Andenken an Jürgen Habermas

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Andenken an Jürgen Habermas
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Andenken an Jürgen Habermas 

Eine öffentliche, intellektuelle Persönlichkeit  

Quasi über Nacht waren alle Habermas 

Von Gerhard Mersmann | Forum-M7.com

Es ist schon kurios. Jetzt, nach dem Ableben von Jürgen Habermas (* 18. Juni 1929 in Düsseldorf; † 14. März 2026 in Starnberg) im Alter von 96 Jahren, wird dieser von Sprache und Stil schwer zugängliche Autor von über 50 Büchern und sicherlich gehörig Gelehrte von einer Öffentlichkeitsmaschine verwurstet wie ein ein Kilo Hack. Was die jeweilige Position gebrauchen kann, wird dem Klops entnommen und auf die Theke geworfen.

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Irgendwie bekommt man das Gefühl, dass quasi über Nacht alle Habermas waren. Und es verwundert nicht, dass genau die Sentenzen aus seinem umfangreichen Werk auf den Tisch kommen, die wenig mit seinen tatsächlichen Ansätzen zu tun haben, aber in die politische Propaganda dieser Tage passen. Sein Vorwurf des Linksfaschismus gegenüber der historischen Studentenbewegung des SDS muss heute eher als ein frivoler Ausrutscher gewertet werden. Und seine Forderung einer 'Europäischen Verfassung' verliert angesichts derer, die dieses jetzt zitieren, sofort an Glaubwürdigkeit, wenn sie ebendiese Forderung Habermas nach der deutschen Wiedervereinigung für die neue Republik lieber vergessen. 

Es verbietet sich, mit Ironie, Sarkasmus oder restringierter Polemik dem Werk eines Menschen zu begegnen, das so vielschichtig und elaboriert war. Vieles von dem, was er publiziert und gelehrt hat, hatte es in sich und traf die Zeit, in der wir leben. 

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Bekannt wurde er mit seiner politikwissenschaftlichen Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, in der er den Wandel von der höfischen zur bürgerlichen Gesellschaft unter dem Aspekt der Res Publica [1], der tatsächlich öffentlichen Angelegenheiten beleuchtet. Allein diese Schrift, die heute als historisch einzustufen ist und mit der er nicht von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in Frankfurt, sondern von dem Politologen und Hochschullehrer Wolfgang Abendroth in Marburg habilitiert wurde, wäre eine wunderbare Einleitung für eine Untersuchung darüber, inwieweit eine monopol-oligarchische Gesellschaft, in der alle Kanäle offen sind, die Machtstrukturen überhaupt noch zu offenbaren in der Lage ist.

Seine „Theorie des Kommunikativen Handelns“, ein fulminanter Meilenstein in der Sezierung unserer Gesellschaft, hatte allerdings wenig mit der tatsächlichen Gesellschaft zu tun und war ein Denkmodell unter Laborbedingungen. Dass viele, die das Werk studierten, es später dahingehend verballhornten, dass alles verhandelbar sei, hat sicherlich in eine der größten Sackgassen des politischen Diskurses geführt und eine Klasse von Akteuren zur Folge gehabt, die Utilitarismus und Opportunität zum obersten Prinzip erhoben haben.

Der Grundbegriff des kommunikativen Handelns erschließt den Zugang zu drei Themenkomplexen, die miteinander verschränkt sind: zum Begriff der kommunikativen Rationalität, zu einem zweistufigen, die Paradigmen von Handlung und System verknüpfenden Gesellschaftskonzept und zu einem theoretischen Ansatz, der die Paradoxien der Moderne mit Hilfe einer Unterordnung der kommunikativ strukturierten Lebenswelt unter die imperativen verselbständigten, formal organisierten Handlungssysteme erklärt.“ (– Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns). Als Lebenswelt bezeichnet man die menschliche Welt in ihrer vorwissenschaftlichen Selbstverständlichkeit und Erfahrbarkeit in Abgrenzung zur theoretisch bestimmten wissenschaftlichen Weltsicht. 

Jürgen Habermas hatte die große Gabe, mit seinen schlichten Buchtiteln die jeweils ganze Problematik oder Herausforderung auf den Punkt zu bringen. 

→ Erkenntnis und Interesse“, 

→ „Faktizität und Geltung“, 

→ Technik und Wissenschaft als Ideologie“, 

→ Die neue Unübersichtlichkeit“ 

etc., nahezu jede seiner Publikationen kann allein vom Titel her Diskurse eröffnen, die sich in einer vollkommen anderen Flughöhe befinden als alles, was der zeitgenössische Abgesang auf die aufgeklärte Gesellschaft zu bieten hat. Und allein die aufgezählten Titel dokumentieren, mit welcher Präzision die neuralgischen Punkte des gesellschaftlichen Daseins auf den Seziertisch gelegt wurden. 

Ja – ohne Interesse keine veritablen Erkenntnisse. 

Ja – was Fakt ist muss noch lange keine Geltung haben. 

Ja – das Wesen der Technokratie steht immer noch in Blüte. 

Ja – die verlorene Übersicht avanciert zum Massenphänomen. 

Das sind die Marksteine, an denen sich ein Andenken an Habermas festmachen sollte. Nicht alle Schlüsse, die er zog, muss man teilen [>> Artikel: Habermas - Der Umerzieher; H.S.], aber die Denkaufgaben, die er gestellt hat, dafür muss man außerordentlich dankbar sein. Und das Phänomenale dabei ist, dass es auch ohne die Lektüre geht. 

Stellen Sie sich einmal Diskussionsrunden allein mit den genannten Titeln vor! In privatem Kreis werden hervorragende Diskurse zustande kommen. Und dann stellen Sie sich einmal die aktuellen Gladiatoren der medialen Meinungsbildung mit diesen Aufgabenstellungen vor. Dann begegneten wir vielleicht einmal einem heilsamen Schweigen. Das ein Habermas nicht ertragen müsste. Und wieder einmal wäre er privilegiert!

Gerhard Mersmann [siehe als Lesetipp einen kritischen Artikel von Karl Richter + 4 Videos weiter unten! H.S.]

[1] „res publica“: 

Wortbedeutung: Res bedeutet „Sache/Angelegenheit“, publica bedeutet „öffentlich/gemeinschaftlich“. Wörtlich eigentlich „öffentliche Sache“, „öffentliche Angelegenheit“; hat jedoch nichts mit einer allgemeinen Öffentlichkeit zu tun; bezieht sich auf den Staat.

»Es gibt kaum etwas außer der Gefühlswelt, das nicht politisch ist oder im weitesten gesehen nicht von Politik beeinflusst wird. Das Wort Politik stammt vom griechischen „Polis“ ab, was Stadt bedeutet – also ist Politik das, was die Gemeinschaft der Menschen in der Stadt oder Kommune betrifft. Im Lateinischen gab es den Begriff „res publica“, was öffentliche Dinge heißt – also alles, was sich in der Öffentlichkeit abspielt. Wenn sich das so verhält, dann ist und bleibt es für alle Zeit in der Verantwortung des Menschen, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern und damit politisches Interesse zu zeigen oder sogar politisch aktiv zu werden.« (Peter A. Weber, Klotten)
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 Lesetipp:

Karl Richter: "Habermas - Der Umerzieher". 

»De mortuis nihil nisi bene – über die Toten soll man nichts Schlechtes sagen. Bei Jürgen Habermas, der am Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstarb, kann man eine Ausnahme machen.

Habermas war ein maßgeblicher Beförderer der deutschen Westbindung nach 1945, indem er die Linke mit einem modernisierten, um amerikanisch-jüdische Ansätze angereicherten Marxismus infizierte und sie auf Westkurs brachte. Er wurde zu einem der folgenschwersten Propagandisten der Umerziehung.

Der gebürtige Düsseldorfer, der während des Krieges immerhin Jungvolkführer bei der Hitlerjugend war, wurde danach schnell Opfer der „re-education“ und machte Karriere als moralischer Oberlehrer der jungen Bundesrepublik.

Kein anderer Intellektueller hat das politische Selbstverständnis der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft so geprägt wie Habermas, der den Deutschen beibrachte, ihre Traditionen zu verleugnen und ihr Heil in den „westlichen Werten“ zu sehen.

1999, beim NATO-Überfall auf Jugoslawien, bejubelte er diese und suggerierte, es werde ja nur „völkerrechtlich legitimierte Nothilfe“ geleistet. Überhaupt befinde sich die Welt auf dem „Weg des klassischen Völkerrechts der Staaten zum kosmopolitischen Recht einer Weltbürgergesellschaft“, fabulierte er.« >> hier weiterlesen.

 „Umerzieher der Nation“: Der lebenslange Kampf von Jürgen Habermas gegen die nationale Identität 

Ein kritischer Nachruf des Publizisten Prof. Dr. phil. Felix Dirsch (Dauer 19:01 Min.)

 Jürgen Habermas - Strukturwandel der Öffentlichkeit

Strukturwandel der Öffentlichkeit ist der Titel der 1962 erschienenen politikwissenschaftlichen Habilitationsschrift von Jürgen Habermas, die den Untertitel Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft trägt. Mit dem Titel Strukturwandel der Öffentlichkeit bezeichnet Habermas wie die an ihn anschließende sozialwissenschaftliche Diskussion einen umfassenden gesellschaftlichen Prozess, an dem Massenmedien und Politik sowie Bürokratie und Wirtschaft beteiligt waren und der die Entstehung der modernen Massengesellschaft prägte.

Gespräch mit Michael Haller (Dauer 40:04 Min.)

 Jürgen Habermas – Theorie des kommunikativen Handelns

Zusammenfassung im Podcast (Dauer 17:10 Min.)

