Die Zeit ruft nach dem „starken Staat“

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Die Zeit ruft nach dem „starken Staat“
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DIE ZEIT ruft nach dem „starken Staat“

von Johannes Stern / wsws.org/de

In einem langen Artikel mit der provokanten Überschrift „Politische Führung: Darf's auch etwas mehr sein?“ ruft das liberale Wochenblatt DIE ZEIT nach einem „starken Staat“. Tatsächlich handelt es sich eher um einen Schrei. Buchstäblich in jedem Absatz wird dem Leser die zentrale Botschaft des Artikels eingetrichtert: Deutschland braucht wieder einen „starken, durchgreifenden Staat“!

Der Artikel beginnt mit folgenden Worten: „Wenn nicht alles täuscht, erleben wir gerade die Wiederkehr des starken Staates. Man muss nicht lange überlegen, um sich klarzumachen, dass die enormen Aufgaben, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen, nicht ohne einen starken Staat gemeistert werden können“.

Nur der „starke Staat“ könne die klassischen Staatsaufgaben „Sicherheit und Ordnung, Recht und Gerechtigkeit“ erledigen. „Die Zivilgesellschaft kann das nicht […], der Markt vermag es nicht, die Algorithmen der digitalen Staatsverächter von Google und Co. können es erst recht nicht, und Europa versagt gerade ziemlich kläglich“, schreibt der Autor des Artikels, Heinrich Wefing.

Im nächsten Absatz erklärt der politische Redakteur der ZEIT: „Alles spricht dafür, dass wir künftig mehr Polizisten brauchen, mehr Richter, mehr Lehrer, vermutlich auch mehr Soldaten und Spione. Und mehr heißt jeweils: viel mehr. Wir reden nicht von einer Handvoll zusätzlicher Sozialarbeiter und Staatsanwälte hier und da, sondern eher von Hundertschaften.“

Und weiter: „Integration, Innere Sicherheit, Intelligence, also Nachrichtengewinnung durch Geheimdienste – das sind die drei großen Aufgaben des Staates in den kommenden Jahren, und sie können nur gelingen, wenn der Staat über ausreichend Mittel verfügt – und sie auch einsetzt.“

Anschließend schärft Wefing seinen Lesern ein, dass niemand „um eine starke Exekutive herum“ komme. Wer etwa „die Grenzen schließen oder auch nur die Zuwanderung stark einschränken will, kann das nicht ohne Beamte und Kontrollen, nicht ohne Abweisung und Abschiebung, die notfalls mit Zwang durchgesetzt werden müssen“. Aber „auch derjenige braucht den starken Staat, der die Migranten nicht abweisen, sondern aufnehmen will“, fügt er zynisch hinzu.

Wefing lässt keinen Zweifel daran, was er mit einem „starken Staat“ meint. Er werde vermutlich bedeuten, „dass wir uns an das Lästige des Alltags im Schatten der Gefahr gewöhnen werden. An Sicherheitskontrollen vor Bahnhöfen und Behörden, an Leibesvisitationen vor Konzerten und Kaufhäusern. Anders, zugespitzter gesagt: Ein bisschen weniger Idylle, etwas mehr Israel.

Seiner Sehnsucht nach einem „wirkmächtigen Staat, der die Befolgung der Gesetze sichert und dafür auch die Mittel hat“, verleiht er immer wieder Ausdruck. Während sich die EU in der Flüchtlingskrise als „exekutiver Zwerg“ erwiesen habe, der weder „ihre Außengrenzen sichern“, noch „ihre Regeln durchsetzen“ könne, nutzten die Nationalstaaten „den Moment mit aller Entschiedenheit. Kontrollieren Grenzen, schließen Übergänge, bauen Zäune, lassen Militär aufmarschieren und Hubschrauber kreisen.“

Es mag vor allem ältere Leser überraschen, dass ausgerechnet DIE ZEIT derart aggressiv für einen „starken Staat“ und die massive Aufrüstung von Militär, Polizei und Geheimdiensten trommelt. Die Wochenzeitung galt lange als liberales Flaggschiff der deutschen Medien. Auf Wikipedia wird sie sogar als „linksliberal“ bezeichnet. Zu ihren Lesern gehören vor allem Akademiker und gebildete Mittelschichten, sprich das sogenannte deutsche Bildungsbürgertum. Obwohl bereits verstorben, firmieren der SPD-Altkanzler Helmut Schmidt und die NS-Kritikerin und mehrjährige Chefredakteurin, Marion Gräfin Dönhoff, nach wie vor als Herausgeber.


