100 Jahre Große Russische Revolution: Eine historische Analyse aus anarchistischer Sicht

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100 Jahre Große Russische Revolution: Eine historische Analyse aus anarchistischer Sicht
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100 Jahre Große Russische Revolution

Eine historische Analyse aus anarchistischer Sicht

von Vadim Damier, Moskau

Dreißig Jahre nach der Russischen Revolution 1917 erschien 1947 das Buch des russischen Exilanarchisten Vsevolod Volin "Die unbekannte Revolution / engl. "The unknown revolution" (vgl. GWR 387). Es wurde den revolutionären Ereignissen 1917 bis 1921 in Russland gewidmet. Heute, 100 Jahre danach, bleibt die Russische Revolution zwar nicht unbekannt, doch stets missverstanden. Das zeigt sich nicht nur im Alltagsdenken, sondern auch im geschichtswissenschaftlichen Mainstream. In ihrer Umgebung treten Mythen und falsche, stark ideologisierte Vorstellungen auf.

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Nehmen wir zum Beispiel die Fragen nach dem Beginn, den Etappen und dem Ende der Revolution in Russland. Es ist bis heute gängig, die "Februarrevolution" und die "Oktoberrevolution" von 1917 voneinander zu trennen, indem man diese entweder als zwei verschiedene Revolutionen versteht (in einer bolschewistischen Tradition) oder man die zweite überhaupt als keine Revolution, sondern als einen Staatsstreich fasst (in einer antibolschewistischen Logik). In Wirklichkeit haben wir es mit einem ganzheitlichen Prozess der "Großen Russischen Revolution" zu tun. Diesen Vorgang auseinander zu reißen wäre prinzipiell falsch. Die traditionelle Teilung der Ereignisse von 1917 in einen "bürgerlichen" Februar und einen "sozialistischen" Oktober ist nicht mehr als ein ideologischer Mythos.

Andererseits meint die Mehrzahl der Historikerinnen und Historiker, die die Idee der "Großen Revolution" prinzipiell anerkennen, dass sie 1922 endete, das heißt, mit der Wiederherstellung der Autorität einer Zentralregierung auf den meisten Territorien des ehemaligen russischen Zarenreichs. Mir scheint inzwischen, dass die russischen anarchistischen Zeitgenossinnen und -genossen Recht hatten, wenn sie 1921 als das Ende der Revolution betrachteten.

► Abstrakt?

wladimir_iljitsch_lenin_russland_bolschewiki_bolschewismus_bolschewisten_oktoberrevolution_petrograd_kritisches_netzwerk_sowjetunion_kommunistische_partei_leninismus_arbeiterrevolution.jpgNun könnte jemand sagen, dass das alles nur rein "akademische" und "abstrakte Diskussionen seien. Mitnichten. Dahinter können wir tiefe inhaltliche Differenzen im Verständnis des Charakters der Russischen Revolution selbst entdecken.

Bei der Betrachtung der Russischen Revolution herrscht bis heute leider die Position vor, die als eine Sichtweise "von oben" zu bezeichnen ist. In der bolschewistischen Tradition sind das Wesen und der Inhalt jeder Revolution durch eine bekannte Formel von Lenin bestimmt: Die Hauptfrage der Revolution ist die der Staatsmacht. Daraus folgt sowohl eine Trennung zwischen Februar und Oktober, als auch eine These vom "bürgerlichen" Charakter des ersten und dem "sozialistischen" Charakter des zweiten (also nach einer Machtergreifung durch die Bolschewiki als einer angeblich sozialistischen Kraft).

Interessanterweise gehen die Gegnerinnen und Gegner des Bolschewismus von derselben Voraussetzung aus: Nach dem Sturz des Zarismus im Februar 1917 war die Macht "pluralistisch" organisiert, dann kam eine bolschewistische Diktatur, die eine "demokratische Februar-Revolution" vernichtete. Entscheidend für die Datierung und die Bestimmung des Charakters der Revolution bleibt dabei, wer an der Macht stand und welche Politik proklamiert oder durchgeführt wurde.

Demgegenüber ist jede wirkliche Revolution in erster Linie eine mächtigste Massenbewegung der Menschen, in der diese zum Subjekt der Geschichte werden. Bei der Betrachtung solcher sozialer Prozesse sollen wir als Ausgangspunkt nicht nehmen, wer an der Macht stand und was dieser Machthaber wollte, sondern was "unten" vor sich ging. Hauptsache ist, was die einfachen Menschen unmittelbar machten und welche sozialen Vorgänge vorhanden waren. Dann könnten wir nicht nur die tiefgreifenden Widersprüche zwischen "oben" und "unten" entdecken, die einander im Laufe der revolutionären Ereignisse gegenüberstanden, sondern auch den kontinuierlichen Charakter des revolutionären Prozesses selbst erkennen.

