Heimatlose und Heimathaber

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Heimatlose und Heimathaber
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Heimatlose und Heimathaber

von Egon W. Kreutzer

Eine vorangestellte Anmerkung:

Der nachstehende Aufsatz entspricht nicht den Vorgaben der Political Correctness. Allerdings lasse ich mir meine Meinung nicht durch Vorgaben anonym bleibender Spin-Doctoren verbiegen. Wo Vernunft im Zweifel als Fremdenfeindlichkeit und Rassismus angeprangert wird, wo Argumente mit hohlen Phrasen abgetan werden, mag ich mich nicht einreihen. Gerne diskutiere ich mit jedem öffentlich weiter, der die Problematik grundsätzlich anders sieht, solange ihm dies auf einer sachlichen Ebene möglich ist.

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Die Unterscheidung in der Überschrift ist irreführend. Heimat ist etwas, das jeder hat. Heimat ist, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo ich mich auskenne und wohlfühle, wo meine Familie und meine Freunde leben, wo es so ist, wie es ist, weil es so ist.
 
Menschen, die ihre Heimat verlassen, haben dafür die unterschiedlichsten Gründe. Man kann aus Liebe zu einem Menschen die eigene Heimat verlassen und bei und mit diesem eine neue Heimat finden. Man kann auf der Suche nach Arbeit oder besseren Aufstiegschancen den Umzug in eine ferne Großstadt wagen. Man kann aus Verdrossenheit mit den herrschenden Verhältnissen einen Platz auf der Welt suchen, wo man glaubt, es würde dort besser sein. Man kann aus Angst vor drohenden Gefahren, seien es Menschenrechtsverletzungen oder Krieg und Bürgerkrieg die Flucht ergreifen - und man kann, und das ist vielleicht die unglücklichste Variante - von Machthabern umgesiedelt oder vertrieben werden.
 
Die Politik versachlicht diese Gründe und spricht von "Sicheren Herkunftsländern", von "Asylberechtigten", von "Flüchtlingen", von "Armutsflüchtlingen" und ganz generell von "Migration" und "Zuwanderung". Zudem verbreitet sie blumige Wortschöpfungen wie "kulturelle Bereicherung" und "Willkommenskultur" im "Einwanderungsland", sichert jede Hilfe bei der "Integration" zu und ordnet Skeptikern reflexartig Begriffe wie "Ausländerfeindlichkeit", "Fremdenhass" und "Rassismus" zu.
 
Leider war und ist die Politik in Deutschland bis heute nicht in der Lage gewesen, sich klar und eindeutig zu positionieren und ihre Motive so zu kommunizieren, dass verständige Zeitgenossen diese nachvollziehen könnten. Man haut und sticht auf offener Bühne, stets mehr daran interessiert, mit der gerade vertretenen eigenen Meinung der Konkurrenz Wählerstimmen abzujagen und das eigene Klientel möglichst in ruhigem Schlaf zu halten.
 
Die Debatte um ein Einwanderungsgesetz, die nun schon seit Jahrzehnten wie ein Bandwurm nur Kräfte verzehrt und Unruhen auslöst ohne je ein Ende zu finden, ist ein erbärmliches Zeugnis der Unfähigkeit unserer demokratischen Institutionen, die bei allen Fragen, zu denen die Bürger aus dem eigenen Erleben heraus zu einer Einstellung gefunden haben, darin gipfelt, dass sich Regierungs- und Oppositionsparteien darin zu übertreffen versuchen, die Vorstellungen der jeweils anderen Seite genüsslich und mit kraftvollen Worten zu demontieren, statt sich, wie es die Vernunft geböte, endlich einmal mit Sachverstand und kühler Logik um eine sinnvolle, gemeinsame Lösung zu bemühen.
 
Klaus Kleber hat gestern Abend (28.7.) im Heute-Journal des ZDF an die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten erinnert und dabei herausgestellt, welch großartige Leistung es gewesen sei, innerhalb kurzer Zeit eine nicht genau bezifferbare Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen - um die acht bis zehn Millionen Menschen - aufzunehmen und, wenn auch mit anfänglichen Ressentiments der "Stammbevölkerung" zu integrieren. Es war, obwohl nicht explizit erwähnt, der Versuch, den heutigen Deutschen zu erklären, was damals gelungen ist, muss auch jetzt wieder gelingen, also stemmt euch nicht gegen die Zuwanderung, sondern rückt enger zusammen. Wo zehn satt werden, werden auch elf oder zwölf satt - und nach ein paar Jahren haben sich alle aneinander gewöhnt.
 
Ein klug ausgedachtes Argument. Leider steht es auf tönernen Füßen, weil der Schluss zwar logisch ist, die Prämissen aber falsch gesetzt sind.
 

  • Diejenigen, die damals kamen, waren Deutsche - ohne Migrationshintergrund. Die deutsche Sprache war ihre Muttersprache, die deutsche Kultur war ihre Kultur und die christliche Religion war ihre Religion.
  • Diejenigen, die damals kamen, hatten wie diejenigen, die sie aufnahmen, den Krieg verloren. Alle gemeinsam hatten die Jahre von 1933 bis 1945 in gleicher Weise erlebt. Sie hatten Väter und Söhne im Krieg verloren und viele hatten auch ihr Hab und Gut verloren.
  • Diejenigen, die damals kamen, wurden, wie die Ausgebombten hier, von einer staatlichen Wohnungszwangsverwaltung in Quartiere eingewiesen und so mancher Hausbesitzer musste Zimmer frei machen und Flüchtlinge und Bombenopfer aufnehmen, weil insgesamt Sorge für das gesamte deutsche Volk zu tragen war.
  • Diejenigen, die damals kamen, stellten sich, soweit es ihre Kräfte und Fähigkeiten erlaubten, mit denen, die sie aufgenommen haben, der gewaltigen Aufgabe des Wiederaufbaus. Insgesamt entstand so das von aller Welt bestaunte deutsche Wirtschaftswunder. (Sicherlich spielten da auch noch andere Faktoren mit, doch mir geht es hier darum aufzuzeigen, dass es sich um die Gemeinschaftsleistung der nun auf engerem Raum zusammengeführten Deutschen handelte, die sich gemeinsam in der kleiner gewordenen Heimat einrichteten.)
  • Diejenigen, die heute kommen, sind keine Deutschen. Die meisten beherrschen die deutsche Sprache nicht, sind mit der deutschen Kultur und Lebensart nicht vertraut und stehen der christlichen Religion abweisend bis feindselig gegenüber.
  • Diejenigen, die heute kommen, sind nur zum kleineren Teil Kriegsflüchtlinge oder Vertriebene. Der größere Teil hat Hab und Gut, soweit vorhanden, freiwillig zurückgelassen oder den Schleppern übergeben und erwartet sich in Deutschland die Möglichkeit, diesen Verlust, diesen Aufwand, irgendwie wieder kompensieren zu können.
  • Diejenigen, die heute kommen, werden wieder von einer staatlichen Verwaltung überall da einquartiert, wo eine Möglichkeit gefunden werden kann. Zum Teil verdienen sich Vermieteter heruntergekommener Immobilien goldene Nasen daran, zum Teil werden schnell neue Bauten hochgezogen, zum Teil werden Zeltstätte oder Containersiedlungen errichtet und zum Teil werden Festhallen, Schulturnhallen und andere öffentliche Gebäude zweckentfremdet, wobei sowohl dem deutschen Volk als auch der deutschen Bevölkerung Lasten zugemutet werden, um den - allesamt Asylsuchenden - die notwendige Lebensgrundlage zu sichern.
  • Diejenigen, die heute kommen, stehen nicht vor der Aufgabe, überall mit anzupacken, um Deutschland wieder aufzubauen. Sie kommen in einen deregulierten Arbeitsmarkt und treten dort - sobald es ihnen erlaubt ist, eine Arbeit aufzunehmen - in Konkurrenz zu den Ansässigen und verschärfen damit die Situation für die deutschen Arbeiter und Angestellten, die bereits durch Arbeitskräfte aus den östlichen und südlichen EU-Staaten per Arbeitnehmer-Freizügigkeit äußerst angespannt ist.

Während also nach 1945 in Deutschland zusammenwuchs, was zusammen gehörte, wie - der Vergleich hinkt - ein abgetrenntes Körperteil das durch chirurgische Kunst wieder angefügt wird und nach einer Phase der Genesung auch wieder voll funktionsfähig ist, findet heute nicht "Rekonstruktion" statt, sondern eine therapeutisch nicht angezeigte "Implantation" ohne dass vorher die notwendigen Verträglichkeits-Tests vorgenommen wurden und ohne die notwendigen Medikamente zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen zu verabreichen - und wenn an der Nahtstelle "Entzündungen" auftreten, wird nicht etwa das ungeeignete Implantat als ursächlich angesehen, der Operateur als Kurpfuscher vor Gericht gestellt, sondern dem Patienten die Schuld zugewiesen, der einfach nicht bereit ist, dieses Implantat als Bereicherung wahrzunehmen.
 
Es ist meines Erachtens nicht schon der schuldig, der sich ernsthaft Gedanken über die inzwischen praktisch ungebremste Zuwanderung macht, statt einfach nur mit der Herde auf Anweisung des Leithammels "Willkommen!" zu rufen.

Sicherlich ist es gut und richtig, und dafür trete ich auch seit ich denken kann ein, dass politisch Verfolgte in Deutschland Asyl genießen. Aber eben nur "politisch Verfolgte" - und auch erst einmal nur Asyl. Das heißt, ein Bleiberecht, das nur so lange besteht, bis die Ursachen entfallen sind und die Rückkehr in die Heimat möglicht ist.

Als mit dem Schengen-Abkommen einerseits die innereuropäischen Grenzen geöffnet wurden und andererseits die Regelung getroffen wurde, dass Asylbewerber von dem Staat aufzunehmen sind, bei dem sie zuerst eintreffen, sprach ich mich klar dagegen aus, denn ich hielt das für die gezielte, bösartige Aushebelung des deutschen Asylrechts. Es hat anfangs durchaus auch so gewirkt.

Inzwischen sind aber nicht nur die inneren Grenzen offen, sondern auch die äußeren. Wer auch immer in Spanien, Frankreich, Italien oder Griechenland an Land geht, rutscht ungehindert überall durch wohin er mag. Gleiches gilt für die Menschen auf dem Balkan, die sich auf den Weg machen, um ein halbes Jahr in Deutschland "Sozialhilfe-Urlaub" zu machen, bis ihr Asylantrag abgelehnt ist und sie fürs Erste wieder abgeschoben werden. Wobei ich keinesfalls sicher bin, dass neben den registrierten Asylsuchenden nicht inzwischen auch noch Zigtausende unerkannt in der Illegalität hier versuchen, ihren Anteil am Kuchen zu erhaschen.

Ich will auch betonen, dass ich jenen Menschen, die den (allen) Flüchtlingen helfen, durchaus Anerkennung und Lob zolle. Man kann Menschen, wenn sie erst einmal hier angekommen sind, nicht einfach ohne jede Hilfe sich selbst überlassen, vor allem dann nicht, wenn sie dringend Hilfe benötigen. Solange allerdings jeder, der Lust hat, nach Deutschland zu kommen, auch hier ankommen und durchschnittlich mehr als ein halbes Jahr hier bleiben kann, bis über seinen Antrag entschieden ist, entsteht ein ganz anderes Problem, das mit der humanitären Hilfe für Menschen in Not überhaupt nichts mehr zu tun hat. Dafür können die Helfer nichts. Das muss man sich auch klar machen.

Es entsteht ein Problem, das gerne mit der Bezeichnung "Rassismus" abgetan wird. Doch meines Erachtens handelt es sich überhaupt nicht um Rassismus und auch nicht um Fremdenfeindlichkeit, sondern schlicht und einfach um die Erkenntnis, dass Dorfgemeinschaften, Städte und Bundesländer von der großen Zahl der Aufnahmesuchenden sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich/kulturell überfordert werden.

Die Mär vom "reichen Land" Deutschland steht ja konträr zur Realität. 20 Prozent an und unter der Armutsgrenze, Millionen von Hilfeempfängern, die Tafeln als inzwischen selbstverständliche Einrichtung in fast jeder Stadt - das macht doch überdeutlich, dass Deutschland zwar durchaus ein "Reichenland" ist, aber auf der anderen Seite eben auch ein "Armenland", das - wenn nicht die Reichen zur Kasse gebeten werden, was aber nicht zu erwarten ist - den Import von Armut und noch mehr Niedrigstlöhnern nicht verkraften kann, es sei denn, man will die Bewohner dieser Republik mit Gewalt auf das Wohlstandsniveau eines Entwicklungslandes herunterprügeln und damit den Eigentümern dieser Republik noch größere Profite ermöglichen.
 
Wen wundert es da, wenn sich in der eingesessenen Bevölkerung Unmut breit macht? Wen wundert es da, wenn sich Bewegungen wie die PEGIDA in Montagsspaziergängen gewaltfrei für die Bewahrung ihrer Identität und ihrer Heimat aussprechen?
 
Wenn auch die Medien dazu verdonnert sind, in Berichten über Gewaltaten, Raub und Diebstahl die Herkunft und die Religion der Täter zu verschweigen, und damit offen lassen, ob sich nun 70 Deutsche oder 70 Migranten wieder mal irgendwo eine Straßenschlacht geliefert haben, ob Migranten oder Deutsche für Mord, Vergewaltigung, Raub und Diebstahl verantwortlich waren: Die Menschen merken doch längst, dass die "Implantation" schon längst zu autonomen Parallelgesellschaften geführt hat, deren Werte und Rechtsauffassungen sich eben nicht mit den unseren decken, was zu mannigfachen Konflikten führt, und dazu, dass auch die Polizeiführer inzwischen zugeben, dass manche Gegenden und Stadtviertel inzwischen kaum noch zu kontrollieren sind. Das Wort von den "No-go-Areas" oft belächelt und als fremdenfeindliche Hetze gedeutet, hat inzwischen auch in etlichen deutschen Städten durchaus seine Berechtigung.

Es kann so nicht weitergehen!

Was uns wirklich fehlt, ist ein klares und eindeutiges Zuwanderungsgesetz. Aber nicht der Kuhhandel, der jetzt von der SPD angeboten wird. Ein politisches Feilschen um ein wachsweiches Zuwanderungsgesetz mit der Gegenleistung, entgegen bisheriger Positionen, weitere Staaten als "Sichere Herkunftsländer" einzustufen, wird doch wieder nur ein fauler Kompromiss, der am Problem nichts ändert.
 
Hätte ich etwas zu sagen, ich würde alle Parteien auffordern, ihre Entwürfe für ein Zuwanderungsgesetz spätestens ein halbes Jahr vor der nächsten Bundestagswahl öffentlich zu machen und sich einer intensiven Diskussion mit der Bevölkerung darüber zu stellen. Dann könnten am Ende die Wähler darüber entscheiden, ob sie eher für härtere oder für weichere Regeln, für mehr oder weniger Zuwanderung eintreten. Ich bin überzeugt, die Partei mit dem Entwurf eines Zuwanderungsgesetzes, das mit den Intentionen der Wähler am besten übereinstimmt, erhielte aus dem Stand die absolute Mehrheit der Stimmen und Mandate.
 
Ja, ja - da höre ich schon wieder die etablierten Politiker von "Populismus" und "Rattenfängern" reden. Denen halte ich nur eines entgegen: Wenn ihr nicht wollt, dass die Bürger vollends auf die Barrikaden gehen, solltet ihr endlich begreifen, dass nicht ihr "die Demokratie" seid, sondern lediglich diejenigen, die den demokratisch gebildeten Willen der Wahlberechtigten umsetzen sollten.
 
... vergisst man so leicht, wenn man an der Macht ist und damit so fern von den realen Problemen, dass es nur noch Ideologie, und hinter der Ideologie nochmals Ideologie und dahinter gar nichts mehr gibt.

Egon W. Kreutzer


 

Quelle:  Egon W. Kreutzer.de > Artikel

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Marie-Luise Volk
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Beigetreten: 28.10.2010 - 13:29
Folgen des Raubtierkapitalismus


Lieber Herr Kreutzer,

Sie haben recht, es kann so nicht weitergehen! Was wir hier erkennen, ist Ausdruck des auflaufenden Schlussaktes des Raubtierkapitalismus. Und es ist gewollt, dass die Menschen aus ihrer angestammten Heimat fliehen müssen und in Kulturkreise eindringen, die ihnen von ihrer Mentalität her völlig fremd sind. Es ist auch gewollt, dass es zur Destabilisierung ganzer Bevölkerungsgruppen kommt. Auch das Entstehen von nicht kompatiblen Parallelgesellschaften. Im Kapitalismus sind alle Facetten der Ausbeutung und Unterdrückung erwünscht.

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sagte am 23.12.2014 in den ZDF-Nachrichten, 19.00 Uhr:


"Wir brauchen Zuwanderung in Deutschland, weil die erwerbstätige Bevölkerung in den nächsten Jahren deutlich geringer werden wird und um die Sozialsysteme und die Infrastruktur auf die Leistungsfähigkeit zu halten wie heute, benötigen wir folglich Zuwanderung aus dem Ausland.“


Herr Kramer hat natürlich nicht die erwerbstätige Bevölkerung und erst recht nicht die Sozialsysteme im Auge, sondern sieht in der Zuwanderung die Möglichkeit, die Löhne zu drücken, die Beschäftigten untereinander zu spalten und damit die Kapitalinteressen zu bedienen.

Und es ist gleichfalls erwünscht, dass es zu Auseinandersetzungen zwischen PEGIDA und Antifa kommt. Solange dieser Konflikt am Laufen gehalten werden kann, solange bleibt die Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus außen vor. Das Aufeinanderhetzen von Bevölkerungsgruppen war schon immer im Sinne der Kapitaleigner. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

Marie-Luise Volk

 

 

 

 

 

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Harry Popow
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Beigetreten: 18.05.2013 - 13:52
Imperialistische Kriegspolitik der NATO


Lieber Herr Kreutzer

Ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Zu „Heimatlose und Heimathaber“ habe ich leider keine nähere Erklärung gefunden. Der Vergleich des heutigen Flüchtlingsstroms mit den Vertriebenen im Zweiten Weltkrieg ist nicht uninteressant, aber meiner Meinung nach unnötig und bleibt am Erscheinungsbild kleben. Geht es doch bei beiden Phänomenen um die gleichen Ursachen: Das Machtstreben der Kapitaleliten. Damals Hitlers Geldgeber, heute die eigentlichen Verursacher von Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft und Industrie durch die Multis. Hunger und Wassermangel infolge des durch die kapitalistische ausbeuterische und menschenverachtende Produktions- und Konsumtionsweise verursachten Klimawandels, Kriege zur Ausweitung von Einflusszonen, Kampf um Ressourcen sowie Beseitigung unliebsamer Regierungen. Kein Wunder, das treibt Millionen in die Flucht.

Niemand von den oberen Zehntausend denkt nur im entferntesten daran, die eigene stets verschwiegene und unterdrückte Schuld zuzugeben! Spielt dies etwa in den Medien eine Rolle?

Die einstige Kolonialisierung und heutige Globalisierung, die imperialistische Kriegspolitik der USA und seiner NATO-Verbündeten, die finanzielle und materielle Unterstützung von Terrormilizen wie al-Qaida und Islamischer Staat (IS), die verhängten Embargos sowie unser krankes Banken- und Finanzsystem (Stichworte: Troika, IWF, Austeritätspolitik, Rettungsschirme für Banken, Griechenland) verursachen und hinterlassen soziale Trümmer, die nur durch eine veränderte Arbeitsmarkt- und Flüchtlingspolitik, durch veränderte Eigentumsverhältnisse global verhindert werden können. Solange dies nicht geschieht, und da gebe ich dem Autor recht, zerfällt die Hilfe für Flüchtlinge in tausend kleine Aktivitäten, an den eigentlichen Ursachen aber ändert sich nichts. Im Gegenteil, wenn die Flüchtlingsproblematik in einen Topf mit globalen Risiken und einer „Friedensgefährdung“ geworfen wird und so eine sogenannte Vorsorge gegen soziale Unruhen, einschließlich militärischer Gewalt, befeuert wird, solange wird es keinen Frieden für alle geben.

Die einen helfen, die anderen verdammen und beschimpfen die Notleidenden. Dieser Konflikt, über den sich Herr Kreutzer, der warmherzig selbstverständlich sein Mitgefühl mit den Flüchtlingen ausspricht, ist unter den herrschenden imperialistischen Verhältnissen nicht ernsthaft und auf Dauer lösbar.

Ehrliche Ursachenforschung – das wäre der Nagel zum Sarg der imperialen Herrschaftsverhältnisse. Schade, darauf hat Kreutzer seine Pfeile nicht gerichtet. Ob Heimatlose oder Heimathaber – es ändert nichts am schlimmen Zustand der zunehmenden Flut von Flüchtlingen.

Harry Popow, Schöneiche b. Berlin

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Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com

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Wolfgang Blaschka
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Beigetreten: 09.11.2010 - 02:16
Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge!


Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge!

Replik von Wolfgang Blaschka an Egon W. Kreutzer

Vorbemerkung: Diese Zeilen sind zu lesen als Antwort auf den Artikel "Heimatlose und Heimathaber", dessen Autor gleich zu Beginn damit kokettiert, sein Aufsatz entspreche nicht der "Political Correctness". In der Tat enthält sein Beitrag Behauptungen, die alles andere als korrekt sind, nicht etwa "nur" politisch gesehen, sondern vor allem was die objektiven Tatsachen anbelangt. Zuerst beklagt er, dass die Debatte über Flüchtlinge und Migration im Allgemeinen ideologisch behaftet und überfrachtet sei. Da hat er recht: Es kommt tatsächlich darauf an, welche Weltbilder im Kopf der Diskutanten herumschwirren, um dieselben Tatsachen jeweils gänzlich unterschiedlich zu interpretieren. Doch merkt er nicht, wie ideologisch gefärbt er selbst heruminterpretiert. Er befleißigt sich ausschließlich einer eingeschränkten Binnensicht; für die internationale Realität macht er sich vorsätzlich blind. Sonst müsste er doch erkennen, dass von überall dort, wohin deutsche Waffen exportiert werden und wo NATO-Staaten "intervenieren", im Gegenzug Flüchtlinge "zurück" kommen, als wären sie postwendend lebende Beweise für die gemeingefährlichen Folgen dieser Art westlicher Außenpolitik. Wer auf Flüchtlinge zeigt ohne auf deren Fluchtgründe zu verweisen, ist entweder beschränkt in seiner Wahrnehmung oder vorsätzlich bösartig. Letzteres möchte ich ihm natürlich nicht unterstellen. Daher finde ich seine Ausführungen auch einer Antwort wert. Zum besseren Verständnis bitte ich zunächst den Ausgangsartikel "Heimatlose und Heimathaber" zu lesen.

Ich bekenne unumwunden, Internationalist zu sein. Also auch meine Sicht ist ideologisch geprägt, wennschon aus dem konkreten Erfahrungshintergrund meiner Familiengeschichte sowie der Erkenntnis, dass alle Menschen gleich sind - nicht nur vor dem Gesetz, sondern in ihrer Würde, in ihren Empfindungen, in ihren Grundbedürfnissen. Bei allen kulturellen Unterschieden: Sie alle brauchen zu essen, zu trinken, Luft zum Atmen, ein bisschen persönliche Habe, eine sichere Schlafstätte mit möglichst einem Dach über dem Kopf, Bekleidung, Bildung, Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeit. Menschen brauchen auch eine Lebensperspektive, die sie sich daheim fühlen lässt auf dem einzigen Planeten, der unserer Spezies eine "Heimat" sein kann, wo der Homo Sapiens frei atmen kann. Eine zweite Erde gibt es nicht. Es ist nur die große Frage, wem sie gehört und wer wieviel davon für sich reklamiert als Privatbesitz, Spekulationsobjekt oder als "Jagdgebiet" oder "Hinterhof", sei es zur Auslagerung von Prostitution oder zur Rohstoffgewinnung. Bis auf die Polkappen sind die Kontinente unterschiedlich kommod bewohnbar auf dieser fast runden, in Wahrheit kartoffelnasig zerklüfteten Kruste, auf der wir stehen, sitzen, liegen und laufen können unter dem vielbestirnten Firmament, das uns nächtens glitzernd daran gemahnt, dass wir mit unserer rotierenden Lebensgrundlage auf endloser Reise um die Sonne mit dieser zusammen durchs Weltall schwirren.

Heimat sei etwas, "das jeder hat", so sinniert er: "Heimat ist, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo ich mich auskenne und wohlfühle, wo meine Familie und meine Freunde leben, wo es so ist, wie es ist, weil es so ist." Diese eigenredundante Definition gerät sehr schnell zur löchrigen Luftnummer, wo sich jemand nicht mehr "auskennt", weil Krieg herrscht oder Dürre oder Seuchen um sich greifen, wo sich einer nicht mehr "wohlfühlen" kann, weil marodierende Söldner die Gegend verunsichern oder "reguläre" Regierungstruppen nächtliche Razzien veranstalten, wo Nachbarn oder Freunde willkürlich verhaftet oder umgebracht werden. Da ist dann Schluss mit trauter Heimatgebundenheit, und oft bleibt als Letztes die Flucht. Bei Nacht und Nebel, unter Zurücklassung aller Habe, nur das Nötigste am Leib, und meist nicht einmal das. Haus und Hof und Kind und Kegel werden nicht Hals über Kopf zurück gelassen, nur um der Liebsten zu folgen oder einen besseren Job in der nächsten Stadt zu suchen, sondern aus blanker Not, wenn nicht aus existenzieller Angst um Unversehrtheit, Gesundheit und Leben. Meist mit dem fürsorglichen Segen der Familie, die ihr gesamtes Vermögen aufbringt, damit wenigstens einer durchkommen möge. Es sind viele junge, gesunde, mobile und tatkräftige Wagemutige auf den hoffnungslos überladenen Schiffen, die inzwischen fast schon regelmäßig auf die Lebensgefahr des Ertrinkens im Mittelmeer zusteuern. Dabei wird gern auf "skrupellose Schlepper" gedeutet, die es solange gibt, wie kein anderer Weg besteht.

Nur zur Erinnerung: Bei den DDR-Flüchtlingen und ihren Fluchthelfern war es gänzlich anders: Die wurden als Helden gefeiert und aus Gründen des gelebten Antikommunismus nur zu offenherzig im Westen begrüßt. Freilich baut Egon W. Kreutzer gleich vor mit dem national gefärbten Nachkriegsargument, das seien schließlich Deutsche gewesen – "ohne Migrationshintergrund". Die hätten sich problemlos integriert und keine Parallelgesellschaften gebildet. Schon mal was von den "provisorischen" Nissenhütten- und Barackenlagern gehört, die es mancherorts bis hinein in die frühen 60-er Jahre gab? Waren denn danach die "Spätaussiedler" aus der Sowjetunion imstande "ordentlich Deutsch" zu sprechen? Auch diese wurden aus rein ideologischen, nationalistischen Gründen willkommen geheißen, weil sie längst verstorbene Vorfahren nachweisen konnten, die Deutsche waren. Deren Kinder hatten oft recht wenig Lust, sich hier heimisch zu fühlen und einzugewöhnen. Das falsche Argument einer angeblichen Kultur- und Traditions-Übereinstimmung unter Menschen deutschen Geblüts läuft hier vollends ins Leere. Ihr Erfahrungshorizont war ein gänzlich anderer.

Ebenso wie ihre Sprache, ihre Sitten und Gebräuche russisch, moldawisch, kasachisch oder sonstwie geprägt waren, nur überhaupt nicht von der westdeutschen Realität der Achtzigerjahre. Deutsche sind prinzipiell genauso anpassungsfähig wie Menschen anderer Abstammung – oder eben auch nicht bereit zur zwangsweisen Assimilierung von heute auf morgen, sofern die ihnen fremdbestimmt abverlangt wird. Da können sie stur sein wie alle andern auch. Das kann allemal Probleme aufwerfen, die jedoch vor allem sozial und ökonomisch bedingt sind, nicht etwa völkisch oder sonstwie determiniert. Bildungsgrad und reale Berufsperspektive sind individuell weitaus bestimmender für Migranten als traditioneller Familienhintergrund oder eine angeblich so prägende Herkunftsgebundenheit.

In Zeiten kapitalistischer Globalisierung begeben sich Arbeitssuchende im größeren Maßstab "auf die Walz", und nicht nur während ihrer "Gesellenjahre". Sie wandern tendenziell ab in die Metropolen oder in die sie umgebenden Wachstumsregionen; das ist nichts neues. So ist beispielsweise das Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert entstanden und gewachsen: Von Abramowski bis Zymkowitsch weist fast jeder zweite Familienname im "Pott" auf ursprünglich polnische Herkunft hin; inzwischen sind sie genauso begeisterte Laubenpieper geworden wie die originär Deutschen auch. Ohne Zuzügler aus dem Bayerischen Wald wäre München noch heute ein provinziell beschauliches Residenzstädtchen. In Berlin wurden Hugenotten aus Frankreich angesiedelt, in St. Petersburg Deutsche, Holländer und Italiener, um dort als Architekten, Bauarbeiter und Schiffsbauer zu werkeln. Die Türken wurden als Gastarbeiter in den 70-er Jahren gezielt aus Anatolien angeworben, genauso wie vorher die Italiener aus den ärmeren südlichen Regionen Italiens. Je umfassender der Globalisierungsdrang der kapitalistischen Staaten ausgreift, desto weiträumiger werden die Wanderbewegungen.

Die ökonomische Lage treibt Menschen dorthin, wo sie ihr Auskommen finden. Das zeigt sich auch innerhalb Deutschlands sehr deutlich: Abgesehen vom allgemeinen Bevölkerungsrückgang (-0,7 Prozent) erleben wir eine signifikante Abwanderung vor allem aus den östlichen Bundesländern (und dem Saarland): Alles "Wirtschaftsflüchtlinge", die im Süden der Republik oder in Österreich Beschäftigung suchen und finden, vor allem im Hotellerie- und Gaststättengewerbe, meist schlecht bezahlt. Krankenhäuser ohne ungarische Pflegekräfte könnten aufgrund Personalmangels zusperren. Müllabfuhr, Busbetriebe – alles nur funktionstüchtig durch Zuzügler aus dem Ausland. Wir haben uns im Alltag längst daran gewöhnt, vom Dönerladen bis zum irakisch geführten Internetcafé.

Ob jemand sich einlebt und "zuhause" fühlt, hängt davon ab, wie gut seine Chancen sind einen Job und eine Wohnung zu finden. Wer das durch Abweisung und Ausgrenzung erschwert oder verunmöglicht, tut sich selbst keinen Gefallen: Er begünstigt Ghettos, produziert aussichtslose Türsteher-Karrieren und treibt entwurzelte Habenichtse in die Kriminalität. Integration ist angesagt, nicht Stigmatisierung, amtliche Gängelung und rassistischer Argwohn. Die Politik hat lange genug gebraucht, um zumindest ansatzweise zu erkennen, dass sich Migration nicht vermeiden lässt durch noch so restriktive Abschottungs-Maßnahmen. Grundsätzlich würde sich durch ein zeitgemäßes Einwanderungsgesetz tatsächlich etwas ändern, wenn dessen Haupt-Augenmerk auf die Eingliederung gerichtet wäre, und nicht zuvorderst in Regularien für die Zuzugsbeschränkung – vulgo "Ausländer-Abwehr" – bestünde. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt, folgt man der jetzigen Debatte. Auch ein europaweiter Verteilungsschlüssel würde dem nicht gerecht, denn die Freizügigkeit in der Aufenthaltswahl – für uns Europäer eine Selbstverständlichkeit – wäre dadurch massiv eingeschränkt.

Die Stimmungsmache gegen "Wirtschaftsflüchtlinge", der Streit um "erwünschten" und "unerwünschten" Zuzug nach Deutschland geht gnadenlos weiter – auf dem Rücken der Flüchtlinge. Da sollen Sinti und Roma pauschal dorthin zurück geschickt werden, wo mit Steinen nach ihnen geworfen und auf sie gespuckt wird, wo progromartige Zustände herrschen, nur weil sie aus angeblich "sicheren Herkunftsländern" stammen. Dabei sollte auch hiesigen Behörden bekannt sein, wie prekär und gefährdet deren Lebenssituation im "Westbalkan", in Ungarn, in Tschechien oder der Slowakei sich darstellt. Es ist jedermanns gutes Recht um Asyl zu bitten. Er kann das nur in Deutschland tun. Also muss er erstmal ins Land kommen dürfen, ohne an der Grenze gleich abgeschoben zu werden.

Die Kastration des Asylrechts bleibt seit über 20 Jahren auch weiterhin ein Skandal. Durch die "Drittstaaten-Regelung" ist es schier unmöglich geworden, auf legalem Weg hierher zu kommen. Man müsste schon aus dem Flugzeug abspringen und vom Himmel fallen, um hier nach Dublin II unabweisbar asylantragsberechtigt aufzuschlagen. Die Illegalität, die den Flüchtenden dadurch auferlegt ist, wird ihnen oft genug als bedrohliche Kriminalität ausgelegt, als Vertuschung ihrer Herkunft und ihrer Fluchtwege. Das sind Gesetzesverstöße, die Deutsche nie begehen könnten. Residenzpflicht, Arbeitsverbot, Schikanen in Sammelunterkünften und die ewige Warterei machen aus hochmotivierten jungen Menschen "Aussätzige", die in Depression und Verzweiflung versinken. Es ist ein schändliches Verbrechen an der Humanität, ein klägliches Armutszeugnis für das relativ reiche Land, den Neuankömmlingen Deutschkurse zu verwehren und sie in Agonie zu zwingen, anstatt sie aufzunehmen, willkommen zu heißen und ihnen den Start in ein neues Leben zu ermöglichen so gut es geht. Nur den vielen ehrenamtlichen Helfern und zahllosen Spendern ist es zu verdanken, dass stellenweise für manche Syrien-Flüchtlinge ein Hoffnungsschimmer aufkeimt. Die Regierungsbezirke haben großteils versagt.

Es ist leider nicht so, wie Kreutzer moniert, dass der Mainstream "flüchtlingsfreundlich" sei. Das sieht man an den Rechtsaußen-Reaktionen auf einen Tagesthemen-Kommentar oder am Shitstorm, der über Til Schweiger hereinbrach, bis hin zu Morddrohungen. Zwar ist das öffentliche Meinungsklima nicht mehr durchgehend von Nazis dominiert wie Anfang der 90-er Jahre, doch der Kampf tobt durch alle Medien. Es ist ein weltanschaulicher Streit um die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder eine abgeschottete "Wohlstandsinsel" in Europa sein kann, in der man selbst EU-Bürgern nur deshalb eine PKW-Maut abknöpfen sollte, weil sie Ausländer sind. Es geht um die Frage: Zurück zum isolierten Nationalstaat oder vorwärts in eine soziale, demokratische, friedliche Europäische Union, die tatsächlich auch eine politische Gemeinschaft werden müsste, wollte sie Bestand haben und nicht in Krisensituationen unsolidarisch auseinanderbrechen. Natürlich gibt es auch im europäischen Exportland Nummer eins viel zuviel Armut und entsprechend viel Reichtum. Doch verglichen mit Spanien oder Griechenland steht hier nicht eine halbe Jugendgeneration auf der Straße. Ohne eine Art EU-Staaten-Finanzausgleich wird es nicht gehen, auch wenn die Konservativen das strikt ablehnen.

Doch was haben Konservative nicht schon alles abgelehnt: Völkerfreundschaft und internationale Solidarität waren ihnen lange genug Fremdworte. Sie haben es als "Sozialisten-Gewäsch" abgetan und als "Bolschewiken-Propaganda" verteufelt. Konservative haben die Zeichen der Zeit noch niemals richtig erkannt. Sonst wären sie ja nicht konservativ. Sie hoppeln der Wirklichkeit entweder hilflos hinterher oder drehen sie gewaltsam wieder solange zurück, bis alles wieder in ihr überkommenes Weltbild passt. Sie sind generell schlechte Berater. Die meisten neigen zum Angstbeißertum. Vor hundert Jahren haben sie die Deutschen gegen den "Erbfeind" Frankreich gehetzt. Vor 70 Jahren ließen sich die meisten Deutschen brav in den Krieg "führen" gegen "asiatische Untermenschen", gegen Juden und "Zigeuner", ob die nun Deutsche waren oder nicht. Dazu ließen sich die Konservativen gern zu NS-Mitläufern und Tätern "revolutionieren", bis sie bemerkten, dass "Deutschland über alles" vor Stalingrad und im Totalen Krieg enden musste. Sie bedienten sich der "Ausländer", derer sie habhaft werden konnten, als Zwangsarbeiter, um ungehindert Krieg führen zu können. KZ-Häftlinge wurden durch harte Arbeit zu Tode geschunden und vernichtet. Vor diesem Hintergrund verbietet sich eine "Nützlichkeits"-Debatte über Menschen eigentlich von selbst. Wer sie dennoch führt, landet gedanklich unweigerlich an der Selektionsrampe.

Danach haben sie nur mühsam umgedacht. Keiner wollte mehr Nazi gewesen sein, doch "national denken" durfte man doch wohl noch, oder? Aber nicht einmal das hat die Adenauer-Ära geschafft vor lauter Konservatismus und Russenangst: Die Gründung der BRD '49 lief nach dem Motto: Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb! Die DDR-Gründung im Oktober danach war nur logische Konsequenz: 40 Jahre deutscher Zweistaatlichkeit waren dem Konservatismus geschuldet, der Ablehnung eines blockfreien, entnazifizierten und entmilitarisierten demokratischen Deutschlands, wie es Stalin 1952 ins Gespräch gebracht hatte. Es hätte zukunftsträchtig, weltoffen und vor allem friedlich werden können. Doch kam es nie zustande. Zehn Jahre nach dem Anschluss der DDR begann das größere, wirtschaftlich stärkere und politisch zum engsten Verbündeten der USA aufgewertete Land wieder Kriege zu führen, zuerst um Jugoslawien zu zerschlagen. Die Folgen sind bis heute spürbar. Ähnlich lief es mit Afghanistan.

Dass im Irak der IS entstehen und erstarken konnte, ist ein unmittelbares Ergebnis des Irakkrieges 2003, den Deutschland durch die Gewährung von Überflugrechten und anderen "Support" erst ermöglicht hatte. Die Flüchtlingsströme, die durch den IS-Terror dort und in Syrien entstanden sind, flossen nur zum kleineren Teil nach Europa. Die meisten Vertriebenen irren als Binnenflüchtlinge umher oder sind in benachbarte kleine Staaten wie Libanon oder Jordanien ausgewichen. Es sind Millionen – nicht zuletzt aufgrund fataler deutscher Außenpolitik! Und das bei dieser traditionell hartleibigen deutschen Ausländergesetzgebung. Dabei sollte es eigentlich ein Bewusstsein geben für die Not von Emigranten. Die während des Faschismus aus Deutschland Vertriebenen oder vor den Nazis Untergetauchten aus anderen Ländern konnten nur überleben, weil sie irgendwo Asyl fanden. Ende der 60-er Jahre gefielen sich CDU-Abgeordnete wie Rainer Barzel noch darin, Willy Brandt als vaterlandsverräterischen "Herbert Frahm" (das war sein Name als Illegaler in Norwegen) zu verunglimpfen. Konservatismus bewahrt auch größte Niederträchtigkeiten wie unter einer Käseglocke. Kein Wunder, wenn es darunter ätzend mieft wie "unter Talaren aus tausend Jahren". In diese Traditionslinie sollte man sich nicht stellen.

Abgesehen davon: Hat ein gebürtiger Bremer, der nach Bayern zieht, etwa keinen "Migrationshintergrund"? Oft fällt anfangs gar die sprachliche Verständigung rudimentär aus, von Essensgewohnheiten und Mentalitäts-Kollissionen gar nicht erst zu reden. Es kann lange dauern, bis ein Mensch im Anderswo neue Wurzeln schlägt. Je jünger desto leichter. Wo also ist das Problem mit Menschen aus anderen Nationen, das in deutschen Debatten so viele "kultivieren" oder meinen "verständnisvoll" nachvollziehen zu müssen? Haben wir nicht vielmehr ein ureigen deutsches Problem, wenn wir uns im Diskurs vor verbohrten Ewiggestrigen hertreiben lassen?!

Ausgerechnet in Dresden, wo der Ausländeranteil an der Bevölkerung marginal gering ist, wird sich "gesorgt" vor "Überfremdung" und "Islamisierung des Abendlands" anstatt vor den zurückgebliebenen einheimischen Burschen, die nachts grölend durch die Straßen ziehen und Flüchtlingsunterkünfte attackieren. Es sind vor allem junge Frauen, die – meist besser qualifiziert und weniger aggressiv gepolt – wegziehen. Übrig bleiben die unterbeschäftigten, perspektivlos herumhängenden Jungmänner, die den Terror veranstalten.

Raum dazu haben sie genug: Der Osten schrumpft. Kein Wunder, wurde er doch gleich nach der Wende gründlich deindustrialisiert von den westdeutschen Konzernen, die sich so manches VEB-Kombinat samt dessen Grundstücken für eine symbolische D-Mark unter den Nagel reißen konnten. Seitdem haben die "fünf neuen" Bundesländer rund 2,3 Millionen Menschen verloren: Gleich in den Nachwende-Wirren durch rapiden Geburtenrückgang, und dann in einer zweiten Abwanderungswelle um die Jahrtausendwende. Man spricht inzwischen von der halbierten Generation. Nach derzeitigen Prognosen wird Mecklenburg-Vorpommern im Zeitraum von 2012 bis 2030 um 7,9 % schrumpfen, Thüringen um 9,9 % und Sachsen-Anhalt sogar um 13,6 %. Man könnte also locker 2,3 Millionen Neubürger in Neufünfland ansiedeln, wäre es denn wirtschaftlich tragfähig und politisch vertretbar. Ist es aber nicht bei diesem Klima. Denn Nazis und Rassisten, "Rattenfänger" und Rechts-Populisten sorgen mit dafür, dass der Osten verödet, – welch nationale Tat! So wie deren geistige Väter dafür gesorgt haben, dass ihr "Großdeutschland" klein und gevierteilt wurde – historischer Treppenwitz. Selbst frisch renovierte Plattenbauten werden abgerissen, weil es so viele nicht mehr aushalten in den "blühenden Landschaften".

Ähnlich wie die Allianz die Staatsversicherungs-Policen übernommen und westdeutsche Supermarktketten die HO-Kaufhallen platt gemacht haben, gingen die westdeutschen Nazis gleich nach der Wende auf Ostlandritt, sobald sie die Gelegenheit dazu hatten. Die bot sich vielerorts: Abgewickelte Jugendtreffs und Kulturhäuser standen leer zuhauf zum Ideologie-Import. Die Saat ging auf.

In dem beschaulichen Örtchen Jemel in Mecklenburg-Vorpommern mit 35 Einwohnern etablierte sich ganz "frei – sozial – national" eine NS-"Dorfgemeinschaft", die zur Sonnwendfeier stramm Nazilieder singt, und den einzigen beiden bekennenden Antifaschisten, einem Künstler-Ehepaar die Scheune anzündet. In Freital bei Dresden bedroht ein brauner Mob den Bürgermeister, bis er zurücktritt. Einem Abgeordneten der LINKEn im Stadtrat von Freital wurde zur Einschüchterung sein Auto vor der Wohnung in die Luft gejagt. Immer wieder erweist sich knallhart: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Und Rassismus ist niemals harmlos.

Ist es pure Xenophobie, allgemeine Angst vor dem Unbekannten oder bornierte Beschränktheit? Ist es Furcht vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt oder eine kleinliche Form von Sozialneid? Oder etwa ehrliche Sorge um das Wohl der Migranten und Flüchtlinge? Dann sollte sich die Aversion der "besorgten Bürger" gegen jene Deutschen richten, die den Ankömmlingen das Leben schwer machen, gegen Flüchtlingsunterkünfte stänkern oder gar im Verein mit Nazis die Brandfackel schwingen! Kreutzer lehnt letzteres entschieden ab und zollt den ehrenamtlichen Flüchtlings-Helfern Respekt. Und dennoch quillt hinter vielen seiner Bemerkungen eine Sprache hervor, die mich schaudern macht. So bemüht er scheinbar unbedacht das historisch eindeutig im Nationalsozialismus zu verortende Bild vom (selbstverständlich deutschen) "Volkskörper", dem etwas Fremdes, Nichtdeutsches "implantiert" werde – ohne "vorher notwendige Verträglichkeits-Tests" und ohne die "notwendigen Medikamente zur Vermeidung von Abstoßungs-Reaktionen", was zu "Entzündungen" führe und also beinahe zwangsläufig zu dessen Infektion, und mithin in Erkrankung enden müsse. Nun fragt sich allerdings: Wenn dieser "gesunde Volkskörper" aus der NS-Klamottenkiste kein Konstrukt aus völkischem Rassismus ist, was denn dann?! Rassist zu sein weist Kreutzer weit von sich, und wird dennoch nicht fertig damit, die "No-Go-Areas" den Migranten zuzuschreiben anstatt den Nazis, die ihre "National befreiten Zonen" mit Baseball-Schlägern "ausländerfrei" zu halten trachten.

Sein Beharren auf dem "Deutschtum" spiegelt sich nicht minder in Sätzen, in denen er Schwierigkeiten bei der Bereitstellung von Unterkünften beklagt, wie diesem: "... wobei sowohl dem deutschen Volk als auch der deutschen Bevölkerung Lasten zugemutet werden ..." Er will nicht begreifen, dass die Bluts-Definition "deutschen Volkes" im Staatsbürgerschaftsrecht abgeschafft ist und kein Widerspruch besteht zur "deutschen Bevölkerung"; ansonsten müsste er sie nicht getrennt beschwören. Sein stilles Verständnis für Pegida lässt vermuten, dass er deren verlogene Phrasen teilt. "Politisches Asyl ja", – aber: "Das heißt, ein Bleiberecht, das nur so lange besteht, bis die Ursachen entfallen sind und die Rückkehr in die Heimat möglich ist." Als müsse man immer wieder unter der Hand durchschimmern lassen, was eigentlich gemeint ist: "Ausländer raus", – anders formuliert: "Deutschland nur den Deutschen". Beides sind ausgewiesene NPD-Positionen, die ich ihm eigentlich nicht unterstellen möchte. Wozu dann diese schräge Betonung?

Ist die unterschwellige Drohung mit Krawallen und Pogromen, sind Brandstiftungen und Überfälle auf Wehrlose das, was der Autor beschwört, wenn er sibyllinisch mit Unheil und Straftaten kokettierend den "etablierten Politikern" entgegenhält: "Wenn ihr nicht wollt, dass die Bürger vollends auf die Barrikaden gehen, solltet ihr endlich begreifen, dass nicht ihr "die Demokratie" seid, sondern lediglich diejenigen, die den demokratisch gebildeten Willen der Wahlberechtigten umsetzen sollten." Schon die Reichspogromnacht im November 1938 wurde von der NS-Führung publizistisch als "spontaner Ausbruch des Volkszorns" vermarktet, nachdem sie ihn reichsweit angeordnet hatte, gelegentlich der 15-Jahr-Feier ihres fehlgeschlagenen Putsches 1923 im Alten Rathaus zu München.

Wie würde sich Kreutzer im Zweifelsfall verhalten in einer Situation "aufgewühlter Empörung" jener dumpfen deutschen "Wutbürger", die ein paar dunklere Gesichter in ihrer Gemeinde nicht verknusen können? Würde er mir gegenübertreten – als Feind? Ich appelliere an ihn: Lasst uns endlich den braunen Sumpf und die deutschtümelnde Hysterie überwinden, aus denen sich die Ressentiments gegen Menschen nichtdeutscher Herkunft speisen! Wollen wir nicht endlich im 21. Jahrhundert ankommen? Und einsehen, dass ein Staat, der Waffen und Geld exportiert, damit rechnen muss, dass deren Opfer in diesem vermeintlich sicheren Hort Zuflucht suchen? Es ist dies keine "gutmenschliche" oder herablassende Gnade je nach Konjunktur, sondern international verbrieftes Menschenrecht.

Wäre es nicht wirklich zielführend, sich gegen die Außenpolitik der Bundesregierungen zu wenden anstatt sich einzuschießen auf "die Menschen auf dem Balkan, die sich auf den Weg machen, um ein halbes Jahr in Deutschland "Sozialhilfe-Urlaub" zu machen, bis ihr Asylantrag abgelehnt ist und sie fürs Erste wieder abgeschoben werden."? Um dann noch einen draufzusetzen: "Wobei ich keinesfalls sicher bin, dass neben den registrierten Asylsuchenden nicht inzwischen auch noch Zigtausende unerkannt in der Illegalität hier versuchen, ihren Anteil am Kuchen zu erhaschen." Deren hartes Brot möchte Kreutzer gewiss nicht teilen müssen: Es hieße nämlich nicht Kuchen essen, auch nicht für 143 Euro im Monat, sondern Gurkenzupfen zum Hungerlohn, Betteln, Prostitution.

Dabei ist die falsche Leier, der Arbeitsmarkt vertrüge keine Zuwanderung, längst als Lüge entlarvt. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Die Wirtschaftsverbände und Unternehmen suchen derzeit sowohl Auszubildende als auch Fachkräfte. Für Unqualifizierte sieht die Lage dennoch schlecht aus. Doch anstatt sich für die Durchsetzung des Mindestlohns in allen Sparten stark zu machen, nimmt Kreutzer eher "Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" hin, was er einerseits verabscheut, doch andererseits umfassend in Abrede stellt, sondern lediglich als Ausdruck der bloßen Überforderung von "Dorfgemeinschaften, Städten und Gemeinden" gelten lassen will und so sträflich verharmlost. Klar doch, in Jemel wäre man ideologisch völlig überfordert, aber wer wollte da schon hin?! Nicht einmal als Deutscher ist man dort sicher, wenn man nicht gerade Nazi ist, sondern eine andere Vorstellung von menschlichem Zusammenleben hat als die der inzüchtigen "Volksgemeinschaft" unseligen Angedenkens. Könnte Egon W. Kreutzer etwa das mit der Durchsetzung "demokratisch zustande gekommenen" Wählerwillens vulgo "Volkswillens" gemeint haben? Ich will's nicht hoffen.

Seine Befürchtung, man wolle "die Bewohner dieser Republik mit Gewalt auf das Wohlstandsniveau eines Entwicklungslandes herunterprügeln und damit den Eigentümern dieser Republik noch größere Profite ermöglichen" ist ja nicht aus der Luft gegriffen, – aber eben von deutschen Neoliberalen beabsichtigt, nicht von "Ausländern", jedenfalls nicht von Armutsmigranten. Dass das große Kapital heute transnational organisiert ist, begünstigt, dass deutsche Volksvertretungen sich darin überbieten, im "internationalen Wettbewerb" optimale Kapitalverwertungs-Bedingungen bereitzustellen. Sie hoffen davon selbst zu profitieren. Nach unten zu treten ist einfach, gegen "die da Oben", die Reichen und ihre Reichtumsverwalter zu kämpfen erforderte tatsächlich Mut. Die billige Wut-Entladung gegen "Sündenböcke" muss aufhören! Erkennen Sie den abgrundtiefen Unterschied? – Meiden Sie die "Brut"-Bürger! Was die ausbrüten, könnte auch Ihnen eines Tages zum Verhängnis werden. Es ist nicht nur eine Frage des "Anstands", sondern auch des "Abstands" zu Argumentationsmustern, die Deutschland und Europa schon zweimal in namenloses Elend gestürzt haben.

Wolfgang Blaschka, München

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