Aufgebrezelt: CSU im letzten Versuch

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Aufgebrezelt: CSU im letzten Versuch
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Aufgebrezelt

CSU im letzten Versuch

Ihre Parteifarbe müsste jetzt bald Lila werden: Die von Betreuungsgeld-Pleite, Modellauto-Pech und Maut-Panne blau-grün geschlagene Volkspartei hat in ihrer traditionallen Verzweiflung über die Zustände und den Zustand der Republik eine radikale Verjüngungskur beschlossen. Modernisierung nennt sie das, was in Zeiten der Postmoderne schon fast wieder antiquiert klingen mag. Sie verordnet sich zum Relaunch ein strammes PR-Programm: Frauenquote rauf, Jugendquote hoch, Facebook von früh bis spät und das ehrliche Versprechen, an den Inhalten ihrer Politik möglichst nichts zu ändern. Die Flüchtlingspolitik wird im Modus moderat modifiziert (alle Asyl-Schikanen bleiben bestehen, nur statt teurer Essenspakete werden nun Barauszahlungen verabreicht), die verstaubte Familienpolitik bleibt im Kern konserviert. Lediglich das Image wird aufpoliert: "Tablet und Trachtenhut" tragen sich leichter als "Laptop und Lederhosen". Wer würde denn heute noch mit "Wählscheibe und Wadlstrümpf" hausieren gehen? Oder mit "Gamsbart und Grammophon"? Auch "Zirbelstube und Zuse-Rechner" kämen nicht mehr so recht an. Kennt kaum noch jemand.
 

Etwas neues muss her, am besten ein neues Gwand. Das bringt Quoten. An die Intelligenzquotienten und Sozialverträglichkeits-Koeffizienten soll freilich nicht gerührt werden. Es geht ausschließlich um die Akklamations-Resultanten und letztlich um den Akzeptanz-Faktor, damit die Regierungskonstante gewährleistet bleibt. Denn Bayern verjüngt sich dank Zuwanderung aus Nord und Ost, und demnächst auch wieder verstärkt aus dem Süden. München wächst: Alles Junge, diese Zuzügler, da will man nicht alt ausschaun. Vielleicht muss man den forschen Ton etwas moderater auspegeln, ohne die morsche Botschaft zu verwässern: Die Bässe unverwechselbar reaktionär belassen, das gibt den geheimnisvollen Groove vom Subwoofer; darüber hin und wieder von Gemeinheiten gespickte Spitzen in den Höhen gezielt klirren lassen, das klingt techno. Statt "Abschiebelager" sagt man jetzt "Einreisezentren", und die "Taschengeldkürzung" mutet in den Ohren ehemals Betroffener ohnehin schon jugendlich genug an.

Jeder weiß, was gemeint ist. Und darauf kommt es an. Man seehofert jetzt noch fisteliger, solange Herrmann und Dobrindt Klartext in die Scheuer fahren. Der Traditionsverein soll mit allerlei kosmetischem Schnickschnack ins 21. Jahrhundert "integriert" werden. Bis vor der Jahrtausendwende kannte man den Begriff kaum. Doch hat er schon immer gewirkt: Der komplette rechte Rand ist fast vollständig inkludiert. Die bundesweite Union wurde längst erfolgreich intrigiert. Seit Strauß und Stoiber läuft das wie geschmiert.

Ein Frühstück mit Angela konnte Wunder bewirken, den eigenen Kanzlerkandidaten küren. Es könnte ja auch mal eine gemütliche Abendveranstaltung stattfinden im Singleclub eines Single-Trachtenvereins am Tegernsee, das würde die Kanzlerin auftauen und in seligen Jugenderinnerungen schwelgen und schwofen lassen. Dann könnte man ihr das Blaue vom FDJ-Hemd herunter erzählen, und dass dieses nun auch in Bayern nicht mehr strafbewehrt sei, sofern die Staatsanwaltschaft nicht noch Berufung einlegte. So ließe sich vielleicht manches regeln und ausbügeln. Rein demographisch gesehen: Bayern ist doch so beliebt bei den Deutschen, warum nicht nach zwei Versagern nochmal ein bayerischer Bundeskanzler?! Wenn er doch skypt? Für Audi-Fahrer kein Neuland!