Im Jahr 1917 war es so, dass die sozialen Veränderungen, die direkt von "unten" durchgeführt wurden und gerade als "sozialistisch" bezeichnet werden konnten - die Gründung der Räte als Institutionen der gesellschaftlichen Selbstverwaltung, die Arbeiterkontrolle und die Arbeiterverwaltung in den Betrieben durch die Fabrikkomitees, die Übernahme des Landes durch die Bauerngemeinden, sowie die Häuser- und Stadtviertel-Selbstverwaltung in den Städten usw. - eben nicht erst im Oktober, den Dekreten der neuen, bolschewistischen Regierung folgend, sondern bald nach Februar begannen: Meist spontan und selbstorganisiert von "unten". Die Oktoberereignisse waren weitgehend eine logische Weiterentwicklung von diesem Prozess und gaben ihm ihrerseits eine provisorische "Legalisierung" bzw. neuere Impulse dazu. Diese revolutionäre Initiative von unten wurde aber von den neuen bolschewistischen Machthabern schon seit Beginn des Jahres 1918 erstickt, existierte aber in einigen Punkten oder Gebieten bis 1921.

volin_wsewolod_michailowitsch_eichenbaum_die_unbekannte_revolution_kritisches_netzwerk_vsevolod_mikhailovich_russland_anarchismus_bolschewiki_bolschewismus_bolschewisten_lenin.jpgEin weiterer Fehler bezüglich der Russischen Revolution ist ihre Reduktion auf die Bolschewiki. Man wiederholt immer wieder, dass es die Bolschewiki waren, die eine sozialistische Revolution in Russland herbeiführten und später eine Weltrevolution vorantrieben, indem sie den revolutionären Prozess leiteten. Das ist aber ein Missverständnis. Sowohl der Sturz der Provisorischen Regierung in Petrograd im Oktober 1917 und die weitere Übernahme der lokalen Verwaltung durch die Räte andernorts als auch umso mehr die revolutionären Ereignisse in den anderen Ländern der Welt wurden gar nicht nur durch die Anhängerinnen und Anhänger des Bolschewismus getragen, sondern durch eine Art linksradikalen Block. An diesem, nicht immer formalisierten Block nahmen verschiedene Strömungen teil: Von Linsksozialistinnen und Linkssozialisten bis hin zu Anarchistinnen und Anarchisten, Syndikalistinnen und Syndikalisten. Manchmal waren diese Bewegungen spontan und wurden von keiner organisierten Kraft getragen. Die Bolschewiki, ihre Anhängerinnen und Anhänger waren dabei eine Minderheit, in den Ländern Asiens o. Lateinamerikas sogar zahlenmäßig ganz unbedeutend.

► Das zwingt uns zu einem tiefgreifenden Blick:

Die Große Russische Revolution von 1917-1921 ist als ein Teil der weltweiten, revolutionären Welle zu verstehen. Diese begann im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, weitgehend als eine Reaktion darauf, und dauerte bis 1921/1923. In jedem Land wurde sie durch Kombination und Überlappung zweier Faktoren bestimmt: Einem systemweiten, der mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Effekten verbunden war, und einem "inneren", charakteristisch für jedes einzelne Land, wo revolutionäre Ereignisse entstanden.

Der zweite Faktor resultierte aus der Konzentration und der Verschärfung der "lokalen" (landesbezogenen) sozialen Konflikte und Widersprüche. Folglich bekamen die Revolutionen in verschiedenen Ländern eine verschiedenartige Erscheinungsform und verschiedene sozialpolitische Kräfte traten in den Vordergrund. In den stärker "entwickelten" Staaten des Systemzentrums waren es vornehmlich die Arbeiterrevolutionen. In Russland gab es Prozesse einer Arbeiterrevolution in den Städten und einer Gemeinebauernrevolution auf dem Lande. Die Schwierigkeiten in der Verbindung dieser beiden Revolutionsströme brachten Probleme hervor und erleichterten das Ersticken des Potentials der sozialen Selbstverwaltung.

► Was waren die Ergebnisse der Russischen Revolution?

