An sauberen Händen besteht kein Mangel: Gesinnungsethiker sind Legion.

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An sauberen Händen besteht kein Mangel: Gesinnungsethiker sind Legion.
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Vom Glück, Gesinnungsethiker zu sein

An sauberen Händen besteht kein Mangel, Gesinnungsethiker sind Legion.

Eine Polemik von Dr. Leo Ensel | für die Online-Zeitung INFOsperber

Ethik-Verantwortungsethik-Gesinnungsethik-Haltungsethik-Antiethik-Ethikrat-Ethikratgesetz-EthRG-Ethikwandlung-Kritisches-Netzwerk-Pseudoethik-Scheinethik-Alena-Buyx-GMO-GVO Ich wäre auch gerne Gesinnungsethiker. Ich stelle mir das richtig toll vor. Es muss ein gutes Gefühl sein, immer auf der richtigen Seite zu stehen. Mit flammender Leidenschaft das Böse und die Bösen anklagen. Die Lauen aufrütteln und ihnen ins Gewissen reden. Keine Nacht würden sie mehr schlafen. Das gesamte Elend dieses Planeten – ich würde es liebend gerne auf meine schmalen Schultern laden. Und die ganze Welt würde es sehen!

Nie mehr wäre ich allein. Eine ganze Partei, die gerade bei Wahlen von einem Triumph zum nächsten eilt, würde mir Rückhalt geben. Und die nötige Infrastruktur dazu. Ich wäre angesehen. Meine Reputation wäre impeccable. Mit zunehmendem Alter würde man mich mit Ehrungen überhäufen. Und sollte irgendwann doch noch die Katastrophe eintreten, sollte das Böse, sollten die Bösen eines Tages doch obsiegen – mein Gewissen wäre rein. Alles nicht in meinem Namen. Ich jedenfalls hätte rechtzeitig davor gewarnt.

Ja, es wäre schon schön, Gesinnungsethiker zu sein.

► Eine Unterscheidung von Max Weber

Vor etwas mehr als hundert Jahren, im Januar 1919, hielt der Soziologe Max Weber in München unter dem Eindruck des Revolutionswinters 1918/19 seinen berühmt gewordenen Vortrag „Politik als Beruf“. Darin traf er jene Unterscheidung, die zum Klassiker geworden ist, eben die zwischen „Gesinnungsethikern“ und „Verantwortungsethikern“. Eine Unterscheidung, die nichts an Aktualität verloren hat, besonders im Hinblick auf den gegenwärtigen Umgang unserer Politiker mit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine.

Maximilian_Max_Weber_gesellschaftlicher_Wandel_Politik_als_Beruf_zweckrationales_wertrationales_Handeln_Herrschaftssoziologie_Macht_Herrschaft_Kritisches-Netzwerk Für den Gesinnungsethiker zählt nur die Lauterkeit seiner Absichten, nicht dagegen die Folgen seines Tuns. Max Weber zitiert die Maxime des Protestantismus: „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim.“ Dass auch – möglicherweise gerade – gute Absichten schlimme Folgen zeitigen können, davon will der Gesinnungsethiker nicht wissen. „No Borders, no Nations!“, so dröhnen seine markigen Parolen. Oder: „Mit einem Verbrecher wie Putin redet man nicht!“ Dass im ersten Falle AfD-nahe Positionen früher oder später mehrheitsfähig sind und das Asylrecht ganz abgeschafft wird, im zweiten Falle der Krieg in der Ukraine sich verewigt und möglicherweise zu einem Flächenbrand in Europa eskaliert – was schert es den Gesinnungsethiker?

Relevant für ihn sind nicht die Effekte seines Tuns und Lassens, sondern die Reinheit seiner Motive, sprich: die gefühlte moralische Überlegenheit, die er wie eine Monstranz vor sich herträgt. Oder in den Worten Max Webers: „Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung nicht erlischt!