In dieser Podcast-Folge nehmen wir die zentrale Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas unter die Lupe – von der Idee der idealen Versammlung bis zu den Implikationen für Demokratie und gesellschaftliche Interaktion – und diskutieren, wie seine Argumente unsere Sicht auf Sprache, Rationalität und gesellschaftlichen Wandel nachhaltig prägen.

 Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse | Jürgen Habermas - Wissen ist niemals neutral (Dauer 6:03 Min.)

Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, Knowledge and Human Interests, Kritische Theorie, Frankfurter Schule, Positivismuskritik, Hermeneutik, Emanzipation, Erkenntnistheorie, Sozialtheorie, Diskurstheorie, Theorie des kommunikativen Handelns, Objektivität, Neutralität, Wissenschaftstheorie, Ideologiekritik, Wissenschaft und Gesellschaft, Wissen und Macht, emanzipatorisches Interesse, praktisches Interesse, technisches Interesse, Philosophie einfach erklärt, politische Bildung, Soziologie, Medientheorie, Demokratie, Öffentlichkeit, Künstliche Intelligenz (KI) und Gesellschaft, algorithmische Verzerrung, Wissenschaftsvertrauen, moderne Philosophie, Gesellschaftsanalyse, Vernunft, Reflexion.

Diese Playlist versammelt zentrale Themen zum Denken von Jürgen Habermas. In kurzen, verständlichen Videos werden wichtige Begriffe, Werke und Ideen von Jürgen Habermas erklärt. Dazu gehören unter anderem die Theorie des kommunikativen Handelns, die Diskursethik, die Geltungsansprüche, die deliberative Demokratie, der Strukturwandel der Öffentlichkeit sowie Fragen zu Recht, Moral, Öffentlichkeit und moderner Gesellschaft.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Verständigung zwischen Menschen möglich ist und welche Rolle Sprache, Argumentation und öffentliche Diskussion für eine demokratische Gesellschaft spielen. Die Beiträge zeigen, warum Jürgen Habermas zu den wichtigsten Philosophen der Gegenwart gehört und warum seine Ideen auch im 21. Jahrhundert relevant bleiben.


Gerhard Mersmann, Dr. phil., (Jahrgang 1956), gebürtiger Westfale, ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen.

Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Publizistische Aktivitäten durchziehen seine gesamte Biographie. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse sind auf seinem persönlichen Blog M7 regelmäßig nachzulesen. >> https://form-7.com/ .


► Quelle: Dieser Beitrag mit dem Originaltitel "Jetzt waren alle Habermas!" wurde am 15. März 2026 erstveröffentlicht auf https://form-7.com/ >> Artikel. Eigentümer, Herausgeber und für den Inhalt verantwortlich ist Gerhard Mersmann.

ACHTUNG: Die Bilder, Grafiken, Illustrationen und Karikaturen sind nicht Bestandteil der Originalveröffentlichung und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten folgende Kriterien oder Lizenzen, siehe weiter unten. Grünfärbung von Zitaten im Artikel und einige zusätzliche Verlinkungen wurden ebenfalls von H.S. als Anreicherung gesetzt, ebenso die Komposition der Haupt- und Unterüberschrift(en) geändert.

► Bild- und Grafikquellen:

1. Jürgen Habermas, (Philosoph, Soziologe, Autor) bei einem öffentlichen Gespräch im Európapont, 30. Mai 2014. Európapont ist das Informations- und Kulturzentrum der Europäischen Union in Budapest, das von der Vertretung der Europäischen Kommission in Ungarn und dem Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments unterhalten wird. Foto: Europäische Kommission/Szabolcs Dudás. Quelle1: Flickr. Quelle2: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) (CC BY 2.0) lizenziert. 

Die Kernidee von Jürgen Habermas ist die Theorie des kommunikativen Handelns, die besagt, dass soziale Ordnung und Vernunft nicht durch Zwang, sondern durch verständigungsorientierte Kommunikation entstehen, wobei im "idealen Sprechakt" ein herrschaftsfreier Diskurs angestrebt wird, der zu einem rationalen Konsens durch das "bessere Argument" führt und soziale Koordination ermöglicht. Er unterscheidet zwischen kommunikativem Handeln (Verständigung) und strategischem Handeln (Interessendurchsetzung) und sieht in der Sprache das Potenzial für gesellschaftliche Verständigung und Problemlösung.

2. Jürgen Habermas, (Philosoph, Soziologe, Autor) während seines Vortrags im 7. Klassenzimmer von ELTE-Ambassa im Európapont, 29. Mai 2014. Európapont ist das Informations- und Kulturzentrum der Europäischen Union in Budapest, das von der Vertretung der Europäischen Kommission in Ungarn und dem Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments unterhalten wird. Foto: Europäische Kommission/Szabolcs Dudás. Quelle1: Flickr. Quelle2: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) (CC BY 2.0) lizenziert.