Man behauptet gewöhnlich, sie wurde durch den Sieg gekrönt. Aber auch das stimmt nicht.

Ja, den Bolschewiki gelang es, ihre Macht zu konsolidieren. Mit einer sozialen Revolution hat das aber nichts zu tun: Diese erlitt eine tragische Niederlage. Kennzeichnend ist dabei eine Offenlegung, die 1918 von einem der bolschewistischen Führer, Nikolaj Podwojskij (1880-1948), gemacht wurde: Die arbeitenden Massen, die an dem Revolution teilnahmen, "glaubten, diese für eine Befriedigung ihrer unmittelbaren Bedürfnisse zu benutzen". "Maximalistisch, mit einer anarcho-syndikalistischen Inklination" gesinnt, "folgten sie uns in der Periode der Zerstörungsspanne der Oktoberrevolution, ohne irgendwelche Divergenzen mit ihren Führern zu bekunden. In der Periode der Aufbauspanne", gestand Podwojskij, "mussten sie natürlich mit unserer Theorie und unserer Praktik auseinandergehen".

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Sowohl die Bäuerinnen und Bauern, als auch die Arbeiterinnen und Arbeiter entdeckten bald einen tiefen Widerspruch zwischen ihren Bestrebungen zur Selbstverwaltung, zur Autonomie einerseits und der bolschewistischen staatlichen Zentralisierung anderseits. Die Geschichte der Großen Russischen Revolution 1917-1921 bestand nicht nur aus den Konflikten zwischen den "Roten" und "Weißen" Machthabern oder zwischen dem Zentrum und der Peripherie. Im Laufe der Revolution erfolgte ein gigantischer Aufschwung der autonomen sozialen Massenbewegungen. Die von ihnen formulierten radikalen Forderungen, in der Wirklichkeit auf eine Vertiefung des sozialemanzipatorischen Charakters der Revolution gerichtet, wurden sowohl von den "Weißen", als auch von den "Roten" oder von den nationalistischen Machthabern an der Peripherie des Russischen Reiches unterdrückt.

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Diese Entwicklung war nicht zufällig. Zwischen den Bestrebungen der arbeitenden "Massen" und der Politik der russischen Regierungen und Behörden aller politischen Richtungen existierte ein unversöhnlicher Widerspruch. Die überwältigende Mehrheit der russischen Bevölkerung lehnte instinktiv sowohl eine Rückkehr zur "alten Ordnung", als auch das bolschewistische Projekt einer forcierten industriellen Modernisierung der Gesellschaft ab. In diesem Kontext sind ein Sieg dieses Modernisierungsprojekts und eine Errichtung der Diktatur der forcierten Modernisierung (die man fälschlicherweise bisher "Sozialismus" nennt) eben eine Niederlage der SOZIALEN Revolution in Russland.

► Revolutionen in Frankreich und Russland

philippe_kellermann_anarchismus_und_russische_revolution_kritisches_netzwerk_bolschewismus_anarchismus_dimitri_rublew_vadim_damier_alexander_schubin_lutz_haefner_bolschewik.jpgEs gibt klare Parallelen zwischen der Großen Russischen und der Großen Französischen Revolution. Jede Stufe der beiden wurde durch einen erbitterten Kampf zwischen einer "Partei der Ordnung" und einer "Partei der Revolution" begleitet, wobei sich der Zusammenhang und die Bestrebungen dieser Gruppierungen bei jeder Etappe änderten. In einem gewissen Punkt, als eine "Partei der Ordnung" sich weigerte, die lebensnotwendigen Aufgaben der Gesellschaft zu lösen, wurde sie von den "Massen" gestürzt; eine vormalige "Partei der Revolution" gelang zur Macht, wurde dann zu einer neuen "Partei der Ordnung" und strebte von nun an, eine weitere Entwicklung der sozialen Revolution zu stoppen, da sie schon das bekommen hatte, was sie wollte.

Die Unterdrückten und Erniedrigten versuchten, die Revolution weiter zu treiben, und somit wandte sich die frühere "Revolutionspartei" gegen sie. So geschah es in Frankreich mit den Jakobinern. Und dasselbe geschah in Russland mit den Bolschewiki, welche 1920-1921 die Arbeiter-, Bauern-, Soldaten- und Matrosenproteste der "Dritten Revolution" unterdrückten. Dies setzte in Kronstadt, im Machno-Gebiet, in Sibirien und andernorts der Russischen Revolution ein Ende.

