Die Schuldfrage und das Vermächtnis: Der Entwurf des neuen Traditionserlasses für die Bundeswehr

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Harry Popow
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Die Schuldfrage und das Vermächtnis: Der Entwurf des neuen Traditionserlasses für die Bundeswehr
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Die Schuldfrage und das Vermächtnis

Kritische Anmerkungen zum Entwurf des "neuen" Traditionserlasses für die Bundeswehr

Als Traditionserlass werden die „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“ bezeichnet. Nach ihrem Verständnis wird Tradition als die Überlieferung von Werten und Normen verstanden, die ein verbindendes Element zwischen den Generationen herstelle. Notwendig sei sie, um eine eigene Identität zu sichern.

1965 wurde vom damaligen Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) der erste Traditionserlass herausgegeben. Vorangegangen waren Auseinandersetzungen in und außerhalb der Bundeswehr, in welcher Form und wozu überhaupt „überlieferungswürdige“ Werte aus der deutschen Geschichte in der Truppe gepflegt und weitergegeben werden sollten. Das betraf vordergründig soldatisches Brauchtum oder Symbole, in stärkerem Maß aber Traditionen, die Orientierung im gesellschaftlichen Umfeld bieten könnten.

Angesichts der Rolle der unmittelbaren Vorläufer der Bundeswehr, Reichswehr und Wehrmacht, die als Institutionen wenig traditionswürdig erschienen, kam die Forderung auf, eine neue bundeswehreigene Tradition zu bilden, die dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform entsprach und dem Verständnis der Partner im westlichen Bündnis vom Schutz von Freiheit und Recht entsprach.

1982 folge der zweite noch heute gültige Traditionserlass. Er wurde vom damaligen SPD-Verteidigungsminister Hans Apel im Jahr 1982 erlassen. Mit ihm wurde der erste Erlass aus dem Jahr 1965 abgelöst. Vorangegangen war in Bonn eine öffentliche Traditionsdebatte über das Thema „Soldat und Gesellschaft“ vom 23. bis 24. April 1981.

2017: Der Entwurf eines "neuen" dritten Traditionserlasses für die Bundeswehr ist am Montag, 20. November 2017, versendet worden. Matthias Gebauer von SPIEGEL ONLINE hatte eine Fassung davon veröffentlicht.

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ENTWURF: Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege (Stand: 16. November 2017)

1. GRUNDSÄTZE

1.1 Tradition ist der Kern der Erinnerungskultur der Bundeswehr (einschließlich des Bundesministeriums der Verteidigung). Traditionspflege ermöglicht das Bewahren und Weitergeben von Werten und Vorbildern, die sinnstiftend sind. Sie verbindet die Generationen und gibt Orientierung für das Führen und Handeln als geistige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie fördert den kameradschaftlichen Zusammenhalt und das Innere Gefüge der Bundeswehr.

phrase_phrasendrescher_hohle_leere_phrasen_dummes_leeres_gerede_geschwaetz_martin_schulz_geschwafel_geschwurbel_kritisches_netzwerk_alternativlos_kritisches_netzwerk_inkompetenz.png phrase_rechts.png 1.2 Das innere Gefüge und der innere Zusammenhalt der Bundeswehr beruhen auf gemeinsamen Werten und überlieferten Vorbildern, die durch Tradition symbolisiert, bewahrt und weitergegeben werden. Tradition dient so der Selbstvergewisserung. Sie schafft und stärkt Identifikation, erhöht Einsatzwert und Kampfkraft und motiviert zu einer verantwortungsvollen Auftragserfüllung. Um ihre sinnstiftende, integrative und motivierende Wirkung entfalten zu können, muss die Tradition der Bundeswehr geistiges Allgemeingut aller Angehörigen der Bundeswehr sein. Sie ist im dienstlichen Alltag sichtbar und erlebbar zu machen. Gelebte Tradition spricht nicht ausschließlich Kopf und Verstand an, sondern auch Herz und Gemüt. Traditionsinhalte können daher auch durch Symbole und Zeremonien anschaulich werden.

Die Tradition der Bundeswehr ist Teil ihres Selbstverständnisses und stärkt den Rückhalt der Bundeswehr in der Gesellschaft.

1.3 Die Tradition der Bundeswehr überliefert und bewahrt ihr Erbe auf Grundlage des Wertefundaments des Grundgesetzes. Sie bildet sich in einem fortlaufenden und schöpferischen Prozess wertorientierter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Tradition ist nicht Geschichte sondern eine absichtsvolle und sinnstiftende Auswahl aus ihr.

1.4 Geschichtswissen und Geschichtsbewusstsein sind Voraussetzungen für Traditionsverständnis und für eine Traditionspflege, die sich an Werten orientiert. Fehlen sie, bleibt Tradition seelenlose Hülle und verkümmert zum Traditionalismus.

Die Tradition der Bundeswehr beruht auf den Werten und Normen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, auf der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auf den ethisch-moralischen Geboten der Konzeption der Inneren Führung und auf ihrer gesellschaftlichen Integration als Armee der Demokratie. (B.W.)

Bitte zunächst erstmal HIER weiterlesen!! (Vollständiger Text auch als PDF im Anhang zum Download!).

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Die Schuldfrage und das Vermächtnis

von Harry Popow / Schöneiche b. Berlin

Die Ausschmückung von Diensträumen mit Exponaten und Darstellungen der Wehrmacht und der NVA oder ihrer Angehörigen ist außerhalb von Ausstellungen in Militärgeschichtlichen Sammlungen nicht gestattet...

Wer die Dokumentation zum Entwurf des "neuen" Traditionserlasses der Bundeswehr richtig zu lesen imstande ist, traut seinen Augen nicht: Da wird zwischen Bundeswehr und Nationaler Volksarmee (NVA) ein Gleichheitszeichen gesetzt. Weder hinter der im Interesse des Finanzkapitals verbrecherischen Kriegshandlungen der Wehrmacht bestehenden tatsächlichen gesellschaftlichen Ursachen noch die dem westdeutschen Kapital Paroli bietende Politik des ersten deutschen Arbeiter-und Bauern-Staates samt ihren Streitkräften findet Erwähnung. Das dient der Machterhaltung des heutigen deutschen Imperialismus! Der Antikommunismus lässt grüßen.

Als einstiger Militärjournalist in der NVA stehe ich zu meinem Dienst. Ich bin stolz darauf, einen tiefen Sinn darin gesehen zu haben. Und mit mir unzählige Mitstreiter.

► Und heute, im Jahre 2017?

Was kann man denn von einer manipulierten imperialistischen Armee anderes erwarten als Diffamierungen auch gegen die Friedensarmee NVA. Der imperialistische Staat heuchelt auch in diesem Entwurf nach Frieden zu streben. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. An der Einschätzung dieses Staates und ihrer Armee als Vollstrecker des Willen der Wirtschaftseliten, die Stabilität des marktgetriebenen Systems zu festigen, ändert sich nichts, nichts an einem klareren politischen Profil der Parteien, nichts an weiteren Ängsten des Volkes um die Zukunft.

Gut zu erkennen am Kasperletheater der Bundestagswahlen. Der Schrei nach grundlegenden Veränderungen, von einigen Großmäulern hinausposaunt, um das Volk zu beruhigen und zu täuschen, verhallt ungehört vor allem bei jenen, die tief im Sattel der Konsumzufriedenheit sitzen.

Weshalb dieser pessimistische Ton?

Hat vielleicht jemand im Zerrspiegel des Wahlkampfes vernommen, ob auch die Probleme Krieg/Frieden angesprochen wurden?

Hat jemand die Finger auf jene Wunde gelegt, die seit der Befreiung vom Faschismus im Westen Deutschlands bis heute nicht einmal Erwähnung findet: Die Ursachen des Krieges und der im Jahre 2017 aggressiven Behauptung, Deutschland müsse mehr Verantwortung in der Welt übernehmen und schon wieder drauf und dran ist, die Rüstung weiter hochzupeitschen und sich für einen neuen Krieg zu rüsten?

Spielte dies eine Rolle im Wahlkampf?

Um zu verändern braucht es in der Friedensbewegung einen größeren geistigen Tiefgang und Entschlossenheit, dieser gefährlichen Wackelpudding-Gesellschaft in den Arm zu fallen. Die Schuld an Kriegsverbrechen sucht die Herrschaftselite nicht bei sich selbst, sondern beim Volk, bei den Deutschen damals, bei den Wehrmachtssoldaten. Welch eine Ablenkung von den eigentlichen Verursachern, den damaligen und den heutigen, die sich hinter der Maske von Freiheit und angeblicher Demokratie verbergen.

Dass die NVA-Angehörigen dem Schranken setzten und den deutschen Friedensstaat im Ernstfall im Bündnis des Warschauer Vertrages zu verteidigen bereit waren, das ist ein unglaublich großartiges Vermächtnis. Die Schuldfrage aber nach einem neuerlichen Aufbegehren des deutschen Kapitals, besonders mit Hilfe der Rüstung und der Bundeswehr, liegt auf der Hand.

