als Civaka Azad unseren Beitrag leisten.

„Only bad news, are good news“, so lautet die Maxime vieler Mainstream-Medien hierzulande. Die Ereignisse aus Kurdistan werden, wenn überhaupt, nur einseitig mit dem Fokus auf den Krieg beleuchtet. Allerdings werden in Kurdistan seit Jahren trotz permanenten Kriegszustands auch Projekte für eine kommunale Selbstverwaltung und zivilgesellschaftliche Organisierung der Bevölkerung vorangetrieben. Die Menschen fangen an die Probleme ihrer Region basisdemokratisch selbst zu lösen. Es keimt ein freiheitliches, demokratisches, ökologisches und geschlechterbefreiendes Bewusstsein in der Bevölkerung auf. Mit diesem Bewusstsein und den fortschrittlichen Projekten bauen die Menschen aus Kurdistan ihre Civaka Azad – ihre freie Gesellschaft – gegen die permanenten Repressalien durch die jeweiligen Staatsapparate auf. Auch diesbezüglich haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, diese Projekte in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, um sowohl einen Schutz vor Repressalien zu bilden als auch Interessierten einen Einblick in das Projekt der Demokratischen Autonomie zu gewähren.

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Bild- und Grafikquellen:

 

1. Karte Syriens - die militärische Situation vom 15.06.2015. Grafik: Thomas van Linge, Amsterdam, NL. by @arabthomness . Quelle: Pieter Van Ostaeyen, https://pietervanostaeyen.wordpress.com/2015/06/15/syria-map-update-dd-june-15-2015/

2. YPJ-Kämpferin hält eine YPG Fahne. Die YPJ ist die Abt. der YPG, in der ausschließlich Frauen für die Rechte und Freiheit der Kurden kämpfen. Foto / Quelle: Kurdische Nachrichten > Webseite. KN (Kurdische Nachrichten) versteht sich als ein unabhängiges Nachrichtenportal, das vorwiegend über die Ereignisse in allen Teilen Kurdistans berichtet. Das Land der Kurden, Kurdistan, ist seit dem Vertrag von Lausanne 1923 in den Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien aufgeteilt. Über 40 Millionen Kurden leben verteilt in diesen Ländern. Schätzungen zufolge leben in der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz und in Österreich bis zu 1,2 Millionen Kurden.

Die Bemühungen der Kurden, als eigenständiges Volk mit seinen Rechten wie Kultur, Sprache und Identität anerkannt zu werden, wird von der Öffentlichkeit in Deutschland, Österreich und in der Schweiz ignoriert. Sie sehen zu, wie das kurdische Volk in der Türkei, im Irak, in Syrien und im Iran ständig verfolgt, massakriert und vertrieben wird. Nur wenige in diesen drei Ländern wissen über die wirkliche Lebensrealität der Kurden, ob in der Türkei, in Syrien, im Iran oder Irak.

Wenn es um die Kurdistan-Frage geht, wird die öffentliche Meinung in Deutschland, der Schweiz und Österreich mit negativen Bildern besetzt. Bis heute zeigt die Mehrheit der bürgerlichen Medien in diesen Ländern kein ernsthaftes Interesse daran, ein objektives Bild der Situation aus Kurdistan in die Öffentlichkeit zu tragen. Meistens bedienen sich diese Medien einseitig aus den propagandistischen Berichterstattungen türkischer, arabischer und iranischer Medien oder sie ignorieren das Thema Kurdistan völlig.

3. Die YPJ ist die Abt. der YPG, in der ausschließlich Frauen für die Rechte und Freiheit der Kurden kämpfen.. Foto / Quelle: People's Defense Units > http://ypg-rojava.com/en/

4. Members of the People's Defense Units (YPG) along with the Women's Defense Units (YPJ) managed to completely liberate Mt. Abd al-Aziz (Kizwanan) from Daesh terrorists; in this way they achieved another historical victory through a resolute operation against the group that lasted for 14 consecutive days in Heseke countryside, Cizire Region, Rojava. Foto / Quelle: People's Defense Units > http://ypg-rojava.com/en/ .

5.  Der kurdische Befreiungskampf wird ein vielen Fronten gekämpft. Bildquellen: arab.blogsport.de/ und Chivaka Azad - Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeit.

6. Buchcover "Revolution in Rojava - Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo" von Anja Flach / Ercan Ayboğa / Michael Knapp. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit der Kampagne TATORT Kurdistan.

352 Seiten | EUR 19.80 | VSA Verlag (Link zum Buch)| ISBN 978-3-89965-658-9

Bestellungen bitte direkt an: tatortkurdistanhh@googlemail.com


7. Buchcover "Demokratische Autonomie in Nordkurdistan. Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis". Eine Erkundungsreise in den Südosten der Türkei, herausgegeben von TATORT Kurdistan. Als eigenen Beitrag zur friedlichen Lösung der kurdischen Frage hat die kurdische Freiheitsbewegung in der Türkei ein alternatives Gesellschaftsmodell entwickelt: die Demokratische Autonomie. Unter schwierigsten Bedingungen gelingt es der Bewegung in Nordkurdistan seit 2005, Strukturen für den Aufbau einer demokratischen, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft zu schaffen.

Ihren Kern bildet ein Rätesystem, in dem sich die Bevölkerung in den Dörfern, Straßenzügen, Stadtvierteln und Stadträten basisdemokratisch organisiert. Diese Strukturen ermöglichen zwar noch keine autonome Lebensform jenseits der bestehenden staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, aber sie stellen bereits heute eine relevante zivilgesellschaftliche Gegenmacht dar. Der radikal-demokratische Aufbruch der Kurd_innen bietet so auch eine Inspiration für die Neugestaltung von Gesellschaften im Mittleren Osten und darüber hinaus. Die in dieser Broschüre dokumentierten Interviews bieten einen ersten Einblick in die konkrete Umsetzung einer linken Utopie.

Weiter Infos unter: http://demokratischeautonomie.blogsport.eu/

Zu bestellen bei ISKU unter: isku@nadir.org