Deutsche Klimapolitik: Verantwortungslosigkeit und totales Versagen

1 Beitrag / 0 neu
Bild des Benutzers Helmut S. - ADMIN
Helmut S. - ADMIN
Offline
Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Deutsche Klimapolitik: Verantwortungslosigkeit und totales Versagen
DruckversionPDF version

Deutsche Klimapolitik

Verantwortungslosigkeit und totales Versagen

von Franz Garnreiter / Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.

Vor zwei Wochen veröffentlichte das Umweltbundesamt (UBA) den vorläufigen Bericht über die Entwicklung der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2016. Während die Bundesregierung penetrantes Selbstlob als angebliche Klimaschutz-Vorkämpferin betreibt, verzeichnet das UBA (dem Umweltministerium zugeordnet) sogar einen Anstieg des Klimagasausstoßes: von 902 im Vorjahr auf 906 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in 2016 (CO2-Äquivalente: Methan und die weiteren Treibhausgase werden hinsichtlich ihrer Wirkung wie Kohlendioxidmengen bewertet und mit diesem Haupt-Klimagas addiert).

CO2-Emissionen-Erderwaermung-Klimaerwaermung-global-warming-Kritisches-Netzwerk-China-Smog-Luftverschmutzung-Treibhausgase-Klimawandel-Klimagipfel-Klimaschutz

Vor allem der Verkehr trägt zu diesem verheerenden Ergebnis bei: plus 5,4 Mio. Tonnen gegenüber 2015, sogar 2 Mio. Tonnen mehr als 1990: „So lange wir den Verkehrssektor in Deutschland umweltschädlich mit 28,6 Mrd. Euro pro Jahr subventionieren, wird sich an dieser Entwicklung nichts ändern“, kommentiert die UBA-Präsidentin Maria Krautzberger.

Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland: Zielerfüllung der Bundesregierung

  Jahresdurchschnittliche Reduzierung im Zeitraum … Bis zum Ziel minus 40 % in 2020 noch nötige jahresdurchschnittliche Reduzierung
Stand 1990   1,69 %
1990 – 1995 2,14 % 1,60 %
1995 – 2000 1,42 % 1,64 %
2000 – 2005 1,00 % 1,86 %
2005 – 2010 1,04 % 2,26 %
2010 – 2015 0,85 % 3,65 %
2015 – 2016 plus 0,40 % 4,64 %
1990 – 2016 1,23 %  

 

franz_garnreiter_klimazerstoerung_die_verantwortlichkeit_kapitalistischer_gesellschaften_kritisches_netzwerk_klima_klimawandel_treibhausgas_treibhauseffekt_emissionen_isw_spezial-30.pngGut 27 % Reduzierung wurden seit 1990 bis 2016 erreicht, bis 2020 will die Regierung, so verspricht sie landauf und landab, eine Reduzierung um 40 % erreichen. Das ist nicht mehr möglich bzw. es bräuchte eine mehrjährige extreme Wirtschaftskrise, siehe die Tabelle. Die Reduzierungen anfangs der 1990er Jahre lagen so gut wie ausschließlich in der angeschlossenen DDR: der Abbau der Industrie und der Bevölkerungsschwund bewirkten dort erhebliche Minderemissionen.

Seither müssen wir festhalten: Die Reduzierung der Emissionen fiel kontinuierlich immer schwächer aus, die Effizienz der Klimaschutzpolitik wurde entgegen aller Rhetorik immer geringer, das Ziel für 2020 ist angesichts der im Vergleich zum Ist hohen notwendigen Reduzierungsraten schon längst unrealistisch – wenn die bisherige Politik weiter geführt wird.

Mehr noch: Um vom Ziel 2020 (minus 40 %) auf das offiziell angestrebte Ziel 2050 (minus 90 % gegenüber 1990) zu kommen, ist eine jahresdurchschnittliche Emissionsverringerung über 30 Jahre lang um 5,80 % nötig. Dieses laufend wiederholte Versprechen ist nicht mehr als eine billige, verantwortungslose Dahinquatscherei (wobei man die Regierung durchaus beim Wort nehmen sollte). Angeblich soll der Klimaschutzplan 2050 einen Neuaufbruch darstellen. Tatsächlich ist er so wertlos wie die bisherige Politik, siehe dazu das isw-spezial 30: "Klimazerstörung. Die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften" (Januar 2017).

