Tödliche Schlankheitspillen: Rund 2000 Frauen und Männer starben.

1 Beitrag / 0 neu
Bild des Benutzers Helmut S. - ADMIN
Helmut S. - ADMIN
Online
Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Tödliche Schlankheitspillen: Rund 2000 Frauen und Männer starben.
DruckversionPDF version

Tödliche Schlankheitspillen

Rund 2000 Frauen und Männer starben. Tausende erlitten einen Herzklappenfehler

Nach 11 Jahren eine Buße und Bewährungsstrafe

Urs P. Gasche für die Online-Zeitung INFOsperber.

MEDIATOR-Benfluorex-Medikamentenskandal-Jacques-Servier-Diabetes-Cholesterin-Herzklappenverdickung-Irene-FrachonKritisches-Netzwerk-Appetitzuegler-Schlankheitspille Das Diabetes- und Cholesterin-Medikament 'Mediator' [Markenname für Benfluorex; H.S.] wurde mit Wissen und Zustimmung des Pharmaherstellers 'SERVIER' immer häufiger als Appetitzügler und Schlankheitspille verwendet. Bis zum Verbot verkaufte 'Servier' das Medikament an rund fünf Millionen Menschen.

Wegen «Tötung ohne Vorsatz», «Körperverletzung» und «schwerer Täuschung» [der Öffentlichkeit] hat ein Pariser Strafgericht das zweitgrösste Pharmaunternehmen Frankreichs 'SERVIER' jetzt zu einer Buße von 2,7 Millionen Euro verurteilt. «Im Vergleich mit dem Jahresumsatz von rund 4,7 Milliarden Euro handelt es sich um eine lächerliche Buße», erklärte der Anwalt der Zivilkläger, Jean-Christophe Coubris.

Der damals zuständige Servier-Vizepräsident Philippe Seta kam mit einer auf vier Jahre bedingten Haftstrafe [Bewährungsstrafe; H.S.] davon. Der ebenfalls angeklagte Firmengründer Jacques Servier ist im Jahr 2014 gestorben.

Vor Zivilgerichten wollen die Zivilkläger jetzt zusammen eine Milliarde Euro als Schadenersatz für betroffene Patientinnen und Patienten sowie für die Krankenkassen einfordern. Krankenkassen mussten das Medikament Mediator zu 65 Prozent vergüten.

Mit rund 3700 gesundheitlich geschädigten Patientinnen und Patienten hat sich der Pharmakonzern gütlich auf eine Entschädigung geeinigt und bisher insgesamt 178 Millionen Euro ausbezahlt (durchschnittlich 48’000 Euro pro geschädigte Person).

Die Zahl der wegen Mediator Gestorbenen wird auf rund 2000 geschätzt.

► Diabetes- und Cholesterin-Medikament als Appetitzügler und Schlankheitspille beworben

Das Medikament Mediator wurde bereits 1976 zugelassen und wurde zu einem Verkaufsschlager. Erst als Tausende wegen Mediator Fehler an der Herzklappe entwickelten, verboten die Behörden im Jahr 2009 den Verkauf. Zwei Jahre vorher hatte die Lungenärztin Irène Frachon aus der Bretagne im Buch «Mediator 150 mg – combien de morts?» noch vergeblich Alarm geschlagen. Sie beschrieb ihre Erfahrungen im Spital von Brest und warf dem Pharmaunternehmen vor, die Risiken von Mediator, dessen Wirkstoff Benfluorex ein Amphetamin-Derivat ist, längst gekannt zu haben.

Herzinfarkt-Myokardinfarkt-Herzmuskel-Herzklappenverdickung-Infarkt-Pharmaindustrie-Pharmakonzern-Pharmaskandal-Arzneimittelskandal-Kritisches-Netzwerk-Medizinskandal

Bereits 1999, zehn Jahre vor dem Verbot, wurde über deutliche Hinweise auf schwere Nebenwirkungen berichtet.

Frankreichs Medikamenten-Aufsichtsbehörde ANSM («Agence nationale de sécurité du médicament») schaute dem Marketing-Treiben zu. Das Pariser Gericht erklärt die Behörde jetzt wegen «besonders schwerer Vernachlässigung ihrer Kontrollaufsicht» für schuldig. Doch die ANSM kommt mit einer Buße von 303’000 Euro davon. Infosperber hatte am 10. November 2011 über eine Recherche auf ARTE berichtet: «Der Skandal um das Diabetes-Medikament Mediator entlarvt den Filz zwischen Pharma und Behörden».

Deutschland hat Mediator nie zugelassen. In der Schweiz erteilte 'Swissmedic' im Jahr 1981 die Zulassung, äußerte dann jedoch im Jahr 1997 Bedenken, worauf 'SERVIER' das Medikament auf dem Schweizer Markt nicht mehr vertrieb.

Urs P. Gasche für die Online-Zeitung INFOsperber
____________________

► Quelle: Der Artikel von Urs Paul Gasche wurde am 06. April 2021 erstveröffentlicht auf INFOsperber >> Artikel.

Hinter der Plattform Infosperber.ch (siehe Impressum) steht die gemeinnützige «Schweizerische Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» SSUI. Die Stiftung will einen unabhängigen Journalismus in der ganzen Schweiz fördern, insbesondere journalistische Recherchen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz. Die Online-Zeitung Infosperber ergänzt grosse Medien, die z.T. ein ähnliches Zielpublikum haben, mit relevanten Informationen und Analysen. «Infosperber sieht, was andere übersehen.»

Die Stiftung ist auf Spenden der Leserschaft angewiesen. Infosperber finanziert sich mit Spenden, die zu 90 Prozent der redaktionellen Arbeit zugute kommen. Journalistinnen und Journalisten im erwerbsfähigen Alter, welche ihre Beiträge selber im Administrationsbereich produzieren, können Honorare und Spesen erhalten.

ZUR STIFTUNG SSUI

© Das Weiterverbreiten sämtlicher auf dem gemeinnützigen Portal www.infosperber.ch enthaltenen Texte ist ohne Kostenfolge erlaubt, sofern die Texte integral ohne Kürzung und mit Quellenangaben (Autor und «Infosperber») verbreitet werden. Bei einer Online-Nutzung ist die Quellenangabe möglichst schon am Anfang des Artikels mit einem Link auf infosperber.ch zu versehen.

ACHTUNG: Die Bilder und Grafiken sind nicht Bestandteil der Originalveröffentlichung und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. folgende Kriterien oder Lizenzen, s.u.. Grünfärbung von Zitaten im Artikel und einige zusätzliche Verlinkungen wurden ebenfalls von H.S. als Anreicherung gesetzt. An einigen Textstellen wurde die in der Schweiz übliche Schweibweise des doppelten s [ss] gegen die in Deutschland übliche Variante [ß] getauscht.

► Bild- und Grafikquellen:

1. Das Diabetes- und Cholesterin-Medikament Mediator wurde mit Wissen und Zustimmung des Pharmaherstellers, Servier, immer häufiger als Appetitzügler und Schlankheitspille verwendet. Bis zum Verbot verkaufte Servier das Medikament an rund fünf Millionen Menschen. Trotz früher und zahlreicher Warnungen, dass Mediator unter anderem Herzklappen verdicken kann, wurde das Medikament erst Jahrzehnte später vom Markt genommen. Weltweit sollen laut einer Studie aus dem Jahr 2010 innerhalb von 33 Jahren mehr als 2000 Menschen an den Folgen der Einnahme gestorben sein. Foto: DES Daughter. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

2. Der Herzinfarkt oder (genauer) Myokardinfarkt, auch Koronarinfarkt, umgangssprachlich auch Herzanfall, ist ein akutes und lebensbedrohliches Ereignis infolge einer Erkrankung des Herzens, bei der eine Koronararterie oder einer ihrer Nebenäste verlegt oder stärker eingeengt wird. Grafik: geralt / Gerd Altmann, Freiburg. Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Grafik.

3. PROFIT TÖTET! Profit over People. Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa).