Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben (ANDRE COMTE-SPONVILLE)

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Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben (ANDRE COMTE-SPONVILLE)
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Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben - Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte


Autor: André Comte-Sponville

Verlag: rororo (1. Februar 2010) – zur Verlagsseite

ISBN-10: 3-499-62599-7 …../…..ISBN-13: 978-3-499-62599-2

Taschenbuch, 416 Seiten

ich habe die mittlererweile vergriffene 391-seitige gebundene Ausgabe ergattert:

Verlag: Rowohlt, Reinbek (1996)

ISBN-10:  3-498-00911-7 …../….. ISBN-13: 978-3-498-00911-3


Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, warum Tugenden und Werte für den modernen Menschen attraktiv sind. Bringt uns die Angst vor der Gewalt zur Raison? Ist eine Ekelgrenze erreicht, was Politik oder Medien anbelangt? Ist es die Sehnsucht nach einem glücklicheren Leben, die jemanden aus der Beliebigkeit des "everything goes" aussteigen läßt? In achtzehn Abhandlungen entwirft der Autor eine Schule des Herzens und des Verstandes, die, von den Problemen unserer Zeit ausgehend, ermutigt, das eigene Leben auf den Prüfstand zu heben und Stellung zu beziehen.   

     
        
Inhaltsverzeichnis:
 
VORWORT
 
1 DIE HÖFLICHKEIT

  • Höflichkeit und Moral
  • der höfliche Schuft
  • der Mensch wird Mensch nur durch Erziehung (Kant)
  • tugendhaft werden: Höflichkeit als Anschein von Tugend
  • Stellenwert und Grenzen der Höflichkeit
  • Höflichkeit ist keine moralische Tugend, sondern ein Vorzug der Form
  • für den tugendhaften Menschen ist sie gleichwohl nötig.

2 DIE TREUE

  • Das Werden als Vergessen, der Geist als Gedächtnis und als Treue
  • die Treue als Erinnerungstugend
  • sie ist kein Selbstwert, ihr Wert wird vom Objekt bestimmt
  • die Pflicht zur Treue
  • Treue und Denken
  • Treue und Moral
  • Treue und Liebe.

3 DIE KLUGHEIT

  • Die Klugheit, eine Kardinaltugend
  • kritische Stimmen in der Neuzeit
  • die Klugheit (phronesis, prudentia) im Altertum
  • Aktualität der Klugheit
  • Klugheit und Zeit: Sie bedenkt die Zukunft, existiert aber nur in der Gegenwart
  • Klugheit und Moral.

4 DIE MÄSSIGUNG

  • Der Genuss
  • die Mäßigung als Kunst des Genießens und als Freiheit
  • die Mäßigung bei Epikur und Montaigne
  • Mäßigung ist nicht nur Gesundheitsvorsorge
  • Schwierigkeit der Mäßigung
  • die Mäßigung als Vermögen, das heißt als Tugend.

5 DER MUT

  • Mut wird überall bewundert, aber das beweist nichts
  • die Ambivalenz des Muts: Er kann auch zum Schlimmsten dienen
  • welcher Mut moralisch schätzenswert ist und warum
  • Mut als Charakterzug und als Tugend
  • Mut als Bedingung aller Tugend
  • Mut und Wahrheit: Mut ist nicht Wissen, sondern Entschlossenheit, nicht Meinen, sondern Handeln
  • Mut und Vernunft: der intellektuelle Mut
  • Mut und Zeit: Mut ist nicht nur auf die Zukunft gerichtet
  • der Mut der Verzweiflung
  • der Mut und die Hoffnung
  • Mut und Maß
  • Grenzen des Muts: Das Schicksal ist das Stärkere.

6 DIE GERECHTIGKEIT

  • Die Gerechtigkeit ist die einzige der vier Kardinaltugenden, die absolut gilt
  • Gerechtigkeit ist nicht nur Nutzen
  • Gerechtigkeit als Gleichheit und als Legalität (Aristoteles)
  • die Gerechtigkeit als Tugend: Sie ist mehr als Achtung vor dem Gesetz
  • der Gerechte und die Gerechtigkeit
  • das Prinzip der Gerechtigkeit: Alle Menschen sind gleichgestellt
  • das Kriterium der Gerechtigkeit: sich an die Stelle des anderen setzen
  • der Gedanke des Gesellschaftsvertrags
  • der «Urzustand» von Rawls
  • die Gerechtigkeit und das Ich
  • die Gerechtigkeit und die Liebe
  • Gerechtigkeit, Natur und Gesellschaft
  • die Kritik von Hume: die Gerechtigkeit und der Überfluss, die Gerechtigkeit und die Gewalt, die Gerechtigkeit und die Schwäche
  • Gerechtigkeit, Sanftmut und Mitleid
  • Gerechtigkeit, Gewalt und Gesetze
  • die Billigkeit
  • der Kampf um Gerechtigkeit wird nie enden.

7 DIE GROSSHERZIGKEIT

  • Die Großherzigkeit als Tugend des Schenkens
  • Gerechtigkeit, Solidarität und Großherzigkeit
  • der Egoismus: «Das Herz des Menschen ist hohl und voller Unrat» (Pascal)
  • Großherzigkeit, Edelmut und Freigebigkeit
  • Großherzigkeit und Freiheit: Descartes
  • die Großherzigkeit und die Liebe
  • Großherzigkeit und Seelenstärke (Spinoza)
  • die Großherzigkeit als Wunsch zu lieben: Großherzig sein heißt lieben wollen und entsprechend handeln
  • die Moral der Großherzigkeit: «gut zu handeln und sich zu freuen» (Spinoza)
  • die Großherzigkeit, ihr Ursprung und ihre Gegensätze; die verschiedenen Bezeichnungen für die Großherzigkeit.

8 DAS MITLEID

  • Das Mitleid steht nicht hoch im Kurs
  • Sympathie und Mitleid: das Mitleid als Mit-Leiden im Schmerz und in der Traurigkeit
  • Kritik des Mitleids bei den Stoikern und bei Spinoza
  • Mitleid ist immer noch besser als das Gegenteil
  • commiseratio und misericordia bei Spinoza: besser betrübte Liebe als freudiger Hass
  • Mitleid und Nächstenliebe
  • das Mitleid bei Schopenhauer und Rousseau
  • Mitleid und Grausamkeit (Hannah Arendt)
  • Mitleid und bedauerndes Erbarmen
  • das Mitleid als Gefühl und als Tugend
  • die Nächstenliebe und das Mitleid: Christus und Buddha.

9 DIE BARMHERZIGKEIT

  • Die Barmherzigkeit ist die Tugend der Vergebung
  • Vergeben ist nicht Vergessen
  • Barmherzigkeit und Mitleid: zwei verschiedene, aber zusammengehörige Tugenden
  • die Barmherzigkeit und die Liebe
  • die Barmherzigkeit, eine geistige Tugend
  • Barmherzigkeit und Freiheit
  • die beiden Arten zu vergeben: Vergebung als Gnade oder als Wahrheit
  • die Barmherzigkeit als Sieg über den Hass
  • kann man alles vergeben? Barmherzigkeit und Kampf
  • Barmherzigkeit für alle und für sich selbst.

10 DIE DANKBARKEIT

  • Die Dankbarkeit ist die angenehmste, aber nicht die leichteste Tugend
  • Dankbarkeit, Großherzigkeit und Liebe
  • Dankbarkeit und Demut
  • das Sein als Gnade
  • die Dankbarkeit als Freude der Erinnerung: Sie ist Liebe des Gewesenen (Epikur)
  • Dankbarkeit und Trauerarbeit
  • die Dankbarkeit als Tugend: Sie schließt Liebedienerei und Bestechlichkeit aus
  • Dankbarkeit und Nächstenliebe
  • die Dankbarkeit als das Glück zu lieben.

11 DIE DEMUT

  • Die Demut ist eine bescheidene Tugend
  • die Demut bei Spinoza
  • die Demut ist nicht Selbsterniedrigung
  • der Wert der Demut: Kritik bei Kant und Nietzsche
  • Demut und Wahrheit
  • Demut und Nächstenliebe
  • die Demut ist eine religiöse Tugend und kann trotzdem zum Atheismus führen.

12 DIE EINFACHHEIT

  • Einfachheit des Wirklichen: Ihr Gegenteil ist nicht das Komplexe, sondern das Doppeldeutige oder das Falsche
  • die Einfachheit als Tugend
  • Einfachheit und gesunder Menschenverstand
  • Einfachheit ist nicht Ehrlichkeit (Fénelon)
  • Einfachheit und Großherzigkeit: Die Großherzigkeit ist das Gegenteil des Egoismus, die Einfachheit das Gegenteil des Narzissmus oder der Überheblichkeit
  • ohne Einfachheit fehlte aller Tugend das Wesentliche
  • die Einfachheit und die Zeit: Sie ist Tugend der Gegenwart
  • die Einfachheit und das Ich
  • Einfachheit, Weisheit und Heiligkeit.

13 DIE TOLERANZ

  • Darf man alles tolerieren?
  • das Problem der Toleranz stellt sich nur bei den Fragen der Meinung
  • universelle Toleranz wäre moralisch zu verurteilen und politisch zum Scheitern verurteilt
  • das «Paradox der Toleranz» (K. Popper)
  • die «Kasuistik der Toleranz» (V. Jankélévitch)
  • das Untolerierbare
  • der Totalitarismus
  • Toleranz und Wahrheitsliebe
  • Toleranz und Freiheit
  • das Problem des praktischen Dogmatismus: das Beispiel von Johannes Paul II.
  • Wahrheit und Wert
  • Toleranz, Achtung und Liebe
  • Toleranz ist eine mindere Tugend, aber notwendig.

14 DIE REINHEIT

  • Die Reinheit ist offenbar und geheimnisvoll
  • die jungen Mädchen
  • alle Existenz ist unrein
  • das Reine und das Heilige
  • was reinigt, tötet
  • Reinheit, Sexualität, Liebe
  • die «reine Liebe» (Fénelon)
  • Reinheit und Selbstlosigkeit
  • die «keusche Liebe» bei Simone Weil: eine Liebe, die nicht in die Zukunft gerichtet ist
  • Reinheit und Trauerarbeit
  • Reinheit und Bestialität: Eros, Philia und Agape
  • die Liebe ohne Begehrlichkeit
  • die Glückseligkeit und die Gelüste (Spinoza).

15 DIE SANFTMUT

  • Die Sanftmut ist eine weibliche Tugend
  • Sanftmut, Großherzigkeit und Reinheit
  • das Problem der Passivität
  • Sanftmut und Nächstenliebe
  • die Sanftmut bei den Griechen
  • das Problem der Gewaltlosigkeit
  • hat man das Recht zu töten?
  • Sanftmut und Menschlichkeit.

16 DIE AUFRICHTIGKEIT

  • Aufrichtigkeit und Wahrheit
  • die Aufrichtigkeit als transitive und reflexive Ehrlichkeit
  • die Aufrichtigkeit beweist nichts, ist aber für jede andere Tugend notwendig
  • muss man alles sagen?
  • die Aufrichtigkeit bei Montaigne
  • der Wahrhaftige bei Aristoteles
  • ist jede Lüge verwerflich?
  • der Rigorismus bei Spinoza und Kant
  • aufrichtig lügen? Muss man einem Sterbenden die Wahrheit sagen?
  • Aufrichtigkeit und Mitleid
  • sich nicht selbst belügen
  • die Unaufrichtigkeit bei Sartre
  • die Wahrheitsliebe
  • Aufrichtigkeit und Geist.

17 DER HUMOR

  • Warum der Humor eine Tugend ist
  • der Humor und der Ernst
  • Demokrits Lachen bei Montaigne
  • Humor und Ironie
  • Humor und Demut
  • Humor und Weisheit
  • der Humor hat etwas Befreiendes und Erhebendes (Freud)
  • noch einmal über Humor und Ironie
  • Humor und Sinn
  • der Humor, das Ethische und die Religion (bei Kierkegaard)
  • der Humor als fröhliche Ent-Täuschung und als Tugend.

18 DIE LIEBE

  • Liebe ist keine Pflicht (Kant)
  • Liebe, Moral und Höflichkeit: Die Moral ist der Anschein von Liebe, so wie die Höflichkeit der Anschein von Moral ist
  • die Liebe zur Liebe
  • das Alpha und das Omega unserer Tugenden.

EROS

  • Die Liebe bei Platon: vom Traum des Verschmelzens (die Rede des Aristophanes im Gastmahl) zur Erfahrung des Entbehrens (die Rede des Sokrates)
  • Liebe und Einsamkeit
  • die begierige Liebe
  • die Leidenschaft: Sie kann nur im Unglück andauern
  • Zeugung und Schaffen
  • Liebe und Transzendenz
  • Eros ist ein eifersüchtiger Gott
  • Leiden an der Leidenschaft, die Langeweile der Paare
  • Leidenschaft und Tod
  • das Scheitern.

PHILIA

  • Kritik des Platonismus: Die Liebe lässt sich nicht auf das Entbehren beschränken
  • das Vergnügen und das Handeln
  • die Begierde als Vermögen, die Liebe als Freude (Spinoza)
  • eine andere Definition der Liebe
  • Liebe und Dankbarkeit
  • die Freundschaft bei Aristoteles
  • dass philia und eros zusammenkommen können
  • der Ehemann und der Märchenprinz
  • glückliche Paare
  • Leidenschaft und Freundschaft, die Familie
  • begehrliche und wohlwollende Liebe
  • das Emporsteigen der Liebe und durch die Liebe
  • die Mutter und das Kind.

AGAPE

  • Weder Eros noch Philia genügen
  • noch einmal über die Liebe und die Moral
  • die elterliche Liebe
  • dass die Selbstliebe das Erste ist
  • Grenzen der Freundschaft
  • die Nächstenliebe: «seine Feinde lieben»
  • Liebe, Schöpfung und Entschaffung bei Simone Weil: die Liebe als Rückzug
  • dass die Nächstenliebe das Gegenteil der Gewalt und der Selbstbestätigung ist
  • «die christliche Agape» (A. Nygren und D. de Rougemont)
  • Eros, Philia und Agape
  • was bleibt von der Nächstenliebe, wenn es Gott nicht gibt?
  • die philanthropia bei den Griechen, die Liebe bei Spinoza, die Entschaffung bei Simone Weil
  • von einem guten Gebrauch des Todestriebes?
  • Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Selbstliebe: die Nächstenliebe als vom Ego befreite Liebe
  • die Nächstenliebe als Wert: Die Liebe befiehlt, selbst wenn sie abwesend ist
  • die drei Kardinaltugenden (Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe): dass die Nächstenliebe allein einen Sinn in Gott und im Atheismus hat
  • dass sie vielleicht nicht existiert außer insofern, als es uns an ihr fehlt.
  • Die drei Arten zu lieben oder die drei Stufen der Liebe: der Mangel, die Freude, die Nächstenliebe; Nächstenliebe, Mitleid und Freundschaft; die Tugenden und die Liebe.

ANMERKUNGEN


Leseprobe VORWORT:

Wenn Tugend sich lehren lässt, und ich glaube das, dann wohl eher durch das Beispiel als durch Bücher. Wozu also ein Brevier der Tugenden? Vielleicht dazu: Wir können uns klarer werden, was wir zu tun, wie wir zu sein oder zu leben hätten, und dadurch wenigstens verstandesmäßig ermessen, wie weit wir davon entfernt sind. Eine bescheidene Zielsetzung, unzulänglich, aber notwendig. Die Philosophen sind Schüler (nur die Weisen sind Meister), und Schüler benötigen Bücher. Darum schreiben sie gelegentlich welche, wenn das, was ihnen vorliegt, sie nicht befriedigt oder sie erschlägt. Und was bräuchte jeder von uns dringlicher als ein Moralbrevier? Und was verdiente in der Moral mehr Aufmerksamkeit als die Tugenden? Ebenso wenig wie Spinoza halte ich es für nützlich, das Laster, das Böse, die Sünde anzuprangern. Warum immer nur anklagen und anprangern? Das ist die Moral der Trübsinnigen, eine traurige Moral. Das Gute jedoch existiert nur in der unübersehbaren, alle Bücher übersteigenden Vielfalt der guten Handlungen und in einer unbestimmten, aber sicherlich weniger großen Anzahl von guten Haltungen, die traditionellerweise mit dem Wort Tugend bezeichnet werden, was sich von «Tauglichkeit» herleitet.

Was ist Tauglichkeit? Es ist eine Kraft, die wirkt oder wirken kann. So sind eine Heilpflanze, eine Arznei oder ein Messer zu etwas tauglich: die Arznei zum Heilen, das Messer zum Schneiden, der Mensch zum menschlichen Wollen und Handeln. Diese Beispiele, die von den Griechen stammen, besagen schon das Wesentliche: Tauglichkeit ist Vermögen, aber spezifisches Vermögen. Die Nieswurz vermag nicht dasselbe wie der Schierling, das Messer vermag nicht dasselbe wie die Hacke, der Mensch vermag nicht dasselbe wie Tiger oder Schlange. Das, was ein Gegenstand oder Lebewesen vermag, macht seinen Wert aus, mit anderen Worten, es ist sein spezifischer Vorzug: Gut ist das Messer, das vorzüglich schneidet, gut die Arznei, die vorzüglich wirkt, gut das Gift, das vorzüglich tötet …

Man wird bemerkt haben, dass in diesem ersten und allgemeinsten Sinn die Tauglichkeit nicht vom Gebrauch abhängt, der von ihr gemacht wird, auch nicht vom verfolgten Zweck. In der Hand eines Mörders ist das Messer nicht weniger tauglich als in der Hand eines Kochs, und die gesundmachende Heilpflanze ist nicht weniger tauglich als die tödliche Giftpflanze. Nicht dass dieser erste Sinn ganz ohne normative Ausrichtung wäre: Unabhängig vom Anwender und in den allermeisten Anwendungsfällen ist das beste Messer das, was am besten schneidet. Sein spezifisches Vermögen bezeichnet auch seinen eigentlichen Vorzug. Doch diese Normativität bleibt objektiv und moralisch indifferent. Das Messer soll nur seine Aufgabe erfüllen, ohne sie zu beurteilen, und das unterscheidet seine Tauglichkeit von der unseren. In der Hand eines bösen Menschen wird ein vorzügliches Messer nicht weniger vorzüglich. Tauglichkeit ist Vermögen, und Vermögen genügt für die Tauglichkeit.

Aber nicht für den Menschen. Aber nicht für die Moral. Wenn alles sein spezifisches Vermögen hat, durch das es vorzüglich wird oder werden kann (wie ein vorzügliches Messer, eine vorzügliche Arznei …), dann wollen wir uns fragen, was denn die spezifische Vorzüglichkeit des Menschen ausmacht. Aristoteles antwortete, es sei das, was ihn vom Tier unterscheide, anders gesagt, das vernunftgemäße Leben. 1 Aber nur Vernunft ist nicht genug: Es braucht auch den Wunsch danach, die Erziehung, die Gewohnheit, das Gedächtnis … Der Wunsch des Menschen ist nicht der des Pferdes, und die Wünsche eines gebildeten Menschen sind nicht die eines Wilden oder eines Analphabeten. Alle Tugend ist also geschichtlich, alle Menschlichkeit ebenso, und beide begegnen sich fortwährend im tugendhaften Menschen: Die Tugend eines Menschen ist das, was ihn menschlich macht, anders gesagt, es ist das spezifische Vermögen, mit dem er die eigene Vorzüglichkeit, das heißt, seine Menschlichkeit (im normativen Sinne des Worts) unter Beweis stellen kann. Menschlich, nie allzu menschlich … Die Tugend ist eine Art und Weise zu sein, erklärte Aristoteles, doch eine erworbene und dauerhafte: Es ist das, was wir sind (also tun können), weil wir es geworden sind. Und wie sollten wir es geworden sein ohne die anderen Menschen? Tugend beginnt also da, wo Hominisation (als biologische Tatsache) und Humanisierung (als kulturelle Tatsache) zusammenkommen: Sie ist unsere Art und Weise, menschlich zu sein und zu handeln, das heißt (weil Menschlichkeit in diesem Sinne ein Wert ist), sie ist unsere Fähigkeit, gut zu handeln. «Nichts ist so schön und ehrenhaft», sagt Montaigne, «als wahrhaft und wie es sich gehört ein Mensch zu sein.» 2 Das genau ist die Tugend.

Was uns hier die Griechen gelehrt, was uns Montaigne gelehrt hat, kann man auch bei Spinoza nachlesen: «Unter Tugend und Kraft verstehe ich das selbe; das heißt Tugend, sofern sie auf den Menschen bezogen wird, ist die Wesenheit des Menschen oder seine Natur selbst, sofern es in seiner Gewalt steht, etwas zu bewirken, was durch die bloßen Gesetze seiner Natur eingesehen werden kann.» 3 Oder seiner Geschichte, würde ich hinzufügen (aber für Spinoza ist die Geschichte Teil der Natur). Tugend im allgemeinen Sinn ist Kraft, und im besonderen Sinne: menschliche Kraft oder Menschlichkeitskraft. Man nennt dies auch die moralischen Tugenden, die bewirken, dass ein Mensch menschlicher oder, wie Montaigne sagt, vortrefflicher erscheint als ein anderer, und ohne die wir, wie Spinoza sagt, mit Recht als Unmenschen bezeichnet würden. 4 Das setzt einen Wunsch nach Menschlichkeit voraus (der natürlich historisch ist, eine natürliche Tugend gibt es nicht), ohne den jede Moral unmöglich wäre. Wir sollen dessen nicht unwürdig sein, was die Menschheit aus sich gemacht hat und aus uns.

Seit Aristoteles bezeichnet man die Tugend gemeinhin als eine erworbene Disposition oder Fähigkeit, das Gute zu tun. Aber sie ist mehr: Sie ist das Gute selbst, geistig und wirklich. Das absolute Gute, das Gute an sich, das man nur zu erkennen oder anzuwenden bräuchte, gibt es nicht. Wir sollen das Gute nicht betrachten; wir sollen es tun. Tugend ist nichts anderes als das Bemühen, sich gut zu verhalten, und das definiert das Gute in diesem Bemühen selbst. Das wirft einige theoretische Fragen auf, die ich anderswo behandelt habe. 5 Dieses Buch hier ist ganz der praktischen Moral, das heißt der Moral gewidmet. Die Tugend, oder vielmehr die Tugenden (denn es gibt mehr als eine, man kann nicht alle auf eine zurückführen oder sich mit einer begnügen) sind unsere moralischen Werte, wenn man so will, sofern sie verkörpert sind, soweit es nur irgend geht, sofern sie gelebt, sofern sie in die Tat umgesetzt sind: immer so einzigartig wie jeder von uns, immer so vielfältig wie die Schwächen, die sie bekämpfen oder wettmachen. Mit diesen Tugenden befasse ich mich hier. Es war indessen nicht meine Absicht, sie alle aufzuzählen oder auch nur eine von ihnen erschöpfend zu behandeln. Ich wollte lediglich bei denen, die mir als die wichtigsten erscheinen, darlegen, was sie sind oder was sie sein müssten, was sie stets nötig und stets schwierig macht. Darum dieses Buch, dessen Anspruch, Gegenstand, Beschränkung und Inhalt schon im Titel angedeutet sind.

Wie bin ich vorgegangen? Ich habe mich gefragt, was die seelischen, geistigen oder charakteristischen Dispositionen sind, die meine moralische Wertschätzung für den, der sie hatte, ansteigen, und für den, der sie nicht hatte, sinken ließ. Ich erhielt eine Liste von etwa dreißig Tugenden. Ich strich jene, bei denen sich Überschneidungen mit anderen ergaben (so bei der Güte und der Großherzigkeit oder bei der Ehrlichkeit und der Gerechtigkeit), außerdem all jene, deren Darstellung mir nicht unerlässlich schien. Es blieben achtzehn, und das waren mehr, als ich ursprünglich ins Auge gefasst hatte, doch weiter reduzieren ließ sich die Zahl nicht. Ich musste mich also entsprechend kürzer fassen, und diese Beschränkung, die ich mir ohnehin auferlegt hatte, begleitete ständig das Werk. Dieses Buch richtet sich an die Allgemeinheit. Die Berufsphilosophen mögen es lesen, doch sie sollen keine Gelehrsamkeit und keine erschöpfende Darstellung erwarten.


Dass das Ganze mit der Höflichkeit beginnt, die noch nicht moralisch ist, und mit der Liebe endet, die es schon nicht mehr ist, sollte natürlich so sein. Die Reihenfolge der übrigen Tugenden ist zwar nicht ganz zufällig, doch ließ ich mich eher von einer Art Intuition oder von pädagogischen, ethischen und ästhetischen Gesichtspunkten leiten, jedenfalls nicht von einem wie immer gearteten deduktiven oder hierarchischen Vorsatz. Ein Buch über die Tugenden, vor allem ein so schmales wie dieses, ist kein System der Moral: Es ist angewandte, nicht theoretische Moral und so weit wie nur möglich lebensnah statt spekulativ. Aber was gibt es Wichtigeres in der Moral als die Anwendung und das Leben?

Wie immer habe ich viel zitiert, zu viel. Doch mir lag mehr am praktischen Nutzen als an der eleganten Form. Aus demselben Grund gebe ich stets die Textquellen an, auch wenn es die Anmerkungen anschwellen lässt. Niemand muss sie lesen, und es ist sogar besser, sie erst einmal nicht zu beachten. Sie sind nicht für die Lektüre da, sondern für die Arbeit: nicht für den Leser, sondern für den Studierenden jeglichen Alters und Berufs. Der tiefere Grund ist der, dass ich nicht den Anschein erwecken wollte, ich hätte erfunden, was mir die Tradition bot, wenn ich sie lediglich wiedergab. Nicht, dass ich in diesem Buch nichts Eigenes sagen würde, im Gegenteil! Doch man besitzt immer nur, was man erhalten und verarbeitet hat, was man durch andere und gegen sie geworden ist. Ein Buch über die Tugenden würde sich lächerlich machen, wollte es Originalität oder Neuheit beanspruchen. Im Übrigen bedeutet es mehr Mut und Verdienst, sich mit den Meistern auf ihrem Terrain auseinanderzusetzen, als jedem Vergleich aus dem Weg zu gehen, nur weil man unbedingt Neues bieten will. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren oder noch früher haben die besten Köpfe über die Tugenden nachgedacht. Auf meine Weise, mit meinen Möglichkeiten und mich so viel wie nötig auf sie stützend, wollte ich lediglich ihre Suche fortführen.

Manche werden das Vorhaben größenwahnsinnig oder naiv finden. Der zweite Vorwurf ist für mich ein Kompliment. Der erste ist, fürchte ich, ein Widersinn. Über die Tugenden zu schreiben bedeutet im Gegenteil, ständig mit seinem Narzissmus in Konflikt zu geraten, weil es einen fortwährend und sehr drastisch auf die eigene Unzulänglichkeit hinweist. Jede Tugend ist ein Gipfel zwischen zwei Lastern, ein Grat zwischen zwei Abgründen: der Mut zwischen Feigheit und Tollkühnheit, die Würde zwischen Gefälligkeit und Egoismus, die Sanftmut zwischen Zorn und Apathie 6  … Aber wer kann immer auf dem Gipfel leben? Denken über die Tugenden ist Bewusstmachen der Entfernung von ihnen. Denken über ihre Vorzüge ist Denken über unsere Unzulänglichkeit oder unsere Erbärmlichkeit. Es ist ein erster Schritt und wohl der einzige, den man von einem Buch erwarten kann. Der Rest ist zu leben, und ein Buch ist niemals ein Ersatz dafür. Das bedeutet nicht, dass es immer wertlos oder moralisch bedeutungslos sei. Das Nachdenken über die Tugenden macht nicht tugendhaft, jedenfalls ist bloßes Nachdenken immer ungenügend. Es fördert allerdings eine Tugend, nämlich die Demut: die intellektuelle Demut durch das überreiche Material der Tradition und die eigentlich moralische Demut durch die Einsicht, dass uns fast alle diese Tugenden fast immer fehlen und dass man sich gleichwohl mit ihrem Fehlen nicht abfinden und sich von der Verantwortung für ihre Schwäche, die die unsere ist, nicht freisprechen darf.

Dieses Buch über die Tugenden wird nur denen nützen, denen Tugend fehlt, was ihm ein ziemlich breites Publikum beschert und was auch den Verfasser entschuldigen soll, sich – nicht trotz, sondern wegen seiner Unwürdigkeit – daran gewagt zu haben. Das nicht geringe Vergnügen, das ich beim Schreiben fand, schien mir Rechtfertigung genug. Beim Leser kann das Vergnügen, wenn es sich denn einstellt, nur Draufgabe sein: nicht erarbeitet, sondern geschenkt. Solchem Leser also meinen Dank.

 

Leseprobe aus Kapitel 1: DIE HÖFLICHKEIT


Die Höflichkeit ist die erste Tugend und vielleicht der Anfang aller Tugenden. Sie ist auch die dürftigste, oberflächlichste, fragwürdigste: Ist sie überhaupt eine Tugend? Ihre moralische Reputation ist jedenfalls zweifelhaft. Aber sie schert sich um die Moral so wenig wie die Moral sich um sie. Was ändert es am Faschismus, wenn ein Nazi höflich ist? Was ändert es an der Schreckensherrschaft? Natürlich nichts, und dieses nichts ist für die Höflichkeit sehr bezeichnend: Formtugend, Etikettentugend, Scheintugend. Anschein einer Tugend und nur Schein.
 
Unbestreitbar ist die Höflichkeit ein Wert, doch dieser Wert ist ambivalent, er ist kein Selbstwert – er kann das Beste und das Schlimmste beinhalten –, und insofern ist er fast suspekt. Dieses Bedachtsein auf Formen muss etwas verbergen, aber was? Es ist Raffinement, und dahinter könnte Raffiniertheit stecken. Es ist äußerer Schein, und der Schein könnte trügen. Diderot spricht irgendwo von der «beleidigenden Höflichkeit» der vornehmen Leute, aber es gibt auch die unterwürfige und kriecherische der kleinen Leute. Ungeschminkte Verachtung und umstandsloses Gehorchen wäre einem lieber.

Doch damit nicht genug: Ein höflicher Schuft ist nicht weniger niederträchtig als ein unhöflicher, vielleicht noch mehr. Weil er heuchelt? Kaum, denn die Höflichkeit erhebt keinen moralischen Anspruch. Am liebsten wäre der höfliche Schuft ja zynisch, ohne es deswegen an Höflichkeit oder Bosheit fehlen zu lassen. Aber warum schockiert er dann? Durch den Kontrast? Wohl auch. Doch zwischen dem Schein einer Tugend und ihrem völligen Fehlen (das wäre die Heuchelei) besteht kein Kontrast, denn der Schuft unseres Beispiels ist tatsächlich höflich – außerdem gilt bei der Höflichkeit Scheinen für Sein. Ein Kontrast besteht eher zwischen dem Schein einer Tugend (der im Falle der Höflichkeit auch ihre Wirklichkeit ist: Das Sein der Höflichkeit erschöpft sich vollständig in ihrem Scheinen) und dem Fehlen sämtlicher anderen Tugenden, zwischen dem Anschein einer Tugend und dem Vorhandensein von Lastern, oder vielmehr eines einzigen Lasters, nämlich der Bosheit. Für sich genommen ist der Kontrast auch eher ästhetischer als moralischer Natur: Er überrascht mehr, als dass er entsetzt, ruft mehr Erstaunen als Missbilligung hervor.

Meines Erachtens kommt freilich etwas hinzu, was die Ethik berührt: Die Höflichkeit macht den Bösewicht umso verabscheuungswürdiger, als sie bei ihm Kultiviertheit verrät, ohne die seine Bosheit zur Not entschuldbar wäre. Der höfliche Schuft ist das Gegenteil des primitiven Menschen, und den Primitiven entschuldigt man. Er ist das Gegenteil des Wilden, und den Wilden entschuldigt man. Er ist das Gegenteil des grobschlächtigen, ungehobelten Rohlings, der zwar ängstigt, dessen dumpf-impulsive Rohheit aber durch die Primitivität erklärbar ist. Der höfliche Unmensch ist kein Primitiver, kein Wilder, kein Rohling: Er ist im Gegenteil wohlerzogen, gebildet und deshalb nicht entschuldbar, möchte man meinen. Wer könnte beim aggressiven Rüpel sagen, ob er böse oder einfach nur unerzogen ist? Bei einem Folterer mit geschliffenen Manieren besteht da kein Zweifel. Blut auf weißen Handschuhen fällt sofort auf, und Grausamkeit wird durch Manieren nur offensichtlicher. Die Nazis, zumindest viele von ihnen, sollen wahre Meister gewesen sein in dieser Hinsicht. Und es leuchtet ein, dass das Ungeheuerliche am deutschen Verhalten nicht zuletzt diese Mischung aus Barbarei und Zivilisation, aus Brutalität und Zivilisiertheit war, diese Grausamkeit, die mal höflich, mal bestialisch, aber immer grausam war und vielleicht durch das höfliche Äußere umso schuldhafter, durch das Menschliche der Formen umso unmenschlicher, durch die Zivilisiertheit umso barbarischer. Bei einem Grobian kann man das Tierhafte oder mangelnde Bildung und Erziehung verantwortlich machen, die Schuld in einer schlimmen Kindheit oder im gesellschaftlichen Scheitern suchen. Bei einem höflichen Menschen nicht. Die Höflichkeit wird bei ihm zum erschwerenden Umstand, der unmittelbar den Menschen belastet, ob als Volk oder als Individuum, und er belastet die Gesellschaft nicht als gescheiterte, was als Entschuldigung dienen könnte, sondern als erfolgreiche. Wohlerzogen – das sagt schon alles. Der Nationalsozialismus als Erfolg der deutschen Gesellschaft (Jankélévitch würde hinzufügen: und der deutschen Kultur, doch so etwas durften nur er oder seine Zeitgenossen sagen), das spricht das Urteil über den Nationalsozialismus und Deutschland, will sagen über jenes Deutschland, das in den Konzentrationslagern Beethoven spielte und die Kinder umbrachte!

Ich schweife ab, doch mehr aus Wachsamkeit denn aus Unachtsamkeit. Bei der Höflichkeit heißt es aufpassen, dass man nicht auf sie hereinfällt. Die Höflichkeit ist keine Tugend und wird niemals als eine gelten können.

Aber warum dann sagen, sie sei die erste und vielleicht der Anfang aller Tugenden? Der Widerspruch ist nur scheinbar. Am Anfang aller Tugenden kann nicht selbst eine Tugend stehen (denn sie müsste wiederum einen Ursprung haben, wäre demnach kein Anfang), und vielleicht gehört es zum Wesen der Tugenden, dass die erste nicht tugendhaft ist.

Warum erste? Ich rede von der zeitlichen Ordnung, für das Individuum. Das Neugeborene hat keine Moral, kann keine haben. Das gilt auch für den Säugling und noch lange für das Kleinkind. Was dieses jedoch sehr früh entdeckt, ist das Verbot. «Tu das nicht: Das ist schmutzig, das ist schlecht, das ist hässlich, das ist böse …» Oder: «Das ist gefährlich», und es lernt bald zu unterscheiden zwischen Verfehlung (Böses tun) und Verletzung (sich wehtun). Die Verfehlung ist ein dem Menschen eigentümliches Übel, ein Übel ohne üble Folgen (zumindest nicht bei dem, der die Verfehlung begeht), ein Übel ohne unmittelbar gegebene Gefahr. Aber warum sie sich dann verbieten? Ebendarum, weil es schmutzig, hässlich, böse ist … Für das Kind ist die Gegebenheit früher als das Recht, oder vielmehr ist das Recht nur eine Gegebenheit unter anderen. Es gibt das Erlaubte und das Verbotene, das eine tut man, das andere tut man nicht. Gut? Böse? Die Regel ist genug, sie geht dem Urteil voraus und begründet es. Doch die Regel beruht dann eben nur auf Konvention, sie stützt sich einzig und allein darauf, dass man das, was man allgemein tut, tun soll: Regel des Gegebenen, Regel der puren Form, Regel der Höflichkeit! Keine unflätigen Wörter benützen, die Leute nicht unterbrechen, sich nicht vordrängeln, nicht stehlen, nicht lügen … Alle diese Verbote stehen für das Kind gleichwertig nebeneinander («Das ist aber nicht schön»). Das Unterscheiden zwischen dem, was ethisch, und dem, was ästhetisch ist, kommt erst später und nur allmählich. Die Höflichkeit ist also früher als die Moral, oder vielmehr ist die Moral zunächst nur Höflichkeit: Unterordnung unter die Konvention (die Soziologen haben hier Kant gegenüber eindeutig recht, wenigstens zunächst, was Kant vielleicht gar nicht bestreiten würde), unter die geltende Regel, das geregelte Spiel der Äußerlichkeiten – Unterordnung unter die Welt und die Sitten der Welt.

Man kann das, was man tun muss, nicht von dem ableiten, was man tut, sagt Kant. Genau dazu ist aber das Kind in den ersten Jahren gezwungen, und genau dadurch wird es menschlich. «Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung», gibt auch Kant zu. «Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht» 1, und «Disziplin oder Zucht ändert die Tierheit in die Menschheit um» 2. Besser kann man es nicht sagen. Die Sitte ist früher als der Wert, der Gehorsam früher als der Respekt und die Nachahmung früher als die Pflicht. Die Höflichkeit («Das tut man nicht») ist früher als die Moral («Das darf man nicht»): Diese bildet sich erst allmählich heraus als eine Art verinnerlichte Höflichkeit, die sich von Äußerlichkeiten und Eigennutz befreit hat und ganz auf die gute Absicht ausgerichtet ist (welche der Höflichkeit nichts gilt). Aber wie könnte diese Moral überhaupt wachsen, wenn nicht auf dem Boden der Höflichkeit? Die guten Manieren kommen von den guten Taten und führen zu ihnen. Die Moral ist gleichsam die Höflichkeit der Seele, eine Lebensart sich selbst gegenüber (auch wenn es vor allem um den anderen geht), eine Etikette des inneren Lebens, ein Kodex unserer Pflichten, ein Zeremoniell des Wesentlichen. Umgekehrt ist die Höflichkeit gleichsam eine Moral des Körpers, eine Ethik des Verhaltens, ein Kodex des gesellschaftlichen Lebens, ein Zeremoniell des Unwesentlichen. «Scheidemünze» (Kleingeld), sagt Kant, das aber besser als nichts ist, und es wäre ebenso unsinnig, es abzuschaffen, als es für bares Gold zu halten 3; «Beiwerk», sagt er anderswo, das nur Tugend vortäuscht, sie aber liebenswert macht. 4 Und welches Kind würde tugendhaft ohne diese Scheintugend und diese Liebenswürdigkeit?