► Klimaschutzpolitik der EU

Läuft die Klimaschutzpolitik auf EU-Ebene besser? Keineswegs. Von 1990 bis 2015 erreichten die 28 EU-Länder zusammen nach den Daten der Europäischen Umweltagentur eine jahresdurchschnittliche Reduzierung um 1,09 % (seit 1990 kumuliert bis 2015 ergibt das 24 %). Die EU strebt bis 2030 (also 10 Jahre später als Deutschland) eine Emissionsverringerung um 40 % an – bleiben also im Jahresdurchschnitt noch nötige Reduzierungen um 1,57 % zwischen 2015 und 2030.

Klingt machbar, lässt aber außer Acht, dass 11 der 28 EU-Länder im Osten liegen und, ähnlich der DDR, nach 1990 eine scharfe Wirtschaftskrise und Emissionsreduzierung erfuhren: bis 2015 um 1,79 % im Jahresschnitt. Die westlichen EU-Länder reduzierten die Emissionen bis 2015 nur um 0,89 %, und wenn man den Sonderfall Deutschland (DDR-Anschluss) rausnimmt, nur um 0,74 % jährlich.

Das ist meilenweit entfernt von der Notwendigkeit, die genannte Reduzierung von jährlich 1,57 % zu erreichen, um das 40-%-Reduzierungsversprechen zu erfüllen. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Reduzierungsziel von 40 % bis 2030 vollkommen unzulänglich ist: Die reichen Länder, nach wie vor (an der Pro-Kopf-Emission gemessen) die Hauptverursacher der Klimazerstörung, müssen ihre Emissionen bis 2050 zu mindestens 80 % oder 90 % radikal herunter fahren.

Franz Garnreiter / Diplom-Volkswirt, Autor

____________________

Anmerkung von KN-ADMIN H.S.: "Menschengemachter Klimawandel" nennt man auch anthropoger Klimawandel. Das Adjektiv "anthropogen" (altgriechisch ánthropos „Mensch“, mit dem Verbalstamm gen- „entstehen“) ist ein Fachbegriff für das durch den Menschen Entstandene, Verursachte, Hergestellte oder Beeinflusste. So sind beispielsweise Kunststoffe anthropogen, da sie nur vom Menschen hergestellt werden. Die Bezeichnung anthropogen wird häufig verwendet für Eingriffe des Menschen in die Umwelt und für vom Menschen verursachte Umweltprobleme.

Als Gegensatz zu "anthropogen" wird häufig der Begriff "natürlich" verwendet. Viele Einflüsse auf die Umwelt können sowohl anthropogen als auch natürlich bedingt sein, wobei eine eindeutige Abgrenzung nicht immer möglich ist. So kann ein Waldbrand beispielsweise sowohl durch Menschen als auch durch eine natürliche Ursache (z. B. Blitzschlag) verursacht worden sein.

Die gestiegenen Bedürfnisse der Menschen, insbesondere seit der Industrialisierung in den sog. Industrieländern, haben weltweit anthropogene Veränderungen bis hin zu Schädigungen von Ökosystemen bewirkt und auch zu einem Rückgang der Artenvielfalt und damit der Biodiversität geführt.

Dieser Hinweis soll klarstellen: Klimawandel hat es selbstverständlich schon VOR den Menschen gegeben. Wenn in Artikeln wie diesem von "menschengemachtem" Klimawandel gesprochen wird, ist die zusätzliche, hergestellte und damit beeinflussbare Schädigung der Umwelt und des Weltklimas gemeint. Dummen Menschen, die behaupten es gäbe keinen "menschengemachten" Klimawandel und ihn leugnen, sei hiermit widersprochen!


Quelle: Erstveröffentlicht am 03. April 2017 bei isw-München > Artikel.

Mehr Informationen und Fragen zur isw:

isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.

Johann-von-Werth-Straße 3, 80639 München

Fon 089 – 13 00 41
Fax 089 – 16 89 415

isw_muenchen@t-online.de

www.isw-muenchen.de 


Infos über Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. :

Im Juni 1990 haben kritische Wirtschafts- und SozialwissenschaftlerInnen zusammen mit GewerkschafterInnen in München das isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. gegründet. Seitdem haben wir fast zweihundert Studien und Berichte veröffentlicht.

Das isw versteht sich als Wirtschaftsforschungs-Institut, das alternativ zum neoliberalen Mainstream Analysen, Argumente und Fakten für die wissenschaftliche und soziale Auseinandersetzung anbietet. Unsere Themen und Forschungen beziehen sich deshalb in besonderem Maß auf die "Bedürfnisse" von Gewerkschaften und von sozialen, ökologischen und Friedensbewegungen. Unser Anspruch ist, Wissenschaft in verständlicher Form darzustellen und anschaulich aufzubereiten. Deshalb sind isw-Ausarbeitungen auch besonders geeignet für Unterricht und Schulungsarbeit und als Grundlage für Referate und Diskussionen. Die Mehrheit unserer LeserInnen, AbonnentInnen und Förder-Mitglieder sind Menschen, die sich in Bewegungen und Gewerkschaften engagieren.

  • Im Zentrum unserer wissenschaftlichen Analysen und Forschungsarbeit stehen Fragen und Probleme der Globalisierung, der Bewegung des transnationalen Kapitals, der Rolle und Wirkungen der Multis und transnationalen Institutionen (IWF, WTO, OECD, G7, etc).
  • Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt bilden Verteilungsfragen: Einkommens- und Vermögensverteilung, Interdependenz von privatem / gesellschaftlichem Reichtum und Armut.
  • Im Rahmen der Friedensforschung befassen wir uns mit Aspekten der Rüstungsökonomie (z.B. Konzentration in der Rüstungsindustrie), der Militärstrategie und Auswirkungen von Rüstung und Krieg.
  • Im ökologischen Bereich konzentrieren wir uns auf Fragen der Energiewirtschaft und -konzerne.
  • Schließlich beschäftigen wir uns kontinuierlich mit Untersuchungen zur Entwicklung der Sozialsysteme, der Konjunktur- und zyklischen Entwicklung der Weltwirtschaft.

Auf Veranstaltungen und jährlich stattfindenden isw-Foren werden Erfahrungen ausgetauscht, Gegenstrategien diskutiert und Alternativen erarbeitet. Wir freuen uns über Vorschläge und Anregungen, aber auch über solidarische Kritik.

Unterstützung

isw braucht Fördermitglieder, Spenden und AbonnentInnen

Das isw kann inzwischen auf 25 Jahre intensiver Publikations-, Vortrags- und Seminararbeit zurückblicken. Ohne die Unterstützung unserer Fördermitglieder, ohne zusätzliche Spenden und ohne AbonnentInnen hätten wir dies nicht schaffen können.

Ein alternatives Projekt wie das isw ist auf aktive Mitarbeit und auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die materielle Grundlage unserer Arbeit schaffen unsere Leserinnen und Leser. Weder Parteien noch Verbände noch Stiftungen alimentieren uns. Unsere Publikationen finanzieren wir, neben der Selbstausbeutung der Autorinnen und Autoren und der zahlreichen Aktiven im Institut, aus den Beiträgen der rund 1.500 FörderInnen und AbonnentInnen. Jeder Euro, jedes zusätzliche Fördermitglied, jedes zusätzliche Abonnement ist von Bedeutung.


Bild- u. Grafikquellen:

1. GOOD GIRLS GO TO HEAVEN BUT CO" GOES EVERYWHERE. Grafik: Flickr-user LIZ. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

2. Cover der isw-Spezialausgabe # 30: "Klimazerstörung. Die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften" von Franz Garnreiter. Erschienen Januar 2017, 52 Seiten. Beschreibung und Inhalt - weiter. Bestellung bitte direkt über das isw-München - weiter.

3. Traurige Erde - Sad Earth. Ein Aktion in Chicago, um auf die Erderwärmung aufmerksam zu machen. Foto: John LeGear at TimComm.com . Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).