Die Veränderung gesellschaftlicher Semantik

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Die Veränderung gesellschaftlicher Semantik
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Die Veränderung gesellschaftlicher Semantik

Die sukzessive Zerstörung eines gesellschaftl. Zusammenhalts 

Hic Rhodus, hic salta!

Von Dr. Gerhard Mersmann | Forum-M7.com

bert_bertold_brecht_fuenf_schwierigkeiten_beim_schreiben_der_wahrheit_faschismus_luege_unwissenheit_leitmedien_luegenpresse_five_difficulties_in_writing_the_truth_kritisches_netzwerk.jpgBertolt Brecht, einmal gefragt, als er bereits zu den Großen am Dramaturgenhimmel seiner Zeit zählte, wie er denn sein Wirken einschätzte, antwortete mit dem Satz: „Ich habe Vorschläge gemacht. Einige davon wurden angenommen.“ Zu seiner Zeit wie auch noch viele Jahre danach wurde über diese Aussage kräftig geschmunzelt, weil man sie für einen Akt der bewussten Selbsverkleinerung hielt — nach heutiger Diktion als etwas wie 'Fishing for Compliments' betrachtete.

Aktuell vergeht kein Tag, oder besser, keine Stunde, in der nicht darüber berichtet wird, wer aus dem öffentlichen Leben oder aus der Deckung nicht etwas fordert. Nachrichten bestehen zumeist aus einer Auflistung von Forderungskatalogen, zumeist aus dem Munde derer, die eigentlich in der Verantwortung stünden, wenn sie ein konkretes Ziel vor Augen hätten, auch etwas dafür zu tun, um es zu realisieren. 

Es scheint aber der Glaube vorzuherrschen — und bedauerlicherweise nicht einmal zu Unrecht, — dass der Applaus eines wie immer gearteten Publikums nicht ausbleibt, wenn man lauthals auf einen Missstand hinweist und eine Forderung aufstellt, wie man ihn beseitigen könne. Selbstverständlich ohne die eigene aktive Beteiligung.

Setzt man die allgemein vorherrschende Gewohnheit gegen den Satz von Bertolt Brecht, so erscheint dieser nicht nur als ein von Demut geprägter Realitätsbezug, sondern er regt auch dazu an, den inflationären Gebrauch des Forderns zu Ende zu denken im Sinne eines Lebensresümees. Dann hieße dieses nämlich: „Ich habe vieles gefordert, aber kaum etwas hat sich verändert.

Wir haben es hier mit einer prickelnden Veränderung gesellschaftlicher Semantik zu tun. Die Ablösung des Leistungsgedankens von einer Selbstverpflichtung und Bewertungsmatrix hat zu einer sukzessiven Zerstörung eines wesentlichen Zusammenhalts einer Gesellschaft geführt. Der Sinn einer selben besteht in der Kooperation innerhalb eines gewissen Regelwerkes, das dafür sorgen soll, dass individuelle Leistungen, individuelle Bedürfnisse koordiniert werden mit kollektiven Leistungen wie Bedürfnissen. Und so wie es aussieht besteht darin eine der großen inneren Schwächen dessen, was sich momentan als der Westen definiert. Auch diese Formel ist sehr einfach auf den Punkt zu bringen: Keine Leistung, keine Kooperation, keine Weiterentwicklung, unbegrenzte Ausweitung von Defiziten — individuell wie kollektiv.

Bert_Bertolt_Brecht_Moralvorstellung_Egoismus_Erst_kommt_das_Fressen_dann_die_Moral_Charakterschwaeche_Ausbeutung_Auspluenderung_Neoliberalismus_Ethik_Kritisches-Netzwerk

Das Problem besteht darin, dass das, was man vielleicht so unscharf, wie es ist, als politischen Zeitgeist betrachten kann, die Frage nach Leistung, Eigenverantwortung und aktiver Kooperation nahezu als etwas Verwerfliches tabuisiert. Die Prognose ist nicht gewagt zu formulieren, dass die Entwicklung bei Beibehaltung dieses Zeitgeistes immer weiter den Weg nach unten und die Belang- wie Bedeutungslosigkeit beschreibt.

Und sollte jemand auf die Idee kommen, die Aussage Brechts auf einen rein verbalen Vorschlag ohne persönliche Konsequenzen reduzieren und ad absurdum führen zu wollen, stehen dem eine Werkausgabe von 20 Bänden und tausende Aufführungen seiner Stücke weltweit entgegen.

BERT_BERTOLT_BRECHT_Werksausgabe_Gesammelte_Werke_20_Baende_Stuecke_Gedichte_Gedichttsammlung_Lyrik_Prosa_Dramen_Theater_Misuk_Kritisches-Netzwerk

Sollte sich wieder jemand in Ihrem Umfeld oder in der so genannten „Großen Politik“ mit einer Forderung profilieren wollen, ohne zu sagen, wie das Ziel aussieht und worin die eigene Verantwortung und Leistung besteht, dann antworten sie bitte mit dem klugen Satz aus der Antike: Hic Rhodus, hic salta! aus der äsopischen FabelDer Fünfkämpfer und der Prahlhans“. Letzterer erzählte überall, wie er einst den weitesten Sprung der Welt auf der Insel Rhodos vollbracht hatte. 

Die klugen Zeitgenossen stellten ihn mit dem Satz: Hier ist Rhodos, jetzt springe!    

