Was Israel in Jerusalem vor hat

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Helmut S. - ADMIN
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Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Was Israel in Jerusalem vor hat
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Was Israel in Jerusalem vor hat

von Ran HaCohen

Wieder einmal herrscht in Israel eine Atmosphäre des Kriegs. Im Fernsehen gibt´s den ganzen Tag nichts als messerstechende, steinewerfende, brandstiftende Palästinenser; die Aufnahmen werden bis zum Gehtnichtmehr wiederholt, und eine Sekunde vor dem Erbrechen werden Erinnerungen an frühere Intifadas gesendet, um die aktuellen Ereignisse in den richtigen historischen Zusammenhang zu rücken. Der Saftverkäufer sagte zu mir: „Es war schon immer so: immer töten sie uns. Erster Tempel, Zweiter Tempel, die Kreuzzüge, der Holocaust, und jetzt das.“ (Er war von den Socken, als ich wissen wollte, wohin die Amalekiter verschwunden sind, wer es war, der sie getötet hat.) Wir haben jetzt auf der einen Seite mit Messern und Steinen bewaffnete Palästinenser – nicht einmal Bomben und Schusswaffen haben sie mehr – und eine regionale atomare Supermacht, darüber hinaus einen der größten Waffenexporteure der Welt, und es liegt auf der Hand, dass letztere das Opfer ist. Wenn die Götter eine Nation zerstören wollen, dann schlagen sie sie zuerst mit Blindheit.
 

Es ist erstaunlich, wie sogar intelligente, eher kritische israelische Intellektuelle – wie Yaron London in seinen täglichen Nachrichtenshows im Fernsehen – die Behauptung des Ausflüchtemachers Netanyjahu glauben, dass Israel keine Absicht hat, den Status Quo auf dem Tempelberg zu ändern. „Was, Sie glauben wirklich und ehrlich die Legenden, dass wir den Status Quo ändern wollen?!“, fragt er voll Verachtung jeden palästinensischen Gast in seinem Studio. Ja wirklich, warum haben die Palästinenser nicht ein bisschen mehr Vertrauen zu uns? Haben wir sie je belogen, versucht, ihr Land, Wasser, Freiheit oder ihre heiligen Stätten mit Gewalt zu nehmen? Der Status Quo, auf den man sich nach der Okkupation Ostjerusalems 1967 geeinigt hat, gestattet Nicht-Moslems Besuche der Moscheen aus dem 7. Jahrhundert auf dem Tempelberg, verbietet aber das Beten dort.

Gibt es da einen Grund für die Paranoia der Moslems? Aber nein, überhaupt keinen Grund. Außer der Tatsache, dass zumindest ein Drittel der Abgeordneten der Knesset von Netanjahus Likud-Partei, nicht zu reden von den weit [Erg. ADMIN H.S.: noch weiter!] rechts stehenden Parteien seiner Koalition, lautstark die Änderung des Status Quo unterstützen, unter ihnen die energische Kulturministerin Miri Regev, [Anm. H.S.: siehe Text b. Bildquellen] die den Knesset-Ausschuss für das Innere wöchentlich einberufen hat, um den Tempelberg zu „diskutieren.“ Abgesehen davon hat der frühere Minister für innere Sicherheit Aharonovich jetzt enthüllt, dass Regev ihn sogar ersucht hat, einen neuen Zugang zum Tempelberg durchzubrechen: „Ich sagte ihr: ‚nur über meine Leiche. Verstehen Sie nicht, dass der Tempelberg die gesamte muslimische Welt in Brand setzen kann?’ Sechs Jahre lang behielt ich den Status Quo bei, so gut ich konnte,“ sagte er Ha’aretz (15.10.2015).

Jetzt, wo er sich im Ruhestand befindet, ist Regev stärker geworden. Es besteht allerdings kein Grund, Netanjahu nicht zu glauben, außer der Tatsache,

  • dass mehr und mehr Juden, und weniger und weniger Moslems der Zugang zum Areal gestattet wird,
  • dass jetzt die israelische Polizei sogar eine ständige Präsenz dort eingerichtet hat,
  • dass es eine Reihe und Dutzende von Gruppen jüdischer Fanatiker gibt, die Bilder des Berges veröffentlichen, auf denen die Moscheen wegretuschiert sind,
  • die versuchen, den Grundstein für einen dritten jüdischen Tempel zu legen,
  • die sich darauf vorbereiten, Tiere zu opfern und alle weiteren primitiven Riten zu zelebrieren, die angeblich vor zweitausend Jahren in diesem Tempel praktiziert wurden.

Es besteht also überhaupt kein Grund, für die Zukunft der Moschee zu fürchten, den drittheiligsten Ort des Islam und ein palästinensisches nationales Symbol – schon gar nicht unter der extremistischsten jüdischen Regierung, die Israel je gesehen hat.

Aber es geht nicht nur um die Moscheen, ganz bestimmt nicht. Der maßgebliche Kommentator Zvi Yehezkeli von Israels TV-Channel 10 sagt, dass das alles mit dem Islamischen Staat zusammenhängt: die Idee, Messer zu benützen, kommt vom Islamischen Staat (hat davor jemals jemand ein Messer zum Erstechen benutzt?), der Gebrauch von Facebook und Twitter ist durch den Islamischen Staat inspiriert (sonst würden die Palästinenser noch immer Brieftauben benützen), und so weiter. Yehezkeli ist ein typisches Beispiel dafür, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt: Kann man erwarten, dass der führende Analyst die Schuld am Zorn der Palästinenser der Okkupation gibt, der ständigen Beschlagnahmung von Land, dem täglichen Terror durch Soldaten und Siedlerwo doch Yehezkeli selbst ein Siedler in der West Bank ist? Die Siedler haben mittlerweile nicht nur die Regierung und Teile der höchsten Ränge der Beamtenschaft übernommen, sondern genauso auch einen großen Teil der „liberalen“ Medien in Israel.

So bekommen wir ausschließlich das Narrativ der Siedler über die Verträge von Oslo zu hören: viele junge Israelis glauben tatsächlich, dass die Intifada Oslo folgte (“Nachgeben führt zu Terror”) und nicht umgekehrt. Wir bekommen das Narrativ der Siedler in Bezug auf die derzeitige Gewalt: an den Hass des biblischen Esau gegen Jakob erinnert man sich, als wäre das letzte Woche passiert, aber dass vor wenigen Monaten eine palästinensische Familie durch Feuer getötet worden ist, wird vergessen. („Wir wissen, wer es getan hat,“ gibt der Verteidigungsminister zu, aber die Täter genießen Straffreiheit).

Wir bekommen das Narrativ der Siedler in Bezug auf den Tempelberg: das selbstgerechte „Warum kann ein Jude nicht an seinem heiligsten Platz beten?“ serviert, das das Verbot so gut wie aller bedeutenden Rabbis seit Jahrhunderten (außer den fanatischen Rabbis der Siedler) missachtet, die allen Juden verbieten, die heilige Stätte zu besudeln, indem sie sie betreten, das Leitbild eines Status Quo (das durch genau dieselben orthodoxen Juden geheiligt wird, wenn es, sagen wir, um öffentlichen Verkehr am Sabbat oder um nicht religiöse Heirat – beides in Israel verboten – geht) ignoriert, das die politische Realität und den gesunden Menschenverstand ignoriert.

Im Umgang mit der Gewalt – kein Gemeinwesen kann tolerieren, dass täglich Unschuldige auf seinen Straßen erstochen werden – hat Netanjahu sehr wenig zu bieten. Immerhin hat er sich geweigert, mit den Palästinensern in Jahren der relativen Ruhe (zum Beispiel wurde 2012 kein einziger Israeli durch palästinensische Gewalt getötet) zu verhandeln, also wird er damit nicht jetzt beginnen. Die Zerstörung von Häusern von Terroristen wurde als Mittel der Abschreckung wieder eingeführt, ein Jahrzehnt, nachdem die israelische Armee selbst unter Generalstabschef – jetzt Verteidigungsminister – Mosche Jaalon offiziell empfahl, derartige Abrisse zu stoppen. Allerdings mit einem Unterschied: jetzt hat sich Israel das Recht angeeignet, nicht nur die Häuser abzureißen, sondern auch ihren Grund und Boden zu beschlagnahmen. Und das ist maßgeblich.

Während linksgerichtete nützliche Idioten triumphierend behaupten, dass Netanjahu jetzt Jerusalem teilt und dadurch macht, was sie schon immer wollten, ist die Wahrheit ganz anders. Die Palästinenser machen 35% der Einwohner Jerusalems aus, in den Augen Israels eine „demographische Gefahr.“ Ostjerusalem ist nicht von Westjerusalem abgeschnitten – das ist schwer machbar, da Ostjerusalem mit jüdischen Siedlungen durchsetzt ist. Stattdessen werden die palästinensischen Wohngegenden in Jerusalem weiterhin voneinander abgeschnitten, eingekreist und mit Kontrollstellen und Betonblöcken bedrängt.
 

Es gibt kleine extremistische jüdische Niederlassungen sogar innerhalb vieler palästinensischer Wohngebiete; möglicherweise werden ihnen die Grundstücke der abgerissenen Häuser gegeben werden, damit sie sich ausdehnen können. Palästinenser in dem abgeschnürten Wohngebiet in Jerusalem werden kaum eine andere Möglichkeit haben, als in die Enklaven in der West Bank abzuwandern; und, um die Dinge noch weiter zu klären, werden Deportationen und der Entzug ihrer israelischen Staatsbürgerschaft bereits in Erwägung gezogen. Vermutlich wird es jetzt in Jerusalem nicht zu einer Teilung kommen, sondern eher zu seiner ethnischen Säuberung.

Ran HaCohen

Ran HaCohen (* born 1964) is an Israeli scholar, university teacher, and translator known for his strong criticism of Israel's policies. Having graduated from university with a B.A. in Computer Science, an M.A. in Comparative Literature and a Ph.D. in Jewish Studies, he works as a literary translator of German, English and Dutch and Ethiopic. Occasionally, he writes for the Antiwar.com website.
 

: Bitte um Beachtung der 12 angehängten -Text-Dokumente weiter unten!!


    
Quelle:  erschienen am 19. Oktober 2015 auf > Antiwar.com > Artikel.



Die Weiterverbreitung der Texte auf dieser Website ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen! Die deutschsprachige Übersetzung wurde dort freundlicherweise von Klaus Madersbacher / A zur Verfügung gestellt.

Bild- und Grafikquellen:

1. Graffito: 'Love Palestine, Hate Racism, 1 People 1 World' in Nablus, West Bank. Bildautor: Guillaume Paumier > Webseite. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

2. Miri Regev, ex Brigadier-general der "Israel Defense Forces" (IDF), wurde auf Likud-Listenplatz 5 wiedergewählte "Ministerin für Kultur und Sport". Im Zusammenhang mit gewalttätigen Ausschreitungen israelischer Jugendlicher bei einer Demonstration gegen sudanesische Flüchtlinge in Tel Aviv, erklärte Regev, „die Sudanesen sind wie ein Krebs in unserem Körper.“ (⇒ Artikel b. WELT.de) Zunächst bestritt diese Aussage Regev im Nachhinein, Videos der Demonstration belegten jedoch eindeutig ihre rassistischen Äußerungen. (⇒ Artikel bei HAARETZ.com)

Am folgenden Tag entschuldigte sie sich, aber nicht bei den Sudanesen, die sie als "Krebsgeschwür" bezeichnet hatte, sondern bei israelischen Krebskranken, dafür, dass sie ihr Leiden herabgewürdigt hätte, indem sie es mit Afrikanern verglichen hätte. (⇒ Artikel b. HAARETZ.com) In einem Fernsehinterview erklärte Regev im November 2012 sie sei „glücklich Faschistin zu sein“. Regev ist Mutter von drei Kindern.

Foto: Miri Regev - Israels wiedergewählte "Ministerin für Kultur und Sport". Quelle: Regevs Facebookseite. Bildbearbeitung: KN-Admin H.S.

3. Der Tempelberg ist ein Hügel im Südostteil der Jerusalemer Altstadt, oberhalb des Kidrontales. An seinem Gipfel befindet sich ein künstliches Plateau. Ursprünglich standen hier der Salomonische Tempel und der nachfolgende Herodianische Tempel. Heute befinden sich dort der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee. Der Tempelberg ist einer der umstrittensten heiligen Orte der Welt. Photo credit: A.Shiva - Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.

4. APARTHEID WALL. Foto: Salaam Shalom. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

5. Apartheids Mauer - Separation Wall: "The hands that build can also tear down," are from the lyrics to the U2 song, Exit, and also perhaps reference the prophet Jeremiah. Foto: Flickr-User Northern Lights 119. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

6. Tafel: "Antizionismus ist NICHT Antisemitismus, sondern Ablehnung von Nationalismus und Rassismus!" Grafik: Wolfgang Blaschka (WOB), München.

7. Tafel: "Freiheit für Palästina = Frieden für Israel" Grafik: Wolfgang Blaschka (WOB), München
 

AnhangGröße
PDF Icon Human Rights Watch 2015 - RIPE FOR ABUSE - Palestinian Child Labor in Israeli Agricultural Settlements in the West Bank - 80 pages.pdf568.32 KB
PDF Icon Amnesty International 2014_11 Report - Families under the rubble - Israeli attacks on inhabited homes - 50-seitiger Bericht.pdf1.49 MB
PDF Icon Amnesty International 2014 Report_Trigger-happy - Israel's use of excessive force in the West Bank_ 87-seitiger Bericht.pdf3.56 MB
PDF Icon Russell-Tribunal zu Gaza 2014 - Ausserordentliche Sitzung - Zusammenfassung der Ergebnisse, Brüssel 25. September 2014.pdf480.8 KB
PDF Icon THE RUSSELL TRIBUNAL ON PALESTINE - EXTRAORDINARY SESSION ON GAZA - SUMMARY OF FINDINGS - BRUSSELS, 25 SEPTEMBER 2014.pdf148.15 KB
PDF Icon Amnesty International 2013 Report_Bericht über Menschenrechtsverletzungen der palästinensischen Behörden_30-seitiger Bericht.pdf325.36 KB
PDF Icon UNICEF_oPt_Children_in_Israeli_Military_Detention_Observations_and_Recommendations_-_6_March_2013.pdf848.37 KB
PDF Icon UNICEF_Impact_of_hostilties_on_Children_in_Gaza_oPt_PSS_Rapid_Assessment_December_2012.pdf1.36 MB
PDF Icon Children in Military Custody assesses the treatment of Palestinian children under Israeli military law - A report written by a delegation of British lawyers - June 2012.pdf429.85 KB
PDF Icon UN_Report_Fact-Finding Mission on the Gaza Conflic 2009 - Human Rights in Palestine and other occupied Arab Territories.pdf3.31 MB
PDF Icon Israeli Military Order 1651 - Israel Defense Forces - Order Regarding Security Directives [Consolidated Version] (Judea and Samaria) (No. 1651), 2009.pdf672.62 KB
PDF Icon INTIFADA Nr. 24 - Lasst Gaza nicht verhungern - Zeitschrift für den arabischen Widerstand.pdf6.57 MB