Wie ist der hysterische Ruf der Zeit nach dem „starken Staat“ zu erklären und was steckt dahinter?

In Wirklichkeit besteht kein Widerspruch zwischen der eher „linksliberalen“ Nachkriegstradition der ZEIT und ihrem Eintreten für Militarismus und Autoritarismus heute. Unter den Bedingungen der tiefsten Krise des Kapitalismus seit den 1930er Jahren und wachsenden politischen und sozialen Spannungen in Europa und weltweit sehen sich die deutschen Eliten gezwungen, all die rudimentären demokratischen und pazifistischen Phrasen über Bord zu werfen, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam auswendig lernen mussten.

Wefing selbst deutet an, was hinter der von ihm postulierten „historischen Trendwende“ steht: die Durchsetzung der innen- und außenpolitischen Interessen des deutschen Imperialismus mit militärisch-polizeilichen Mitteln. Und das notfalls auch unabhängig von den Verbündeten der Nachkriegszeit.

Wefing schreibt: „Angesichts der Abkehr der Amerikaner von Europa und dem Nahen und Mittleren Osten müssen wir […] unsere Sicherheit künftig selbst garantieren.“ Und das „in einem Ausmaß, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien und völlig quer steht zum habituellen Pazifismus der Republik.“ Der Kriegseinsatz in Syrien sei „da vermutlich allenfalls ein Anfang“.

Es gehe auch um „härtere Fragen. Um Entscheidungen, die uns innerlich zerreißen“. Man werde zum Beispiel „irgendwann nicht mehr um die Debatte herumkommen, ob wir in der Nachrichtengewinnung auf Dauer von den Amerikanern, Briten und Franzosen abhängig bleiben wollen“. Eine „Macht in der Mitte wie Deutschland“ müsse auch „bei der Aufklärung souverän werden“ und „gegen alle antrainierten politischen Reflexe die Geheimdienste ausbauen“.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt sich auch das wohlhabende deutsche Kleinbürgertum wieder so, wie es historisch entstanden ist. In der Geschichte hat es auf tiefe gesellschaftliche Spannungen und Krisen immer mit dem Ruf nach einem „starken Staat“ reagiert, um seine Pfründe gegen das Streben der Massen nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit zu verteidigen. Eine bürgerlich-demokratische Tradition gab es in Deutschland nie.

Bereits 1848 waren das Kleinbürgertum und die bürgerliche Intelligenz der demokratischen Revolution in den Rücken gefallen. Die Einigung des Deutschen Reichs durch „Blut und Eisen“ machte sie zu strammen Anhängern Bismarcks und des wilhelminisch-preußischen Staats. 1878 stimmten die meisten nationalliberalen Abgeordneten im Reichstag für die Verabschiedung der Sozialistengesetze. Am Vorabend des Ersten Weltkrieg waren die gleichen Schichten die glühendsten Unterstützer des deutschen Imperialismus und Militarismus und zogen 1914 begeistert an die Front.

Auch der „starke Staat“ Hitlers und der Militarismus der Nazis fanden breite Unterstützung im Milieu des wohlhabenden, gebildeten Kleinbürgertums. Hatten in der Weimarer Republik viele noch davor zurückgeschreckt, sich den Nationalsozialisten anzuschließen, unterstützten sie die Nazis später umso fanatischer. „Die Armseligkeit der nationalsozialistischen Philosophie hat die Universitätsprofessoren selbstverständlich nicht gehindert, mit vollen Segeln in Hitlers Fahrwasser einzulenken“, schrieb Leo Trotzki in seinem brillanten „Porträt des Nationalsozialismus“ im Juni 1933.