Dr. Gerhard Mersmann

»Es ist klar aus allem, daß Deutschland seine Krise noch gar nicht erfaßt hat. 
Der tägliche Jammer, der Mangel an allem, die kreisförmige Bewegung aller 
Prozesse, halten die Kritik beim Symptomatischen. Weitermachen ist die Parole. 
Es wird verschoben und es wird verdrängt. 
Alles fürchtet das Einreißen, ohne das das Aufbauen unmöglich ist.«

(– Bertolt Brecht: Journal Schweiz vom 6. Januar 1948, GBA Band 27, S. 262a/)

⭐⭐⭐⭐⭐

»Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.
Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.
«
Bertolt Brecht (* 10. Februar 1898; † 14. August 1956 in Ost-Berlin)

⭐⭐⭐⭐⭐

»Wer A sagt, der muß nicht B sagen. Er kann auch erkennen, daß A falsch war.«
Bertolt Brecht (* 10. Februar 1898; † 14. August 1956 in Ost-Berlin)

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»Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will,
hat zumindest
fünf Schwierigkeiten zu überwinden.

Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird;

die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird;

die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe;

das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird;

die List sie unter diesen zu verbreiten.

Diese Schwierigkeiten sind groß für die unter dem Faschismus Schreibenden, sie bestehen aber auch für die, welche verjagt wurden oder geflohen sind, ja sogar für solche, die in den Ländern der bürgerlichen Freiheit schreiben.« (Bertolt Brecht)

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Gerhard Mersmann, Dr. phil., (Jahrgang 1956), gebürtiger Westfale, ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen.

Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Publizistische Aktivitäten durchziehen seine gesamte Biographie. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse sind auf seinem persönlichen Blog M7 regelmäßig nachzulesen. >> https://form-7.com/ .


► Quelle: Dieser Beitrag wurde am 26. Juli 2026 erstveröffentlicht auf https://form-7.com/ >> Artikel. Eigentümer, Herausgeber und für den Inhalt verantwortlich ist Gerhard Mersmann.

ACHTUNG: Die Bilder, Grafiken, Illustrationen und Karikaturen sind nicht Bestandteil der Originalveröffentlichung und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten folgende Kriterien oder Lizenzen, siehe weiter unten. Grünfärbung von Zitaten im Artikel und einige zusätzliche Verlinkungen wurden ebenfalls von H.S. als Anreicherung gesetzt, ebenso die Komposition der Haupt- und Unterüberschrift(en) geändert.

► Bild- und Grafikquellen:

1. Bertolt Brecht oder Bert Brecht (* 10. Februar 1898 als Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg; † 14. August 1956 in Ost-Berlin) war ein einflussreicher deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke werden weltweit aufgeführt. Foto: Jörg Kolbe. / Bundesarchiv, Bild 183-W0619-307 / CC-BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons.  Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ (CC BY-SA 3.0 DE). lizenziert.  

2. Bertolt Brecht (auch Bert Brecht; * 10. Februar 1898 als Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg; † 14. August 1956 in Ost-Berlin) war ein einflussreicher deutscher Dramatiker, Librettist und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke werden weltweit aufgeführt. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ (Bertold Brecht). Diese Aussage schrieb Brecht im August 1928 in der Ballade „Wovon lebt der Mensch“ für das Dreigroschen-Finale des II. Aktes. Die Dreigroschenoper sollte später das erfolgreichste deutsche Stück des 20. Jahrhunderts werden.

Das Grundbedürfnis Ernährung zu erfüllen ist wichtiger sein, als die Notwendigkeit für moralische Ordnung und Lehre. Sobald das Überleben vom Organismus her gesichert ist, kann der Mensch damit beginnen, sich in moralischen Systemen einbinden zu lassen und eine Grundstruktur des Lebens zu schaffen, welche ein friedliches und ausgeglichenes Leben miteinander zur Verfügung stellt, für jeden Menschen, innerhalb dieser Ordnung.

Was einst Bertolt Brecht in seiner Dreigroschenoper der Bourgeoisie entgegnete, die gutsituiert den niedrigeren Schichten der Gesellschaft Moral predigen wollte, hat auch heutzutage weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren. Gesellschaftskritiker attestieren Menschen der modernen Gesellschaft immer wieder eine ausgeprägte Selbstsucht ohne Rücksicht auf die Umwelt oder Mitmenschen. Und das, obwohl „Bio“, „Öko“ und ein nachhaltiger Lebensstil gerade in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erfahren.

Brechts Äußerung verdeutlicht im Kern jedoch vor allem, dass die Opportunität moralisch zu agieren bestimmten Restriktionen unterliegt. Doch Restriktionen und Einflussfaktoren sind nicht immer nur finanzieller Herkunft. Das Bewusstsein der Gesellschaft für Verantwortung und Nachhaltigkeit scheint stetig zu wachsen. Das Kaufverhalten der Menschen ist nicht mehr ausschließlich von monetären Überlegungen bestimmt und das Marktverhalten der modernen Gesellschaft nicht mehr nur durch Eigeninteresse der Konsumenten dominiert. Zunehmend kann am Markt Verhalten beobachtet werden, welches kooperativ, altruistisch und von Werten und Normen geleitet ist.

Grafik: Foto von Bert Brecht aus Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert. Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0. Das Foto wurde in eine Textgrafik mit Brechts Zitat eingearbeitet und der Hintergrund von Helmut Schnug eingefärbt.

3. Bertolt Brecht — Gesammelte Werke in 20 Bänden, Schriften zur Politik und Gesellschaft. Werkausgabe Edition Suhrkamp. 

4. Bertold Brechts Grab auf dem Dorotheenstättischen Friedhof in Berlin. Foto: ideengruen. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).