Kurz: Auf niemanden trifft der berühmte böse Satz: „Das Gegenteil von ‚gut‘ ist nicht ‚schlecht‘, sondern ‚gut gemeint‘!“ besser zu als auf den Gesinnungsethiker.

Der Verantwortungsethiker hingegen hat nach Weber die Folgen seines Handelns im Blick. Pragmatische Erfolge im Kleinen sind ihm wichtiger als hehre Visionen. Die Verhältnisse wenigstens etwas zum Besseren verändert oder, noch bescheidener, das Schlimmste zum weniger Schlimmen abgemildert zu haben, ist ihm Erfolg genug. Dafür ist er bereit, sich die Hände schmutzig zu machen, durch die Kloaken der Abwasserkanäle zu tauchen, sich zur Not mit dem Teufel an einen Tisch zu setzen. Er diskutiert nicht monatelang am Brunnenrand die Schuldfrage, sondern zieht das hineingefallene Kind heraus.

Der Verantwortungsethiker schuftet im Tagesdreck. Weil er ranklotzt, schwitzt er. Weil er den Dreck wegschaufelt, ist er selbst dreckig. Weil er den Gestank bekämpft, stinkt er selbst. Oder in Brechts hochgestochenem Grau in Grau:

Könntest du die Welt endlich verändern, wofür

Wärest du dir zu gut?

Versinke in Schmutz

Umarme den Schlächter, aber  

Ändere die Welt: sie braucht es!

► „Ausgewogene Ungerechtigkeit für alle“

Der Verantwortungsethiker besteht auf „Borders“ und „Nations“. Und wenn es nicht anders geht, führt er Obergrenzen ein. Damit sein Land auch morgen noch Flüchtlinge aufnehmen kann! Er tut alles – alles! – um in der Ukraine das Blutvergiessen schnellstmöglich zu beenden. Und verdirbt es sich dafür schlimmstenfalls mit allen Akteuren – mit der veröffentlichten Meinung sowieso. Denn ihn leitet ein knallhartes, schmerzhaftes Motto, das in völlig verfahrenen Situationen einzig und allein den Weg aus der Sackgasse weisen kann: „Es geht nicht um Gerechtigkeit für eine Seite, sondern um ausgewogene Ungerechtigkeit für alle!

Anschliessend startet er allem Hohn und Spott, allen moralisierenden Imperativen des Mainstream zum Trotz eine Entspannungspolitik 2.0. Damit sich so etwas nicht nochmal wiederholt. Und es keinen neuen Kalten Krieg, kein neues – auch atomares – Wettrüsten gibt. Oder noch viel Schlimmeres.

egon_bahr_spd_ostpolitik_entspannungspolitik_warschauer_pakt_nato_doppelbeschluss_russland_sowjetunion_osterweiterung_ostvertraege_wandel_durch_annaeherung_kritisches_netzwerk.jpg Der Verantwortungsethiker weiss: Vor Gott und den Psychoanalytikern mögen Motive gelten – vor den Menschen zählen Effekte!

Es gab mal einen, der sich für diese Arbeit nicht zu schade war. Der im Tagesdreck schuftete, oft im Hintergrund. Und sich einen Dreck darum scherte, wenn man ihn mit Dreck bewarf und als Landesverräter denunzierte. Der sich dem Max Weberschen „starken und langsamen Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmass zugleich“ – übrigens ebenfalls ein Zitat aus dem genannten Vortrag – verschrieben hatte und es in aller Stille jahrzehntelang praktizierte.

Nach einem Vierteljahrhundert hatte er sein Ziel endlich erreicht: Der (erste) Kalte Krieg war beendet! Ohne dass ein einziger Schuss gefallen war.

Im Sommer 2015 ist er im Alter von 93 Jahren gestorben. Sein Name: Egon Bahr.

Leo Ensel
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Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigheit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.


► Quelle: Der Artikel wurde von Dr. Leo Ensel am 30. Juni 2022 erstveröffentlicht auf INFOsperber >> Artikel.

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1. ETHICS: Früher war Ethik stets Verantwortungs-Ethik. Die Verantwortungsethik stand im Gegensatz zur Gesinnungsethik. Der Unterschied ist relativ leicht umschrieben: Verantwortungsethik wägt ab. Gesinnungsethik will entweder alles, oder, im anderen Fall, nichts. Illustration: Peggy_Marco / Peggy und Marco Lachmann-Anke, Ortsunabhängig/Zypern. Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Illustration.

2. Maximilian „Max“ Carl Emil Weber (* 21. April 1864 in Erfurt; † 14. Juni 1920 in München) war ein deutscher Soziologe und Nationalökonom. Obwohl seiner Ausbildung nach Jurist, gilt er als einer der Klassiker der Soziologie sowie der gesamten Kultur-, Sozial- und Geschichtswissenschaften.

Aus universalgeschichtlicher Perspektive erklärt Max Weber gesellschaftlichen Wandel, der gleichbedeutend ist mit geschichtlichem Wandel, nach einem „bi-polaren Modell“. Demnach beherrschen Interessen das Handeln der Menschen, aber Ideen, die sich zu Weltbildern kristallisieren, fungieren als „Weichensteller“ der Bahnen, in denen sich das Handeln bewegt. Weber unterscheidet dabei materielle und ideelle Interessen, korrespondierend mit seiner in Wirtschaft und Gesellschaft (1. Kapitel § 2) definierten Unterscheidung zwischen „zweckrationalem“ und „wertrationalem“ Handeln.

In Webers letztes Lebensjahrzehnt fällt die Ausarbeitung seiner Herrschaftssoziologie. Er unterscheidet zwischen Macht und Herrschaft. Macht definiert er als „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“, und Herrschaft als „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“. (Max Webers Herrschaftssoziologie. Campus, Frankfurt am Main 1991, S. 13. + Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Erster Teil, Erstes Kapitel: Soziologische Grundbegriffe, § 16.

Fotograf: unbekannt. Quelle1: britannica. Quelle2: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

3. Egon Karl-Heinz Bahr (* 18. März 1922 in Treffurt, Landkreis Mühlhausen i. Th., Provinz Sachsen, Freistaat Preußen; † 19. August 2015 in Berlin) war ein deutscher SPD-Politiker. Er war von 1972 bis 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Unter dem von ihm geprägten Leitgedanken „Wandel durch Annäherung“ war er einer der entscheidenden Vordenker und führender Mitgestalter der von der Regierung unter Willy Brandt ab 1969 eingeleiteten Ost- und Deutschlandpolitik.

Bildbeschreibung: Egon Bahr beim SPD-Parteitag in Münster, Halle Münsterland, 30.8.-2.9.1988. Foto: Engelbert Reineke. Institution: Bundesarchiv / Presse- und Informationsamt der Bundesregierung - Bildbestand (B 145 Bild). Inventarnummer: B 145 Bild-F079280-0005. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ (CC BY-SA 3.0 DE) lizenziert. 

4. Egon Karl-Heinz Bahr (* 18. März 1922 in Treffurt) war ein deutscher Politiker der SPD. Unter dem von ihm geprägten Leitgedanken „Wandel durch Annäherung“ war er einer der entscheidenden Vordenker und führender Mitgestalter der von der Regierung Brandt 1969/70 eingeleiteten Ost- und Deutschlandpolitik, von 1972 bis 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Aussage »In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie und Menschenrechte. Es geht um Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt!« tätigte Egon Bahr Anfang Dezember 2013 gegenüber Zwölftklässlern des Bunsen-Gymnasiums in Heidelberg. (⇒ Quelle des Zitates: hier). Foto: © SPD Schleswig Holstein. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0), Bildidee: Helmut Schnug / KN, Techn. Umsetzung: Wilfried Kahrs (WiKa).

Egon Bahr