Franz Josef musste das noch nicht mit dem neumodischen Zeugs. Sein letzter Schrei war die Idee, mit einem Wahlkampfbus durch die Lande zu ziehen, um Westdeutschland vor die Frage zu stellen: "Freiheit oder Sozialismus?" Das war unvorsichtig gewagt. Sein Tross wurde nämlich an einer Straßeneinmündung vom "Anachronistischen Zug" gestoppt. Er musste warten, bis die Militärlaster-Kolonne mit Strauß-Gegnern an ihm vorüber gezogen war samt "Plagenwagen" mit einem während der Fahrt polizeilich verhüllten Strauß-Double, das neben dem Raub (Göring) und dem Betrug (Goebbels) "Freiheit und Democracy" einfordern wollte. Seitdem ist auch symbolisch signifikant klargestellt: Bei der CSU hat Anachronismus Vorrang. Es hat dann auch nicht geklappt mit der rechten Machtergreifung, obwohl sich Nazis alle Mühe gaben, mit dem Wiesn-Attentat 1980 den Ruf nach dem starken Mann herbeizubomben.

Auch Stoiber, sein ehemaliger Wadlbeißer-Generalsekretär scheiterte. Dabei war die CSU doch schon immer aufgeschlossen (für Parteispenden in jeder Höhe) und weltoffen (für togolesische Königs- wie für lateinamerikanische Diktatoren). Da ließ sie sich nichts nachsagen. Jetzt will sie auch noch großstadt-kompatibel und jugenderträglich werden. Josef (Seppi) Schmid übt schon als Vize-OB in der Landeshauptstadt. Vielleicht versucht sie es noch mit etwas Pep (sobald der den FC Bayern hinschmeißt). Probieren könnte sie es auch mit einem Türken als Parteisprecher oder noch besser mit einerm türkisch-kurdischen Doppel an der Parteispitze. Das wäre zukunftsweisend, beinahe futuristisch: Ein Vorbild für ganz Deutschland, das komplette Abendland, den gesamten vorderen Orient!

Doch ganz so weit will sich die Partei noch nicht vorwagen, um sich in "Islamisch-Christlich-jüdische Sozial-Union" umzubenennen. Das ergäbe nur eine ätzende Abkürzung. Schön bedachtsam und achtsam: Man möchte ja die buddhistischen Wählerschichten nicht vor den Kopf stoßen und auch die Nichtgläubigen nicht vergraulen, die werden immer mehr. Eine Heidenarbeit wird das werden!

Ganz offenbar will die bayerische Regierungspartei zu ihrem 70. Geburtstag genauso wie aus dem Ei gepellt auf die Bühne treten wie die noch leicht ältere Mireille Mattieu, die mit derselben pechschwarzen Topffri­sur, demselben strah­len­den Augen­aufschlag, demselben breitoval aufgerissenen Mund mit dem vibrierenden Zäpfchen drin, demselben haareschüttelnden Kopf­wurf wie vor dreißig, vierzig Jahren bei Silbereisen auftrat, ohne irgendwelche Falten, ohne jedwede Alterungserscheinung. So als hätte man sie frühzeitig eingefroren, in Formalin eingelegt und zu diesem Auftritt reanimiert. So gut konserviert und wieder aufgetaut war sie umjubelt; wenn sie es denn wirklich war und nicht ein Klon oder ihre Tochter. Der CSU allerdings glaubte man ohne näheres Ansehen, dass sie das Original geblieben ist. Sie kann ihre altersbeharrende Traditionslinie von der Bayerischen Volkspartei her einfach nicht verleugnen.

Vielleicht wäre ja nur das "C" umzudefinieren in "charismatisch" oder "caritativ". Dann könnte man sich das "Soziale" ganz sparen. Die Kosmetik-Beratung wird noch viel Geld verschlingen. Bis die Christsozialen die Jetzt-Zeit erreicht haben werden, ist sie schon wieder vorüber. Lila jedenfalls kann schon rein markenschutzrechtlich nicht angehen: Der Konzern mit der nämlichen Kuh verklagt nämlich jeden, der seine eigens registrierte Farbe Lila verletzt. Für das neue Erscheinungsbild sieht es also dann eher schwarz aus. Traurig, aber wahr: Wir kondolieren bereits vorsorglich, falls was schiefläuft beim Lifting. Damit wir dann unbeschwert feiern können.

Wolfgang Blaschka, München
 



Bild- und Grafikquellen:

1. Bayerische-Brille weiß-blau. Foto: blu-news.org.  Quelle: Flickr. (Verlinkung funktioniert nicht mehr). Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

2. Alexander Dobrindt, MdB, (* 7. Juni 1970 in Peißenberg / Oberbayern), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur im Kabinett Merkel III. Er kritisierte Italien dafür, dass es afrikanische Flüchtlinge nach Deutschland schicke. "SPD und Grüne müssen endlich lernen, dass Integration nicht über eine Aufweichung und Zurücksetzung unserer eigenen Leitkultur und Werteordnung laufen darf." Hier (Foto) eröffnet er am 5. Mai 2015 die transport logistic 2015 (15. Internationale Fachmesse für Logistik, Mobilität, IT und Supply Chain Management, ihre Services und Produkte) in München.

Foto: Michael Lucan, München > http://www.lucan.org/. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert. Dieses Werk steht unter einer (oder mehreren) freien Lizenz(en), die mit den Lizenzbedingungen von Facebook nicht vereinbar sind. Eine Verwendung auf Facebook ist daher nicht zulässig, sondern wäre eine Schutzrechtsberühmung und Urheberrechtsverletzung. Bitte vermeiden Sie im eigenen Interesse, Dritten das Teilen/Sharen des Werkes bei Facebook anzubieten.

3. Joachim Herrmann (* 21. September 1956 in München) ist ein deutscher Politiker der CSU und seit 16. Oktober 2007 Bayerischer Staatsminister des Innern. Im Dezember 2011 kürte die Organisation Jugendliche ohne Grenzen Herrmann zum „Abschiebeminister des Jahres“. Zur Begründung hieß es, der Minister habe zuletzt verstärkt Flüchtlinge in den Irak abschieben wollen. Zudem habe Bayern mit 148 Flüchtlingslagern das am weitesten ausgebaute Lagersystem, in dem 7636 Menschen untergebracht seien. Die Unterbringung sei absichtlich schlecht, um die Bereitschaft der Flüchtlinge zur Rückkehr in ihre Heimat zu fördern.

Herrmann ist ein entschiedener Befürworter der Vorratsdatenspeicherung. Er nahm die Anschläge in Norwegen vom Juli 2011 zum Anlass, um erneut deren Einführung und eine schärfere Überwachung des Internets durch Sicherheitsbehörden zu fordern.

Über Bayern hinaus bekannt wurde Herrmann für das unter seiner Verantwortung erarbeitete neue Bayerische Versammlungsgesetz. Bayern ist das erste Bundesland, das im Zuge der Föderalismusreform ein eigenes Versammlungsgesetz verabschiedet hat. Das Gesetz ist umstritten, da es die rechtlichen Rahmenbedingungen für Demonstrationen generell verschärft. Die schikanösen Auflagen zur Demofreiheit anlässlich des G7-Gipfels zeigten erneut, was Herrmann in Bayern unter "selbstredender Demokratie" versteht

Foto: Jürgen Pohl, Germaringen. > https://juergenpohl.wordpress.com/. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-ND 2.0).

4. Horst Lorenz Seehofer (* 4. Juli 1949 in Ingolstadt) ist CSU-Politiker. Seit Oktober 2008 ist er Ministerpräsident des Freistaates Bayern und Vorsitzender der CSU. Seehofer war von 1992 bis 1998 als Bundesminister für Gesundheit und von 2005 bis 2008 als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Mitglied der Bundesregierung.

Foto: Flickr-user lars20070. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

5. Bayrische Rautenflagge. Urheber: derivative work: Fry1989. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.