Europas (Volks-)Tribune – ein allgemeiner Trend?

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Kai Ehlers
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Beigetreten: 18.07.2014 - 21:31
Europas (Volks-)Tribune – ein allgemeiner Trend?
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Europas (Volks-)Tribune – ein allgemeiner Trend?

Das Thema ist gut für einen Streit. Und nicht nur für einen. Zunächst geht es darum, zu klären, wovon die Rede sein soll:

  • Vom geographischen Europa – bis zum Ural, wie die traditionelle Einteilung unserer Schulbücher reicht?
  • Vom Kulturraum Europa, der an der russischen Grenze endet – oder reicht er doch bis Wladiwostok?
  • Von der Europäischen Union? Ist dann von der Eurozone zu reden? Oder von Brüssel?
  • Oder von 28 Nationen, die darum ringen unter wachsender deutscher Dominanz ihre Eigenständigkeit zu wahren?
  • Und sind die „europäische Friedensordnung“ der Schlüssel zur eurasischen und die eurasische der Schlüssel zur globalen Friedensordnung?

- Und braucht es dafür Tribunen, Demagogen, zeitweilige Diktatoren?

- Bringt der Prozess sie hervor oder behindern sie diesen Prozess?

Aktuell, konkret, nach anderthalb Jahren des Bürgerkrieges in der Ukraine, macht Europa, genauer, macht die Europäische Union so etwas wie eine dritte Wachstumskrise durch, sozusagen ihre Midlifecrisis  – nach den tollen Jugendjahren, die bis zur deutsch-deutschen Vereinigung reichten. Ihr folgte auf dem Fuße die erste Erweiterungsphase der Union bis 2007/8, in der sich alte und neue EU nivellieren und standardisieren mussten. Diese Phase zeichnete die deutsch-deutsche Vereinigung gleichsam als europäisch-europäische nach – mit gravierenden Unterschieden, versteht sich, insofern Ost-Europa von West-Europa nicht nur durch die Sowjetisierung unterschieden ist, sondern auch durch ganz eigene politische Realitäten und kulturell bedingte Mentalitäten.
 

Ab 2007/8 setzte die EU auf Assoziierungsverträge im Rahmen der neuen Nachbarschaftspolitik, welche die Phase der unmittelbaren Erweiterung abschließen und indirekt fortsetzen sollten. Die sechs Jahre "Neue Nachbarschaftspolitik" enden 2013/4/5 im Ukrainischen Bürgerkrieg – jetzt – mit dem vorläufigen Ergebnis der Dreiteilung der Ukraine: in die Kiewer Ukraine, die Ukraine der Volksrepubliken und die Krim, die in die Russische Föderation wechselte. Also Chaos! Misserfolg! Umdenken nötig! Und nun breitet sich große Ratlosigkeit aus, wie das Wachstum – auf das man in der EU trotz allem nicht verzichten möchte – in Zukunft aussehen könnte, ohne dass man sich in eine Dauerkonfrontation mit Russland begibt. Irgendwie soll Russland dazu gehörenaber irgendwie auch nicht.

Geht es jetzt um das Erwachsenwerden der Europäischen Union? Beginnt das politische Personal der EU endlich zu begreifen, dass die EU nicht Europa ist und dass Europa nicht – unter mentalem und politischem Verdrängen von Russland – bis nach Wladiwostok reicht, sondern dass die EU sich auf eine gleichberechtigte Dauerbeziehung mit Russland einlassen muss?

Es scheint, dass die aufgeworfene Frage nach Europas Tribunen nur in diesem Kontext bearbeitet werden kann.

  • Wer wird in den zukünftigen Beziehungen das Sagen haben?
  • Muss, ja, darf überhaupt einer oder eine das Sagen haben?
  • Ist ein „Multi-Kulti“-Europa denkbar, wünschenswert, überhaupt möglich?
  • Möglich für wen?

- Für die EU als Ganzes?

- Für Deutschland?

- Für Russland?

- Für den Osten der EU?

- Für das größere Ost-Europa?

  • Wie soll man mit Partnern umgehen, die Doppelbeziehungen zwischen Russland und der EU, der Europäischen und der Eurasischen Zollunion eingehen?
  • Ist die Teilung der Ukraine ein Zeichen dafür, dass eine Aufteilung von Einflusszonen à la Europäische ODER Eurasische Union nicht möglich ist?
  • Aber wie kann das anders aussehen, ohne dass lauter kleine Fürstentümer entstehen, die davon leben, dass sie in einem institutionalisierten Erpressungsritual die westliche EU abwechselnd gegen östliche ausspielen?

Fragen über Fragen, zu denen es zurzeit überhaupt noch keine Antworten, dafür umso mehr im Hintergrund lauernde „eingefrorene“ Konflikte gibt. Was geschieht, wenn alle diese Konflikte aufgetaut werden, ohne dass zuvor politische Lösungen entwickelt wurden, ist jedoch ziemlich klar: das hieße nichts anderes mehr als Krieg. Also, was tun?

In der Beantwortung dieser Fragen steht einmal mehr der Krim-Konflikt im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Exemplarisch, sozusagen. Wie ernst sind unter dem Zeichen globaler individueller und kollektiver Identitätskrisen die politischen „Kümmerer“ zu nehmen, die ihre Aktivitäten mit dem Wohl „ihrer“ Landsleute begründen? Geht die erkennbare globale Krise des Liberalismus in eine Wiedergeburt des Nationalismus oder sogar in eine Ethnisierung der globalen wie auch der alltäglichen Probleme über? Sind die „Kümmerer“ nur große Betrüger, die von der globalen Krise des Neo-Liberalismus auf scheinbar mögliche nationale Lösungen ablenken? Werden Sezessionsbestrebungen einerseits, Warnungen vor ihnen andererseits heute nur instrumentalisiert, um von tiefer gehenden Konflikten abzulenken? Worin bestehen diese Konflikte?
 

Fragen dieser Art ließen sich an alle politischen Führungen stellen. Aktuell werden sie bei uns vor allem an Wladimir Putin gestellt. Mit der gleichen Berechtigung könnten solche Fragen natürlich an eine Angela Merkel gestellt werden, die den „europäischen Geist“ angesichts der realen Krise des Euro, der Währungsunion und der Haltungen gegenüber Russland zur Krisenbewältigung und Festigung der „europäischen Einheit“ beschwört. Der Blick geht auch auf Erdoğan, auf Orbán oder andere – Obama und andere US-Amerikaner nicht zu vergessen, die nach wie vor „gods own country“ beschwören. Und natürlich auch Fragen an Russland:

  • Will Russland die Welt dominieren oder muss es sich vor Angriffen der USA und ihrer Vasallen schützen?
  • Wieso schützen sich die Europäer, besonders die Deutschen, nicht ihrerseits vor den USA?
  • Hat Stratege Friedman vom Stratfor-Institut (Abkürzung für Stategic Forecasting Inc., Wiki und Webseite)  ein Geheimnis „verraten“, als er kürzlich in die Welt posaunte, dass es schon immer das Interesse der USA war, ist, und bleiben wird, ein Bündnis von Deutschland und Russland zu verhindern?

Bei all dem bleibt selbstverständlich immer ganz offen, worin das jeweils beschworene Wohl eigentlich besteht und wem es zugutekommt. Selbst die aktuelle griechische Regierung und die potentielle spanische aus Podemos hervorgehende argumentieren, wenngleich der Not gehorchend, auch mit dem Wohl ihrer nationalen Bevölkerungen.
 

Mit der gleichen Berechtigung sprechen andererseits Katalonier, Schotten, sprechen Transnistrien, Abchasien, Ossetien und ebenso natürlich auch die Separatisten von Donezk und Lugansk und viele andere im Namen des Wohls „ihrer“ Bevölkerungen, die sie von unzumutbaren Bedrückungen befreit sehen wollen – wozu sie nach den Bestimmungen des Völkerrechtes berechtigt wären. „Kümmerer“ sind  sie alle – gibt es Kriterien, nach denen entschieden wird? Wo hört die Berechtigung für Einvernahme einerseits oder der Sezession andererseits auf? Wo fängt der politische Betrug an?

Kriterien für die all diese Fragen, sind nicht allein aus den Details aktueller politischer Abläufe zu gewinnen. Um tiefer gehende Antworten zu bekommen, muss sich der Blick immer wieder auf die längeren Wellen der Geschichte richten, aus deren Dynamik die Tagesereignisse hervorgehen.

Drei Strömungen der Transformation, die unsere Welt heute durchziehen, sind so zu betrachten:

Wir leben nach wie vor im nachsowjetischen Trauma.


Das beinhaltet die Frage, wie wir leben wollen, wenn nicht „realsozialistisch“, aber auch nicht „kapitalistisch“. Kurz gesagt: Hier geht es darum, die Krise des Kapitalismus als grundsätzliche und aktuelle zu erkennen. Wie können die neuen Lebensentwürfe aussehen, die der konfliktträchtigen kapitalistischen Expansionsdynamik ein Ende setzen?

Wir leben unter dem Druck nachholender Nationenbildung.

Der Druck ergibt sich aus dem Zerfall der bipolaren Systemkonfrontation. Neue Identitäten werden gesucht. Gibt es Alternativen zur Dogmatisierung und Radikalisierung des Nationalismus? Heut stellt sich die Frage nach Alternativen zum Nationalismus. Sind andere Formen der Lebensorganisation denkbar, die über die scheinbare Unauflöslichkeit von Staat, Kapital und Glaube/Ideologie = Nation hinausgehen? – Also: Neues Staatsverständnis beruhend auf Selbstorganisation in kooperativer Gemeinschaft, lokalen und regionalen Autonomien bis hin zu föderalen und/oder konföderalen Kooperationen; als Drittes schließlich freie, von Staat und Kapital unabhängige Geistigkeit/Kultur?


Die globale Ordnung bewegt sich von unipolarer Hegemonie in Richtung multipolarer Kooperation.

  • Welche Kräfte fördern welche bremsen diese Entwicklung?
  • Wie sind daraus entstehende Konflikte einzuhegen?
  • Oder sind sie nicht einzuhegen und wir sind hilflose Opfer eines scheinbar naturgegebenen Prozesses der Expansion, die nicht zu stoppen ist?
  • Wie ist der hieraus resultierenden Ohnmacht, Hysterie und Angst entgegen zu wirken?

Hinter all dem stellt sich die Frage: ob es gelingt, diesen Prozess in Richtung von mehr Autonomie für jeden einzelnen Menschen zu öffnen – oder ob die gegenwärtig herrschenden Mächte die bestehende Ordnung zementieren. Antworten auf diese Fragen liegen jenseits jeglicher Tagespropaganda. Sie sind sicher nicht allein mit pro oder contra „Krim“ zu entscheiden, allerdings auch nicht durch Leugnen oder Erfinden von Details. Es geht ja in der Tat auch im Konkreten um die Elemente der entstehenden zukünftigen Ordnung, genauer gesagt, der europäischen und darüber hinaus der globalen Friedensordnung.

Um hier weiter zu kommen, muss man wohl der Frage näher treten, warum die Europäische Union sich gegen Russland, aber nicht gegen die USA schützt, insbesondere, welche Rolle Deutschland in diesem Europa, in dieser Europäischen Union spielt.

Kai Ehlers, www.kai-ehlers.de



veröffentlicht bei russland.RU und meinem Blog

russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören, fängt russland.RU an.

Bild- und Grafikquellen:

1. Unter der Erweiterung der Europäischen Union (EU-Erweiterung) versteht man die Aufnahme eines oder mehrerer Staaten (sogenannter EU-Beitrittsländer) zur Europäischen Union. Art. 49 des EU-Vertrags räumt jedem europäischen Land, das die 1993 formulierten Kopenhagener Kriterien erfüllt, das Recht ein, die Mitgliedschaft zur Europäischen Union zu beantragen, ohne dass ein Rechtsanspruch auf Erwerb der Mitgliedschaft besteht. Das Europäische Parlament und alle bisherigen Mitgliedstaaten müssen dem Beitritt zustimmen. Vor der Erweiterung muss das Beitrittsland den Acquis communautaire, also die Gesamtheit des EU-Rechts, umsetzen.

„Europäisch“ wird dabei in einem politisch-kulturellen Sinn verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats, wie beispielsweise Zypern, mit ein. Die Zahl der Sterne auf der Europaflagge hat nichts mit der Anzahl der 12 Mitgliedstaaten zwischen 1986 und 1995 zu tun. Die Flagge wurde 1955 vom Europarat eingeführt und erst 1986 von der damaligen Europäischen Gemeinschaft übernommen. Die Flagge bleibt folglich ungeachtet der Erweiterungen der EU unverändert.

Autor der Grafik: Maximilian Dörrbecker. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

2. Europa Prima Pars Terræ in Forma Virginis (Europa als erster Erdteil in Form der Jungfrau), eine Europakarte von Heinrich Bünting, 1582, zeigt ein christlich geprägtes, eurozentrisches Bild Europas. Unter Eurozentrismus versteht man die ideologische Beurteilung inner- und außereuropäischer Gesellschaften nach europäischen Vorstellungen; demnach auf der Grundlage der von Europäern entwickelten Werte und Normen. Diese Wertvorstellungen, Kategorienbildungen und Überzeugungen nehmen im Eurozentrismus als Maßstab das alleinige Zentrum des Denkens und Handelns ein. In diesem Sinne umfasst der Begriff Eurozentrismus nicht nur das geografische Europa, sondern alle „neoeuropäischen“ Staaten wie Nordamerika, Südafrika und Australien. Eurozentrisches Denken ist seit der Kolonialzeit vielfach die treibende Kraft für den sozialen und kulturellen Wandel in den meisten menschlichen Gesellschaften der Welt.

Heinrich Bünting, auch: Buntingus, Bunting, Pendingius (* 1545 in Hannover; † 30. Dezember 1606 in Hannover) war evangelischer Theologe, Geograph und Chronist. Besondere Aufmerksamkeit erreichten die darin enthaltenen emblematischen Karten, die Europa als Jungfrau, Asien als Pegasus und die Welt als Kleeblatt darstellen. Quelle: www.raremaps.com / Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
 

3. Humoristische Karte von Europa im Jahre 1870; Berlin : Verlag v. Reinhold Schlingmann (Berlin : Lith. Inst. v. Th. Mettke); 24 x 38 cm, um 1870. Autor: Unbekannt. Quelle: NL, Universiteitsbibliotheek Vrije Universiteit, LL.09011gk: 100/od/1870 / Wikimedia Commons. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

4. "Die Kraft der »Überflüssigen«. Der Mensch in der globalen Perestroika". Pahl-Rugenstein, 2013, ISBN 978-3-89144-463-4

Wir leben in einer paradoxen Zeit: In einer Welt des Überflusses und der globalen Entgrenzung werden immer mehr Menschen als überflüssig bezeichnet oder fühlen sich sogar selbst so. Ein globaler Verwertungsprozess reißt uns aus unseren lokalen familiären, wirtschaftlichen und geistigen Verankerungen und spuckt uns am Ende als menschlichen Müll wieder aus.

Nur wenige Profiteure sind die Nutznießer dieses Vorganges, eine wachsende Mehrheit sieht sich als »überflüssig« ins Abseits gedrängt. Millionen der heute sieben Milliarden Menschen schaffen nicht einmal den Sprung in die Verwertung. Sie bleiben gleich auf den Müllhalden der Zivilisation stecken. Kein Ausweg? Keine Perspektive? Nur noch der große Crash? Nur noch lang angelegte strategische Selektion zwischen nützlichen und nicht nützlichen Menschen? Oder eine Revolte der »Überflüssigen«? Aber wie könnte diese Revolte aussehen?

Schauen wir genau hin: Die »Überflüssigen« sind nicht das Problem, das entsorgt werden müsste – sie sind die Lösung. Sie sind Ausdruck des über Jahrtausende angesammelten Reichtums der Menschheit – wirtschaftlich, sozial und kulturell. Sie sind Ausdruck der Kräfte, welche die Menschheit heute zur Verfügung hat, um vom physischen Überlebenskampf aller gegen alle in eine ethische Kulturgemeinschaft überzugehen, die am Aufstieg des Menschen zum Menschen orientiert ist und keinen Menschen mehr ausschließt.

Das vorliegende Buch zeigt: Wer die »Überflüssigen« sind, welche Kräfte in ihrem »Überflüssigsein« liegen. Welchen Widerständen bis hin zu eugenischen Selektionsphantasien der heute Mächtigen ihr Aufbruch ausgesetzt ist. Welche Kraft die »Überflüssigen« bilden, wenn sie sich entschließen, ihr Leben selbst zu organisieren – und schließlich, wie der Weg der Selbstorganisation in einer neuen, sozial orientierten Gesellschaft aussehen könnte.

5. Buchcover "Russland – Herzschlag einer Weltmacht. Russlands Rolle in der Kulturkrise". ISBN: 978-3-85636-213-3. Bei Interesse können Sie das Buch gleich beim Autor selbst bestellen. (Kontakt über meine Webseite)

6. Buchcover "Ein Spiel mit dem Feuer. Die Ukraine, Russland und der Westen", Herausgeber: Peter Strutynski, ISBN-13: 978-3-89438-444-9, PapyRossa-Verlag, Köln - zur Buchvorstellung