Die Moral fängt also ganz unten an – bei der Höflichkeit –, irgendwo muss sie ja anfangen. Keine Tugend ist natürlich: Tugendhaft muss man werden. Nur wie, wenn man es nicht schon ist? «Denn was wir tun müssen, nachdem wir es gelernt haben, das lernen wir, indem wir es tun.» 5 Aber wie es tun, ohne es zuvor gelernt zu haben? Es ist ein circulus vitiosus, aus dem wir nur durch ein Apriori oder durch die Höflichkeit herauskommen. Ein Apriori steht uns nicht zur Verfügung, nehmen wir also die Höflichkeit. Wir werden «durch gerechtes Handeln gerecht, durch Beobachtung der Mäßigkeit mäßig, durch Werke des Starkmuts starkmütig» 6, sagt Aristoteles weiter. Bloß: Wie gerecht handeln, ohne gerecht zu sein? Und Mäßigkeit üben, ohne mäßig zu sein? Starkmütig handeln, ohne starkmütig zu sein? Wie es überhaupt werden? Durch Gewöhnung, scheint Aristoteles zu antworten, doch die Antwort ist offensichtlich ungenügend: Die Gewohnheit setzt voraus, dass das, woran man sich gewöhnt, schon vorher da ist, sie kann es also nicht erklären. Kant hilft uns weiter, er erklärt diese erste Schein-Tugendhaftigkeit durch die Disziplin, das heißt durch äußeren Zwang: Weil der Mensch nach seiner Geburt mangels Instinktsteuerung sein Verhalten nicht sinnvoll steuern kann, «müssen es andere für ihn tun». Die Folge: «Eine Generation erzieht die andere.» 7 Das stimmt wohl. Nur, was ist in der Familie diese Disziplin anderes als zunächst die Respektierung der Gebräuche und Sitten? Diese Disziplin ist mehr Regel als Zwang, sie sorgt weniger für Ordnung als für eine gewisse Liebenswürdigkeit im Zusammenleben – Disziplin nicht der Härte, sondern der Höflichkeit. Nur durch sie, die tugendhaftes Benehmen mimt, haben wir eine Chance, vielleicht einmal tugendhaft zu werden.

Wie La Bruyère sagt: «Die Höflichkeit erweckt nicht immer Güte, Rechtschaffenheit, Liebenswürdigkeit, Dankbarkeit; sie verschafft immerhin den Anschein davon und lässt den Menschen außen so scheinen, wie er innen sein sollte.» 8 Darum ist sie beim Erwachsenen ungenügend und beim Kind notwendig. Sie ist nur ein Anfang, aber auch nicht weniger. Wer «bitte» oder «Entschuldigung» sagt, tut, als ob er respektvoll wäre; wer «danke» sagt, tut, als ob er dankbar wäre. Respekt und Dankbarkeit fangen hier an. So, wie die Natur die Kunst nachahmt, so ahmt die Moral die Höflichkeit nach, die sie nachahmt. «Kindern etwas von Pflicht zu sagen, ist vergebliche Arbeit», stellte Kant fest 9, und er hatte natürlich recht damit. Aber wer würde deshalb auch darauf verzichten, sie die Höflichkeit zu lehren? Und was wüssten wir ohne sie von unseren Pflichten? Wenn wir moralisch werden können – und wir müssen es können, damit Moral und Unsterblichkeit überhaupt möglich sind –, dann nicht durch Tugend, sondern durch Erziehung, nicht um des Guten, sondern um der Form willen, nicht durch Moral, sondern durch Höflichkeit – durch Respektierung nicht der Werte, sondern der Sitten! Die Moral ist zunächst schöner Schein, dann gutes Sein.

Indem wir Tugend imitieren, werden wir tugendhaft: «Denn dadurch, dass Menschen diese Rollen spielen», schreibt Kant, «werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach wohl wirklich erweckt, und gehen in die Gesinnung über.» 10 Die Höflichkeit ist früher als die Moral und macht sie möglich. Eine «Schau», sagt Kant, die sich aber «moralisiert» 11. Erst muss der Mensch die «Manier des Guten» annehmen, nicht, um bei ihr stehenzubleiben, sondern um weiterzugehen zu dem, was sie nachahmt – zur Tugend – und was sich nur durch Nachahmung einstellt. 12 «Selbst der Schein des Guten an anderen muss uns wert sein», schreibt Kant auch, «weil aus diesem Spiel mit Verstellungen, welche Achtung erwerben, ohne sie vielleicht zu verdienen, endlich wohl Ernst werden kann.» 13 Ohne diesen Ernst kann die Moral weder weitergegeben werden, noch sich in jemandem herausbilden. «Aus gleichen Tätigkeiten erwächst der gleiche Habitus», hat Aristoteles gesagt. 14 Die Höflichkeit ist dieses Zur-Schau-Tragen von Tugend, aus dem die Tugenden entstehen.

Die Höflichkeit befreit also die Moral aus dem circulus vitiosus (ohne die Höflichkeit müsste man tugendhaft sein, um es werden zu können), indem sie die Vorbedingungen für ihr Entstehen und sogar teilweise für ihre Entfaltung schafft. Die Unterschiede zwischen einem perfekt höflichen und einem nur wohlwollenden, anständigen, bescheidenen Menschen sind in vielen Situationen minimal: Man gleicht sich schließlich dem Nachgeahmten an, sodass die Höflichkeit unmerklich zur Moral führt, zumindest potenziell. Alle Eltern wissen das, und das verstehen sie unter Erziehung. Ich betone noch einmal, die Höflichkeit ist nicht alles, sie ist auch nicht das Wesentliche. Doch im landläufigen Verständnis bedeutet wohlerzogen nun einmal höflich, und das besagt viel. Seine Kinder tausendmal (was sage ich: abertausendmal) dazu anhalten, dass sie «bitte», «danke» und «Entschuldigung» sagen – nur Pedanten und Snobisten würden so etwas tun, wenn es bloß um Höflichkeit ginge. Aber die Achtung vor dem anderen beginnt hier, bei dieser Dressur. Ein unschönes Wort, ich weiß, aber wer käme an der Sache vorbei? Liebe allein genügt nicht, um die Kinder zu erziehen, auch nicht, um sie zu liebenswerten und liebenden Menschen zu machen.

Höflichkeit genügt ebenfalls nicht, und deshalb braucht es beides. Die ganze häusliche Erziehung spielt sich, wie ich meine, zwischen diesen beiden Tugenden ab: der kleinsten, die noch keine Moral ist, und der größten, die schon keine mehr ist. Bleibt das Erlernen der Sprache. Aber wenn die Höflichkeit die Kunst der Zeichen ist, wie Alain meinte 15, so gehört das Sprechenlernen dazu. Es ist immer ein Gebrauch und ein Befolgen des Gebrauchs, der nur gut ist, insofern er befolgt wird. Le bon usage – «Der gute Gebrauch»: Das könnte der Titel eines Benimm-Ratgebers sein, so heißt aber die ebenso berühmte wie schöne französische Grammatik von Grevisse. Tun, was man tut, sagen, was man sagt … Tugend und Stil stellen sich irgendwann später ein.

Die Höflichkeit ist also keine Tugend, aber eine Art So-tun-als-ob, die Tugend mimt (bei den Erwachsenen) oder vorbereitet (bei den Kindern). Mit dem Erwachsenwerden ändert sich zwar nicht ihr Wesen, aber ihr Stellenwert. In der Kindheit ist sie wesentlich, im Erwachsenenalter unwesentlich. Schlimmer als ein ungezogenes Kind ist ein bösartiger Erwachsener. Und wir sind keine Kinder mehr. Wir haben zu lieben, zu urteilen, zu wollen gelernt … Wir sind also fähig zur Tugend und zur Liebe, und die Höflichkeit ist kein Ersatz dafür. Besser hilfsbereit und tölpelhaft als egoistisch und höflich. Besser ehrlich und unkultiviert als hinterhältig und geschliffen. Die Höflichkeit ist bloß eine Gymnastik des Ausdrucks, sagte Alain 16; das besagt vor allem, dass sie eine Sache des Körpers ist, und entscheidend sind natürlich Herz und Seele. Manchmal wirkt Höflichkeit sogar störend, weil sie zu perfekt ist und misstrauisch macht. «Zu höflich, um ehrlich zu sein», heißt es dann, denn die Ehrlichkeit verlangt manchmal, dass man unangenehm wird, anstößt, schockiert. Selbst wenn sie ehrlich sind, bleiben manche Menschen ihr Leben lang Gefangene ihrer guten Manieren und zeigen sich den anderen sozusagen nur durch die – nie ganz durchsichtige – Scheibe der Höflichkeit; für sie ist die Wahrheit endgültig zur Wohlanständigkeit geworden. Was heute als Stil «feiner Leute» gilt, geht stark in diese Richtung. Die Höflichkeit zu sehr beim Wort genommen ist das Gegenteil der Ehrlichkeit. Viele «anständige» Menschen sind wie zu brav geratene große Kinder, Gefangene ihrer Regeln, Geblendete der Konvention und der Schicklichkeit. Ihnen hat die ungestüme Jugend gefehlt, durch die man erwachsen wird, diese Jugend, die der Höflichkeit mit der ihr eigenen Respektlosigkeit begegnet, die auf Schicklichkeit pfeift und nur Liebe, Wahrheit und Tugend liebt, die schöne, herrliche, unbeugsame Jugend! Toleranz und Anpassung kommen zu ihrer Zeit. Wenn unbedingt eines besser sein soll als das andere: Moralisch gesehen ist, Unreife hin oder her, ein ewiger Jugendlicher dem fürs Erwachsenwerden zu braven Kind vorzuziehen. Besser, man ist zu ehrlich, um höflich zu sein, als zu höflich, um ehrlich zu sein!