Harry Popow: Autor, Blogger, Rezensent, Hobbymaler
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pin_green.gif Traditionserlass für die Bundeswehr 1982: Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr: Geschichte kann Tradition bilden, wenn sie als Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft begriffen wird. In welcher Tradition sich die Bundeswehr sieht – und in welcher nicht – ist im Traditionserlass von 1982 geregelt. Hier die 1982er Version im Wortlaut: >> weiter (siehe Text auch als PDF im Anhang zum Download!).

pin_green.gif Auslandseinsätze der Bundeswehr - Interaktive Weltkarte (Stand 17.3.2017)

Wo ist die Bundeswehr überall im Einsatz? Wie lange schon und was kostet das eigentlich? Die interaktive Weltkarte bietet einen Überblick über die laufenden Auslandseinsätze der Bundeswehr. 15 Auslandseinsätze bestreitet die Bundeswehr derzeit. Von Afghanistan bis Westsahara sind dafür mehr als 3.200 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Nach Angaben der Bundeswehr sind seit 1992 in Auslandseinsätzen 106 Soldatinnen und Soldaten ums Leben gekommen. Bis Ende 2015 sind für Auslandseinsätze etwa 19 Milliarden Euro an einsatzbedingten Zusatzausgaben angefallen. >> weiter auf bpb.de).

pin_green.gif Todesfälle in der Bundeswehr - Berlin, 03.04.2018 - Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 haben rund 3.200 militärische und zivile Angehörige der Bundeswehr infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten ihr Leben verloren. >> Bundeswehr.de >> Zahlen und Statistiken. (aktualisiert am 30.04.2018, H.S.)

pin_green.gif Todesfälle im Auslandseinsatz - Berlin, 31.07.2017 - Von den seit 1992 in die Auslandseinsätze entsandten Bundeswehrangehörigen starben 109 – 37 Soldaten fielen durch Fremdeinwirkung, 72 kamen durch sonstige Umstände ums Leben. >> Bundeswehr.de >> Zahlen und Statistiken.

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pin_green.gif "Bundeswehr: Der neue Werbefeldzug" - weiter.

Die Erleichterung des Soldatengewissens besteht darin, daß Soldat sich einredet, er habe mit dem Krieg nichts zu tun. Jawohl, der Soldat will auch keinen Krieg, aber trotzdem gehört der Soldat zum Krieg wie der Mörder zum Mord. Und wie viele Mörder sagen vor Gericht, sie haben den Mord nicht gewollt? Daß Krieg gleich Mord ist, dazu sagen auch viele Soldaten ja. Daß Soldaten Mörder sind, da rührt sich Widerspruch. Nur: wer Krieg mit Mord gleichsetzt, der muß auch Soldaten mit Mördern gleichsetzen. Denn es gibt keinen Mord ohne Mörder!

pin_green.gif Ralf Cüppers: "Mörder soll man Mörder nennen. Zur angemessenen Beschreibung der Tätigkeit von Soldaten - nicht nur im Krieg" >> Broschüre 91 Seiten (bitte bis zum Anhang am Seitenende runterscrollen!)

pin_green.gif "Bundesgerichtshof lehnt Entschädigung für Kundus-Opfer ab" - weiter.

pin_green.gif Forderung nach NATO-Austritt: „Unbedacht und abenteuerlich?“ von Sebastian Bahlo, Referent des Verbandsvorstandes des Deutschen Freidenker-Verbandes. - weiter.

pin_green.gif "Nordatlantikvertrag: Acht Gründe für den Austritt Deutschlands aus der NATO" von Elias Davidsson - weiter.



► Bild- und Grafikquellen:

1. Bundesadler mit Stahlhelm - Bundes Wer? . . . Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa), QPress.

2. + 3. Phrasen - nicht als leeres Geschwätz. Grafik: geralt  / Gerd Altmann  •  Freiburg. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. 

4. "Bundeswehr. Nach Jahren endlich wieder an der einzig richtigen Front." Foto: Reservistenverband.de. Bildbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress

5. Ex-Präsident Gauck: Deutschland muß endlich wieder mehr Krieg wagen. Bildbearbeitung:  Jan Müller / Borgdrone.de. Dieses Werk von borgdrone ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. (CC BY-ND 4.0).

6. Skulls: Todesfälle bei der Bundeswehr in Ausübung ihrer Dienstpflichten [sic!]. Grafik: thommas68 - Iván Tamás  •  Budapest/Magyarország. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. 

7. NATO raus - raus aus der NATO. Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa).