Der Bischof bereut. Wird das Bistum auch Buße tun?

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Der Bischof bereut. Wird das Bistum auch Buße tun?
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Der Bischof bereut

Wird das Bistum auch Buße tun?


Beim weltberühmten Knabenchor der Regensburger Domspatzen herrschten jahrzehntelang Angst und Furcht vor Prügelstrafen und sexuellen Übergriffen. Seit 2010 drangen immer mehr Details des Systems einer Schwarzen Pädagogik ans Licht der Öffentlichkeit, doch das Bistum tat sich schwer im Umgang mit den Geschädigten.

Die SWR-Fernsehdokumentation "Sünden an den Sängerknaben", ein Film von Mona Botros, brachte ab Januar 2015 mehr Schwung in die Aufklärung der Verbrechen, die so lange verschwiegen worden waren und vor allem in den dritten und vierten Vorschulklassen in Etterzhausen und Pielenhofen als Bestandteil eines gnadenlosen Strafregimes verübt wurden von meist klerikalen Tätern.

Die sind inzwischen tot oder Greise, ihre Taten juristisch längst verjährt, doch viele Bertoffene leiden noch immer am vorzeitigen Ende ihrer Kindheit und an den Folgen ihrer Traumatisierungen durch brutale Präfekten und Direktoren. Nun organisieren sie sich und stellen Forderungen an die Römisch-Katholische Kirche in einem ihrer reichsten Bistümer.

Dem Beschwerdeführer war es bitter ernst: Er wollte eine detaillierte schriftliche Stellungnahme des Bischofs von Regensburg zu den grausamen Verhältnissen in Etterzhausen, unter deren Nachwirkungen er bis heute leidet, und eine bischöfliche Bitte um Vergebung, wenngleich Dr. Voderholzer für damalige Vorkommnisse keine persönliche Verantwortung trägt. Doch sein Bistum hat die früheren Zustände und deren Folgen sehr wohl zu verantworten.

Sünden an den Sängerknaben - Die Akte Regensburger Domspatzen – SWR (Dauer 44:35 Min.)


Treffen mit Begleitperson

Als der ehemalige Domspatz Anfang der sechziger Jahre an einer tagelang verspätet behandelten Meningitis laborierte, begann ein Leidensweg, der sein gesamtes Leben prägen sollte: Seitdem bekam er immer wieder kehrende epileptische Anfälle, die nicht nur seinen beruflichen Werdegang, sondern auch Intimbeziehungen empfindlich beeinträchtigten. Sein aus dem Weltkrieg verhärteter Vater wollte ihm bis ins hohe Alter nicht glauben, was er von Etterzhausen zu erzählen wusste. Daher bestand er auf dem Bischofsbrief, um ihn dem Vater noch vor dessen absehbarem Tod vorhalten zu können: Schau her, Paps, hier steht es schwarz auf weiß. Das Domspatzenheim war ein Terror-System.
 
Der heute 61-Jährige bekam tatsächlich, was er wollte: Ein offenes Ohr und einen ausführlichen Brief des Bistums-Vorstehers. Bis es soweit war, hatte es allerdings lange gedauert. An die 30 E-Mails gingen hin und her betreffs Örtlichkeits- und Termin-Findung sowie aller möglichen Modalitäten, bis hin zu der Frage, ob er denn eine Begleitperson mitbringen dürfe. Er nahm sie dann einfach mit. Auch der Bischof hatte seine Bistums-Beauftragte für Gewaltddelikte im Schlepptau. Im Anschluss an die Herbstversammlung der bayerischen Amtskollegen in Freising nahm sich der Oberhirte endlich Zeit und kam nach München zur Aussprache.


Kein entwürdigender Canossa-Gang für den Bischof
 
Er zeigte sich ernsthaft betroffen und räumte schwere Fehler und Versäumnisse der Kirche ein, insbesonders was die völlig verfehlte Personalpolitik der damaligen Zeit anbelangt. Total untaugliche Leute seien da auf Kinder losgelassen worden, ohne pädagogische Eignung und Qualifikation. Das "Terror-Regime", wie er es zutreffend nannte, beschäme ihn zutiefst angesichts des Leides, das den kleinen Vorschulsängern angetan wurde. Er könne nur an seine Predigt im Dom anknüpfend seine damalige Bitte um Vergebung nun persönlich wiederholen. Es wurde kein entwürdigender Canossa-Gang für den Bischof, geriet aber auch nicht zum einvernehmlichen Versöhnungsgespräch. Der ehemalige Domspatz blieb hartnäckig. Er ließ sich nicht von Worten einlullen, sondern forderte konkrete Taten.

Vier wesentliche Punkte waren ihm neben seinem persönlichen Anliegen wichtig:

 
– möglichst rasch eingeleitete Maßnahmen zur Erzielung handfester Ergebnisse bezüglich transparenter, das heißt also auch öffentlich gemachter Aufklärung, sowohl bezüglich detaillierter Vorkommnisse als auch die Systematik im Ganzen betreffend,
 
– das sofortige Ingangsetzen eines Verfahrens zur Aberkennung päpstlicher Ehrentitel für lebende und verstorbene Personen, die diese Würdigung aufgrund Ihres schändlichen Verhaltens nicht verdient haben, und die Zurücknahme entsprechender Widmungen,
 
– die Einleitung eines mit den ehemals Betroffenen in der zu bildenden Kommission einvernehmlich zu definierenden Verfahrens zur Auszahlung angemessener Entschädigungs- bzw. Wiedergutmachungs-Summen zugunsten der von Gewalt, Psychoterror und sexuellen Übergriffen Betroffenen, nicht nur in Etterzhausen und Pielenhofen, sondern für die Regensburger Domspatzen insgesamt,
 
– sowie eine jeweils persönliche wie auch öffentliche und öffentlichkeitswirksame bischöfliche Bitte um Verzeihung. Eine Predigt im Regensburger Dom oder eine Verlautbarung im Bistums-Rundbrief wird dazu wohl nicht genügen, wie wir gesehen haben. Dagegen wären echte Fakten mit konkretem Nachrichtenwert die beste Garantie, um auf die Titelseiten und in die Nachrichtensendungen zu gelangen.


Es geht um Transparenz, nicht um Trostpflaster
 
Von der Erfüllung dieser Forderungen wird abhängen, wieweit die Bekenntnisse des Bischofs glaubwürdig sind, und damit auch die Verlautbarungen des Bistums, das bis vor nicht allzu langer Zeit so verbohrt verschwiegen und vertuscht hatte, was nicht mehr zu verleugnen war. Da wurden abweisende Serienbriefe verschickt, die die Opfer schlimmster Übergriffe als unglaubwürdig diffamierten und beleidigten. Das begann sich zwischenzeitlich zu ändern. Mit pauschalen Anerkennungszahlungen an ehemalige Vorschüler in Etterzhausen und Pielenhofen von 2500 Euro pro Geschädigten wollte man das Thema zunächst möglichst geräuschlos vom Tisch bekommen. Doch daraus allein konnte nichts Vernünftiges werden, denn es geht um Transparenz, nicht um Trostpflaster.
 
Inzwischen wurde ein außenstehender Rechtsanwalt mit der unabhängigen Überprüfung der kirchen-internen Aufklärung der über Jahrzehnte begangenen Verbrechen beauftragt. Eine paritätisch besetzte Kommission aus Bistums-Vertretern und Betroffenen soll nächstes Jahr über geeignete Schritte zum Interessensausgleich zwischen der Kirche und den geschundenen Domspatzen beraten. Fast täglich melden sich mehr Leidtragende beim Bistum. Auch dazu hat Herr Voderholzer ausdrücklich aufgerufen und ermuntert. Zudem erklärte er sich bereit, mit jedem persönlich zu sprechen, der das wünscht. Nur von Fußwaschungen war noch keine Rede.
 

 

Die bescheidene Zahlung "in Anerkennung des Leids" wollte der Betroffene explizit nicht in dem Bewusstsein genommen haben, dass damit alles bereinigt sei, schon gar nicht vergeben und vergessen. Jetzt geht es um Aufklärung. Historisch ein Reizthema für die Römisch-Katholische Kirche, doch unabdingbar. Für eine Glaubensgemeinschaft sollte Glaubwürdigkeit die Existenzfrage sein.

Wolfgang Blaschka, München
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Der Dom, die Spatzen und der Pfaff

Vergewaltigungen und Prügelstrafen bei den Regensburger Domspatzen - weiter.

Katholische Kirchenkriminalität: Stockschläge und Stoßgebete

Persönliche Erfahrungen eines Regensburger Domspatzenweiter.

Dokumentation Sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche

Informationen über die Ökumenische Arbeits- und Selbsthilfegruppe. Wer sind die "Christinnen mit Gewalterfahrungen"?  - weiter.
 



Quelle:  Erstveröffentlichung bei regensburg-digital.de > Artikel.

Bild- und Grafikquellen:

1., 2. und das zum Artikel gehörende Bild auf der Startseite: Bildbearbeitung: WiKa.

4. Kirchenkriminalität - in der katholischen Kirche erwiesenermaßen seit Jahrhunderten angewandte Methode durch zahllose verhaltenssgestörte Priester und Würdenträger. Auch beim weltberühmten Knabenchor der Regensburger Domspatzen herrschte jahrzehntelang Angst und Furcht vor Prügelstrafen und sexuellen Übergriffen.

Bildidee: Helmut Schnug. Bildbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de. Bei Verwendung bitte unbedingt Hinweis auf www.Kritisches-Netzwerk.de. Originalfoto: Piers Nye, Oxford/UK. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0). Diese Lizenz gilt auch für das digital veränderte Bild.