Die Lebensart ist nicht das Leben; die Höflichkeit ist nicht die Moral. Nichts ist sie gleichwohl nicht. Die Höflichkeit ist etwas Geringes, das zu etwas Großem hinführt. Sie ist ein Ritual ohne Gott, eine Zeremonie ohne Kult, eine Etikette ohne Monarch. Leere Form, deren Gültigkeit im Leersein liegt. Eine selbstgefällige Höflichkeit, eine, die sich für voll nimmt, die an sich glaubt, fällt auf sich selbst herein und verstößt damit gegen die Regeln, die sie selbst gibt. Die Höflichkeit genügt nicht, und es ist unhöflich, selbstgefällig zu sein.
 
Die Höflichkeit ist keine Tugend, sondern ein Vorzug und nur ein Vorzug der Form. Für sich genommen ist sie sekundär, nebensächlich, fast belanglos: Im Vergleich zur Tugend oder zur Intelligenz ist sie so gut wie nichts, und in ihrer Vornehmheit muss die Höflichkeit auch das zum Ausdruck bringen können. Dass intelligente und tugendhafte Menschen sich Höflichkeit nicht sparen können, leuchtet freilich auch ein. Selbst die Liebe kommt nicht ohne Formen aus. Die Kinder müssen das von ihren Eltern lernen, von diesen sie – manchmal zu sehr, manchmal falsch – liebenden Eltern, von denen sie immer wieder getadelt werden, nicht der Sache (wer wagte es, zu seinem Kind zu sagen: «Du liebst mich nicht genug»?), sondern der Form wegen. Die Philosophen mögen sich darüber streiten, ob die erste Form nicht in Wirklichkeit alles und der Unterschied zwischen Höflichkeit und Moral nur eine Illusion ist. Es könnte sein, dass die ganze Moral nur Sitte und Brauch und Respektierung von Sitte und Brauch ist – dass alles nur Höflichkeit ist. Für meinen Teil glaube ich es nicht. Die Liebe hat Bestand, Sanftmut und Mitleid haben es ebenfalls. Die Höflichkeit ist nicht alles, und sie ist fast nichts. Der Mensch ist aber auch fast Tier.


Leseprobe aus Kapitel 2: DIE TREUE

Das Vergangene ist nicht mehr, das Zukünftige ist noch nicht. Vergessen und Improvisieren sind Naturgegebenheiten. Was ist der Frühling nicht jedes Mal improvisiert – und schnell vergessen! Die Wiederholung selbst, sie mag noch so augenfällig sein, ist eine Täuschung. Nur weil die Jahreszeiten vergessen gehen, wiederholen sie sich, und das, was die Natur immer wieder neu aussehen lässt, ist gerade der Grund dafür, dass sie nur selten Neues hervorbringt. Jede wirkliche Erfindung bedingt ein Gedächtnis. Bergson erkannte das, er musste deshalb ein Gedächtnis der Welt (die Dauer) erfinden, doch dieses Gedächtnis wäre Gott, und deshalb ist es nicht. Die Natur vergisst, Gott zu sein, oder Gott vergisst sich in der Natur. Wenn es eine Geschichte des Universums gibt – es gibt sie –, so ist sie eine Folge von Chaos- oder Zufalls-Improvisationen ohne Absicht (auch das Improvisieren ist keine) und ohne Gedächtnis. Das Gegenteil eines Werkes, ein Wirken durch bloßes Zusammentreffen. Ein unwahrscheinliches und vorübergehendes Zusammenstimmen. Denn dauern oder sich wiederholen kann etwas nur, indem es sich verändert; und nichts beginnt, was nicht enden müsste. Die Unbeständigkeit ist die Regel. Das Vergessen ist die Regel. Das Wirkliche ist von Augenblick zu Augenblick jedes Mal neu; und dieses Neusein von allem für alles, diese ewig währende Neuheit, das ist die Welt.

Die Natur ist die große Vergesserin, und darin erweist sie sich auch als materiell. Die Materie ist das Vergessen selbst, Gedächtnis gibt es nur vom Geist. Das Vergessen wird also das letzte Wort behalten, so wie es das erste hatte, so wie es immer wieder das Sagen hat. Das Wirkliche ist dieses erste Wort des Seins, dieses ewige erste Wort. Wie wollte es auch etwas sagen? Der Kind-König (die Zeit) ist gleichwohl nicht sprachunbegabt: Er spricht nicht und schweigt nicht, er erfindet nicht und wiederholt nicht. Unbestand, Vergessen, Unschuld: Königtum eines Kindes! Das Werden ist untreu, und selbst die Jahreszeiten sind wetterwendisch.

Es gibt aber den Geist; es gibt aber das Gedächtnis. Von wenig Gewicht, von wenig Bestand: Diese Fragilität ist der Geist selbst. Sterblich im Herzen der Sterblichen – doch als Geist lebend von der Erinnerung daran! Der Geist ist Gedächtnis, und vielleicht ist er nur das. Denken heißt sich seiner Gedanken erinnern; wollen heißt sich des Gewollten erinnern. Nicht dass man nur denken könnte, was man gedacht, und nur wollen könnte, was man gewollt hat. Aber was wäre eine Erfindung ohne Erinnern? Und eine Entscheidung ohne Erinnern? So, wie der Körper die Präsenz der Gegenwart ist, so ist der Geist die Präsenz der Vergangenheit, er präsentiert uns die Vergangenheit, verleiht ihr in uns Bestand. Augustinus sprach von der «Gegenwart des Vergangenen», und das ist das Gedächtnis. 1 Hier fängt der Geist an. Der sorgliche Geist, der treue Geist.

Die Sorge, die das Gedächtnis der Zukunft ist, bringt sich uns genügend in Erinnerung. Es liegt in der Natur oder vielmehr in der unseren. Wer, außer den Weisen oder den Verrückten, vergäße, dass es eine Zukunft gibt? Und wer, außer den schlechten Menschen, würde nur an die seine denken? Ja, die Menschen sind egoistisch, doch weniger absolut, als es manchmal scheint: Da machen sich Kinderlose Gedanken um die kommenden Generationen, und diese Besorgtheit ist schön. Da raucht einer bedenkenlos Zigaretten, findet aber das Ozonloch bedrohlich. Um sich macht er sich keine Sorgen, um andere schon. Wer möchte es ihm verdenken? Jedenfalls vergisst kaum jemand die Zukunft (die Gegenwart schon eher!), und zwar desto weniger, je weniger man darüber weiß.

Die Vergangenheit hat weniger zu bieten. Die Zukunft ängstigt uns, sie treibt uns um: Ihr Nichtsein ist ihre Stärke. Von der Vergangenheit hingegen haben wir scheinbar nichts mehr zu befürchten, nichts mehr zu erwarten, und das ist wohl auch nicht ganz falsch. Epikur machte es sich zur Devise: In den Stürmen der Zeit der tiefe Hafen der Erinnerung … Ein noch tieferer ist das Vergessen. Wenn, wie Freud sagt, Erinnerungen die Neurotiker krank machen, so muss die psychische Gesundheit irgendwie von Vergessen gespeist sein. «Gott bewahrt den Menschen davor, dass er zu vergessen vergisst!», schreibt der Dichter, und auch Nietzsche sah sehr wohl, auf welcher Seite das Leben und das Glück standen. «[…] es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.» 2 Und war selber der Beweis. Aber ist das Leben das Ziel? Ist das Glück das Ziel? Wenigstens dieses Leben und dieses Glück? Soll man Tier, Pflanze und Stein beneiden? Und beneidete man sie tatsächlich, müsste man diesem Neid gehorchen? Was bliebe dann vom Geist? Was bliebe von der Menschlichkeit? Sind Gesundheit und Erhaltung der Gesundheit das einzig Erstrebenswerte? Ein sanitäres Denken 3 erweist hier seine Stärke und seine Grenze. Selbst wenn der Geist eine Krankheit wäre und die Menschlichkeit ein Unglück, diese Krankheit und dieses Unglück sind unser – weil wir selbst sie sind, weil wir nur durch sie sind. Wir machen nicht Tabula rasa mit der Vergangenheit. Alle Würde des Menschen liegt im Denken; alle Würde des Menschen liegt im Gedächtnis. Vergessendes Denken ist vielleicht auch Denken, aber ein geistloses. Vergessendes Verlangen ist sicherlich auch Verlangen; aber ein willenloses, herzloses, seelenloses. Die Wissenschaft und das Tier geben eine ungefähre Vorstellung davon – wenngleich es nicht für alle Tiere zutrifft (einige gelten als treu) und vielleicht auch nicht für alle Wissenschaften. Wie auch immer, jedenfalls ist der Mensch Geist nur durch das Gedächtnis; menschlich nur durch die Treue. Vergiss nicht, Mensch, dich zu erinnern!
Der treue Geist ist der Geist überhaupt.
 
Ich greife weit aus, aber das Problem ist eben riesig. Die Treue ist nicht ein Wert unter anderen, eine Tugend unter anderen; sie ist das, wodurch und weswegen es Werte und Tugenden gibt. Was wäre die Gerechtigkeit ohne die Treue der Gerechten? Der Friede ohne die Treue der Friedfertigen? Die Freiheit ohne die Treue der freien Geister? Und was taugte selbst die Wahrheit ohne die Treue der Wahrhaftigen? Zwar wäre sie nicht weniger wahr, doch sie wäre Wahrheit ohne Wert, aus der niemals Tugend entstehen kann. Keine Gesundheit ohne Vergessen, mag sein; aber niemals Tugend ohne Treue. Gesundheit oder Moral. Gesundheit und Moral. Denn wir sollen nicht nichts vergessen, auch nicht allem und jedem treu sein. Weder ist Gesundheit hinreichend, noch ist Heiligkeit Gebot. «Wir sollen nicht erhaben sein, es genügt, wenn wir treu und ernsthaft sind.» 4 Wir sind am Punkt. Die Treue ist Erinnerungstugend, und die Erinnerung schlechthin ist Tugend.

Aber welche Erinnerung? Oder Erinnerung woran? Und zu welchen Bedingungen? Und in welchen Grenzen? Nochmals: Wir sollen nicht allem und jedem treu sein, es wäre sonst keine Treue mehr, sondern Festhalten an Vergangenem, Borniertheit, Unbeweglichkeit, Routine, Fanatismus … Jede Tugend ist ein Nein zu zwei Exzessen, würde ein Aristoteliker sagen: einer ist die Unbeständigkeit, ein anderer die Unbeweglichkeit, und die Treue sagt zu beiden gleichermaßen nein. Goldene Mitte? Wenn man so will, aber keinesfalls im Sinne der Lauen und der Leichtfertigen (wir sollen nicht ein wenig unbeständig und ein wenig unbeweglich sein!). Das Schwarze der Scheibe könnte diese Mitte eher bezeichnen, jedenfalls besser als der Sumpf unserer Ratsversammlungen. Grat zwischen zwei Abgründen, habe ich weiter oben gesagt. 5 Die Treue ist weder unbeständig noch unbeweglich, und eben darin ist sie treu.

Ist sie also ein Selbstwert? Ein Wert für sich? An sich? Nein, das nicht, oder nicht nur. Ihr Wert wird von ihrem Objekt bestimmt. Einen Freund wechselt man nicht wie ein Hemd, sagt Aristoteles sinngemäß 6, und es wäre ebenso lächerlich, seinen Kleidern treu zu sein, wie es schuldhaft wäre, seinen Freunden gegenüber nicht treu zu sein – außer, wie der Philosoph an anderer Stelle sagt, «bei gar zu großer Schlechtigkeit» 7 ihrerseits. Treue entschuldigt nicht alles: Dem Schlimmsten treu zu sein, ist schlimmer, als es zu verleugnen. Die SS schwor Hitler die Treue; diese Treue im Verbrechen war verbrecherisch. Treue zum Bösen ist schlechte Treue. Und «die Treue in der Dummheit doppelte Dummheit» 8, wie Jankélévitch anmerkt. Hier ist der Ort – Treue des nicht immer folgsamen Schülers –, den Meister ausführlicher zu zitieren:

        «Ist die Treue zu loben oder nicht? Je nachdem, anders gesagt: Es hängt von den Werten ab, denen man treu bleibt. Treu wem oder was? […] Niemand wird behaupten, dass das Ressentiment eine Tugend sei, obwohl es seinem Hass oder seiner Wut treu bleibt; ein gutes Gedächtnis für Beleidigungen ist schlechte Treue. Bei der Treue ist das Qualifikativ entscheidend. Außerdem gibt es eine Treue zu Kleinigkeiten, die engstirnig und kleinkrämerisch ist, ein starrköpfiges Wiederkäuen […] Die Tugend, die wir wollen, ist also nicht die Treue schlechthin, sondern die gute Treue und die große Treue.» 9

Das heißt: liebende Treue, tugendhafte Treue, willentliche Treue. 10 Sich erinnern genügt nicht. Man kann übrigens vergessen, ohne untreu zu sein, und untreu sein, ohne zu vergessen. Ja, Untreue setzt Erinnern geradezu voraus: Treu oder untreu kann man nur dem gegenüber sein, dessen man sich erinnert (nach einem Gedächtnisverlust kann niemand Wort halten oder wortbrüchig werden), und darum sind Treue und Untreue zwei entgegengesetzte Formen des Erinnerns, die eine tugendhaft, die andere nicht. Die Treue ist die «Tugend des Selben», sagte Jankélévitch auch 11; doch in einer Welt, in der sich alles verändert – und das ist die Welt –, gibt es ein Selbes nur durch Erinnern und Wollen. Niemand badet zweimal im selben Fluss, und niemand liebt zweimal dieselbe Frau. Pascal: «Er liebt nicht mehr die Person, die er vor zehn Jahren liebte. Ich meine wirklich: Sie ist nicht mehr dieselbe, und er auch nicht. Er war jung, und sie auch; sie ist ganz anders. Er würde sie vielleicht noch so lieben, wie sie damals war.» 12 Die Treue ist die Tugend des Selben, wodurch das Selbe existiert oder überlebt.

Warum sollte ich das Versprechen von gestern halten, wenn ich heute nicht mehr derselbe bin? Warum? Aus Treue. Darin besteht nach Montaigne die wahre Grundlage der persönlichen Identität: «Die Grundlage meines Wesens und meiner Identität ist rein moralisch: sie liegt in der Treue zum Eid, den ich mir selbst geleistet habe. Ich bin nicht wirklich derselbe wie gestern; ich bin nur derselbe, weil ich mir dasselbe schwöre, weil ich eine bestimmte Vergangenheit als die meine anerkenne, und weil ich vorhabe, auch künftig meine gegenwärtige Verpflichtung als die meine anzuerkennen.» 13 Kein moralisches Subjekt ohne Treue zu sich selbst, und insofern wird die Treue geschuldet: Weil es sonst keine Pflichten gäbe! Nur insofern ist auch Untreue möglich: So, wie die Treue Erinnerungstugend ist, so ist die Untreue Erinnerungsverfehlung (und nicht ein Mangel oder Fehlen).

Das Sich-Erinnern ist nicht alles: Das gute Gedächtnis ist nicht immer gut, die genaue Erinnerung ist nicht immer liebend oder respektvoll. Erinnerungstugend ist mehr als Erinnerung; Treue ist mehr als Genauigkeit. Die Treue ist das Gegenteil nicht des Vergessens, sondern der leichtfertigen oder selbstsüchtigen Wankelmütigkeit, des Wortbruchs, der Perfidie, der Unbeständigkeit. Wenngleich auch gilt, dass sie – alle Tugend arbeitet gegen ein Gefälle an – gegenläufig ist zum Vergessen, wohingegen die Untreue unweigerlich Vergessen nach sich zieht: Zunächst verrät man das, woran man sich erinnert, dann vergisst man, was man verraten hat … So entzieht sich die Untreue in ihrem Triumph den eigenen Boden, während die Treue nur – und immer provisorisch – triumphiert, indem sie standhaft an sich festhält (also keinen anderen Triumph kennt als den unaufhörlichen Kampf gegen das Vergessen und das Verleugnen). Jankélévitch spricht von verzweifelter Treue 14, und ich werde der Letzte sein, der ihm hierbei widerspricht. Es ist eben «ein ungleicher Kampf zwischen dem unwiderstehlichen Sog des Vergessens, der irgendwann alles verschluckt hat, und dem verzweifelten, aber nie kontinuierlichen Aufbegehren des Gedächtnisses; wenn uns also die Vergebungsprediger das Vergessen nahelegen, empfehlen sie uns etwas, was keiner Empfehlung bedarf: wer vergessen will, tut es aus eigenem Antrieb, er wünscht sich nichts anderes. Unser Erbarmen und unsere Dankbarkeit müssen der Vergangenheit gelten, denn sie kann sich nicht so wehren, wie es die Gegenwart und die Zukunft können …» 15 Das ist die Aufgabe der Erinnerung: Erbarmen und Dankbarkeit für die Vergangenheit. Die harte, schwer zu erfüllende, nie endende Pflicht zur Treue!

Bei dieser Pflicht gibt es selbstredend Abstufungen. Im eben zitierten Text redet Jankélévitch von den Konzentrationslagern der Nazis und dem Martyrium des jüdischen Volkes. Absolutes Martyrium – absolute Pflicht. Unserer ersten Liebe oder den Radrennfahrern, für die wir in unserer Kindheit schwärmten, schulden wir gewiss nicht diese unbedingte und umfassende Treue … Nur was wert ist, erheischt Treue, und auch nur – wenn man bei naturgemäß nicht quantifizierbaren Größen überhaupt von Proportion reden kann – proportional zu seiner Werthaftigkeit. Treue vor allem dem Leid, dem selbstlosen Mut, der Liebe gegenüber … Da kommt mir ein Zweifel: Ist Leid denn ein Wert? Nein, an sich natürlich nicht oder nur ein negativer: Das Leid ist ein Übel, und man ginge fehl, würde man Erlösung in ihm sehen. Das Leid ist zwar kein Wert, doch jedes leidvolle Leben ist einer, und zwar durch die Liebe, die es verlangt oder verdient: Den Leidenden zu lieben (Nächstenliebe der Christen, Mitleiden der Buddhisten, commiseratio der Spinozisten …) ist wichtiger, als das Schöne oder Große zu lieben, und wert ist das, was geliebt zu werden verdient. Insofern ist jede Treue – sei sie nun Treue einem Wert oder einem Menschen gegenüber – Treue zur Liebe und durch die Liebe. Treue ist treue Liebe, das landläufige Verständnis ist hier zutreffend oder nur falsch bezüglich der Liebe (wenn es sie auf die Paarbeziehung einengt). Nicht dass jede Liebe treu ist (deshalb ist die Treue auch nicht nur Liebe); aber jede Treue ist liebend, immer (Treue im Hass ist keine Treue, sondern Verbitterung oder Verbissenheit) und deswegen gut und deswegen liebenswert. Treue also zur Treue – und zu den verschiedenen Graden der Treue!
 
Die verschiedenen Geltungsbereiche aufzuzählen wäre endlos. Es sei mir gestattet, nur drei von ihnen darzustellen und auch die nur flüchtig: das Denken, die Moral, die Paarbeziehung.

Dass es eine Treue des Denkens gibt, ist ziemlich klar. Man denkt nicht wahllos irgendetwas, denn wahllos irgendetwas denken hieße gar nicht denken. Die Dialektik selbst, die den Sophisten so behagte, ist nur Denken durch die Treue zu ihren Gesetzen und Kriterien, zum Widerspruch, den sie bejaht und überschreitet. Man darf die Dialektik nicht mit einem Herumgaukeln der Gedanken verwechseln, hat Sartre gesagt. Die Treue ist grosso modo das, was sie unterscheidet, wie man bei Hegels großer, ihrem Anfang und ihrer unglaublichen Gedankenstrenge bis zum Schluss treuen Logik sehen kann. Allgemeiner kann man sagen, dass ein Denken nur dem Nichts oder dem Geschwätz entgeht, insofern es – wie es sein Wesen will – bestrebt ist, dem Vergessen, den kurzlebigen Moden und Interessen, den Verführungen des Augenblicks und der Macht zu widerstehen. Alles Denken «läuft ständig Gefahr, sich zu verlieren, wenn wir uns nicht um seine Erhaltung bemühen», sagt Marcel Conche. «Es gibt kein Denken ohne Gedächtnis, ohne Kampf gegen das Vergessen und gegen die Gefahr des Vergessens.» 16 Das besagt, dass es kein Denken ohne Treue gibt: Um zu denken, muss man sich nicht nur erinnern (was allein schon das Bewusstsein ermöglichte, und nicht jedes Bewusstsein ist Denken), man muss sich auch erinnern wollen. Die Treue ist dieses Wollen, oder vielmehr ist sie der Akt und die Tugend dieses Wollens.

Bedingt sie nicht auch den Willen, dass man immer das denkt, wovon man sich erinnert, dass man es gedacht hat? Also nicht nur den Willen zur Erinnerung, sondern auch den Willen zum Festhalten? Ja und nein. Ja insofern, als es belanglos wäre, sich eines Gedankens erinnern zu wollen, wenn dieser nur eine Erinnerung in der Art eines geistigen oder begrifflichen Souvenirs wäre: Seinen Gedanken treu sein heißt nicht nur, dass man sich erinnert, sie gehabt zu haben, sondern auch, dass man sie lebendig erhalten will (dass man sich nicht nur erinnern will, sie gehabt zu haben, sondern sie zu haben). Nein insofern, als man, wollte man um jeden Preis an ihnen festhalten, sich gegebenenfalls einer Überprüfung durch Diskussion, Erfahrung oder Reflexion widersetzen würde. Seinen Gedanken treuer zu sein als der Wahrheit wäre Untreue dem Denken selbst gegenüber; es führte bei bester Absicht unweigerlich zur Sophistik. Treue zur Wahrheit zuerst! Darin unterscheidet sich die Treue vom Glauben und a fortiori vom Fanatismus. Für das Denken bedeutet Treue, sich weder Veränderungen in seinem Denken zu verschließen (Dogmatismus), noch es etwas anderem als sich selbst zu unterwerfen (Glaube), noch es für absolut zu halten (Fanatismus); Treue bedeutet Weigerung, sein Denken ohne gute und stichhaltige Gründe zu ändern und – weil permanentes Überprüfen unmöglich ist – für wahr zu halten, was einmal klar und eindeutig befunden worden ist, bis eine Überprüfung etwas anderes ergibt. Also weder Dogmatismus noch Unbeständigkeit. Man hat das Recht, seine Ansichten zu ändern, doch nur dann, wenn es Pflicht ist. Erst die Treue zum Wahren, dann zur erinnerten Wahrheit (zur bewahrten Wahrheit): So ist das treue Denken, das heißt das Denken.

Man verstehe mich richtig, wenn ich sage, für die Wissenschaft sei Treue kein Thema: Das gilt natürlich nicht für den Wissenschaftler, also auch nicht für die im Werden begriffene Wissenschaft. Doch die Wissenschaft als fertiges Resultat lebt in der Gegenwart und vergisst fortwährend ihre ersten Schritte. Wogegen die Philosophie den ihren fortwährend nachspürt. Welcher Physiker liest schon Newton? Welcher Philosoph läse nicht immer wieder Aristoteles? Die Wissenschaft schreitet fort und vergisst, die Philosophie meditiert und erinnert sich. Was ist die Philosophie anderes als äußerste Treue zum Denken?

Doch kehren wir zur Moral zurück. Dass sie mit der Treue zu tun hat, liegt in ihrem Wesen. Kant hätte dem allerdings widersprochen: Die Treue sei eine Pflicht, hätte er gesagt (zum Beispiel zwischen Freunden oder Ehegatten), doch die Pflicht lasse sich nicht auf die Treue zurückführen. Indem das Moralgesetz zeitlos sei, stehe es immer vor uns: Wir hätten nicht treu zu sein, sondern zu gehorchen. Und überhaupt, Treue wozu? Wenn sie dem gelten solle, was die Pflicht vorschreibe, so sei sie überflüssig (weil, Treue hin oder her, die Pflicht sich selbst gebiete); und wenn sie etwas anderem gelte, so sei sie nebensächlich (weil nur die Pflicht etwas absolut gebiete). Und jene Treue, die die Pflicht gebiete (Treue zum gegebenen Wort, eheliche Treue), sei ein bloßer Sonderfall der Pflicht, eine Spielart davon. Die Treue sei dem Moralgesetz untergeordnet, nicht das Moralgesetz der Treue.

Ja, wenn es ein Moralgesetz in Kants Sinne gibt: ein universelles, absolutes, zeitloses, unbedingtes … Wenn es also eine praktische Vernunft gibt, die absolut gebietet, ganz ohne Rücksicht auf Zeit und Raum. Aber was wissen wir von einer solchen Vernunft? Welche Erfahrung haben wir mit ihr? Und wer kann heute daran glauben? Kant hätte recht gehabt, gäbe es ein universelles und absolutes Moralgesetz und folglich eine objektive Begründung der Moral. Ich wenigstens kenne keine, und das scheint mir das Los zu sein, das uns unsere Zeit zugedacht hat: Wir sollen moralisch sein, obwohl wir nicht mehr an die (absolute) Wahrheit der Moral glauben. In wessen Namen sollen wir also tugendhaft sein? Im Namen der Treue: aus Treue zur Treue! Es ist, wenn man so will, der jüdische Geist gegen die deutsche Vernunft, er allein kann sie vor Barbarei bewahren.

Bergson hielt denn auch Kant vor, es sei höchst naiv, die Moral auf den Kult der Vernunft gründen zu wollen, faktisch also auf die Einhaltung des Prinzips des zu vermeidenden Widerspruches. 17 Cavaillès, als der große Logiker, der er war, sagte später dasselbe. Natürlich müsse eine Moral vernünftig sein, weil sie ja universell sein soll (jedenfalls universalisierbar); doch ausreichend dazu sei keine Vernunft: «Gegen eine einigermaßen starke Tendenz vermag der Satz des zu vermeidenden Widerspruchs nichts, und die klarsten Einsichten sind auf einmal getrübt. Die Geometrie hat noch nie jemanden gerettet.» 18 Eine Tugend more geometrico gibt es nicht.

Ist etwa Barbarei weniger kohärent als Zivilisiertheit? Ist Geiz weniger logisch als Freigebigkeit? Und selbst, wenn dem so wäre, inwiefern wäre es ein Argument gegen die Barbarei oder den Geiz? Nein, natürlich sollen wir nicht auf Vernunft verzichten, der Geist würde es nicht überleben. Wir sollen nur nicht die Vernunft, welche die Treue zum Wahren ist, mit der Moral gleichsetzen, welche Treue zum Gesetz und zur Liebe ist. Die eine kann natürlich mit der anderen einhergehen, und genau das nenne ich Geist. Gleichwohl sind Vernunft und Moral zweierlei, die eine ist nicht auf die andere reduzierbar.

Anders gesagt, die Moral ist nicht wahr, sondern gilt: Sie ist keine Sache des Wissens (zumindest vermag Wissen über sie nicht ihre Gültigkeit zu erweisen), sondern des Willens. Nicht überzeitlich, sondern historisch. Nicht vor uns, sondern hinter uns. Indem es keine Begründung der Moral gibt, auch keine geben kann, nimmt die Treue ihre Stelle ein. Durch sie unterwerfen wir uns nicht der Zeitlosigkeit eines universellen Moralgesetzes, sondern der Historizität eines Wertes, dem stets besonderen Fortleben der Vergangenheit in uns, handle es sich nun um die Vergangenheit der Menschheit im Allgemeinen (die Kultur, die Zivilisation: was uns von der Barbarei trennt) oder um unsere Vergangenheit im Besonderen, um unsere eigene oder um die unserer Eltern (Freuds Über-Ich, die Erziehung: die unsere Moral von der anderer Menschen unterscheidet). Treue zum Gesetz nicht als einem göttlichen, sondern als einem menschlichen, nicht als einem universellen, sondern als einem besonderen (auch wenn es universalisierbar ist und sein muss), nicht als einem außerzeitlichen, sondern als einem geschichtlichen: Treue zur Geschichte, Treue zur Zivilisation und zur Aufklärung, Treue zur Menschlichkeit des Menschen! Wir sollen nicht verraten, was die Menschheit, die uns gemacht hat, aus sich gemacht hat.

Die Moral beginnt mit der Höflichkeit, habe ich gesagt 19; sie setzt sich – wobei sie ihr Wesen ändert – fort mit der Treue. Erst tut man, was «man tut», dann gebietet man sich, was man tun muss. Erst achtet man auf gute Manieren, dann auf gutes Tun. Erst gute Sitten, dann das Gute selbst. Treue zur empfangenen Liebe, zum bewunderten Beispiel, zum bezeugten Vertrauen, zum Gebot der Stunde, zur Geduld, zur Ungeduld, zum Gesetz … Die Liebe der Mutter, das Gesetz des Vaters. Ich erfinde nichts, und ich schematisiere stark. Doch jeder weiß selber Bescheid. Die Pflicht, das Verbot, die Gewissensbisse, die Befriedigung nach guter Tat, der Wille zu gutem Handeln, die Achtung für den andern … All dies hängt «hauptsächlich von der Erziehung ab», wie Spinoza sagte 20, und das ist noch lange kein Grund, sich davon zu dispensieren! Es ist nur Moral, und die Moral ist nicht alles, die Moral ist nicht das Wesentliche (die Liebe und die Wahrheit sind wichtiger). Aber wer, außer dem Weisen und dem Heiligen, käme ohne sie aus? Und wie käme Moral ohne Treue aus?

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