Die Zeit ist sich vollständig bewusst, in welcher Tradition sie mit ihrer Forderung nach einem „starken Staat“ steht. Wefing klagt, dass es „immer noch fast so etwas wie eine Provokation“ sei, „vom starken Staat zu sprechen“. Der Begriff löse „unweigerlich Abwehrreflexe aus“ und klinge „nach wilhelminischer Obrigkeit oder amerikanischer Polizeiwillkür, nach Massenüberwachung, Guantánamo und Waterboarding“.

Dann stellt er die rhetorische Frage: „Haben wir nicht lange genug schlechte, ja katastrophale Erfahrungen mit dem überstarken Staat gemacht, vor allem in Deutschland? Sind nicht all unsere politischen Quälgeister zugleich Verfechter des starken Staates, Autokraten wie Putin, Erdoğan, Orbán? Haben sie nicht endlos das Schwule und Schwächliche des Westens verhöhnt – und nun wollen wir ihnen auch noch recht geben? Und schließlich: Trumpfen die Staaten des Westens nicht gerade schon mehr als stark auf?“

Wefings zynische Antwort: „Wir brauchen nicht nur einen starken Staat, wir brauchen vor allem einen neuen Begriff davon, warum der Staat stark sein muss und was ihn ausmacht. Und wie er sich vom autoritären Staat unterscheidet.“
 

Es braucht die intellektuelle Verkommenheit eines bürgerlichen deutschen Journalisten, um zunächst auf zwei Seiten (Print-Ausgabe) für die Errichtung eines de facto Polizeistaats zu trommeln und dann zu meinen, mit einem begrifflichen Taschenspielertrick den wirklichen Inhalt der eigenen Vorschläge verschleiern zu können.

Tatsächlich ist der „autoritäre Staate“ genau der „starke Staat“, den Wefing fordert. Wie um zu unterstreichen, in welcher Kontinuität seine Forderung steht, lässt sich Wefing an einer Stelle zur Aussage hinreißen: „Fleisch und Blut behalten ihre Rolle in der Weltgeschichte, vor allem Blut.“
 

 

Wefings Artikel muss als ernste Warnung verstanden werden. Er ist Teil der neuen Zeit-Serie „Die Zeiten ändern sich/uns!“. Die Botschaft des größten „liberalen“ Wochenblatts könnte kaum deutlicher sein. Die Zeiten haben sich geändert, nicht aber die deutschen Eliten. Wie am Vorabend des Ersten und des Zweiten Weltkriegs reagieren sie auf die tiefe internationale Krise des kapitalistischen Systems, die heftigen politischen und sozialen Spannungen in Europa und die Verschärfung des Klassenkampfs mit ihren alten Rezepten: Militarismus, Krieg und Diktatur. (hier zum Nachlesen der komplette Artikel bei ZEIT ONLINE)

Johannes Stern



Quelle:  WSWS.org > WSWS.org/de > Artikel vom 24.12.2015.

Dank an Redakteur Ludwig Niethammer für die Freigabe zur Veröffentlichung.

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Bild- und Grafikquellen:

1. Logo der Wochenzeitung "DIE ZEIT" am Pressehaus in Hamburg, 2007. Urheber: Manfred Sauke. Quelle: Wikimedia Commons. Es ist erlaubt, die Datei unter den Bedingungen der GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation, zu kopieren, zu verbreiten und/oder zu modifizieren; diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

2. Gemälde "DIE ZEIT = ZEITBOMBE". DIE ZEIT heilt alle Wunden mit journalistischen Brandsätzen. Das nennt man dann wohl "Brandheilung!" Urheber: Gemälde von Alexander Donhofer. (* 7. November 1983 in Mödling bei Wien), der unter dem Künstlerpseudonym donhofer. arbeitet, ist ein österreichischer Aktionskünstler, Zeichner und Maler. Quelle: Wikimdia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

3. Kapitalistische Demokratie. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.

4. DIE ZEIT: Es braucht die intellektuelle Verkommenheit eines bürgerlichen deutschen Journalisten, um zunächst auf zwei Seiten (Print-Ausgabe) für die Errichtung eines de facto Polizeistaats zu trommeln und dann zu meinen, mit einem begrifflichen Taschenspielertrick den wirklichen Inhalt der eigenen Vorschläge verschleiern zu können. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.

5. Polizeistaat Deutschland. Foto: Flickr-user javierrldn, Hamburg Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

6. "DIE ZEIT hab ich nicht!" Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.

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Marie-Luise Volk
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Beigetreten: 28.10.2010 - 13:29
Weimar lässt grüßen


Weimar lässt grüßen


Wer sich jetzt noch verwundert die Augen reibt, wie solche Überlegungen eines Journalisten zustande kommen können, hat offensichtlich nicht mitbekommen, in welcher Zeit wir uns befinden: Weimar lässt grüßen. Statt vom "starken Staat" müsste Wefing von "Diktatur" sprechen.

Das sogenannte "Bildungsbürgertum" hat auch bis heute nicht begriffen, dass der Ausverkauf der Rechte voll im Gang ist.

  • Pressefreiheit? Nur wenn sie der "Political Correctness" entspricht.
  • Meinungsfreiheit? Fehlanzeige, wenn nicht die vorgegebene Meinung geäußert wird.
  • Wahlfreiheit, wenn Parteien sich den Staat zur Beute gemacht haben? Mitnichten.

Einfach lächerlich, wenn Wefing schreibt, dass "angesichts der Abkehr der Amerikaner von Europa und dem Nahen und Mittleren Osten wir unsere Sicherheit künftig selbst garantieren müssen". Wie bitte? Als ob die Amerikaner jemals ein Land aus ihren Fängen gelassen hätten. Mit allen Mitteln werden sie ihr Ziel "Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft" (siehe Artikel) zu sein, verfolgen, egal, wer dabei vor die Hunde geht. Und nur als "einzige Weltmacht" ist die weltweite Ausbeutung durchzusetzen. Und daran wird festgehalten. Bis zum bitteren Ende!

Und die EU? Selbst antidemokratisch strukturiert ist sie Teil des Kapitalismus. Die jeweiligen Völker Europas spüren zwar, dass etwas Furchtbares im Gang ist, merken aber nicht, dass sie alle miteinander den Weg Griechenlands gehen sollen. Sie wählen immer noch ihre Metzger selbst.

Marie-Luise Volk

 

 

 

 

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Ulrich Gellermann
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Beigetreten: 22.03.2013 - 15:43
DIE ZEIT ist Zeitverschwendung


DIE ZEIT ist Zeitverschwendung


Wie schön: Die liberale ZEIT verlangt nach einem starken Staat. Da konnte sie Recht haben: Ein Staat, dessen starkes Rückgrat sich nicht den US-Interessen beugt. Ein Staat, der die Interessen seiner Bevölkerung gegen die weltweit verbreitete Kriegshysterie wahrnimmt. Ein Staat, der die Reichen angemessen besteuert und den Armen eine Chance gibt. So ein Staat hätte Anhänger. Aber die ZEIT macht sich lieber Sorge um den „habituellen Pazifismus“ der Deutschen. Und schon wissen die Leser der ZEIT wieder wo es runtergeht: Nur keinen Krieg vermeiden, in Treue fest zum aggressiven Israel stehen, Stärke durch Aufrüstung zeigen.

Natürlich weigert sich der Autor der ZEIT, Heinrich Wefing, die Grundfrage aufzuwerfen: Wem soll denn der starke Staat gehören? Ein Staat, dessen Grundfesten von Genossenschaft gebildet werden, in dem das herrschende Eigentum den Vielen gehört und nicht von den Wenigen zur Herrschaftsausübung genutzt wird, da könnte man ja Staat im Interesse der Bevölkerung machen. Aber Wefing gibt uns einen sachdienlichen Hinweis, wenn er den Hauptgeschäftsführer des BDI, Markus Kerber, als Verfechter des starken Staates zitiert. Denn einen Staat, der vom Bundesverband der Deutschen Industrie dominiert wird, den haben wir doch schon. Einen Staat der sich an Kriegen beteiligt, um den Waffen-Export zu fördern, einen Staat, der TTIP fördert, weil auch die Deutsche Industrie gern Staaten verklagen würde, einen Staat, der mit der Hartz-Vier-Maschine ein Unterdrückungs-Instrument geschaffen hat, dass sich einen sozialen Anstrich gibt.

Nichts Neues bei der ZEIT: Allgemeines Wortgeklingel, lass uns mal über den Staat reden, aber die Machtfrage draußen vor lassen. Wie immer ist DIE ZEIT einfach nur Zeit-Verschwendung.

Ulrich Gellermann, Berlin


 



Grafikquelle:

1. "Versuche niemals einem Schwein das Singen beizubringen, du verschwendest deine Zeit und belästigst das Schwein." Zitat von Paul Dickson. Grafik: Eva-Maria Vogtel. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).
 

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
DIE ZEIT - Artikel von Heinrich Wefing


Es ist anscheinend an der Zeit

DIE ZEIT endlich abzubestellen

Wenn ein vermeintlich liberales Blatt, mit dessen Papierkeule man schon immer die eigene Oma erschlagen konnte, vor allem mit der Wochenend-Ausgabe, wenn also DIE ZEIT einen befremdlichen Artikel von Heinrich Wefing lanciert, in dem offen der "starke, der wirkmächtige Staat" gefordert wird in der trügerischen Hoffnung, dass dieser doch bitte nicht allzu autoritär ausfallen möge, dann ist es an der Zeit darüber nachzudenken, wieweit die Hysterie weiter Kreise des Klein- und Bildungsbürgertums gediehen ist.

Tatsächlich klingt die Beschwörung wie ein Bittgesuch an die Verbrecher im Bundesnachrichtendienst (BND), die Haudegen bei der Bundeswehr und die Zugriffs-Fanatiker in den Polizei-Apparaten, doch endlich klar Schiff zu machen und das Ruder entschlossen zu übernehmen.

  • Als müsste man denen das noch extra sagen!
  • Als hätten die Spitzel vom Verfassungsschutz nicht schon ausgiebig von Paris profitiert mit Stellenzuwachs, als wäre die Bundeswehr in Afghanistan nicht gerade erst aufgestockt worden.
  • Als müssten die Damen und Herren in den olivgrünen Strampelanzügen mit den geschulterten Maschinenpistolen noch deutlicher, noch entschiedener, noch zahlreicher in den Bahnhöfen herumlungern, völlig sinnlos zwar, aber überstundenschwanger bis zum Burnout!

Dass sie die Nazibrut in Heidenau nicht in den Griff bekommen haben, lag nicht an personeller Unterbesetzung, sondern am laschen Einsatzkonzept der sächsischen Polizeiführung. Dass die rechtsradikale Schildträgerin, die durch die Medien geisterte, nicht identifiziert wurde, lag offensichtlich am mangelnden Fahndungswillen der Staatsschutzbehörden. Wenn eine Polizei so etwas nicht vermag, dann sollte sie in ihrem absichtlichen Unvermögen nicht noch stärker aufgerüstet, sondern radikal von rechtem Personal gesäubert werden.

Viele Polizisten waren gegen Nazis sträflich geduldig.
 
Weder können sie etwas verhindern noch überhaupt tatsächlich etwas ausrichten im unwahrscheinlichen Fall, dass sie direkt neben einem Sprengstoffgürtelträger zu stehen kämen: Sollen sie in die Menschenmenge ballern? Entführte Flugzeuge abschießen? Ist das gemeint, dass Blut Geschichte schreibe? Die hilflose Bitte um mehr Staat wurde längst erfüllt, nur eben in die falsche Richtung.
 
Was wir brauchen, ist mehr Demokratie, ist mehr soziale Gerechtigkeit, weniger Rassismus und Dumpfdödel-Obergrenzerei. Die Stärkung der Zivilgesellschaft wäre zielführender als der Ausbau der Bürokratie und der Repressionsapparate. Welch hanebüchener Irrtum auch noch zu glauben, der Neoliberalismus sei der Totengräber des Staates! Er ist vielmehr der eigennützige Beförderer und Beschleuniger einer radikalen Schrumpfkur, die den Staat auf seine repressiven und hoheitlichen Aufgaben begrenzt sehen und allen "Sozialklimbim" über Bord geworfen sehen möchte, damit der unmittelbare Zugriff der Monopole auf die Staatsgeschäfte garantiert und wie zum Selbstbedienungsladen für die Vermögenden ausgebaut werden kann.

Klar, ohne Staat würde die systematische Umverteilung von unten nach oben nicht funktionieren. Klar, ohne Staat hätte die Bankenrettung nie stattgefunden. Klar, ohne Staat wären auch dem klammen Griechenland nicht die Daumenschrauben anzulegen gewesen. All diesen Staat, diesen bürgerlichen, der die Eigentumsordnung des Großbürgertums schützt, den gibt es längst.

Der flehende Ruf nach noch mehr Staat ist die lächerliche Unterwerfungsgeste gegenüber der bereits existierenden Wirklichkeit, ein Nach-Tarocken[1] und Zukreuzekriechen eines reaktionären Idealisten, möglicherweise mit ausgewachsenem Vaterkomplex. Die Zeit hat ihn längst eingeholt. Wir können drauf warten, bis er, nachdem er ohne Personalausweis in eine Polizeikontrolle geraten sein wird, wieder das Hohelied des "Nachtwächterstaates" singt.

Wolfgang Blaschka, München


(hier zum Nachlesen der komplette Artikel bei ZEIT ONLINE)



[1] Bedeutung von Nachtarocken: ein bereits gelöstes Problem oder eine schon beantwortete Frage noch einmal aufgreifen und neu diskutieren.

Tarock ist die Bezeichnung für eine große Familie von Kartenspielen, die in vielen Ländern Europas gespielt werden. Viele Spiele der Familie werden von ihren Spielern meist einfach „Tarock“ genannt, etwa in Österreich Königrufen, Zwanzigerrufen, Neunzehnerrufen und Tapp-Tarock sowie das Bayerische Tarock, wiewohl dieses nur Elemente der Familie übernommen hat und nicht direkt dazugehört. Die Urform des Tarock entstand um 1425 zur Zeit der Frührenaissance in der Po-Ebene, es gehört damit zu den ältesten tradierten Kartenspielen der Welt.

 


Bild- und Grafikquellen:

1. "Die Grenzen des Tyrannen werden bestimmt durch die Leidensfähigkeit der Unterdrueckten". Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

2. Kanzlerin Merkel: "Ich bin WIR sind das Volk!".

Originalgrafik ohne Inschrift: The Million Merkel March: "Je suis Angela". Photo illustration: Esther C. Werdiger (draws, writes and podcasts), New York.. Quelle: Esthers Twitter-Account ThatSoundsAce. Esther ist ART DIRECTOR for the jewish TABLET MAGAZINE, New York. Der Anlass für diese Merkel-Illustration ist eine Reaktion auf diesen Artikel: On Jan. 14, 2015, the Associated Press reported: “A small Jewish ultra-Orthodox newspaper in Israel is making waves internationally for removing German Chancellor Angela Merkel from a photo of this week’s Paris march out of modesty.” Die Grafik mit der Inschrift machte bei Twitter die Runde.

3. "DIE ZEIT hab ich nicht!" Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.

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Helmut S. - ADMIN
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Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
DIE ZEIT ist auch nicht mehr dicht!


DIE ZEIT ist auch nicht mehr dicht!

Haben wir noch nicht genug von einem "starken tausendjährigen Staat"? Siehe Frankreich, das genau wie die USA den Terroristen auf den Leim geht und die demokratischen Freiheiten einschränkt sowie auf Terrorangst setzt.

Ich habe keinerlei Angst vor irgendwelchem Terror - es sei denn, es ist der staatliche - meine Furcht gilt den weltweiten staatlichen Bestrebungen nach autoritärer Macht und Wirtschaftsfeudalismus!

Kämpfer für politische u. gesellschaftskritische Aufklärung, aber gegen Angepasstheit, Autoritätsgläubigkeit, fehlende kritische Distanz, digitale Demenz, Un-Bildung ..

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