Vadim Damier
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Dr. hist. habil. Vadim Damier (* 1958) ist Antimilitarist, Politikwissenschaftler und aktives Mitglied der Föderation der Arbeitenden in Erziehung, Wissenschaft und Technik innerhalb der Konföderation Revolutionärer Anarchosyndikalisten (KRAS). Seit vielen Jahren schreibt er regelmäßig Artikel für die Graswurzelrevolution und ermöglicht uns so einen Blick von unten auf die Geschichte und die Sozialen Bewegungen u.a. in Russland.

Zwei lange Interviews mit ihm finden sich in den von Bernd Drücke herausgegebenen Büchern "Anarchismus Hoch 2" (Karin Kramer Verlag, Berlin 2014) und "Anarchismus Hoch 3" (unrast-Verlag, Münster 2016). Seine neueste Veröffentlichung findet sich in dem von Philippe Kellermann 2017 herausgegebenen Buch "Anarchismus und Russische Revolution" (siehe Rezension in dieser GWR/Libertäre Buchseiten).


 
Quelle: Erstveröffentlicht auf graswurzel.net im Verlag Graswurzelrevolution, >> Oktober 2017 >> GWR-Ausgabe 422 >> Artikel. Bei Interesse bitte GWR unterstützen - weiter. Alle hier gezeigten Bilder und Grafiken sind NICHT Bestandteil des Originalartikels sondern wurden durch den KN-ADMIN Helmut Schnug eingearbeitet.

graswurzelrevolution

1. Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft

2. tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschaft werden sollen.

anarchismus_schwarze_fahne_anarchy_authority_herrschaft_hierarchie_freiheit_selbstbestimmung_revolution_kritisches_netzwerk_widerstand_staatsgewalt_resistance_pluralismus_anarchie.pngWas bedeutet Graswurzelrevolution?

Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Wir kämpfen für eine Welt, in der die Menschen nicht länger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, Überzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden.

Wir streben an, daß Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine föderalistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden. Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bisher in den Bereichen Antimilitarismus und Ökologie.

Unsere Ziele sollen - soweit es geht - in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen und zur Anwendung gebracht werden. Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zurückzudrängen und zu zerstören, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. In diesem Sinne bemüht sich die anarchistische Zeitung Graswurzelrevolution seit 1972, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln.



► Bild- und Grafikquellen:

1. Demonstration in Petrograd 1917, dem heutigen Sankt Petersburg. Urheber: unknown; photo retake by George Shuklin. Quelle1: State museum of political history of Russia. Quelle2: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

2. Lenin, eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow, (geboren am 10.jul./ 22. April 1870greg. in Simbirsk; gestorben am 21. Januar 1924 in Gorki bei Moskau). Urheber: Dmitry Ilyich Leshchenko (1876–1937): Lenin. Collection Of Photographs And Stills in two volumes, vol. 1, Russian edition, Moscow, 1970: page 46. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist nach Absatz 1 Artikel 6 des Gesetzes Nr. 231-FZ der Russischen Föderation vom 18. Dezember 2006, dem Umsetzungsgesetz für das Buch IV des Zivilgesetzbuches der Russischen Föderation, in Russland gemeinfrei (in der Public Domain).  

3. Buchcover:Die unbekannte Revolution“ von Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum (Michael Volin); Verlag: Die Buchmacherei, 2013 - 680 Seiten - Preis: 23,50 €. ISBN 978-3-00-043057-2.

Als 1974 endlich eine deutsche Ausgabe von Volins Vermächtnis Die unbekannte Revolution erschien, wurde dies durch die Lautsprecher der Zeit übertönt. Für die großen politischen Strömungen des linken Antikapitalismus stand damals außer Zweifel, dass der zukünftige Sozialismus nur in der Nachfolge der Bolschewiki siegen könne. Doch spätestens mit der Implosion der Sowjetunion und der Auflösung bzw. Marginalisierung der an diesem Modell orientierten Parteien sind diese Gewissheiten erschüttert. Um die Ursachen des letztlich gescheiterten bolschewistischen Revolutionskonzepts zu begreifen, ist Volins Zeitzeugnis immer noch eine unverzichtbare Quelle.

Der russische Revolutionär und Anarchist analysiert hier die Vorgeschichte und den Ablauf der Oktoberrevolution, zerpflückt mit Hilfe von Dokumenten verbreitete Lügen über den Aufstand von Kronstadt und eröffnet den Blick für die kaum bekannten Bauernkämpfe in der Ukraine. Seine Analyse eröffnet einen Zugang zur sozialen Revolution aus dem „Gedächtnis der Besiegten“ und macht begreifbar, warum der Bolschewismus selbst, und nicht erst seine stalinistischen Exzesse, zum Problem der sozialen Emanzipationsbewegungen Russlands und der Ukraine wurde.

Buchbesprechung zu „Die unbekannte Revolution“ von Volin erschien von Augustin Souchy 1950 in „Die freie Gesellschaft“. >> weiter.

Buchbesprechung zu Volins „Die unbekannte Revolution", Anarchistische Geschichtsschreibung der russischen Revolutionen >> GWR # 387, März 2014.

4. Russische Revolution 1917: Arrest and escorting plainclothes policemen. Petrograd. 1917. Urheber: Yakov Vladimirovich Steinberg (1880–1942). Quelle: Wikimedia Commons. This work is in the public domain in Russia according to article 1281 of Book IV of the Civil Code of the Russian Federation No. 230-FZ of December 18, 2006 and article 6 of Law No. 231-FZ of the Russian Federation of December 18, 2006 (the Implementation Act for Book IV of the Civil Code of the Russian Federation).

5. Petrograd: Die extremste Form des gesellschaftlich innerstaatlichen Dualismus ist die Revolution, hier die Phase vor der Russischen Oktoberrevolution. Die Szene zeigt eine Straßendemonstration auf dem Nevsky Prospekt in Petrograd (dem heutigen Sankt Petersburg) am 4. Juli 1917, gerade nachdem die Truppen des Provinzgouverneurs mit MGs das Feuer auf die Demonstranten eröffnet hatten. - Street demonstration on Nevsky Prospekt just after troops of the Provisional Government have opened fire with machine guns. Urheber: Wiktor Karlowitisch Bulla / Viktor Bulla  (1883–1938). Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist in Russland nach § 1256 des Zivilgesetzbuches der Russischen Föderation gemeinfrei. Diese Mediendatei ist nach deutschem Recht gemeinfrei, da der Urheber dieses Werkes seit mindestens 70 Jahren tot ist. 

6. Buchcover "Anarchismus und Russische Revolution", Philippe Kellermann (Hrsg.), Karl Dietz Verlag, Berlin GmbH 2017, 416 Seiten, 29,90 Euro, ISBN-13: 978-3-320-02328-7.

Anarchismus und Marxismus standen sich innerhalb der Linken seit der Herausbildung als eigenständige Strömungen misstrauisch und feindselig gegenüber. Dabei spielte der immer offenkundiger werdende reformistische Zug der internationalen Sozialdemokratie keine geringe Rolle – bis zum Ersten Weltkrieg war es der Anarchismus, der die Verkörperung des revolutionären Flügels der sozialistischen Bewegung darstellte. Mit den Ereignissen in Russland 1917 und der Rolle der Bolschewiki im revolutionären Prozess änderte sich dies grundlegend. Nun war es nicht nur in einem Land gelungen, die durch den Weltkrieg allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit aufzubrechen; es war darüber hinaus eine sich marxistisch verstehende Partei, die aus einem von ihr selbst offensiv vorangetriebenen revolutionären Prozess als Sieger hervorging. Für den Anarchismus bildete diese Entwicklung eine in vielerlei Hinsicht komplexe Herausforderung.

Der vorliegende Band beschreibt und analysiert zum einen die Rolle, die die anarchistische Bewegung in Russland im Kontext der Russischen Revolution spielte; zum anderen, in welcher Weise anarchistische Bewegungen in den verschiedensten Ländern (u. a. in Italien, der Schweiz, in Frankreich und Deutschland) auf die Russische Revolution reagierten und welche Diskussionen und Auseinandersetzungen sich in den unmittelbaren Folgejahren ergaben. Damit eröffnet der Band nicht nur einen neuen Blick auf die Russische Revolution, sondern auch auf den historischen Kontext ihrer Rezeption außerhalb Russlands wie auf die internationale anarchistische Bewegung jener Zeit.

Der Sammelband beinhaltet 13 Texte, von denen mehrere für das Buch eigens ins Deutsche übersetzt wurden. Ausführliche Buchbesprechung in GWR # 422, Oktober 2017 >> weiter.

7. Die schwarze Fahne ist ein traditionelles anarchistisches Symbol. Urheber: Jonathan Spangler. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert.